Der Weg Groß Rheides: Vom Kartoffeldorf zum Wohndorf

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1 Universität Flensburg Institut für Geschichte und ihre Didaktik Seminar Struktureller Wandel in Schleswig-Holstein Dozenten: Prof. Dr. Uwe Danker, Claudia Ruge Wintersemester 2012/2013 Der Weg Groß Rheides: Vom Kartoffeldorf zum Wohndorf Sara Kumm (540184) Laura Oelerich (539882)

2 Gliederung 1 Konzept Thema Literatur Definition Strukturwandel Fragestellung Untersuchungsobjekt: Die Gemeinde Groß Rheide Methodik und Vorgehen Plakat Agrarischer Strukturwandel in Groß Rheide Verlauf Die Kartoffel bringt den Aufschwung Aufschwung und Gesundschrumpfung Schneller. Größer. Weiter? Aufgabe der Meierei - Strukturen ändern sich Wird der Landwirt Energiewirt? Ergebnis und Folgen Dörflicher Wandel Dörfliche Entwicklung Bevölkerungszahlen und Siedlungen Betriebe Freizeitgestaltung Fazit Literatur-/Quellenverzeichnis Seite 2

3 1 Konzept 1.1 Thema Unternimmt man heute einen Spaziergang durch das ländliche Idyll der Dorfstraße in Groß Rheide, fühlt man sich gleich heimatlich. Es grünt an allen Ecken und es reihen sich hohe, schattenspendende Bäume aneinander die Straße entlang. Hinter ihnen sind neuere Häuser neben umgebauten Handwerkshäusern zu sehen, besonders fallen die vielen alten Bauernhöfe ins Auge, die mit ihren großen Hofplätzen und Vorgärten den Charme des Bauerndorfes perfekt machen. Wirft man jedoch einen zweiten Blick auf das Idyll wird klar, dass kaum einer dieser Höfe noch Landwirtschaft betreibt. Es ist ruhig geworden im Dorf Groß Rheide. War es in den goldenen Zeiten als das Kartoffeldorf bekannt, mit der modernsten Kartoffelsortier- und dämpfanlage Schleswig-Holsteins, sogar nach Spanien, Portugal, Nordafrika und Brasilien wurde die Groß Rheider Kartoffel gebracht. Von diesen glanzvollen Zeiten ist nicht mehr viel übrig. Die Bauern, die noch aktiv sind betreiben vorwiegend Milchwirtschaft, und bauen Mais für Biogasanlagen an. Sobald Land verpachtet werden soll, geht eine wahre Hetzjagd der noch übrig gebliebenen Landwirte los. Alles muss größer, besser und schneller gehen, um auf dem Markt zu bestehen. Sprachen die Groß Rheider Mitte der sechziger Jahre noch von einer Gesundschrumpfung der Höfe 1, änderte sich die Formulierung während des drastischen Rückgangs der Landwirtschaft zum Großen Höfesterben 2. Bereits dieser Wandel der Bezeichnung lässt auf die tiefgreifenden landwirtschaftlichen und schmerzhaften innerdörflichen Veränderungen schließen. 1.2 Literatur Die Grundlage unseres Forschungsprojekts bildet die verwendete Fachliteratur, dazu gehört: Wirtschaftsstruktur und Strukturwandel: Gesamtwirtschaft. von Gerold Ambrosius 3, sowie Sektoraler Wandel und internationale Verflechtung. Die bundesdeutsche Wirtschaft im Übergang zu einem neuen Strukturmuster ebenfalls von Gerald Ambrosius 4, auch Landwirtschaft und Schwerindustrie Schleswig-Holsteins seit 1960: Schlaglichter auf sektoralen 1 Vollstedt, Karl-Heinz Groß Rheide, Chronik der Gemeinde Eckernförde S Vollstedt, Karl-Heinz, S Ambrosius, Gerold: Wirtschaftsstruktur und Strukturwandel: Gesamtwirtschaft. In: Ambrosius, Gerold/Petzina, Dietmar/ Plumpe, Werner (Hrsg.): Moderne Wirtschaftsgeschichte. Eine Einführung für Historiker und Ökonomen, München 1996, S Ambrosius, Gerold: Sektoraler Wandel und internationale Verflechtung. Die bundesdeutsche Wirtschaft im Übergang zu einem neuen Strukturmuster. In: Raithel, Thomas/ Wirsching, Andreas (Hrsg.): Auf dem Weg in eine neue Moderne? Die Bundesrepublik in den siebziger und achtziger Jahren, München 2009, S Seite 3

4 Strukturwandel. von Uwe Danker 5, sowie Beständigkeit und Veränderung. Konstanz und Wandel traditioneller Orientierungs- und Verhaltensmuster in Landwirtschaft und ländlicher Gesellschaft in Westfalen von Peter Exner 6 und Agrarstrukturwandel und agrarpolitische Krisenbewältigung in Deutschland. von Karen Strehlow Definition Strukturwandel Mithilfe der genannten Literatur können wir eine geeignete Definition für den Strukturwandel finden. Um allerdings Strukturwandel definieren zu können, sollte erst die Bedeutung des Wortes Struktur in diesem Zusammenhang geklärt werden. Eine Struktur teilt eine Gesamtgröße in Teilgrößen, wobei die dabei entstehenden Teilgrößen homogener sind als die Gesamtgröße. Beim Strukturwandel tritt eine langfristige Veränderung dieser Teilgrößen ein. 8 Das Kennzeichen des Strukturwandels unserer Volkswirtschaft ist andauernde Veränderung der Relationen zwischen dem primären, dem sekundären und dem tertiären Sektor. Groß Rheide, als typisches Bauerndorf, ohne Hafen und ohne Bundesbahnstation, ohne direkte Verbindung zur Bundesautobahn und ohne Gewerbebetriebe von überörtlicher Bedeutung, hatte in den schnellen Veränderungen nach dem Zweiten Weltkrieg keine Chance, den Rückgang der landwirtschaftlichen Betriebe durch Ansiedlung von Gewerbeunternehmen auszugleichen und mit ihnen den Verlust von Arbeitsplätzen aufzufangen. 1.4 Fragestellung Wir wollen klären, wie der Strukturwandel in Groß Rheide stattgefunden hat. Außerdem wollen wir den Einfluss dieses Wandels auf das dörfliche Leben klären. Die Fragen nach den Ursachen, dem Verlauf und den Folgen des Strukturwandels stehen im Mittelpunkt dieses Projekts. Die Wahl des Forschungszeitraumes fiel bedeutend schwerer: Zunächst hatten wir die Jahre 1950 bis 1980 ausgewählt, mussten aber feststellen, dass die Quellenlage leider nicht ausreichend für eine derartige Forschung war. Die Daten für das Jahr 1960 waren vollständig und verwertbar. Als Abschlussjahr beschlossen wir 2012 zu nehmen, da hier die Daten zuver- 5 Danker, Uwe: Landwirtschaft und Schwerindustrie Schleswig-Holsteins seit 1960: Schlaglichter auf sektoralen Strukturwandel. In: Demokratische Geschichte: Jahrbuch für Schleswig-Holstein 18 (2007), S Exner, Peter: Beständigkeit und Veränderung. Konstanz und Wandel traditioneller Orientierungs- und Verhaltensmuster in Landwirtschaft und ländlicher Gesellschaft in Westfalen In: Frese, Matthias, Prinz: Michael: Politische Zäsuren und gesellschaftlicher Wandel im 20. Jahrhundert. Regionale und vergleichende Perspektiven. Paderborn 1996, S Strehlow, Karen: Agrarstrukturwandel und agrarpolitische Krisenbewältigung in Deutschland. Baden-Baden Ambrosius, Gerold: Wirtschaftsstruktur und Strukturwandel: Gesamtwirtschaft. In: Ambrosius u.a.: Moderne Wirtschaftsgeschichte. Eine Einführung für Historiker und Ökonomen, München 1996, S Seite 4

