Themenbericht extensive Weiden

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1 Themenbericht extensive Weiden Schinznach-Dorf, 22. Dezember 2003 Dr. Willy Schmid Projekte Ökologie Landwirtschaft Bielweg 15, 5107 Schinznach-Dorf c/o Eidgenössische Forschungsanstalt WSL Zürcherstrasse Birmensdorf Tel: Fax:

2 Themenbericht extensive Weiden 1. Inhaltsverzeichnis 1. Inhaltsverzeichnis Einleitung Praxiswissen extensive Weiden Was heisst extensive Beweidung? Wie wirkt eine Beweidung? Was kann eine extensive Weide an Naturwerten bringen? Welche Tierarten und -rassen eignen sich für eine extensive Beweidung? Rinder Schafe Ziegen Pferde Neuweltkameliden Schweine Weitere Weidetiere Welche Bewirtschaftungsformen und Weidesysteme eignen sich? Welche Lebensräume eignen sich für eine Beweidung? Trockenweiden Feuchtweiden Waldweiden und Wytweiden (pâturages boisés) Welche Standorte eignen sich besonders für eine extensive Weide aus Naturschutzsicht? Überlegungen zum Management der Tierherden und zur Einbettung in landwirtschaftliche Betriebe Weidelenkung Hygienische und tiermedizinische Aspekte Kosten der Beweidung Weitere Aspekte von extensiven Weiden Offene Fragen Anhang 1: Hinweise für Versuchsanordnungen Anhang 2: Glossar der wichtigsten verwendeten Fachbegriffe Weiden Anhang 3: Benutzte Quellen Hauptgrundlagen der vorliegenden Zusammenstellung Neueste Literatur Tagungen Institutionen mit speziellem Fachwissen zu extensiven Weiden Titelbild: Eringer-Mutterkuh, Schweizer Robustrasse, überständige Weide Themenbericht extensive Weiden Seite 2

3 2. Einleitung Während es zunehmend schwieriger wird, genügend Tiere für die traditionellen Weidegebiete der Schweizer Alpen zu finden, findet eine Entwicklung hin zu mehr Weiden ausserhalb dieser Gebiete statt. Arbeitswirtschaftliche und tierschützerische Überlegungen weisen in diese Richtung. In Randgebieten und bei weniger gut strukturierten Landwirtschaftsbetrieben kommen intensive Nutzungssysteme wie die Milchproduktion zunehmend unter Druck. Neue Nutzungssysteme sind gefragt, welche weniger kapitalintensiv sind. Gleichzeitig werden im Naturschutz die Mittel für die Biotoppflege knapper. Könnten Nutzungen mit Tieren die teuren manuellen Pflegearbeiten mindestens zum Teil ergänzen oder sogar ersetzen? Passen die aktuellen Entwicklungen in Landwirtschaft und Naturschutz sogar zusammen? Weiden im Offenland werden aus Naturschutzsicht zunehmend positiver wahrgenommen. Bisher galten sie vor allem als zerstörerische Nutzung. Der schlechte Ruf, den die Beweidung hatte, wurde vor allem durch zu hohe Weideintensitäten und zusätzliche Düngung verursacht. Bedenken muss man auch, dass eine Weidenutzung zu einem anderen Lebensraum mit anderer Artenzusammensetzung führt als Mahdnutzung. Demgegenüber ist die Waldweide in breiten Kreisen noch regelrecht verpönt: Verschlechterung der Holzqualität, Verhinderung der Verjüngung des Waldes, Verminderung der Stabilität der Schutzwälder, minderwertiges Futter, Konkurrenz zur Jagd. Neuere Forschungsergebnisse belegen einen potenziell hohen Naturwert unter extensiver Beweidung. Angesichts vieler positiver Beispiele kann man heute nicht mehr grundsätzlich gegen eine Weidenutzung als Naturschutzmassnahme sein, wohl aber gegen bestimmte Weidepraktiken oder gegen die Beweidung bestimmter Lebensräume. Dazu möchte die nachfolgende Zusammenstellung des Praxiswissens Hinweise geben. Es sollen vor allem die ökologischen Aspekte von Weidenutzungen besprochen werden. Agronomische und Management-Fragen werden nur bezüglich ihrer Relevanz für ökologische Aspekte behandelt. Weiden sind ausgesprochen multifaktorielle Systeme. Fast jede stellt ein Unikat dar. Die Planbarkeit der Ergebnisse ist nur bedingt möglich. Jede Tierart, Rasse, ja jede Tiergruppe verhält sich auf der Weide unterschiedlich. Fertige Pflegerezepte können nicht gegeben werden. In der folgenden Zusammenstellung wird nicht direkt auf einzelne Detail-Effekte, welche bei Forschungsversuchen festgestellt wurden, eingegangen. Für solche Angaben möchten wir vor allem auf zwei Literaturdatenbanken verweisen, welche vom Kanton Zürich und vom Kanton Aargau in Auftrag gegeben wurden (Schmid W. und Wiedemeier P., 2001 / Schmid W., Stäubli A. und Wiedemeier P., 2002). In die Access-Datenbanken wurden für Zürcher und Aargauer Verhältnisse relevante Literatur und Erfahrungen aufgenommen. Verschiedene Abfragemöglichkeiten erlauben, sich ein gutes Bild über die jeweiligen Quellen zu machen. Das Thema Alpwirtschaft wird nur am Rande behandelt. Dazu möchten wir auf die Planungsmethode verweisen, welche Walter Dietl von der Eidgenössischen Forschungsanstalt Reckenholz ausgearbeitet hat und welche in vielen Beispielen umgesetzt wurde. Die Anliegen des Naturschutzes waren immer Teil der entsprechenden alpwirtschaftlichen Planungen. Im Anhang 3 sind neueste Literatur und Tagungen 2003 zitiert, welche für den vorliegenden Bericht verarbeitet wurden. Es sind auch Institutionen erwähnt, die sich speziell mit extensiven Weiden beschäftigen. Zielpublikum dieses Berichtes sind z.b. kantonale Naturschutzfachstellen, Planungsbüros, interessierte Landwirte, aber auch weitere Stellen und Personen, welche Weidetiere für naturpflegerische Anliegen einsetzen wollen. Themenbericht extensive Weiden Seite 3

4 3. Praxiswissen extensive Weiden 3.1. Was heisst extensive Beweidung? Aus landwirtschaftlicher Sicht wird eine extensive Beweidung wie folgt interpretiert: - wenig Arbeit, billige Infrastruktur, kapitalextensiv - nicht (oder nur wenig) gedüngt - eher geringe Besatzstärke 1 - Standweide 2 oder Umtriebsweide 3 mit wenigen Koppeln 4 Demgegenüber ist aus naturschützerischer Sicht die Interpretation breiter: Extensive Beweidung wird als Nutzungsform verstanden zur Erhaltung oder Förderung der Biodiversität. Sie wird mit eher anspruchslosen Weidetieren durchgeführt, welche die natürliche Vegetation nutzen. Sie ist ungedüngt. Es wird nicht in die Topografie eingegriffen (ausser vielleicht zur Stabilisierung eines Hanges). Natürliche Weidestrukturen wie Dornbüsche, Bereiche mit überständigem Gras etc. werden zugelassen. Aus einer Gesamtsicht stellen extensive Weiden also eine Verknüpfung von einer arbeits- und kapitalextensiven Herstellung von nutzbaren Produkten und der Herstellung von Biodiversität und Landschaft dar. Ein solches System muss heute wieder erdacht und neu formuliert werden. Aus rein landwirtschaftlicher Sicht ist die Wertschöpfung eines solchen Systems der Hauptengpass. Ohne zusätzliche Anstrengungen am Markt und ohne Naturschutzgelder wird es schwierig werden, einen zukunftsfähigen Betriebszweig extensive Weidewirtschaft" aufzubauen Wie wirkt eine Beweidung? Die Haupteinflussfaktoren einer Beweidung sind Tritt, Frass und Dung. Die Trittwirkung ist je nach Tierart und Gewicht unterschiedlich. Wird aus landwirtschaftlicher Sicht versucht, möglichst jede Form von Trittspuren zu verhindern, so sind solche in extensiven Weiden durchaus eine ökologische Bereicherung. Thermophile und geophile Arten sowie Pionierarten werden gefördert. Wenn aber flächige Erosionen entstehen, so muss die Trittwirkung reduziert werden. Schottische Hochlandrinder haben dieses Feuchtgebiet stark entbuscht sowie das Schilf zurückgedrängt. 1 siehe Anhang 2, Glossar 2 siehe Anhang 2, Glossar 3 siehe Anhang 2, Glossar 4 siehe Anhang 2, Glossar Themenbericht extensive Weiden Seite 4

