Martin Meier Kalligrafie

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32 GALERIE GALERIE 33

Transkript:

Martin Meier Kalligrafie 010-01

I Inhaltsverzeichnis 1 Schriftentwicklung i Zusammenfassung anhand des Lautzeichens A einführender Teil die Schriftentwicklung Zusammenfassung anhand des Lautzeichens A der Schriftverlauf Schriftfamilien von der Majuskel zur Minuskel die Hierarchisierung der Schriftarten o1 0 0 Schriftästhetik der Beginn des Schreibens Federstellungen Zwischenräume 0 05 Gestaltgesetze Proportionen & Kongruenz 06 II praktischer Teil historische Schriften Unziale Kapitalis Rustica Karolingische Minuskel Textura Bastarda Humanistische Kursive III der Schriftverlauf vertiefender Teil der Weg zum gelungenen Schriftbild Ausrichtungen Vorbild Trajansäule das Schriftbild die Flächenaufteilung IV 07 08 09 10 11 1 1 15 16 18 Anhang zu den historischen Schriftten rekonstruierte Zahlen Schriftraster Unziale Kapitalis Rustica Karolingische Minuskel Gotische Textura mm Gotische Textura mm Bastarda Humanistische Kursive mm Humanistische Kursive mm 19 0 1 5 6 7 Repetition Selbsttest Lösungen 8 9 aus dem Buch Der Mensch und seine Zeichen von Adrian Frutiger, einem Schweizer Typografen. Das Buch erschien im Jahr 000 in der siebten Auflage im fourier Verlag.

Schriftfamilien Anfänge der Schrift aus dem wunderschönen Buch «Fixierte Gedanken» von Veruschka Götz, erschienen im Vorwerk 8 in Berlin 010 Schriftentwicklung ii von der Majuskel zur Minuskel Aus einer Gegenüberstellung von Klein- und Grossbuchstaben des abendländischen Alphabets, das heute als Grundlage der westlichen Sprachen dient, geht eindeutig hervor, dass die rein lateinischen Buchstaben vom Gross- zum Lateinisch Über- Unziale Karolingisch 500 v.u.z. gangs- 00 900 Kleinbuchstaben formal eine starke Wandlung durchmachten (von A zu a, von B zu b, von D zu d, von E zu e usw.). In anderen, späteren Sprachfixierungen (Germanisch, Englisch) wurden neue Zeichen in ihrer monumentalen Form aus griechischen und römischen Alphabeten direkt übernommen und haben den jahrhundertlangen Abschliff zur Minuskel nicht durchgemacht (k sieht aus wie K, w wie W usw.). die Hierarchisierung der Schriftarten formen Bis ins 1. Jh. hinein wurde die Capitalis Rustica (siehe Seite 8) für Überschriften verwendet sie eröffnete ein Kapitel. Das S der Capitalis Monumentalis (Seiten 1 und 15) dient oben als Initiale (grosser Eröffnungsbuchstabe). Die Unziale (Seite 7) stand am Beginn des Textes in der ersten Zeile. Bei diesem Manuskript folgt darauf die Karolingische Minuskel (Seite 9) als Laufschrift. Ihren Höhepunkt erreichte die Initiale in den Cadels (frz. cadeau = Geschenk) im frühen 15. Jahrhundert. Jean Flamel war Bibliothekar des Herzogs de Berry, dessen Initialen er vor jedes Manuskript setzte. Während des 16. Jahrhunderts erschienen die Cadels bei Kursivschriften der Renaissance in immer komplizierteren Formen. Heute findet Schrifthierarchie sehr reduziert in Zeitungen statt (rechts: NZZ am Sonntag), wobei meistens ein Schrifttyp in verschiedenen Grössen für Titel, Lead, Initiale und Lauftext benutzt wird. Darunter ein Beispiel für Majuskeln: Der erste Absatz aus Der Fliegenpalast von Walter Kappacher (009). nicht alle Majuskeln sind zu Minuskeln geworden

