Proseminar Augenbewegungen und Aufmerksamkeit Wintersemester 2005/06 Visuelle Aufmerksamkeit Dietrich Kammer/Judith Kohls Dresden, 10.01.2006
Gliederung erster Teil 1. Definition 2. Motivation 3. Metaphern Räumlich Objektbasiert Eigenschaftsbasiert 4. Kosten und Nutzen Hinweisreizparadigma Aufmerksamkeitsverlagerung 5. Frühe vs. Späte Selektion TU Dresden, 10.01.2006 Visuelle Aufmerksamkeit Folie 2 von 61
1. Definition Visuelle Aufmerksamkeit - Prozesse die dem Betrachter ermöglichen Ressourcen zum Verarbeiten ausgesuchter Bereiche des retinalen Abbildes zur Verfügung zu stellen - Offensichtliche Augenbewegungen bestimmen welche optischen Informationen zur Verfügung stehen - Verdeckte selektive Aufmerksamkeit bestimmt welche Untermenge davon verarbeitet wird keine physischen Indikatoren! TU Dresden, 10.01.2006 Visuelle Aufmerksamkeit Folie 3 von 61
1. Definition Wichtige Unterbegriffe - KAPAZITÄT beschreibt die Menge von Wahrnehmungsressourcen, die zur Verfügung stehen (abhängig von Motivation, Wachheit, Tageszeit, etc.) - SELEKTION ist die flexible Steuerung von Aufmerksamkeit auf best. Teilaspekte - Konzentration auf Selektion TU Dresden, 10.01.2006 Visuelle Aufmerksamkeit Folie 4 von 61
2. Motivation Komplexe visuelle Szenen - Beinhalten extrem viele Informationen, gleichzeitige bewusste Wahrnehmung unmöglich - Abtastung der visuellen Information durch distinkte Wahrnehmungsakte erforderlich, diese sind natürlicherweise selektiv - Aufmerksamkeit selektiv auf best. Aspekte der Szene: - Globale Szene - Best. Objekte - Menge von Objekten - Best. Eigenschaften eines Objektes/Objektteile TU Dresden, 10.01.2006 Visuelle Aufmerksamkeit Folie 5 von 61
2. Motivation Fähigkeit zur Selektion - Schützt visuelles System vor Überflutung durch unfassbare Menge von Informationen - Konzentration auf die wichtigsten Teile der Szene (abhängig von Zielen, Wünschen und Nöten) - Evolutionär sind z.b. bewegende Objekte wichtiger für Überleben, der eigene Name in Texten springt heraus TU Dresden, 10.01.2006 Visuelle Aufmerksamkeit Folie 6 von 61
3. Metaphern Räumliche Aufmerksamkeit a) Inneres Auge - Bewegung von Objekt zu Objekt - Foveaartiges Zentrum, in dem Verarbeitung konzentriert ist - Metapher ist beschränkt einsetzbar, da Regression durch die Beschreibung des Auges durch Auge TU Dresden, 10.01.2006 Visuelle Aufmerksamkeit Folie 7 von 61
3. Metaphern Räumliche Aufmerksamkeit b) Scheinwerfer - Scheinwerferlicht beleuchtet Objekt, wird hervorgehoben zur besseren Verarbeitung, danach Verlagerung auf neues Objekt - Populärer und produktiver Ansatz TU Dresden, 10.01.2006 Visuelle Aufmerksamkeit Folie 8 von 61
3. Metaphern Räumliche Aufmerksamkeit b) Scheinwerfer 1. Bewegungsrate: Zeit um neues Objekt anzusteuern abhängig von Entfernung 2. Bewegungskurve: Bei Bewegung zu neuem Objekt werden Objekte dazwischen kurz beleuchtet 3. Größe: Ist fest, 1 Grad des Blickwinkels (auch gegenteilige Evidenz) 4. Unteilbarkeit: Scheinwerfer kann nicht geteilt werden, nur ein Ort beleuchtbar (auch gegensätzliche Beweise) - Aber Aufmerksamkeit kann auch auf größere Flächen konzentriert werden! TU Dresden, 10.01.2006 Visuelle Aufmerksamkeit Folie 9 von 61
