Reinhard Riedl: «Es geht darum, die Identitätsfrage auch im Kontext der E-Economy sauber zu lösen»

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1 bulletin Reinhard Riedl: «Es geht darum, die Identitätsfrage auch im Kontext der E-Economy sauber zu lösen» Reinhard Riedl: «Il faut résoudre sans équivoque la question de l identité dans le contexte de l e-économie aussi» Programm asut-seminar: «The networked society Chancen und Herausforderungen» Schwerpunkt SuisseID 2/2012

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3 EDITORIAL Sicherheit als Zukunftsthema der Telekommunikation Schöne, digitale Welt. Smartphones eröffnen uns zahlreiche neue Möglichkeiten. Fernsehen und Videos lassen sich unterwegs anschauen, wann und wo immer wir möchten. Schnell mit dem Handy ein Foto geschossen, lässt es sich umgehend per Messenger verschicken und auf Facebook hochladen. Dabei steckt diese Entwicklung eigentlich erst in ihren Kinderschuhen: Die kleinen mobilen Begleiter werden innert kürzester Zeit immer mehr zu Schaltzentralen des Lebens, die uns nicht nur bei der Kommunikation und Terminplanung unterstützen, sondern uns in vielen Bereichen das Leben vereinfachen. Dazu kommen neue Anwendungen beispielsweise aus dem Gesundheitsbereich, der intelligenten Energiesteuerung und auch der Unterhaltung. Das Smartphone wird zur Schaltzentrale unseres digitalen Lebens. Schöne, ungetrübte digitale Welt? Die Schattenseiten der digitalen Welt sehen wir schon heute: Phishing, Spam, Viren, Trojaner, Datenklau und Onlinebetrug sind Stichworte, die täglich in den Medien auftauchen, die unsere Kunden verunsichern und uns vor allem eines zeigen: Wir können unsere Kunden unterstützen, damit sie sich sicherer in der digitalen Welt bewegen können. Denn davon profitieren schlussendlich auch wir als Anbieter, in Form eines gestärkten Vertrauens. Man kann nun einwenden: Die Digitalisierung schreitet auch dann voran, wenn wir als Branche uns dem Thema Sicherheit nicht annehmen. Warum also nicht einfach dem Kunden die Verantwortung für seine eigene Sicherheit überlassen? Ich bin überzeugt, dass dies ein Fehler wäre. Schliesslich ist in einer immer breiteren und globalen Anbieterlandschaft, in einem immer breiteren und komplexen Angebot Vertrauen in die Marke der wichtigste Wert, welchen ein Unternehmen Carsten Schloter. pflegen muss. Um dieses Vertrauen zu verdienen, müssen wir unseren Kunden einen wesentlichen Mehrwert bieten und Verantwortung übernehmen. Schon heute vertrauen uns Tausende von Geschäfts- und Privatkunden ihre Daten an. Wir speichern diese in unseren Rechenzentren. Die Daten sind jederzeit abrufbar. In Zeiten, in denen Cloud Computing langsam, aber sicher zur Realität wird, werden immer mehr Kunden solche Dienstleistungen nachfragen. Dabei stehen Swisscom und andere Schweizer Anbieter in hartem Wettbewerb mit zahlreichen globalen Anbietern. Sie werden mit einfach zu bedienenden und zugleich günstigen Produkten den Markt aufwirbeln und uns Schweizer Anbietern eine grosse Konkurrenz sein. Ich bin mir aber sicher, dass unsere Kunden sehr genau hinschauen werden, wer ihre sehr persönlichen Daten aufbewahrt und wie gut sie geschützt sind. Hier ist unsere Chance: Nur wir sind nah bei unseren Kunden und können ihnen garantieren, dass ihre Daten die Schweiz nicht verlassen. Zugleich können wir Angebote auf den Markt bringen, die die Sicherheit der Kundendaten garantieren nicht nur im Rechenzentrum, sondern auch bei der Übertragung und beim Kunden daheim oder im Büro. Damit können wir das Vertrauen unserer Kunden jeden Tag aufs Neue gewinnen und die Rolle der Schweiz im internationalen ICT-Markt stärken. Nicht zuletzt werden wir unseren Kunden etwas bieten, was sie für eine unbeschwerte Nutzung der neuen, digitalen Welt brauchen: Sicherheit. o Carsten Schloter, CEO Swisscom und asut-vorstandsmitglied 3 bulletin 2/2012

