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Transkript:

Wie lang ist Sylt? oder Wie bestimmt man auf Sylt den Erdradius? Dieter Vornholz, Olbers-Planetarium Bremen Udo Backhaus, Universität Osnabrück, Fachbereich Physik 29. August 2005 Ist Sylt lang genug, um mit einem Schattenstab den Erdradius zu messen, ohne die Insel zu verlassen? Diese Frage untersuchten wir während der Jahrestagung 1994 des Bundesverbandes Deutscher Schullandheime - mit einem erstaunlich guten Ergebnis. 1 Einleitung Wie lang ist Sylt? Diese Frage ist nicht etwa auf Getränke zurückzuführen, die für die Nordfriesischen Inseln typisch sind. Sie ist vielmehr Ausdruck unseres Wunsches herauszufinden, wie groß die Genauigkeit von einfachsten astronomischen Geräten und Messungen ist. Während der Tagung des Bundesverbandes Deutscher Schullandheime im September 1994 auf Sylt war auch ein Arbeitskreis zur Astronomie eingerichtet worden. Hier wurden einfache Beobachtungen zu Sonne, Mond und Sternen vorgestellt und Anleitungen zum Bau von astronomischen Gerätengegeben. Unteranderemsollte auch diebeobachtungmit einem Schattenstab veranschaulicht und die Bedeutung des Gnomon bei der Bestimmung des Erdradius durch Eratosthenes erwähnt werden. Dabei überlegten wir uns, wie lang wohl die Standlinie sein müßte, um den Erdradius zu bestimmen oder umgekehrt die Entfernung astronomisch zu messen. Sollte es vielleicht möglich sein, auf der Insel selbst zu Ergebnissen zu kommen? Wir waren uns des Risikos bewußt, für die Länge von Sylt eine negative Länge zu erhalten, und hatten deshalb am selben Tag eine Parallelmessung in Trier (Herr und Frau Fries) organisiert. Mit den Meßwerten aus Trier und denen von Sylt sollte dann in jedem Fall ein annehmbarer Wert für den Erdradius zu ermitteln sein. Wider Erwartungen schien tatsächlich in Trier und auf Sylt zu gleicher Zeit die Sonne nicht ganz selbstverständlich im Oktober!, und wir konnten alle Messungen durchführen. 1

2 Meßmethode Sylt ist etwa 30km lang, der Unterschied in der geographischen Breite zwischen Nord und Südspitze beträgt also ungefähr 0.27. Diese Winkeldifferenz kann bei einmaliger Messung offensichtlich nur gemessen werden, wenn die Fehler der Einzelmessungen nicht wesentlich größer als 0.1 sind. Wir wollten die Breitendifferenz durch gleichzeitige Messung der Sonnenhöhe bestimmen. Da Trier jedoch nicht auf demselben Längenkreis liegt, entschieden wir uns, die größte Sonnenhöhe zu bestimmen, also zum Zeitpunkt des wahren Mittags (am 1.10. auf Sylt um 12.17 Uhr, in Trier um 12.23 Uhr MEZ) zu messen. Die Sonnenhöhe sollte aus der Länge l eines Schattenstabes mit der Höhe h berechnet werden: h Sonne = arctan h = dh Sonne = 1 ( dl + dh ) sin 2h Sonne l 2 l h Die Mittagshöhe der Sonne beträgt Ende September auf Sylt etwa h Sonne =90 ϕ Sylt δ Sonne 90 55 3 =32. Um eine Genauigkeit von 0.1 = dh Sonne 0.0017 zu erreichen, müssen also h und l auf etwa 0.2% gemessen werden. Bei Längen von etwa 50cm muß also eine Genauigkeit von 1mm erreicht werden. Eine solche Genauigkeit ist mit einem normalen Schattenstab nicht zu erreichen. Wir ersetzten ihn deshalb durch ein Lot, an dessen oberem Ende wir das Loch eines Schnellhefterstreifens befestigten, der zur Kontrastverstärkung mit einem Stück Pappe zusätzlich abgeschattet wurde (Abb. 1). Die Mitte der Ellipse des Sonnentalers ist dann recht genau zu bestimmen. Eine Gruppe fuhr ganz in den Norden der Insel und fand auf dem Ellenbogen ein sonnenbeschienenes Stück Beton, das nach Auskunft der Wasserwaage hinreichend waagerecht war. Die Gruppe im Süden fand beim Hafen keine geeignete Betonfläche. Sie richtete deshalb im Sand des Strandes ein Brett horizontal aus. Bei beiden Gruppen war der Wind das größte Problem (Abb. 2). Menschliche Körper, Holzplatten und Mäntel mußten als Windschutz dienen, um den Fußpunkt des Lotes genau genug bestimmen zu können. 3 Meßergebnisse 1. Hafen Länge des Lotes: 373 mm Meßergebnisse Uhrzeit (MEZ) 12.15 12.17 12.18 12.19 12.20 Schattenlänge in mm 592 594 593 592 591 Um 12.18 Uhr hing das Pendel am ruhigsten. Aus den Meßwerten ergibt sich für die Sonnenhöhe: h Hafen =32.17 ± 0.08. 2