3. Metaphern Räumliche Aufmerksamkeit c) Fokussierlinse - Vergleich mit Zoomobjektiv einer Kamera - Aufmerksamkeit kann variable Flächen abdecken - Mit größerer Fläche sinkt Detailgrad der Szene - In Kombination mit Scheinwerfer (Leuchtstärke ist konstant) => breiter Lichtstrahl erhellt Gebiet schwächer als engerer, der intensiver ist. TU Dresden, 10.01.2006 Visuelle Aufmerksamkeit Folie 10 von 61
3. Metaphern Objektbasierter Ansatz - Bisherige Ansätze gehen von Region der Aufmerksamkeit aus - Dagegen stellen sich Ansätze, die Objekte, Objektteile und zusammengesetzte Objekte als Basis annehmen - Evidenzen: - Balint-Syndrom (Unfähigkeit best. Objekte wahrzunehmen) - Schwierigkeit unterschiedliche nahe Objekte gleichzeitig aufmerksam zu betrachten, als ähnliche Objekte an unterschiedlichen Stellen - DUNCAN (1984): Alle Attribute eines Objektes leichter zu benennen, als eins von unterschiedlichen TU Dresden, 10.01.2006 Visuelle Aufmerksamkeit Folie 11 von 61
3. Metaphern Objektbasierter Ansatz TU Dresden, 10.01.2006 Visuelle Aufmerksamkeit Folie 12 von 61
3. Metaphern Eigenschaftsbasierter Ansatz - Konzentration der Aufmerksamkeit nicht nur räumlich verteilt, sondern auch auf einzelne Eigenschaften (Form, Farbe, Textur, Größe) - Bei aufmerksamer Wahrnehmung eines Objektes werden best. Eigenschaften automatisch verarbeitet TU Dresden, 10.01.2006 Visuelle Aufmerksamkeit Folie 13 von 61
3. Metaphern Eigenschaftsbasierter Ansatz - Scheinbar gegensätzliches Experiment - STROOP EFFECT (1935) Selektion von Eigenschaften nicht komplett oder nicht einmal existent - Farbige Farbwörter; Farberkennung inkongruenter Einfärbung sehr schwer - D.h. Erkennen von Farbe unabhg. von Form könnte unmöglich sein - Vorlesen funktioniert immer (große Übung beim Lesen, Buchstabe ist nah zu Klang, Farbe zu Klang sehr weit, Reduzierung des Effekts wenn Knöpfe genutzt werden) TU Dresden, 10.01.2006 Visuelle Aufmerksamkeit Folie 14 von 61
Control Conflicting Compatible XXXXXXX BLAU GELB XXXXXXX GRÜN BLAU XXXXXXX ROT GRÜN XXXXXXX GELB ROT XXXXXXX BLUE GELB XXXXXXX ROT GRÜN XXXXXXX GRÜN BLAU XXXXXXX BLUE GELB XXXXXXX GELB ROT XXXXXXX ROT GRÜN TU Dresden, 10.01.2006 Visuelle Aufmerksamkeit Folie 15 von 61
3. Metaphern Eigenschaftsbasierter Ansatz - GARNER (1974) 1. Trennbare Dimensionen: Es gibt Eigenschaften, die getrennt voneinander wahrnehmbar sind (Farbe+Form) 2. Integrale Dimensionen: Eigenschaften können nicht getrennt voneinander wahrgenommen werden (Helligkeit+Sättigung einer Farbe) - Bei 2. Kommt es zu Redundanzgewinnen bei kongruenten Eigenschaften, sonst Störverluste bei Antwortzeiten - Nicht nur räumliche, sondern auch Eigenschaftsselektion TU Dresden, 10.01.2006 Visuelle Aufmerksamkeit Folie 16 von 61
3. Metaphern Eigenschaftsbasierter Ansatz - GARNER (1974) TU Dresden, 10.01.2006 Visuelle Aufmerksamkeit Folie 17 von 61
4. Kosten und Nutzen von Aufmerksamkeit Hinweisreizparadigma - POSNER et al. (1978) - Bedeutungsvoller Nutzen von richtigen Hinweisen, bedeutungsvolle Kosten bei falschen Hinweisen Evolutionärer Sinn wenn Übergewicht auf Nutzenseite - Gewisse Zeit nötig um Aufmerksamkeit auszurichten nach Hinweis (400ms) - Wenn mehr richtige als falsche Hinweise Gewinn TU Dresden, 10.01.2006 Visuelle Aufmerksamkeit Folie 18 von 61