5 lässig zu erforschen waren. So bildeten wir Fragen nach dem Verlauf des agrarischen Strukturwandels in Groß Rheide im Zeitraum von 1960 bis Desweiteren soll der Einfluss des agrarischen rischen Strukturwandels auf das dörfliche Leben im selben Zeitraum geklärt werden. 1.5 Untersuchungsobjekt: Die Gemeinde Groß Rheide Die Gemeinde Groß Rheide befindet sich im Kreis Schleswig-Flensburg und ist dort nördlich im Amt Kropp-Stapelholm zu finden (siehe Abbildung 9 ). Groß Rheide liegt auf dem Geestrücken im Dreieck Husum- Schleswig-Rendsburg, wobei Husum circa 28 km 10, Schleswig circa 17 km 11 und Rendsburg circa 25 km 12 entfernt sind. In der näheren Umgebung befinden sich also drei Städte, die potentielle Ar- und beitsplätze, Einkaufsmöglichkeiten Bildungseinrichtungen bereit halten. Erste Siedlungen an der Rheider Au sind auf ca zurückzuführen. Heute Geographische Lage Groß Rheides umfasst die Gemeinde eine Fläche von ca ha und ist typisch ländlich struk- turiert mit Landwirtschaft und Wohnsiedlungen 14. In der Gemeinde Groß Rheide gibt es neben der Landwirtschaft keine gewerblichen oder kaufmännischen Betriebe, darum kann sie im Allgemeinen als Agrargemeinde bezeichnet werden. Besorgungen sowie der Schulbesuch können von den Groß Rheidern im nahegelegenen Kropp erledigt werden. Im Jahr 2011 wur- 9 Wikipedia: Lage Groß Rheides im Kreis Schleswig-Flensburg (2012), URL: (Stand: ). 10 Google maps: Entfernung Groß Rheide Husum (o.j.), URL: (Stand: ). 11 Google maps: Entfernung Groß Rheide Schleswig (o.j.), URL: (Stand: ). 12 Google maps: Entfernung Groß Rheide Rendsburg (o.j.), URL: (Stand: ). 13 Amt Kropp-Stapelholm: Groß Rheide (2013), URL: rheide.html (Stand: ). 14 Amt Kropp-Stapelholm: Groß Rheide (2013), URL: rheide.html (Stand: ). Seite 5

6 den Groß Rheider gezählt, von denen die meisten der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde Kropp angehören. Im Dorf selbst befindet sich eine Kapelle mit einem anliegenden Friedhof. 1.6 Methodik und Vorgehen Für unsere Untersuchung zogen wir die Methode der Statistik zum Auswerten von Tabellen und Grafiken hinzu. Bei unseren Forschungen wendeten wir die historisch-kritische Methode und Oral History an. Die historisch-kritische Methode beschreibt den Weg vom Verstehen eines Vorgangs über die Bestimmung seiner Aussage hin zum Einordnen dessen in einen Gesamtzusammenhang. 16 Dabei ist es wichtig, einen Zweifel an der Echtheit der Quelle, ihrer Entstehungszeit und dem Wortlaut zu haben (philologisch-hermeneutische Textkritik), die überlieferten Fakten zu überprüfen (historische Kritik) und zuletzt den Standpunkt des Verfassers in Betracht zu ziehen (Ideologiekritik). 17 Bei Oral History handelt es sich um die Befragung von Zeitzeugen zu einem Ereignis oder einer Entwicklung in der Vergangenheit. Bei dieser Methode muss allerdings beachtet werden, dass Zeitzeugen nur zu der Zeit befragt werden können, in der sie gelebt, viel mehr erlebt haben, und auch dann ist die Anzahl an Themen, zu denen gefragt werden kann, begrenzt. 18 Auch bei dieser Art von Quellenerhebung muss die historisch-kritische Methode angewandt werden. Dabei sollte man beachten, dass die Befragten immer aus ihrer subjektiven Sicht erzählen, ihre Erinnerungen meist lückenhaft sind und eventuell durch persönliche oder äußere Einflüsse verändert sein könnten 19. Nach dem Einlesen in die Sekundärliteratur und den ersten Nachforschungen im Groß Rheider Archiv sowie dem Lesen der beiden Dorfchroniken von Heinrich Jürgensen/ Hellmuth Sierts und Karl Heinz Vollstedt entschlossen wir uns zu Zeitzeugenbefragungen, um mehr Informationen zu dem sich wandelnden Dorf zu erhalten. Dabei wollten wir möglichst viele Sichtweisen abdecken, weshalb wir mehrere Zeitzeugengespräche mit ganz unterschiedlichen Geschichten führten. Anne Christel Ohm, die 1929 in Groß Rheide geboren und den größten Teil ihres Lebens dort verbracht hatte, ist heute pensionierte Lehrerin und stammt von 15 WiREG: Groß Rheide (o.j.), URL: (Stand: ). 16 Wege der Materialbeschaffung aus: Peter Borowski, Barbara Vogel, Heide Wunder: Einführung in die Geschichtswissenschaft I, Opladen 1989, S Borowski, Peter u.a. 1989, S Siegfried, Detlef: Zeitzeugenbefragung. Zwischen Nähe und Distanz, in: Dittmer, Lothar und Siegfried, Detlef (Hg.), Spurensucher. Ein Praxisbuch für historische Projektarbeit, Weinheim 1997, S Siegfried,Detlef, 1997, S.68 Seite 6