4 INHALT EDITORIAL Carsten Schloter: Sicherheit als Zukunftsthema der Telekommunikation 3 Carsten Schloter: La sécurité, thème d avenir des télécommunications 6 NEWS/IMPRESSUM News 7 TELEKOM SCHWEIZ Bund und Breitband 8 Fiber to the Home Ticino 9 Mit modernen Übertragungsnetzen in die digitale Zukunft 10 Mobilfunkauktion erfolgreich abgeschlossen 11 asut und die Baustelle Datentresor Schweiz 12 asut INTERN Vorschau asut-seminar: «The networked society Chancen und Herausforderungen 14 Programme du séminaire de l asut: «The networked society chances et défis» 19 UNTERNEHMEN & LEUTE Ein Unternehmen stellt sich vor: Siemens Enterprise Communications 24 Kurzmeldungen 26 NEUE MITGLIEDER 28 «Concrete virtual... virtual concrete?»; Kolumne von Rolf Gasenzer 29 INTERVIEW Reinhard Riedl: «Wir müssen die Identitätsfrage auch im Kontext der E-Economy sauber lösen.» 30 Reinhard Riedl: «Il faut résoudre sans équivoque la question de l identité dans le contexte de l e-économie aussi.» 35 4 bulletin 2/2012

5 INHALT SCHWERPUNKT Mit dem Schweizer Pass in die virtuelle Welt 40 Die Gretchenfrage 41 Post SuisseID: für Gesamtlösungen mit Zukunftspotenzial 42 FAQ zur SuisseID 44 «Auch bei der EC-Card waren die Leute zunächst skeptisch» 45 Terravis revolutioniert die SuisseID 46 SuisseID im E-Government auf dem Vormarsch 47 Identität, Vertrauen und Interoperabilität im Digital Single Market Europa 48 COMMUNICATION INFRASTRUCTURES Sicher in jeder Hinsicht 52 Breitband: Konsumententrends und ihre Bedeutung für Schweizer ISP 53 Neue Impulse für intelligente Stromnetze 56 Datenaustausch zwischen Kooperationspartnern beim Glasfasernetz 58 DIGITALE URHEBERRECHTE Acta ad acta? 60 WAS MEINT EIGENTLICH... Urs Meister mit der Forderung «Mehr Markt für den Service public»? 61 MOBILE So viele Byte 64 INTERNET Superschnelles Internet. Schön. Aber wozu? 65 AGENDA 66 Titelbild und nicht anders bezeichnete Illustrationen: 123rf Übersetzungen: CLS Communication 2/2012 bulletin 5

6 EDITORIAL La sécurité, thème d avenir des télécommunications Ah, les beautés du monde numérique! Les smartphones nous ouvrent d innombrables perspectives, les programmes TV et vidéos peuvent désormais être visionnés en déplacement quels que soient le lieu et l heure et les photos prises en un clin d œil avec son portable peuvent être instantanément envoyées par Messenger et publiées sur Facebook. Cette évolution n en est toutefois qu à ses balbutiements: d ici peu, ces petits compagnons mobiles se transformeront en postes de commande vitaux qui ne se contenteront plus de nous assister en matière de communication et de planification des rendez-vous, mais nous simplifieront également l existence dans une foule d autres domaines. Je pense ici, entre autres, aux nouvelles applications du secteur de la santé, de gestion intelligente de l énergie et de divertissement. Le smartphone deviendra le centre de commande de notre vie numérique. Carsten Schloter. Cela dit, l univers numérique n est pas sans nuage. Aujourd hui déjà, nous en connaissons les zones d ombre: phishing, spams, virus, chevaux de Troie, vol de données et escroquerie en ligne sont autant de problèmes qui alimentent quotidiennement la presse, instaurent un sentiment de crainte chez nos clients et nous montrent avant tout que nous pouvons leur servir de guide pour qu ils puissent évoluer en toute sécurité dans cet environnement. Ce dont nous profiterons aussi après tout, en tant que prestataires, puisque la confiance s en trouvera renforcée. On peut certes rétorquer que la numérisation se poursuivra même si nous, professionnels de la branche, ne nous occupons pas la question de la sécurité. Pourquoi, dès lors, ne pas en laisser la responsabilité à chaque client? Je suis convaincu que ce serait une erreur. Car en fin de compte, dans un environnement de fournisseurs toujours plus vaste et global et avec une offre sans cesse plus fournie et plus complexe, la confiance dans la marque apparaît comme la valeur primordiale qu une entreprise doit préserver. Or, pour mériter cette confiance, nous devons offrir à nos clients une valeur ajoutée substantielle et assumer nos responsabilités. Aujourd hui déjà, des milliers de clients commerciaux et privés nous confient leurs données, que nous sauvegardons dans nos centres de calcul, où elles sont accessibles en tout temps. A une époque où le Cloud Computing devient lentement mais sûrement une réalité, de plus