4. Kosten und Nutzen von Aufmerksamkeit Hinweisreizparadigma - Erweiterung durch JONIDES (1981) - Push Cues: zentral, lenken Aufmerksamkeit von sich aus weiter (ignorierbar) - Pull Cues: peripher nahe der Hinweisregion (schneller als Push, nicht ignorierbar) Produzieren Nutzen ohne Kosten! TU Dresden, 10.01.2006 Visuelle Aufmerksamkeit Folie 19 von 61
4. Kosten und Nutzen von Aufmerksamkeit Aufmerksamkeitsverlagerung - Drei Komponenten der Aufmerksamkeitsverlagerung nach POSNER (1990) 1. Loslösen von aktuellem Objekt 2. Bewegung zur Neuausrichtung 3. Einstellung auf neues Objekt - Neuropsychologische Evidenz: getrennte Aktionen in getrennten Hirnzentren lokalisiert, bei Krankheiten Ausfall von einzelnen möglich TU Dresden, 10.01.2006 Visuelle Aufmerksamkeit Folie 20 von 61
4. Kosten und Nutzen von Aufmerksamkeit Aufmerksamkeit - Arbeitet mit Erleichterung beachtete Objekte zu Erkennen und mit Hemmung der Verarbeitung von ignorierten TU Dresden, 10.01.2006 Visuelle Aufmerksamkeit Folie 21 von 61
5. Frühe vs. späte Selektion Paradox of intelligent selection - Für eine Auswahl muss zuerst alles verarbeitet werden! - Bei früher Selektion ist unklar, was ausgewählt wird - Bei später Selektion geht Vorteil verloren, da schon viel an Verarbeitung geleistet wird - Selektive Aufmerksamkeit durch Heuristiken basierend auf angeborenen oder erlernten Prinzipien (Bewegende Objekte => frühe Selektion Eigener Name im Text => späte Selektion) TU Dresden, 10.01.2006 Visuelle Aufmerksamkeit Folie 22 von 61
5. Frühe vs. späte Selektion Dämpfungstheorie - Nach BROADBENT (1958) und TREISMANN (1960) im Bereich des Hörens - Initiale Selektion dämpft Kanal, wahrgenommene Informationen aktiviert in untersch. Intensität sogenannte Wörterbuch-Einheiten - Unterschiedliche, dynamische Hemmschwellen müssen überschritten werden - Sehr wichtige Dinge (eigener Name) haben niedrige Hemmschwelle TU Dresden, 10.01.2006 Visuelle Aufmerksamkeit Folie 23 von 61
5. Frühe vs. späte Selektion Unaufmerksamkeitsparadigma - MACK&ROCK (1998) Welche visuellen Merkmale können ohne Aufmerksamkeit wahrgenommen werden? - Das zu untersuchende Objekt taucht deutlich auf, aber wird nicht aufmerksam betrachtet - Ein Kreuz wird dargestellt, Frage welcher Strich länger ist, zusätzliches Objekt taucht auf und verschwindet schnell - Sehr gute Wahrnehmung von Ort, Farbe und Anzahl, aber Form schlecht => frühe S. - Inattentional blindness: Wahrnehmung des zusätzlichen Objektes abhängig von Wichtigkeit und individueller Bedeutung (eigener Name, STOP, RAPE) => späte S. TU Dresden, 10.01.2006 Visuelle Aufmerksamkeit Folie 24 von 61
5. Frühe vs. späte Selektion Unaufmerksamkeitsparadigma - LAVIE (1995): beide Systeme treten auf - Bei Aufgabe mit großem Aufwand für visuelles System Selektion früh, Blockade von zusätzlichen Stimuli - Sonst späte Selektion, auch Stimuli außerhalb verarbeitet TU Dresden, 10.01.2006 Visuelle Aufmerksamkeit Folie 25 von 61
5. Frühe vs. späte Selektion Unaufmerksamkeitsparadigma TU Dresden, 10.01.2006 Visuelle Aufmerksamkeit Folie 26 von 61
