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Transkript:

Zwangssterilisation Einführung und Bearbeitungsmöglichkeiten 3. Zwangssterilisation Einführung Mit der Zwangssterilisation begann der Völkermord an Sinti und Roma 1933 auf einer anfangs formalrechtlichen Grundlage. Das am 14. Juli 1933 von der nationalsozialistischen Regierung verabschiedete und am 25. Juli im Reichsgesetzblatt veröffentlichte Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses war zwar schon in den letzten Jahren der Weimarer Republik entstanden, die Nationalsozialisten hatten es jedoch um den Aspekt der Zwangssterilisation verschärft. Die im Gesetz genannten Indikationen von vererbbaren Krankheiten umfassten u.a. im ersten Punkt erblichen Schwachsinn, was den Eugenikern ein weites Tor für Sterilisationsanträge öffnete. Schwachsinn wurde bei unterschiedlichen Formen gesellschaftlich nicht angepassten Verhaltens unterstellt und zumeist mit Hilfe eines Intelligenzprüfbogens diagnostiziert. Mit dem sog. Auschwitzerlass des Reichsführers SS Heinrich Himmler vom Januar 1942 verschärfte sich für Sinti und Roma die Lage nicht nur wegen der bevorstehenden Deportation in das Vernichtungslager. Punkt III auf Seite 4 des Schnellbriefs vom 29. Januar 1943 zeigt, dass Ausnahmen von der Deportation nach Auschwitz vorgenommen wurden, gleichzeitig jedoch für die ausgenommenen, noch nicht sterilisierten Personen die Sterilisation anzustreben sei. Auf dieser Grundlage wurde u.a. die Sterilisation von Werner Fahrenholz und seinem Bruder durchgeführt. Historische Dokumente als Quellen: a. Krankenblatt Werner Fahrenholz b. Schnellbrief zum Auschwitzerlass ( Auschwitz-Erlass vom 16. Dezember 1942) Bearbeitungsvorschläge 1. Überlegt, welche Folgen und damit welche Bedeutung die Sterilisierung für das Leben der Sterilisierten hat. 2. Welche ethischen und rechtlichen Grundsätze verhindern heute in Deutschland, dass Menschen gegen ihren Willen sterilisiert werden?

Zwangssterilisation Blatt 1 von 5 3. Zwangssterilisation Werner Fahrenholz Werner Fahrenholz, 1960er Jahre Foto: Privatbesitz Fahrenholz Werner Fahrenholz wurde 1925 in Peine geboren. Mit seinen Eltern und seinem jüngeren Bruder wohnte er in Hannover, wo die Brüder die katholische Volksschule in der Clemensstraße besuchten. Der Vater war im Straßenbau beschäftigt. Nach der Schulentlassung 1939 begann Werner Fahrenholz zunächst eine Auto schlosserlehre und wechselte nach einem halben Jahr zum Straßenbauunternehmen Bollmann/Wiesel. Trotz seiner Anstellung wurde er mehrmals von der Gestapo als sogenanntes arbeitsscheues Gesindel verhaftet, beschimpft und geschlagen. Zweimal wies die Gestapo ihn in das Arbeitserziehungslager Liebenau ein. Biografie Das kann man sowieso nicht wieder gutmachen... Der Sterilisationsfall Werner Fahrenholz Bis Anfang 1944 war die Familie Fahrenholz, vermutlich weil alle männlichen Familienmitglieder in kriegswichtigen Verwendungen eingesetzt waren, nicht in ein Konzentrationslager deportiert worden. Im Januar 1944 suchte die Kriminalpolizei die Familie Fahrenholz auf und stellte den Vater vor die Wahl, einer Sterilisation seiner noch minderjährigen Söhne zuzustimmen oder gemeinsam mit der Familie in ein KZ eingeliefert zu werden.

