Mit Stempel und Unterschrift
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- Dominic Goldschmidt
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1 Mit Stempel und Unterschrift Dokumente zur Zwangsarbeit im Nationalsozialismus E i n e d i g i t a l e We r k s t a t t f ü r Q u e l l e n i n terpretation Lehrmaterial 24 Dokumente Arbeitsblätter Kommentare 1 Angeworben zur Zwangsarbeit, Staatsangehörigkeit: ungeklärt - Ostarbeiterin, Mit Foto und Fingerabdruck, Schleifen für den Endsieg, Zum Stellungsbau in Norwegen, Mit 16 Jahren bei Olympia in Erfurt, Nach der Sperrstunde, Als Pferdeknecht in Niedersachsen, Ohne P auf der Dorfstraße, Ausgang in Wuppertal, Familie ohne Ernährer, Einsatzfähig oder Rückführung? Grund der Rückkehr: Krankheit, Briefe als Privileg, Ich arbeite beim Bau von Holzbaracken, Schreibt bitte viel, Unter falschem Namen, Aus der Sippenhaft entlassen, Von der Nummer zum Namen, Geboren im KZ, Befreit und verdächtigt, Mit entnazifiziertem Stempel, Ich weiß und kann bezeugen, dass..., 2000 > 24 Fragen an eine Romni, Nach Flucht ins Arbeitserziehungslager, Versicherungspflicht als Raub, Was ist ein Konzentrationslager? Als Kleinkind im Ghetto, Ohne Stempel und Unterschrift, Ich kenne ein Dorf im Thüringer Land..., 1945
2 Fragen an eine Romni, 1956 Dokumente 1/7 Originalgröße: 210 mm x 297 mm (DIN A 4)
3 Fragen an eine Romni, 1956 Dokumente 2/7 Originalgröße: 210 mm x 297 mm (DIN A 4)
4 Arbeitsblätter 3/7 Fragen an eine Romni, Erschließen Sie sich das Dokument schrittweise mit Hilfe der Kommentare. Oder lassen Sie sich von jemandem helfen, der Polnisch versteht und bitten Sie um Übersetzung einzelner Passagen. Welche Aspekte der Zeitgeschichte sind für Sie besonders interessant? Wählen Sie einen und recherchieren Sie nötiges Kontextwissen. Unter Punkt 7 werden Angaben zur Berufsausübung erfragt. Zigeunerin: ohne Ausbildung wurde 1956 in das Formular eingetragen. Setzt diese kurze Notiz ein Gleichheitszeichen zwischen keine Ausbildung und der Tatsache, dass die Frau aus Dębniaki eine Zigeunerin ist? Welche Vorstellungen von Bildung und Ausbildung kommen hier zur Geltung? Welche Berufe übten Roma aus, in welchen Gewerben arbeiteten sie, in welchen Handwerken spezialisierten sie sich? Was sind die kulturellen Gründe für die Tatsache, dass europäische Staaten seit der Aufklärung Zigeuner sesshaft machen wollen? Wie sehen die Bildungsmöglichkeiten für Roma-Kinder und -Erwachsene im gegenwärtigen Polen aus? Die Fragen nach Beschäftigung, Wohnort, Dienst in Armeen und Namenswechsel unterscheiden zwischen der Zeit bis 1939, der Zeit der deutschen Besatzung und der Zeit nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Nennen Sie Gründe für diese differenzierten Fragen und erläutern Sie dazu relevante Kontexte der Weltkriegsgeschichte und des polnisch-sowjetischen Verhältnisses. Die Romni aus dem polnischen Dębniaki hat als 66-Jährige im Jahr 2000 Antrag auf Entschädigung als rassisch Verfolgte bei der Stiftung EVZ gestellt mit Erfolg. Dass ihr dieses Recht zugestanden wurde, ist nicht selbstverständlich, denn (nicht nur) in Deutschland galten Sinti und Roma noch Jahrzehnte nach Kriegsende offiziell als Asoziale, wurden als Landfahrer überwacht und kriminalisiert. Der Bundesgerichtshof erkannte in einem Urteil vom 7. Januar 1956 eine rassische Verfolgung von Zigeunern im Nationalsozialismus erst für die Zeit nach dem 16. Dezember 1942 an. An diesem Tag erging der so genannte Auschwitz-Erlass, der verlangte, die größten im Reich lebenden Zigeunergruppen innerhalb kurzer Zeit nach Auschwitz zu deportieren. Das Gericht stellte 1956 u.a. fest: Da die Zigeuner sich in weitem Maße einer Seßhaftmachung widersetzt haben, gelten sie als asozial. Sie neigen, wie die Erfahrung zeigt, zur Kriminalität, besonders zu Diebstählen und Betrügereien, es fehlen ihnen einfach die sittlichen Antriebe der Achtung vor fremdem Eigentum, weil ihnen wie primitiven Urmenschen ein ungehemmter Okkupationstrieb eigen ist. Diese fortgesetzt rassistisch-biologistische Sicht stieß zwar auf heftigen Widerspruch, erschwerte aber für Jahrzehnte die Entschädigung dieser Opfergruppe. Sinti und Roma zählten in vieler Hinsicht zu den vergessenen Opfern des Nationalsozialismus. Recherchieren Sie die Geschichte der deutschen und europäischen Entschädigungspolitik gegenüber den Sinti und Roma.