Noch einige wichtige Begriffe Attentional Blink - Wahrnehmung eines zweiten Objekts deutlich reduziert, wenn es innerhalb einer halben Sekunde nach dem ersten präsentiert wird - Trotzdem unbewusste Verarbeitung, Priming zum schnelleren Erkennen eines weiteren Objekts Change Blindness - Wie bekannt nehmen Menschen selbst große Veränderungen eines visuellen Stimulus nicht wahr, welche nicht im Aufmerksamkeitsfokus liegen Grand Illusion - Illussion eines reichen optischen Bildes, trotz kleinem scharfen Bereichs TU Dresden, 10.01.2006 Visuelle Aufmerksamkeit Folie 27 von 61
Gliederung zweiter Teil 1. Verteilte vs. fokussierte Aufmerksamkeit 2. Pop-out-Effekt und Such-Asymmetrie 3. Merkmalsintegrationstheorie 4. Physiologie der Aufmerksamkeit 5. Aufmerksamkeit und Augenbewegungen TU Dresden, 10.01.2006 Visuelle Aufmerksamkeit Folie 28 von 61
1. Verteilte vs. Fokussierte Aufmerksamkeit Verteilte Aufmerksamkeit: - Verarbeitungsmodus, der einsetzt, wenn Vpn darauf vorbereitet sind, dass der Zielreiz an einer beliebigen Stelle erscheint Fokussierte Aufmerksamkeit: - Verarbeitungsmodus, wenn Vp ein einzelnes Wahrnehmungsobjekt ausgewählt hat TU Dresden, 10.01.2006 Visuelle Aufmerksamkeit Folie 29 von 61
1. Verteilte vs. Fokussierte Aufmerksamkeit Hauptunterschied: verteilte Verarbeitung, die vor der fokussierten Aufmerksamkeit stattfindet, erfolgt parallel: gleichzeitig über das gesamte visuelle Feld verteilt Verarbeitung, die nach der fokussierten Aufmerksamkeit stattfindet, ist seriell: eine Reihe von aufmerksamen Fixationen, von denen jede eine begrenzte Region im Raum abdeckt - die nähere Prüfung, die man bei der fokussierten Aufmerksamkeit benötigt, erlaubt mehr detaillierte Informationen über das gewählte zu verarbeitende Objekt TU Dresden, 10.01.2006 Visuelle Aufmerksamkeit Folie 30 von 61
2. Pop-out-Effekt Welche Arten von Informationen können parallel ohne fokussierte Aufmerksamkeit verarbeitet werden? Pop-out: Betrachter schaut auf ein Feld ähnlicher Objekte (Punkte), davon scheint sich eins (Kreuz) von den anderen Objekten hervorzuheben, da es sich von diesen unterscheidet - Pop- out tritt auch auf, wenn Personen nach Zielreizen suchen sollen, die sich von den Distraktoren in Farbe, Form, Größe und anderen Merkmalen unterscheiden TU Dresden, 10.01.2006 Visuelle Aufmerksamkeit Folie 31 von 61
2. Pop-out-Effekt TU Dresden, 10.01.2006 Visuelle Aufmerksamkeit Folie 32 von 61
2. Pop-out-Effekt - Pop- out- Effekt legt nahe, dass das visuelle System diese Merkmale parallel über das gesamte visuelle Feld entdecken kann TU Dresden, 10.01.2006 Visuelle Aufmerksamkeit Folie 33 von 61
2. Experiment von Treisman u. Gelade 1980 Hypothesen: 1. Wenn ein Merkmal parallel über das gesamte visuelle Feld verarbeitet werden kann, dann sollte ein einzelner Zielreiz mit diesem Merkmal immer gleichschnell entdeckt werden, egal wie viele andere Objekte (Distraktoren) sich auf dem Bildschirm befinden. 2. Wenn der Bildschirm Schritt für Schritt nach einem Zielreiz mit diesem Merkmal abgesucht werden muss, dann sollte die Reaktionszeit linear mit der Anzahl der Distraktoren ansteigen. TU Dresden, 10.01.2006 Visuelle Aufmerksamkeit Folie 34 von 61
2. Experiment von Treisman u. Gelade 1980 TU Dresden, 10.01.2006 Visuelle Aufmerksamkeit Folie 35 von 61
2. Pop-out-Effekt - Befunde des Pop- out stehen im Einklang mit Physiologie des visuellen Systems - Unterschiedliche cortikale Regionen,die verschiedene visuelle Merkmale codieren - Es gibt Zellen, die sensitiv sind für verschiedene Ausrichtungen u. räumliche Frequenzen (im V1) - Andere kortikale Regionen kodieren Merkmale wie Farben, Bewegungen u.s.w. TU Dresden, 10.01.2006 Visuelle Aufmerksamkeit Folie 36 von 61
