Ulfried Weißer. Schluss mit dem Schuldenmachen!

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1 Ulfried Weißer Schluss mit dem Schuldenmachen! Aachen 2014

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3 Ulfried Weißer Schluss mit dem Schuldenmachen! Überschuldung und Privatinsolvenz lassen sich vermeiden Aachen 2014

4 Impressum Copyright 2014 Verlag Mainz In der Verlagsgruppe Mainz Alle Rechte vorbehalten Gestaltung, Druck und Herstellung: Druck & Verlagshaus Mainz GmbH Süsterfeldstraße 83 D Aachen Internet: Abbildungen Umschlag: Julian Stratenschulte ISBN-10: ISBN-13:

5 Einführung Wie kann ein Haushalt mit seinem Einkommen auskommen? Wie sind ständige Sorgen und Streitereien zu vermeiden, die sich um finanzielle Dinge drehen? Geben die Eltern in solchen Fällen den Kindern ein gutes Vorbild? Ist es für den Haushalt eigentlich sinnvoll, einen Gutteil seines Einkommens für die Sollzinsen der Bank zu zahlen? Welche Gegenleistung erhält er hierfür? Es lohnt sich, diese Dinge einmal in Ruhe und grundsätzlich zu durchdenken. Dahinter steht ein weit schwerwiegenderes Problem. Millionen Haushalte scheitern mit ihrer Finanzplanung, müssen eine Eidesstattliche Erklärung abgeben und werden von Amts wegen als zahlungsunfähig festgestellt. Sie haben ihren Kredit und ihren Ruf verspielt. Dies ist kein Unglück oder Schicksal, das jemanden unvorhersehbar überkommt. Sondern es gibt typische und vorhersehbare Verläufe, die zu diesem Absturz führen. Es geht um eingespielte Verhaltensweisen, die sich bei näherer Betrachtung als riskant und unvernünftig erweisen. Wer diese Gefahren kennt, kann durchaus vermeiden, in die Verschuldungsfalle zu tappen. Hierzu will dieses Buch eine praxisnahe Hilfe geben, nämlich das eigene Kauf- und Kreditverhalten kritisch zu überdenken. Es sollte nicht darum gehen, was sich eine Familie äußersten Falls leisten kann, wenn sie den Kreditrahmen ausschöpft oder überzieht. Sondern es geht darum, nur das zu kaufen, was wirklich benötigt wird. Auch bei einem mittleren oder bescheidenen Einkommen ist es durchaus möglich, Schulden zu vermeiden und stattdessen Rücklagen für Notfälle zu bilden, beispielsweise für den Verlust des Arbeitsplatzes. Die Konsumwerbung für Markenartikel und die Kreditwerbung der Banken werden mit wissenschaftlicher Unterstützung sehr geschickt geplant. Wer diese Strategien durchschaut, lässt sich nicht so leicht zu eigentlich überflüssigen Anschaffungen verführen. Er oder sie werden sich bei Käufen auf Ratenzahlung oder bei der Anschaffung eines Autos per Leasing eher zurückhalten. Ebenso ist es bei der Planung des Eigenheims, woran schon allzu viele Menschen gescheitert sind. In jedem Falle gilt es, im Konsumverhalten Vernunft walten zu lassen und sich nicht spontanen Wünschen oder kunstvoll erzeugten Illusionen hinzugeben. Cuxhaven, den 14. Februar 2014 Ulfried Weißer 5

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7 Inhalt Einführung 5 1. Teil Was bedeutet Überschuldung? 9 1. Eine Gefahr für jedermann Bin ich in der Schuldenfalle? Der Ruf ist ruiniert Zahlungsbereitschaft und -fähigkeit Mahnungen Die Auskunfteien Das unpfändbare Minimum Die private Insolvenz Autonom oder verführbar? In der unteren Einkommensschicht Die verpflichtende Tradition Teil Die Überschuldung in Zahlen Kredit ist ein Alltagsprodukt Zwischenfälle lösen Überschuldung aus Die Höhe der Schulden Große regionale Unterschiede Die besten Jahre Der Staat als Vorbild? Teil Die Gründe für die Überschuldung Arbeitslos bis Unfall Langfristig ist gefährlicher als kurzfristig Schuld oder Schicksal? Der Irrtum des Truthahns Die Planung vom GAU her Gefährliche Bürgschaft

8 7. Mietvertrag und Eigenheim Der Sprung in die Selbstständigkeit Die Haushaltsgründung Teil Werbung und Widerstand Testen Sie Ihr Schuldenrisiko! Der Haushaltsplan Die sozialen Milieus Die Markenartikel Die Generation Netzwerk Gegengifte Das ganz andere Einkaufen Der Kleingarten Einige Konsumstile Teil Einzelne Konsum-Motive Geltungskonsum Ein Auto per Leasing Ein Auto überhaupt Mietwohnung oder Eigenheim? Das passende Objekt Die Eigentumswohnung Der Altbau Die Zwangsversteigerung Die Flucht in die Sachwerte Das Glücksspiel Einkaufserlebnis und Konsumsucht Teil Die Gegenseite: Das Einkommen Der Habitus Berufswahl und Stellung im Beruf Die Ausbildung Die betriebliche Praxis Die soziale Kompetenz Die Bewerbung

