Neueste tagesaktuelle Berichte... Interviews... Kommentare... Meinungen... Textbeiträge... Dokumente...

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1 Neueste tagesaktuelle Berichte... Interviews... Kommentare... Meinungen... Textbeiträge... Dokumente... MA-Verlag DIE BRILLE / REPORT Mittwoch, 15. Juni 2016 Zukunft, Literatur, Gesellschaft - Mangel an Sozialkritik... Enno Stahl im Gespräch Literatur als Korrektiv Libertäre Positionen verteidigen Interview am 21. Mai 2016 im Brecht Haus in Berlin Mitte Der Schriftsteller, Kritiker und Performer Enno Stahl hat Germanistik, Philosophie und Italianistik studiert. Er veröffentlichte Prosa, Lyrik, Essays, Glossen und Kritiken in Zeitungen und Rundfunk sowie in Zeitschriften und Anthologien. [1] Stahl war Herausgeber von "Popliteraturgeschichte(n)" (2007) und "Karl Otten Lesebuch" (2007). In seiner Arbeit bemüht er sich darum, eine realistische Erzählweise zu entwickeln, die mit den Möglichkeiten der Literatur gesellschaftlichen Verhältnissen und den davon abhängigen Beziehungen der Menschen aufden Grund geht. Diesen Schreibansatz hat er in verschiedenen Essays und Aufsätzen nachdrücklich beschrieben und ihn als analytischen Realismus bezeichnet. [2] (SB) Zukunft, Literatur, Gesellschaft Die Krise als Chance... Erasmus Schöfer im Gespräch Gemeinsam stärker werden Interview am 20. Mai 2016 in Berlin (SB) Seit über 50 Jahren setzt sich der heute in Köln lebende Schriftsteller Erasmus Schöfer in Wort und Schrift mit sozialen und gesellschaftlichen Widersprüchen auseinander. Der Mitbegründer des Werkkreises Literatur der Arbeitswelt hat ausbeuterische Praktiken... (Seite 4) MUSIK / REPORT Mediengeburt Spam! - reflektiert bis kritisch... Wolf Kampmann im Gespräch Berliner hfpk bringt Musikzeit schrift Spam! auf den Markt Interview mit Wolf Kampmann am 31. Mai 2016 in Berlin Daß die populäre Musik für den Menschen auch im 21. Jahrhundert eine wichtige Rolle spielt, läßt sich leicht an der weltweiten Bestürzung ablesen, die in den letzten Monaten der Tod von David Bowie an einer Krebserkrankung... (Seite 15) (SB) Gemeinsam mit Ingar Solty hat Enno Stahl die Tagung "Richtige Literatur im Falschen? Schriftsteller Kapitalismus - Kritik" initiiert und moderiert, die im April 2015 im Berliner Brecht-Haus stattfand. Die zweite Ausgabe der Schriftstellertagung stand vom 19. bis 21. Mai 2016 am selben Ort unter dem Thema "Richtige Literatur im Falschen? Literatur - Gesellschaft - Zukunft". Am Enno Stahl Foto: 2016 by Schattenblick Rande der Konferenz beantwortete Enno Stahl dem Schattenblick einige Fragen. Schattenblick (SB): Sie gehen in Ihrem Essayband "Diskurs-Pogo" auf folgendes Brecht-Zitat ein: "Realistisch sein heißt: den gesellschaftlichen Kausalkomplex aufdeckend / die herrschenden Gesichtspunkte als die Gesichtspunkte der Herrschenden entlarvend." Dann schreiben Sie: "Auch wenn Brechts klassenkämpferischer Anspruch an die realistische Literatur, 'vermittels getreuer Abbildungen der Wirklichkeit die Wirklichkeit zu beeinflussen', an der

2 heutigen Situation vorbeigeht - ebenso wie an dem, was Literatur überhaupt zu leisten imstande ist -, demonstriert sein Realismus-Konzept dennoch, wie sehr es darauf ankommt, einen festen Ausgangswert bzw. einen Maßstab zu formulieren...." [3] Ist das nicht ein Widerspruch in sich, den Sie damit zum Ausdruck bringen? Enno Stahl (ES): Ich finde nicht, daß das im Widerspruch steht. Gemeint ist ja, daß Literatur im Grunde eine revolutionäre Funktion haben und dazu dienen kann, die Massen zur Erhebung zu inspirieren. Das, glaube ich, ist schon damals nicht möglich gewesen und heute noch viel weniger, wie wir allenthalben sehen. Wir sprechen ja auf unserer Tagung hier sehr viel darüber, wo man überhaupt anpacken könnte, um an die Leute heranzukommen. Das kann Literatur nicht leisten und befrachtet sie mit einer Aufgabe, die sie nie bewältigen konnte. Wenn es heißt, Voltaire und Rousseau hätten die französische Revolution ausgelöst, halte ich das für sehr fraglich. Damals haben wohl andere Dinge den Ausschlag gegeben, und wie ich erst kürzlich gelesen habe, sei die Angst ein wesentliches Moment der Erhebung gewesen: Als die Leute auf dem Land hörten, daß der Adel in Paris angegriffen worden sei, fürchteten sie dessen Rachezug und machten ihm ihrerseits präventiv den Garaus. SB: Inwieweit könnte der analytische Realismus, wie Sie ihn verstehen, geeignet sein, den herrschenden Verhältnissen etwas entgegenzusetzen? Sie haben ja beispielsweise in dem Text, den Sie gemeinsam mit Ingar Solty zur letztjährigen Tagung verfaßt haben, einen kämpferischen Schlußpunkt gesetzt. Was könnte Literatur leisten, die einen emanzipatorischen Anspruch vorhält? ES: Gemeinsam mit Ingar Solty - das sagt, glaube ich, alles. (lacht) Er ist halt in diesen Dingen erheblich optiseite 2 mistischer, und ich habe mich mal ein bißchen davon treiben und mitreißen lassen. Aber im Grunde genommen bin ich da etwas skeptischer, muß ich gestehen. Ich bin eher der Vertreter eines Modells, für das ich mich bei einer Diskussion an anderer Stelle schon mal von Raul Zelik als Sozialdemokrat beschimpfen lassen mußte - was mir sehr naheging. (lacht) Ich denke schon, daß Kulturtheorie genauso wie Literatur die Aufgabe hat, in dieser Zivilisation eine Art Gegenpart zu spielen, um das Schlimmste zu verhindern oder zumindest auf Abstand zu halten. Sollten die Zeichen sich ändern durch Bewegungen an der Basis, ökonomische Entwicklungen oder externe Faktoren wie etwa Katastrophen, wären die Karten wieder neu gemischt. Ausgehend von der aktuellen Situation denke ich jedoch, daß es im Grunde schon eine vornehme Aufgabe für die Literatur wäre, ein Wissen von bestimmten humanitären, libertären Vorstellungen am Leben zu erhalten und gegen diese zerstörerischen Kräfte des Neoliberalismus zu verteidigen, also eine gewisse Balance zu halten. In verschiedensten gesellschaftlichen Aspekten hat es meines Erachtens immer wieder für jede Bewegung eine Gegenbewegung gegeben. Wir haben vorhin kurz über die Renaissance der Schallplatte gesprochen, die in der Techno-Bewegung wieder total en vogue war und dadurch ein Comeback feierte, während die CD jetzt keine Rolle mehr spielt. Ein anderes Beispiel wäre die Ernährungsweise, denn während manche Leute einen absoluten Scheiß essen, heben andere besonders darauf ab, was sie zu sich nehmen. Bei diesen Prozessen handelt es sich um klassische Rollbacks, die es immer gibt. Letztendlich sollte Literatur aus ihrer Warte eine Gegenbewegung aufrechterhalten, wie das auch für andere Bereiche der Kunst oder die sozialen Bewegungen gilt. Als Korrektiv dagegenzustehen, wäre zunächst einmal eine taktische Grundhaltung. Darüber hinaus kann man versuchen, strategische Erwägungen für längere Zeiträume auszuarbeiten. Genau dieses Interesse verfolgen wir mit unserer Tagung, wenn wir fragen, wo es Möglichkeiten anzusetzen gibt. Literatur könnte meines Erachtens leisten, den Verhältnissen ein kritisches Bewußtsein entgegenzustellen. In "Diskurs-Pogo" trage ich die These durch, daß die Literatur in Deutschland diese Positionierung seit 1990 komplett vernachlässigt. Fast alles, was seither auf dem Buchmarkt als neue, große Literatur dargestellt und rezipiert wird, bietet überhaupt keinen Erkenntnisgewinn. Ich habe niemals Daniel Kehlmanns "Vermessung der Welt" gelesen, weil ich gar nicht weiß, warum ich das tun sollte. Ich kann mir nicht vorstellen, daß mir dieses Buch etwas über diese Gesellschaft oder die Menschheit vermitteln könnte. Das ist elaborierte Unterhaltung, die mich persönlich nicht interessiert. Ich habe andererseits beispielsweise "Jahrestage" von Uwe Johnson gelesen und halte das Buch für absolut politisch. Es wirft einen Blick in die deutsche Geschichte und ist nicht minder politisch, wenn es den Vietnamkrieg oder die Besetzung der Tschechoslowakei thematisiert. Von Literatur erwarte ich einfach ein waches Bewußtsein für ihre Gegenwart, und das ist nach meinem Dafürhalten in der deutschsprachigen Literatur so nicht mehr gegeben. SB: ZEIT Online hat sich damals zu einer Rezension [4] von "DiskursPogo" verstiegen, die gelinde gesagt unsachlich war. Wie gehen Sie mit solcher Kritik um? Können Sie sich sagen, die Kritik meines Feindes ist mein Lob? ES: Ein wenig ist das schon so. Davon abgesehen ist recht ambivalent, was der Rezensent da schreibt, zumal er sich unsachlicher Positionen bedient. Wenn es heißt, "Brille made by Marx", weil ich auf dem Bild eine

3 Brille trage, ist das natürlich absurd. Da ich Marx nie gelesen habe, wie ich gestehen muß, kann ich von ihm ganz gewiß keine Brille haben. Nur weil ich irgendwelche Zitate zur Untermauerung anführe, bin ich deswegen nicht unbedingt ein Marxist. Aber das ist bei der Presse wohl immer so. Ich schreibe selber schon seit Jahrzehnten für Zeitungen und kenne daher beide Seiten. Mir ist bekannt, welche Zwänge es in den Redaktionen gibt, seine Position auf wenig Platz klarzumachen, um mit der eigenen Auffassung verstanden zu werden. Dann kommt es eben manchmal zu Ungereimtheiten, aber was soll's! Ich finde es gar nicht so schlecht, wenn ZEIT Online über mein Buch schreibt. SB: Sie haben in "Diskurs-Pogo" die "Ästhetik des Humanen" von Heinrich Böll erwähnt. [5] Wäre das ein Konzept, in dem Sie sich am ehesten politisch zu Hause fühlen würden? ES: Ein bißchen weiter nach links sollte es schon sein. Dennoch finde ich Böll absolut positiv und denke, daß er tatsächlich eine moralische Instanz war. Nicht wie Günter Grass, von dem ja allgemein bekannt ist, daß er menschlich ein absolutes Arschloch war, was ich bei Heinrich Böll im Leben nicht glauben kann. Ich denke, daß er ein absolut sympathischer Mensch war. Es gibt da eine Anekdote, die das sehr gut auf den Punkt bringt, ich glaube von Peter Glaser, der das irgendwo geschrieben hat: Rainald Goetz hat in einem seiner ersten Bücher den Text "Subito", den er in Klagenfurt gelesen hat, mit den Worten enden lassen: "Heinrich Böll, Günter Grass, diese präsenilen Chefpeinsäcke." Der Verlag Kiepenheuer & Witsch, bei dem das erscheinen sollte, erklärte jedoch, es gehe nicht, daß sein Autor Heinrich Böll derart beschimpft wird. Auf die Anregung hin, Böll am besten selber zu fragen, antwortete dieser: "Also wenn, dann bin ich ein seniler Peinsack, kein präseniler." Der Text ist dann doch gedruckt worden. Ich meine, das sagt doch alles. Das ist eine ganz andere Haltung, als Günter Grass sie hatte. Ich bin übrigens gerade dabei, etwas über Böll, die Literaturnobelpreisträger und Deutschlands Sprache zu schreiben. Deswegen beschäftige ich mich tatsächlich wieder damit. Bei aller Hochachtung für Bölls Position weiß man natürlich nicht mit letzter Sicherheit, wie er so war. Bekannt ist aber, daß er zu VS-Kollegen [6] gesagt hat, hört endlich auf, euch mit der miesesten aller Parteien, der SPD, ins Bett zu legen. Wer weiß, wo er heute stünde. In diesem Fall ist mir der rheinische Katholizismus nicht so fern. SB: Damals haben sich einige Literaten, die keine Linken waren, aber es mit ihren humanistischen und ethischen Positionen ernst meinten, sehr weit aus dem Fenster gehängt. Sie gingen damit große Risiken ein und wurden öffentlich angegriffen. ES: Als "Ratten und Schmeißfliegen" zum Beispiel... SB: Gibt es heute vergleichbare Situationen oder Grenzverläufe, an denen sich Autoren in Gefahr begeben? ES: Das glaube ich nicht so sehr. Was aber den Bereich der politischen Korrektheit betrifft, muß man natürlich aufpassen und sollte es zum Teil auch. Diese Gefahr ist eher bei Rechten angesiedelt, wo tatsächlich auch mehr an Provokation zu holen ist. In der aktuellen Gesellschaftsverfassung sehe ich keine große Gefahr, sich wirklich angreifbar zu machen, die können einfach darüber lächeln, was Leute wie wir sagen. Zum Thema der politischen Korrektheit der Sprache hat David Foster Wallace einmal sehr schön gesagt, daß man zwar sehr leicht darauf achten kann, daß die Sprache in Ordnung ist. Das kostet einen gar nichts. Er fügte jedoch sehr skeptisch hinzu, daß das keinen Bezug zum dem hat, was in der Wirklichkeit passiert. [7] Ich sage es einmal etwas grober: Was nützt es den Afrikanern, wenn man zu ihnen nicht mehr Neger sagt, sie aber dennoch auf postkolonialistische Weise ausbeutet! Möglicherweise würden sie lieber Neger genannt werden, als daß ihre eigene Landwirtschaft kaputtgemacht wird. SB: Werden angesichts zunehmender Sprachregulierung die relativen Freiräume, die Literatur bieten könnte, um so wichtiger und verteidigenswerter? Würden Sie in dieser Hinsicht einen Ausblick wagen? ES: Ich empfinde es inzwischen tatsächlich als eine gewisse Bedrohung, daß Freiräume des allgemeinen Sprechens weithin beschnitten werden. Wenngleich es manche guten Gründe gibt, auf den Sprachgebrauch zu achten, sind die Auswüchse der Regulation mittlerweile wirklich zu schlimm. Ich bin ohnehin gegen diese Identitäts- und Minderheitspolitik und halte es in dieser Hinsicht mit Theodor W. Adorno, der gesagt hat, daß es keine Emanzipation ohne die der Gesellschaft gebe. Das gilt nicht nur für Frauen, sondern für alle Minderheiten, soweit sie vehement für ihre Freiheit eintreten, ohne zugleich die Freiheit der anderen zu meinen. Wenn beispielsweise einige islamische Verbände in Großbritannien heftig für ihre Safe Spaces kämpfen, stellt sich die Frage, wie es sich dabei mit den jüdischen Gemeinden verhält. Das ist dann wohl alles nicht so ganz vereinbar, obwohl es da teilweise skurrilste Kombinationen zwischen Schwulen, Lesben und islamisch stark engagierten Gruppierungen gibt. Ich weiß nicht, ob es ersteren klar ist, was möglicherweise daraus resultiert. Ich glaube nicht, daß die Lesben und Schwulen in einem auch nur moderaten islamischen Staat wahnsinnig gute Karten hätten. SB: Die Tagung ist noch nicht ganz zu Ende. Könnten Sie dennoch ein erstes Fazit ziehen, was aus Ihrer Sicht gelungen und was möglicherweise verbesserungswürdig ist? Seite 3

