Annegret Wolf Rice - Porträt einer Künstlerin

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1 Annegret Wolf Rice - Porträt einer Künstlerin Johanna Morel von Schulthess Abb. 1: «Propelling in the New Year" 2005 Aquarell 8 x 8 cm Die Malerin Annegret Wolf Rice trägt zwei Kulturen in sich: In Küsnacht ist sie aufgewachsen, und seit 40 Jahren lebt sie in den USA, von wo sie mir zum Neujahr 2006 dieses kleine Glückwunschaquarell geschickt hat. Die Bildkarte wird sternförmig von einem goldfarbenen Geschenkband zusammengehalten, welches das kleine Aquarell in den Hintergrund versetzt. Während der Goldbandstern die Festtagszeit mit ihren geheimnisvollen Vorbereitungen versinnbildlicht, sind für die nahe Zukunft im hintergründigen Wasserfarbenbild die Neujahrswünsche symbolisch dargestellt. Die dunkle schwungvolle Pinselbewegung vor lichtdurchflutetem Bildgrund kann als dynam ische Aufmunterung verstanden werden; sie soll in festgefahrenen Situationen positive Kräfte mobilisieren. 7

2 \ \ 'I J.,..,..,. " -. ''<,; i. / Abb. 2: Möhr/i» 1965, Bleistift 17x 23 cm Abb. 3: Fresh Pond» 1967, Aquarell 16 x3 0cm Solche gekonnt gemalte Bildminiaturen nennt Annegret Wolf Rice «Healing Art Cards", und sie sind ein wichtiger Bestandteil ihres Oeuvres. Annegret Wolf Rices Lebensweg hin zur Malerei Annegret Wolf ist in einer harmonischen Familie zusammen mit drei Brüdern in Küsnacht aufgewachsen. Sie hat schon als Kind gern gezeichnet und erinnert sich, in ihren Zeichnungen der Phantasie freien Lauf gelassen und den Leuten blaue Gesichter gemalt zu haben. Sie wäre gern an die Kunstgewerbeschule gegangen, hat dort später auch Kunstkurse besucht, aber sie hat einen bürgerlichen Beruf gelernt und ist Kindergärtnerin geworden. Bevor sie in Küsnacht ihre erste Stelle im Kindergarten an der Weinmanngasse antrat, absolvierte sie mehrmonatige Kunststudienaufenthalte in Rom und Paris. Nach zweijähriger Lehrtätigkeit gab sie ihr geregeltes Leben auf und reiste in die USA nach Boston, wo ihr ein dort studierender Cousin eine Au-pair-Stelle vermittelt hatte. Nur drei Monate arbeitete sie als Au-pair Girl, die nächsten drei Monate nutzte sie für weite Reisen per Greyhound-Bus durch die USA bis nach Mexiko. In die Schweiz kehrte sie seither nur noch für Kurzaufenthalte zurück, denn in Boston lernte sie den jungen Journalisten und Schriftsteller Berkeley Rice kennen und lieben, und zusammen gründeten sie später eine Familie und bekamen die beiden Söhne Andrew und Marcus. Neben den familiären Aufgaben galt es für Annegret Wolf Rice, mit Unterrichten (Kindergarten, Maikurse) zum Lebensunterhalt beizutragen. Der grosse innere Wunsch, frei malen zu können, musste Ende der 60er Jahre noch unerfüllt bleiben. Aber sie nutzte jede Gelegenheit, um zu zeichnen, und trug immer ihr Skizzenbuch bei sich. Im Skizzenbuch hielt sie eigene und fremde Kinder in verschiedensten Situationen fest, zeichnete Haustiere (Abb. 2), und mit Aquarellfarben fing sie virtuos Landschafts-Impressionen (Abb. 3) ein. Im Bekanntenkreis konnte sie ihre Aquarelle und Zeichnungen gut verkaufen, und sie übernahm auch Auftragsarbeiten und schuf Bilder der Kinder, der Tiere und Häuser ihrer Auftraggeber verbrachte die Familie in San Diego, wo sich Berkeley Rices neuer Arbeitsplatz befand. Es waren drei wichtige Jahre für Annegret Wolf Rice, die sie für ihre Weiter- 8