9 1. Teil Was bedeutet Überschuldung? 1. Eine Gefahr für jedermann Die deutsche Bevölkerung lebt heute in einer Konsumgesellschaft. Bei der Frage, was ein gelingendes Leben ausmacht, geht es nicht zuletzt darum, ob der einzelne es zu etwas gebracht hat. Hat er ein sicheres Einkommen in der erstrebten Höhe? Können seine Familie und er sich etwas leisten? Aber nicht nur das Niveau des Einkommens und Konsums ist wichtig, sondern auch dessen Zusammensetzung. Jeder hat einen eigenen Lebensstil. Entweder einer versucht, sich an das allgemein Übliche anzupassen, oder er versucht im Gegenteil, etwas Besonderes und Eigenwilliges vorzustellen. In beiden Fällen geschieht dies überwiegend über die Verwendung des Einkommens: für Konsum oder Sparen, und innerhalb des Konsums über die Art der Waren und Dienstleistungen, die erworben werden: Das Gängige oder das Ausgefallene, das Bodenständige oder das Exotische oder wie auch immer sich einer inszeniert. Aber zunächst einmal geht es immer um die Frage, wie die Einzelperson oder die Familie mit ihrem Einkommen auskommen. Wenn einem dies nicht gelingt, wenn die Schuldenlast ihn erschlägt, dann ist er auf einem wichtigen Lebensgebiet gescheitert. Nicht zuletzt handelt es sich um eine pädagogische Aufgabe: Die Eltern versuchen, die Kinder so zu erziehen, dass sie mit ihren finanziellen Möglichkeiten verantwortungsvoll umgehen können. Dabei sind Erklärungen und Ermahnungen weniger wirkungsvoll als das Vorbild: Die Kinder werden sich im Zweifel etwa so verhalten, wie sie es von zuhause gewohnt sind und daher als normal empfinden. Vor allem geht es um die Frage, wie weit Erwachsene und Kinder sich durch die allgegenwärtige Werbung verführen lassen oder aber dem Konsumdruck widerstehen. Und zweitens geht es darum, ob sie in einer Krise entweder kopflos oder vernünftig abwägend reagieren. Leider misslingt dies in allzu vielen Fällen: Eine Person und damit ein Haushalt, eine Familie, wird offiziell als zahlungsunfähig festgestellt. Dies hat nicht nur zur Folge, dass sie ihre Schulden nicht mehr bezahlen und nichts mehr auf Ratenzahlung kaufen kann. Sondern hiermit verbunden ist der Verlust der persönlichen Autonomie, das heißt der Frei- 9

10 heit zu selbstständigen Entscheidungen in Finanzdingen und daher in der gesamten Lebensführung. Der Betroffene kann nicht mehr aus eigener Verantwortung vom Einkommen leben, das er erarbeitet, sondern ist von staatlichen Leistungen abhängig. Zunächst einmal sind diese Leistungen sehr gering, so dass der Überschuldete nur das Nötigste kaufen und kaum noch am sozialen Leben teilnehmen kann. Noch drückender ist oft das Gefühl, im Leben gescheitert zu sein und nicht mehr selbstbewusst, mit durchgedrücktem Kreuz, auftreten zu können. Hinzu kommt, dass der Ruf ruiniert ist. Im Schuldnerverzeichnis ist für jeden Interessierten nachzuschlagen, ob jemand überschuldet ist. In der Kleinstadt spricht es sich schnell bei den Bekannten und bei den Geschäftsleuten herum, wer zahlungsunfähig ist, und ihm wird nicht mehr der übliche Respekt entgegen gebracht. Aber auch in der Großstadt spricht sich dies bei den Bezugspersonen herum: In der Familie, in der Firma, im Verein und bei den Bekannten. Jedermann hat einen bestimmten Ruf, den es zu wahren gilt. Hierzu gehört es nicht nur, nicht in der Schuldnerliste zu erscheinen. Die Gefährdung des Rufes beginnt viel früher, nämlich wenn überhaupt finanzielle Verlegenheiten sichtbar werden. Daher gilt es, keinesfalls Freunde und Bekannte anzupumpen oder um einen Kredit zu bitten, auch nicht kurzfristig und um kleine Beträge. Ebenso ist es unbedingt zu vermeiden, beim Arbeitgeber um einen Vorschuss zu bitten. Vielmehr gilt es für jedermann, sein Leben so einzurichten, dass derartige Engpässe gar nicht erst auftreten. Es gilt also, immer im Auge zu behalten, wie sich Derartiges oder gar die Zahlungsunfähigkeit vermeiden lassen und welche Vorkehrungen frühzeitig zu treffen sind. Denn es ist durchaus möglich, so zu leben, dass nicht nur eine Überschuldung vermieden wird, sondern dass erst gar keine Schulden gemacht und darüber hinaus Rücklagen gebildet werden, die zur Überbrückung von Notfällen ausreichen. Im Prinzip geht es immer darum, zur Dingwelt, zur Welt der käuflichen Waren und Gegenstände aller Art, ein entspanntes Verhältnis zu gewinnen. Wer nur das kauft, was er wirklich braucht und was er sich leisten kann, wird kaum in Zahlungsverlegenheiten kommen. Hauptproblem ist, den tausend Verführungskünsten der Werbung zu widerstehen. Es ist durchaus möglich, auf den Kauf und Besitz der vielen Dinge, die man angeblich braucht, einfach zu verzichten. Es ist möglich, sich nicht durch spontane Kaufwünsche mitreißen zu lassen, sondern das gesamte Verhalten des Geldausgebens einer rationalen Kontrolle zu unterwerfen: vernünftig abzuwägen, was geht und was nicht geht. Jede Ausgabe wird eingehend überlegt und 10