4 ES: Wenngleich der Besuch beim letzten Mal etwas besser war, habe ich andererseits den Eindruck, daß die Gespräche auf Grund des kleineren Kreises diesmal noch konzentrierter geworden sind. Dabei waren die Diskussionen schon im vergangenen Jahr erstaunlich fokussiert, so daß wir beim Tagungsband, den wir gestern abend vorgestellt haben, nicht so wahnsinnig viel redigieren mußten. Ich habe jetzt aber von verschiedener Seite und unabhängig voneinander gehört, daß alles noch ein bißchen präziser geworden sei. Zum einen kannten sich die Leute in der Kerngruppe teilweise schon, hatten gewisse Ebenen bereits geklärt und waren menschlich eher auf gleicher Wellenlänge. Zum anderen war wohl der Druck geringer, als wenn hundert Leute um einen herumsitzen, so daß die Gespräche zielführender verliefen. "Diskurspogo. Über Literatur und Gesellschaft" (2013) sowie der Tagungsband "Richtige Literatur im Falschen? Schriftsteller - Kapitalismus - Kritik" (2016), den er gemeinsam mit Ingar Solty herausgegeben hat. Was ich gestern ein bißchen vermißt habe, war der Übertrag auf die Literatur. Das ist heute besser geworden, und ich hoffe, daß sich diese Tendenz in der nächsten Sektion fortsetzt. Die Diskussion hatte zunächst einen gesellschaftstheoretischen Schwerpunkt, der teilweise von den Autoren selbst hereingetragen wurde, die soziologisch oder politologisch beschlagen sind. Daher waren es zuerst fast marginale Stimmen, die ihren Wunsch zum Ausdruck brachten, den Blick stärker auf die Literatur zu richten. Da wir uns diese Verknüpfung zum Ziel gesetzt haben, werden wir sicher ausgiebig beraten, auf welche Weise uns das noch organischer gelingen könnte. [7] David Foster Wallace schreibt in BERICHT/044: Zukunft, Literatur, einem Essay für das Magazin "Har- Gesellschaft - Lesen, schreiben, stöper's", daß zur Etikette geronnene ren... (SB) politische Korrektheit politischer Aktion im Wege steht: "Der strenge infopool/d brille/report/ Code egalitärer Euphemismen dient dbri0063.html dazu, genau die Art von schmerzhaf- SB: Herr Stahl, vielen Dank für dieses Gespräch. Interview am 20. Mai 2016 in Berlin Mitte Anmerkungen: [1] Im Verbrecher Verlag Berlin erschienen Stahls Romane "2PAC AMARU HECTOR" (2004), "Diese Seelen" (2008) und "Winkler, Werber" (2012), der kritische Essayband Seite 4 [2] [3] Enno Stahl: Diskurs-Pogo. Über Literatur und Gesellschaft, Verbrecher Verlag Berlin 2013, S. 21 f. [4] [5] Enno Stahl: Diskurs-Pogo. Über Literatur und Gesellschaft, S. 39 [6] Verband der Schriftstellerinnen und Schriftsteller (VS) tem, unschönem und manchmal beleidigendem Diskurs zu unterdrücken, der in pluralistischen Demokratien zu wirklichen politischen Veränderungen führt." (...) "Politisch korrektes Englisch wird dazu genutzt, dass sein Sprecher bestimmte Tugenden ausdrücken und sich gleichzeitig dazu beglückwünschen kann. Es dient dem Eigeninteresse des politisch Korrekten viel mehr als irgendeiner der Personen oder Gruppen, von denen es spricht." Berichte und Interviews zur Tagung "Richtige Literatur im Falschen?" im Schattenblick unter INFO POOL DIE BRILLE REPORT: DIE BRILLE / REPORT / INTERVIEW Zukunft, Literatur, Gesellschaft - Die Krise als Chance... Erasmus Schöfer im Gespräch Gemeinsam stärker werden (SB) Seit über 50 Jahren setzt sich der heute in Köln lebende Schriftsteller Erasmus Schöfer in Wort und Schrift mit sozialen und gesellschaftlichen Widersprüchen auseinander. Der Mitbegründer des Werkkreises Literatur der Arbeitswelt hat ausbeuterische Praktiken in Fabriken nicht nur beschrieben, sondern sich ihnen selbst als Lohnarbeiter ausgesetzt. Mit dem Anspruch, eine realistische Literatur zu verfassen, hat Schöfer Arbeitskämpfe, politischen Widerstand und ökologischen Protest auch denjenigen greifbar gemacht, die sich bislang nicht in derartigen Auseinandersetzungen engagiert haben. Als entschiedener Antimilitarist

5 weiß er, daß Krieg dort beginnt, wo er vorbereitet und geplant wird, was gerade heute, da die deutschen Eliten wieder Feldherrenhügel besteigen, immer wichtiger wird. Sein vierbändiges Hauptwerk "Die Kinder des Sisyfos" schildert die Geschichte der BRD-Linken von ihrem Aufbruch 1968 bis zur Niederlage des realen Sozialismus 1989, dessen Verallgemeinerung als finales Scheitern des Anliegens, der Herrschaft des Menschen über den Menschen ein Ende zu bereiten, die linke Bewegung bislang wenig entgegenzusetzen hat. Am 4. Juni wurde Erasmus Schöfer 85 Jahre alt, was tags darauf im Literaturhaus Köln gefeiert wurde. Zwei Wochen zuvor hatte der Schattenblick Gelegenheit, ihm kurz nach Beginn der zweiten Schriftstellertagung "Richtige Literatur im Falschen?" einige Fragen zu seiner Arbeit und ihren politischen Umständen zu stellen. Erasmus Schöfer Foto: 2016 by Schattenblick Schattenblick (SB): Auf dieser Schriftstellertagung wird die Frage "Richtige Literatur im Falschen?" aufgeworfen. Sie knüpft an Theodor W. Adornos berühmte Sentenz "Es gibt kein richtiges Leben im Falschen" an. Läßt sich aus Ihrer Sicht die Frage überhaupt in dieser Weise stellen, wenn damit alles, was einen umgibt, als falsch qualifiziert und damit auch die eigene Subjektivität relativiert wird? Erasmus Schöfer (ES): Darüber, ob es so etwas wie richtige Literatur in der falschen Gesellschaft gibt, fallen die Meinungen natürlich sehr unterschiedlich aus. Ich persönlich sehe eine richtige Literatur immer darin, daß sie sich mehr oder weniger kritisch auf die Gesellschaft bezieht bzw. sie so beschreibt, daß sie auch veränderbar erscheint. Wohin soll eine Literatur führen, die nur den Zustand darzustellen versucht und keine Perspektive hat in Hinblick auf die Zukunft? Eine solche Literatur finde ich weniger wichtig. mein Lebensresümee. Ich habe immer versucht, sowohl organisatorisch als auch selber schreibend auf die Gesellschaft in einem aufklärenden und anregenden Sinn einzuwirken, damit die Sachen nicht so bleiben, wie sie sind. Rolf Hochhuth, von dem man wirklich meinen sollte, daß er mit seinen Stücken große Wirkung gehabt hat, sagte einmal sinngemäß: Der Autor ist völlig vernachlässigbar und hat keine Wirkung. Er hat ein ganz enttäuschtes Resümee gezogen, was ich gar nicht verstehen kann, weil er aus meiner Sicht einen ziemlich großen Einfluß gehabt hat, vor allem mit seinem ersten Stück "Stellvertreter". Er hat sich immer kritisch engagiert und mit seinen Stücken die Geschichte aufgearbeitet und die Geschichtslügen zu entlarven versucht. Solche Arbeit ist natürlich wichtig. Natürlich kann es auch eine Bedeutung haben, andere Leute urteilen zu lassen, ob sie die Gesellschaft so be- Der Anlaß für diese Tagung hier ist, lassen wollen oder ob sie denken, daß Enno Stahl und Ingar Solty festdaß sie verändert werden müßte. gestellt haben, daß ein großer Teil der jüngeren Literatur nur noch mit sich selbst beschäftigt ist, gewissermaßen in einer Art Introspektive ganz vergessen hat, daß es noch eine größere Gesellschaft und vor allen Dingen entsetzlich viel Elend und Grausamkeit gibt. Die Reichtumsverteilung ist so schrecklich oder provozierend für jeden, der noch ein bißchen an Gerechtigkeit in der Gesellschaft glaubt, daß es eigentlich zum Handeln auffordert. Was mich schon an der letzten, aber auch an der diesjährigen Veranstaltung bisher stört, ist, daß von den gesellschaftlichen Verhältnissen weitgehend abgesehen und statt dessen darüber nachgedacht wird, wie man Literatur schreiben müßte, damit sie wirksam Heutzutage findet man bei vielen ist. Meine Vermutung ist, daß solche Autoren und Autorinnen ein resigna- Diskussionen nicht zum Kern fühtives Grundmotiv, weil sie meinen, ren, weil es darum geht, daß Autoren doch nichts verändern zu können. versuchen, die Gesellschaft zu verdie Macht des Kapitals ist so gewal- stehen, um sie dann zu beschreiben. tig und die Einflußmöglichkeiten auf Das Kämpferische wird völlig außer die Psyche und den Geist der Men- acht gelassen. schen sind durch die Medien so groß, daß man nicht dagegen anzukommen Deswegen will ich hier auch das Bild scheint. Das ist ein bißchen auch des Autors als Partisan einbringen. Seite 5

6 Ich habe schon vor einem Jahr gesagt, daß die Autoren einzeln völlig verstreut und deshalb unwirksam sind. Es müßte so etwas wie eine Assoziation von Autoren her, die in einem lockeren Bund mehr oder weniger auf eine sozialistische Perspektive hinsteuern und auch auf literarischem Wege erkunden, wie ein Sozialismus aussehen könnte, der gerechter ist und die Eigentumsverhältnisse anders ordnet. Das Hauptanliegen der Autoren müßte grundsätzlich immer erst sein, die Eigentumsordnung in Frage zu stellen, was ein selbstverständliches Tabu in unserer Gesellschaft ist. Wer auch nur daran rührt, fällt sofort in Ungnade. Eine Assoziation von Autoren, so ähnlich, wie es sie in der Weimarer Zeit gegeben hat, die auch imstande war, große Kongresse in Paris und Valencia zu veranstalten, könnte in der Öffentlichkeit meiner Meinung nach schon eine Auswirkung haben, auch wenn es nicht garantiert ist. ES: Ich weiß es nicht. Die Frage müssen wir hier auf der Veranstaltung auf jeden Fall erörtern. Wenn kein anderer sie stellt, werde ich es machen. Denn wenn man den Blick darauf richtet, daß die Gesellschaft auf etwas anderes orientiert werden muß, dann ist die Frage der realistischen Schreibweise relativ peripher, zumal es sehr viele Möglichkeiten gibt, realistisch zu schreiben. Wie es schon Peter Hacks formuliert hat, kommt es im besonderen auf die Haltung des Autors zur Gesellschaft an. Dann kann er auch so schreiben, daß das Publikum es versteht und auch aufnehmen kann. SB: Eine resignative Lebensbilanz ist bei altgewordenen Linken, die das Scheitern ihrer Träume, von denen sie in den 60er und noch 70er Jahren beseelt waren, konstatieren, durchaus verbreitet. Wenn man das Scheitern als ein wesentliches Element menschlicher Realität betrachtet, ist es dann überhaupt noch wichtig, auf ben, die die Jahre von 1968 bis 1989 kritisch erfassen und die Kämpfe jener Zeit akkurat wiedergeben. Natürlich hat es für das Selbstverständnis der Gesellschaft, vor allem für die Jugend, wenn sie sich historisch orientiert und nachfragt, eine Bedeutung. Damit, daß ich dies Werk auch nach 1989 mit der Erfahrung des Scheiterns des realen Sozialismus abschließen konnte, kann ich ganz zufrieden sein. Aber die Wirkung der Roman-Tetralogie ist natürlich vergleichsweise minimal, und das kann schon zur Resignation führen. Vor allen Dingen ist die Macht der Medien dabei für mich ein ganz entscheidender Gesichtspunkt. Seit der Einführung des Privatrundfunks, übrigens mit Zustimmung der SPD, was ich für den größten Fehler halte, den sie gemacht hat, werden die Köpfe in hohem Maße absorbiert. Wenn man am Abend über die Straßen geht und irgendwo findet ein Fußballspiel statt, oder wenn man in der Straßenbahn sitzt und sieht, daß alle nichts anderes mehr im Sinn haben als ihr Handy, begreift man, wie gewaltig diese Macht ist. SB: Ist es nicht eine naheliegende Konsequenz der kapitalistischen Arbeitsgesellschaft, daß die Menschen durch ein derartiges Überangebot an sinnlichen Reizen und medialer Ablenkung darauf zugerichtet werden, zu funktionieren und nicht aufzubegehren? das Ergebnis zu schauen, anstatt den Streit in welcher Form auch immer nach vorne zu bringen? Wie geht man SB: Glauben Sie, daß die Autoren, Ihrer Ansicht nach mit dem Gefühl die Sie vielleicht im Blick haben, so- des Scheiterns am sinnvollsten um? viel Willen zu streitbarer Kritik aufbringen, daß sie die herrschenden Ei- ES: Das ist eine Frage der Perspekgentumsverhältnisse in Frage stellen? tive. Ich habe vier Romane geschrieeinmischen und vorantreiben Foto: 2016 by Schattenblick Seite 6 ES: Sie werden dadurch mundtot gemacht und haben selber nichts mehr zu sagen. Das ist die Folge, nur noch zu funktionieren, und ein Erfolg der Strategie des Kapitals. Von den Thinktanks ist das schon sehr bewußt miteingeplant worden. Wir merken es kaum noch. Wie sicher man sich in dieser Gesellschaftsordnung fühlt, kann man daran ersehen, daß bei uns keine Zensur nötig ist. Man kann alles sagen und alles schreiben. Man wird nicht groß herausgestellt, aber auch nicht ins Gefängnis gesperrt