en plus de clients vont demander ce type de services. Swisscom et d autres prestataires suisses vont devoir lutter contre la concurrence acharnée de nombreux fournisseurs internationaux, qui vont bousculer le marché en y lançant des produits simples à utiliser et à un prix avantageux. Mais je reste persuadé que nos clients attacheront une très grande importance à l identité du prestataire qui conservera leurs données personnelles et au degré de protection qui leur sera proposé. C est là notre chance: nous sommes proches de nos clients et pouvons leur garantir que leurs données restent en Suisse. En parallèle, nous sommes en mesure de commercialiser des offres susceptibles de garantir la sécurité des données des clients non seulement dans nos centres de calcul mais également lors de la transmission, chez eux ou au bureau. Nous pourrons ainsi, jour après jour, gagner à nouveau la confiance de nos clients et consolider la position de la Suisse sur le marché international des TIC. Dernier point, et non des moindres, nous offrirons à nos client ce dont ils ont besoin pour pouvoir utiliser ce nouvel univers numérique en toute sérénité: la sécurité. o Carsten Schloter, CEO de Swisscom et membre du comité exécutif de l asut 6 bulletin 2/2012

7 NEWS/IMPRESSUM Google und die Rhätische Bahn haben die erste Bahnlinie der Welt auf Street View. Die Bilder der 122 Kilometer langen Unesco-Welterbestrecke zwischen Thusis und dem italienischen Tirano sind ab sofort auf Google Maps einsehbar. Medienexperten werten die Operation als Charmeoffensive, da Google sich mit Street View in der Schweiz insbesondere beim Daten schutz bisher nicht viele Freunde gemacht hat. (it/cdh) Swisscom hat per 1. März Datasport übernommen, einen Dienstleister für Breiten- und Massensportveranstaltungen. Datasport betreut jedes Jahr über 300 Veranstaltungen und ist als Dienstleister zuständig für Datenmanagement, Teilnehmerverwaltung, Inkasso, Zeitmessung, Ergebnisdienst, Speaker- und Informationssysteme sowie die Informationsverbreitung. Ein erstes gemeinsames Angebot soll eine App sein, die es erlaubt, mithilfe von GPS-Tracking alle Teilnehmer des legendären Skialpinismus-Wettkampfes Patrouille des Glaciers Ende April in Echtzeit auf dem Handy zu verfolgen. (nt) Die appenzellische Gemeinde Gais verkauft ihre Grossantennenanlage an upc cablecom. Der Gemeinderat des Dorfes, das gut 3000 Einwohner zählt, erachtet den Betrieb eines Kabelnetzes nicht mehr als öffentliche Aufgabe. Das Kabelnetz verfügt über rund 880 Abonnenten. (nt) 2,9 Millionen Smartphones gibt es in der Schweiz. Praktisch jeder zweite Schweizer besitzt ein iphone oder ein anderes Smartphone. Bei den jungen Erwachsenen sind es sogar rund vier von fünf Personen. Das geht aus einer repräsentativen Umfrage des Internetvergleichsdienstes comparis.ch hervor. Überraschend ist, dass im Tessin das Smartphone weniger stark verbreitet ist als in der übrigen Schweiz. Nur rund 36 Prozent der Tessiner haben eines. (pm) Mit Urteil vom 28. Februar 2012 stuft das Bundesverwaltungsgericht die Swisscom im Bereich der Mietleitungen als marktbeherrschend ein und heisst die von der Eidgenössischen Kommunikationskommission (ComCom) für die Jahre 2007 bis 2009 verfügten Preissenkungen mit einer geringfügigen Ausnahme gut. Das Bundesverwaltungsgericht bestätigt insbesondere, dass auch glasfaserbasierte Mietleitungen mit hohen Übertragungskapazitäten der Regulierung unterliegen. (pm) Smartphones und andere mobile Geräte haben sich in Unternehmen fest etabliert. Zu diesem Ergebnis kommt die von Symantec in Auftrag gegebene Studie «State of Mobility 2012». Mobile Applikationen stehen demnach bei Firmen weltweit mittlerweile hoch im Kurs. IT-Verantwortliche sind sich aber auch ihrer Risiken bewusst. (pm) Switch hat, zusätzlich zu den bereits bestehenden Standorten in San José und Singapur, in Zürich eine Sicherheitsanlage zum Schutz des Internets in Betrieb genommen. Die mit dem Forschungsinstitut Packet Clearing House (PCH) gemeinsam betriebene Anlage beherbergt geheime kryptografische Schlüssel, die für das Sicherheitsprotokoll DNSSEC benötigt werden und mit denen Länder