INHALT DAPHNIS Heft 1

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1 INHALT DAPHNIS Heft 1 Sprech- und Beißwerkzeuge, Kunsthandwerk und Kunst in Kaufringers Rache des Ehemanns. Von Friedrich Michael Dimpel (Erlangen) In Heinrich Kaufringer s Die Rache des Ehemanns, an underlying pattern, set up at the beginning of the text, undergoes four variations. Speech and the tongue are central elements in the tale. Language serves as an instrument for manipulation. As the final tale-within-a-tale shows, recipients scarcely have a chance to realise that they are being manipulated by language and signs. Metanarrative aspects help to make Kaufringer s narrative style appear no less artistic than that of Bocaccio. Heinrich Kaufringer variiert in der Rache des Ehemanns in vier Durchführungen ein Schema, das der Text zu Beginn selbst konstituiert. Besondere Bedeutung kommt dem Sprechen und der Zunge zu. Sprache dient als Manipulationsinstrument. Rezipienten haben, wie abschließend in der Binnenerzählung verdeutlicht wird, kaum eine Chance, eine gezielte Manipulation von Sprachzeichen zu erkennen. Metaisierungsphänomene tragen dazu bei, dass das Erzählen nicht weniger kunstreich als bei Boccaccio erscheint. Mediale Formatierung. Die ars moriendi des 15. Jahrhunderts im Übergang von der Handschrift zum Druck. Von Heike Sahm (Siegen) The Ars moriendi illustrated with woodcuts was the most popular block book of the late 15 th century. Though this popularity gives evidence of the late medieval fear of death, the invention of the block book itself can in the first instance be explained by the technical needs of a new medium. While the manuscript versions of Speculum artis bene moriendi contain an unequal and unsystematic treatment of five temptations, the format of the block book, with the same space available for text and illustration for each temptation and the repetition of the same situation, required a more systematic and standardized treatment of the five temptations. Der vorliegende Beitrag erklärt im Vergleich von Handschriften, Blockbüchern und typographischen Drucken, dass sich die Entstehung der Folio-

2 2 Blockbuch-ars moriendi mit den Anforderungen des neuen Mediums Blockbuch erklären lässt. Das handschriftlich im Rahmen des Speculum artis bene moriendi überlieferte, fünf Anfechtungen ungleichgewichtig und unsystematisch diskutierende Kapitel wird als Textgrundlage für die Folio-ars moriendi verwendet und durch die Formatvorgaben des Blockbuchs systematisiert und standardisiert. So sehr die weitere Verbreitung des Blockbuchs und seiner Bilder anzeigt, dass damit der Nerv der Zeit getroffen war, so verdankt sich die Entstehung in erster Linie dem Medienwandel von der Handschrift in den Druck. Kontroverstheologische Bildinterpretationen von Fischart und Nas. Von Rainer Hillenbrand (Pécs) The images of a church service with animal figures in Strasbourg cathedral, later destroyed, are characteristically interpreted by the Protestant Fischart and the Catholic Nas in favour of their own denomination, although they agree in their misunderstanding of the actual meaning of the images. The view of Nas that heretical dissenters are criticized through the animals, is more convincing than the attempt by Fischart to see the medieval sculptors as critics of the church and thus as precursors of Protestantism. Die später zerstörten Bilder eines Gottesdienstes mit Tierfiguren im Straßburger Münster werden vom Protestanten Fischart und vom Katholiken Nas in charateristischer Weise zugunsten ihrer Konfession interpretiert, obwohl sie im Mißverständnis der konkreten Bildbedeutung übereinstimmen. Dabei ist die Auffassung von Nas, daß mit den Tieren häretische Abweichler von der kirchlichen Lehre kritisiert werden, überzeugender als der Versuch Fischarts, in den mittelalterlichen Bildhauern kirchenkritische Vorläufer des Protestantismus zu sehen. Klientelismus als theatergewerbliche Migrationsstrategie. Englische Komödianten in markgräflich brandenburgischen Diensten ( ). Von Bärbel Rudin (Kieselbronn) The continental expansion of the Elizabethan-Jacobean Theatre and the transnational influence of its drama attracted historical interest in the long 19 th century, but the topic was then largely neglected for several decades in German-speaking areas for some decades, as a consequence of the war. The standstill in research, visible in the mass of out-dated standard literature, established the creation of numerous legends. A prime example which is examined here in close detail is the persistence of fictional biographical narratives relating to the English theatre director John Spencer. The trigger