7 wie in der Türkei und vielen anderen Ländern, wo die Herrschenden noch Angst haben vor dem Wort. Hier haben sie nichts zu fürchten, weil jedes Wort einfach untergeht in dem großen Rauschen der Informationen. SB: Während in Ländern wie Griechenland oder der Türkei noch eine nennenswerte kämpferische Opposition existiert, herrscht in Deutschland Friedhofsruhe. Könnte dies nicht auch daran liegen, daß die Menschen im Land des EU-Hegemons und Krisengewinners auf relativ hohem Niveau verelenden? ES: Die Menschen wissen, daß es ihnen relativ gut geht, und von daher wollen sie nicht riskieren, dies durch Aufstände oder indem sie sich dem System verweigern zu verlieren. Sie sehen, wie schlimm es einem anderswo gehen kann. Wenn man ihnen sagte, daß es uns nicht aufgrund unserer eigenen Leistung gut geht, sondern weil wir so lange die Kolonien ausgebeutet und auf Kosten der Schwarzen und Südamerikaner gut gelebt haben, dann wollen sie das nicht wissen. Seit 1600 haben wir die Reichtümer dieser Kontinente hierher nach Europa geschafft und dadurch einen gewaltigen Produktivitätsvorsprung erreicht. Das ist auch ein Grund dafür, weshalb die DDR nicht mit dem Westen konkurrieren konnte, das gleiche gilt auch für die Sowjetunion. Das wurde den Menschen natürlich nicht so deutlich gesagt. Diese innere Unwahrheit hat auch zum Scheitern im realen Sozialismus mit beigetragen. SB: Nun trifft man die Logik des kleineren Übels, die Menschen darauf orientiert, daß es anderen viel schlechter geht und sie daher lieber Ruhe halten sollen, überall an. Wenn man sich dazu bekennt, Sozialist oder Kommunist zu sein: Ist das eine moralische Position oder gibt es über den Anspruch hinaus, nicht zu Lasten anderer Menschen leben zu wollen, noch eine weiterreichende Begründung? ES: Das Gefühl, daß Gerechtigkeit hergestellt werden muß, ist schon sehr grundlegend bei mir und auch der Ausgangspunkt aller weiteren politischen Orientierung. Es ist etwas, das mich von Jugend an beschäftigt hat. Das Gemeine ist, daß man nicht sagen kann, wie man dazu kommt, weil andere dieses Gefühl eben nicht haben. Tatsächlich ist die Eigentumsordnung einfach beschissen. Es herrscht keine Gerechtigkeit, obwohl die Menschen eigentlich gleichberechtigt sind, wie es in den Verfassungen auch drin steht. Das wird aber nicht realisiert. Der Wunsch ist sicherlich vorhanden, dem näherzukommen, und natürlich kann man so peu a peu etwas dafür tun. Ich denke, dieser Punkt wird in den Gesprächen hier zur Debatte stehen. Doch gegen die generelle Resignation wird man nicht so leicht ankommen können. Wenn bestimmte Leute auf Erscheinungen in unserer Gesellschaft wie Landkommunen, Attac und die Widerstandsbewegungen an vielen Stellen verweisen, muß man sich natürlich damit auseinandersetzen, ob diese relevant sind. Das ist jetzt die Streitfrage. Das kann niemand exakt beantworten. Man kann nur hoffen und sich weiter engagieren. SB: In Anbetracht des akuten Elends könnte man Griechenland als Opfer eines neokolonialen EU-Imperiums sehen. Während die KKE nach wie vor als kämpferische Kaderorganisation gilt, die für einen EU-Austritt plädiert, hat Syriza die Austeritätspolitik der EU weitgehend mitgetragen. Leistet angesichts der katastrophalen Situation in Griechenland die KKE letztlich nicht die authentischere und wirksamere Form des Widerstands? die KKE daran Schaden genommen hätte wie die Sozialisten in Frankreich, nachdem sie Regierungsverantwortung übernommen haben, läßt sich nicht so eindeutig beurteilen. Ich nehme an, daß es innerhalb der griechischen Kommunisten auch sehr unterschiedliche Meinungen zu einem Bündnis mit Syriza gibt. Immerhin ist Syriza ein Aufbruch gegen die alten Konservativen, so daß die Chance bestünde, Gesetze zu machen, die die Reichen stärker zum Sozialprodukt heranziehen. Ich kann das aber nicht genau beurteilen und glaube, daß das selbst die Griechen nicht können. Ich will nicht ausschließen, daß die Kommunisten Angst davor haben, in die Regierung zu gehen, weil sie möglicherweise befürchten, dadurch aufgeweicht zu werden. SB: Sie haben Gedichte von Jannis Ritsos ins Deutsche übersetzt. Mit welchen Schwierigkeiten bekommt man es zu tun, wenn man eine tief empfundenen Lyrik in eine andere Sprache zu übertragen versucht? ES: Ich habe nicht nur einzelne Gedichte, sondern den gesamten Epos "Die Nachbarschaften der Welt", worin der Widerstand der Griechen unter den Deutschen und dann auch die Zeit des Bürgerkriegs episch und in Versen geschildert wird, übersetzt. Das ist schon in der Weise möglich, daß die Essenz davon im Deutschen wieder erscheint. Bei Gedichten ist es aber immer mit einem Verlust verbunden. Bei meiner Übersetzung habe ich mich natürlich manchmal gefragt, ob es wirklich die richtige und adäquate Ausdrucksweise ist, aber bei einem so auf Realität orientierten Autor wie Ritsos geht das ganz gut. AnES: Ich habe nicht verstanden, dere Autoren sind viel schwieriger zu warum die KKE sich so vehement übersetzen, weil sie mehr in die widersetzt hat, mit in eine Regierung Phantasie gehen. zu gehen, denn dann hätte sie gemeinsam mit Syriza eine satte Mehr- SB: Sie sind seit vielen Jahren Autor. heit im Parlament gehabt und sich Das heute verwendete Deutsch ist nicht so schnell beugen müssen. Ob anders als vor 40, 50 Jahren. Wie be Seite 7

8 urteilen Sie den Wandel der deut- Felsen nicht resignierend schen Sprache? zwischen den Trümmern liegen lassen, sondern ihn weies: Ich finde es sehr interessant, wie terwälzen, so lange, bis er als sich eine Sprache entwickelt und Staubkorn im Sturmwind der welche Wörter sie erfindet, um neue Geschichte vom Gipfel des Realitäten zu bezeichnen. Das habe Bergs für immer davonich immer verfolgt. Ich sehe darin fliegt." Mit diesen Worten aus keineswegs einen Verfall der Spra- Ihrer vor sechs Jahren gehalche. Auch die Ausdrucksweisen, die tenen Rede "Schreiben im im sogenannten Volk gesprochen Maul des Alligators" [1] wird werden, machen die Sprache eher das klassische Bild der Sisyreicher als ärmer. Als Autor kann phosarbeit, deren angestrebman sich davon durchaus inspirieren tes Ergebnis durch das Zulassen, was ich in meinen Romanen rückrollen des Steines ja imzum Teil auch gemacht habe. Ich mer wieder zunichte gemacht denke, es ist wichtig, nicht immer nur wird, im Sinne einer Überdie eigene Sprache zu benutzen, son- windung dieser Ohnmacht dern auch verschiedene Ausdrucks- aus unterlegener Position weisen mit einfließen zu lassen. heraus umgedeutet. Ist das für Sie eine grundsätzliche PerSB: In der Lausitz fanden jüngst wie- spektive? der Proteste gegen die Braunkohle statt, wobei die Forderung der sozial- ES: Ja, es ist auch ein Ergebnis meiökologischen Bewegung nach einem ner Geschichtsbetrachtung. Ich habe möglichst schnellen Ausstieg aus der die Geschichte der Kriege, GrausamKohleverstromung im Gegensatz zum keiten und Zerstörungen, die angeinteresse der lohnabhängigen Arbeiter richtet worden sind, immer auch im steht, weiterhin einen Job zu haben. Verhältnis zu dem gesehen, was Wie bewerten Sie derartige Konflikte Menschen immer wieder aufgebaut aus klassenkämpferischer Sicht? und wie sie die Gesellschaften weiterentwickelt haben, potentiell und ES: Ich habe immer gesagt, eine manchmal auch reell. Konversion vor allen Dingen in der Kriegsrüstungsproduktion muß SB: Herr Schöfer, vielen Dank für möglich sein. Dazu müssen natürlich das Gespräch. Modelle entwickelt werden, um herauszufinden, was in Firmen mit solchen Anlagen für eine friedliche Ent- Anmerkung: wicklung der Gesellschaft produziert [1] kann. Man muß es jedoch so fer.de/der-autor/schreiben/ machen, daß nicht einfach Leute auf die Straße gesetzt werden, nur weil jetzt keine Panzer mehr produziert Berichte und Interviews zur Tagung werden sollen. Man muß sehen, was "Richtige Literatur im Falschen?" für sinnvolle Maschinen in einer sol- im Schattenblick unter chen Fabrik mit den gleichen Arbei- INFO tern hergestellt werden können. Das POOL DIE BRILLE REPORT: ist zum Teil in einzelnen Standorten von der IG Metall versucht worden, BERICHT/044: Zukunft, Literatur, wie zum Beispiel in Bremen. Aber Gesellschaft - Lesen, schreiben, stöein starker Impuls ist davon in dieser ren... (SB) Hinsicht nicht ausgegangen. SB: "Wir sind die Kinder des Sisyfos, die den niederschmetternden Seite 8 infopool/d brille/report/ dbri0064.html Der Autor liest aus "Die Kinder des Sisyfos" Foto: 2016 by Schattenblick SCHACH - SPHINX Auf den Händen sitzen (SB) Einen Vorteil zu erringen ist einfach. Schließlich hilft dabei der Gegner durch Fahrlässigkeiten mit. Doch wenn dieser positionelle oder materielle Zugewinn oder Mehrwert zu einem Sieg umgewandelt werden soll, also die Reihe ausschließlich an uns kommt, zu zeigen, wie weit unser Schachverständnis geht, dann wird die Sisyphusarbeit deutlich. Nichts ist in der Tat schwieriger, als eine gewonnene Partie zu gewinnen. Der letzte Fehler entscheidet zumeist, unabhängig davon, wer in Vorteil ist. Schließlich läßt sich jede Stellung durch unbedachte Züge verderben. Der Ehrgeiz, unbedingt und zwingend einen raschen Gewinnweg zu finden, steht dann regelmäßig Pate dafür, die Stellungsüberlegenheit wieder aus der Hand

9 zu geben. Mikroskopisch klein und schneckenhaft langsam die Vorteile erst zu verdichten und dann allmählich zu einem siegreichen Ganzen zu erweitern, dafür fehlt dem Laien oftmals die Geduld. Wir sind es gewohnt, die Welt und unseren Zugriff wie eine Schalterfunktion aufzufassen. Der rasche Griff der Gier taugt selten etwas, weswegen Siegbert Tarrasch in pädagogischer Kenntnis der menschlichen Ungeduld dazu geraten hatte, "auf seinen Händen zu sitzen", wenn der Sieg nur eine Frage der Zeit und der Allmählichkeit ist. Übereilung birgt nicht selten den Verlust in sich. Gerade in Endspielen ist Filigranarbeit oberstes Gebot. Im heutigen Rätsel der Sphinx hatte Meister Balaschow mit den weißen Steinen eine klar gewonnene Stellung erreicht, und doch durfte er nicht den Wegweiser zum Sieg verfehlen. Was also mußte er tun, Wanderer? POLITIK / SOZIALES / INTERNATIONAL poonal Pressedienst lateinamerikanischer Nachrichtenagenturen Mexiko Tamaulipas: Anhebung des Mindestalters bei Eheschließung auf 18 Jahre von Rosa María Rodríguez Quintanilla (Ciudad Victoria, 31. Mai 2016, cimac) - Im mexikanischen Bundesstaat Tamaulipas können Minderjährige nicht mehr heiraten, seitdem das örtliche Abgeordnetenhaus Reformen und Zusätze verabschiedet und andere Artikel des Gesetzbuches von Tamaulipas außer Kraft gesetzt hat. Der entsprechende Artikel 220 wurde wie folgt geändert: Die Eheschließung ist nichtig, sobald eine oder beide Personen zum Zeitpunkt der Heirat unter 18 Jahre alt sind. Die Balaschow - von der Landesregierung vorgeschlagene Änderung der Satzung Suttles wurde einstimmig verabschiedet. Puerto Rico 1971 Zuvor lag das Mindestalter der Eheschließung bei 16 Jahren. Auflösung letztes Sphinx Rätsel: Musikalisch einwandfrei, fast sphärenklanglich, setzte Meister Smyslow hier mit 1.g4-g5! fort, was ihm nach 1...Sf7xe5 2.g5xf6 Se5xf3+ 3.Tf1xf3 Materialvorteil verschaffte und nach 3...g7xf6 4.f4-f5! Dc7xg3+ 5.Tf3xg3 e6-e5 6.Te2-g2! Sf8-d7 7.Tg3-g7+ Kh7-h8 8.Tg7-g6 Kh8h7 9.Lc5-a3! e5xd4 10.La3-c1 den Sieg einbrachte. Schwarz gab auf, denn nach 10...Te8-e1+ 11.Kg1-f2 Te1xc1 12.Tg6-g7+ Kh7-h8 13.Tg7g8+ käme das Matt. infopool/schach/schach/ sph05867.html Bei Bekanntgabe der neuen Regelungen erklärte die Präsidentin der Justizkommission des Abgeordnetenhauses, Aída Zulema Flores Peña: "Die Eheschließung zwischen Minderjährigen fördert Gewalt und Diskriminierung und verletzt die Menschenrechte sowie das Prinzip der Freiheit der Beteiligten. Außerdem wird die Entwicklung ihrer Selbstverwirklichung eingeschränkt. Solch jungen Menschen fehlt es oft noch an Auffassungsvermögen und Reife, sich des Ausmaßes dieser lebensverändernden Entscheidung bewusst zu sein." Mit diesen Reformen, so die Abgeordnete der PRI (Partido Revolucionario Institucional) weiter, seien die Grundrechte der Kinder und Jugendlichen auf ein gesundes Heranwachsen, eine gewaltfreie soziale Ent wicklung und ein friedvolles kulturelles Umfeld garantiert, so wie es in unterschiedlichen Gesetzgebungen sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene vorgeschrieben sei. UN-Konvention verbietet Ehe zwischen Minderjährigen Die UN-Konvention zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau (im Englischen CEDAW abgekürzt) verbietet weiterhin die Ehe zwischen Minderjährigen. "Im Einverständnis mit diesen Regelungen sind die Verlobung und die Hochzeit eines Jungen oder Mädchens rechtlich nicht bindend. Es wird den Bundesstaaten empfohlen, die Gesetze entsprechend anzupassen, um 18 Jahre als Mindestalter für heiratswillige Personen einzuführen", bekräftigte Flores Peña. Das "Gesetz zum Schutz von Kindern und Jugendlichen" (Ley General de los Derechos de Niñas, Niños y Adolescentes), rechtsgültig seit dem 4. Dezember 2014, beinhaltet seinerseits in Artikel 45, dass das Bundesgesetz und die Gesetze der einzelnen Staaten in ihrem entsprechenden Zuständigkeitsbereich 18 Jahre als Mindestalter für die Eheschließung festlegen sollen. Das Abgeordnetenhaus von Tamaulipas setzte auch die Artikel 221, 222 und 223 des örtlichen Gesetzbuches außer Kraft. Diese hatten besagt, dass die Eheschließung zwischen MinSeite 9