7 einem landwirtschaftlichen Betrieb, der seit 1962 nicht mehr besteht. Sie schrieb 1952 ihre Diplomarbeit 20 über die Verkoppelung in Groß Rheide, die uns ebenfalls vorliegt. Des Weiteren befragten wir das pensionierte Ehepaar Thies und Annelene Lohmann, beide 1933 geboren, die 1972 nach Aufgabe ihres Hofes in Hahnenkamp nach Groß Rheide übersiedelten. Dort betrieben sie einen Hof, der heute noch von ihrem Sohn geführt wird, mit dem wir auch ein Gespräch führten. Die Gespräche wurden am geführt. Um einen Bezug oder einen Vergleich zur landwirtschaftlichen Entwicklung Schleswig- Holsteins herstellen zu können, werteten wir einige statistische Jahrbücher aus. Nach Gesprächen mit dem Amt Kropp-Stapelholm, dem Kreisarchiv und dem Ortvorsitzenden des Bauernverbandes, Klaus Lohmann, wurde immer deutlicher, dass die Quellenlage in Bezug auf Zahlen und Daten über die Landwirtschaft in Groß Rheide sehr schwach ist. Da auch die Zeitzeugen keine genauen Zahlen sondern nur Tendenzen nennen konnten, entschieden wir uns, unseren Forschungszeitraum auf 2012 auszuweiten, um so gesicherte Daten zu erlangen. Wir erhielten eine Liste der Landwirte in Groß Rheide, welche wir dann telefonisch um Hilfe baten. Man machte uns allerdings nicht besonders große Hoffnungen von den einzelnen Landwirten Daten über ihre Höfe zu erlangen, da sie sich diese nicht einmal gegenseitig verrieten. Wider unsere Erwartungen bekamen wir, mit der Bitte um Verschwiegenheit über genaue Angaben, von jedem Auskunft über Hektarzahl, Tierbestände, Angestellten- und Trekerzahl sowie der Frage nach Zusammenarbeit mit anderen Höfen. Um den dörflichen Wandel zu untersuchen, betrachteten wir in der Chronik Vollstedts die Betriebs-, Einwohner- und Bauzahlen und fragten nach Mitgliederzahlen der drei größten Vereine. Die Freiwillige Feuerwehr, der TSV und die Schützengilde konnten uns allerdings nur mit ihren Protokollen unterstützen, die wir auswerteten, um die Entwicklung der Mitgliederzahlen beurteilen zu können. Das verwendete Bildmaterial stammt größtenteils aus den Sammlungen Klaus Lohmanns und Sönke Brumms. 2 Plakat Unsere Forschungsergebnisse fassten wir auf unserem Plakat zusammen. Uns war wichtig mit einem Blick zu verdeutlichen, wie sich das Dorf Groß Rheide wandelte: Vom agrarisch geprägten Dorf, hin zum Wohndorf. Dazu wählten wir aussagekräftige Bilder. Für das Jahr 1960 entschieden wir uns für das Bild der Kartoffelsortier- und dämpfanlage, um die Spezialsierung 20 Sierts, Anne Christel: Durchführung und Auswirkung der Verkoppelung in Gross Rheide, Zur ersten Lehrerprüfung vorgelegt, Seite 7

8 des Dorfes zu verdeutlichen. Dem gegenüber stellten wir das Bild Groß Rheide aus der Luft, da heute die vielen Einfamilienhäuser Einfamil das Dorfbild prägen. Auch die Dimensionen der Landwirtschaft von 1960 im Vergleich zu 2012 wollten wir zeigen, soo wählten wir das Bild eines Hofes in Groß Rheide um 1960 und das eines Hofes in Durch die dargestellten Grafiken ken sollen die Forschungsergebnisse in Zahlen auf einen Blick zu fassen sein, sie zeigen ze die Mitgliederzahlentwicklung gliederzahlentwicklung der Freiwilligen Freiwilligen Feuerwehr von 1960 bis heute, die EntwickEntwic lung der Betriebe und Einrichtung in Groß Rheide, Rheid die Teilnehmerentwicklung wicklung am Gildefest und die Entwicklung der Einwohnerzahl von 1939 bis Seite 8

9 3 Agrarischer Strukturwandel in Groß Rheide 3.1 Verlauf Die Kartoffel bringt den Aufschwung Nach dem Krieg kam es zu einem Großen Zusammenbruch, der in ganz Schleswig-Holstein zu einer Ernährungskrise führte, auch Groß Rheide war davon betroffen. Die vormals 510 Einwohner Groß Rheides mussten sich 1949 gezwungenermaßen mit ca. 450 Flüchtlingen und Vertriebenen Tisch und Bett teilen. 21 Aber auch die Lebensmittel mussten mit den Vertriebenen geteilt werden, der schlimmste Hunger konnte allerdings gestillt werden, da fast jedes Haus ein bisschen Landwirtschaft besaß, zumeist eine Kuh, ein Schwein und einen Garten. 22 Doch die Zeiten waren hart, vier von fünf Personen waren unterernährt. 23 Noch dazu kam, dass viele Städter mit dem Bus nach Groß Rheide kamen, um Habseligkeiten gegen Eier, Speck, Gemüse und Äpfel einzutauschen, so entstand ein wahrer Schwarzmarkthandel. 24 Bis 1948 verschlimmerte sich der Mangel an allem Lebensnotwendigen und auch der Schwarzmarkthandel nahm ein katastrophales Ausmaß an. 25 Mit der Währungsreform im Juni 1948 beruhigte sich die Lage gab es wieder Baumaterialen und auch die Geschäfte füllten ihre Regale wieder, es gab wieder Arbeit im Dorf, allerdings nicht für alle. Durch die unzureichenden Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten, kam es ab 1953 zu einer zunehmenden Abwanderung vieler Flüchtlinge, aber auch viele Landarbeiter suchten das Weite, um in den großen erneuerten oder neu aufgebauten Fabriken besser bezahlte Arbeit zu finden. Sogar die 1953 errichteten Landarbeiterhäuser konnten die landwirtschaftlichen Angestellten nicht aufhalten. 26 Die Groß Rheider erkannten, dass sich die Geestböden besonders für den Anbau von Ess-, Futter- und Saatkartoffeln eigneten. So entstand ein florierender, ja sogar internationaler Handel der Groß Rheider Erdäpfel - Nach Spanien, Portugal, Nordafrika und Brasilien wurde das gewinnbringende Produkt exportiert. 27 Der Handel gedieh und so konnten sich alle Höfe in Groß Rheide bereits 1957 einen PS-starken Unterstützer leisten: Der Traktor 21 Zeitzeugin Anne Christel Ohm am Ebd. 23 Vollstedt, Karl-Heinz, S Zeitzeugin Anne Christel Ohm am Ebd. 26 Vollstedt, Karl-Heinz, S Vollstedt, Karl-Heinz, S. 130 Seite 9