2. Pop-out-Effekt Die Zellen dieser kortikalen Regionen sind in retinotopen Karten angelegt: d.h.: - räumlichen Anordnungen der kortikalen Zellen korrespondieren topographisch mit den 2-dimensionalen Positionen ihrer entsprechenden Felder auf der Retina das visuelle System scheint also das Bild in separate Repräsentationen für unterschiedliche Merkmale zu zerlegen, vom dem jedes durch seine Position organisiert wird verschiedene retinotope Karten codieren verschiedene visuelle Merkmale TU Dresden, 10.01.2006 Visuelle Aufmerksamkeit Folie 37 von 61
2. Such-Asymmetrie (Treisman u. Souther) - Springt ein einzelner durchstrichener Kreis genauso schnell aus dem Hintergrund mit einfachen Kreisen heraus wie umgekehrt? - Variation: entweder hat Zielreiz das Merkmal oder die Distraktoren TU Dresden, 10.01.2006 Visuelle Aufmerksamkeit Folie 38 von 61
2. Such-Asymmetrie TU Dresden, 10.01.2006 Visuelle Aufmerksamkeit Folie 39 von 61
2. Such- Asymmetrie Ergebnisse: Asymmetrie in der Entdeckungszeit - wenn Zielreiz das Merkmal hatte, dann hat er sich hervorgehoben u. der Zielreiz wurde unabhängig von Anzahl der Distraktoren immer gleich schnell gefunden - wenn Distraktoren das Merkmal hatten, dann stieg die Reaktionszeit mit der Anzahl der Distraktoren Indikator für serielle Suche TU Dresden, 10.01.2006 Visuelle Aufmerksamkeit Folie 40 von 61
2. Such-Asymmetrie Interpretation Treisman`s: - ein Ziel, dass sich durch das Vorhandensein eines Merkmals von den Distraktoren abhebt, die dieses Merkmal nicht besitzen, kann schneller gefunden werden, als umgekehrt - Kreis mit Strich aktiviert retinotope Karte, Aktivität nur an einer Stelle, wenn Zielreiz dieser durchgestrichene Kreis ist, ansonsten überall Aktivität TU Dresden, 10.01.2006 Visuelle Aufmerksamkeit Folie 41 von 61
3. Merkmalsintegrationstheorie (A. Treisman) Annahmen: - Das eingehende Bild auf der Retina wird in seine Merkmale (Ausrichtung, Farbe, Länge...) zerlegt, welche dann von verschiedenen retinotop (die Retina abbildend) organisierten Karten codiert werden - Die einzelnen Merkmalskarten werden unabhängig voneinander gebildet TU Dresden, 10.01.2006 Visuelle Aufmerksamkeit Folie 42 von 61
3. Merkmalsintegrationstheorie (A. Treisman) Wie werden die einzelnen Merkmale wieder zu einem Wahrnehmungsobjekt zusammengefügt? wir nehmen ja keine unverbundenen Merkmale an verschiedenen Stellen im visuellen Feld wahr (die Farbe rot und die vertikale Ausrichtung getrennt), sondern ein einheitliches Wahrnehmungsobjekt (rote vertikale Linie) Bindung (binding): Prozess, der verschiedene Merkmale zu visuellen Objekten verbindet TU Dresden, 10.01.2006 Visuelle Aufmerksamkeit Folie 43 von 61
3. Merkmalsintegrationstheorie (A. Treisman) Beispiel: rote horizontale Linien an den entsprechenden Stellen in der Merkmalskarte Rot und der Merkmalskarte horizontal herrscht Aktivität aber: gleichzeitige Aktivität in beiden Karten ist nicht hinreichend dafür, dass Betrachter rote horizontale Linien wahrnimmt die beiden separaten Merkmale müssen durch additiven Prozess miteinander verbunden werden TU Dresden, 10.01.2006 Visuelle Aufmerksamkeit Folie 44 von 61