10 bische Ballade, mit der er die Anwesenden bat ihre Herzen zu öffnen und an all die Menschen zu denken, die in diesem Augenblick in Syrien sterben. Gleich zu Beginn wurde so einer der zahlreichen Krisenherde ins Zentrum gerückt und aufgezeigt, dass die Berichterstattung ein aktuurl des Artikels: https://www.npla.de/poonal/tamau- elles Beispiel für die Wertekrise der lipas-anhebung-des-mindestalters- Medien und Medienschaffenden selbst ist. bei-eheschliessung-auf-18-jahre/ derjährigen nur dann annulliert werden konnte, wenn ein Vormund oder Richter innerhalb von 30 Tagen ab dem Tag der Eheschließung Widerspruch eingelegt hat. Limbourg weist darauf hin, dass die technischen Möglichkeiten des digitalen Zeitalters auch verantwortlich Quelle: poonal - Pressedienst lateinamerika- sind für wachsende Desinformation und Propaganda. Für einen weltweinischer Nachrichtenagenturen ten Wandel sieht er die MeinungsHerausgeber: Nachrichtenpool Lateinamerika e.v. freiheit und die Möglichkeit diese frei auszudrücken, als fundamentaköpenicker Straße 187/188, les Element. Die Deutsche Welle be10997 Berlin findet sich in einem laufenden ProTelefon: 030/ zess der Anpassung an die Anforde rungen der modernen Zeit und ist auf Internet: dem Weg, zu einen weltweiten digitalen Broadcaster zu werden. Limhttp:/// bourg sieht die Pressefreiheit in Geinfopool/politik/soziales/ fahr in existierenden Diktaturen in psi00202.html der Welt und auch in demokratisch gewählten Regierungen wie der Türkei, Ungarn oder Polen, die zunehmenden Druck auf die freie MeiMEDIEN / FAKTEN nungsäusserung ausüben. * Internationale Presseagentur Pressenza Büro Berlin Global Media Forum: Pressefreiheit, Propagandaschlacht und westliche Werte von Reto Thumiger, 13. Juni 2016 Bonn Das 9. Global Media Forum, organisiert von der Deutschen Welle in Bonn, dreht sich dieses Jahr um die vielversprechenden Themen Medien, Freiheit und Werte. Die Eröffnungsrede hielt Peter Limbourg, Intendant der Deutschen Welle. Zur Einstimmung spielte der syrische Pianist Aeham Ahmad eine araseite 10 enswürdigen Medien, wie zum Beispiel der Deutschen Welle orientiert. Franz-Josef Lersch-Mense, Minister für Bundesangelegenheiten, Europa und Medien, weist im Wesentlichen auf die wachsende Gefahr hin, der sich Journalisten und Medienschaffende im Ausland, aber auch in Deutschland aussetzen, und bei dieser Gelegenheit erwähnte er auch den Polizeischutz, den Jan Böhmermann in Anspruch nehmen musste. Er sprach von den verschiedenen Rollen, die Politiker, Diplomaten und Menschenrechtsorganisationen haben und betonte, dass das Bestreben nach einer freien und demokratischen Welt diese verbindet. An Beispiel Ukraine betonte er, wie sehr man durch Weiterbildungsprogramme und Workshops bemüht ist, die freie Berichterstattung dort zu fördern. Selbstredend sei die einzige politische Agenda der deutschen Regierung, dort den Menschen Freiheit und Demokratie zu bringen und die Propaganda der "anderen Seite" zurückzudrängen. Ganz klar ist, wie viel Bedeutung für die deutsche Regierung in der heutigen Situation die PropagandaSchlacht der Medien hat, um die öffentliche Meinung im In- und Ausland zu beeinflussen, wobei man natürlich selbst wie immer objektiv informiert und die Werte Freiheit und Demokratie vertritt, während alle, die sich gegen den westlichen Export stellen, reine Propaganda betreiben. In Deutschland sieht er Gefahr für die Pressefreiheit nur in den erstarkenden Rechtsradikalen, die an Kraft gewinnen und mit dem Slogan "Lügenpresse" auf die Straße gehen. Die Deutsche Welle und das Global Media Forum sehen sich der globalen Gemeinschaft verpflichtet und ihre Mission liegt darin, sich dafür stark zu machen, dass Nationalismus kei- Alexander Graf Lambsdorff, Vizene Option mehr sein wird. präsident des Europäischen Parlaments, macht die Ausrichtung klar, Bundespräsident Joachim Gauck be- die Deutsche Welle ist ein Instrument grüsste alle Anwesenden in einer Vi- zur Vertretung politischer Interessen deonachricht. Er betonte die Bedeu- in der Welt und in den besonderen tung der Debattenkultur und die Einflussgebieten. Das erklärt auch, Meinungsvielfalt, aber auch er ver- warum nach Jahren das Budget für wies auf die Gefahr der Desinforma- die Deutsche Welle deutlich erhöht tion und Manipulation, die die neu- wurde. en Kommunikationsmittel mit sich bringen und wünscht sich, dass man Er erwähnt die grosse Verschwörung sich an den etablierten und vertrau- jener, die die traditionelle Presse als

11 "Lügenpresse" diffamieren, was für Journalisten und Politiker gleichermassen schmerzlich sei, da sie eine gemeinsame Elite bilden und gemeinsam für die Förderung der "westlichen Werte" eintreten würden. Leider wurde in dieser EröffnungsSession die Gelegenheit nicht genutzt, wenn auch nur für einen kurzen Moment, Selbstkritik zu üben an der fragwürdigen westlichen Politik, die mit militärischen Interventionen, Waffenexporten in Krisengebiete und an Diktaturen, mit ihrer Flüchtlingspolitik, der Expansionspolitik der Nato, Aufrüstung und Modernisierung von nuklearen Waffen die Welt grossen Gefahren aussetzt, wie es sie seit dem Ende des Kalten Krieges nicht mehr gegeben hat. Es wurde auch nicht in Frage gestellt, wel- che traurige Rolle dabei die traditio- der Organisation Begegnung der nelle Presse spielt, die viel ver- Kulturen von einem multikulturellen Nebeneinander zu einer weltweiten schweigt und schön redet. menschlichen Nation gelangen. Über den Autor Reto Thumiger. Seit über 25 Jahren ist der gebürtige Schweizer und gelernte Kaufmann Aktivist des Neuen Humanismus. Seine Anliegen, wie kulturelle Vielfalt, gleiche Rechte und Möglichkeiten für alle Menschen sowie eine innere und äußere Revolution - basierend auf der aktiven Gewaltfreiheit, führte ihn in sehr unterschiedliche Länder, wie Ungarn, Spanien, Togo und Sierra Leone. Mit seiner freiwilligen Tätigkeit in Pressenza Berlin möchte er der neuen Sensibilität und dem neuen Bewusstsein ein Sprachrohr verleihen und mit seinem Engagement bei Der Text steht unter der Lizenz Creative Commons 4.0 Quelle: * Internationale Presseagentur Pressenza - Büro Berlin Johanna Heuveling Internet: infopool/medien/fakten/ mfam0730.html PANNWITZBLICK / PRESSE / FRAGEN Internationale Presseagentur Pressenza Büro Berlin Annalisa Maggiani: Tanztherapie und Inklusion von Milena Rampoldi, 11. Juni 2016 in Berlin lebt und arbeitet, versucht unter anderem in Zusammenarbeit mit dem Projekt Artemisia von Amelia Massetti, die Tanzbewegungstherapie als wertvolles Werkzeug zu Gunsten der Inklusion der Menschen mit Behinderung einzusetzen. Sie soll Jugendliche mit Behinderung wie auch Bild: Giancarlo Marcocchi, "normal Begabte" gemeinsam wachsen Progetto Performance Mertamor lassen. ProMosaik zufolge sollten Prophosis, Palermo jekte wie die von Annalisa gefördert Die italienische Psychologin und Tanz- werden, um gegen jegliche Art von sotherapeutin Annalisa Maggiani [1], die zialem Ausschluss und jegliche gesell schaftliche Diskriminierung von Menschen, die als ANDERS angesehen werden, anzukämpfen. Milena Rampoldi: Was sind die Hauptzielsetzungen, die man mit der Tanz Bewegungstherapie für anders begabte Menschen erreichen kann? Annalisa Maggiani: Die wichtigsten Zielsetzungen bestehen, wie ich bereits in der Präsentation zur Einladung des Projektes "Kommunikation und Sprachen" angemerkt habe, in der Entwicklung der eigenen kommunikativen Fähigkeiten, der Förderung des Körperbewusstseins, Seite 11

12 der Ausweitung des Ausdrucks-, kreativen und Bewegungspotenzials, der Suche nach konstruktiven Lösungen im Gegensatz zur stereotypischen und kristallisierten Gestaltung von Bewegungen und Rollen und der Suche nach Würde und größerer gesellschaftlicher Akzeptanz. Mit Hilfe der Tanztherapie erhält der Begriff der "anders Begabten" eine neue Valenz: die Fähigkeit jedes Einzelnen wird zusammen mit den Ressourcen deutlich hörbar im Rahmen jeglicher "einzelner" Fähigkeit. Denn sobald die Bewegungen jedes Einzelnen von der Gruppe übernommen und wiederspiegelt werden, erhalten sie ihren eigenen Sinn. Dann findet die Kommunikation statt, und einher kommt das Gefühl in den Menschen auf, dass sie gehört, gesehen und verstanden werden. Was bedeutet Inklusion für Sie? Inklusion bedeutet Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft, die aus verschiedenen Fähigkeiten, Rollen und Qualitäten besteht. Eine Gruppe, die aus Studenten, Menschen mit Behinderung und unterstützenden Lehrkräften besteht, schafft eine tiefe Grundlage für diese im Menschen verankerte Fähigkeit, die es zu fördern und zu erhalten gilt. Bild: Giancarlo Marcocchi, Progetto Performance Mertamor phosis, Palermo Seite 12 Nach dem Verständnis der Grammatik der Körpersprache kann man tiefgründig und direkt kommunizieren. So wächst die Gruppe gemeinsam und die Inklusion ist kein Thema mehr, sondern wird zu einem natürlichen Produkt. Welche sind die besten Verbindungs formen zwischen Psychologie, Tanz und Bewegung? Man geht davon aus, dass der Körper ein Gedächtnis hat: alle Erfahrungen, Emotionen und körperlichen Erinnerungen werden im körperlichen Gedächtnis gespeichert. Weisen verändern kann, indem alle Teilnehmer in Kontakt zueinander treten; oder an einen Hauch, indem wir in Paaren den Dialog durch die körperliche Wahrnehmung anspornen oder an eine Umarmung als Begrüßung, aber auch als Bewegung der Begegnung, Öffnung und des Verschließens, des Ein- und Ausatmens, des Treffens auf den Anderen und auf das eigene Selbst. Auf diese Weise werden neue körperliche Erfahrungen gespeichert, die unser Körper dann auf unsere Psyche überträgt. Dieser Embodiment-Prozess gilt als wertvoller Prozess, den alle Menschen gemeinsam haben und der wertvoll für das Wachstum und die Veränderung ist. In der Tanz-Bewegungstherapie werden durch die Bewegung und den Tanz psychologische Prozesse und Was können die "normalen" Men neue Sozialisierungsformen akti- schen von den Menschen mit Behin viert, die ihrerseits vom Körper ge- derung lernen? speichert werden (Embodiment). Zahlreiche Formen leiten diesen Pro- Durch diese Erfahrung verkürzen zess ein. sich in den Begegnungen der Gestik und der Bewegung die "EntfernunDurch die Tänze des Vertrauens, die gen" unter den Schülern. Durch die körperliche Sensibilisierung, die Kreativität entsteht eine neue gekörperliche Wahrnehmung, die mit meinsame Sprachform, die alle umder Bewegung verbundene Vorstel- fasst. Und aus jedem Unterschied lungskraft, den visuellen, kinästheti- wird ein Mehrwert. Ich habe das schen und taktilen Kontakt, erlebt Glück gehabt, diesen Prozess perman sich selbst und die Welt der sönlich zu erleben. In mir finden sich Kommunikation. zahlreiche Momente, die wie kleine Schätze sind, beispielsweise beim Treffen nach der Veranstaltung, in der man eine Bewegung tätigen sollte, um den eigenen geistigen Zustand mitzuteilen. Die "normalen" Jugendlichen schämten sich und konnten keine Bewegungen finden. Ein Mädchen im Rollstuhl hingegen, die sich schwer tat, auch nur einen Arm zu bewegen, erhob, als sie an der Reihe war, langsam den Arm in einer intensiven Bewegung, schloss die Faust und erhob sie nach oben und öffnete sie wie eine Blume, während sie lächelte. Zu dem Zeitpunkt haben die Jugendlichen sich bei Luisa bedankt und ihr gesagt, dass ihre Bewegung Denken wir beispielsweise an einen auch die ihre war und diese auch ihball, den wir in den Kreis werfen und ren geistigen Zustand der "inneren der sich auf Tausende Arten und Stärke" ausdrückte. Es war ein rüh

13 render und starker Augenblick, fast ein Symbol der Inklusion: man spürt, dass es eine Kommunikation zwischen Unterschieden gibt und dass jeder einen unterschiedlichen und bereichernden Beitrag für die Anderen leisten kann. Moment der Veranstaltung wichtig. Für die LehrerInnen kam es darauf an, die Kommunikation in einer geschützten und vorurteilsfreien Umgebung, in der man sich anlehnen kann, umzusetzen. Für die LehrerInnen war es ein Augenblick, in dem sie sich von ihrer Was können wir vom Ihrem in Pisa Rolle befreit haben. In dieser Tätigumgesetzten Projekt lernen? keit konnten sie ihre eigene Flexibilität auf die Probe stellen, ein wichman lernt zu spüren, dass man zwi- tiges Werkzeug zur Vorbeugung des schen Unterschieden kommunizie- Burn-Outs! ren kann und dass jeder einen verschiedenen und bereichernden Bei- Wie bereits hervorgehoben, hat die trag für die Anderen leisten kann: Erfahrung der körperlichen KommuDies lernt man im Rahmen dieses nikation die Studenten in die Lage Projektes, das als Beispiel dienen versetzt, neue Erfahrungen zu makann, um die Inklusion in der Schu- chen und die neue Sprache der Menle einzuführen. schen mit Behinderung aufzunehmen. Die Einheit zwischen Gestik Wenn man die Jugendlichen in den und Gefühlen, Improvisation und Bereich der Kreativität führt, kommt Phantasie, Kontakt und Beziehung die Besonderheit jedes Einzelnen ans hat zur Überwindung der anfänglitageslicht. Denn jeder leistet seinen chen Ablehnung einer als zu "soneigenen und besonderen Beitrag. derbar" angesehenen Erfahrung geund man fühlt zutiefst, wie viele un- führt. bekannte Fähigkeiten die sogenannten "normal Begabten" erfahren kön- Was eine Studentin beim letzten nen. Treffen die Gruppe gefragt hat, steht symbolisch für das, was wir Es bedeutet, den "normalen" Ju- aus diesem Verlauf lernen können: gendlichen die Möglichkeit zu ge- den Tanz des Vertrauens. Einen ben, die Emotionen auch mit Hilfe Partner in einen Raum zu führen, der Menschen mit Behinderung der einem vertraut und sich tragen auszudrücken, die oft in direktem lässt. Kontakt mit den Emotionen sind und daher von diesen überrumpelt werden. Diese wiederum begegnen den Emotionen, indem sie sie mit der Gestik modulieren, sie mitteilen und auf Gehör stoßen. Für die LehrerInnen ist dieses Projekt ein Moment der "Ruhe", ein Moment, in dem sie sich bewegen, spielen und auch Antworten auf ihre Zweifel finden. In diesem Projekt haben sich die TeilnehmerInnen unterschiedlich dazu ausgedrückt: für die Jugendlichen war der Moment wichtig, in dem man die Emotionen benannte. Für die Jugendlichen mit Behinderung war hingegen auch der befreiende Bild: Giancarlo Marcocchi, Pro getto Performance Mertamorphosis, Palermo Wie kann man Tanz und Bewegung in die Psychotherapie im Allgemeinen in tegrieren und einen multidisziplinären Ansatz fördern, um auch Menschen mit psychischem Leiden zu heilen? Ich habe 15 Jahre lang in einem Zentrum für psychische Rehabilitation in Pisa gearbeitet und festgestellt, wie sehr Tanz, Bewegung und Kunst die Behandlung psychischer Störungen unterstützen können. Die Tanz-Bewegungstherapie eignet sich besonders im Bereich der psychiatrischen Rehabilitation und in der Behandlung des psychischen Leidens. Sie fokussiert im Besonderen auf: - Den Wiederaufbau der Körperwahrnehmung, - Die eigenen Grenzen, die Grenzen des eigenen Ichs, das Selbstwertgefühl, den eigenen Raum. Dadurch erhält das Individuum einen wertvollen Anreiz, um den Sozialisierungsprozess voranzutreiben; - Die Formgebung für interne konfuse, fragmentierte und aufgegebene Inhalte, um auf diese Weise den Prozess des Wiederaufbaus des Ichs zu unterstützen. Die Bedeutung der Bewegung gestaltet sich für jeden Patienten einzigartig. Der Therapeut geht nicht von Auslegungs- oder Urteilsstandpunkten aus, sondern kann den Raum für das se- mantische Bewusstsein schaffen. In der Tanz-Bewegungstherapie wird die Beziehung zwischen Bewegung, Seite 13

