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1 Logopädische Differentialdiagnostik bei Auditiven Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen Dr. phil. P. Sandrieser Abteilung Logopädie Katholisches Klinikum Koblenz

2 Einführung Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen (AVWS) sind Störungen in der zentralen Verarbeitung auditiver Stimuli bei intaktem peripheren Hören. Prävalenz (geschätzt) 2-3%, es sind mehr Jungen als Mädchen betroffen Keine ICD-10 Nummer

3 Hören peripher: äußeres Ohr Mittelohr Innenohr Pars Cochlearis des N. vestibulocochlearis zentral: zentrale Hörbahn subkorticale Hörzentren kortikale Hörzentren

4 Afferenzen und Efferenzen Afferente Verbindungen: Spiralganglion > Kochleariskern > obere Olive und Trapezkörper > lateraler Schleifenkern > hintere Vierhügel > medialer Kniehöcker > Hirnrinde Efferente Verbindungen: z.b. Rasmussen Bündel (Tractus olivocochlearis) zur Regulation der auditiven Perzeption

5 Zentrale Hörverarbeitung Cochleariskern: Mustererkennung. Obere Olive: ipsi- und kontralaterale Vebindung. Lateraler Schleifenkern: zeitliche Analyse. Medialer Kniehöcker: frequenzspezifische Antworten. Auditorischen Kortex des subkortikalen Hörzentrum: Analyse. Kortikales Hörzentrum des Temporallappens: Analyse, Weiterverarbeitung in tieferen Regionen der postzentralen und prämotorischen Feldern der Sprachproduktion.

6 Ausfälle bei Läsionen Linker Temporallappen: Probleme der phonematischen Diskrimination, verbale oder nonverbale auditive Agnosie. Rechter Temporallappen: Probleme in der Verarbeitung komplexer rhythmischer Gestalten Mittlere Schläfenwindungen: Störung des audioverbalen Gedächtnisses Sprachliche und musikalische Reize werden unterschiedlich verarbeitet.

7 Zentrale Hörverarbeitung AVW ist komplex und von Faktoren außerhalb des auditorischen Systems abhängig.

8 Modell der zentral-auditiven Verarbeitung Andere mentale Prozesse Erwartung Wissen Motivation Klassifikation/Mustererkennung Aufmerksamkeit Ergänzung Arbeitsspeicher Vigilanz Synthese Sequenz Geteilte/selektive A. Analyse Speicherung generelle Wachheit Wahrnehmung Selektion Diskrimination Lokalisation Empfindung Sensorische Prozesse Akustische Stimulation

9 Entwicklung Die einzelnen Teilleistungsbereiche entwickeln sich unterschiedlich schnell im Verlauf der kindlichen Entwicklung (z.b. Diskrimination ab der Geburt, Analyse dagegen erst im 6. LJ) und sind abhängig von der Förderung und der übrigen kognitiven, sprachlichen und sozialemotionelen Entwicklung, sowie der Literalisierung.

10 Diagnose Die Ätiologie einer AVWS ist nicht bekannt. Die Diagnose kann frühestens ab dem 6. Lebensjahr gestellt werden. Voraussetzung für die Diagnosestellung ist ein peripheres Normalgehör und eine altersgemäße Kognition. Es gibt Komorbiditäten mit ADS und LRS.

11 Diagnostik - Ablauf HNO-ärztliche oder phoniatrische Untersuchung, Audiometrie Anamnesebogen (Fragebogen der DGPP) Screening (z.b. nach Lauer oder MAUS oder Sprachaudio im Störlärm + Nachsprechen sinnfreier Silben + Lautdifferenzierungstest) Standardisierte logopädische Diagnostik Dann: ggf. weiterführende Diagnostik (Entwicklungsdiagnostik, LR-Diagnostik) Bildgebende Verfahren nur zum Ausschluss von Tumoren oder cerebralen Durchblutungsstörungen

12 Ausführliche Diagnostik Subjektive Audiometrie: Sprachverstehen Hören im Störlärm Dichotisches Hören Richtungshören

13 Teil-Teilleistungen der AV Aufmerksamkeit Speicherung und Sequenz Lokalisation Diskrimination Selektion Analyse Synthese Ergänzung

14 Logopädische Diagnostik bei AVWS Aufmerksamkeit ma-fi-so-mu-ki-na-la-mu-no-wa-mi-mu Speicherung und Sequenz ka-lo-mi > ka-lo-mi wi-la-mo-ta > ta-mo-la-wi Lokalisation Richtung der Geräuschquelle angeben (Audiometrie) Diskrimination na-wa gi-ki mo-mo

15 Logopädische Diagnostik bei AVWS Selektion Ist da ein sch? - Tasche Maus Hut Mensch Analyse Wo ist das sch? Bei Mensch am Ende des Wortes. Synthese T-i-sch > Tisch Ergänzung To-ate

16 Interpretation der Ergebnisse Aufmerksamkeit Basis Speicherung und Sequenz Arbeitsgedächtnis Lokalisation Diskrimination Selektion Wahrnehmungsleistung Analyse Synthese Ergänzung Klassifikationsleistung

17 Interpretation der Ergebnisse Sind die Ergebnisse repräsentativ? (Motivation!) Bestehen Defizite nur im auditiven Bereich? Gibt es Hinweise auf kognitive Einschränkungen? LRS? Welche Arbeitsstrategie hat das Kind? Kompensatorische Mechanismen? Frustrationstoleranz? Wie ist die übrige Sprachentwicklung? Leidensdruck? Alltagsrelevanz? Inwieweit kann die Umgebung eingebunden werden? (Kooperation der Schule)

18 Therapie Teilfunktionsorientierte Methoden (Logopädie) Psychomotorischer Ansatz (Motopädie, Ergotherapie) Technische Verfahren (Warncke, Tomatis) Kompensatorische Ansätze (Sonderpädagogik, Hörgeräteakustik) Neben Einzel- oder Gruppentherapie ist die Beratung der Familie und der Schule zentral.

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