11 im positiven Falle sofort, ohne Debatte bezahlt. Bei größeren Beträgen ist häufig ein prozentualer Preisnachlass (Skonto) möglich, wenn sofort bezahlt wird. Im idealen Falle geschieht dieser Zahlungsverkehr völlig geräuschlos: Das Reden über Geld braucht gar kein Thema zu sein. Dass hier ein gewaltiges Problem besteht, wird an einer einfachen Zahl deutlich: Rund zehn Prozent aller deutschen Haushalte sind pleite. Es ist offiziell festgestellt worden, dass sie dauerhaft nicht in der Lage sind, ihre Zahlungsverpflichtungen zu erfüllen. Der Prozentsatz dieser Haushalte ist seit Jahr und Tag etwa gleichbleibend mit geringen Schwankungen in guten und in schlechten Zeiten. Die Anzahl der Zahlungsunfähigen hängt nur geringfügig von der Konjunkturlage ab. Eher sieht es aus, als sei es eine Frage von Charakter und Persönlichkeit, ob jemand bei seinen Finanzen den Überblick behält. Jedes Jahr gibt es vor den deutschen Amtsgerichten rund 1,2 Millionen Offenbarungsverfahren: Nach erfolgloser Pfändung durch den Gerichtsvollzieher gibt jemand eine Eidesstattliche Erklärung über seine Vermögenslosigkeit ab. Es geht also nicht um einzelne besonders unbesonnene und leichtsinnige Personen, sondern es handelt sich um ein Massenproblem. Es betrifft nicht nur die Hartz-IV- Empfänger, sondern es kommt nur allzu oft in allen Bevölkerungsschichten vor. Jemand übernimmt sich beim Eigenheim, beim Autokauf, bei Ratenzahlungen und diversen Krediten, und ihm oder, etwas seltener: ihr - wachsen die Schulden über den Kopf. Die Betroffenen fallen allerdings nicht ins Bodenlose, sondern werden durch staatliche Hilfen aufgefangen. Sie brauchen nicht zu hungern, aber sie haben ihre Autonomie verloren: Sie können nicht mehr selbstbestimmt leben, sondern sind in eine Abhängigkeit geraten, müssen auf dem Amt ihre Situation schildern und hoffen, dass etwas bewilligt wird. Das Institut für Demoskopie Allensbach befragte im August 2013 genau Personen im Alter von 30 bis 59 Jahren im persönlichen Gespräch nach ihren Wünschen und Sorgen. Das Ergebnis war, dass Unabhängigkeit und Stabilität der eigenen Lebensbedingungen die Linien sind, an denen sich die mittlere Generation orientiert. Unabhängigkeit bedeutet wesentlich: finanzielle Unabhängigkeit und ausreichende finanzielle Absicherung. Das Institut für Grundlagen- und Programmforschung, München, weist auf, was dies bedeutet und welche schwerwiegenden Folgerungen zu befürchten sind: Überschuldung liegt vor, wenn nach Abzug der notwendigen Lebenshaltungskosten der verbleibende Einkommensrest nicht mehr 11