5 Arbeitsblätter 4/7 5 6 Die Verfolgung von Roma und Sinti war mit dem Ende des Nationalsozialismus keineswegs beendet. In den Jahren 2010/2011 zeigte sich offener Rassismus gegen Roma, besonders in Frankreich und in Ungarn, aber auch in Italien oder in Deutschland, wo er sich vor allem gegen Roma aus Kroatien richtet. Recherchieren Sie aktuelle Fälle, bei denen Roma vertrieben werden sollen bzw. bereits vertrieben werden. Was sind die Gründe für die massive Ablehnung von Roma und Sinti? Welche NGOs und Vereine unterstützen verfolgte Roma und Sinti? Zigeuner gehören seit hunderten von Jahren zur europäischen Gegenwart, ihre Kultur und Lebensweise war Projektionsfläche und Anlass für Erziehungs- und Integrationsbestrebungen sowie offene rassische Diskriminierung, Verfolgung, Ausweisung und, im nationalsozialistischen Extremfall, Völkermord. Recherchieren Sie in Ihrer Region, ob, wie und seit wann die Geschichte der Sinti und Roma erforscht wird. Literatur Michael Zimmermann, Rassenutopie und Genozid. Die nationalsozialistische Lösung der Zigeunerfrage, Hamburg 1996, hier besonders S , , sowie Christian Reimesch, Vergessene Opfer des Nationalsozialismus? Zur Entschädigung von Homosexuellen, Kriegsdienstverweigerern, Sinti und Roma und Kommunisten in der Bundesrepublik Deutschland, Berlin Artur Podgórski, Interviews mit polnischen Roma. Ein Erfahrungsbericht, in: Alexander von Plato, Almut Leh, Christoph Thonfeld (Hg.), Hitlers Sklaven. Lebensgeschichtliche Analysen zur Zwangsarbeit im internationalen Vergleich, Wien 2008, S
6 Kommentare 5/7 Fragen an eine Romni, Welche Informationen bietet die Vorderseite? Welche Informationen bietet die Rückseite? Wozu diente der Fragebogen im Jahr 2000? Wie erging es den polnischen Roma 1939 bis 1945? Vor 1939, während der Okkupation, nach Welche Informationen bietet die Vorderseite? Das Dokument gibt Anhaltspunkte für das Leben einer Romni während der deutschen Besatzung Polens, insbesondere im Generalgouvernement. Der Fragebogen stammt aus dem Jahr Die Fragen stellte das polnische Büro für Personalausweise in Nowe Miasto, einer Stadt ca. 170 km südöstlich von Gdańsk. Wer in der Volksrepublik Polen einen Personalausweis erhalten wollte, musste sich, wie auch heute üblich, polizeilich erfassen lassen und dafür Angaben zur Person sowie zu früheren und gegenwärtigen Wohn- und Arbeitsorten machen. Die mit dem Passbild oben links fotografisch erfasste Frau wurde 1924 in Dębniaki geboren. Sie brachte bis zum Jahr 1956 drei Kinder zur Welt. Genauere Angaben zu ihren Kindern unter Punkt 6 sind aus Personenschutzgründen geschwärzt worden war sie ledig (Punkt 5). Der Punkt 7 erfragt Informationen zum gegenwärtig ausgeübten Beruf. Die handschriftlich fixierte Antwort heißt übersetzt: Zigeunerin: ohne Ausbildung. Das polnische Wort cyganka für Zigeunerin ist im originalen Dokument rot angestrichen. Laut Punkt 8 und 9 des Fragebogens ist die Frau aus Dębniaki polnischer Nationalität und polnische Staatsangehörige. 