Unsere Thesen für das Evangelium Herausforderungen und Methoden

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1 Unsere Thesen für das Evangelium Herausforderungen und Methoden

2 Der Glaube an Jesus Christus macht frei heute wie 1517 Eine Feier, die der historischen Bedeutung der Reformation gerecht werden soll, erfordert ein Nachdenken über das Befreiungspotenzial des reformatorischen Denkens in Bezug auf die Fragen, die sich heute stellen. Es geht darum, die befreiende und überzeugende Botschaft des christlichen Glaubens in unseren Lebensumständen neu zu entdecken. Mit dem Denken der Reformatoren wurde das traditionelle Verständnis des Beziehungsdreiecks zwischen Gott, dem Menschen und der Welt bzw. der Schöpfung umgestaltet: Um gerecht zu werden, ist weder eine Zusammenarbeit noch eine Konkurrenz zwischen Gott und dem Menschen möglich 1 : Nur der Glaube an die unverdiente und bedingungslose Liebe Gottes ist erforderlich, um als «Gerechter» zu leben, im Volk Gottes sind alle Gläubigen gleichwertig, und die Kirche ist die von Gott eingesetzte Gemeinschaft, um miteinander zu leben und Zeugnis zu geben Lassen wir uns von der Tat inspirieren, die Martin Luther vor 500 Jahren vollbracht hat: Wie lauten heute unsere «Thesen» für das Evangelium? Was bedeutet es für uns, auf Jesus Christus zu vertrauen? Wie können wir sein Evangelium heute leben und verkünden? Was verändert es in unserer Begegnung mit den Nächsten und mit uns selber? Inwiefern gibt es unserem persönlichen und gemeinschaftlichen Leben sein Salz, sein Licht, seinen Sinn? Welche Botschaften muss die Kirche an die Welt von heute richten? Wir und die Welt Im Jahr 1517 war die Geste von Martin Luther von öffentlicher Tragweite. Auch im Jahr 2017 wollen wir mit «Unsere Thesen für das Evangelium» öffentlich wahrgenommen werden. Die Herausforderung 1 Vgl. Lord Rowan William of Oystermouth, «Das Erbe der Reformation», in: BOSSE-HUBER, Petra; FORNEROD, Serge; GUNDLACH, Thies; LOCHER, Gottfried Wilhelm (Hg.), 500 Jahre Reformation: Bedeutung und Herausforderungen. Internationaler Kongress zum Reformationsjubiläum 2017, Zürich: TVZ, 2014, S. 56

3 könnte wie folgt beschrieben werden: Wie können wir den christlichen Glauben in einer pluralen Welt bezeugen? Oder anders gesagt: Wie können wir über unseren Glauben nachdenken, ohne uns von der Aussenwelt abzuschotten? Diese Spannung zwischen innen und aussen ist ein wesentlicher Bestandteil des Projekts «Unsere Thesen für das Evangelium»: 500 Jahre später sind wir aufgerufen, die Grundlagen unseres Glaubens neu zu formulieren; das ist der innere Aspekt, der darauf ausgerichtet ist, uns den christlichen Glauben, wie ihn die Reformation formuliert, neu anzueignen und zu verstärken. Ein solches Vorgehen findet aber weder im Labor noch im Elfenbeinturm statt, sondern in der Welt, in der wir leben und an die wir unsere Botschaft richten wollen. Das ist der äussere Aspekt. Beide Aspekte sind untrennbar miteinander verbunden und in uns gegenwärtig, aber sie dürfen nicht verwechselt werden. Der Prozess und das Ergebnis «Unsere Thesen für das Evangelium» verfolgen zudem einen doppelten Zweck: Einerseits ist das Interesse an einem Ergebnis in Form von Glaubensaussagen klar vorhanden. Andererseits ist auch der Prozess des Nachdenkens in den Kirchgemeinden, in den Kantonalkirchen und im Kirchenbund an und für sich schon ein wichtiges Ergebnis.