12 ausreicht, die eingegangenen Zahlungsverpflichtungen zu erfüllen und eine psychosoziale Destabilisierung gegeben ist. Auf der psychischen Ebene beginnt die Destabilisierung bei Scham, Selbstvorwürfen, Nervosität und Schlaflosigkeit und sie endet beim Suizid oder Tötungsaffekt. Auf der sozialen Ebene reicht die Spannbreite von wechselseitigen Schuldzuweisungen über Trennung bis hin zur Gewalttätigkeit und Isolation. Häufig kommen gesundheitliche Krisen hinzu. Es lohnt sich also für jedermann und jede Frau, darüber nachzudenken, wie sich der demütigende Zustand der finanziellen Ausweglosigkeit und daher der Abhängigkeit vermeiden lässt. Denn es handelt sich nicht um ein Schicksal, das plötzlich über die Betroffenen hereinbricht. Sondern es gibt typische Wege zum allmählichen Verlust der Kontrolle über Einnahmen und Ausgaben. Es trifft nicht zufällig irgendjemanden, sondern ganz überwiegend ganz bestimmte Persönlichkeiten mit einer ganz bestimmten Lebensführung und einer entsprechenden Einstellung zum Konsum, zum Eingehen von Risiken und zum Bezahlen von Rechnungen. Bei einem vernunftgesteuerten planenden Verhalten hingegen lässt sich ein persönliches finanzielles Scheitern in den meisten Fällen durchaus vermeiden, auch bei einem eigentlich zu niedrigen Einkommen. Wie sich die Situation der Betroffenen darstellt, wird von der Allgemeinen Schuldnerhilfe Essen e.v. anschaulich geschildert: Schulden sind tückisch. Meistens merken es Betroffene nicht, wenn sie im Begriff sind, sich hoffnungslos zu überschulden. Erst wenn es zu spät ist, wenn sie den Überblick längst verloren haben, wenn sie keinen Ausweg mehr sehen - kommt es zu einem Schock. Manche Menschen sind dann aufgebracht, andere resignieren und flüchten sich schlimmstenfalls in Depressionen oder Sucht. Am Ende bleibt jedoch nur ein Ausweg: die aktive Verarbeitung! 12 Ihre Situation: Sie wissen nicht mehr, wie es weitergehen soll? Sie mögen die Post gar nicht mehr aufmachen? Zahlungsaufforderungen sowie Mahnungen häufen sich? Ihre vereinbarten Raten sind doch zu hoch angesetzt? Es sind zu viele Zahlungen bzw. Raten an unterschiedliche Gläubiger? Ihr Konto ist gepfändet oder Sie stehen kurz vor einer Lohnpfändung? Ihr Konto ist überzogen? Die Kreditkarte ist ausgeschöpft? Und die EC-Karte gesperrt?

13 Der Gerichtsvollzieher steht vor der Tür? Sie sind zahlungsunfähig oder überschuldet! Spätestens jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, an dem Sie Ihr Leben in die Hand nehmen sollten, um an der jetzigen Situation etwas zu ändern. Es gibt immer wieder dieselben Schritte, die in die Zahlungsunfähigkeit führen: (1) Es wird zu viel eingekauft, das heißt mehr, als aus dem Einkommen finanziert werden kann. Meist geht es um ungeplante Spontankäufe und Käufe auf Ratenzahlung. Hinzu kommen Handy-Verträge, Leasing-Verträge, die Abzahlung für das Haus und weitere ständige Verpflichtungen. Der freie verfügbare Rest des Einkommens wird immer geringer. (2) Die Verschuldung bei Bank und diversen Gläubigern steigt an, ohne dass der Betroffene dies bemerkt. Der Überblick geht verloren. (3) Mit einem Male ist die Verschuldungsgrenze erreicht, aber alle laufenden Verpflichtungen gehen weiter und können nicht mehr abgedeckt werden. (4) Nach diesem Schock kommt ein ausweichendes Verhalten: Briefe nicht mehr öffnen, Flucht in die Resignation. (5) Nur wenn der Betroffene alle Kräfte zusammennimmt und sich einen Ruck gibt, schafft er aus dieser Situation heraus den Sprung in die aktive Bearbeitung des Problems. Am Anfang steht die Werbung für Traumhaus, Traumauto und Traumurlaub. Angeblich ist es völlig problemlos, mit Kreditkarte zu bezahlen oder einen Bankkredit zu bekommen. Der Kunde lässt sich verführen, wie die Maus vom duftenden Stückchen Speck in der Mausefalle verführt wird und anfängt zu knabbern. Völlig überraschend klappt die Falle zu. Dabei gibt es durchaus warnende Hinweise und Alarmzeichen. Aber sie werden leicht übersehen, weil sie nur leise daherkommen. Vermeintlich bewegt sich alles noch im normalen Rahmen. Die Targo-Bank, auf Absatzfinanzierung spezialisiert, hat eine solche Liste zusammengestellt: Bin ich in der Schuldenfalle? Rechnungen stapeln sich, das Einkommen reicht hinten und vorne nicht. Wer nicht gegensteuert, endet früher oder später in der Schuldenfalle. Sind Sie betroffen? Die folgenden 10 Fragen liefern deutliche Anhaltspunkte. Wer mindestens zwei Fragen mit Ja beantwortet, gilt als gefährdet. 1. Bekommen Sie Mahnungen? 13