3. Merkmalsintegrationstheorie (A. Treisman) TU Dresden, 10.01.2006 Visuelle Aufmerksamkeit Folie 45 von 61
3. Merkmalsintegrationstheorie (A. Treisman) - Verbindung erfolgt durch Aufmerksamkeitsscheinwerfer, der auf eine bestimmte Stelle der übergeordneten Lagekarte (master location map) gerichtet wird, wo Rotheit u. Horizontalität an derselben Stelle codiert sind - Wenn die Aufmerksamkeit einmal auf diese Stelle fokussiert ist, dann werden alle Merkmale an den entsprechenden Stellen in den unabhängigen Merkmalskarten zu einem kohärenten Objekt verbunden - Vergleich der Wahrnehmung mit Information im Gedächtnis TU Dresden, 10.01.2006 Visuelle Aufmerksamkeit Folie 46 von 61
3. Merkmalsintegrationstheorie (A. Treisman) Objektordner - Anders als im Exp., in dem Hintergrund auf dem Bildschirm immer derselbe ist, ist die Wahrnehmung in der Realität dynamisch und zeitlich ausgedehnt - Einige Objekte in der Umgebung verändern sich über die Zeit in ihren Merkmalen TU Dresden, 10.01.2006 Visuelle Aufmerksamkeit Folie 47 von 61
3. Merkmalsintegrationstheorie (A. Treisman) Wie schafft es das visuelle System mit den dynamischen Veränderungen der visuellen Infos umzugehen? Kahnemann + Tversky: die einzelnen Merkmale, in die das Objekt anfangs zerlegt wird, werden in sogenannte Objektordner integriert Der Ordner enthält Infos über Zeit, den Standort des Objekts und dessen ungefähre Form und Farbe TU Dresden, 10.01.2006 Visuelle Aufmerksamkeit Folie 48 von 61
3. Merkmalsintegrationstheorie (A. Treisman) wenn sich das Objekt bewegt, wird dessen neuer Standort u. die Bewegungsrichtung in den bestehenden Objektordner aufgenommen Ab einem bestimmten Punkt wird das Objekt als Beispiel einer bekannten Kategorie (Katze) erkannt TU Dresden, 10.01.2006 Visuelle Aufmerksamkeit Folie 49 von 61
3. Merkmalsintegrationstheorie (A. Treisman) solange Objektmerkmale konstant bleiben oder sich nur in erwarteter Weise verändern, ist Objektordner fähig, diese Veränderungen ohne fokussierte Aufmerksamkeit zu verfolgen bei unerwarteten Veränderungen muss die Aufmerksamkeit auf das fragliche Objekt gerichtet werden, um die Infos zu aktualisieren TU Dresden, 10.01.2006 Visuelle Aufmerksamkeit Folie 50 von 61
4. Physiologie der Aufmerksamkeit Unilateraler Neglect/Hemineglect (einseitige Vernachlässigung) - Läsionen im rechten Parietallappen (manchmal auch Läsionen in der linken Hemisphäre, aber selten) TU Dresden, 10.01.2006 Visuelle Aufmerksamkeit Folie 51 von 61
4. Physiologie der Aufmerksamkeit - In einigen Fällen bleibt eine permanente Aufmerksamkeitsbeeinträchtigung zurück: Erlöschen (Extinction): - Patient kann Objekte auf beiden Seiten des Gesichtsfeldes ohne Probleme wahrnehmen - Aber wenn man ihm 2 Objekte gleichzeitig zeigt, eins auf der guten Seite und eins auf der schlechten Seite, dann kann er nur das auf der guten Seite wahrnehmen TU Dresden, 10.01.2006 Visuelle Aufmerksamkeit Folie 52 von 61
4. Physiologie der Aufmerksamkeit Beispiele typischer Neglect- Patienten TU Dresden, 10.01.2006 Visuelle Aufmerksamkeit Folie 53 von 61