3 Rezensionen 3 was a false Brandenburgish prince. An extensive concealed and interlinked control mechanism steered the choreography of traveling people in the opening up of the continental theatre business: clientelism. Die kontinentale Expansion des elisabethanisch-jakobäischen Theaters und die transnationale Strahlkraft seiner Dramatik haben im langen 19. Jahrhundert ein geschichtliches Interesse auf sich gezogen, das als Kriegsfolge im deutschsprachigen Raum für Jahrzehnte weitgehend erlosch. Der Forschungsstillstand, an der Masse veralteter Standardliteratur ablesbar, zementierte eine Vielzahl von Legendenbildungen. Ein hier duchleuchtetes Musterbeispiel ist die dem englischen Theaterprinzipal John Spencer an die Fersen geheftete Schleifspur blinder Narrative. Auslöser war ein falscher brandenburgischer Fürst. Verdeckt wurde ein raumgreifend vernetztes Steuerungsinstrument, das bei der bühnengewerblichen Erschließung englischer Auslandsmärkte die Choreographien des Menschenverkehrs lenkte: der Klientelismus. Philipp von Zesen und die Wissenschaft von den Sternen. Von Reinhard Klockow (Berlin) This article situates Zesen s Coelum astronomico-poeticum within the attempt by critics of the mythological tradition to reform the representation of the stars in the sky, and shows that the Christianisation of the constellations was not part of the original plan of the work, but was to a great extent taken from the new version (1646) of Schickards Astroscopium. Diverging from the astrological scepticism of his preceptor Vossius, Zesen confers on God the signifying power of the stars. His worldview fluctuates, depending on the context, between Paracelsian, Ptolemaic and Copernican conceptions. In this indeterminacy Zesen is a typical representative of the 17 th Century as a transitional period. Der Aufsatz ordnet Zesens Coelum astronomico-poeticum in die mythologiekritischen Bestrebungen zur Reform des Sternenhimmels ein und zeigt, dass die Christianisierung der Sternbilder nicht zum ursprünglichen Plan des Werks gehörte und größtenteils der Neufassung (1646) von Schickards Astroscopium entnommen ist. Abweichend vom astrologieskeptischen Rationalismus seines Präzeptors Vossius gesteht Zesen den Sternen Zeichenkraft im Auftrag Gottes zu. Sein Weltbild schwankt je nach Kontext zwischen paracelsischen, ptolemäischen und kopernikanischen Vorstellungen. In dieser Unbestimmtheit ist Zesen ein typischer Repräsentant der Übergangszeit des 17. Jahrhunderts.

4 4 Philipp von Zesens Darstellung von Amsterdams Seefahrt: Licht und Schatten. Von Ferdinand van Ingen (Amsterdam) Philipp von Zesen s treatise in praise of seafaring and of the city of Amsterdam the headquarters of the renowned East Indian trading company VOC covers the whole complex of trade and seafaring, as well as the ethical problems that arise from them, in a Dutch context. Since Zesen dedicated his Beschreibung der Stadt Amsterdam to the city s government, in gratitude for the citizenship that it had awarded him, he had to be cautious in his criticism. He therefore had to incorporate it with the required circumspection into the historical genre of Städtelob ( praise of the city ) as it was understood at that time. Philipp von Zesens Schrift zum Lob der Seefahrt und der Stadt Amsterdam Sitz der berühmten Vereinigten Ost-Indischen Handelsgesellschaft VOC berührt im niederländischen Kontext den Komplex Handel und Seefahrt sowie die sich daraus ergebenden ethischen Probleme. Da Zesen seine Beschreibung der Stadt Amsterdam wegen des ihm verliehenen Bürgerrechts der Stadtregierung gewidmet hat, musste er der damaligen Gattungsvorstellung eines Städtelobs entsprechend seine Kritik mit der nötigen Umsicht im Text unterbringen. Fashioning Mind or Body: Women s Choices in Luise Adelgunde Victorie Gottsched s Life in View of Die Pietisterey im Fischbeinrocke, oder die Doctormäßige Frau. By Sylvia Schmitz-Burgard (College of the Holy Cross, Worcester, MA) Luise Gottsched, who was widely known in her time, was a prolific writer, yet hardly any of her texts appeared under her name. The play analyzed here appeared anonymously after her wedding and caused lively debate. However, criticism focused mainly on the religious content while overlooking the significance of the fashion allusions in Gottsched s cultural criticism. Luise Gottsched wanted to enlighten all Germans about the restrictions imposed on women by addressing the various attempts by women to become a subject instead of remaining a cipher. Luise Gottsched war zu ihrer Zeit wohlbekannt, jedoch veröffentlichte sie ihre zahlreichen Schriften nicht unter ihrem Namen. Als erste Veröffentlichung nach ihrer Eheschließung erschien auch das hier analysierte Schauspiel anonym und sorgte für lebhafte Diskussionen. Allerdings richtete sich die