14 14 2. Bezahlen Sie die meisten Rechnungen erst nach dem Fälligkeitstermin? 3. Ist Ihr Einkommen zu niedrig, um alle Rechnungen zu bezahlen? 4. Überschreiten Sie regelmäßig die Kreditlinie ihres Dispositionskredits? 5. Haben Sie einen Kredit aufgenommen, um das ständige Minus auf Ihrem Girokonto auszugleichen? 6. Müssen Sie jeden Monat mehr als 20 Prozent Ihres Nettoeinkommens für die Rückzahlung von Krediten (ohne Miete und Immobilienkredit) aufbringen? 7. Hat eine Bank Ihren Kreditantrag abgelehnt? 8. Ist Ihnen der genaue Betrag Ihrer Gesamtschulden unbekannt? 9. Benutzen Sie gleichzeitig mindestens drei Kreditkarten? 10. Wurde Ihre Kreditkarte abgelehnt, weil die Höchstgrenze erreicht war? Jedes einzelne dieser Merkmale ist nicht schlimm. Beispielsweise kann jeder einmal eine Mahnung bekommen, wenn er vergessen hat, eine Rechnung zu bezahlen. Und die bloße Überschreitung des Dispo ist auch nicht schlimm, sondern wird von den Banken gewöhnlich geduldet, zumal hier für die Bank hohe Zinseinnahmen anfallen. Gleichwohl soll der Alarm ausgelöst werden, wenn nur zwei dieser zehn Merkmale gegeben sind. Denn hieran ist ablesbar, dass der Betroffene nicht mehr auf sicheren Beinen steht, sondern schon ins Gleiten und Rutschen gekommen ist. Und zwar auf einer abschüssigen Bahn. Aber noch ist es nicht zu spät. Wird der Alarm erkannt, so kann der Betroffene sich fest vornehmen, sondere keine Ratenkäufe mehr einzugehen, welcher Reihenfolge sie abzulösen sind. In der Presse ist in diesen Fällen von der Überschuldung die Rede. Damit wird der Eindruck erweckt, als habe der Privatmann ähnlich wie ein Unternehmer eine Bilanz aufzustellen, worin auf der einen Seite die Vermögensgegenstände aufgeführt sind, auf der anderen Seite die Verpflichtungen. Überschuldung hieße dann, dass zum Stichtag die Schulden höher sind als das Vermögen. Aber um eine solche Bilanz geht es nicht. Vielmehr geht es bei der Überschuldung um die Zahlungsunfähigkeit. Konkret bedeutet dies: Die Stromrechnung wird nicht bezahlt, der Strom wird abgeklemmt. Die Miete wird nicht bezahlt, der Mietvertrag wird vom Vermieter gekündigt. Es heißt auszu-

15 ziehen. Notfalls wird die Wohnung zwangsweise geräumt. Oder eine Familie hat sich beim Hausbau übernommen und kann die Raten nicht mehr bezahlen. Schließlich geht das Haus in die Zwangsversteigerung und muss ebenfalls geräumt werden. Oder die Raten für das Auto, die Wechsel, werden nicht eingelöst und platzen. Oder die Leasingraten werden nicht bezahlt. Der Wagen wird abgeholt. Ähnlich ist es, wenn diverse Einrichtungsgegenstände, meist der Unterhaltungselektronik, nicht mehr bezahlt werden können. Früher kam in diesen Fällen ein Gerichtsvollzieher und klebte ein Pfandsiegel, volkstümlich Kuckuck genannt, unter die Gegenstände. Dies ist heute seltener geworden, denn der Gerichtsvollzieher soll ja die gepfändeten Gegenstände verwerten. Aber gebrauchte Möbel sind heute praktisch unverkäuflich und wertlos. Stattdessen ist es jetzt üblich, das Bankkonto zu pfänden. Dies wird natürlich in der Bank bemerkt und hat Folgen für die Kreditwürdigkeit. Schnell gilt einer als Problemkunde, der das Konto nicht mehr überziehen darf oder dem überhaupt die Führung eines Kontos verweigert wird. Oder beim Arbeitgeber wird der Lohn oder das Gehalt gepfändet. Dies hat ebenfalls Folgen für den Ruf des Betroffenen. In nicht wenigen Firmen ist es üblich, ihn daraufhin zu kündigen, wenn er irgend entbehrlich scheint. Wenn hierdurch sein Arbeitseinkommen fortfällt, sitzt er endgültig in der Schuldenfalle. Er kann nur mit großer Mühe und äußerster Disziplin in das bürgerliche Leben zurückkehren. Ein unvergessliches Erlebnis ist eine Taschenpfändung. Als der Betroffene auf dem Parkplatz aus dem Auto steigt, kommt eine Amtsperson auf ihn zu: Darf ich mal Ihre Brieftasche sehen? Der Offizielle nimmt einige Scheine heraus und gibt die Brieftasche mit einer Quittung und dem Kleingeld zurück. Die in der Nähe stehenden Freunde und Bekannten bekommen dies mit und stellen Fragen. Oder, noch schlimmer, sie stellen keine Fragen. Sie waren davon ausgegangen, dass dergleichen irgendwann kommen werde. Einige von ihnen waren schon um einen Kredit gebeten (angepumpt) worden, was den Angepumpten oft peinlicher ist als dem Mann, der gerade in Verlegenheit ist. Als verwunderlich empfindet es der Vorgesetzte oder der Personalleiter, wenn ein Mitarbeiter ohne besonderen Anlass um einen Vorschuss bittet. Jedermann hat in der Firma sowie bei Freunden und Bekannten einen bestimmten Ruf, ein Image. Im günstigen Fall gilt einer dort als ordentlicher Mensch, das heißt als einer, der keine krummen Touren macht und auf den man sich verlassen kann. Dieser Ruf wird nur allzu leicht verspielt, wenn Geldverlegenheiten sichtbar werden. 15