10 eroberte die Gemeinde. 28 Auch Melkmaschinen waren keine Seltenheit mehr auf den Höfen, machte es dies die Arbeit doch viel leichter, schneller und ertragreicher. Dass damit ein bereits revolutionärer Schritt in Richtung Technisierung und auch Strukturwandel gemacht wurde, konnte noch kein Groß Rheider ahnen Aufschwung und Gesundschrumpfung Groß Rheide begann sich stark zu wandeln. Die Kartoffel hatte eine Blütezeit 30 des Dorfes eingeläutet, Groß Rheide besaß die modernste Kartoffelsortier- und -dämpfanlage Schleswig- Holsteins 31. Die Finanzen besserten sich und so erholte sich die Gemeinde von den Folgen des Krieges. Insbesondere die Vollerwerbsbetriebe galten als gesund. Schwieriger hatten es die Zu- und Nebenerwerbsbetriebe stieg die Tendenz zur Aufgabe des Hofes. Zunächst wurde hier von einer Gesundschrumpfung in den Dörfern 32 gesprochen, sie wurde nicht als ein besonderes Übel angesehen, da die Landwirte nun die Möglichkeit hatten in einem Industriebetrieb mit einem besseren Lohn zu arbeiten. 33 Die Nebenerwerbshöfe standen schon bald vor der Entscheidung: Wachsen oder Weichen. 34 Die Aufgabe der Höfe wurde durch staatliche Sozialmaßnahmen gefördert, es wurde eine Landabgaberente eingeführt und eine Gewährung von Zuschüssen durch nachträgliche Zahlung von Beiträgen zur Rentenversicherung eingerichtet, um die Aufgabe zu erleichtern. 35 Aber auch die größeren Vollerwerbsbetriebe hatten Mühe bei der Stange 36 zu bleiben. Durch Zupacht und Zukauf von Ländereien, Vergrößerung des Viehbestandes und der Ställe und Scheunen konnten die meisten Vollerwerbshöfe erhalten werden. 37 Allerdings mussten von 1960 bis 1965 drei Vollerwerbshöfe den Dienst quittieren. 38 Trotzdessen verdreifachte sich das Haushaltseinkommen beinahe von 1961 bis 1969 von auf DM. 39 Die Arbeitslosigkeit ging zurück, es herrschte zeitweilig sogar ein Mangel an Arbeitskräften in den bäuerlichen Betrieben. 40 Die Flüchtlinge 28 Vollstedt, Karl-Heinz, S Zeitzeugin Anne Christel Ohm am Ebd. 31 Vollstedt, Karl-Heinz, S Zeitzeugin Anne Christel Ohm am Vollstedt, Karl-Heinz, S Zeitzeugin Anne Christel Ohm am Vollstedt, Karl-Heinz, S Ebd. 37 Vollstedt, Karl-Heinz, S Vollstedt, Karl-Heinz, S Vollstedt, Karl-Heinz:, S Zeitzeugin Anne Christel Ohm am Seite 10

11 hatten das Dorf wieder verlassen: Die Einwohnerzahl lag 1961 bei Der Mangel an landwirtschaftlichen Angestellten wurde deutlich spürbar, so kam es zu steigenden Investitionen in Maschinen. Die Spezialisierung auf technisierungswürdige Betriebszweige war rentabler, folglich sank die für den Kartoffelanbau genutzte Fläche von 1960 bis 1966 von 132 ha auf Allmählich löste die ertragreichere Milchwirtschaft den Kartoffelanbau ab Schneller. Größer. Weiter? 1971 fand der Handel mit Kartoffeln ein jähes Ende. Der Absatz innerhalb tragbarer Entfernungen und die Abnahmekapazitäten waren rückläufig, aber auch die wachsende Konkurrenz aus Niedersachen und Holland machte den Anbau unrentabel. 43 Er musste aufgegeben werden. Mit den Kartoffeln ging auch die Kreisbahn 44, die durch die Erdfrucht ebenfalls eine Blütezeit erreicht hatte. 45 Das Bahngelände wurde in diesem Zuge zu einer befestigten Straße umgebaut und es entstand ein neues Baugelände. Auch das Kartoffelsortiergebäude wurde zum Umbau für Wohnungen frei gegeben. 46 Nicht nur hier wurde Wohnraum geschaffen kamen immer mehr Bauwillige nach Groß Rheide. 47 Die niedrigen Quadratmeterpreise, aber auch das ländliche Idyll lockte. Auch in den folgenden Jahren wurden neue Baugebiete geschaffen. Die Einwohnerzahl stieg ab 1970 stetig an. Mit dem Ende der Kartoffelzeit, brach die der Spezialisierung ein. Der Fokus wurde nun auf die Milchwirtschaft gelegt. Landwirte mussten nun viel über qualitativ gutes Futter, eine Auslastung moderner Stallungen und die benötigte Rinderzahl lernen. 48 Die Rindviehhaltung zur Erzeugung von Milch, Fleisch, Zuchttieren und der dazu notwendige Futteranbau wurden zum tragenden Betriebszweig. 49 Die sogenannte Gesundschrumpfung in den Dörfern veränderte sich allmählich zu einem Höfesterben: Immer mehr Landwirte warfen das Handtuch 50, besonders in den Siebzigern, 41 Amt Kropp-Stapelhom 42 Vollstedt, Karl-Heinz,1995. S Vollstedt, Karl-Heinz, S Von 1905 fuhr die Kreisbahn durch Groß Rheide wurde der Personenverkehr gänzlich aufgegeben werden. Seitdem wurden nur noch landwirtschaftliche Produkte, insbesondere die Groß Rheider Kartoffeln transportiert wurde der Betrieb gänzlich eingestellt, der Kartoffelhandel wurde aufgegeben. 45 Vollstedt, Karl-Heinz, S Ebd. 47 Zeitzeugin Anne Christel Ohm am Amt Kropp-Stapelholm 49 Vollstedt, Karl-Heinz, S Zeitzeugin Anne Christel Ohm am Seite 11