2 Welche Informationen bietet die Rückseite? Auf der Rückseite des Fragebogens werden weitere Lebensdaten erfasst. Vor dem Krieg (Frage 10 a) lebte sie in Kowal (bei Włocławek). Der Ort gehörte im Krieg zu den eingegliederten Ostgebieten des deutschen Reiches, dem Reichsgau Wartheland. Während der deutschen Okkupation (10 b) hielt sie sich im nordöstlichen Warschauer Stadtteil Powązki auf. Warschau gehörte unter deutscher Besatzung zum Generalgouvernement. Im Jahr 1956 lebte sie in der Gemeinde Nowe Miasto Lubawskie (10 c). Die Frage 11 nach der Arbeitsstelle wird laut Eintrag von 1956 verneint. Ich arbeite nicht ist als Antwort im Fragebogen notiert. Frage 13 nach ihrem Militärdienst konnte die Romni ebenso verneinen wie die Frage 15, ob sie in der Zeit nach dem Überfall auf Polen ihren Namen geändert habe.
7 Fragen an eine Romni, 1956 Kommentare 6/7 Der ausgefüllte Fragenkatalog ist auf der Rückseite nicht wie vorgesehen unten rechts unterschrieben worden. Vermutlich konnte die Romni aus Dębniaki nicht lesen und die flüssige Handschrift ist die eines Beamten, der das Formular während seiner Befragung wie ein Protokoll ausfüllte. 3 Wozu diente der Fragebogen im Jahr 2000? Der Fragebogen galt im Jahr 2000 als ein beglaubigter Beleg für den Sachverhalt, dass sich die Frau aus Dębniaki zwischen 1939 und 1945 im besetzten Polen aufgehalten hat und somit als rassisch Verfolgte gelten kann. Denn sie ist Zigeunerin, cyganka, das Wort, das im ausgefüllten Formular von behördlicher Seite rot markiert worden ist. 4 Wie erging es den polnischen Roma 1939 bis 1945? Vor der deutschen Besatzung waren Zigeuner in Polen weder bei der Polizei registriert noch galten für sie besondere Gesetze, und zwar unabhängig davon, ob sie sesshaft lebten oder als Handwerker, Händler oder Künstler von Ort zu Ort zogen. In Deutschland hingegen forcierten die Nazis seit 1938 eine Bekämpfung der Zigeunerplage. Die betroffenen etwa Menschen (0,03 Prozent der deutschen Bevölkerung) wurden als Asoziale und rassisch Minderwertige überwacht, teilweise sterilisiert und in Lager verbracht. Im Krieg sollten die deutschen Richtlinien auch für die neuen Reichsgaue im besetzten Polen gelten. Mit dem Einmarsch der Deutschen änderte sich die Situation für die polnischen Roma schlagartig. Polizeieinheiten erschossen willkürlich einzelne Zigeuner oder ganze Familien. Die deutsche Kriminalpolizei versuchte, möglichst viele polnische Roma ins Generalgouvernement abzuschieben wohin bereits auch viele Zigeuner aus Deutschland verschleppt worden waren. Die Frau aus Dębniaki, die während des Krieges in Warschau lebte, lief große Gefahr, ins Warschauer Ghetto deportiert zu werden. Im Frühsommer und Sommer 1942 wurden hunderte polnische Roma ins jüdische Ghetto überführt. Sie mussten Armbinden tragen, die den Buchstaben Z für Zigeuner trugen. Mindestens tausend polnische Roma wurden im Vernichtungslager Treblinka, andere in Bełżec, Sobibór und Majdanek umgebracht. Seit März 1943 deportierten die Deutschen auch polnische Zigeuner ins Zigeunerlager von Auschwitz-Birkenau. Etwa jeder dritte Zigeuner, der 1939 in Polen lebte, ist während der deutschen Besatzung umgebracht worden. Insgesamt fielen den Nationalsozialisten geschätzte bis Roma und Sinti aus ganz Europa zum Opfer. Angesichts dieser lebensbedrohlichen Situation hatten Roma nur eine Chance, der Zwangsarbeit, den Deportationen in Ghettos oder Konzentrationslager und dem gewaltsamen Tod zu entkommen. Sie mussten unerkannt bleiben und untertauchen. Das war sehr schwierig und von vielen Zufällen abhängig, denn auch in der polnischen Bevölkerung gab es Denunzianten. Die Kriterien der deutschen Polizisten waren willkürlich und unberechenbar. Für