5 Unterschiedliche Frassstrategien der Weidetiere prägen die Vegetation (Abb. 1). Grasfresser wie Rinder, Schafe und Pferde, die sich auf die Pflanzen der unteren Schichten konzentrieren, werden den Laubfressern wie Elch und Reh gegenübergestellt. Ziege und Rotwild nehmen dabei eine Zwischenstellung ein. Schweine als Omnivoren" nutzen nur zu einem kleinen Teil die Vegetation. Die Idee, Tiere mit unterschiedlichen Frassstrategien zu kombinieren, liegt auf der Hand (z.b. Schafe fürs Gras, Ziegen für die Gehölze). Abb. 1: Unterschiedlich Frassstrategien bei Weidetieren Quelle: Rahmann, 2000 Aber auch die Tiere mit derselben Frassstrategie unterscheiden sich bezüglich Selektivität des Frasses (z.b. Rinder wenig selektiv, Schafe sehr selektiv). Über den Dung (Exkremente auf der Weide) ist der Nährstoffkreislauf weitgehend geschlossen. Gesamthaft gesehen ist eine Ausmagerung nur schwierig erreichbar. Auf grösseren, topografisch diverseren Weiden finden aber Nährstoffverlagerungen statt. An Lägerstellen, in ebenen Bereichen, gibt es eine Nährstoffanreicherung, an steileren Stellen einen Nährstoffentzug. Dies trägt zur Vielfalt der Lebensraumtypen in einer Weide bei. Kotstellen sind auch Grundlagen für eine reiche koprophage Insektenwelt, welche ihrerseits Grundlage für die Nahrungskette bis hin z.b. zu den Vögeln reicht. Dabei ist aber die Wirkung von Entwurmungsmitteln zu bedenken (vgl. unten) Was kann eine extensive Weide an Naturwerten bringen? Die wichtigsten Ergebnisse einer der wenigen Studien in der Schweiz zum Thema extensive Weiden, bei der Flora, Fauna und Bewirtschaftung analysiert wurden (Schmid W., Wiedemeier P., Stäubli A., 2001), können wie folgt zusammengefasst werden: - Extensive Weiden können durchaus reicher an Pflanzen- und Tierarten sein als vergleichbare Mähwiesen. Vor allem bei Tieren betrifft das auch Arten aus den Roten Listen. - Eine wichtige Grösse ist das Nährstoffniveau: Je tiefer dieses ist, desto artenreicher sind die Lebensräume. - Die Weide ist ein eigenständiger Lebensraumtyp. Die Zusammensetzung von Flora und Fauna unterscheidet sich sehr von gemähten Wiesen: Sie haben nur rund 50% der Arten gemeinsam. Daraus lässt sich die grosse Bedeutung von Wiesen-Weiden-Komplexen ableiten: Gemeinsam ist die Artenzahl deutlich höher als für jeden Lebensraumtyp allein. Themenbericht extensive Weiden Seite 5

6 Immer wieder wird speziell die Strukturvielfalt als wertgebendes Mass extensiver Weiden hervorgehoben. Weidetypische Strukturen sind z.b. (Dorn-)Büsche, offene Bodenstellen, überständiges Gras, vernässte Bodenstellen um Tränken, verdichtete Bereiche, vegetationsfreie Bereiche, Trittwege. Wichtig sind auch Steinhaufen, Bäume, etc. Strukturen stören in einer ausschliesslich beweideten Fläche nicht. Will man dieselbe Strukturdichte in einer gemähten Wiese, so leidet die mechanische Nutzbarkeit stark. Spezielle Weidestrukturen ergeben sich z.b. durch holzige Zaunpfähle, welche von diversen Insekten besiedelt werden können oder durch Ameisenhaufen, welche sich in Weiden oft entwickeln. Mit einer Weidenutzung können verschiedene Effekte erreicht werden wie z.b. - Förderung von Pionierarten sowie wärme- und lichtliebende Arten - Bekämpfung von Neophyten (z.b. Goldruten) - Bekämpfung von Schilf - strukturelle Diversifizierung monotoner Pflanzenbestände - spezielle Artenförderungsprogramme durch spezifische Weidepraktiken Pflanzen und Tiere müssen Verbiss und Tritt der Tiere ertragen können bzw. sich dagegen wappnen können. Eine weidetypische Flora ist gekennzeichnet durch einige mahdempfindliche Arten sowie durch viele einjährige Arten, Ruderalarten, dornenbewehrte, giftige, aromatische, ausläufertreibende und rosettenbildende Arten. Als ungünstige Wirkungen einer Beweidung für die Artenvielfalt werden oft genannt: - Verbiss gefährdeter Pflanzen - Beeinträchtigung durch Tritt: Orchideen sind z.b. trittempfindlich. Bei ganz tiefen Besatzstärken können aber auch gute Bestände von Orchis mascula und Gymnadenia conopsea vorkommen. Auch in Hanglagen können sich Orchideen gut entwickeln, wenn durch die Ausbildung von Weidewegen trittfreie Stellen entstehen. Die Verhältnisse bei uns sind aber nicht vergleichbar mit denjenigen des Mittelmeerraumes, wo extensive Weiden oft sehr orchideenreich sind. Bei uns ist es feuchter, was höhere Tier-Besatzstärken bedingt, damit die Biomasse genutzt wird. Dies ergibt eine Trittbelastung, welcher die meisten Orchideen nicht mehr standhalten können. - Unerwünschte Veränderungen in Pflanzengesellschaften: Pfeifengraswiesen können sich z.b. zu nährstoffreicheren Sumpfdotterblumenwiesen, welche naturschützerisch weniger wertvoll sind, entwickeln. - Beeinträchtigung der Insektenfauna, z.b. über den Frass gewisser immobiler Stadien (Eier, Puppen, oft auch Larven). - Zerstörung von Vogelgelegen von Wiesenbrütern, was vor allem von der Besatzdichte 5 abhängig ist. - Nährstoffanreicherung durch Exkremente: Andererseits entstehen aber auch nährstoffärmere Bereiche, welche zu einem interessanten Mosaik innerhalb einer Weidefläche führen. Statt fast jeder potenziell negativen kann auch eine positive Wirkung eintreten. Ob das Weiden zu einer Beeinträchtigung oder zu einer Verbesserung des Naturschutzwertes führt, muss durch Überprüfen der objektspezifischen (Schutz-)Ziele beurteilt werden. Der Naturschutz braucht Mut zum Experimentieren und auch dafür, ergebnisoffene Entwicklungen einzuleiten. 5 siehe Anhang 2, Glossar Themenbericht extensive Weiden Seite 6

7 3.4. Welche Tierarten und -rassen eignen sich für eine extensive Beweidung? Es gibt naturschützerisch interessante Weiden mit fast allen Weide-Tierarten. Im ganz extensiven Bereich unterscheiden sich tierartspezifische Einflüsse bezüglich ihrer Wirkung auf die faunistische und floristische Vielfalt nicht sehr stark. Tierhaltungs- und Managementfaktoren kommen stärker zum Tragen: Es ist oft entscheidender, mit wie vielen Tieren geweidet wird als ob Rinder oder Schafe gehalten werden. Aus landwirtschaftlicher Sicht wird idealerweise das Jung- und Mastvieh der vor Ort heimischen Tierart und -rasse genutzt. So müssen keine (oft viel zu teuren) Exoten zugekauft werden. In vielen Fällen ist unsicher, ob letztere auch tatsächlich Vorteile bringen. Eine besonders sympathische Rasse, die Schottischen Hochlandrinder, scheint tatsächlich spezielle Einsatzmöglichkeiten zu bieten. Was sicher ist: Hochgezüchtete Leistungstiere irgendeiner Rasse eignen sich nicht, da sie mit der oft geringen Futterbasis nicht zurecht kommen. Wichtiger als eine bestimmte Tierart oder -rasse ist, dass eine extensive Weide mit einer extensiven Tierhaltung gekoppelt ist. Die beste Voraussetzung bietet eine Tierhaltung ohne Milchproduktion (nur Fleischproduktion). Extensive Weidemast ist hier ein Schlüsselbegriff: Die Tiere sollen während einer langen Zeit (bei Rindern mindestens zwei volle Weidesommer) schlachtreif werden können. Die täglichen Zuwachsraten dürfen gering sein. Die Futterbasis kann somit auch mager sein, was einer erhöhten Vielfalt Raum gibt. Die Mutterkuhhaltung mit dem Prädikat +Naturabeef+ ist nicht besonders extensiv : Die Kälber müssen mit 10 Monaten schlachtreif sein, was eine relativ hohe Milchleistung der Mutterkuh bedingt. Dies wiederum setzt eine gewisse Qualität des Weidebestandes voraus oder aber eine Zufütterung der Tiere, was das Nährstoffniveau unerwünschterweise erhöht. Abb. 2: Einige Weide-Charakteristika verschiedener Tierarten Selektivität des Frasses Rindvieh Pferde Schafe Ziegen Gering, da büschelweises Relativ selektiv Abreis- sen mit der Zunge Sehr selektiv bei den üblichen Rassen, wenig selektiv bei einigen Robustrassen Verbiss hoch sehr tief tief tief Verhalten auf Weide Empfehlungen für Nutzungen artenreicher Weiden Lägerstellen auf flachen und stallnahen Bereichen in einer sonst coupierten Fläche Im Allgemeinen gut geeignet; eher leichtere Rassen und Schläge bevorzugen; eher Fleisch- als Milchproduktion Abkoten zum Teil konzentriert auf bestimmte Bereiche Höchstens leicht geneigte Flächen; eher leichtere Tiere; keine Hochleistungstiere bevorzugt höchste und möglichst nordexponierte Lagen Robustrassen eher geeignet; auch für steile Flächen geeignet; kontrollierter Weidegang wegen selektivem Fressverhalten bei den üblichen Rassen Selektiv, mit Bevorzugung von Gebüsch Keine systematische Nutzung des Wiesenbestandes Steile Flächen; am Verbrachen: Pioniernutzungen für verbuschte, verunkrautete Flächen; längerfristig Weidenutzung mit einer anderen Art planen Einige allgemeine Kriterien, welche es bei der Wahl der Tierart bzw. rasse zu prüfen gilt, sind: - Ruhiges Verhalten; dieses ist art- und rasseabhängig, aber auch altersabhängig - Robustheit, Kältetoleranz Themenbericht extensive Weiden Seite 7