12 Achtzigern und Neunzigern war ein deutlicher Rückgang zu beobachten. 51 Infolge dessen waren auch die kaufmännischen und handwerklichen Betriebe in Groß Rheide bedroht. 52 Ab 1977 gingen die Geburten stark zurück, aber auch bildungspoltische Hintergründe führten dazu, dass die Groß Rheider Grundschule schließen musste hatten die Schüler ihren letzten Schultag an der Groß Rheider Grundschule Aufgabe der Meierei - Strukturen ändern sich Ein weiterer harter Schlag für die Groß Rheider Landwirtschaft, aber auch die Dorfgemeinschaft, war die Aufgabe der Meierei im Jahr Mit ihr verlor man auch den Dorfmittelpunkt 54. Durch die stetig fallende Mitgliederzahl und die Aufgabe der eigenen Butterherstellung schmälerten die Umsätze bis die Meierei 1987 gar nicht mehr zu halten war. Bei den Erwerbstätigen in Groß Rheide war nun ein deutlicher Wandel wahrzunehmen: Hatten 1970 noch 95 Personen (etwa 40% der Erwerbstätigen davon 51 Männer und 40 Frauen) ihren Arbeitsplatz in der Landwirtschaft, waren es 1987 nur noch 56 Personen (knapp 20% davon 40 Männer und 16 Frauen): Die Frauen verließen die Landwirtschaft, um einer Nebentätigkeit nachzugehen Wird der Landwirt Energiewirt? Auch in den neunziger Jahren hielt das Höfesterben noch an. Wo es 1965 noch 75 Voll- und Nebenerwerbsbetriebe gab, waren es 1994 nur noch ca. 20 Höfe. 56 Ende der Neunziger kam dann eine weiterer technische Innovation: die Biogasanlage. Deutschlandweit wuchs die Zahl der Anlagen stetig. Mit einer Zeitverzögerung von zehn Jahren ging die erste Biogasanlage in Groß Rheide ans Netz, die zweite folgte zwei Jahre später. 57 Vier der neun aktiven Landwirte in Groß Rheide sind Teilhaber einer Biogasanlage. Diese Teilhaber haben vertraglich festgelegte Einspeisemengen (gemessen in Hektar) die sie erfüllen müssen. 58 Bei einigen nähert sich diese vertraglich festgelegte Menge von 80 ha der Gesamthektarzahl des Hofes an, hat man doch in Groß Rheide 2012 im Durchschnitt etwa 134 ha Land. Die zwei konkurrierenden Anlagen lösen im Dorf eine Schlacht um freiwerdende 51 Zeitzeugin Annelene Lohmann am Ebd. 53 Vollstedt, Karl-Heinz,1995. S Beim Milch wegbringen war dies der Ort an dem man sich traf und austauschte, aber auch amtliche Ankündigungen am Schwarzen Brett konnte man hier lesen. 55 Vollstedt, Karl-Heinz, S Vollstedt, Karl-Heinz, S Zeitzeugin Annelene Lohmann am Ebd. Seite 12

13 Flächen aus, denn je mehr Land zur Verfügung steht, desto mehr Mais kann angebaut werden. Der wiederum steigert die Energiemenge und diese schließlich die Erträge Ergebnis und Folgen Die Mechanisierung, der Rückgang und die Vergrößerung der Höfe, die Spezialisierung und die voranschreitende Landflucht bilden in Groß Rheide die Veränderungsindikatoren des Strukturwandels. Die Mechanisierung begann schon 1957, als sich, durch die gute finanzielle Lage, jeder Landwirt in Groß Rheide einen Traktor leisten konnte. Diese beinahe revolutionäre Veränderung machte die Arbeit effektiver. Nach und nach folgten dem Traktor dann auch Melkmaschine und Mähdrescher. 60 Aber nicht nur die Arbeit der Landwirte veränderte sich, auch in den Fabriken in den größeren Gemeinden war ein Fortschritt zu beobachten. Das sogenannte bundesdeutsche Wirtschaftswunder schaffte bis 1960 Vollbeschäftigung. 61 Für viele Landbewohner bot die Arbeit in einem gewerblichen Betrieb die Möglichkeit mehr Geld als in der Landwirtschaft zu verdienen. Die Höfe, die nun ohne Hilfe auskommen mussten, standen vor dem Problem die Arbeitskräfte zu ersetzten. Allerdings reichten die landwirtschaftlichen Erträge nicht aus, um den Lohn für einen Landarbeiter auf das Niveau der Löhne in den gewerblichen Betrieben anzupassen. Die zweite Option bestand darin, sich auf technisierungswürdige Betriebszweige zu spezialisieren. Bis 1965 waren die Landarbeiter gänzlich von den Groß Rheider Höfen verschwunden. 62 Ab 1966 standen bereits viele Landwirte, vor allem die im Nebenerwerb, vor der Wahl: Wachsen oder Weichen? 63 Im Zuge dessen kam es zu einer Gesundschrumpfung der Höfe, wie die Reduktion der landwirtschaftlichen Betriebe in Groß Rheide genannt wurde. Durch das zunehmende Ausmaß der geschlossenen Höfe kursierte dann bald eine andere Bezeichnung: Das große Höfesterben hatte begonnen 64. Gab es 1965 noch 76 Voll- und Nebenerwerbsbetriebe in Groß Rheide, sank die Zahl 1994 auf ca. 20 Höfe und bis heute gibt es nur noch 9 Vollerwerbshöfe. 65 Sobald ein Hof starb, waren die anderen Landwirte bereits zur Stelle, um das Land zu pachten oder zu kaufen, auch eine Vergrößerung des Viehbestandes, der Ställe und Scheunen konnten einen Hof retten. 66 Die Spezialisierung auf Milchwirtschaft im Dorf nahm immer mehr Form an. Von 1960 bis 1966 sank 59 Zeitzeugin Annelene Lohmann am Ebd. 61 Vollstedt, Karl-Heinz, S Zeitzeugin Anne Christel Ohm am Ebd. 64 Ebd. 65 Vollstedt, Karl-Heinz, S Zeitzeugin Annelene Lohmann am Seite 13