4. Physiologie der Aufmerksamkeit Balint-Syndrom 1. Unfähigkeit, die Fixation von einem Objekt zu lösen und ein anderes Objekt zu fixieren als ob der Blick auf dem aktuell fixierten Objekt hängen bliebe 2. Unfähigkeit, mehr als nur ein Objekt während einer einzelnen Fixation wahrzunehmen das ist auch der Fall, wenn 2 Objekte denselben Platz einnehmen TU Dresden, 10.01.2006 Visuelle Aufmerksamkeit Folie 54 von 61
4. Physiologie der Aufmerksamkeit Balint-Syndrom 3. Unfähigkeit, Objekte richtig auszurichten und zu lokalisieren (was sowohl Ausrichtung als auch Tiefe angeht) 4. Unfähigkeit, nach einem Objekt im Raum zu greifen und es zu berühren Läsionen beim Balint- Syndrom: bilaterale Läsionen im Parietalund oder im Occipitallappen TU Dresden, 10.01.2006 Visuelle Aufmerksamkeit Folie 55 von 61
5. Aufmerksamkeit und Augenbewegungen Folgt die Aufmerksamkeit den Augenbewegungen oder folgen die Augenbewegungen der Aufmerksamkeit? - Aufmerksamkeitsverschiebungen treten normalerweise schneller auf als Sakkaden - Cueing Paradigm Posner: der Nutzen von validen Hinweisreizen und die Kosten invalider Hinweisreize kommen in weniger als 100 msec zum Tragen, lange bevor eine Sakkade ausgeführt werden kann TU Dresden, 10.01.2006 Visuelle Aufmerksamkeit Folie 56 von 61
5. Aufmerksamkeit und Augenbewegungen Premotor Theory (Prämotorische Theorie) Augenbewegungen folgen gewöhnlich der Aufmerksamkeit wenn ein Betrachter eine Sakkade zu einer bestimmten Stelle hin ausführt, erhöht die Aufmerksamkeit die Wahrnehmung von Objekten/ Ereignissen an dieser Stelle, bevor die Sakkade tatsächlich ausgeführt wird Aufmerksamkeit ist also notwendige Voraussetzung dafür, dass Augenbewegung in bestimmte Richtung ausgeführt wird TU Dresden, 10.01.2006 Visuelle Aufmerksamkeit Folie 57 von 61
5. Aufmerksamkeit und Augenbewegungen Erleichtert die Vorbereitung auf eine Sakkade zu einer Hinweisstelle, die Diskriminationsleistung? TU Dresden, 10.01.2006 Visuelle Aufmerksamkeit Folie 58 von 61
5. Aufmerksamkeit und Augenbewegungen Ergebnis: - 90 % korrekte Diskriminationsleistung, wenn Zielort mit dem Ort der beabsichtigen Sakkade übereinstimmte - 70 % korrekte Diskriminationsleistung, wenn Zielort nicht mit dem Ort der beabsichtigten Sakkade übereinstimmte - In Kontrollversuchen ohne Pfeile 80 % korrekte Leistung Mit der Vorbereitung einer Augenbewegung sind sowohl Nutzen als auch Kosten verbunden TU Dresden, 10.01.2006 Visuelle Aufmerksamkeit Folie 59 von 61
Fazit - Enge Verbindung zw. Augenbewegungen und Aufmerksamkeit als Mechanismus visueller Selektion - Aufmerksamkeit geht den Augenbewegungen als Vorbereitung voraus 1. Aufmerksamkeitsverschiebungen sind rein neuronale Operationen und können deshalb schneller ausgeführt werden als okkulomotorische Reaktionen, die es erfordern, dass sich das Auge in seiner Höhle bewegt 2. Aufmerksamkeit zentraler Prozess (kein peripherer), geeignet, Augenbewegungen zu kontrollieren TU Dresden, 10.01.2006 Visuelle Aufmerksamkeit Folie 60 von 61
Fazit - Aufmerksamkeit stellt Informationen bereit, welche Stellen des visuellen Feldes wichtige Informationen enthalten und deshalb für höhere Auflösungsprozesse ausgewählt werden sollten - Aufmerksamkeitsverschiebungen leiten Augenbewegungen - Aufmerksamkeit = primärer Mechanismus der visuellen Selektion, wobei die Augenbewegungen eine wichtige, unterstützende Rolle spielen TU Dresden, 10.01.2006 Visuelle Aufmerksamkeit Folie 61 von 61