8 - Genügsamkeit bezüglich der Futterqualität - Geringes Gewicht - Parasitentoleranz - Toleranz gegenüber Giftpflanzen An dieser Stelle soll auch auf die besonderen Anstrengungen von Pro Specie Rara zur Erhaltung unserer einheimischen Robustrassen hingewiesen werden ( Im Folgenden stellen wir bei den jeweiligen Tierarten exemplarisch einige Rassen vor. Wir unterscheiden dabei zwischen: - (Hoch-)Leistungsrassen (in der modernen Landwirtschaft üblicherweise gehaltene Rassen): Ihre Eignung für eine extensive Beweidung ist in weniger leistungsorientierten Produktionssystemen (z.b. Weidemast) beziehungsweise in gewissen Phasen (z.b. galte 6 Tiere, Aufzuchttiere) durchaus gegeben. - Landrassen (einheimische Robustrassen): nur noch selten gehalten, geringeres Leistungsvermögen, dafür meist an extremere Standortbedingungen angepasst - exotische Robustrassen, exotische Arten: seit kürzerer Zeit in die Schweiz eingeführte Rassen, welche mit extremen Standortbedingungen zurecht kommen Rinder Ihr ziemlich unselektives Fressverhalten sowie das relativ hohe Abreissen des Futters führen dazu, dass im Vergleich zu allen anderen Weidetierarten die floristische Vielfalt auf Rinderweiden meist am höchsten ist. Zu allfälligen Spezifitäten der verschiedenen Rassen bezüglich dem Futterwahlverhalten wurden kaum direkte Vergleichsversuche gemacht. Von Robustrassen wird immer wieder berichtet, dass sie auch gerne Gehölze befressen und sich dadurch auch für die Offenhaltung lichter Wälder und Waldränder eignen. Rinder können aber auf lange Sicht das Aufkommen von Gehölzen an den meisten Standorten nicht verhindern (Ausnahme Feuchtgebiete). Zunächst sieht es meist nach einer massiven Schwächung aus. Beliebte Arten werden geschält und sterben ab. Im Gefolge kommen dann aber die weniger schmackhaften und besser bewehrten Gehölze auf (z.b. Dornensträucher). Hier einige Bemerkungen zum Schottischen Hochlandrind als einem Beispiel einer Robustrasse. Gewisse Eigenschaften dieser Tiere sind schon bemerkenswert: Sie sind sehr winterhart, haben ein ruhiges Verhalten, drängen Büsche unter Zuhilfenahme der riesigen Hörner effizient zurück, sind auch im Nassen mit ihren grossen Hufen trittsicher. Und: Sie haben dem Naturschutz den Zugang zu einer Landwirtschaftlichen Nutzung wieder geöffnet. Exemplarisch einige Rinderrassen: - (Hoch-)Leistungsrassen: Braunvieh, Fleckvieh - Landrassen: Eringer, Rätisches Grauvieh, Evolèner Rind - exotische Robustrassen: Schottische Hochlandrinder, Galloway, Heckrinder als rückgezüchtete Auerochsen, etc. 6 siehe Anhang 2, Glossar Themenbericht extensive Weiden Seite 8

9 Schafe Bei Schafen bestehen grosse Rassenunterschiede bezüglich ihrem Fressverhalten. Genügsame Landrassen sind gegenüber leistungsfähigen und anspruchsvollen Rassen für die Beweidung naturschutzwürdiger Flächen eindeutig zu bevorzugen. Extensiv gehaltene Landschafrassen nehmen überständiges Futter und Gehölze eher an, die Leistungsrassen haben diesbezüglich keine Toleranz und sind deshalb vor allem auf wüchsigen Flächen wenig geeignet. Schafe fressen das Futter extrem tief ab. Insbesondere durch ihren sehr selektiven Frass bewirken sie oft eine Trivialisierung der Flora. Die Fauna muss aber nicht trivialer werden, das Gegenteil wurde vor allem an trockenen, sehr mageren Standorten schon mehrmals beobachtet. Schafe schaffen weniger Sonderstandorte, da sie kaum Trittschäden machen. Schafweiden auf frischen Standorten präsentieren sich oft sehr grasreich. Auf mageren und trockenen Flächen können sich aber durchaus auch artenreiche Pflanzenbestände entwickeln. Die Schafalpung ist mit einem speziellen Problem behaftet: Die Wiedereinwanderung des Wolfes in den Alpen wird in Zukunft Schutzmassnahmen wie Behirtung und Einzäunung mit Elektrozäunen erfordern. Exemplarisch einige Schafrassen: - (Hoch-)Leistungsrassen: Weisses Alpenschaf, Braunköpfiges Fleischschaf, Schwarzbraunes Bergschaf, Charollais Suisse, Ostfriesisches Milchschaf - Landrassen: Walliser Schwarznasenschaf, Bündner Oberländer-Schaf, Fuchsfarbenes Engadinerschaf, Spiegelschaf, Walliser Landschaf - Landrassen aus Deutschland: Heidschnucken, Moorschnucken, Skudden, Rhönschaf, Coburger Fuchs Die Schafe fressen Gras, die Ziegen kümmern sich um die Büsche: Ihre Kombination kann sehr interessant sein Ziegen Ziegen eignen sich für eine Pionierphase der Weide, bei der die Zurückdrängung der Büsche oder der Bäume im Zentrum stehen ( ringeln der Baumstämme). Ihre gespaltene Oberlippe erlaubt ihnen das Beweiden von dornigen Gewächsen. Ziegen sind keine Grasliebhaber, auf der anderen Seite fressen sie aber sogar Nadeln der Waldföhre, da sie tanninhaltige Pflanzen verdauen können. Auf den Hinterbeinen stehend können sie bis 1.8 Meter hoch Gehölze verbeissen. Nicht Themenbericht extensive Weiden Seite 9

10 überall eignen sie sich für eine dauerhafte Beweidung, da sie den Pflanzenbestand nicht genügend konsequent abfressen. Die Rassenfrage spielt bei den Ziegen eine wichtige Rolle. Die moderne Ziegenzucht ist stark auf Leistung getrimmt. Die meisten unserer einheimischen Rassen wurden stark in Richtung Milchleistung gezüchtet. Dies ergibt aber Konflikte mit der Nutzung magerer Weiden. Die Notwendigkeit von sehr hohen Zäunen ist bei gewissen Rassen ein Problem. Demgegenüber ist z.b. die Burenziege mit ihrem ruhigen Temperament einfacher zu halten als andere Rassen und braucht auch keine hohen Zäune. Immer öfter werden einige Ziegen zusammen mit einer Schafherde gehalten, wenn die Weiden relativ stark verbuscht sind. Die Ziegen kümmern sich besonders um die Büsche, während die Schafe die Pflanzen des Rasens nutzen. Die verschiedenen Tierarten haben auch unterschiedliche Empfindlichkeiten gegenüber Giftpflanzen. Ziegen sind z.b. viel weniger empfindlich gegenüber den zunehmend gefürchteten Kreuzkräutern (Senecio sp.) als z.b. Rinder. Exemplarisch einige Ziegenrassen: - (Hoch-)Leistungsrassen der Schweiz (Zweinutzungsrassen Milch und Fleisch): Saanenziege, Gemsfarbige Gebirgsziege, Appenzeller Ziege, Toggenburger Ziege - Landrassen der Schweiz (ebenfalls Zweinutzung): Bündner Strahlenziege, Nera Verzasca, Walliser Schwarzhalsziege, Pfauenziege, Stiefelgeiss, Graue Gebirgsziege (Capra grigia) - Aus Südafrika, mit zunehmender Verbreitung in der Schweiz: Burenziege (nur Fleischziege) Pferde Grundsätzlich eignen sich Pferde besonders gut zur Verwertung nährwertarmen Futters. Bei Wiederkäuern bleibt das Futter umso länger im Verdauungstrakt, je nährwertärmer es ist. Entsprechend nimmt die Futteraufnahmekapazität ab. Die Pferde haben keinen Wiederkäuermagen. Nährwertarmes Futter wird einfach schneller durch den Verdauungstrakt geschleust. Die bei uns meist vertretenen grossen Pferde eignen sich aber wegen ihrem Gewicht und dem tiefen Abbeissen des Futters oft nur bedingt zur Biotoppflege. Ponies (Pferde mit einer Widerristhöhe kleiner als 140 cm), welche nicht allzu stark auf Leistung getrimmt sind, könnten demgegenüber sehr interessante Naturschutzgebiets-Pfleger sein. Exemplarisch einige Pferderassen, die zur Landschaftspflege eingesetzt werden: - Konik-Pferde - Island-Ponies - Exmoor-Ponies - Fjord-Pferd - Shetland-Pony - Exmoor-Pony - Connemara - rückgezüchtete Tarpane Themenbericht extensive Weiden Seite 10