14 Emotion und Ich als ein Mittel angesehen, wegungstherapie einen langen Weg wodurch ein Individuum sich zu einem im Bereich der praktisch-theoretiintegrationsprozess verpflichten kann. schen Forschung durchlaufen. Es werden verschiedene körperliche, Die Beziehung zwischen Bewegung Bewegungs- und Tanztechniken einund Emotion wurde von den Men- gesetzt, um einen Bewusstseinsbilschen immer schon berücksichtigt: dungsprozess zu fördern, indem man man denke an die Tänze der Schama- die psychischen Prozesse mit den nen, an die Trancetänze und an unse- Emotionen, die sich in den körperlire "Tarantolati": die evokatorische chen Abgründen befinden, und den Macht des Tanzens kann uns direkt in der Außenwelt erlebten Erfahrunmit unserem Innenleben in Verbin- gen in Einklang bringt. dung bringen, wie z.b. mit unseren Wünschen, Träumen und Ängsten. Über die Autorin Die Tanz-Bewegungstherapie geht somit vom menschlichen Vermögen aus, Dr. phil. Milena Rampoldi ist freie indem sie versucht, den "gesunden Schriftstellerin, Buchübersetzerin Teil" des Individuums zu entwickeln. und Menschenrechtlerin in Denn die Körperlichkeit umfasst zahl- Bozen geboren, hat sie nach ihrem reiche psychologische Aspekte: Emp- Studium in Theologie, Pädagogik findungen, Wahrnehmungen, Affekte und Orientalistik ihren Doktortitel und soziale Beziehungen. mit einer Arbeit über arabische Didaktik des Korans in Wien erhalten. Der Ansatz ist somit holistisch, weil er Neben ihrer Tätigkeit als SprachlehKörper, Emotionen, Verstand und Vor- rerin und Übersetzerin beschäftigt stellungsvermögen gemeinsam nutzt sie sich seit Jahren mit der islamiund somit auf dem Prinzip basiert, schen Geschichte und Religion aus nach dem Körper und Seele in einer einem politischen und humanitären dauernden Wechselbeziehung stehen. Standpunkt, mit Feminismus und Menschenrechten und mit der GeAuf der Grundlage dieser theoreti- schichte des Mittleren Ostens und schen Grundlagen hat die Tanz-Be- Afrikas. Sie wurde verschiedentlich Seite 14 Bild: Giancarlo Marcocchi, Progetto Performance Mertamorphosis, Palermo publiziert, mehrheitlich in der deutschen Sprache. Sie ist auch die treibende Kraft hinter dem Verein für interkulturellen und interreligiösen Dialog Promosaik. Anmerkung: [1] Der Text steht unter der Lizenz Creative Commons 4.0 Quelle: * Internationale Presseagentur Pressenza - Büro Berlin Johanna Heuveling Internet: infopool/pannwitz/presse/ ppint191.html

15 MUSIK / REPORT / INTERVIEW Mediengeburt Spam! - reflektiert bis kritisch... Wolf Kampmann im Gespräch Berliner hfpk bringt Musikzeitschrift Spam! auf den Markt Interview mit Wolf Kampmann am 31. Mai 2016 in Berlin Daß die populäre Musik für den Menschen auch im 21. Jahrhundert eine wichtige Rolle spielt, läßt sich leicht an der weltweiten Bestürzung ablesen, die in den letzten Monaten der Tod von David Bowie an einer Krebserkrankung und Prince durch eine Medikamentenvergiftung ausgelöst hat. Mit Wichtigkeit sind weniger die obligatorischen Nachrufe der internationalen Medienanstalten gemeint als vielmehr die mannigfaltigen Postings in den sozialen Medien, mit denen unzählige Menschen verschiedenster Herkünfte demonstrierten, wie sehr das Werk der beiden Giganten der westlichen Popmusik sie in ihrem Leben - sei es in den eigenen vier Wänden oder im gefüllten Konzertsaal - berührt und begleitet hat. (SB) Die Musikindustrie hat in den letzten Jahren infolge der Digitalisierung massive Veränderungen vollzogen. CDs und Musikkassetten gibt es praktisch nicht mehr. Gekauft werden Musikdateien per Download. (Nach dem Motto Totgesagte leben länger, sind Vinyl-Platten wieder auf dem Vormarsch - in erster Linie wegen der Hörqualität und in zweiter wegen der schönen, haptisch erfaßbaren Cover Art). Konsumiert wird Musik zunehmend mittels Streaming-Diensten wie Spotify und Tidal, auch wenn deren Betreiber, Musikverlage und Künstler heftig über die Aufteilung der Einnahmen streiten. Über Apps wie TuneIn kann man sich aufseinem Smartphone oder Tablet jeden Radiosender auf der Welt anhören. Dank Podcasts und YouTube kann jeder Archivmaterial in unvorstellbaren Mengen durchforsten und sich seine Vorlieben reinziehen. Nach wie vor erfreuen sich Konzerte und Musikfeste wie Coachella in den USA, Rock am Ring in Deutschland, Glastonbury in Großbritannien und Roskilde in Dänemark großer Beliebtheit. Tourneen, einst ein Verlustgeschäft, das in erster Linie den Plattenverkauf stimulieren sollte, sind heute für viele Profimusiker zur wichtigsten Verdienstquelle geworden. An der Pop-Musik kommt niemand vorbei, wie der Auftritt der Schlagersängerin und Allround-Entertainerin Helene Fischer beim Siegesempfang für die aus Brasilien heimkehrenden DFB-Weltmeister am Brandenburger Tor zu Berlin im Sommer 2014 oder das Konzert von DJ-Größe David Guetta vor dem Pariser Eiffelturm am Vorabend der diesjährigen Fußballeuropameisterschaft in Frankreich zeigen. Doch im Zeitalter von Casting Shows und Imitatoren wie Bruno Mars, Mark Ronson und Pharrel Williams, die den Back Catalogue der Disco- und Funk-Ära für immer neue Hits ausschlachten, stellt sich die Frage nach der Relevanz der aktuellen Musik. Eher gesellschaftstragend als -fragend erscheint das, was die meisten Musiker von heute aufzubieten haben. Den besten Beleg für diese These lieferte im vergangenen Januar Beyoncé mit einer HalbzeitShow beim diesjährigen Super Bowl, mit der sich die derzeit erfolgreichste Soul-Interpretin und ihre Tanztruppe mit Schwarzem-Leder-Look und geballten Fäusten die Symbolik der Black-Power-Bewegung à la Panthers und Malcolm X aneigneten und sie quasi "as American as cherry pie" machten. Auch wenn Neil Young gegen Monsanto zu Felde zieht, Steve Earle den US-Militarismus kritisiert und sich Iggy Pop auf den Bühnen dieser Welt mit jeder Sehne weiterhin Weltschmerz und körperlichem Verfall widersetzt, hat man manchmal den Eindruck, daß vieles der Musik von heute nichts weiter als eine Klangtapete ist, die lediglich Vorgaben des unsäglichen Format-Radios erfüllt. Doch war es jemals anders? Blicken wir zurück, als die Popmusik Bestandteil der sogenannten "Gegenkultur" war. Brian Epstein hat die Beatles in Anzüge gesteckt, damit sie die Herzen der Teenie-Mädchen eroberten, was John Lennon nach eigenen Angaben als "Ausverkauf" empfand. Kit Lambert hat zum Zwecke der Vermarktung The Who zu Mods gemacht. Ohne die Entdeckung durch den Meisterproduzenten John Hammond von Columbia Records hätte vielleicht nur eine kleine Folk-Gemeinde im New Yorker East Village jemals etwas von Bob Dylan gehört. Und selbst der kurze, aber heftige Aufstieg und Fall der Punk-Ikonen Sex Pistols wäre ohne deren Svengali Malcom McClaren nicht denkbar. Heute ist der Musikmarkt stark fragmentiert und die Szene in unzählige Genres und Subgenres aufgesplittet wie Ambient, Bluegrass, Indie-Rock, Triphop, Shoegaze und Techno, um nur einige zu nennen. Für den Musikinteressierten ist es schwieriger geworden, sich einen Überblick zu verschaffen. Da böten Musikzeitschriften Hilfe, wären deren Formate nicht so ausgelutscht: immer dieselben Plattenbewertungen und Seite 15

16 Konzertberichte, deren Autoren tunlichst vermeiden, den Ast abzusägen, auf dem sie sitzen, indem sie durch allzu deutliche Kritik die Musikverlage vergrätzen. Im deutschsprachigen Raum will nun eine Gruppe von Dozenten und Studierenden an der Berliner Hochschule für populäre Kunst (hdpk), die bereits seit 2015 den eigenen Campus-Sender Horst.fm betreibt, einen neuen Weg einschlagen. Am 15. Juni geht sie mit der Musikzeitschrift Spam! online. Das "innovative Online-Magazin", das zunächst einmal im Monat und später wöchentlich erscheint, soll nach Angaben seiner Macher "das reine Musikalische mit dem Gesellschaftlichen und Sozialen verbinden". Die Autoren wollen sich weniger um Neuerscheinungen kümmern, als vielmehr der "Musik als Soundtrack zum Leben und identitätstiftendes Instrument der Sozialisation" widmen. Am 31. Mai luden die Verantwortlichen von der hdpk zur Pressekonferenz ein, um Spam! vorzustellen und das dahinterliegende Konzept einer laufenden Zusammenarbeit zwischen erfahrenen Musikjournalisten und Hochschulstudenten zu erläutern. Im Anschluß sprach der Schattenblick mit dem "Kopf" des Projekts, Wolf Kampmann. Der heutige Lehrbeauftragte für Popgeschichte und Journalismus an der hfpk und für Jazzgeschichte am Jazz-Institut Berlin kennt sich im Spannungsfeld zwischen Plattenindustrie und Musikjournalismus bestens aus. Er hat nicht nur für Fachpublikationen wie Musikexpress, Visions und Jazzthing sowie reguläre Zeitungen wie die Süddeutsche und die Frankfurter Allgemeine geschrieben, sondern zeichnet sich zudem als Mitherausgeber sowohl von Rowohlts Rock-Lexikon als auch Reclams Jazz-Lexikon aus. Schattenblick: Herr Kampmann, wie WK: Es handelt sich um ein Intersoll sich Spam! im wesentlichen von view, das er tatsächlich gegeben hat. den anderen Musikzeitschriften, die bereits auf dem Markt sind, unter- SB: Zum Thema 9/11? scheiden? WK: Unter anderem, ja. Über seine Wolf Kampmann: Der größte Unter- Befindlichkeit, sein Verhältnis zu schied wird darin bestehen, daß wir Amerika nach den Flugzeuganschlänicht von der Musikindustrie abhän- gen vom 11. September. gig sind. Wir werden keine Anzeigen von Plattenfirmen oder dergleichen SB: Werden die musikalischen Ausschalten. Insofern wird die Musikin- wirkungen von 9/11 wie die Homadustrie keinerlei Zugriff auf das, was ge von den Beasty Boys an ihre verwir schreiben, haben. Wir werden letzte Heimatstadt New York, "To the beispielsweise natürlich auch immer Five Boroughs", auch mitangedabei sein, wenn es irgendwelche In- schnitten? terviews mit Künstlern gibt. Aber wir werden nicht mit den anderen in WK: Wir haben uns noch nicht den Wettstreit treten und versuchen, richtig mit der Planung dieses Theimmer alles so schnell wie möglich mas befaßt, schließlich müssen wir zu präsentieren, sondern unsere In- zunächst einmal die erste Ausgabe halte dann vorlegen, wenn wir das fertigstellen. Wenn es aber soweit für wichtig halten. Das heißt, bei uns ist, werden solche Fragen sicherlich geht es nicht um die Aktualität der eine Rolle spielen - aber nicht nur Themen. Sie ist uns völlig unwich- sie. Es geht auch darum, wie sich tig, denn uns geht es immer um die unsere Alltagskultur, unser SprachRelevanz der Themen. Ein Thema gebrauch durch dieses welthistorikann auch relevant sein, wenn es 15 sche Ereignis und seine Folgen verjahre alt ist. Zum Beispiel werden ändert hat. Da ist unter anderem die wir uns in der zweiten Ausgabe von Frage der political correctness: wie Spam! mit 9/11, das 15 Jahre zurück- hat 9/11 unseren Umgang mit der liegt, beschäftigen. Darin wird auch Musik verändert? Der Titel "Die ein Interview zu diesem Thema mit Perfekte Welle" von der Gruppe JuJohnny Cash, der schon länger tot ist, li, die im Juni 2004 erschien, wurzu lesen sein. de nach der verheerenden TsunamiKatastrophe am Indischen Ozean SB: Meinen Sie die Veröffentlichung im Dezember desselben Jahres von eines Interviews, das die Country- den Radiosendern in Deutschland und Rockabilly-Legende vor ihrem erst einmal aus der Rotation geableben gegeben hat, oder ein sur- nommen. So etwas wäre vor 9/11 realistisches Gespräch mit Johnny meines Erachtens nicht möglich gecash aus dem Jenseits? wesen. Pressekonferenz an der hfpk mit Matthias Welker, Christoph Eiwen, Ulrike Rechel, Wolf Kampmann und Ricarda Wallhäuser (von links nach rechts) Foto: 2016 by Schattenblick Seite 16