14 die für Kartoffeln genutzte Hektarfläche von 132 ha auf 44 ha. 67 Und noch etwas änderte sich ab 1970: Die Frauen verließen die Höfe, um als Angestellte zu arbeiten. Waren 1970 noch 40 Frauen auf den Höfen beschäftigt, sank die Zahl bis 1987 auf Dagegen stieg die Zahl im Bereich der sonstigen wirtschaftlichen Betriebe (dazu gehörte auch das Angestelltenverhältnis) von 17 Frauen im Jahr 1970 auf 60 Frauen im Jahr Bis heute hat sich noch einmal alles gewandelt: Die neun Höfe, die noch übrig sind, führen einen unterschwelligen Konkurrenzkampf. Keiner möchte dem anderen sagen, wieviel Land oder Vieh er genau hat und sobald Land verpachtet werden soll, geht eine wahre Hetzjagd um die Hektar los. 70 Auch die Biogasanlage hat einige Veränderungen nach Groß Rheide gebracht: Heute wird im großen Stil Mais angebaut, um die Anlagen in Gang zu halten. 71 Wo früher eine unterstützende Hand gereicht wurde, falls Not an Mann war, zum Beispiel wurde sich gegenseitig bei der Ernte unterstützt. Heute gibt es so gut wie keine Zusammenarbeit ohne wirtschaftliches Interesse Dörflicher Wandel 4.1 Dörfliche Entwicklung Um den Einfluss des landwirtschaftlichen Strukturwandels auf das Dorfleben in der Gemeinde Groß Rheide zu bestimmen, muss zunächst die Frage nach dem Leben in den Fünfzigern, Sechzigern und den Siebziger Jahren geklärt werden, zudem wird ein Ausblick auf Heute gegeben. Bei diesen Untersuchungen sollen uns die Bevölkerungszahlen, die steigende Siedlungszahl, die Arbeitsplatzsituation im Dorf sowie die Freizeitgestaltung als Indikatoren dienen. 4.2 Bevölkerungszahlen und Siedlungen Vollstedt berichtet in der Chronik davon, dass der natürliche Bevölkerungsüberschuss 73 Groß Rheides zwischen 1905 und 1963 nicht in Groß Rheide geblieben sei. 74 Einige seien nach Kropp gezogen, andere zog es weiter fort, teilweise sogar bis nach Amerika. 75 Wahr- 67 Vollstedt, Karl-Heinz, S Vollstedt, Karl-Heinz, S Ebd. 70 Gespräch mit dem Vorsitzenden des Ortsbauernverbandes am Ebd. 72 Zeitzeuge Klaus Lohmann am Vollstedt, Karl-Heinz, S Ebd. 75 Ebd. Seite 14

15 scheinlich wäre dieser Trend anhaltend gewesen, wenn Kropp nicht zum Garnisonsstandort geworden wäre. Davon profitierten neben Kropp auch die umliegenden Gemeinden, wie Groß Rheide. Es wurde vermehrt gebaut. Besonders in den Siebzigern und Achtzigern gab es einen Anstieg der bebauten Grundstücke. Die meisten landwirtschaftlichen Betriebe lagen aufgrund des fruchtbaren Landes an der nördlichen Seite der Dorfstraße, an der heutigen Hauptstraße entstanden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Wohnhäuser mit Werkstätten, Kaufmannsläden, Gastwirtschaften, Meierei und Schule. 76 Auch einige Landwirte ließen sich an ihr nieder. 77 Durch die neuen Siedlungen kamen neue Straßen hinzu, der Kropper Weg, der Bennebeker Weg, der Börmer Weg, der Weider Weg und 1968 dann die Bahnstraße. Sie verläuft teilweise auf der ehemaligen Kreisbahnstrecke und parallel zur Dorf- sowie zur Hauptstraße, so dass Groß Rheide immer mehr von einem Straßen- zum Haufendorf wurde. Noch heute ist diese Struktur erkennbar, denn die großen Höfe lassen sich wie eingangs beschrieben noch immer in der Dorfstraße erkennen. Der Ortskern ist die Hauptstraße, an ihr findet man die meisten Gebäude öffentlichen Lebens. In den restlichen Straßen sind fast ausschließlich Ein- und Zweifamilienhäuser zu finden. Die neuen Bauten spiegeln sich auch in einigen Zahlen wider, 1961 gab es in Groß Rheide 181 Privathaushalte, 1970 waren es 204 und 1987 bereits Ebenfalls stieg die Bevölkerungszahl wieder an, bis sie Einwohner erreicht hatte lebten 684 Menschen in Groß Rheide und 1990 waren es dann schon Im selben Jahr entstanden in einem Teilstück der Bahnstraße erneut neue Eigenheime, 2000 kam ein neues Wohngebiet, der Hoverkamp, hinzu, sodass sich die Bevölkerungszahl auf erhöhte. Betrachtet man diese Zahlen insgesamt, so lässt sich sagen, dass in Groß Rheide zwischen 1960 und 2000 eine durchweg positive Bevölkerungsentwicklung stattgefunden hat. Im neuen Jahrtausend stieg die Zahl zunächst noch an, fällt dann aber leicht unter den Wert von 2000, auf 927 Einwohner im Jahr Vollstedt, Karl-Heinz, S Ebd. 78 Vollstedt, Karl-Heinz, S Vollstedt, Karl-Heinz, S Amt Kropp-Stapelholm 81 Ebd. Seite 15