11 Pferde eignen sich gut für die Verwertung von nährwertarmem Futter. Sie sollten nicht zu schwer und nicht zu nervös sein Neuweltkameliden Lama und Alpaca als Haustierformen stammen aus den Anden in Südamerika. Sie sind sich kaltes und trockenes Klima gewöhnt. Es sind sehr anspruchslose Tiere mit einem ausgeprägten Sozialverhalten. Als Schwielensohler produzieren sie kaum Trittschäden. Die gespaltene Oberlippe erlaubt ihnen das Beweiden von dornigen Gewächsen. Zudem reissen sie die Vegetation nicht ab, sondern die Pflanzen werden sehr schonend abgebissen. Sie richten feste Kotplätze ein. Das Zäunen ist eher einfacher als für die Schafe und Ziegen. Erste Beobachtungen haben gezeigt, dass sie nicht speziell an Büschen und Bäumen fressen. Die Probleme mit der Verwurmung sind kaum kleiner als bei den anderen Tierarten, wenn sie auf der gleichen Fläche weiden wie andere Arten sogar eher grösser (siehe auch Kap. 3.8.). Allgemein sind noch wenig Erfahrungen im Umgang mit diesen Tieren vorhanden. Sie scheinen ziemlich Probleme mit der Wärme und der Nässe in unserem Klima zu haben Schweine Schweine nutzen in der Regel den Pflanzenbestand bis und mit den Wurzeln. Sie schaffen damit offene Flächen (Ruderalflächen) und leisten z.b. in Auengebieten einen Beitrag zur Dynamik. Aber auch die Erneuerung einer Wiese kann das Ziel sein. Offenbar stellt sich der Ausgangspflanzenbestand in der Regel recht schnell wieder ein. Erfahrungen hierzu müssten aber zuerst gesammelt werden. Schweine wurde auch schon zur Unkrautbekämpfung eingesetzt. Sie verzehrten z.b. auch Wurzeln der Blacke (Rumex obtusifolius) und waren erfolgreich im Kampf gegen den Adlerfarn (Pteridium aquilinum) Weitere Weidetiere Die Palette möglicher Weide-Tierarten ist offen. Insbesondere aus den grossflächigen Naturentwicklungsgebieten Deutschlands liefern Beweidungen mit Rotwild, Wisenten, Elchen und weiteren Arten spannende Ergebnisse. Allerdings sind solche Tiere in der kleinräumig gegliederten Schweiz kaum vorstellbar, da sie für eine extensive Beweidung zu grosse Weideflächen benötigen. Zudem Themenbericht extensive Weiden Seite 11

12 erfordert ihre grosse Sprungkraft Zaunsysteme, die als massive Barrieren in der Landschaft wirken (z.b. Behinderung des Wildtieraustausches). Im Kleinen kann z.b. auch mit Gänsen recht effektvoll geweidet werden. Unbekannt ist, wie sich eine Beweidung mit Gänsen auf die Fauna auswirkt. Die Diepholzer Gans ist die einzig übriggebliebene Landrasse Welche Bewirtschaftungsformen und Weidesysteme eignen sich? Naturschützerisch wertvolle Weiden gibt es sowohl unter Standweiden als auch unter Umtriebsweiden. Standweiden 7 unterscheiden sich in ihrer Artenzusammensetzung stärker von Mähwiesen als Umtriebsweiden. Auf Standweiden bilden sich öfters weidetypische Strukturen. Diese bilden Refugien, welche permanent erhalten bleiben und z.b. den Wirbellosen zur Verfügung stehen. Umtriebsweiden 8 mit kurzer Bestossungsdauer sind bezüglich ihrer botanischen Diversität am verwandtesten mit Mähwiesen. Hohe Besatzdichten 9 können bezüglich der Vegetation fast die gleiche Wirkung haben wie ein Schnitt. Allerdings werden im Gegensatz zu einer Heunutzung vor allem die Immobilstadien von Wirbellosen weggefressen, so dass die Fauna massiv verarmt. Mit einer Umtriebsweide kann besser der Verwaldung entgegengewirkt werden, da die Verbissintensität lokal konzentriert werden kann. Auch um dem selektiven Fressen der Schafe begegnen zu können, ist eine Einteilung in Koppeln 10 hilfreich. Die Hütehaltung 11 wird bei uns kaum mehr praktiziert. Eine Ausnahme ist die Winterweide von Schafherden. Die Hütehaltung wird neuerdings wieder für den Alpenraum diskutiert, wenn es um den Schutz von Schafherden vor dem Wolf geht. Aus arbeitswirtschaftlichen Gründen ist diese Haltungsform für Schweizer Verhältnisse höchstens in ganz speziellen Fällen relevant. Für die Nutzung sensiblerer Bereiche wäre sie jedoch sehr geeignet, da damit die Nutzungsintensität sehr genau eingestellt werden kann, selbst für Teilbereiche einer Weide. Die Besatzstärke 12 einer Weide ist eine der wichtigsten Regelgrössen. Der Tierbesatz muss in Relation zum Ertrag stehen, um einerseits eine zu starke Übernutzung und andererseits ein übermässiges Verbuschen und aufwändige Pflegeeingriffe zu vermeiden. Die Besatzstärke wird angegeben als GVE 13 -Tage pro Hektar und Jahr. Eine hohe Besatzdichte während einer kurzen Zeit kann bezüglich der Frassleistung ähnlich wirken wie eine tiefe Besatzstärke über längere Zeit. Allerdings können sich weidetypische Strukturen nur bei einer tiefen Besatzstärke über längere Zeit ausbilden, und eine kurze, hohe Besatzstärke wirkt sich negativ auf die Fauna aus (eingeschränkte Rückzugsmöglichkeiten). Die Grundregel für die Herleitung einer angepassten Besatzstärke lautet: Die vorhandene Biomasse soll bis auf etwa 10 bis 20% überständiges Gras abgefressen werden. Je nach jahreszeitlichen Aufwuchsbedingungen und Witterung kann der Jahresertrag einer extensiven Weide sehr stark schwanken, entsprechend muss auch die Tierzahl angepasst werden. Für die Herleitung eines angepassten Tierbesatzes gibt es zwei Wege, welche idealerweise gleichzeitig beschritten werden sollen. Beim Erfahrungsweg geht man von der aktuellen Besatz- 7 siehe Anhang 2, Glossar 8 siehe Anhang 2, Glossar 9 siehe Anhang 2, Glossar 10 siehe Anhang 2, Glossar 11 siehe Anhang 2, Glossar 12 siehe Anhang 2, Glossar 13 siehe Anhang 2, Glossar Themenbericht extensive Weiden Seite 12