die Ästhetik des Buchstabens der Beginn des Schreibens Inzwischen sind allerlei Federarten auf dem Markt. Wir konzentrieren uns auf die wichtigsten drei: Die Bandzug-Feder hat oben ein Aufsatz, der als Reservoir dient. Wir arbeiten bei fast allen Schriften mit der Bandzugfeder. Die Plakatfeder gibt es ab Grösse (mm). Wir arbeiten damit an der Unziale (Seite 7). Der Strich der Spitzfeder variiert je nach Art beträchtlich. Diese Feder wird für Kurrent- d.h. für Schreibschriften (Copperplate, bzw. Anglaise) eingesetzt. Federstellungen in europäischen Schriften 0 0 60 Römische Kapitalschriften Quadrata 100 Kurrente Kapitalschrift 00 Rustica 00 Unziale 00 Karolingische Minuskel 900 Frühgotik 100 von der Majuskel zur Minuskel Federstellungen in verschiedenen Kulturen 0 15 Lateinisch Schrift und Architektur vergleichende Zwischenräume Eines der beliebtesten Schreibinstrumente war die Rohrfeder. Ihr 000-jähriger Gebrauch bestimmte die Formentwicklung des Buchstabens wesentlich. Die Rohrfeder wurde aus Schilfrohren oder aus Geflügel-Federn zurechtgeschnitten: Das Rohr wurde schräg durchschnitten, die Spitze in der Länge gespalten und der äusserste Teil der Spitze aus Gründen der Stabilität quer abgetrennt. So entstand ein Schreibgerät mit Flüssigkeitsreservoir, das dem Schreiber ein schnelleres Vorwärtskommen erlaubte. Auch entstand der Reiz, durch stärkeres oder schwächeres Aufdrücken mehr oder weniger Flüssigkeit auf das Trägermedium fliessen zu lassen, was sich wiederum an der Erscheinungsform des Geschriebenen zeigte. Eine wichtige Art der Strichenden-Formung wirkt sich durch die Federstellung selbst aus. Durch das Abschneiden der Spitze erhielt die Feder die Eigenschaft, die Striche je nach Drehung in differenzierte Stärken zu bringen. Die Breitseite des Federstrichs hat durch die individuelle Handhabung in den verschiedensten Epochen für einen eigenwilligen Ausdruck gesorgt. Das bedeutet, dass jede Schrift ihren eigenen Winkel besitzt. Wird dieser eingehalten, kann auf dem Weg zu einem gelungenen Schriftbild fast nichts mehr schief gehen. 0 50 Arabisch 70 10 Hebräisch Indisch 5

Gestaltgesetze i 6 die Unziale 7 um 500 die Proportionen des Buchstabens Das Kriterium der Lesbarkeit kann mit dem Begriff Schönheit verglichen werden. Auch dort geht es wie bei den individuellen Zwischenräumen um Proportionen. Wie bei jeder historischen Schrift gibt es nicht die richtige Unziale. Das Beispiel oben zeigt eine dickere Version (die Höhe misst lediglich vier Federbreiten), das untere hingegen zeigt mit sieben Federbreiten eine sehr schlanke Version. Unterschiede bestehen auch in den Buchstabenformen, die je nach Region anders ausfallen konnten. Vorsicht ist bei den Zahlen geboten: Sie sind lediglich Rekonstruktion, ihre Form wurde den Eigenheiten der Buchstaben angepasst. die Kongruenz des Buchstabens In der untersten Zeile wurde jeweils das a, e und n folgender Schriftarten übereinander gelegt (von oben links nach unten rechts): Die Unziale ist eine aus der Kapitalis abgeleitete Schreibschrift und besteht wie diese nur aus Grossbuchstaben. Ihr runder Charakter sticht besonders ins Auge. Die Unziale wird mit einer gerade geschnittenen Feder in einem Winkel von 0 geschrieben. Ihr Name wird auf den Hl. Hieronymus zurückgeführt, der die Bibel auf Lateinisch übersetzte (Vulgata). Uncia bedeutet Zoll oder zollhoher Buchstabe. Ihr gedrungener Charakter wurde von Hieronymus sehr geschätzt, da sie auf dem wertvollen Pergament nicht viel Platz beanspruchte. die Skelettschrift 1 Garamond Baskerville Bodoni Excelsior Times Palatino Optima Helvetica / Univers Man könnte von der schwärzesten Stelle (hohe Deckungsgleichheit von einer Idealverteilung der Buchstaben sprechen. 5 6 Ober- und Unterlängen sind immer eine oder zwei Strichbreiten hoch bzw. tief. Zum kalligrafischen Schreiben kann die Unziale in sechs Gruppen eingeteilt werden: Ganz Links sind X und W anzutreffen, die es damals schlicht nicht gab sie wurden im Stil den Artverwandten angepasst (W dem M und X dem S). M ist der breiteste Buchstabe im Unzialalphabet. Er misst 1½ mal die Höhe. Alle weiteren Unterteilungen nehmen kontinuierlich um eine Federbreite ab.