16 4.3 Betriebe Schon seitdem die ersten Menschen auf dem Gebiet des heutigen Groß Rheides siedelten, spielte die Landwirtschaft eine wichtige Rolle. Was aber passierte mit dem zweiten, dem dritten oder gar dem vierten Sohn, der den Hof des Vaters nicht übernehmen konnte? Einige wanderten aus Groß Rheide ab, andere pendelten in nahgelegene Gemeinden und wieder andere erlernten ein Handwerk und übten dieses in Groß Rheide aus. Schaut man in die 1950er/1960er Jahre zurück, so werden in Groß Rheide 21 Handwerks- und Einzelhandelsbetriebe (u.a. Sattler Hellmuth Sierts, Schmied Thies Kühl, Schmied Heinrich Schmidt und Schneider Johann Kühl), 10 Dienstleistungsbetriebe (u.a. Friseur Jürgen Jansen), drei Gastwirtschaften (Westend, Johannes Sievers und J. Musfeldt) und eine öffentliche Einrichtung, der Kindergarten, gezählt 82. Die meisten der ansässigen Betriebe seien allerdings Ergänzungsgewerbe zur Landwirtschaft 83 gewesen, weshalb mit dem Höfesterben viele Gewerbetreibende ihre Geschäfte aufgaben, sodass es zu einer Verringerung der Betriebe und damit zu einem schrumpfenden Arbeitsmarkt außerhalb der Landwirtschaft kam. Einige Daten belegen dies recht eindeutig, denn die Zahl der Betriebe beziehungsweise Einrichtungen verringerte sich bis 1994 von insgesamt 35 auf Bis 2012 verringerte sich die Zahl erneut. Heute bieten 11 Handwerks- und Einzelhandelsbetriebe ( u.a. Möller und Tams Baugeschäft), ein Dienstleistungsbetrieb (Physiotherapie Dell-Missier) und drei Sozialeinrichtungen (Brücke Land, Ibeg, Gemeindekindergarten) den Groß Rheidern, neben der Landwirtschaft, einen Arbeitsplatz. Auffällig ist, dass von ehemals drei Gastwirtschaften und drei Lebensmittelgeschäften keines mehr übrig ist. Da Groß Rheide über keine nennenswerten Standortfaktoren, wie Lage an einer Bundesstraße oder gar eine Autobahnanbindung und weder einen Hafen oder Bahnanschluss verfügte, gab und gibt es keine Möglichkeit den Rückgang landwirtschaftlicher [und anderer] Betriebe durch die Ansiedlung von Gewerbeunternehmen auszugleichen 85. Sieht man nun die sinkende Zahl an innerdörflichen Arbeitsplätzen sowie die steigende Bevölkerungszahl und vergleicht diese mit der geringen Arbeitslosenquote, wird deutlich, dass ein Großteil der Einwohner zu ihren Arbeitsplätzen pendelt. Viele finden dabei sicherlich einen Arbeitsplatz in Kropp, sei es bei der Bundeswehr, der Diakonie oder den dort ansässigen 82 Vollstedt, Karl-Heinz, S Vollstedt, Karl-Heinz, S Vollstedt, Karl-Heinz, S Vollstedt, Karl-Heinz, S. 29 Seite 16

17 Handwerksbetrieben. Viele pendeln allerdings noch weiter als in das sieben Kilometer entfernte Kropp, zum Beispiel nach Husum, Flensburg, Schleswig, Rendsburg oder Kiel. 4.4 Freizeitgestaltung Zuerst einmal sei gesagt, dass sich die Freizeitstruktur in Groß Rheide in den letzten Jahren verändert hat, allerdings nicht in dem Maße, wie wir es vor unseren Untersuchungen vermuteten. Wir wollten anhand der Zahl der Vereine und ihrer Stärke zeigen, dass einen Rückzug aus dem Dorfleben stattgefunden hat. Tatsächlich konnten wir den erwarteten starken Rückzug aus dem Vereinsleben nicht feststellen, stattdessen können wir sagen, dass es noch heute ein reges Vereinsleben gibt. Nach dem Krieg nahmen die Freiwillige Feuerwehr 86, die Schützengilde 87, der TSV (Turnund Sportverein) 88 und der Gesangsverein den Betrieb wieder auf und bestehen bis heute: Sie sind somit die ältesten Vereine Groß Rheides ist neben den eben aufgeführten auch der Ortsbauernverband als Verein eingetragen. 89 Mit dem Anwachsen der Gemeinde kamen mehr Vereine hinzu, 1994 führt Vollstedt folgende Vereine auf: Es sind die Schützengilde, die Freiwillige Feuerwehr, der DRK-Ortsverein (mit Kartenklub und Häkelbüdelklub ), der Gesangverein (Männer- und Frauenchor), der TSV Groß Rheide, die Jagdgenossenschaft und der Jagdverein Hubertus, der Wasser- und Bodenverband Rheider Au, der Bauernverband, der Vdk-Ortsverein, die Laienspielergruppe, der Jugendsing- und spielkreis und die Flötengruppe Korte. 90 Ein Anstieg der Vereine ist in diesen 30 Jahren deutlich zu erkennen: Von fünf Vereinen im Jahr 1965 auf 14 Vereine Betrachtet man nun die drei großen Vereine, so zeigen auch die Mitgliederzahlen, dass man in Groß Rheide noch rege am Vereinsleben teilnimmt, wobei es sicherlich auch ein Anzahl an Groß Rheidern gibt, die in mehreren Vereinen tätig sind. Das ist allerdings nicht als neuere Entwicklung zu betrachten, denn beim Durchsehen der Vereinsprotokolle seit den fünfziger Jahren und wahrscheinlich auch schon früher ließen sich einige mehrfache Beteiligungen feststellen. 86 Freiwillige Feuerwehr Groß Rheide: Protokoll der Jahreshauptversammlung vom 21. März 1947, Groß Rheide nach Auskunft Dieter Tams (Ältermann), da Protokolle der Gilde Groß Rheide bis 1955 verbrannt sind 88 Nach Auskunft, da Protokollbuch von verloren gegangen ist 89 Vollstedt, Karl-Heinz, S Vollstedt, Karl-Heinz, S. 39 Seite 17