13 stärke aus und korrigiert diese aufgrund der formulierten Ziele (z.b. 20% überständiges Futter im Herbst nach dem Weideabtrieb: wenn weniger vorhanden, dann Tierbesatz reduzieren). Beim rechnerischen Weg (Abb. 3) geht man davon aus, dass 1 GVE rund 15 kg TS 14 pro Tag verzehrt, inklusive der Verluste durch z.b. Zertreten des Futters. Abb. 3: Beispiel zur rechnerischen Herleitung eines angepassten Tierbesatzes auf einer Weide. Wieviele Fleischschafe sollen auf einer Weidefläche von 1,4 Hektaren gehalten werden? Der geschätzte nutzbare Ertrag der Kammgrasweide ist 50 dt 15 TS pro ha und Jahr, die Weidedauer 180 Tage, die Fläche wird als Standweide genutzt. Nutzbarer Jahresertrag pro Hektare abzüglich 15% überständiges Futter belassen Besatzstärke: GVE-Tage pro Hektar und Jahr (Ertrag dividiert durch 15 kg TS Bedarf pro GVE und Tag) Besatzdichte: bei Standweide 180 Tage (Besatzstärke dividiert durch Besatzzeit) Anzahl Schafe pro ha: 1 GVE = 5.9 Schafe über 1-jährig Anzahl Schafe auf 1.4 ha 5000 kg 4250 kg 283 GVE-Tage 1.57 GVE 9.26 Schafe 13 Schafe Aus deutschen Versuchen in extensiven Weiden hört man oft sehr tiefe Tierbesätze (kleiner als 1 GVE pro Ha und Jahr, in Grossgebieten sogar 0.2 bis 0.5 GVE/ha und Jahr). Diese sind schwierig auf unsere Verhältnisse zu übersetzen: Deutschland hat im Durchschnitt viel weniger Niederschläge, die Weiden haben oft hohe Busch- und Waldanteile. Bei uns dürften die Tierbesatzzahlen im Durchschnitt so zwischen 1-2 GVE pro Hektare und Jahr liegen. Wenn die Weideflächen längere Zeit unterbestossen sind, so nehmen Arten wie die Fiederzwenke (Brachypodium pinnatum) und Johanniskräuter (Hypericum sp.) zu, der Grasbestand verfilzt und Gehölzpflanzen können sich ausbreiten. Welche Pflanzen effektiv verbissen werden, ist immer eine Funktion der Leistungserwartung an die Tiere. Ist der Tierhalter auch mit geringen Tageszuwächsen zufrieden, so kann er die Tiere länger auf einer Weide lassen und sie werden mehr Pflanzen abfressen. Da ein wichtiger Teil des ökologischen Wertes von extensiven Weiden die weidetypischen Strukturen sind (Verbuschungen, überständige Vegetation, Trittstellen usw.), soll eine Weidepflege nur sparsam und partiell durchgeführt werden. Es gibt nicht den geeigneten Zeitpunkt für den Weidebeginn. Am besten ist ein Mosaik mit verschiedenem Nutzungsbeginn. Je nachdem werden verschiedene Arten(gruppen) gefördert, und ein permanentes Nahrungsangebot für die Fauna (z.b. Blütenangebot) ist eher gewährleistet. Wird sehr spät mit Weiden begonnen, so wird das Gras hinuntergetreten und raubt den niederwüchsigen Arten das Licht. Ein Verlust an Diversität ist die Folge, zudem eine Selbstdüngung durch das einwachsende Futter, allenfalls sogar die Bildung einer Streuauflage. Auf eine Düngung ist unbedingt zu verzichten: Die Biodiversität und die Nährstoffzahl sind eng miteinander korreliert. Eventuell sollen sogar Massnahmen überlegt werden, welche zu einer Ausmagerung auf einer Weide führen (z.b. Stallhaltung über Nacht oder über Tag und Wegführen des Mistes oder Einsammeln der Exkremente). Auf eine Zufütterung der Weidetiere (ausser mit Mineralsalzen) ist ebenfalls zu verzichten, da damit zusätzliche Nährstoffe in den fast geschlossenen Kreislauf bei Weidewirtschaft gelangen. 14 siehe Anhang 2, Glossar 15 siehe Anhang 2, Glossar Themenbericht extensive Weiden Seite 13

14 Ein wenig beachtetes Problem für den Naturschutz ergibt sich aus dem Parasitenbefall der Weidetiere: Kot von Tieren, die mit Entwurmungsmitteln behandelt wurden, wirkt auf die reiche Fauna der Kotfresser oft tödlich und bringt sie zum Verschwinden. Da grosse kotfressende Insekten, etwa Mistkäfer (Geotrupes spec.), eine wichtige und über einen langen Zeitraum zur Verfügung stehende Nahrungsgrundlage für grossinsektenfressende Vögel (Wiedehopf, Steinkauz, Würger) sind, wird dadurch auch diesen Vögeln die Nahrungsgrundlage entzogen. Wenn möglich sollten deshalb Weidetiere während einer Entwurmungskur im Stall gehalten werden (vgl. auch hygienische und tiermedizinische Aspekte in Kap. 3.8.). Mit einer Mähweide werden die negativen Effekte des Mähens (Blütenhorizont auf einmal weg, zerstören der Struktur) kombiniert mit den negativen Effekten der Weide (selektiver Frass, wegfressen von Präimaginalstadien). Entsprechend soll darauf verzichtet werden. Sinn machen können höchstens selektive Unkrautregulierungsmassnahmen auf definierten Teilflächen, wenn das überhaupt nötig ist. Auf feuchten Wiesen im Alpgebiet, wo die Tiere meist als Alternative auch trockener gewachsenes Futter zur Verfügung haben, ist eine Nachmahd oft unerlässlich, da über die extensive Beweidung nur sehr wenig Biomasse weggeführt wird. Für spezielle Zielsetzungen steht die ganze Palette von einer Umtriebsweide mit mehreren Koppeln und mit hoher Besatzdichte (Imitation eines Schnittes, im Allgemeinen nicht erwünscht, da Insektenfauna völlig verarmt) bis hin zu einer Vorweide im frühen Frühjahr und dann erst anfangs Sommer wieder Weiden (für Wiesenbrüter) zur Verfügung. Bei speziellen Arterhaltungs- beziehungsweise Förderprogrammen ist eine Weidenutzung nur während unproblematischen Entwicklungsphasen der Tier- und Pflanzenarten zuzulassen, welche im Zentrum der Schutzbemühungen stehen. Extensive Weiden können auch angelegt werden. Mit einer speziellen Weidemischung, gepflanzten Gehölzen und weiteren Strukturen bereichern sie intensiv genutztes Agrarland Welche Lebensräume eignen sich für eine Beweidung? Es gibt nur wenige Lebensräume, die sich grundsätzlich nicht eignen. Dazu gehören z.b. die Hochmoore, die praktisch kein Futter liefern und durch den Tritt der Tiere massiv geschädigt werden. Es liegen positive Erfahrungen vor für eine extensive Beweidung vom sehr trockenen bis zum sehr nassen Bereich, von nährstoffarmen bis -reichen Pflanzenbeständen, auf Silikat und auf Kalk, von Nord- und Südexpositionen. Eine Einschränkung wird oft gemacht: Auf bisher gemähten, artenreichen Wiesen ist sorgfältig zu prüfen, ob eine Weidenutzung tatsächlich Sinn macht. Man muss sich bewusst sein, dass damit Themenbericht extensive Weiden Seite 14

15 wertgebende Arten der Mähnutzung verschwinden und es sehr lange dauern kann, bis sich eine neue, hohe (Weide-)Diversität einfindet. In extensiv genutzten Weidelandschaften gilt es, die Verbuschung im Griff zu halten Trockenweiden Bei mehr als der Hälfte der Flächen, welche bisher ins Inventar der Trockenwiesen und -weiden der Schweiz (TWW) aufgenommen wurden, handelt es sich um Weideflächen. Zurzeit befindet sich eine Umsetzungshilfe zu diesem Inventar in Vernehmlassung, welche die wichtigsten Praxishinweise beinhaltet. Diese sind ebenfalls in den vorliegenden Bericht aufgenommen worden. Grundsätzlich eignen sich eher trockene Standorte am besten für eine Beweidung. Häufige Probleme wie Verfilzung und Vergrasung der Pflanzenbestände oder auch eine gewisse Nährstoffanreicherung treten hier am seltensten auf. Selbst eine Beweidung mit Schafen ist auf trockenen Standorten ziemlich unproblematisch Feuchtweiden Feuchtweiden gehören nicht zu den prädestinierten Weidegebieten. Alle Weidetierarten haben im Nassen Probleme mit Parasiten (vor allem Magen-Darmwürmer, Leberegel). Es braucht eine intensive Beobachtung der Tiere. Weidehygienische Massnahmen (siehe Kap. 3.8.) sowie der Einsatz von Arzneimitteln sind unerlässlich. Das Futter solcher Flächen ist wenig schmackhaft und eher nährwertarm. Viele Alpen im Flyschgebiet, welches einen hohen Anteil an Flachmoorweiden hat, werden deshalb nur mit Rindern bestossen. Viele Pflanzenarten, welche gemäss Literatur gemieden werden, werden in einzelnen Versuchen dann trotzdem gefressen. Wie schon mehrmals festgehalten: Entscheidend ist, ob die Tiere gezwungen werden, auch unbeliebte Pflanzen zu fressen, indem ihnen einfach nichts anderes zur Verfügung steht. Einige Arten werden zu einem frühen Zeitpunkt noch gefressen (z.b. Brennnessel, Urtica dioica), später dann nicht mehr. Allgemein werden aber Seggen (Carex sp.) und Binsen (Juncus sp.) schlecht gefressen. Themenbericht extensive Weiden Seite 15