ihre Domainnamen sichern. DNSSEC garantiert dem Internetnutzer, dass nur diejenige Website angezeigt wird, die er tatsächlich aufrufen will. (nt) Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) untersuchte in 112 Ländern den Einsatz von mobilen Gesundheitsdiensten. Bei 40 Prozent der befragten Regierungen zählte der «ungewisse Einsparungseffekt» zu den Haupthindernissen bei der Implementierung von E-Health-Services. Das amerikanische Juniper-Researchinstitut nahm dies zum Anlass, um das mögliche Sparpotenzial von E-Health-Lösungen zu errechnen. Resultat: Bereits in zwei Jahren könnte das weltweite Gesundheitssystem jährlich um bis zu 4,4 Milliarden Euro entlastet werden. (pm) Der Bundesrat hat seinen Evaluationsbericht zum Fernmeldemarkt aktualisiert und seine Meinung geändert: Noch in der laufenden Legislatur will er eine Teilrevision in die Wege leiten, da das aufs Kupfernetz ausgerichtete Fernmeldegesetz aus technologischer Sicht an seine Grenzen stosse. Die Reaktionen sind gemischt: Swisscom, ICTswitzerland sowie die Mehrheit des asut-vorstandes monieren, dass die Bereitstellung von neuen Revisionsinstrumenten die aktuell sehr hohe Investitionsdynamik in der ICT-Branche gefährde. Sunrise hingegen begrüsst den Reformwillen des Bundesrats. Positiv äussern sich auch Preisüberwacher und ComCom. (nt/pm) Newsquellen: Computerworld (cw) Pressemitteilungen (pm) NetzwocheTicker (nt) inside-it.ch (it) IMPRESSUM Organ der asut, Schweizerischer Verband der Telekommunikation Organe de l asut, Association suisse des télécommunications Erscheint fünfmal jährlich für die Mitglieder der asut. Paraît cinq fois par an pour les membres de l asut. Herausgeber Editeur Vorstand der asut Comité de l asut Redaktionskommission Commission rédactionnelle Fulvio Caccia, Vania Kohli-Fusina Redaktionsleitung Direction de la rédaction Christine D Anna-Huber (cdh), Klösterlistutz 8, CH-3013 Bern Tel , Fax Geschäftsstelle Administration Klösterlistutz 8, CH-3013 Bern Tel , Fax Inserate Régie des annonces Stämpfli Publikationen AG, Roger Vonlanthen, Wölflistrasse 1, CH-3001 Bern Tel , Fax Druck und Versand Impression et expédition Stämpfli Publikationen AG, Wölflistrasse 1, CH-3001 Bern Tel , Fax Ständige redaktionelle Mitarbeiter Membres permanents de l équipe rédactionelle Rolf Gasenzer Nachdruck nur mit schriftlicher Bewilligung der Redaktion. Reproduction interdite sans l autorisation écrite de la rédaction. 2/2012 bulletin 7

8 TELEKOM SCHWEIZ Bund und Breitband Eine vom BAKOM ins Leben gerufene Arbeitsgruppe erfasst die in der Schweiz verfügbaren Breitbandnetze und erarbeitet Grundlagen, damit die politischen Entscheidungstragenden in Gemeinden, Regionen und Kantonen informierte Entscheidungen treffen können. (cdh) Viele haben in der Schweiz bereits ihre Köpfe zusammengesteckt und sich Gedanken zur Entwicklung der Telekommunikationsnetze gemacht. Am runden Tisch zur Glasfaser wurden technische Standards und Kooperationsmodelle definiert. Im September 2010 hat der Bundesrat seine Auslegeordnung zum Fernmeldemarkt präsentiert, im März 2012 veröffentlichte er einen Ergänzungsbericht dazu. In verschiedenen parlamentarischen Anfragen wird die Frage laut, wohin der Druck nach immer mehr Breitbandigkeit führen werde. Der Bund, für den leistungsfähige Netze eine wichtige Voraussetzung für die Entwicklung einer konkurrenzfähigen Informationsgesellschaft sind (Seite 10), ist sich bewusst, dass hier eine wichtige politische Debatte ansteht. Und er weiss, dass diese Debatte nur dann geführt werden kann, wenn Parlament, Kantone und Gemeinden über die notwendige Wissensgrundlage verfügen. Aus diesem Grund hat das BAKOM eine Arbeitsgruppe Next Generation Access eingesetzt, welche nun einen Teil der Grundlagen für die Breitbandentwicklung erarbeitet. In der Arbeitsgruppe sind die Netzbetreiber ebenso vertreten wie Elektrizitätswerke, Branchen- und Wirtschaftsverbände, die Bundesverwaltung, Kantone, Gemeinden und Regionen. Die Schweiz verfügt über ein stabiles Grundversorgungssystem, welches aus einem Service-public- Gedanken heraus im Breitbandbereich ein vergleichsweise hohes Grundleistungsniveau