die Kapitalis Rustica um 100 8 Federführung Vom ersten bis zum fünften Jahrhundert schrieb man die Kapitalis Rustica in repräsentativen Manuskripten, darunter in Werken Vergils. Nach dem fünften Jahrhundert wurde sie immer seltener als Buchschrift verwendet, lediglich als Text-Überschriften und auf weniger bedeutenden Monumenten traf man sie noch an. Als das Christentum ab 1 Staatsreligion wurde, löste die Unziale die Rustica ab. Die Höhe der Rustica misst sieben mal die Federbreite. Die Kalligrafie beginnt beim Stamm des Buchstabens (Abstrich): Rechtshänder beginnen mit einer Drehung am oberen Ende. Wird die Feder zu Beginn mit 80 Neigung angesetzt, endet man unten mit 0 (die auch für An- und Haarstriche verbindlich sind). Linkshänder gehen in entgegengesetzter Weise vor. die Karolingische Minuskel um 800 fs / langes s 10 Neigung Gegen Ende des. Jahrhunderts kam in Europa die Halbunziale (auch Semiunziale) auf, die bereits ausgeprägte Ober- und Unterlängen besitzt. Sie gilt als erste kalligrafische Minuskelschrift. Obwohl sie weniger als die Unziale gebraucht wurde, war sie die wichtigste Schrift der christlichen Literatur und wurde hierbei von der Karolingischen Minuskel mit den überwiegend heute noch gültigen Kleinbuchstaben abgelöst. Ende des 8. Jahrhunderts hatte Karl der Grosse sein Fränkisches Reich geschaffen, das sich vom Baltikum bis nach Norditalien erstreckte. Der Glanz der Antike inspirierte ihn und er liess unter der Leitung des Gelehrten Alkuin von York in Tours ein Skriptorium sowie eine Hofschule einrichten dort wurde die Halbunziale zur Karolingischen Minuskel umgestaltet. Sie wurde zur dominierenden Schrift Europas. Rechtshänder Linkshänder rechts: Folio 1v des Vergilius Vaticanus: Aeneas umsegelte Sizilien und landet in Drepanum (Aeneas.69-708). Der Vergilius Vaticanus ist ein illustrierter antiker Codex mit Vergils Gesamtwerk. Er befindet sich heute im Vatikan. Die Datierungen schwanken von 0 bis 0. Somit ist dieser Codex einer der 10 ältesten überlieferten Codices. 9 links: die Ober- und Unterlängen der Karolingischen Minuskel sind genau so hoch wie die Mittellänge. Beachtenswert sind auch die massiven Serifen sie entstehen, wenn man die Feder von oben links in die Mitte des Abstriches führt. Linkshänder gehen von der Mitte des Stammes aus nach oben links (es entstehen Überschneidungen). ganz links: Der Vaticanus Basilianus ist in einer Übergangsschrift geschrieben. Dieses frühe Beispiel aus dem 5. Jahrhundert ist schlicht, zeigt aber klare und eindeutige Buchstabenformen. So ist das n klar an der Halbunziale orientiert, die gesamte Schrift steht beinahe senkrecht; e und r weisen bereits auf die Karolingische Minuskel hin.