3 bildung an der Kunstakademie in San Diego nutzen konnte. Durch die Farben- und Formenlehrstudien fand sie zu ihrer eigenen Farben- und Formensprache. Nun begann ihr eigentlicher künstlerischer Weg. Sie stand am Anfang ihres Lebens als Malerin und beschrieb dieses Glücksgefühl folgendermassen: / feit that the butterfly had final/y left its cocoon. Als Berkeley Rices Arbeitsplatz nach New York verlegt wurde, fand die Familie ausserhalb der Grossstadt ein eigenes Zuhause, dessen Lage Annegret Wolf Rice wie folgt beschreibt: We found a little hause right on the Hudson River, exchanging the Sunset over Lake Zürich and the Pacific for an equally grand view over the majestic Hudson. Needless to say; many landscapes with Hudson Views followed, but the yearning for abstraction got stronger. Wie sie im Zitat erwähnt, begannen sich ihre Bilder immer mehr von der gegenständlichen Darstellungsweise weg zu einer ganz individuellen abstrakteren Malerei hin zu entwickeln. Es entstanden komplexe Farblandschaften, die sie seit Anfang der 80er Jahre mit Erfolg sowohl in Gruppen- als auch in Einzelausstellungen einer grossen Öffentlichkeit in den Staaten New York und Connecticut zeigte. Auch in der Schweiz waren ihre Bilder schon zu sehen: 1988 waren sie in Küsnacht in der Höchhuus-Galerie ausgestellt. Und in der Zürcher Galerie «Arrigo zeigte Annegret Wolf Rice 1993 und 1997/98 ihre Gemälde. Bereits ist auch die nächste «Annegret-Wolf-Rice-Ausstellung in der Schweiz geplant, nämlich im kommenden Frühling 2007 in der Galerie Frankengasse in Zürich. «My Studio is my Castle!» Gerade neben ihrem Wohnhaus baute 1978 Annegret Wolf Rice ein Atelierhaus. Damit ging ihr grosser Traum vom eigenen Kunststudio in Erfüllung! Seither füllt sie ihre Atelierräume mit Arbeitsideen und Experimentierfreude, aber auch mit Meditation und Yogaübungen. Das «White Wolf Studio ist ihr Zufluchtsort in guten wie in schlechten Zeiten. Zu ihrem künstlerischen Schaffen sagt sie: I am a painter who expresses what bubbles up from the base. Vor jeder Bildentstehung sitzt sie ganz ruhig und entspannt vor dem weissgrundierten Karton und lässt dem «bubbles up aus dem Unterbewussten freien Lauf. Freien Lauf lässt Abb. 4 : Atelierraum 2006, Fotografie Abb. 5: Annegret Wolf Rice 2006, Fotografie 9

4 Abb. 6: Playground» um 1988, Gouache 60x60 cm Abb. 7: A Secret Place 200 4, Encaustic 23 x 17cm sie auch dem Pinsel, der mit farbigen Gouache-Strichen diese inneren Impressionen auf die weisse Fläche überträgt. Ist diese erste spontane Malerei "geboren, lässt sich die Künstlerin für die weiteren Gestaltungsprozesse Zeit. Sie stellt das angefangene Bild beiseite zu den vielen anderen Entwurfsgemälden, welche an den Atelierwänden oder am Boden an Möbeln gelehnt auf ihre Weiterbearbeitung warten. Sie will von ihren ersten spontanen Bildkompositionen Abstand gewinnen, um sie später auf objektivere und kritische Art neu betrachten zu können. Beim Überarbeiten eines Bildes verändert sie die erste Darstellung mit neuen Farbakzenten, ohne aber das Original ganz zu übermalen: Vergangenes und Gegenwärtiges bleiben im fertigen Bild auf verschiedenen Ebenen (Abb. 6) sichtbar. "Playground» ist ein mehrschichtiges Gemälde mit hellen Motiven vor blauem Bildgrund, die aus einer verborgenen Lichtquelle zu stammen scheinen. Vor wenigen Jahren hat Annegret Wolf Rice begonnen, nicht mehr nur mit kalten Wasserfarben zu malen, sondern neu mit heisserhitzten Wachsfarben auf Holzgrund zu experimentieren; ihr Atelier gleicht dann zeitweise einer Hexenküche. Sie nennt ihre Werke mit eingebranntem leuchtendem Wachsfarben bild "Encaustic Paintings» (Abb. 7). Der Werkprozess verläuft mit den heissen Wachsfarben hektischer, als oben beschrieben wurde: Die erste Bildidee entsteht «im Fluge» - auch beim Überarbeiten muss mit den heissen Glasurfarben schnell gemalt werden. In den Aquarellen offenbart sich Annegret Wolf Rices spontane Pinselsprache. Sie kann mit ihrem Pinsel in kleinformatigen Bildern (Abb. 1, Abb. 8) sowohl innere Stimmungsmomente als auch Naturbeobachtungen sichtbar machen. 10