garantiert. Die vorgeschriebene Mindestrate für den Upload beträgt 100 kbit/s, und seit dem 1. März müssen Internetanschlüsse ein Minimum von einem Megabite Downstream haben in den wenigsten europäischen Ländern gibt es eine vergleichbare Angebotspflicht. Doch bereits heute wird in der Schweiz an den Netzen der Zukunft gebaut. Es herrscht zurzeit, unter dem wohlwollenden Auge des Staates, der im Rahmen seiner Möglichkeiten Hindernisse aus dem Wege räumt, sich aber vorsieht, zu stark steuernd einzugreifen, ein munterer «Entdeckungswettbewerb». Doch angesichts der neuen Hochbreitbandtechnologien reicht für die Frage, wie der Grundbedarf zukünftig gestaltet werden soll, das bisherige Finanzierungssystem nicht mehr aus. Das jetzige Grundversorgungssystem wurde 1998 eingeführt, auf Basis eines bereits bestehenden und praktisch flächendeckenden Telefonienetzes. Allfällige ungedeckte Kosten, um kleinere Lücken in diesem Netz zu schliessen, müsste der Sektor über einen durch Abgaben aller Fernmeldedienstanbieter geäufneten Fonds selber übernehmen, falls die Grundversorgungskonzessionärin (Swisscom) eine entsprechende Deckungslücke geltend machen würde. Für den Aufbau eines komplett neuen Netzes taugt dieses Prinzip der Mitfinanzierung über eine Sondersteuer nicht. «Es besteht hier deshalb Bedarf an einer grundlegenden und durchaus auch politischen Diskussion der anstehenden Entwicklungen», sagt René Dönni Kuoni, Leiter Sektion Ecostat beim BAKOM, «denn Fragen gibt es viele, Antworten noch keine.» Was gibt es bereits? Wer sich für die Zukunft vorbereiten will, muss die Ausgangslage kennen. Bis Ende Jahr soll die Arbeitsgruppe Next Generation Access deshalb ein Inventar der in der Schweiz verfügbaren und geplanten Breitbandversorgungsmöglichkeiten erstellen. Glasfaser, Kabel-TV-Netze, Mobilfunk? Politische Entscheidungsträger in Gemeinden, Kantonen und insbesondere in peripheren Regionen sollen möglichst genau über die Versorgungssituation und die verschiedenen technologischen Möglichkeiten informiert sein und mitreden können, wenn der Entscheid ansteht, ob und wie ihre Region mit hochbreitbandigen Netzen erschlossen werden soll. Bis Anfang 2013 sollte die entsprechende Angebotsübersicht im Internet zugänglich sein. Sie richtet sich an Behörden ebenso wie an Konsumentinnen und Konsumenten. Was ist zu tun? Doch wo es um Netze der Zukunft geht, kann ein 8 bulletin 2/2012

9 TELEKOM SCHWEIZ Inventar des Bestehenden allein nicht genügen. Die Arbeitsgruppe verfasst daher auch einen Leitfaden mit Handlungsmöglichkeiten, der aufzeigt, wie die Regionen und Gemeinden mit hochbreitbandigen Netzen erschlossen werden können. Wie lassen sich alle Akteure an Bord holen, wie verschiedene Interessen gegeneinander abwägen, wie Innovation fördern, ohne gleichzeitig den Markt zu sehr zu beeinflussen, falsche Anreize zu setzen oder Technologien gegeneinander auszuspielen? Ein Leitfaden mit Handlungsmöglichkeiten soll bis Mitte 2012 vorliegen. Er richtet sich vor allem an öffentliche Körperschaften, die sich mit dem Thema Hochbreitband bisher nicht auseinandersetzen mussten. Der Leitfaden soll an konkreten Fallbeispielen und in leicht lesbarer Sprache aufzeigen, welche Entscheide hier anstehen, wie sich Nutzen, Bedarf, Chancen und Möglichkeiten gegeneinander aufwiegen und überstürzte Entscheide vermeiden lassen. Nicht von ungefähr werden diese Informationsressourcen und Hintergrundinformationen für Gemeinden, Regionen und Kantone unter der Federführung der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft für die Berggebiete (SAB) ausgearbeitet. Auch dieser Leitfaden soll, in drei Amtssprachen, im Internet zugänglich sein. Wie viel Breitband ist nötig? Ergänzend zu Inventar und Leitfaden werden Nachfrageerhebungen durchgeführt und ausgewertet. So untersucht beispielsweise das Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung der Universität Zürich im Rahmen des World Internet Project, wie und mit welchen wachsenden Ansprüchen das Internet genutzt wird und wie relevant es für Wirtschaft und Gesellschaft ist. Die weltweit angelegte Langzeitstudie analysiert insbesondere soziale, politische und