16 Die Binsen und der Adlerfarn wurden auf dieser Feuchtweide nur schlecht verbissen. Sie präsentiert sich aber sehr strukturreich. Ziele, welche mit einer Nutzung von Feuchtweiden recht gut erreicht werden können, sind: Zurückdrängen von Gehölzen, Reduzieren von Schilfanteil, Strukturbereicherung, Schaffung und Offenhalten von Pionierflächen und offenen Gewässerrändern Waldweiden und Wytweiden (pâturages boisés) Waldweiden sind im Alpengebiet noch relativ weit verbreitet. Grösstenteils werden sie mit Rindern genutzt, in den Südalpen auch mit Ziegen. In jüngster Zeit wurden verschiedene Waldweiden im Mittelland, im Jura und im Voralpengebiet neu angelegt. Die beweideten Flächen bleiben zwar Waldareal. Es können aber Beiträge aus der Landwirtschaftskasse ausgelöst werden für die offenen, wenig bestockten Bereiche. Heute sind die Ziele einer Waldweidenutzung vorwiegend naturschutzmotiviert: Schaffen von lichtem Wald, Ausdifferenzieren in verschiedene Lebensraumtypen, welche eng miteinander verzahnt sind, Nebeneinander vieler verschiedener Strukturen. Besonders erfolgversprechend ist eine Waldweide an Sonderstandorten wie z.b. angrenzend an südexponierte Magerwiesen und ehemalige Grubenareale. Wir haben keine Fälle dokumentiert gefunden, wo die Ergebnisse negativ waren. Nicht unproblematisch ist die Beweidung z.b. von Schutzwäldern oder auch orchideenreicher Waldstandorte. Eine Verminderung der Holzqualität ist ab einer gewissen Besatzstärke meist feststellbar. Ebenso wird der Verbiss des Jungwuchses ab einem stattlichen Tierbesatz zum Problem. Der geringe Futterertrag kann durch sehr selektiven Frass kompensiert werden. Die Tiere halten sich in der Regel lieber an der Sonne auf. Im Schatten hat es meist mehr lästige Insekten. Der Offenteil wird eher übernutzt, schattige Bereiche eher unternutzt. Bei tiefen Besatzdichten haben die Tiere keinen bremsenden Einfluss mehr auf den Gehölzaufwuchs, den sie eigentlich eindämmen sollten. Ausführliche Untersuchungen wurden im Kanton Graubünden gemacht mit der Folgerung: Bei angepasster Tierbesatzstärke und einer dem Futterangebot entsprechenden Beweidungsdauer stellt die Waldweide ein geeignetes Weidesystem dar. Themenbericht extensive Weiden Seite 16

17 Waldweiden können häufig zu Konflikten mit Jägern und Wildbiologen führen. Hier ist wichtig, dass die Schutzziele klar definiert sind und entsprechende Prioritäten gesetzt werden. Zu berücksichtigen sind auch geeignete Zaunsysteme, die Wildtiere möglichst wenig beeinträchtigen (siehe Kap. 3.8.). In Art. 16 des Bundesgesetzes über den Wald (WaG) steht, dass Nutzungen, welche die Funktion oder die Bewirtschaftung des Waldes gefährden oder beeinträchtigen, als nachteilige Nutzungen unzulässig sind. Die Kantone können beispielsweise zu Waldweiden Ausführungsbestimmungen erlassen. Sie können aus wichtigen Gründen für solche Nutzungen unter Auflagen und Bedingungen auch Bewilligungen erteilen. Für die Erhaltung und Förderung der Wytweiden (pâturages boisés) des Juras gibt es wichtige Gründe des Umwelt- und Landschaftsschutzes sowie der Erholungsnutzung. Die Wytweiden (bestockte Weiden, französisch pâturages boisés) sind ein Landschaftstyp und ein naturnahes Ökosystem. Sie beinhalten offene Weiden und bestockte Flächen. Ihre Struktur ist eng mit der gemischten land- und forstwirtschaftlichen Nutzung verbunden. Wytweiden gehören als ganze Bewirtschaftungseinheiten zum Waldareal. Ein aufschlussreiches Wytweideprojekt mit Stiefelgeissen läuft in Orvin, Kanton Bern. Kürzlich wurde zudem ein Beispiel aus dem Berner Jura publiziert. Es handelt sich um eine traditionelle silvo-pastorale Nutzung auf rund 160 Hektaren Fläche. Von der Erhebung und Kartierung der Fläche (Anwendung der Methoden Pâtubois) bis zur Herleitung einer zukunftsfähigen Nutzung mit Modellierung (keine weitere Zunahme der Bestockung) wird die Planung ausführlich dargestellt. Das Problem der abnehmenden Tierzahlen auf den Schweizer Alpen und die einsetzende Wiederbewaldung stellt sich auch hier. Die Waldweide vereint landwirtschaftliche und forstliche Nutzung. Es braucht aber auch landwirtschaftliche und forstliche Pflege. Der Baumbestand von Waldweiden und Wytweiden sollte altersmässig nachhaltig aufgebaut sein. Dazu ist eine genügende und kontinuierliche Verjüngung als Ersatz für wegfallende Bäume (z.b. altersmässig absterbende, Windfall, Windwurf, Blitzschlag, Insektenbefall) wichtig. Themenbericht extensive Weiden Seite 17

18 3.7. Welche Standorte eignen sich besonders für eine Weidenutzung aus Naturschutzsicht? Besonders geeignet für eine Weidenutzung sind: - weniger wüchsige Standorte, nährstoffarme Böden - trocken bis nasse Flächen, wobei nasse Flächen aus der Sicht der Tierhaltung nicht wirklich als geeignet bezeichnet werden können (hoher Parasitendruck) - Südexpositionen: weit höheres Diversitätspotenzial verglichen mit Nordexpositionen - Topographisch vielfältige Flächen: Flächeninterne Nährstoffverfrachtungen, unterschiedliche Ausbildungen durch unterschiedliche Nutzungsintensität - möglichst grosse Flächen, damit sich weidetypische Strukturen ausbilden können - Geneigte Flächen: Erst ab einer gewissen Neigung wirkt der Einfluss des Trittes als diversitätsbereichernde Störung. Die effektive Beweidungsgrenze ist dann erreicht, wenn es an einem Hang zu unerwünschten Erosionen und Rutschungen kommt - Strukturreiche Flächen, die mühsam zu mähen sind Überlegungen zum Management der Tierherden und zur Einbettung in landwirtschaftliche Betriebe Weidelenkung Die Positionierung der Wassertränken soll auch auf die Empfindlichkeit der Vegetation Rücksicht nehmen. Der Weidedruck und die Trittwirkung sind um die Wasserstellen herum meist deutlich erhöht. Das richtige Zäunen stellt eine grosse Herausforderung dar. Je nach Tierart ist der Aufwand dafür sehr unterschiedlich. Während für Schweine ein einfacher stromführender Draht auf ca. 30 cm Höhe genügt, braucht es bei den Rindern meistens drei Drähte bis auf ca. 90 cm Höhe. Bei den Schafen sind die metallischen Gitternetze am häufigsten. Ziegen sind nicht so einfach einzuzäunen. 5 stromführende Drähte verteilt auf 110 cm Höhe funktionieren zuverlässig. Am aufwändigsten dürften Einzäunungen für Elche sein (2.5 m Höhe). Hohe Zäune bilden eine Barriere für viele Wildtiere und sind deshalb vielfach problematisch. Flexible stromführende Drahtgeflechte (z.b. System Flexinet) werden sehr oft für die Feinunterteilung von Weiden benutzt. Als fixe Installation sind diese Netze aber nicht unproblematisch für das Wild. Bilder von Rehen, welche sich im Netz verhedderten und umkamen, machten die Runde. Wenn möglich sollte auf diese Netze verzichtet werden Hygienische und tiermedizinische Aspekte Hygienische und tiermedizinische Aspekte müssen unbedingt beachtet werden. Leberegel und Magen-Darmwürmer gehören zu den wichtigsten Weideparasiten. Probleme damit ergeben sich vor allem auf nassen Weiden. Sie können erhebliche Erkrankungen und damit verbundene wirtschaftliche Einbussen zur Folge haben. Zu deren Bekämpfung braucht es eine Kombination von weidehygienischen Massnahmen und den Einsatz von Arzneimitteln. Einige allgemeine weidehygienische Massnahmen sind: - Tierarten abwechseln (z.b. Rind und Pferd, Rind und Kleinwiederkäuer) - Bei hohem Infektionsdruck von einer Standweidenutzung absehen - Auszäunen von Wasseransammlungen Der Medikamenteneinsatz ist fast die einzige Möglichkeit, gegen die Magen-Darmparasiten vorgehen zu können. Der intensive Einsatz dieser Wirkstoffe hat in vielen Ländern und insbesondere Themenbericht extensive Weiden Seite 18