4 Die Umsetzung Das Projekt «Unsere Thesen für das Evangelium» ist so konzipiert, dass es sich den verschiedenen Umständen und Prioritäten der Kantonalkirchen und Kirchgemeinden anpassen lässt. In der Dynamik der inneren und äusseren Aspekte bieten sich zwei Optionen an, die einander idealerweise ergänzen sollten: 1. Betonung der evangelischen Identität der Kirchgemeinde in einem Prozess des inneren Nachdenkens, der mit dem aktiven Kern der Kirchgemeinden und auf kantonaler Ebene mit dem Konvent, dem Synodalrat und der Synode durchgeführt wird. In dem Sinn ergreifen die Kirchgemeinden sowie die Kantonalkirche die Gelegenheit, um die Glaubensidentität der Kirche neu zu entwerfen und den inneren Zusammenhalt zu stärken 2. Hier besteht die Schwierigkeit darin, Brücken gegen aussen zu schlagen und diese Aussagen so zu formulieren, dass sie zum Dialog mit den Leuten ausserhalb des Stammpublikums einladen. 2. Betonung der Begegnung mit der Aussenwelt, um sich in der pluralistischen Gesellschaft sowohl auf Kirchgemeinde- wie auf Kantonalkirchenebene als reformiert zu profilieren. In dieser Optik ergreifen die Kirchgemeinden sowie die Kantonalkirche die Gelegenheit, auf all jene zuzugehen, die nicht zum aktiven Kern der Gemeinde gehören, um sie anzusprechen und sich ihrerseits von ihnen auf existenzielle Fragen hin ansprechen zu lassen 3. Hier besteht die Schwierigkeit darin, mit mehr oder weniger vorgefassten Positionen, die in der Kirche nicht unbedingt gefestigt oder offiziell anerkannt sind, in diesen Dialog einzusteigen. 2 Aus methodischer Sicht sind also Erwachsenenbildungsanlässe, Angebote für Jugendliche und Konfirmanden, Hauskreise, Retraiten für Amtsträger, Plenums- oder Gesprächssynode, usw. ins Auge zu fassen. 3 Aus methodischer Sicht sind also Anlässe oder Aktionen vorzusehen, die ein breites Publikum anvisieren: Debatten mit Politikern, ökumenische und interreligiöse Treffen, Kulturanlässe, Flashmobs, usw.

5 Die erste Option ist vor allem auf das Nachdenken über den Text der Bibel ausgerichtet. Im Zentrum der zweiten Option steht hingegen die Diskussion um eine der Fragen, die als Aufhänger dienen. In beiden Fällen ist es wichtig, dass das Vorgehen nicht in der ersten Etappe steckenbleibt. Bei beiden Optionen dürfte es schwierig sein, schliesslich zu klaren und prägnanten Aussagen oder Thesen zu gelangen, die den traditionellen oder althergebrachten Aussagen neue Farben verleihen.

6 Die Herausforderungen Nachstehend schlagen wir Ihnen sechs Hauptthemen des reformatorischen Denkens vor, die bei den Fragestellungen und Versuchen einer zeitgenössischen Neuformulierung innerhalb der Kirche gewissermassen das Herzstück bilden Wie lässt sich die Botschaft der Rechtfertigung allein durch den Glauben an Jesus Christus mit heutigen Worten verkünden? 2. Wie können wir heute, in einer Welt, für die es kein Jenseits mehr gibt, von Gott reden, der in der Geschichte Mensch wird, ohne darin aufzugehen? 3. Wie können wir heute ohne Schuldzuweisung, sondern in einer befreienden Weise von Sünde sprechen? 4. Wozu dient die Kirche? Wie können wir begreiflich machen, dass man nicht alleine glauben kann? Wie können wir dem allgemeinen Priestertum aller Gläubigen eine gemeinschaftliche und kirchliche Dimension geben? 5. Wie können wir die Rechtfertigung durch den Glauben vor einer moralisierenden und verkürzten Interpretation der Gerechtigkeit in Schutz nehmen? Welche Verantwortung erwächst aus der Rechtfertigung? 6. Wie können wir heute in befreiender Weise vom Gericht Gottes sprechen in einer Welt, in der jeder immer Recht hat und tun kann, was er will? 4 Vgl. Ulrich Körtner, «Exklusiver Glaube Das vierfache "Allein" reformatorischer Theologie», in: BOSSE- HUBER, Petra; FORNEROD, Serge; GUNDLACH, Thies; LOCHER, Gottfried Wilhelm (Hg.), ibid., S

7 Praktische Anleitung Die Broschüre «Mit 40 Themen auf dem Weg», die der Kirchenbund von der Eglise Protestante Unie de France übernommen hat, schlägt 40 Fragen vor, die kurz kommentiert und mit biblischen Verweisen ergänzt werden. Diese Broschüre kann als Denkanstoss dienen, um herauszufinden, was reformiert sein heute in der Schweiz bedeutet. Nachstehend schlagen wir Ihnen eine Aufteilung der 40 Themen in fünf Themenblöcke vor: Glaube an Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist 23 : Der Heilige Geist: Sturm oder Windhauch? 24 : Die Dreieinigkeit: 3D-High-Fidelity? 26 : Jesus Christus, Jesus der Herr, der Menschensohn, der Meister, der Diener, der Sohn Gottes Und welche Bezeichnung setzen wir nach Jesus? 29 : Der Himmel, wo ist er? 39 : «Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.» Welche Götter werden heute verehrt? Wort Gottes und menschlicher Glaube 1 : Höre! Gott spricht zu uns Wo? Wann? Wie? 2 : Die Bibel lesen: Warum? Was bringt s? 10 : Wann hat Gott mir zum letzten Mal ein Zeichen gegeben? 14 : Keine Angst mehr vor dem Jüngsten Gericht? Umso besser! Doch welches Urteil zerbricht oder lähmt uns heute? 15 : Jesus, unser Retter! Retter wovor? 16 : Die Auferstehung was ist das? 21 : Von grünen Weiden, Hochzeitssälen, einer strahlenden Stadt und einem Festmahl spricht die