ökonomische Implikationen der Netzentwicklung. Eine andere wichtige Datenquelle sind die alljährlich vom Telekommunikationsausrüster Cisco erhobenen Projektionen zum mobilen Breitbandverkehr (Seite 64). Schliesslich wird aus Schweizer Optik, das heisst mit besonderem Augenmerk auf den Interessen der KMU als wesentlichen Trägern von wirtschaftlichen Leistungen, eine qualitative Umfrage durchgeführt, um abzuschätzen, welche Telekomdienste notwendig oder allenfalls sogar unabdingbar sind. Die entsprechende Studie soll Ende 2012 vorliegen. Auch bei diesen Nachfrageerhebungen geht es nicht in erster Linie darum, «direktes staatliches Handeln auf Bundesebene abzuleiten», sondern allen Betroffenen zuerst einmal die nötigen Grundlagen in die Hand zu geben, um die Diskussion führen und die nötigen Schlüsse ziehen zu können. o Fiber to the Home Ticino (cdh) Alptransit, ein zweiter Gotthardtunnel wer im Zusammenhang mit dem Tessin von Verkehr spricht, meint nicht unbedingt den Datenverkehr. Aber auch im Bereich der Breitbandigkeit rüstet der Südkanton auf. Welche Chancen, welche neuen Möglichkeiten hier die Glasfaser dem Tessin bringt, war die Fragestellung an der ersten Tessiner FTTH-Tagung «Evento Fiber to the Home Ticino» vom 8. März 2012 in Lugano. Über 100 Personen nahmen an dem Anlass teil, der von asut- Präsident Fulvio Caccia eröffnet und von Regierungsrat Marco Borradori, der ein leistungsfähiges Glasfasernetz als eindeutigen Standortvorteil wertet, ausdrücklich begrüsst wurde. Dass und wie stark der Bedarf an Breitbandigkeit wächst, zeigte Katarina Stanoevska-Slabeva (Uni Neuenburg und Hochschule St. Gallen), wie er gedeckt werden könnte, Monica Dell Anna, Swisscom, welche in ihrem Vortrag einen feinen Unterschied zwischen «Projekten» (Technologiemix) und «Visionen» (FTTH) machte. Mauro Suà stellte den Verein openaxs vor und erläuterte die Tätigkeit der Stadtwerke von Bellinzona, welche Glasfasernetze nicht nur erstellen, sondern als Serviceprovider auch anbieten. Zur Sprache kamen ausserdem Smart Grid und Smart Metering (Gabriele Giannolli, AIM), die Industrialisierung der Infrastrukturerstellung im Gelände (Learco Rossi, Cablex) und im Gebäude (Didier Colot, Diamond), und schliesslich stellte Halil Ozbalaban (Piona Elprojet SA) verschiedene bereits realisierte und in der Realisierung begriffene Glasfaserprojekte vor. Eine lebhafte Podiumsdiskussion rundete die Tagung ab. 2/2012 bulletin 9

10 TELEKOM SCHWEIZ Mit modernen Übertragungsnetzen in die digitale Zukunft Die Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) bieten durch ihr Innovationspotenzial zahlreiche Chancen für Wirtschaft und Gesellschaft in der Schweiz. Um dieses Potenzial künftig noch besser auszuschöpfen, hat der Bundesrat seine Sabine Brenner. Strategie für eine Informationsgesellschaft in der Schweiz aktualisiert. Leistungsstarke und offene Übertragungsnetze sieht er als eine wichtige Grundlage für die zukunftsorientierte Nutzung der IKT und den Zugang zur Informationsgesellschaft. Von Sabine Brenner Mit seiner Strategie will der Bundesrat die digitale Zukunft der Schweiz aktiv mitgestalten. Er strebt dabei ein klares wirtschafts- und gesellschaftspolitisches Ziel an: Der Bundesrat will die Chancen der Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) nutzen, um den Wirtschaftsstandort Schweiz zu stärken, den Zusammenhalt der Regionen zu fördern und die Lebensqualität der Menschen auf einem attraktiv hohen Niveau zu halten. Er definiert deshalb die Handlungsfelder, in denen das Innovations- und Transformationspotenzial der IKT besonders grosse Wirkung erzielen kann, und legt die Handlungsschwerpunkte für den Bund fest. Neue Handlungsfelder Leistungsstarke und offene Übertragungsnetze sind für den Bundesrat eine Voraussetzung für die Entwicklung einer konkurrenzfähigen Informationsgesellschaft, da sie z.b. neue Lebens- und Arbeitsformen und innovative Produkte ermöglichen. Er hat deshalb neu den Bereich Infrastruktur in seine Strategie aufgenommen. Die Schweiz soll bei der Verfügbarkeit und der Nutzung von Breitbandanschlüssen auch in Zukunft im internationalen Vergleich in der Spitzengruppe