18 Die Freiwillige Feuerwehr verzeichnet in ihren Protokollen einen Anstieg der Zahl der aktiven und passiven Mitglieder von 1954 bis 1995, 1954 waren es 46 91, 1970 zählte man und 1994 bereits Mitglieder. In den letzten Jahren stagnierte die Mitgliederzahl jedoch, so dass die Freiwillige Feuerwehr im Jahr Mitglieder 94 zählte. Die Feuerwehr hält für die Groß Rheider Bevölkerung, ob Mitglieder oder nicht, einige Veranstaltungen bereit. So gibt es jährlich den Feuerwehrball, ein Osterfeuer und Laterne laufen, die bei guter Wetterlage auch gut besucht werden. Der TSV Groß Rheide wurde 1920 gegründet und bot in den letzten knapp 100 Jahren eine Vielzahl an Sportarten an. Die Zeiten von Schlagball, Schießen, Turnen und Leichtathletik, die vor allem bis in die 1970er und 1980er Jahren beliebt waren, sind allerdings vorbei. Größerer Beliebtheit erfreuen sich heutzutage andere oder neuere Sportarten, wie Fußball, Tanzen, Zumba, Flexibar oder Bodyworkout. Gruppen mit gemischtem Angebot zur sportlichen Betätigung vom Mutter-Kind-Turnen, über verschiedene Kinder- und Jugendgruppen, bis hin zur Männer- und Frauensportgruppe bestehen ebenfalls. 95 Eine ganze Bandbreite an Sportarten kann der TSV auch dank seines 1956 eingeweihten Sportplatzes 96 und seiner von der Gemeinde erbauten Sporthalle anbieten. Anne Ohm bezeichnete den Bau dieser Halle als großes Glück für die Gemeinde 98, da diese für viele Veranstaltungen von der Gemeinde und verschiedenen Vereinen genutzt wird. Der TSV hat, wie auch die Freiwillige Feuerwehr, steigende Mitgliederzahlen zu verzeichnen. Noch um 1956 lag die Zahl bei 90 Mitgliedern, 1988 habe man allerdings bereits um die 350 Mitglieder gezählt. 99 Heute hat der TSV 405 Mitglieder 100 und bietet einige Möglichkeiten für das dörfliche Zusammenkommen, wie zum Beispiel das Sportfest, die Weihnachtsfeier mit Weihnachtsbasar oder das Kickerturnier. Die Schützengilde Groß Rheide diente der Gemeinschaft und dem Zusammenhalt. In den Jahren von 1955 bis heute hat sie eine relativ konstante Teilnehmerzahl von ca Personen. Jedes Jahr feiern die Mitglieder einige fröhliche Feste miteinander. Thies Lohmann, Ältermann von 1978 bis 1996, wünscht sich, dass es uns in der modernen Zeit der Hektik, des 91 Freiwillige Feuerwehr Groß Rheide: Protokolle der Jahreshauptversammlung vom 21. März 1947, Groß Rheide Entnommen aus der Mitgliederliste von 1970 der Freiwilligen Feuerwehr Groß Rheide 93 Vollstedt, Karl-Heinz,1995. S Entnommen aus der Mitgliederliste von 2012 der Freiwilligen Feuerwehr Groß Rheide 95 Aussage von Volker Kumm (1. Vorsitzender des TSV) am Vollstedt, Karl-Heinz, S Ebd.. 98 Zeitzeugin Anne Christel Ohm am Vollstedt, Karl-Heinz, S Entnommen aus der Mitgliederliste 2012 des TSV Groß Rheide 101 Entnommen aus den Protokollen der Groß Rheider Schützengilde Seite 18

19 Jagens, und Hastens gelingen möge, unser schönes Gildefest mit einigen frohen, geselligen Stunden in jedem Jahr mit dem Gedanken der Gemeinschaft zu erhalten 102. Seit einigen Jahren gibt es außerdem eine Junge-Leute-Gilde der Gemeinden Groß Rheide, Börm und Dörpstedt, an der Jugendliche ab 16 Jahren teilnehmen können. Wie bei den drei oben genannten Vereinen lassen sich auch bei vielen anderen immer wieder Zuwächse verzeichnen. So hat der Musikzug Groß Rheide/Dörpstedt seit einigen Jahren eine große Zahl an Neubeitritten im Jugendbereich zu notieren. Dort sind ca. 20 Kinder zwischen 9 und 15 Jahren in der musikalischen Ausbildung 103, das sind fast doppelt so viele, wie es zurzeit an aktiven Erwachsenen gibt. Aufgrund von Interessensverschiebungen wird es auch immer wieder solche Vereine geben, die sich auflösen müssen. Hier wäre zum Beispiel der Gesangverein zu nennen, der aufgrund fehlenden Nachwuchses, bald verschwunden sein wird. Aber es gibt auch solche Vereine, die sich neu gründen, wie zum Beispiel die Kindertheatergruppe. Die Vereine und die Gemeinde bieten den Bewohnern Groß Rheides immer wieder Veranstaltungen an, zu denen jeder im Dorf kommen kann, um so mit anderen in Kontakt zu treten. Dazu gehören neben den bereits aufgezählten der Feuerwehrball, das Osterfeuer, das Kickerturnier und das Laterne laufen, auch das Kinderfest, das Boßeln und das Schiet sammeln 104, wenngleich letzteres nicht dem Vergnügen, sondern dem Dorfbild dient. Abschließend lässt sich sagen, dass in Groß Rheide dank vieler aktiver Einwohner das Vereinsleben auch heute noch sehr floriert. 5 Fazit Vom Kartoffeldorf zum Wohndorf. - Unsere Untersuchungen ergaben, dass Groß Rheide während der Zeit von 1950 bis 2012 einen großen Wandel sowohl in der Landwirtschaft, als auch in den dörflichen Strukturen erlebte. Von vormals 74 Voll- und Nebenerwerbsbetrieben sind heute noch 9 aktive Vollerwerbsbetriebe in Groß Rheide. Neben der Reduktion der Höfe sank die Zahl der handwerklichen und gewerbetreibenden Betriebe deutlich. Diese Veränderung führte allerdings kaum zu einer Abnahme der dörflichen Aktivitäten, denn die Vereine sind noch immer gut besucht. Trotz der Landflucht steigt die Einwohnerzahl seit den 1970ern deutlich an: Die Bauwelle brachte neue Einwohner. Selbst wo ehemals der rettende Kartoffelhandel florierte, leben heute 102 Vollstedt, Karl-Heinz, S Entnommen aus den Mitgliederlisten 2012 des Musikzuges Groß Rheide/Dörpstedt 104 Beim Schiet sammeln handelt es sich, wie es der Name schon sagt, um einen Tag, an dem die Dorfbewohner durch das Dorf und die umliegenden Straßen ziehen und diese von achtlos Weggeworfenem zu befreien. Seite 19

20 viele Hinzugezogene, denn mit dem Ende des Kartoffeldorfes wurde das Gebäude der Dämpfund Sortieranlage zu Wohnungen umgebaut. Viele neue Wohngebiete wurden geschaffen, um Platz für neue Groß Rheider zu machen. Das Gesicht des Dorfes wandelte sich von der ehemals ausschließlich agrarisch, bäuerlich geprägten Gemeinde hin zum Familienidyll mit Ein- Familienhäusern. Seite 20

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