17 SB: Nun, während des Golfkrieges im Frühjahr 1991 sah sich das britische Triphop-Trio Massive Attack gezwungen, eine Zeitlang unter dem Namen Massive zu firmieren, um die Single-Auskopplung "Unfinished Symphony" aus seinem Debüt-Album "Blue Lines" bei der BBC gespielt zu bekommen. Wolf Kampmann und SB Redakteur Foto: 2016 by Schattenblick WK: Ich will nicht behaupten, daß erst am 11. September 2001 die Schere im Kopf eingesetzt hat, aber von diesem Datum an gab es auf einmal eine völlig neue Art des vorauseilendem Anstands, der durch 9/11 besonders getriggert wurde. Die Anlagen dazu waren natürlich schon vorher dagewesen. Der 9/11 bietet Anlaß, über all diese Dinge nachzudenken. Welche Auswirkungen haben die Anschläge auf die Musikkultur und wiederum in der Umsetzung, in der Verarbeitung auf die Alltagskultur gehabt? Diese Frage möchte ich aus so vielen Richtungen wie möglich angehen. So gesehen hat man es bei 9/11 mit einem Thema zu tun, das nur sehr bedingt aktuelle Veröffentlichungen tangiert. Gleichwohl dürfte man bei genauerem Hinsehen seine langfristige Auswirkungen auf Musik- und Alltagskultur sicherlich feststellen. Es geht also immer darum, wie man mittels verschiedenster Perspektiven ein gewichtiges Thema beleuchten kann. SB: Also wird jede Ausgabe von müssen den Charts nach wie vor eispam! ganz im Zeichen eines spezi- ne große Bedeutung beimessen, anfischen Themas stehen? sonsten würde es sie nicht mehr geben, denke ich. Allein, daß die WK: Ganz genau. Wir haben andere Charts durch Verkäufe, MedieneinAusgaben zu Themen wie Liebe in sätze und dergleichen öffentlich präden Zeiten der Social Media oder Al- sent sind, zeugt von einer gewissen tern und Sterben in der Popkultur vor. Relevanz. Die Musiklandschaft als Wir werden stets unsere Schwer- solche hat sich komplett verändert. punkte mit gesellschaftlichen The- Wenn wir an die 1970er Jahre zumen setzen. Also machen wir uns rückdenken, gab es damals den komplett von diesem permanenten Mainstream, der durch die Charts Hinterherrennen bei den Neuveröf- repräsentiert wurde, und den Underfentlichungen frei. Aus meiner musi- ground, der sich außerhalb von Verkjournalistischen Praxis kenne ich kaufszahlen und Playlisten im Radio einen bestimmten Satz, der in Ge- abspielte. Heute haben wir zahlreisprächen mit Redakteuren immer che unterschiedliche Musikströme. wieder auftaucht: "Das Thema ist Jede Nischenkultur hat ihren eigedurch". Diesen Satz wird es bei uns nen Mainstream und ihren eigenen niemals geben. Bei uns wird kein Underground, und insofern wäre es Thema jemals "durch" sein. Das kann illusorisch, flächendeckend jede nicht passieren, weil wir Musik an- einzelne Neuerscheinung berückders betrachten und weil wir fest da- sichtigen zu wollen. Wir werden von überzeugt sind, daß Musik auch zwar Reviews machen, aber da soll anders gehört wird, als man sich das es nicht nur um Neuerscheinungen üblicherweise vorstellt. Niemand gehen, sondern auch Rückblicke auf hört nur Neuveröffentlichungen. wichtige Platten geben, die in der Musikgeschichte Zeichen gesetzt SB: Leitet sich der Wunsch, sich haben. nicht allzu sehr an Neuerscheinungen zu orientieren, auch davon ab, daß SB: Habe ich Sie richtig verstanden, diese nicht mehr wichtig sind? Als daß irgendwann Besprechungen von ich vor mehr als vierzig Jahren an- Neuerscheinungen auf der Webseite fing, mich für Musik zu interessieren, von Spam! zu lesen sein werden, die waren die Charts das absolute A und außerhalb der regulären Ausgabe der O. Ich erinnere mich an die große Zeitschrift erscheinen? Zeit des Glam Rocks und 1973 hatte David Bowie mit Songs wie WK: Stimmt. Solche Reviews wer"starman", "The Jean Jeanie" und den wesentlich schneller auftauchen. "Rebel Rebel" einen Chart-Hit nach Unser langfristiges Ziel ist es, die dem anderen, und die ganze Jugend Zeitschrift wöchentlich herauszuin Großbritannien und Irland sehnte bringen. Aber das können wir jetzt sich danach, das jeweils neueste Lied am Anfang noch nicht leisten. Dazu von Bowie, T-Rex und Roxy Music müssen wir unser Budget aufstocken zu hören und deren Auftritt bzw. Vi- und den Mitarbeiterkreis erweitern. deos bei der Fernsehsendung Top of the Pops mitzuerleben. Im Vergleich SB: Also fangen Sie zunächst mit eizu damals scheinen die Charts nicht ner Ausgabe pro Monat an, um spämehr dieselbe Bedeutung zu haben. ter auf eine pro Woche zu kommen? Schließen Sie sich also einfach einem Trend an, der sowieso vorhanden ist? WK. Ganz genau. Was wir definitiv Haben die Charts insgesamt an Rele- nicht machen werden, ist, bei Konvanz verloren? zerten und Neuerscheinungen irgendwelche Pünktchen- oder SterWK: Das kann ich und will ich auch newertungen zu vergeben. Wer also gar nicht beurteilen. Viele Menschen die Meinung eines Kritikers oder Seite 17

18 einer Kritikerin haben will, wird die Review lesen müssen und dabei auf Punkte oder Sterne verzichten müssen. Das Fatale an solchen Bewertungssystemen ist, daß die Vergabe der Sterne inflationär gehandhabt wird. Bei den meisten Magazinen, wo es eine Skala von eins bis zehn gibt, werden bei fast allen neuen Platten meistens nur noch zwischen acht und zehn Punkte vergeben aus Angst, sonst Ärger mit der Plattenfirma zu bekommen. Davon wollen wir komplett weg, und deshalb wird es bei uns kein Ranking bei den Reviews geben. SB: Sie würden es sich zumuten, ei- und dazu stehe ich auch. Wir nehmen ne Platte nach einmaligem Hören be- nicht in Anspruch, die Wahrheit zu sprechen zu können? verkünden. Wir geben lediglich Einblicke und machen GesprächsangeWK: Ja, jederzeit. bote. Insofern kann es auch durchaus sein, daß einer unserer Rezensenten SB: Meinen Sie nicht, daß man sich der einzige auf der ganzen Welt ist, Platten, wie sie in der Vergangenheit der die Platte so bespricht, wie er es beispielsweise von Miles Davis oder tut. Ich will da auch keinem irgendjohn Coltrane erschienen sind, ein welche Vorgaben machen. Wenn eipaarmal anhören muß, bevor man et- ner unserer Rezensenten sagt, er oder was zu Papier bringt? sie muß eine CD zehnmal hören, um sie besprechen zu können, dann ist WK: Bei solchen Werken, wie zum das in Ordnung; dann soll er sie Beispiel "Machine Head" von Deep zehnmal hören. Ich selber habe aber Purple oder "Exile on Main Street" kein Problem damit, wenn jemand von den Rolling Stones oder "A Love eine Platte einmal hört und sagt: "Ich SB: In einem Beitrag im Guardian Supreme" von John Coltrane, kann kann mich auf diesen Eindruck verende Mai machte Alex Petridis auf man nicht einfach nur die Musik, lassen; das ist meine Aussage." den Umstand aufmerksam, daß seit einiger Zeit in Großbritannien die Musikverlage den Rezensenten die Neuerscheinungen nicht vorab zukommen lassen. Ist das in Deutschland auch bereits der Fall? WK: Nein. Das kann ich nicht bestätigen. SB: Der Chefmusikkritiker des Londoner Guardian berichtete auch, daß der Druck für den einzelnen Rezensenten erheblich gestiegen sei, weil man weniger Zeit hat, sich mit der Neuerscheinung auseinanderzusetzen, bevor man seine Review veröffentlicht. Das Phänomen kennen Sie sondern muß den ganzen historischen Kontext und einschließlich der also noch nicht? Wirkungsgeschichte einer solchen WK: Überhaupt nicht. Aber da ich Veröffentlichung besprechen. sowieso eine Platte einmal höre und dann darüber schreibe, wäre es mir SB: Wenn es sich aber um eine aktuziemlich egal, ob ich sie sechs Wo- elle Platte von ähnlicher Bedeutung chen vorher oder am Tag des Er- handelt, kann man sich nicht unbescheinens in die Hände bekomme. dingt nach einmaligem Hören gleich Der Druck, der aber ganz stark auf ein Urteil bilden, oder doch? die Musikkritiker ausgeübt wird, ist ein moralischer. Seitens der Industrie WK: Ich bin ein großer Freund des wird einem quasi angedroht, daß unmittelbaren Eindrucks, weil er der man beispielsweise nicht mehr be- unkorrumpierteste ist. Bei der neuen mustert wird, wenn man Sachen ver- Radiohead-Platte "A Moon Shaped reißt, oder daß eben die Zeitschrift Pool" war mir zum Beispiel sofort mit Anzeigensperren bedroht wird klar, daß es sich um ein ausgezeichund dergleichen mehr. Diesem netes Werk handelt. Da brauchte ich Druck werden wir uns komplett ent- nicht lange reinzuhören. Die Größe dieser Platte sprang mir entgegen, ziehen. Seite 18 Foto: 2016 by Schattenblick SB: Haben Sie die Erwartung, in Spam! die verschiedensten musikalischen Stilrichtungen decken zu können? Wenn ich mich als Leser besonders für Industrial oder Reggae oder Volksmusik interessiere, werde ich dann bei Ihnen auch fündig? WK: Wie ich vorhin auf der Pressekonferenz aufgezählt hatte, werden wir verschiedene Leute aus dem deutschen Musikjournalismus sozusagen mit im Beraterteam haben, die dafür sorgen, daß solche Genres vorkommen. Wie die jeweils behandelt werden, weiß ich noch nicht. Jedenfalls werden wir nicht einen LatinBlog, einen Deep-House-Blog oder

19 einen Death-Metal-Blog oder so was haben. Wir wollen weg von diesen Begrifflichkeiten, die zum größten Teil merkantilen Ursprungs sind, sondern statt dessen das Ohr lesen lassen. SB: Wenngleich es sein könnte, daß bestimmte Journalisten ihre Schwerpunkte haben, und man sich darauf verlassen kann, daß sie den einen oder anderen Bereich abdecken? WK. Ganz genau. Das ist mir wichtig. Mir ist aber der völlig unverstellte Blick der Studenten, die eben nicht wie ich 40 Jahre Erfahrung im Musikhören haben, sondern die nur ganz wenig kennen, ebenfalls wichtig. Die kann ich mit Musik konfrontieren und sie zu besprechen bitten, mit der sie bis dahin vielleicht nichts anfangen konnten. Ich möchte sehen, was passiert, wenn ich zum Beispiel einen Studenten, der normalerweise nur Speed Metal hört, auf einmal eine Dubstep-Platte rezensieren lasse. Ich möchte die Leute aus ihren Käfigen rausholen und Musik wirklich nicht nach ihrer Genrerelevanz, sondern nach ihrer allgemeinen kulturellen Relevanz hinterfragen bzw. hinterfragen lassen. SB: Ihr Kollege Matthias Welker hat vorhin auf der Pressekonferenz durchklingen lassen, daß das Projekt Spam! wie auch die Art und Weise, in der hier an der Berliner Hochschule für populäre Kunst der Journalismus gelehrt wird, in gewissem Sinne eine Reaktion aufdas Versagen des Volontariatssystems sind. Können Sie uns das vielleicht etwas näher erläutern? Art und Weise, wie Musikjournalismus hier an der Hochschule vermittelt wird, einfließen. Aber der didaktische Ansatz ist nur einer von vielen Ansätzen, die wir haben. Für mich persönlich stehen Inhalte und nicht der didaktische Ansatz im Vordergrund. Ich suche mir die Leute für die Arbeit aus, von denen ich das Gefühl habe, daß ich mit ihnen gemeinsam eine inhaltliche Plattform finde, die wir irgendwie zusammen vermitteln können. Das heißt nicht, daß die Leute meiner Meinung sein müssen. Um Gottes willen, das reicht, daß ich meine Meinung habe, denn wir wollen eine große Meinungsvielfalt. Was mir aber wichtig ist, daß es einen ähnlichen Ansatz gibt, was das Herangehen betrifft. Da wir selber nicht mit Volontären zusammenarbeiten, werden wir einen anderen Ansatz als diesen Volontariatsansatz finden müssen. Allerdings machen wir das eben auch mit Studenten, und das ist sicherlich vergleichbar, da wir einerseits erfahrene Journalisten haben und andererseits Nachwuchsleute, die wir ranziehen und so in die journalistische Arbeit einbinden. Da wir keine Zeitschrift sind, die in üblichem Sinne arbeitet, spielen für uns die klassischen Aufstiegsvarianten, die über den Volontarismus bei etablierten Magazinen stattfinden, keine Rolle. SB: Wenn ich an die Zeit vor etwa 30 Jahre zurückdenke, scheint die Musik damals gesellschaftskritischer als heute gewesen zu sein. Bekommt die Musik in der heutigen Ära der großen Umwälzungen ihre Relevanz zurück oder ist sie einfach zu einem Wegwerfprodukt verkommen nach dem Motto: "Wir WK: Das ist nicht mein Ansatz. wollen uns einfach an den neuen Kostümen von Lady Gaga ergötsb: Haben Sie vielleicht eine Idee, zen, und was sonst auf der Welt wie er das gemeint haben könnte? passiert, kann uns egal sein"? ferenz zu mir: "Schön, daß es die Zukunft gibt". Und da habe ich zurückgefragt: "Gibt es die Zukunft?" Ich kann nicht sagen, wie sich die Musik weiter entwickeln wird. Ich kann sehen, wie sich die Musik bis heute entwickelt hat, und morgen werde ich sehen, wie sich die Musik bis morgen entwickelt hat und so weiter. Ich komme aber nicht umhin festzustellen, daß das Konzert der Ablenkungen und der Fluchtmöglichkeiten aus dem Arbeitsalltag wesentlich größer als in den 1970er Jahren ist. In Deutschland ist 2016 der Sport gesellschaftlich viel wichtiger, als das vor vierzig Jahren der Fall gewesen ist. In den 1970ern gab es fast nur den Fußball, und wer nicht fußballbegeistert war, hat sich praktisch nicht für den Sport interessiert. Mittlerweile spielen Volleyball, Tennis, Formel 1 und andere Sportarten jeweils eine nicht unbedeutende Rolle. Hinzu kommen die Bereiche Comics und Videospiele, die unter Jugendlichen sehr beliebt sind und in den 1970er Jahren völlig unterentwickelt waren beziehungsweise gar nicht existierten. Für uns ist es deshalb auch wichtig, die Musik immer im Konzert aller gesellschaftlichen Komponenten zu betrachten und die gegenseitige Beeinflussung zu analysieren. Wenn wir das tun, müssen wir uns gar nicht davor scheuen festzustellen, daß der Platz der Musik im Bewußtseinsspektrum des einzelnen vielleicht nicht mehr so groß ist, wie das noch in den 1970er Jahren der Fall gewesen ist. SB: Wenn Sie im Abstrakten bzw. theoretisch über die Wirkung von Musik und ihre gesellschaftliche Relevanz schreiben - wie wollen Sie es vermeiden, auf ardornistische oder poststrukturalistische Tangenten abzudriften und dabei vielleicht Leser zu verlieren, die eines solchen Vokabulars nicht WK: Ich kann nicht für Matthias WK: Ich glaube weder noch. Lusti- mächtig sind und dem nicht folgen sprechen. Das sind Erfahrungen, gerweise sagte der Rektor der hfpk, können? Oder sehen Sie diese Gedie er gemacht hat und die in die Ulrich Wünsch, vor der Pressekon- fahr nicht? Seite 19