8 Bibel, um das Reich Gottes zu beschreiben. Und wie sehen wir dieses Reich? 22 : Vollbringt Jesus noch Wunder? 30 : Ist Unglück eine Strafe Gottes? 33 : «Die Letzten werden die Ersten sein»? Wie bitte? 35 : Kann man Gott loben, ohne eine Gegenleistung zu erwarten? 37 : Was verändert Jesus in meinem Leben? Zeugnis geben, widerstehen, vermitteln 6 : Wogegen muss man heute im Namen des Evangeliums Widerstand leisten? 7 : «Steh auf und geh nach Hause!» Was sagt das einem Menschen in einem Armenviertel, in einem Pflegeheim, was sagt es meinem Familienmitglied? 11 : «Nimm ein Kind an deine Hand / Führ es in» Wohin? 12 : Weshalb fällt es mir schwer, von Jesus Christus zu sprechen? 13 : «Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen», doch Paulus schrieb: «Das Schwache dieser Welt hat Gott erwählt». Allmächtig? Schwach?

9 32 : Sola gratia, sola fide, sola scriptura, solus Christus, ecclesia reformata semper reformanda, soli deo gloria : Auf gut Deutsch? 38 : «Das Evangelium für Dummies» - wie könnte das aussehen? Kirche sein in einer pluralen Welt 3 : Welche Art Gemeinschaft entsteht durch das Evangelium? 4 : Ist die evangelische Kirche auch katholisch? 9 : Gibt es mehr als einen alleinigen Gott? 28 : «Ich glaube an die Gemeinschaft der Heiligen», heisst es im Credo. Doch wer ist heilig? Christ sein in der Gesellschaft 5 : Frei sein? Ja aber wie? 8 : Sorgt euch nicht ; Sehet die Vögel des Himmels an ; Häuft nicht an. Werden diese Worte in einer Konsum- und Wohlstandsgesellschaft noch gehört? 17 : Was zeichnet einen evangelischen Arbeitgeber aus? Eine evangelische Gewerkschafterin? Einen evangelischen Arbeitslosen, eine evangelische Arbeiterin? Einen evangelischen Rentner? 18 : Beschleunigtes Leben: Kein Innehalten, permanentes Hasten. Wo sind die Ruhetage zum Durchatmen? 19 : «Wirf Dein Brot ins Wasser» Welches Brot? Welches Wasser? 20 : «Füllt die Erde und macht sie euch untertan.» Und wenn dies unsere Erde gefährdet? 25 : Die Welt ist ein Dorf geworden, heisst es. Wie kommen wir uns näher?

10 27 : Welchen gesellschaftlichen Übeln muss widerstanden werden? 31 : «Ihr seid das Salz der Erde, ihr seid das Licht der Welt.» Wie ist das zu verstehen? 34 : Wer hat Angst vor dem Alter? 36 : Gibt es wirklich keine Männer und Frauen mehr? Die Papierversion der Broschüre ist auf Französisch und Deutsch, die digitale Version auf Französisch, Deutsch, Italienisch und Rätoromanisch erhältlich und kann von der Site heruntergeladen werden. Jedes der 40 Themen kann auch separat heruntergeladen und anschliessend projiziert werden. Ein Ablaufvorschlag zur Durchführung einer Ausbildungsveranstaltung für Erwachsene (Dauer: 2 Std.) ist auf der Site verfügbar. Dieser Ablauf eignet sich für alle Themen. Auf der Site befindet sich zudem (auf Französisch) eine ganze Reihe von Workshop-Ideen für Jugendliche oder Erwachsene in Zusammenhang mit spezifischen Themen.

11 Terminkalender Weil «Unsere Thesen für das Evangelium» den roten Faden für die Feierlichkeiten der 500 Jahre Reformation bilden, ist es wichtig, dass die kantonalen Synthesen bis Juni 2016 beim Kirchenbund eintreffen, damit sie für die Erarbeitung der Synthese auf nationaler Ebene berücksichtigt werden können. Beachten Sie bitte die folgenden Eckdaten: Juni 2016 Einreichung der kantonalkirchlichen Synthesen beim Kirchenbund Juli September 2016 Erarbeitung eines ersten Sammeldokuments mit den Antworten der Kirchen im Hinblick auf die Herbst-AV 2016 Herbst-AV 2016 Präsentation und Diskussion der kantonalkirchlichen Ergebnisse Dez Februar 2017 Redaktion des zusammenfassenden Schlussdokuments für den Kirchenbund April 2017 Publikation der nationalen Synthese; Versand des Schlussdokuments an die Mitgliedkirchen und Kirchgemeinden zur Kenntnisnahme und zur Diskussion

12 Kontakt: Schweizerischer Evangelischer Kirchenbund SEK Bettina Beer-Aebi Projektverantwortliche Sulgenauweg Bern 23 Tel. direkt: März 2015

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