16 2. Der Ruf ist ruiniert Wer seine Schulden nicht mehr bezahlen kann, hat nach Paragraph 802 c der Zivilprozessordnung eine Eidesstattliche Erklärung über seine Vermögensverhältnisse abzugeben. Früher war dies als Offenbarungseid bekannt. Wird diese Erklärung verweigert, so kann Haft angeordnet werden, um die Erklärung zu erzwingen. Diese Eidesstaatliche Erklärung bleibt nicht geheim, sondern ist auf Schuldnerlisten und in zentralen für jedermann oder zumindest für jeden Geschäftsmann zugänglichen Registern festgehalten. Es hat die Wirkung eines öffentlichen Prangers, der Ruf ist ruiniert. Diesen Haushalten bleibt zum Leben nur das unpfändbare Minimum. Alles andere wird gepfändet. Wenn sie versuchen, etwas auf Raten zu kaufen oder einen Kredit zu erhalten, müssen sie mit einer Anzeige wegen Betruges rechnen. Denn durch den Kauf oder durch den Kreditantrag erwecken sie ja den Schein, als ob sie diese Schulden begleichen könnten. Dies ist aber nicht der Fall. Wer dies versucht, täuscht sein Gegenüber. Es spricht sich schnell herum, wer auf der Schuldnerliste steht und auf diese Weise seinen guten Ruf verspielt hat. Bekannte und Verwandte ziehen sich merklich zurück, nicht nur, aber besonders, wenn sie um einen Überbrückungskredit gebeten wurden. Wer finanziell ruiniert ist, gilt als untragbar für Ehrenämter. Denn noch heute setzen, wie schon das Wort besagt, die Ehrenämter eine Ehre voraus, das heißt einen möglichst untadeligen Ruf. Dies gilt beispielsweise für das Vorstandsmitglied eines Vereins. Wird bekannt, dass jemand seine Schulden nicht bezahlen kann, so wird ihm nahegelegt, das Vorstandsamt nieder zu legen. Spätestens bei der nächsten routinemäßigen Vorstandswahl muss er feststellen, dass er von niemandem mehr vorgeschlagen wird, obwohl er doch jahrelang für den Verein tätig war. Wegen seiner beengten finanziellen Verhältnisse kann der Schuldner an vielen gesellschaftlichen Veranstaltungen nicht mehr teilnehmen. Und wenn er kommt, wird er mehr oder minder als Verlegenheitsgast behandelt. Er gerät also in eine gesellschaftliche Isolation, hat weniger Kontakte als früher. Die verbleibenden Kontakte werden oberflächlicher, finden nur aus alter Freundschaft oder aus Höflichkeit statt. Wer als pleite bekannt ist, wird nicht mehr um Rat gefragt, weil er sich ja anscheinend nicht einmal sich selbst helfen konnte. Er muss bemerken: Der Respekt, auf den doch jeder einen Anspruch hat, wird ihm nicht mehr wie früher entgegen gebracht. Die Leute, die Geld haben, werden anders behandelt als diejenigen, die Geld brauchen. 16

17 Professor Dr. Franz-Rudolf Esch, Firma ESCH. The Brand Consultants, Saarlouis, drückt es so aus: Die Targobank hat aufgrund ihrer Wurzeln der Citibank eine spezielle Klientel. Man kann einfach unterscheiden zwischen Have-Money-Kunden und Need-Money-Kunden. Die Targobank bedient primär die Need- Money-Kunden. Jemand, der einen Kredit braucht, braucht auch häufig den zweiten, den dritten usw. Und weil das so ist, gibt es bei diesen Leuten oft das Gefühl mangelnder Wertschätzung, mangelnden Respekts. Die werden nicht ordentlich behandelt. Die müssen schauen, dass sie überhaupt einen Kredit bekommen. Der missliche Zustand der Zahlungsunfähigkeit tritt nicht einfach plötzlich ein, sondern ihm geht ein monatelanges Ringen voraus. Verzweifelt versucht der oder die Betroffene, das Schicksal abzuwenden und zu Geld zu kommen. Wertsachen werden verkauft. Neue Verdienstmöglichkeiten werden gesucht. Die Gläubiger werden um Zahlungsaufschub gebeten und mit Versprechungen hingehalten. Oft wird ein Überbrückungskredit in Anspruch genommen, um die bisherigen Schulden zu bezahlen. Aber dieser neue Kredit hat wegen des erhöhten Risikos einen höheren Zinssatz als der alte und gewährt nur für kurze Zeit einen Aufschub. Durch Mahngebühren und Sollzinsen wird der Schuldenberg immer größer. All dies führt im privaten Bereich, speziell der Ehe, zu erbitterten Auseinandersetzungen. Der dauernde Streit in der Familie und die entsprechende Nervenbelastung führen zu einer seelischen Destabilisierung des Haushalts, zu einem erhöhten Alkoholverbrauch und nicht selten zur Ehescheidung. Besonders leiden, wie immer in solchen Fällen, die Kinder. Die Trennung reißt weitere Finanzlöcher auf, denn zwei Haushalte mit zwei Mieten sind natürlich teurer als einer. Am schlimmsten ist das Gefühl, in einer zentralen Lebensfrage versagt zu haben, gescheitert zu sein. Dies verursacht diverse psychosomatische (seelisch verursachte) Krankheiten. Ängste, Hoffnungslosigkeit, ein Gefühl der Überforderung, Selbstvorwürfe, Depressionen führen schlimmstenfalls gar zum Selbstmord, wenn kein anderer Ausweg mehr gesehen wird. Denn auf das finanzielle Scheitern folgt nur allzu häufig ein gesellschaftliches und gesundheitliches Scheitern. Dabei bemisst sich die Fallhöhe nach dem vorher eingenommenen Niveau. Der Absturz ist für Bezieher mittlerer oder hoher Einkommen in respektabler Lebensstellung bedeutend schmerzhafter als für jemanden, der schon vorher in bescheidenen Verhältnissen lebte, beispielsweise von Sozialleistungen. Aber gerade 17