20 SB: Könnte es aber sein, daß man beim Schreiben über Musik mehr als bei anderen Themen auf die eigenen Gefühle und Empfindungen hören und sie in Worte fassen muß, oder ist das zu einfach gedacht? Foto: 2016 by Schattenblick WK: Da die Redaktion von Spam! aus mehreren Personen mit ganz unterschiedlicher Betrachtungsweisen besteht, sehe ich diese Gefahr momentan nicht. Als Dozent hier an der Hochschule werde ich niemals in der Lage sein, bei einer Vorlesung jeden Studenten mitzunehmen. Wenn ich eine Rede halte oder eine Radiosendung mache, wird es mir niemals gelingen, jeden Hörer mitzunehmen. Wenn ich einen Artikel schreibe, egal für welches Magazin, werde ich niemals in der Lage sein, jeden Leser zu erreichen. Und so werden wir es bei Spam! auch nicht schaffen, und das sollte auch niemals unser Anspruch sein, jeden Leser mit jedem Artikel gleichermaßen zu beglücken. Es kann immer sein, daß der eine oder andere Leser bei irgend etwas aussteigt, weil ihm das zu hoch ist. Es kann aber auch immer sein, daß die Leser, die dann bei diesen Artikeln mitkommen, bei anderen wiederum aussteigen, weil ihnen das zu banal ist oder weil sie jetzt beispielsweise sagen: "Die inhaltliche Frage, warum ein Student kein Facebook benutzt, interessiert mich überhaupt gar nicht." Das ist ihr gutes Recht. Wir können keinen Leser zwingen, alles von vorne bis hinten zu lesen; wollen wir auch nicht. Wir wollen ein vielfältiges Angebot machen, Seite 20 WK: Ich weiß es nicht. Ich glaube, man kann jedes Thema mit einer emotionalen Ebene unterfüttern, so lange man einen journalistischen Ansatz hat. Wenn ich aber einen musiktheoretischen Artikel schreibe, der rein auf wissenschaftlicher Basis steht, dann kann ich die emotionale Ebene völlig draußen lassen. Das ist auch der Fall, wenn ich einen stomatologischen Artikel schreibe. Wenn ich aber zum Beispiel einen Artikel über Zahnlücken von den Leuten, die mir in der U-Bahn gegenübersitzen, schreibe, kann ich meine Emotionen in den Text miteinfließen lassen. Ich denke, das ist bei jedem Thema, dessen ich mich annehme, der Fall. Von daher will ich nicht sagen, daß man bei der Musik mehr Möglichkeiten über Dinge zu schreiben hat, als wenn man andere Bereiche behandelt, sondern es geht für mich lediglich darum, was wir mit Musik beschreiben können oder wofür Musik steht. Interessant ist zum Beispiel weniger die Frage, wo der Gitarrist der Gruppe My Dying Bride seine Gitarrensaiten gekauft hat und warum er lieber auf Stahl- als auf Nylonsaiten zurückgreift, als vielmehr, warum er zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort eine bestimmte Art von Musik macht. damit sich jeder Nutzer, jede Nutzerin das raussuchen kann, was ihn oder sie interessiert. Wir springen in ein Becken rein, von dem wir nicht wissen, wieviel beziehungsweise ob da überhaupt Wasser drin ist. Insofern kann ich zu diesem Zeitpunkt nicht sagen, was wir vermeiden wollen und was wir nicht vermeiden wollen. Ich kann aber sagen, daß wir diese Zeitschrift machen und im Laufe der Arbeit sehen werden, wie es weitergehen soll. Wir werden immer neue Strategien darüber entwickeln, was wir machen und was wir vermeiden wollen. Es kann sein, daß etwas, das wir im Januar 2017 vermeiden wollen, im Juli 2018 ganz wichtig für uns werden könnte. Ich möchte versuchen, nicht in starren Kategorien zu denken, wonach bei uns das eine geht und das andere nicht. Derlei Fragen werden wir immer wieder neu ver- und aushandeln müssen. SB: Noch im April berichtete die Fachzeitschrift Muck Rack Daily, SB: Würden Sie dem zustimmen, daß seit 15 Jahren in den USA die daß der Versuch, über Musik zu Zahl der Journalisten insgesamt schreiben, eher die schreiberische rückläufig ist, während gleichzeitig Kreativität fördert als die Behand- die Zahl derjenigen, die für reine PRlung von Sachthemen? Veröffentlichungen schreiben, dramatisch ansteigt. Die Abgänger von WK: Ich glaube nicht, daß das mehr der Hochschule für populäre Kunst Kreativität verlangt als über irgend werden im Berufsleben mit diesem etwas anderes zu schreiben. Es Trend zu tun bekommen. Bieten Sie kommt immer darauf an, eine gute mit Ihrem Projekt Spam! vielleicht Geschichte zu schreiben, egal was ein kleines Refugium oder einen das Thema ist. Raum, in dem man sich frei entfalten

21 kann? Und täuschen Sie Ihren Studenten vielleicht etwas über die Wirklichkeit vor, die sie nach der Hochschule erwartet? WK: Wir täuschen nichts vor, denn es ist für uns selber ein Refugium. Wir zeigen unseren Studenten, daß es geht. Die Journalisten, die hier ihr Studium absolvieren, werden hoffentlich auch weiterhin mit uns zusammenarbeiten. Das ist das Erfolgsmodell, das wir uns selber gesetzt haben. Insofern machen wir niemandem etwas vor. Aber es ist mehr als das: Wir wollen den Beweis erbringen, daß der Musikjournalismus qualitativ hochwertiger sein kann und daß er nicht immer nur eine Funktion in der Veröffentlichungsstrategie der Plattenfirmen sein muß. Im Grunde wollen wir zurück zu einer Erzählkultur. WK: Zweifellos, und wir sind uns auch sehr bewußt, daß wir eine absolute Luxussituation genießen. Wenn wir aber zeigen können, daß aufgrund unserer Nutzerzahlen ein Interesse daran besteht, solche Geschichten zu lesen, daß also ein gesellschaftlicher Bedarf an dieser Art von Auseinandersetzung mit Musik vorhanden ist, dann hoffe ich, daß wir langfristig Akzente setzen werden. Wir wollen beispielgebend sein, auch wenn wir natürlich nicht erwarten, im Juli ans Netz zu gehen und im August ist der Musikjournalismus in Deutschland bereits verändert. Schließlich hoffe ich, daß wir junge Musikjournalisten in die Umlaufbahn schicken werden, die von vornherein mit einem bestimmten Anspruch losgehen und sich nicht so leicht entmutigen lassen, wenn sie von der Plattenfirma zu hören bekommen: "Wegen der schlechten Kritik letzte Woche sind Sie aus unserer Bemusterungsliste gestrichen!" SB: Aber Sie haben den Luxus einer Hochschule im Rücken, die Ihnen SB: Herr Kampmann, ich bedanke mich sehr das ermöglicht, nicht wahr? und wünsche Ihnen mit Spam! viel Erfolg. Eingang der hfpk an der Potsdamerstraße in Berlin Schöneberg Foto: 2016 by Schattenblick infopool/musik/report/ muri0057.html SPORT / BOXEN / MELDUNG Mit neuem Trainer taktisch gereift John Molina setzt sich gegen Ruslan Prowodnikow durch In einem mit Spannung erwarteten Kampf des Halbweltergewichts, der in Verona, New York, ausgetragen wurde, hat sich John Molina überraschend gegen den ehemaligen WBO-Weltmeister Ruslan Prowodnikow durchgesetzt, der sich einstimmig nach Punkten geschlagen geben mußte (111:117, 112:116, 113:115). Da die Prognosen einen wilden Schlagabtausch zweier Akteure erwarten ließen, die in der Vergangenheit stets für turbulente Auftritte gesorgt hatten, mutete der Verlauf nachgerade erstaunlich an. Prowodnikow war an (SB) delten John Molina zu verdanken, der offenbar aus der ihm zugedachten Rolle taktische Konsequenzen gezogen hatte. Statt ohne Rücksicht aufverluste ein Handgemenge zu suchen, in dem er absehbar mit fliegenden Fahnen untergehen würde, verlegte er sich aufs Boxen und insbesondere einen starken Jab. Wenngleich der Kampf durchaus aktionsreich und spannungsgeladen war, schien die Zusammenarbeit mit seinem neuen Trainer Shadeed Daß es bei ihrem direkten Aufein- Suluki doch erfolgversprechende andertreffen anders kam, war vor Früchte in Gestalt einer veränderallem dem als Außenseiter gehan- ten Kampfesweise getragen zu haetlichen Ringschlachten beteiligt, darunter einer knappen Niederlage im Titelkampf gegen Timothy Bradley im Jahr Gleiches gilt für Molina wie etwa im Kampf gegen den Argentinier Lucas Matthysse von 2014, der ihn in der elften Runde auf die Bretter schickte. Ging es um die Wahl eines "Kampfs des Jahres", waren Prowodnikow und Molina zumeist mit im Rennen. Seite 21

22 ben. Molina unternahm jedenfalls genug, um seinen Gegner über längere Strecken zu beschäftigen, ohne ihn zur Entfaltung kommen zu lassen, so daß sein Punktvorsprung zusehends wuchs. Nachdem die Kontrahenten eine Runde lang Maß genommen hatten, gingen sie vom zweiten Durchgang an wie erwartet zur Sache und legten dabei keinen sonderlichen Wert auf ihre Deckung. Dicht an dicht versetzten sie einander heftige Schläge, doch fiel auf, daß der 33jährige Kalifornier nicht so hitzig wie früher kämpfte, sondern etwas disziplinierter zu Werke ging. Er machte von seinem Reichweitenvorteil Gebrauch und kontrollierte die Distanz mit seinem hart geschlagenen Jab, der Prowodnikows Kopf zurückschnellen ließ. In der siebten Runde trug der ein Jahr jüngere Russe eine Rißwunde über dem linken Auge davon, die sich in der Folge verschlimmerte. Auch gegen Ende des Kampfs blieb der erwartete ungezügelte Schlagabtausch aus. Während Molina weiter auf seinen Jab setzte, zeigte Prowodnikow eine für seine Verhältnisse erstaunliche Beinarbeit, die vom Einfluß seines ebenfalls relativ neuen Trainers Joel Diaz zeugte, der nun bei zwei Auftritten in seiner Ecke gestanden hat. Der Russe agierte weniger statisch als in der Vergangenheit, konnte aber den Kontrahenten nicht mehr entscheidend bremsen, der insbesondere in der letzten Runde regelrecht über ihn herfiel. Als der Schlußgong ertönte und Ringrichter Mark Nelson die beiden Boxer trennte, stand das Ergebnis fest, noch bevor es offiziell verkündet war. Molina hatte seine Taktik erfolgreicher als sein Gegner modifiziert, fleißiger geschlagen und häufiger getroffen, so daß er auf den Zetteln der Punktrichter die Oberhand behielt. Während für ihn nun 29 Siege und sechs NiederlaSeite 22 gen zu Buche stehen, hat Prowod- hatte das Lager des Russen offennikow 25 Auftritte gewonnen und bar zu eigenen Lasten verzichtet. Daß Molina vor allem in der zweifünf verloren. ten Hälfte des Kampfs seinen Jab Wie Molina nach seinem Sieg er- immer besser durchsetzen und den klärte, sei dies ein Kampfnach Maß kleineren Gegner zunehmend dogewesen. Ruslan Prowodnikow ha- minieren konnte, dürfte nicht zube einen sehr guten Namen und sei letzt auf den Gewichtsvorteil zuein starker Gegner, der nie zurück- rückzuführen sein. weiche. Was seine eigene Karriere betreffe, habe er seine fehlende Für den Russen war es der zweite Amateurlaufbahn im Profilager Auftritt im Rahmen seines Vertrags nachgeholt und dabei Lehrgeld be- mit dem Sender Showtime. Er hat zahlt. Nun sei die Zeit gekommen, nun von seinen letzten sieben im Rampenlicht zu glänzen. Ge- Kämpfen vier verloren, und die akmeinsam mit seinem Trainer Sha- tuelle Niederlage war ein graviedeed Suluki habe er die Marschrou- render Rückschlag für seine Karte ausgearbeitet, den Gegner durch riere, da er im Falle eines Sieges als eine höhere Schlagfrequenz zu be- Gegner Adrien Broners in Frage siegen, was ihm auch gelungen sei. gekommen wäre, der Weltmeister in vier Gewichtsklassen gewesen Ruslan Prowodnikow räumte un- war und nach wie vor zu den proumwunden ein, daß Molina ver- minentesten Akteuren in diesem dient gewonnen habe und das Er- Umfeld gehört. gebnis völlig in Ordnung gehe. Man habe durchaus damit gerech- Molina, der drei seiner letzten vier net, daß sich sein Gegner ständig Kämpfe verloren hatte, gab seiner bewegen und versuchen werde, Laufbahn dank des überraschenden mehr zu boxen als nur zu schlagen. Erfolgs einen neuen Schub. Er hatihm selbst sei es an diesem Abend te im März 2015 klar gegen Broner jedoch schwergefallen, so recht in den kürzeren gezogen, könnte nun Fahrt zu kommen, was daran liegen aber anstelle Prowodnikows die könnte, daß er nicht mehr so hung- Chance bekommen, für eine Revanche mit Adrien Broner in Berig wie früher sei. [1] tracht gezogen zu werden. [2] Ein wesentlicher Vorteil Molinas, den keiner von beiden zur Sprache brachte, war das erheblich höhere Anmerkungen: Gewicht des Kaliforniers. Da er größer als der Russe ist, fiel es ihm [1] nach dem offiziellen Wie- ry/_/id/ /john-molina-jrgen durch Rehydrieren wieder kräf- defeats-ruslan-provodnikov-unanitig zuzulegen. Er wog beim Kampf mous-decision am folgenden Tag etwa neun Kilo mehr und trat gewissermaßen als [2] an, während Pro- com/2016/06/ruslan-provodnikovwodnikow kaum schwerer als zu- vs-john-molina-results/#morevor war. Diese um sich greifende Unsitte, nach dem Wiegen wieder kräftig Gewicht zu machen, um dem Gegner von vornherein körinfopool/sport/boxen/ perlich überlegen zu sein, läßt sich sbxm1979.html allenfalls durch eine vertraglich vereinbarte Klausel bremsen, welche die maximale Gewichtszunahme bis zum Kampf festlegt. Darauf