liegen. Ausserdem setzt der Bundesrat auf einen vermehrten Einsatz von intelligenten, «smarten» Steuerelementen für mehr Wirtschaftlichkeit und Umweltverträglichkeit besonders in den Bereichen Gebäude, Energie und Verkehr. Zusätzlich sollen die Schweizer Interessen bezüglich Internet Governance und bei der Verwaltung von kritischen Internetressourcen wie dem Domainnamen-System gewahrt werden. Das Handlungsfeld Energie- und Ressourceneffizienz zielt auf mehr Ressourcen- und Energieeffizienz bei den IKT selbst sowie auf eine Effizienzsteigerung durch den Einsatz von IKT in anderen Bereichen ab. Alle anderen Handlungsfelder der Strategie wurden gemäss neuen Entwicklungen grundlegend aktualisiert. Mitgearbeitet an der neuen Strategie haben rund 200 bundesinterne und -externe Expertinnen und Experten aus Wirtschaft, Wissenschaft und von verschiedenen Interessengruppen. Neue Vorhaben Zusammen mit seiner Strategie hat der Bundesrat drei neue Vorhaben zu ihrer Umsetzung verabschiedet: Die Bundesverwaltung wird bis Ende Jahr geeignete Instrumente erarbeiten, um das öffentliche Interesse der Schweiz angesichts der Liberalisierung im internationalen Internet-Domainnamen-Markt nach Möglichkeit zu wahren. Der barrierefreie, chancengleiche Zugang zu Onlineinformationen sowie Kommunikations- und Transaktionsangeboten der Regierung und der Bundesverwaltung soll bis Mitte 2014 sukzessive verbessert werden. Um die Attraktivität des Wirtschaftsstandorts Schweiz international vergleichen zu können, bedarf es geeigneter statistischer Grundlagen. Deshalb soll das bestehende Datenangebot zu einzelnen Handlungsfeldern der Strategie bis Ende 2015 ausgebaut werden. Weitere Informationen zur aktualisierten Strategie des Bundesrates für eine Informationsgesellschaft in der Schweiz sowie ein Vorhabenkatalog zu ihrer Umsetzung: 10 bulletin 2/2012

11 TELEKOM SCHWEIZ Umsetzung der Strategie Die Strategie für eine Informationsgesellschaft wird dezentral in den eidgenössischen Departementen umgesetzt. Ein bis Mitte 2012 aufzubauender Steuerungsausschuss Informationsgesellschaft unter dem Vorsitz des UVEK soll die koordinierte, zielgerichtete Umsetzung der Strategie sicherstellen, unterstützt von einer Geschäftsstelle Informationsgesellschaft, die im Bundesamt für Kommunikation (BAKOM) angesiedelt ist. o Sabine Brenner ist Koordinatorin Informationsgesellschaft beim Bundesamt für Kommunikation (BAKOM), Geschäftsstelle Informationsgesellschaft Mobilfunkauktion erfolgreich abgeschlossen (cdh) In weniger als drei Wochen und zur allgemeinen Zufriedenheit ist die Vergabe der in der Schweiz frei werdenden Mobilfunkfrequenzen abgewickelt worden und dies, zur Irritation gewisser Medien, erst noch in aller Stille und Verschwiegenheit. Insgesamt sind dabei, laut Angaben der Eidg. Kommunikationskommission (ComCom) und des Bundesamtes für Kommunikation (BAKOM), eine knappe Milliarde Franken in die Bundeskasse geflossen. Mit den bis 2028 gültigen neuen Lizenzen teilen sich die drei grossen Unternehmen die Frequenzen des Mobilfunkspektrums neu auf. Der Bund ist nicht nur mit dem Geldsegen zufrieden, er freut sich ausserdem darüber, dass einem möglichst schnellen Ausbau eines leistungsfähigen mobilen Breitbandnetzes nun nichts mehr im Wege stehe und die Schweiz damit im internationalen Vergleich weiterhin einen Spitzenplatz belegen könne. Aber auch von den drei Hauptbietern Sunrise (482 Millionen Franken), Swisscom (360 Millionen Franken) und Orange (155 Millionen Franken) kamen nach Abschluss der Auktion ausschliesslich Töne des höchsten Entzückens: Sunrise erklärte sich erfreut darüber, fast 40 Prozent der «wertvollen tiefen Frequenzbänder» im Bereich von 800 und 900 MHz erworben zu haben, und kündigte ein flächendeckendes Angebot von 84 MBit/s schnellen Datendiensten an. Swisscom werden neu gut 42 Prozent der verfügbaren Mobilfunkfrequenzbänder zur Verfügung stehen, das heisst ein gut doppelt so grosses Frequenzspektrum wie bisher. Auch Orange konnte sich das gewünschte Frequenzspektrum sichern und sprach von einem «sehr guten Resultat». Die Versteigerung war weltweit einzigartig: Trotz anfänglicher Kritik haben die Behörden alle bestehenden und neuen Mobilfunkfrequenzen auf einen Schlag vergeben. Zu den heute benutzten Frequenzen werden Frequenzbänder um 2600 MHz und zwischen 790 und 862 MHz für Mobilfunkangebote verfügbar unter anderem durch das Abschalten des analogen TV. Dies ebnet der neuen Mobilfunkgeneration LTE (Long Term Evolution) und somit weitaus höheren Übertragungsgeschwindigkeiten den Weg: Der wachsende Breitbandhunger der Schweizer Mobilfunkkonsumenten (Seite 53) sollte also gestillt werden können. 2/2012 bulletin 11