die Textura 10 ab 150 Systematik der Abstriche von Textur-Minuskeln Geschrieben wird mit einer 0 Neigung. Die Buchstabenhöhe misst fünf Mal die Strichbreite. Überlängen brauchen zwei Strichbreiten. Überlängen beschränken sich auf die Buchstaben b, d, f, h, k, l und t (sowie Alt-s & sz). rechts: Das Gebetbuch Kaiser Maximilians (151), der Bücher sammelte, sich für Schriftkunst interessierte und selbst Schriftentwürfe zeichnete. Die Randzeichnungen stammen von Albrecht Dürer und Lucas Cranach dem Älteren. die Bastarda um 190 11 Die Textur gilt als höchstentwickelte kalligrafische Buchschrift der Gotik und gehört gemäss der typographischen Schriftklassifikation zur Schriftgattung Gebrochene Schriften (gerade Striche, die scharfe Ecken und spitze Winkel bilden, sowie gebrochene Rundungen). Der Terminus Textura geht auf das 1. Jahrhundert zurück und soll das dicht geschlossene, texturartig verwobene Schriftbild einer handgeschriebenen gotischen Buchseite veranschaulichen. Augenfällige Merkmale der Textura sind die gebrochenen Rundungen, die an Spitzbögen der gotischen Kathedralarchitektur erinnern, sowie das filigrane Wechselspiel von Haar- und Schattenstrichen, beide bedingt durch die Verwendung eines Federkiels anstelle des pflanzlichen Schreibrohres. Charakteristisch ist auch die Betonung der Vertikale durch die Streckung der Buchstabenschäfte und die sich immer deutlicher ausprägende Tendenz, die Gabelungen am Ansatz zu einer kantigen Verstärkung umzuformen, deren Resultat schließlich auf die Spitze gestellte Quadrate oder Rechtecke sind. Beginnend mit Johannes Gutenberg (um 100 168) wird die Textura buchstäblich zur Prototype der deutschen Druckschriften. Vorbildwirkung haben neben den spätgotischen Manuskripten auch die sogenannten Blockbücher oder xylographischen Kodizes, die im Holzschnittverfahren hergestellt wurden. Innerhalb weniger Jahre perfektioniert Gutenberg die Urtype der Ablassbriefe und die Donat-Kalender-Type zur Quadrattextur, mit der 15 die zeilige Bibel traditionsgemäss im für liturgische Werke üblichen zweispaltigen Satz gedruckt wird. Quelle: www.typolexikon.de/t/textura.html Bastarda-Schriften sind Hand-, Druck- und Screenschriften, die nicht eindeutig klassifizierbar sind. Sie weisen hybride Stilmerkmale im Sinne einer philologischen oder typografischen Schriftklassifikation auf.