8 Fragen an eine Romni, 1956 Kommentare 7/7 eine Verhaftung reichte es, wenn jemand als nicht sesshaft galt, zigeunerisch aussah oder irgendwie ins Bild von Asozialen passte. Die 1924 in Dębniaki geborene Romni überlebte die Verfolgungen und Gefahren. Konkreteres wissen wir leider nicht. Sie blieb auch nach dem Krieg in Polen beantragte sie einen Personalausweis. Die damit verbundene polizeiliche Erfassung war die Bedingung dafür, gesellschaftlich anerkannte Arbeit zu finden und, wie jeder andere polnische Staatsbürger, soziale und politische Ansprüche an Staat und Gesellschaft stellen zu können. Personalausweise geben Staatsbürgern Rechte, verpflichten sie aber auch und machen sie identifizierbar. Mit dem polizeilich erfassten Wissen über diese Bürger verbinden sich Herrschaftsansprüche und staatliche Kontrollmöglichkeiten. Im Jahr 2003 belegte die Romni aus Dębniaki mit dem Fragebogen von 1956 ihr Verfolgungsschicksal. Sie beantragte bei der Stiftung EVZ Entschädigungszahlungen als rassisch Verfolgte. 5 Vor 1939, während der Okkupation, nach 1945 Das Formular des Büros für Personalausweise ist auch ohne die handschriftlichen Einträge ein aufschlussreiches Dokument zur Geschichte Polens in der Nachkriegszeit. Denn in den frühen 1950er Jahren haben sich die Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges und des Kalten Krieges in den Fragenkatalog zur Erfassung polnischer Staatsbürger eingeschrieben. Die Fragen nach Beschäftigung, Wohnort, Dienst in Armeen und Namenswechsel unterscheiden zwischen der Zeit bis 1939, der Zeit der deutschen Besatzung und der Zeit seit Ein wichtiger Grund: Solche Fragen zielten auf die Identifizierung von Personen, die entweder mit den Nationalsozialisten kollaboriert hatten oder aber antikommunistisch eingestellt waren. Dabei ging es vor allem um die polnische Untergrundarmee Armia Krajowa (AK), die Heimatarmee, die gegen Nazi-Deutschland gekämpft und im August 1944 den Warschauer Aufstand angeführt hatte. Dieser opferreiche und beinahe aussichtslose Kampf gegen die deutschen Besatzer wurde bis 1956 in der polnischen Öffentlichkeit weitgehend verschwiegen. Große Teile dieser polnischen Widerstandsgruppen waren 1945 vom sowjetischen NKWD als Antikommunisten entwaffnet und verfolgt worden, viele Offiziere wurden erschossen, andere in sowjetische Lager deportiert. Einige Überlebende versuchten, ihren Widerstand gegen die stalinistische Politik und sowjetische Dominanz im Nachkriegspolen fortzusetzen. Die polizeiliche Erfassung der Bürger war für die Kommunisten eine Möglichkeit unter anderen, politische Gegner zu identifizieren und zu disziplinieren. Unwahre Angaben zu Person und Lebenslauf wurden mit Gefängnis bestraft, wie die unterste Zeile auf der Rückseite des Formulars warnt.
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