12 TELEKOM SCHWEIZ asut und die Baustelle Datentresor Schweiz Die asut-fachgruppe Data Center Infrastructure versteht sich als unabhängige nationale Drehscheibe rund um Data Center. Sie engagiert sich für Standortförderung im Data-Center-Bereich und stellt Betreibern einen interdisziplinären Kompetenzpool rund um Themen wie Energieeffizienz, Services und Facility Management zur Verfügung. Von Christine D Anna-Huber Die Datenbeherbergung ist zurzeit in aller Munde. Am Data Center Forum 2012, welches am 14. März in Baden stattgefunden hat, haben sich rund 300 Interessierte über die neusten Trends informiert. Auch die asut-fachgruppe Data Center Infrastructure war an diesem Anlass prominent vertreten. Kein Wunder: Die seit Herbst 2010 aktive Gruppe bündelt die Kompetenzen der Rechenzentrenexperten in der Schweiz und hat Kontakte zu den wichtigsten Akteuren im ICT- und Standortförderungsbereich und in den Bundesbehörden aufgebaut. Vertreter der 35-köpfigen Fachgruppe haben an verschiedenen Sitzungen von ICTswitzerland teilgenommen, stehen mit der OSEC und Economiesuisse, mit dem BAKOM und dem SECO in Verbindung und verfügen über einen direkten Draht ins Bundesamt für Energie. Zudem achtet Data Center Infrastructure darauf, nicht nur eine Sprachregion der Schweiz zu vertreten: Verschiedene Institutionen und Verbände aus der Romandie sind ebenfalls in die Gruppe eingebunden. Roger Weber, Co-Leiter der asut-fachgruppe am Data Center Forum Foto: Data Center Forum Das grosse Interesse an Data Center, an Housing und Hosting, kommt nicht von ungefähr. Der Data-Center-Boom ist eine Tatsache, die Zeichen der Zeit sind klar, die Herausforderungen und der Handlungsbedarf gegeben. Einerseits entwickelt sich die Datenverwaltung durch die zunehmende Digitalisierung der Gesellschaft und das stetige Zusammenwachsen der ICT immer stärker zum Herzen der Telekommunikation: Gemäss dem letztjährigen Cisco Visual Networking Index wird das Datenvolumen bis 2014 jährlich um 34 Prozent wachsen. Und andererseits bietet sich die Schweiz Firmen aus dem ganzen europäischen Raum als vertrauenswürdiger Standort für hochverfügbare und betriebssichere Data Center geradezu an. Studie in Vorbereitung Im Global Competitiveness Report des Economic Forum beispielsweise nimmt die Schweiz in Bezug auf Infrastruktur, Institutionen und Innovation einen Spitzenplatz ein. Die OSEC zählt zu den Standortvorteilen der Schweiz zudem die strategisch günstige Lage im Herzen des Kontinents, die hervorragende internationale Vernetzung, die politische und wirtschaftliche Stabilität, die unvergleichbare Lebensqualität, bestens qualifizierte Arbeitskräfte, die Präsenz von weltweit führenden Wirtschaftsclustern, eine mässige Steuerbelastung, einen verlässlichen Gesetzesrahmen und verhältnismässig wenig Red tape bei Firmengründungen und -ansiedlungen. Daten könnten, so hat es die «Financial Times Deutschland» vor wenigen Monaten treffend auf den Punkt gebracht, «das neue Geld der Schweiz sein». Data Center, hat der CEO von green.ch die Analogie in einer letztjährigen Ausgabe des asut bulletins weitergesponnen, sind nichts anderes als Schliessfächer für Daten. Doch damit, gebetsmühlenartig zu wiederholen, dass sich der Schweiz im Data-Center-Sicherheitsbereich nun grosse wirtschaftliche Opportunitäten eröffnen, ist es nicht getan. Data Center Infrastructure, als jüngste der vier asut-fachgruppen, hat es sich denn auch zum Ziel gesetzt, das Potenzial und die effektiven Herausforderungen rechtlicher und regulatorischer Natur, die sich der Schweiz im 12 bulletin 2/2012

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