5 Rezensionen 5 Kritik vornehmlich gegen den religiösen Inhalt und übersah die Bedeutung der modischen Anspielungen ihrer Kulturkritik. Gottsched wollte die Deutschen über die Frauen auferlegten Beschränkungen aufklären, indem sie diverse Versuche vermittelte, wie Frauen ein Subjekt werden wollen anstatt in der Bedeutungslosigkeit zu verbleiben. Elisabeth Ernestine Antonie of Sachsen-Meiningen ( ) and the Gandersheim Abbey Library. By Kathleen M. Smith (Stanford University) This essay discusses the library of Gandersheim Abbey in Lower Saxony, Germany, and the important role played by the Abbess Elisabeth Ernestine Antonie von Sachsen-Meiningen ( ) in its later history. In office for many years, Elisabeth Ernestine Antonie contributed actively to its development by soliciting donations, by re-establishing the library and laying out statutes for its use, and in her efforts to make it a useful tool for the abbey s residents. The priority she placed on improving the library collection demonstrates its value in the life of the abbey as well as the role of books and written texts for the community of women at Gandersheim. Dieser Beitrag stellt die Bedeutung der Äbtissin Elisabeth Ernestine Antonie von Sachsen-Meiningen ( ) für die spätere Geschichte der Bibliothek des Stifts Gandersheim in Niedersachsen dar. Als langjährige Äbtissin spielt Elisabeth Ernestine Antonie eine entscheidende Rolle bei der Neugründung und der weiteren Entwicklung der Bibliothek: sie wirbt Bücherspenden ein, verfasst eine Nutzungsordnung und macht so die Bibliothek den Stiftsbewohnerinnen als Arbeits- und Studieninstrument wieder zugänglich. Die Priorität, die sie dieser Aufgabe beimisst, zeigt den hohen Stellenwert der Bibliothek im Stiftalltag und die Bedeutung von Büchern und Texten in der weiblichen Gemeinschaft von Gandersheim. In Memoriam Paul Raabe ( ) Von Cornelia N. Moore (University of Hawaii) Xenja von Ertzdorff-Kupffer (* ) Von Trude Ehlert (Würzburg)

6 6 REZENSIONEN Erzählen und Episteme. Literatur im 16. Jahrhundert. Hrsg. von Beate Kellner (u.a.) Berlin 2011 (Lukas Werner, Wuppertal) Claudius Sittig: Kulturelle Konkurrenzen. Studien zu Semiotik und Ästhetik adeligen Wetteifers um Berlin 2010 (Michael R. Ott, Frankfurt/M.) Misia Sophia Doms: Die Viel-Einheit des Seelenraums in der deutschsprachigen barocken Lyrik. Berlin 2010 (Martin Hense, Berlin) David Heyde: Subjektkonstitution in der Lyrik Simon Dachs. Berlin 2010 (Thomas Vogel, Ahaus) Fiammetta Palladini: Die Berliner Hugenotten und der Fall Barbeyrac. Orthodoxe und Sozinianer im Refuge ( ). Leiden 2011 (Herbert Jaumann, Greifswald/Neunburg)

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