die Bastarda 1 um 190 die Humanistische Kursive 10 1 10 15 Aus den repräsentativen Texturschriften des 1. Jahrhunderts entstand Für die frühen deutschen Kursivschriften sind kräftige, weite x-höhen die Bastarda für die weniger anspruchsvollen Alltagsgeschäfte. Es gibt und hohe Ober- und Unterlängen typisch. Als in diese Schriften im bestimmte Kennzeichen, aufgrund derer man die Bastarda-Schriften ausgehenden 15. Jh. Züge der Textura integriert wurden, gingen daraus im Hinblick auf ihre Nationalität identifizieren kann: Bei der franzö- die Fraktur und die Schwabacher mit ihren gebrochenen Buchsta- sischen Variante fallen besonders das f und das lange s auf sozusagen benformen hervor. als kalligrafische Leckerbissen. b, d, e, f, h und l enden oben rechts; k, s und x oben und unten; y und z nur unten mit einer keulenförmigen Serife, die als Schlaufe geschrieben wird. diese geschwungene Form ist für die Ver-salie der Bastarda charakteristisch Die Fotografie links zeigt die Geschichte von Adam und Eva. Sie wurde 115 in der englischen Sprache geschrieben. Die feinen senkrechten Buchstaben lassen vermuten, dass sie mit einer schräg angeschnittenen Feder geschrieben wurden. Das hervorgehobene w und die Elefantenrüssel sind typisch englisch. Die x- Höhe der Majuskeln darf wie die der Minuskeln ausfallen; der kleine Unterschied lässt die Kursive elegant erscheinen. Ausnahmen in der Kalligrafie gibt es bei den Majuskeln keine sie können mit der gewohnten Neigung von 0 geschrieben werden. eine individuelle Note hinzufügen Die Überlängen (z.b. beim N) können natürlich denen der Minuskeln angepasst werden, wenn man einen dekorativen Effekt wünscht. Die ausladende Waagrechte bei U, V, W kann je nach Schriftbild noch extremer ausfallen. X, Y und Z bieten sich für Schlaufen besonders an. Diese Vorlagen gehören der Gruppe Corsiva an im Unterschied zur Formata mit keilförmigen Serifen (siehe unten). In ihrer ursprünglichen Form ist die Humanistische Kursive ein Abkömmling der Humanistischen Minuskel. Im Lauf der Zeit entwickelte sie sich zu einer eigenständigen Schrift, die ihrerseits die Englische Schreibschrift (Copperplate) hervorbrachte. Die Kursive wurde im Jahr 10 von Niccolo Niccoli erfunden, einem italienischen Gelehrten, dem ihr Vorgänger und deren Schreibgeschwindigkeit als zu langsam erschien. Bis 10 war seine neue, weniger arbeitsintensive Kursive als Schreibschrift der päpstlichen Kanzlei übernommen worden. Der venezianische Typograf Nicholas Jenson nahm deren Vorläufer, die Humanistische Minuskel als Vorbild für seine Drucktype. Sie ist noch heute, als elektronischer Font Jenson zu haben. Bild links: Traktat über die Falknerei (1560 1570)

aa 1 Ausrichtungen Bezeichnungen der Bestandteile 1 Schrift: Times New Roman 1 5 5 6 Rechtshänder Tropfen Punzen (geschlossen/offen) Anstrich Abstrich Haarstrich Serife Linkshänder Reihenfolge der Kalligrafie 6 6 5 wichtig: ziehen, nicht stossen 6 Korrekturen für ein gelungenes Schriftbild Die antike Inschrift zur Trajanssäule in Rom ist aus den Grundformen Quadrat, Kreis und Dreieck aufgebaut. Obwohl deren Raster sehr einfach gehalten ist (O & A = Quadrate, S & E = Quadrate), müssen dennoch Anpassungen vorgenommen werden schliesslich sollen die Buchstaben harmonisch zusammen wirken. OASE 1 Klaus Bartels Wörterbericht, NZZ 009 die Trajan 15 um 100 ABCDEFGHJ IK LMNQPR STU VW X YZ Die Inschrift lautet: 1 SENATVS.POPVLVSQVE.ROMANVS mathematische + optische Mitte IMP.CAESARI.DIVINERVAE.F.NERVAE TRAIANO.AUG.GERM.DACICO. PONTIF / MAXIMO.TRIB.POT.XVII. IMP.VI.COS.VI.P.P optischer Ausgleich (nur Rundungen) ADDECLARANDVM.QVANTAE. ALTITVDINIS / MONSET.LOCUS. TANTIS.RVDERIBUS.SIT.EGESTVS Zurichtung/Spationierung Stabilität schematische Darstellung Das Trajanische Alphabet gilt als das schönste Beispiel römischer Schriftkunst, die sich auf dem würfelförmigen Sockel der Trajanssäule befindet. Diese wurde von Apollodoros aus Damaskus nach den Anweisungen des römischen Kaisers Marcus Ulpius Traianus (5 117) in Rom errichtet und am 18. Mai 11 eingeweiht. Die Trajansäule erinnert u.a. an die Entstehungsgeschichte der Trajansmärkte, an deren Stelle extra ein Berg abgetragen werden musste. Die Stele selbst schmückt eine spiralförmige Reliefdarstellung mit einer Länge von rund 00 Metern, welche zwei Feldzüge (Völkermorde) Trajans gegen die Daker darstellt. Seit 1588 krönt die Säule anstatt der Kaiserstatue eine Petrusstatue. Quelle: www.typolexikon.de/t/trajanisches-alphabet.html Der Senat und das Volk von Rom / dem Gebieter, Kaiser, des göttlichen Nerva Sohn Nerva Trajanus Augustus, Germanicus, Dacier, / oberster römischer Priester, 17 Mal Tribun, / 6 Mal Feldherr, 6 Mal Konsul, Vertreter des Vaterlandes, / um zu zeigen, von welcher Höhe der Berg und die Steine waren, die für derartig Werke / genommen wurden.