18 bei den Beziehern niedriger Einkommen, in den sogenannten einfachen Verhältnissen, ist oft das Ehrgefühl, das Bestreben, als ordentlicher Mensch zu gelten, besonders ausgeprägt. Etwa jeder zehnte Haushalt in Deutschland ist der Aufgabe, mit dem Einkommen auszukommen, nicht gewachsen. Er ist insofern aus dem bürgerlichen Leben, aus der Gemeinschaft selbstständig wirtschaftender und für sich selbst verantwortlichen Menschen, herausgefallen. Gern wird dies damit entschuldigt, es handele sich um einen Schicksalsschlag, ein unvorhersehbares Unglück. Dergleichen könne jeden treffen. Da könne man halt nichts machen. Hier stoßen wir auf einen uralten, aber heute immer noch weit verbreiteten Gedanken: Dass nämlich das Leben des Menschen aus einer Kette von schicksalhaften Fügungen bestehe, die der Mensch lediglich passiv entgegen nehmen könne. Keiner wüsste halt, was ihm und allen anderen beschieden sei. Das müsse man abwarten. In früheren Jahrhunderten hieß es, man müsse auf Gott vertrauen, der alles lenkt. Es stehe daher dem Menschen nicht zu, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. In dieser Form sagt dies heute niemand mehr, aber geblieben ist bei nicht wenigen Menschen eine fatalistische Grundhaltung: dass der Mensch die Wechselfälle des Lebens ertragen müsse wie das Wetter, an dem er ja auch nichts ändern könne. Wer in dieser Art meint, die Zahlungsunfähigkeit sei schicksalhaft über ihn hereingebrochen, wird sich natürlich schwer tun, aktiv etwas zu unternehmen, um diesen Zustand zu beenden. Ebenso schwer wird er sich bereits vorher tun, es gar nicht so weit kommen zu lassen. Eng verwandt mit diesem Schicksalsglauben ist der Glaube, die Zukunft stehe bereits fest, und der Mensch sei nur nicht in der Lage, sie zu erkennen. Hier handelt es sich um einen Irrtum der Sichtweise, der Perspektive: Wer in die Vergangenheit zurück schaut und die Ereignisse Revue passieren lässt, gewinnt leicht den Eindruck, als sei alles ganz folgerichtig verlaufen: Es kam, wie es kommen musste. Hieraus resultiert dann leicht die Meinung, als werde sich die Zukunft ganz folgerichtig aus der Gegenwart entwickeln und werde einen ganz bestimmten schon jetzt feststehenden Verlauf nehmen. Wenn dies wirklich so wäre, müsste sich allerdings die Zukunft aus der bisherigen Entwicklung voraus berechnen lassen. Dies hat noch niemand fertig gebracht. Die großen Ereignisse, etwa den Zusammenbruch der DDR oder den Siegeszug des Internet, hat niemand vorhergesehen. Ebenso wenig lassen sich künftige Erfindungen vorhersehen. Denn wenn das einer könnte, dann würde er die Erfindung ja schon jetzt machen. 18