5 Abb. 8: 6 smalf watercolours for "Hea/ing Cards» 2006, Aquarell z. B. ca. 8 x 8 cm 11

6 Abb. 9: Free Souls» (Detail ) 1995, Gouache ca. 98 x 30 cm (Gesamtgrösse ) 12

7 Abb. 11: Tender Growth 1997, Gouache 42 xbocm Abb. 10 : Phoenix Rising 1990, Gouache 45 x 3 7 cm Ihre kleinen Wasserfarboriginale klebt sie auf Karten und schickt sie als heilbringende Boten aus ihrem Atelier zu ihr nahen Menschen. Sie verschenkt mit ihren «Healing Cards» ihre ganz persönlichen positiven Kräfte und Gedanken, die in ihrem Atelier zusammen mit dem Kunstschaffen gedeihen können. «Roots and Wings» «Wurzeln und Flügel» heisst eine ganze Bildserie, die Ende der 90er Jahre entstanden ist. Annegret Wolf Rice hat ihre Wurzeln sowohl in der Alten als auch in der Neuen Welt: Ihre Wurzeln stecken im Ufergrund des Zürichsees in Küsnacht und sind inzwischen auch in den Uferboden das Hudson Rivers in den USA gewachsen. Sie spricht Zürcher Dialekt wie früher, aber schriftlich will sie sich nur auf Englisch äussern. Im Herzen spürt sie immer ein leises Heim- oder Fernweh, darum gehört das Thema «Roots and Wings» zu ihrem Leben. Die Flügel braucht sie, um arbeiten zu können, «Flügelzeiten» sind ihre hellen und guten Zeiten. Ihre dunkelste Zeit erlebte Annegret Wolf Rice durch den plötzlichen Tod ihres jüngeren Sohnes Marcus im Herbst Über diese unendlich schwierige Trauerzeit schreibt sie:... However, I managed to complete one piece entitled «Free Souls" which «painted itseff right after a deep meditation. I «saw» a tree of life growing down from the heavens, its crown interwoven with the crown of my own Lifetree on earth. White birds emerging from the branches, soaring heavenwards. Auf der Detailaufnahme des erwähnten Werks «Free Souls» (Abb. 9) versinnbildlichen die weissen Flügelwesen das Geheimnis der unsterblichen Seele. 13

8 Abb. 12: Jacob's Ladder" um 1994, Gouache 24 x32cm Yoga und Meditation spielen in Annegret Wolf Rices Leben ein wichtige Rolle, neue, ungeahnte Kräfte konnte und kann sie mobilisieren und hat zu ihren Farben, aber auch zu den Flügeln zurückgefunden (Abb. 10). Zur Bildserie «Roots and Wings gehört das Bild "Tender Growth (Abb. 11). Den blauen Bildraum beleben neben einem hellen Falter einzelne Halme, Blüten und ein rotes Gestirn zwischen Schattenpflanzen. Oie Wurzeln all der Gräser, die das «Zarte Wachstum ermöglichen, sind unsichtbar und lassen sich unterhalb des Bildrandes nur erahnen. cclnto the Light» Zum Motto «lnto the Light» gehört bereits eine Gruppe von Bildern, aber die Künstlerin will die Serie noch weiterführen. Reelle, aber auch mystische Lichtbegegnungen sind für sie so zentrale Lebenserfahrungen, dass sie sich in ihrem Schaffen immer von neuem mit dem Thema Licht beschäftigen wird. Im Bild «Jakobs Ladder» (Abb. 12) wird der Weg zum Licht mit der goldenen Jakobsleiter inmitten einer märchenhaften Szenerie versinnbildlicht. Anfang 2005 zeigte Annegret Wolf Rice ihr Gemälde «White Lotus (Abb. 13) in einer Galerie unter dem Ausstellungstitel «Oreams and Meditations". Das Licht und die weisse Lotosblüte spielen im Bild die Hauptrollen. Die Lotosblume als Blume des Lichts, die aus dem Morast emporwächst und im Sonnenlicht makellos rein erblüht, hat im Orient und 14

9 Abb. 13: White Lotus 200 4, Gouache. 30 x 30cm Abb. 1 4: A Gift of Light 199 4, Gouache ca. 35 x 27cm Fernen Osten eine fast universelle Symbolkraft. Im Lotosgemälde bilden dunkle Farben und ein Nachtgestirn einen spannungsvollen Gegensatz zum Lichtgeschehen. Weitere Polaritäten sind im Bild Ruhe und Bewegung sowie Gegenständliches und Traumhaftes. Die Ideenvielfalt der Künstlerin, die sich in diesem Werk, aber auch in vielen anderen Bildern offenbart, lässt die Frage nach möglichen lnspirationsquellen aufkommen, die Annegret Wolf Rice uns verrät: Meditations Dreams Poems Quotes from my reading of spiritual books, Bible, Yogic texts, etc. Buddhist texts Nature Aus diesem lnspirationsschatz holt sie auch die Ideen für ihre Bildtitel, sie «tauft alle ihre Schöpfungen, entlässt kein Werk - wie heute in der Kunst üblich - «Ohne Titel". Ihre Bildtitel sollten aber die Fantasie des Publikums nicht einschränken, und sie freut sich, wenn aus ihren Bildern andere Bedeutungen herausgelesen werden. Das Gemälde «A Gift of Light" soll den Abschluss meiner Präsentation von Annegret Wolf Rices Leben und Werk bilden. Das Gemälde lädt uns durch ein offenes Fenster ein, «into the light", also zum Beispiel jetzt, am Jahresende, in eine licht- und verheissungsvolle Zukunft zu blicken. 15

10 Abb. 15: " Calm 2006, Aquarell 9 x 70 cm Annegret Wolf Rice Bilder-Ausstellung 21.April-14. Mai 2007 Erica Gubler Frankengasse 6, im Oberdorf 8001 Zürich Telefon Galerie Frankengasse Öffnungszeiten Di.- Fr Uhr Sa Uhr 16

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