19 Praxis und Forschung für Natur und Landschaft auch in der Schweiz zur Entstehung und zu einer starken Verbreitung resistenter Parasitenpopulationen geführt, was sehr besorgniserregend ist. Es wird empfohlen, Medikamente nur nach einer Kotuntersuchung zu verabreichen, die Wirkstoffgruppen in jährlichen Intervallen zu wechseln und die Behandlungsfrequenz so gering wie möglich zu halten. Bei den Schafen kann die Moderhinke, eine Klauenerkrankung zu Problemen führen. Diese muss systematisch behandelt werden. Ansonsten braucht es bei allen Tierarten eine regelmässige Klauenpflege. Die Tiere brauchen besondere Aufmerksamkeit, da oft die Konstitution der Tiere auf extensiven Weiden nicht hervorragend und die Behandlungsmöglichkeiten eingeschränkt sind. Bei der Haltung von Kleinwiederkäuern oder speziellen Tierarten wie Wisente oder Rothirsche ist es wichtig, einen Tierarzt mit entsprechender Erfahrung zu suchen. Der Verwilderung der Tiere muss entgegengewirkt werden: Wenn die Tiere nur noch mit grösstem Aufwand eingetrieben und medizinisch betreut werden können, erhöht das den Betreuungsaufwand und mindert z.b. für Zuchttiere den Verkaufswert. Regelmässige Kontakte mit Menschen sind sehr wichtig. Ein Trick, sie handzahm zu halten, ist, sie bei jedem Besuch mit altem Brot anzufüttern (oder auch mit Mineralsalz). Stiefelgeissen, eine einheimische Robustrasse, eignen sich in einer Pionierphase sehr gut für das Zurückdrängen von Gehölzen Kosten der Beweidung Die Kosten der Beweidung sind im Vergleich zu einer Mahd tiefer, wenn grossflächig und gut organisiert gearbeitet wird und bestehende Infrastrukturen genutzt werden können. Für schweizerische Verhältnisse gibt es kaum aussagekräftige Vergleiche. Ein grosser Kostenfaktor ist die Winterhaltung der Tiere. Wenn keine Ställe vorhanden sind, so gibt es heute ganz einfache, kostengünstige bauliche Massnahmen. Die Tiere können den Winter durch quasi draussen gehalten werden. Mindestens ein Teil des Winterfutters kann den Tieren als stehende Futterkonserve angeboten werden (nicht genutztes, überständiges Gras). Mit der Rentabilität extensiver Weidesysteme wird die Grundsatzfrage nach deren Zukunft gestellt. Im Allgemeinen ist die Rentabilität schlecht, ausser etwa bei Nutzungen mit Mutterkühen. Es braucht hier gezielte Fördermittel. Aber auch die Betriebsgrössen und Haltungssysteme müssen diesbezüglich optimiert werden. Zusammenarbeit mit anderen Tierhaltern kann die Kosten senken Themenbericht extensive Weiden Seite 19

20 helfen (z.b. Betreuung der Tiere aufteilen). Auf der Erlösseite muss über Direktvermarktung oder mit Spezialitäten höhere Preise gelöst werden können. In die Vermarktung muss investiert werden. In der Praxis ist ein pragmatischer Ansatz und ein flexibles Management besonders wichtig. Es braucht Profis im Umgang mit Tieren. Eine gute Beobachtungsgabe, eine ökologische Sensibilität, die Reduktion des Tierbesatzes bei Überbeweidung, aufhören mit Weiden, wenn es zu nass ist und die Tiere zu grosse Schäden anrichten, dies sind nur einige der Erwartungen an einen professionellen Tierhalter. Und es braucht neue Ideen: Wie z.b. diejenige, eine private Ziegenherde für die Naturschutzgebiets-Pflege auszumieten Weitere Aspekte von extensiven Weiden Konflikte mit Wild und Jagd Weidetiere konkurrenzieren Wildtiere in ihrem Lebensraum. Dabei geht es nicht nur um die eingezäunten Bereiche, sondern auch um Verdrängungsräume um das Gehege herum. Wichtig ist, dass bei der Anlage von Weideflächen Rücksicht genommen wird auf Wildtierkorridore. Es kann aus naturschützerischer Sicht aber keinen Sinn machen, auf ein Weideprojekt zur Förderung von gefährdeten Tier- und Pflanzenarten zu verzichten, weil dadurch die Rehe beeinträchtigt werden könnten. Vorsicht ist auch geboten wegen der Gefahr von Krankheitsübertragungen auf Wildtiere. Die Gamsblindheit z.b. wird durch Ziegen, Schafe und Rinder übertragen. Weidetiere können getestet werden, ob sie Träger dieser Krankheit sind. Für Wisente sind die Weideflächen bei uns eher zu klein. Selbst bei den robustesten Tieren braucht es ein sachkundiges Weidemanagement. Anreizsysteme der öffentlichen Hand Mit den agrarpolitische Massnahmen wird die extensive Weide nicht direkt finanziell gefördert. Sie sind aber anrechenbar an die 7% Ökoausgleichsflächen, die ein Landwirtschaftsbetrieb zur Erfüllung des ökologischen Leistungsnachweises braucht, um direktzahlungsberechtigt zu sein. Raufutterverzehrende Nutztiere erhalten Bundesbeiträge. Für Rindvieh, Pferde, Bisons, Milchziegen und Milchschafe (Fr pro GVE) sind diese mehr als doppelt so hoch als bei den übrigen Ziegen und Schafen, Hirschen, Lamas und Alpakas (Fr pro GVE). Ein Vorschlag für einen Qualitätsbeitrag für extensive Weiden wird zurzeit in einem Projekt der FAL ausgearbeitet (Eidgenössische Forschungsanstalt für Agrarökologie und Landbau). Kantonale Beiträge helfen mit, die Attraktivität extensiver Weiden zu erhöhen, sowohl von Landwirtschafts- als auch von Forstseite. Themenbericht extensive Weiden Seite 20

21 Marketing für Produkte (Fleisch) von extensiven Weiden Tiere, welche eine vielfältige Natur nutzen und pflegen, sind sympathische Werbeträger. Fleisch als Hauptprodukt ist aber nicht so einfach vermarktbar wie z.b. Obst oder Gemüse. Fleisch aus extensiven Weidesystemen wird sehr oft als besonders schmackhaft empfunden. Hier liegt sicher ein Verkaufspotenzial auch im höheren Preissegment. Voraussetzung aber ist, dass es separat vermarktet wird und nicht einfach in die üblichen Verkaufskanäle gelangt. Allgemeine Trends Halboffene Weidelandschaften und Wildnis sind die neuen Schlagworte im Naturschutz. In Deutschland kann in diesem Zusammenhang fast von einer Weideeuphorie gesprochen werden. Für die Bevölkerung sind solche Projekte direkt erlebbar. Das angestrebte parkartige Landschaftsbild kann sich aber nur bei grossflächigen Weiden einstellen. Grossflächige Weidesysteme können als neue Vision des Naturschutzes bezeichnet werden. Dabei steht nicht eine Renaturierung im Vordergrund, sondern eine neue Biodiversität, neue Dynamik, ergebnisoffene Systeme. 4. Offene Fragen Zu vielen Punkten rund um eine extensive Beweidung sind erst wenig Erfahrungen vorhanden. Einige der dringendsten Fragen sind hier aufgelistet: - Auswirkungen verschiedener Tierarten und -rassen auf die Biodiversität - Mischweiden, z.b. Schafe und Ziegen, Pferde und Rinder, etc. - Auswirkungen verschiedener Weidesysteme (Standweide, Umtriebsweide, etc.) - Rentabilität verschiedener Weidesysteme - Vergleich der Kosten von Mahd und Weide - Bekämpfung der Weidetier-Parasiten - Beeinträchtigung der Mistkäferfauna und die darauf aufbauende Nahrungskette durch Wurmbekämpfungsmittel. Zwei Folgerungen sollen hier herausgehoben werden: Es braucht eine Vielzahl an Versuchen! Erfahrungen müssen gesammelt werden. Es braucht gezielte Beiträge der öffentlichen Hand sowie ein professionelles Vermarkten der hochwertigen Produkte aus extensiven Weiden. Auch mit Gänsen kann effektvoll geweidet werden. Die Auswirkungen auf Flora und Fauna sind noch wenig untersucht. Themenbericht extensive Weiden Seite 21

22 Anhang 1: Hinweise für Versuchsanordnungen - klare Zielformulierungen: Wie soll die Fläche in 10 Jahren aussehen? - saubere Vergleiche ermöglichen - saubere Beschreibung der Versuchsflächen (Kartierung der Vegetation, Anteil Gehölze, Strukturen, Erfassen der Homogenität/Inhomogenität der Flächen, etc.) - detaillierte Erhebung der Bewirtschaftung, da diese entscheidend das Ergebnis prägt (GVE-Weidetage pro Jahr, Umtriebs- oder Standweide, Tierarten, Zufütterung, etc.) - Flora und Fauna untersuchen - geeignete Tierartengruppen auswählen (z.b. Heuschrecken, Tagfalter, je nach Situation und Ziel auch Vögel, Wildbienen, Spinnen) - Tierhalter sorgfältig auswählen (viel Erfahrung, ökologisches Sensorium, gute Beobachtungsgabe, Flexibilität) - Monitoring und Erfolgskontrolle vorsehen möglichst mit wissenschaftlichen Begleituntersuchungen Anhang 2: Glossar der wichtigsten verwendeten Fachbegriffe Weiden Besatzdichte: Anzahl Grossvieheinheiten pro Weideumtrieb bzw. pro Zeitperiode auf der Standweide (GVE pro ha) Besatzstärke: Anzahl GVE-Tage pro Vegetationsperiode (GVE-Tage pro ha und Jahr) Besatzzeit: Zahl der Tage, während denen die gesamte Weide (Standweide) oder dieselbe Koppel (Umtriebsweide) beweidet wird. Dezitonne = dt = 100 kg Galt: Phase, in der zur Milchproduktion gehaltene Tiere vor der Geburt ihres Jungen keine Milch geben Grossvieheinheit, GVE: Eine Milchkuh von 600 kg mit einer Milchproduktion von 5000 kg pro Jahr entspricht einer GVE. Ein 1-2-jähriges Rind entspricht 0.4 GVE, ein über 1-jähriges Schaf 0.17 GVE, eine gemolkene Ziege 0.2 GVE etc. Hütehaltung: Die Tiere werden von einem Hirten begleitet und geführt. Koppel: Durch Zaun abgetrennte Teilfläche einer Weide zur Lenkung der Nutzung, auch Schlag genannt. Standweide: Weide ohne Unterteilung. Die Tiere bleiben während der gesamten Vegetationszeit auf der gleichen Fläche. Trockensubstanz = TS Umtriebsweide: Unterteilung der Weidefläche in mehrere Koppeln (Schläge), von denen eine nach der andern den Tieren während einer bestimmten Zeit zur Verfügung gestellt wird. Themenbericht extensive Weiden Seite 22