19 Wer gleichwohl der Meinung ist, die künftige Entwicklung stünde bereits fest, wird dazu neigen, sich einfach dem Lauf der Zeit anzuvertrauen und die künftigen Ereignisse abzuwarten: Er möchte mit seinen Angehörigen doch mal sehen, was die Wundertüte alles für ihn bereithält. Auch diese passive Haltung ist in Finanzfragen völlig unangebracht. Dieser Glaube an eine bereits feststehende Zukunft ist objektiv falsch, ist Unsinn. Was aus der einzelnen Persönlichkeit wird, hängt von ihr selbst ab, ihren Taten, ihren Entscheidungen. Jeder für sich ist aufgerufen, sinnvoll zu handeln und verantwortlich zu entscheiden. Diese Verantwortung kann er nirgendwo abliefern, kann ihr nicht entfliehen. Dies gilt auch für die tausend kleinen Entscheidungen des Alltags, beispielsweise für die Konsumentscheidungen oder die Wahl zwischen Ausgeben oder Sparen. Hier müssen alle stets im Hinterkopf behalten, dass jeder sich auf einem bestimmten Weg befindet, der entweder aufwärts oder abwärts führt. Jeder selbst ist gefordert. Niemand sonst kann ihm diese Entscheidungen abnehmen. Ein jugendlicher und ein erwachsener Mensch, die nach Autonomie streben und für ihr Schicksal selbst verantwortlich sind, haben nicht passiv die vermeintlich schicksalhaften und vorbestimmten Ereignisse entgegen zu nehmen, sondern haben aktiv vorzusorgen, dass diese nicht eintreten. Und wenn sie unvermeidlich doch eintreten, muss jedermann gerüstet sein, so dass sie ihn nicht aus der Bahn werfen, sondern zu bewältigen sind. Hierfür müssen frühzeitig Rücklagen gebildet werden. Die Blitzableiter werden immer gebaut, wenn der Himmel noch klar ist. Im Falle der Überschuldung wird gern auch argumentiert, mit dem geringen Einkommen sei ganz einfach nicht auszukommen, es reiche einfach nicht. Tatsächlich handelt es sich nur zum wenigsten um eine Frage der Höhe des Einkommens, denn die Überschuldung kommt bei den mittleren Einkommen fast ebenso häufig vor wie bei den niedrigen. Vielmehr handelt es sich um eine Frage der Einstellung zu Gelddingen: entweder standhaft oder verführbar, entweder spontan entschlossen, ohne Gedanken an spätere Folgen, oder langfristig planend. Die Pleite lässt sich vermeiden, aber hierzu ist bei den Gefährdeten, die ständig in Geldverlegenheiten sind, eine Umstellung des ganzen Lebensstils notwendig. Es geht um einen Abschied von liebgewordenen Gewohnheiten. Dies ist nicht leicht und nur mit einiger Anstrengung möglich, nämlich mit einem prinzipiellen Umdenken. Die grundsätzliche Änderung des Lebensstils umfasst den Konsum, das Einkaufsverhalten. Sie umfasst die Art, Verpflichtungen aller Art einzugehen. Noch weit mehr Disziplin als das vorbeugende Verhalten erfordert es, aus der einmal 19

20 konstatierten Zahlungsunfähigkeit, aus dem Sumpf, wieder heraus zu kommen auf trockenen Boden. Die nachfolgenden Überlegungen sollen hierzu eine Hilfe bieten. Wie kann man es anstellen, gar nicht in die Nähe dieses Sumpfes zu gelangen? 3. Zahlungsbereitschaft und -fähigkeit Die Zahlungsmoral ist die Bereitschaft und Fähigkeit von Schuldnern, ihren Zahlungspflichten uneingeschränkt nachzukommen. Für Außenstehende ist jedoch diese Moral, die innere Einstellung ihrer Mitmenschen, nicht sichtbar. Sie orientieren sich nicht an der Einstellung, sondern am Verhalten, nämlich am Zahlungsverhalten und ganz konkret an den Buchungen: Wie viele Tage vergehen vom Versand der Rechnung bis zum Eingang des Geldes auf dem Konto? Dies hängt von zwei Faktoren ab: der Zahlungsbereitschaft und der Zahlungsfähigkeit. Zunächst einmal geht es also um die Bereitschaft, das heißt die subjektive Seite, den Willen und die Entschlusskraft. Schon hier gibt es bei einigen Menschen schwerwiegende Probleme. Nicht wenige Personen aller sozialen Schichten und Altersstufen haben Schwierigkeiten, die gewöhnlichen Alltagspflichten zu meistern. Sie sind unordentlich und neigen dazu, alle möglichen Termine zu verschieben, Pflichten auszuweichen, Ausreden zu erfinden und Verpflichtungen zu verdrängen. Die Wohnung ist nicht aufgeräumt. Briefe werden beiseitegelegt und bleiben ungeöffnet liegen. Schriftliche und telefonische Mahnungen werden nicht beachtet. Man nimmt sich vor, nächstens das Notwendige zu erledigen, und kommt doch nicht dazu. Im Extremfall kann dies im Messie-Syndrom enden: Es wird nichts weggeworfen, bis die Wohnung aussieht wie eine Müllhalde. Es wird recht konfus viel eingekauft, oft der gleiche Gegenstand mehrfach. Aber er wird nicht benutzt und bleibt äußerstenfalls unausgepackt liegen. Die psychische Störung liegt darin, dass wertlosen Dingen eine unangemessen hohe Wertschätzung zuteilwird. Rein verstandesmäßig weiß man, dass eine Überschuldung droht und dass es so nicht weiter gehen kann. Aber diese Einsicht wird verdrängt. Man hofft, dass es sich schon irgendwie hinziehen und nicht so schlimm werden wird. Eine bloße Ermahnung, endlich aufzuräumen und die fälligen Dinge zu erledigen, nützt in diesen Fällen nichts. Dergleichen wird nur als lästige Bedrohung empfunden mit der Folge, dass sich der oder die Betroffene noch mehr hinter seinen Schutzwall zurückzieht. Hier hilft also nur eine psychotherapeutische Behandlung. 20

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