16 das Schriftbild mögliche Überlegungen Bestimmte Worte hervorheben? Wahl der Werkzeuge. D1 In welchem Verhältnis steht die Schriftwahl zur Aussage des Textes (Atmosphäre der Kalligrafie)? Leerräume werden bei der Gestaltung oft vergessen, sind aber wichtig D ii a) für den Durchschuss siehe D I und D II rechts b) bei den Negativräumen; hier wird der Raum bei Lassen sich Buchstaben zur «Ligatur» verbinden oder als Symbole gestalten? D I entspricht der x-höhe, während D II bei grösseren Buchstaben kleiner ausfallen darf. Der Vergrösserungsfaktor ist hier Drei, muss aber mindestens Zwei betragen. Sind diese Punkte geklärt, beginnt man mit Bleistift beim Skelett. Allgemein kann man unterstützende Hilfslinien einzeichnen. Sie schaffen Klärung bezüglich Lesefreundlichkeit: Wo beginnen / enden Vertikale auf? auf welche Höhe setze ich die kleine Schrift, wenn eine grosse dazwischen liegt? Schritt für Schritt 1 x-höhe und Ober-, bzw. Unterlängen z addieren, ergibt eine Zeilenhöhe Brauche ich Durchschuss? Bei der Humanistischen Kursive brauche ich wegen der ausladenden Ober- und z Unterlängen keinen Durchschuss, sondern schliesse nahtlos an (könnte zum s Konflikt werden: rote Schraffur) b Anzahl Zeilen z des Textes zählen, ergibt die Gesamthöhe, den Satzspiegel s 17 das Schriftbild Beispiele aus dem Unterricht Hoch- oder Querformat? z und e zur Flamme. c Abstand zum Blattrand einteilen: a ergibt sich aus Satzspiegel minus d Seitenlänge. Diese geteilt durch a Bundsteg b Kopfsteg zwei ergibt den Abstand zum Steg. c Aussensteg d Fußsteg eine Seite aus C. G. Jungs «Liber Novum» Für die Ermittlung der idealen Platzierung eines Zitats, eines Sinnspruchs etc. auf dem Papier kann es helfen, sich an bereits Vorhandenem zu orientieren. Erste Fragen können so meistens beantwortet werden: Welche Worte kommen auf die erste Zeile, welche auf die zweite; wie gross ist mein Durchschuss; welche Buchstaben lassen sich wie verzieren oder mit anderen verbinden