Zwangssterilisation Blatt 2 von 5 Werner Fahrenholz berichtet dazu in einem Interview (2001): Nordstadtkrankenhaus Hannover, 2003 Foto: Hans-Dieter Schmid Mein Vater und meine Mutter waren nicht im KZ, weil sie ja unterschreiben mussten, unserer Sterilisation zustimmen mussten. [ ] Das war am 27.01.1944 hier in der Haltenhoffstraße im Nordstadtkrankenhaus. [ ] Der Kriminalkommissar Schröder hat uns einfach ins Krankenhaus gebracht. Wir wussten gar nicht, was die machen. Die haben uns einfach mitgenommen. Kriminalpolizist: Ja, Ihre zwei Söhne sind verhaftet. Die müssen mitkommen ins Krankenhaus. Dort haben sie gesagt: Ihr werdet nun untersucht. Dann kamen sie rein, wir haben eine Spritze gekriegt. Und dann anschließend wussten wir gar nicht, was geschehen war, bis wir rausgekriegt haben, dass wir sterilisiert wurden. Ich habe einmal eine Entschädigung bekommen für das, was man mir während der Nazizeit angetan hat. Aber das kann man sowieso nicht wieder gut machen. Schließlich hat man mir die Möglichkeit geraubt, eine Familie zu gründen. Das ist es eben. Ich meine, keine Kinder zu haben, ist schon schwer. Aus: Schriftenreihe der Gedenkstätte Ahlem: Die Diskriminierung hört nie auf. Erinnerungen von Werner Fahrenholz, Hannover o.j., S. 25 26 Laut Krankenblatt der Chirurgischen Abteilung des Städtischen Krankenhauses Nordstadt in Hannover wurde Werner Fahrenholz am 26.1.1944 vom Kripoamt Berlin aus einem Lager als Zigeunermischling zur Sterilisation eingewiesen. Am Tag darauf wurde der Eingriff vorgenommen und wiederum einen Tag später wurde Werner Fahrenholz entlassen.

Zwangssterilisation Blatt 3 von 5 Sterilisation Die Zwangssterilisation von Sinti und Roma fand in zwei Stufen statt und hatte zum Ziel, Sinti und Roma die Möglichkeit zu nehmen, Nachkommen zu haben. Mit dem Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses vom Juli 1933 hatte der NS-Staat eine rechtliche Grundlage geschaffen, Menschen, die als erbkrank eingestuft wurden, unfruchtbar zu machen. Neben verschiedenen Erkrankungen und Behinderungen wurde als Kategorie für die Sterilisation erblicher Schwachsinn eingeführt. Sinti und Roma wurden z.b. wegen mangelnden Schulerfolgs, keiner Berufsausbildung und/oder Anstellung oder auch wegen sogenannter zigeunerischer Lebensweise als soziale Versager und damit als Schwachsinnige eingestuft. Eine einschneidende Radikalisierung der Sterilisationen stellte der sogenannte Auschwitz-Erlass dar. In diesem Erlass ordnete Heinrich Himmler, der Reichsführer SS, im Dezember 1942 neben der Einweisung von Sinti und Roma in das Zigeunerfamilienlager Auschwitz-Birkenau an, dass bei allen von der Deportation ausgenommen Sinti und Roma die Sterilisation anzustreben sei. Auf dieser Grundlage sollten Sinti und Roma dazu erpresst werden, ihre eigene Sterilisation und die ihrer Kinder zu beantragen. Wenn ein solcher Antrag gestellt wurde, konnten Sinti und Roma der Überstellung in ein Konzentrationslager und der eigenen physischen Vernichtung entgehen. Historisch-politisches Stichwort

Zwangssterilisation Blatt 4 von 5 Krankenakte Werner Fahrenholz NLA Hannover Nds. 171 Hannover Nr. 23970; hier fol. 255

Zwangssterilisation Blatt 5 von 5 Krankenakte Werner Fahrenholz NLA Hannover Nds. 171 Hannover Nr. 23970; hier fol. 255

Zwangssterilisation Materialsammlung 3. Zwangssterilisation Werner Fahrenholz, 1960er Jahre Foto: Privatbesitz Fahrenholz Nordstadtkrankenhaus Hannover, 2003 Foto: Hans-Dieter Schmid

Zwangssterilisation Materialsammlung Krankenakte Werner Fahrenholz NLA Hannover Nds. 171 Hannover Nr. 23970; hier fol. 255

Zwangssterilisation Materialsammlung Krankenakte Werner Fahrenholz NLA Hannover Nds. 171 Hannover Nr. 23970; hier fol. 255