23 UNTERHALTUNG / PERRY RHODAN / ERSTAUFLAGE Inhaltliche Zusammenfassung von Perry Rhodan Nr Die ParaFrakt-Konferenz von Uwe Anton Die Tiuphoren haben inzwischen entdeckt, daß die Terraner einen Weg gefunden haben, den Indoktrinatoren zu widerstehen. Maxal Xommot, der Caradocc des Sterngewerks CIPPACONTNAL, beauftragt den bereits greisen Tiuphoren Camaxi Texolot, in einen besonderen Einsatz zu gehen. Es wird sein letzter sein, denn Maxal Xommot braucht für die Durchführung seines Planes einen toten Tiuphoren. Perry möchte, daß die Arbeit, die die Forschung an der Waffe und ihre Produktion mit sich bringt, verteilt wird. Denn die Umrüstung der Schiffe geht bislang erst langsam vonstatten. Unter Mitwirkung aller beteiligten Völker müssen Strukturen geschaffen werden, die möglichst schnell eine breit gefächerte Massenproduktion ermöglichen. Die Baupläne des ParaFrakt-Schirms dürfen aber auf keinen Fall den Tiuphoren in die Hände fallen. Deshalb soll daram 20. September 1518 NGZ findet über nur in militärischen Geheimauf Terra eine Geheimkonferenz ausschüssen verhandelt werden. statt, zu der Perry Rhodan eingeladen hat. Viele Delegationen von Völ- Die Konferenzteilnehmer schenken kern die bereits mit Tiuphoren zu tun sich nichts, wenn es darum geht, einhatten, nehmen an der Konferenz ander anzufeinden. Der tefrodische teil. Es geht darum, alle Betroffenen Vertreter stellt fest: "Da bittet derjemit dem Paratron-Fraktur-Schirm, nige, dem wir diese ganze Situation kurz ParaFrakt-Schirm, zu versor- zu verdanken haben, um Beistand gen. Diese Defensivwaffe fragmen- gegen die von ihm persönlich verurtiert eintreffende Hyperimpulse und sachte Gefahr." Die beiden Vertreter schützt somit vor Indoktrinatoren. der Onryonen, Shekval Genneryc und Tacnan Occoly, machen ebenperry Rhodan möchte bewirken, daß falls keinen Hehl daraus, daß der nicht nur die Völker, die mit der Zeitriß, durch den die Tiuphoren in LFT verbunden sind, gegen die Ti- die Gegenwart vordringen konnten, uphoren vorgehen, sondern sich al- nicht entstanden wäre, wenn Perry le, auch die den Terranern feindlich Rhodan nicht aus der Haft entflohen gesinnten - gemeint sind die Onryo- wäre. Perry Rhodan kann darauf nen und die Tefroder -, zusam- nichts erwidern. Er macht sich selbst menschließen, um der Gefahr zu be- schon genug Vorwürfe. gegnen. Obwohl die USO vom Atopischen Tribunal für vogelfrei er- Aber er bekommt auch Unterstütklärt worden ist und Perry Rhodan zung von Seiten der USO. Die Stellals Kardinalfraktor Nummer Eins vertreterin Monkeys, die Cheborpargilt, will er versuchen, die Onryonen nerin LiLith, die man offiziell nicht mit einzubeziehen, denn die stellen mit der von den Onryonen als Terronun einmal einen beträchtlichen rorganisation bezeichneten USO in Machtfaktor in der Galaxis dar. Oh- Verbindung bringt, wirft Shekval ne sie ist die Allianz zum Scheitern Genneryc vor, daß das Atopische verurteilt. Die Onryonen wiederum Tribunal doch behauptet, die Zukunft sehen von einer Verhaftung Perry zu kennen. Wieso hat es diese EntRhodans für die Dauer der Geheim- wicklung dann nicht vorausgesehen? konferenz ab. Wenn das Atopische Tribunal also (SB) nicht unfehlbar ist, wie kann es dann Perry Rhodan eines Verbrechens beschuldigen, das er noch gar nicht begangen hat? Die Fronten verhärten sich und die Konferenz droht zu scheitern. Perry Rhodan will nicht, wie der tefrodische Botschafter fordert, einfach nur die Pläne für den ParaFrakt-Schirm zur Verfügung stellen, sondern über die Strukturen für die Massenproduktion verhandeln. Die Tefroder und die Onryonen wollen sich jedoch keinen Bedingungen beugen. Die zwei verfeindeten Lager gönnen sich gegenseitig nicht das Schwarze unter den Fingernägeln. Die Verhandlungen erstarren in Beschuldigungen, dabei ist schnelles Handeln lebensnotwendig. Denn sobald die Tiuphoren feststellen, daß die Völker der Milchstraße ihre Indoktrinatoren abwehren können, werden sie aufrüsten und eine Gegenwaffe entwickeln. Doch die Völker der Milchstraße können gegen diesen Feind nur bestehen, wenn sie sich zuverlässig aufeinander verlassen können. Mitten in die Konferenz platzt die Hiobsbotschaft, daß die MERCZABA, das Schiffdes Vorsitzenden des Galaktikums, von Tiuphoren angegriffen wurde. Auf das Erscheinen des Cheborparners Uldormuhecze Foelybeczt, kurz UFo genannt, hatte man schon vergeblich gewartet. Die Tiuphorenwacht unter Führung Anna Patomans nimmt sich der Sache an. Die Angreifer haben sich bereits zurückgezogen, doch an Bord befindet sich ein tiuphorisches Enterkommando. Anna Patoman schickt ein Einsatzsteam in das Schiff, um UFo Seite 23

24 zu finden, doch es trifft zunächst nur auf Leichen. Vereinzelt gibt es Kämpfe, doch gegen die KATSUGO-Kampfroboter der LFT können die Tiuphoren nicht bestehen. Sie lassen sich auch nicht gefangennehmen und suchen den Tod. Schließlich findet man UFo. Er ist schwer verletzt, neben ihm ein toter Tiuphore in geschlossener Brünne. UFo hat sich bis zuletzt mit Hörnern und Klauen gewehrt und seinen Gegner, bei dem es sich um einen uralten Tiuphoren handelt, getötet. Der Cheborparner wird sofort in eine Spezialklinik aufterra gebracht, wo nicht nur um sein Leben gekämpft wird, sondern wo er auch akribisch auf Indoktrinatoren hin untersucht wird. Man findet keine. Um ihre Physiognomie untersuchen zu können, werden die toten Tiuphoren geborgen und in sicheren Technosarkophagen nach Mimas transportiert. Die MERCZABA wird gesprengt, um jedes Risiko zu vermeiden, Indoktrinatoren ins Solsystem einzuschleppen. Anna Patoman hat ein ungutes Gefühl. Der ganze Einsatz kommt ihr zu einfach vor. Was haben die Tiuphoren mit diesem Angriff bewirken wollen? Auch Perry Rhodan ist der Ansicht, daß hier etwas faul ist. Woher wußten die Tiuphoren, wo UFos Raumjacht aus dem Hyperraum fallen wird? Warum hat die MERCZABA ihren Überlichtflug überhaupt einige Lichtstunden vor Erreichen ihres Zieles abgebrochen? Er kann nicht wissen, daß jedem der Tiuphoren, die der Caradocc der CIPPACONTNAL losgeschickt hat, um das Schiff UFos zu entern, bewußt war, daß er das Schiff nicht lebend verlassen würde. Für den Sieg waren sie bereit, dieses Opfer zu bringen. Nur der uralte Camaxi Texolot war nicht wirklich gestorben, obwohl er sterben mußte, um seinen Auftrag zu erfüllen. Denn in seiner Leiche befindet sich eine HyperkriSeite 24 stall-platine, die über Milliarden von Nanofäden mit seinem Gehirn vernetzt ist. Im Augenblick seines Todes ist sein Bewußtsein in diese Platine transferiert worden. Von dieser geheimen Technologie der Tiuphoren hatte selbst so ein altgedienter Kämpfer wie Camaxi Texolot nichts gewußt. Er wurde auserwählt, weil diese Technologie nur dann mit Aussicht auf Erfolg genutzt werden kann, wenn der Kämpfer, der sie einsetzt, eine langjährige Inhörigkeit aufzuweisen hat. Als die Mediker das Plättchen extrahieren, stellen sie fest, daß es eine schwache, niederfrequente Verbindung zwischen dem Chip und der Leiche gibt. Die Platine gibt eine Hypersexta-Modulparstrahlung ab, ähnlich einer ÜBSEF-Konstante. Bei seiner Extrahierung löst sie einen ultrakurzen, sehr schwachen, kaum anmeßbaren hyperenergetischen Impuls aus. Diese ÜBSEF-Platine wird tatsächlich erst durch die Untersuchung der Terraner mit Energie versorgt und aktiviert. Dadurch ist sie in der Lage, Indoktrinatoren auszusenden, die die Medoroboter unterwerfen. zog die Platine, auf der sich das Bewußtsein Camaxi Texolots befindet, ins Gehirn. Auf einen besseren Kandidaten als den stellvertretenden Direktor des Liga-Dienstes hätte der alte Tiuphore gar nicht treffen können, um seinen Auftrag in die Tat umzusetzen. Camaxi Texolot braucht nur wenige Minuten, um den Körper des Terraners zu beherrschen. Um aber überzeugend wirken zu können, muß er das Gedächtnis Sybrand Herzogs anzapfen und sich die Informationen besorgen, die er benötigt, um sein Vorhaben zu verwirklichen. Er zögert, denn obwohl Maxal Xommot ihm versichert hat, daß, solange die Platine funktioniert, sein Wirt sich nicht auflehnen könne, befürchtet er, daß es Herzog gelingen könnte, Widerstand zu leisten. Perry Rhodan erfährt auf der Konferenz, daß es auf Mimas zu einer verheerenden Explosion gekommen ist. Nur dem umsichtigen Verhalten von Sybrand Herzog sei es zu verdanken, daß es nur wenige Opfer gegeben hat. Perry hofft, daß der Stellvertretende Liga-Dienst-Direktor bald zurückkehren wird, um Bericht zu erstatten. Dieser stattet jedoch zunächst AGENT GREY, der Biopositronik des TLD, einen Besuch ab. Dies scheint allerdings nicht ungewöhnlich. Sybrand Herzog ist dafür bekannt, lieber mit Positroniken als mit Menschen zu sprechen. Er informiert AGENT GREY über die Geschehnisse auf Mimas. Der Rechner scheint keinen Verdacht zu schöpfen. Der Stellvertretende Direktor des TLD, Sybrand Herzog, der den Fall untersucht, will den Chip sofort vernichten. Er fürchtet, daß davon eine große Gefahr für das ganze Solsystem ausgehen könnte. Doch der diensthabende Mediker hindert ihn daran - zu interessant ist das Objekt, das der terranischen Forschung die Gelegenheit geben könnte, Jahrzehn- Auch Perry Rhodan und die Solare te zu überspringen. Premier Cai Cheung schöpfen keinen Verdacht, als sie mit Sybrand Herzog Die Medoroboter, die bislang die sprechen. Eine weitere HiobsbotLeiche bewacht haben, werden schaft hatte die Konferenz erreicht. plötzlich aktiv und töten den Medi- Uldormuhecze Foelybeczt ist seinen ker. Sybrand Herzog wird betäubt. Verletzungen erlegen, obwohl die Die Roboter sabotieren das Überwa- Mediker alles versucht haben, um chungssystem und senden gefälsch- das Leben des Vorsitzenden des Gate Aufnahmen, weshalb niemand be- laktikums zu retten. obachten kann, was in dem Raum, in dem die Leiche des Tiuphoren auf- Erst als der Umbrische Gong ertönt, bewahrt wird, wirklich passiert. Sie fällt Perry Rhodan auf, daß mit Sysetzen dem gelähmten Sybrand Her- brand Herzog etwas nicht stimmt.

25 Seite 25

26 Der Umbrische Gong ertönt in Terrania einmal am Tag. Es ist ein anderer Umbrische Gong als der, den Toufec erfolgreich angegriffen hatte, und der damals bei Terranern und deren direkten Abkömmlingen kurzfristig Gehirnbereiche gelähmt hatte. Der neue Gong besteht aus einer zehn Meter durchmessenden kreisförmig gespannten Folie mit zartrosa Färbung. Wenn der Gong ertönt, erzeugt er einen tiefen Ton, der auf Terraner eine angenehme, fast hypnotische Wirkung hat, während er auf Fremdvölker verstörend wirkt. Als der Gong nun ertönt, reagiert Sybrand Herzog einen winzigen Moment lang verwirrt, als würde ihm ein Schauer über den Rücken laufen. Perry Rhodan fällt diese Reaktion auf und er unterrichtet Attilar Leccore darüber, daß mit seinem Stellvertreter etwas nicht stimmt. I n h a l t Ausgabe 1856 / Mittwoch, den 15. Juni DIE BRILLE - REPORT: Zukunft, Literatur, Gesellschaft Mangel an Sozialkritik... Enno Stahl im Gespräch 4 DIE BRILLE - REPORT: Zukunft, Literatur, Gesellschaft Die Krise als Chance... Erasmus Schöfer im Gespräch 8 SCHACH-SPHINX: Auf den Händen sitzen 9 SOZIALES: Mexiko - Anhebung des Mindestalters bei Eheschließung... (poonal) 10 MEDIEN - FAKTEN: Global Media Forum Pressefreiheit, Propagandaschlacht und westliche Werte (Pressenza) 11 PANNWITZBLICK: Annalisa Maggiani - Tanztherapie und Inklusion (Pressenza) 15 MUSIK - REPORT: Mediengeburt Spam!... Wolf Kampmann im Gespräch 21 SPORT - BOXEN: Mit neuem Trainer taktisch gereift 23 UNTERHALTUNG: Inhaltliche Zusammenfassung von Perry Rhodan Nr DIENSTE - WETTER: Und morgen, den 15. Juni 2016 DIENSTE / WETTER / AUSSICHTEN Und morgen, den 15. Juni Vorhersage für den bis zum infopool/unterhlt/perry/ pr2859.html Die Aussichten sind meistens grau, Regen gibt es zu erwarten, Jean-Luc, wie immer wetterschlau, gräbt heut' um in seinem Garten. Liste der neuesten und tagesaktuellen Nachrichten... Kommentare... Interviews... Reportagen... Textbeiträge... Dokumente... Tips und Veranstaltungen... infopool/infopool.html IMPRESSUM 2016 by Schattenblick Diensteanbieter: MA-Verlag Helmut Barthel, e.k. Verantwortlicher Ansprechpartner: Helmut Barthel, Dorfstraße 41, Stelle-Wittenwurth Elektronische Postadresse: Telefonnummer: 04837/ Registergericht: Amtsgericht Pinneberg / HRA 1221 ME Journalistisch-redaktionelle Verantwortung (V.i.S.d.P.): Helmut Barthel, Dorfstraße 41, Stelle-Wittenwurth Inhaltlich Verantwortlicher gemäß 10 Absatz 3 MDStV: Helmut Barthel, Dorfstraße 41, Stelle-Wittenwurth ISSN Urheberschutz und Nutzung: Der Urheber räumt Ihnen ganz konkret das Nutzungsrecht ein, sich eine private Kopie für persönliche Zwecke anzufertigen. Nicht berechtigt sind Sie dagegen, die Materialien zu verändern und / oder weiter zu geben oder gar selbst zu veröffentlichen. Nachdruck und Wiedergabe, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Verlages. Wenn nicht ausdrücklich anders vermerkt, liegen die Urheberrechte für Bild und Text bei: Helmut Barthel Haftung: Die Inhalte dieses Newsletters wurden sorgfältig geprüft und nach bestem Wissen erstellt. Bei der Wiedergabe und Verarbeitung der publizierten Informationen können jedoch Fehler nie mit hundertprozentiger Sicherheit ausgeschlossen werden. Seite 26

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