23 Anhang 3: Benutzte Quellen Hauptgrundlagen der vorliegenden Zusammenstellung - Schmid W., Wiedemeier P., Stäubli A., 2001: Extensive Weiden und Artenvielfalt. Synthesebericht. Im Auftrag des BUWAL. Willy Schmid, Bielweg 15, 5107 Schinznach-Dorf - Schmid W., Stäubli A., Wiedemeier P., 2002: Waldweideliteratur-Datenbank (mit Begleitbericht). Susanne Wehrli, Abteilung Wald, Telli Hochhaus, 5000 Aarau - Schmid W. und Wiedemeier P., 2001: Datenbank Weideliteratur (mit Synthesebericht). Fachstelle Naturschutz, Stampfenbachstr. 17, 8090 Zürich (Bericht auf Internet zu holen unter unter Info-Material, Bewirtschaftung) Neueste Literatur Die unten stehende Liste basiert auf folgenden Quellen: Aktualisierung wichtigster Literatur aus NEBIS seit dem Jahre 2000 (vorherige Literatur ist in obengenannten Literatur-Datenbanken aufgearbeitet), Artikel in verschiedenen Fachzeitschriften, weitere Fachbücher - ANL, 2002: Beweidung in Feuchtgebieten. Postfach 1261, D Laufen/Salzach mit ausführlichen Literaturverzeichnissen - Barbezat V., 2002: Aspects forestiers du zonage et de la dynamique du taux de boisement en pâturage boisé jurassien. ETH Zürich. - Baudepartement des Kantons Aargau, 2004 (in Vorbereitung): Naturschutzweide im Kanton Aargau. Susann Wehrli, Abteilung Wald - Bauschmann G. und Schmidt A., 2001: Wenn der Bock zum Gärtner wird.... Ergebnisse naturschutzorientierter Untersuchungen zum Thema Landschaftspflege durch Beweidung. NZH-Verlag, D-Wetzlar. Viele interessante floristische und faunistische Untersuchungen - Bunzel-Drüke M., Geyer Hans Jürgen, Hauswirth L., 2003: Neue Wildnis in der Lippeaue. LÖBF- Mitteilungen 4/ Bussmann M. und Kraatz K., Beweidungsprojekt mit Heckrindern im Märkischen Kreis. LÖBF- Mitteilungen 4/ Frieben B., 2003: Blütenangebot auf Koppelmähweiden. Naturschutz und Landschaftsplanung 35, (7), Hertzberg H., 1999: Der Leberegel-Befall als Problemfaktor in der Schaf- und Ziegenhaltung. Forum 8/1999. Institut für Parasitologie, Universität Zürich. - Hertzberg H., Meyer A., Lüchinger Wüest R., 1999: Resistenzen gegen Entwurmungsmittel. Forum 3/1999. Institut für Parasitologie, Universität Zürich. - Hertzberg H., 2001: Magen-Darmwurmbefall bei gealpten Schafen und Ziegen. Forum 5/2001. Institut für Parasitologie, Universität Zürich. - Hofmann R., 2003: Zur Funktion grosser Pflanzenfresser in Ökosystemen. LÖBF-Mitteilungen 4/ Honerla J., 1995: Ziegenhaltung im Werra-Meissner Kreis und die Bereitschaft zur Magerrasenpflege. Universität Gesamthochschule Kassel. Mitteilungsblatt Nr. 8. D - Witzenhausen. - Kolligs D., 1998: Der Einfluss der Beweidung auf die Wirbellosenfauna im Grünland. Universität Kiel. Wachholtz Druck, D - Neumünster. - König H. et al., 2003: Neue Säule des Naturschutzes. Naturentwicklungsgebiete mit Beweidung. LÖBF- Mitteilungen 4/03. - Krehl A., 1998: Ethologische Bewertung der Getrennt- und Gemischtbeweidung von Magerrasen mit Schafen und Ziegen. Universität Gesamthochschule Kassel. Mitteilungsblatt Nr. 20. D - Witzenhausen. - LMZ, Futterbau und Futterkonservierung. Landwirtschaftliche Lehrmittelzentrale, 3052 Zollikofen - Mayer A.C., Stöckli V., Gotsch N., Konold W. und Kreuzer M. (2003). Waldweide im Alpenraum. Schweizerische Zeitschrift für Forstwesen. - Michels C. und Spencer J., 2003: Waldweide im New Forest Jahre Grosspflanzenfresser im Wald. LÖBF-Mitteilungen 4/ Milz Ch., 2000: Vergleichende Untersuchungen zum Verhalten von Lamas und Schafen auf der Weide. Diss. Justus-Liebig-Universität Giessen. - Perrenoud A., Känzig-Schoch U., Schneider O., Wettstein J.-B., 2003: Nachhaltige Bewirtschaftung von Wytweiden. Ein Fallbeispiel aus dem Schweizer Jura. Zürich, Bristol-Stiftung; Bern, Stuttgart, Wien, Haupt. Themenbericht extensive Weiden Seite 23

24 - Rahmann G., 2000: Biotoppflege als neue Funktion und Leistung der Tierhaltung. Dargestellt am Beispiel der Entbuschung von Kalkmagerrasen durch Ziegenbeweidung. Schriftenreihe Agraria, Bd. 28. Kovač, Hamburg. Sehr breite, ausführliche Darstellung - Roth F., 2003: Przewalskipferde in der ungarischen Puszta. LÖBF-Mitteilungen 4/ Schröder C., 1995: Eignung von Ziegen für die Landschaftspflege. Kaschmir-, Buren- und Edelziegen im Vergleich. Diss. Universität Gesamthochschule Kassel. Kovač, Hamburg - Sonnenburg H. et al., 2003: Das Hutewaldprojekt im Naturpark Solling-Vogler. LÖBF-Mitteilungen 4/ Stiftung Naturschutz, Schleswig-Holstein: Halboffene Weidelandschaft Höltigbaum. D Molfsee (Literaturliste zu grossflächigen Weideprojekten) - TWW, : Umsetzungshilfe Inventar der Trockenwiesen und -weiden der Schweiz. Entwurf für die Vernehmlassung. Edith Madl, BUWAL, Bern - Vögtlin J. und Wippel B., 2003: Ökonomische Tragfähigkeit extensiver Weidesysteme im Südschwarzwald. Naturschutz und Landschaftsplanung 35, (10), Zahn A., Meinl M., Nedermeier U., 2003: Auswirkungen extensiver Rinderbeweidung auf die Vegetation einer Feuchtbrache. Naturschutz und Landschaftsplanung 35, (6), Tagungen LBL, 2003: Weiden im Spannungsfeld Artenvielfalt - Raufutterverzehrer - Betriebsorganisation. Kurs Lindau - sanu, : Low-cost in der Naturschutzpflege, Seminar. Postfach 3126, 2500 Biel 3. - TWW-Workshop runder Ziegentisch, Saskia Godat, atena, 1700 Fribourg - Universität Lüneburg, Bundesamt für Naturschutz und Bundesministerium für Bildung und Forschung, 2003: Weidelandschaften und Wildnisgebiete. Vom Experiment zur Praxis. Lüneburg, (Informationen über Susann Wehrli, Abteilung Wald, Kanton Aargau; Tagungsband in Vorbereitung). Forschungsinstitutionen, die sich speziell mit extensiven Weiden beschäftigen - FAL, Eidgenössiche Forschungsanstalt für Agrarökologie und Landbau, Zürich, Walter Dietl, Thomas Walter - ETH Zürich, Geobotanisches Institut, Sabine Güsewell - RAC. Eidgenössiche Forschungsanstalt Changins, Nyon, Jakob Troxler - SLF, Eidgenössisches Institut für Schnee- und Lawinenforschung, Davos, Veronika Stöckli - WSL, Birmensdorf, Josef Senn, und WSL antenne romande, Lausanne, Alexandre Buttler Themenbericht extensive Weiden Seite 24

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