Schattenstab Messergebnis Abbildung 1: Schattenstab mit Lochblende im Vorversuch zu Hause (nur einer der vielen Sonnentaler markiert den Meßpunkt!) 2. Ellenbogen Länge des Lotes: 507.5±1.0 mm Schattenlänge: 814.5 mm±0.5 mm Daraus ergibt sich für die Sonnenhöhe: h Ellenbogen =31.93 ± 0.06. Aus diesen Ergebnissen ergibt sich für die Sonne eine Höhendifferenz von h =0.24 ± 0.14 und damit derselbe Wert für die Differenz der geographischen Breiten der beiden Beobachtungsorte. Dabei war unserer Einschätzung nach der mittlere Wert mit Abstand der zuverlässigste. Leider war die Zeit zu kurz und das Wetter zu windig, um die Entfernung zwischen den beiden Beobachtungsorten mit dem Fahrrad selbst zu bestimmen. Wir mußten sie deshalb einer genauen Karte entnehmen: 32km. Damit ergibt sich der Umfang der Erde zu U Erde = 360.00 0.24 32km und damit der Erdradius zu R Erde = U Erde 2π = 7640km. Damit weicht unser Ergebnis nur um etwa 20% vom richtigen Wert ab! Wie die Fehler bei den einzelnen Messungen zeigen, haben wir dabei aber auch Glück gehabt. Mit den der Karte entnommenen geographischen Breiten der beiden Orte (55.05 bzw. 54.76 ) und der Sonnendeklination von 3.2 ergibt sich für die tatsächliche Höhe der Sonne: h Ellenbogen =31.75 und h Hafen =32.04. 3

sylt Abbildung 2: Dieter Vornholz und Uwe Walter messen den Erdumfang. In Trier (ϕ =49.57 ) ergab sich mit einer Stablänge von 800 mm eine Schattenlänge von 1051 mm und damit eine Sonnenhöhe von h Trier =37.28. Damit ergibt sich eine Breitendifferenz von ϕ =5.35 (gegenüber dem tatsächlichen Wert von ϕ =5.48 ). Der absolute Fehler ist etwa gleich groß, der relative natürlich viel kleiner. 4 Schlußbemerkungen Die Antwort, die wir auf die eingangs gestellte Frage gefunden haben, lautet also: Sylt ist, astronomisch gemessen (d.h. unter Benutzung des als bekannt vorausgesetzten Erdumfanges von 40000km) etwa27km lang. Das ist kein sehr genaues, aber angesichts unserer Meßgeräte und des Freihandcharakters unserer Messungen ein erstaunlich gutes Ergebnis. Inwieweit uns das Glück dabei behilflich war, könnten erst Wiederholungsmessungen zeigen. Wichtiger als das Ergebnis aber ist das, was die Teilnehmer bei Vorbereitung, Durchführung und Auswertung alles lernen konnten und wieviel Freude sie dabei erlebten! Wir glauben, daß es sich lohnt, die Messung bei Klassenfahrten oder Schullandheimaufenthalten an anderen Orten zu wiederholen (Wagenschein ([1]) hat eindrucksvoll geschildert, wie dabei gelernt werden kann!). Dabei sollte natürlich die Länge der Basis selbst bestimmt, am besten erwandert oder erradelt werden. Bei geringerer Meßgenauigkeit muß die Entfernung zwischen den beiden Beobachtungsorten größer gewählt werden. Dazu bietet sich die Zusammenarbeit von Klassen oder Kursen verschiedener Schulen an. Ist ein solcher Kontakt erst einmal zustande gekommen, kann er auch zu anderen sehr schönen Projekten benutzt werden, z.b. zur Bestimmung der Mondentfernung ([1]). 4

Literatur [1] M. Wagenschein, Mathematik aus der Erde (Geo metrie) und Wie weit ist der Mond von uns entfernt?, in: Naturphänomene sehen und verstehen Genetische Lehrgänge, Klett: Stuttgart 1988 5