18 Flächeneinteilung 19 rekonstruierte Zahlen die schmalen Spalten strecken das Format Klassische Randverhältnisse sind 6 Diagonal-Konstruktion mit frei der Kanon spätmittelalterlicher Hand- 5 bestimmbarem Satzspiegel schriften wurde von Gutenberg übernommen. Blattproportion :, Raster neungeteilt Humanistische Kursive 10-15 Neigung A-Format Karolingische Minuskel 10 Neigung : bei Gutenberg Bastarda Bund Kopf Aussen Fuss Capitalis Rustica Blattproportion

Unziale 8 mm 0 Kapitalis Rustica mm 1

Karolingische Minuskel mm Textura mm

Textura mm Bastarda mm 5

Humanistische Kursive mm 6 Humanistische Kursive 1 mm 7

Selbsttest 8 Lösungsblatt 9 Schrifthierarchie Bezeichne der Reihe nach alle vier Schrifttypen Schrifthierarchie Bezeichne der Reihe nach alle vier Schrifttypen 1. Kapitalis Rustika. Kapitalis Monumentalis. Unziale. Karolingische Minuskel Kapitalis Rustika Kapitalis Rustika Was ist kalligrafisch das Besondere an der Rustika? Zeichne ein S (Federbreite für folgende Aufgaben: mm) Was ist kalligrafisch das Besondere an der Rustika? Zeichne ein S (Federbreite für folgende Aufgaben: mm) sich nach unten verdickender Abstrich Wie wurde die Rustika geschrieben? Wie wurde die Rustika geschrieben? mit einem Griffel auf eine Wachstafel die Unziale die Karolingische Minuskel die Unziale die Karolingische Minuskel Die Höhe der Unziale (sowie der Textura und der Rustika) misst Federbreiten. Die Ober- und Unterlängen der Karolingischen Minuskel sind im Verhältnis zur x-höhe Zeichne ein s Die Höhe der Unziale (sowie der Textura und der Rustika) misst 7 Federbreiten. Die Ober- und Unterlängen der Karolingischen Minuskel sind im Verhältnis zur x-höhe Zeichne ein s Die Unziale geht auf die Grundform zurück. gleich länger kürzer Die Unziale geht auf die Grundform Kreis zurück. gleich länger kürzer nämlich Federbreiten die Textura die Bastarda die Textura die Bastarda Der Zwischenraum des Buchstabens o beträgt weniger als eine Federbreite genau eine Federbreite mehr als eine Federbreite Zeichne ein s Die x-höhe der Bastarda misst Federbreiten, die hp-höhe der Bastarda misst Federbreiten. Zeichne ein s Der Zwischenraum des Buchstabens o beträgt weniger als eine Federbreite genau eine Federbreite mehr als eine Federbreite Zeichne ein s Die x-höhe der Bastarda misst Federbreiten, die hp-höhe der Bastarda misst 8 Federbreiten. Zeichne ein s die Humanistische Kursive die Copperplate die Kapitalis Monumentalis die Humanistische Kursive die Copperplate die Kapitalis Monumentalis Die hp-höhe der Humanistischen Kursive beträgt Die Copperplate wird mit einer Die Kapitalis Monumentalis wurde nur für Die hp-höhe der Humanistischen Kursive beträgt Die Copperplate wird mit einer Die Kapitalis Monumentalis wurde nur für 8 Federbreiten 1 Federbreiten 16 Federbreiten und wird mit einer Neigung von geschrieben. und mit einer Neigung von bis zu geschrieben. Konstruiere das S der Kapitalis verwendet. 8 Federbreiten 1 Federbreiten 16 Federbreiten und wird mit einer Neigung von 10-15 geschrieben. Spitzfeder und mit einer Neigung von bis zu 0 geschrieben. Inschriften in Stein Konstruiere das S der Kapitalis verwendet. Welches v ist korrekt geschrieben? Ihre dicksten Linien befinden sich Welches v ist korrekt geschrieben? Ihre dicksten Linien befinden sich parallel zur 0 -Neigung.. erreichte Punktzahl: insgesamt sind Punkte zu erzielen