LEHRMATERIALIEN IN AKTION ein multiperspektivischer Ansatz zur Erforschung von themen- und aufgabenbasiertem Unterricht Michael Schart / Olga Czyzak / Davide Orlando
Inhalt Ausgangspunkte und Kontext der Studie Evaluative Perspektive Kognitive Perspektive Soziokulturelle Perspektive
Forschungen zu Lehrmaterialien Lehrmaterialien Lehrwerkanalyse Aufgabenforschung Unterrichtsbezogene Forschung weißer Fleck der Lehrmaterialforschung Rösler/ Schart 2016
Forschungsfragen Wie verlaufen die Lernprozesse? Welche Art von Interaktion findet statt? Wie nehmen die Lernenden das Geschehen wahr?
Kontext: Intensivprogramm für Deutschlandstudien an der Juristischen Fakultät der Keio Universität Tokio Zielgruppe Fachbereiche Jura und Politik Deutsch als zweite Fremdsprache/ Beginn bei A0 Rahmen Intensität und Kontinuität: 4 UE (90 min) pro Woche/ 4 Studienjahre Konzept inhalts- und aufgabenbasiert Integration Fach/ Sprache selbstständiges Denken und Lernen/ dialogisches Lernen
Lehrmaterial: inhalts- und aufgabenbasiert Ideen Impulse Interaktion Offenheit als Prinzip Vielfalt als Motor der Lernprozesse Räume schaffen individuelle Entwicklung Ressourcen aktivieren Themen als Ausgangspunkt reichhaltiger/ elaborierter Input Inhaltlich und sprachlich herausfordernde Aufgaben Austausch/ kollaborative Wissensproduktion bedeutungsvoller Sprachgebrauch sozialer Charakter des Unterrichts Spracharbeit konsequent nachgeordnet (focus on form Long 1991)
Leitbegriffe der inhaltlichen Programmstruktur Gesellschaft (Recht und Gerechtigkeit) Generation Identität
Thematische Ausrichtung der 3 Niveaustufen 1. Studienjahr (A0- A1/2) 2. Studienjahr (A1/2- B1) 3./4. Studienjahr (B1- B2/C1)
Prozess der Lehrmaterialerstellung Aspekte Aufgaben Thematik Texte Six Ts approach (Stoller & Grabe 2017): themes topics texts tasks transitions - threads
Beispiel: Dinge und persönliche Identität (ab 2. Semester nach ca. 80 Std.) Was verbinde ich mit Dingen? Wie funktionieren Dinge als Symbole? Wie verhalten sich Dinge und Wohlstand zueinander? Was sagen meine Dinge über mich? Dinge Wie wird der Besitz von Dingen geregelt?
Wie wird der Besitz von Dingen geregelt? Artikel 1 des Grundgesetzes als Ausgangspunkt Institutionen und Gesetze, die die Menschenwürde schützen Regelungen zum Pfänden als Beispiel Vergleich und kritische Betrachtung der Gesetze in Japan und Deutschland
wichtige Wörter: sich Geld ausleihen von +3 お金を借りる Schulden haben bei +3 借金がある zurückzahlen, zurückgeben 返す Aufgabe: Erklären Sie, wie pfänden funktioniert.
Forschungsperspektiven Lernen aus subjektiver Perspektive Lernen als individueller Prozess Lernen als sozialer Prozess
LEHRMATERIALIEN IN AKTION Lernen aus subjektiver Perspektive Davide Orlando
Forschungsperspektiven Lernen aus subjektiver Perspektive Lernen als individueller Prozess Lernen als sozialer Prozess Studentische Lehrevaluation (quantitative/ qualitative Daten) Tendenzen bei der Wahrnehmung des Programms
Unterrichtserfahrungen der Studierenden im Englischunterricht an der Oberschule
Evaluationsziele Standortbestimmung, Transparenz Verbesserung Selbsteinsicht der Lehrenden Einbindung der Studierenden Erreichung eines nicht statischen Soll- Zustandes Selbstreflexion / Austausch Verantwortung übernehmen
Forschungsinstrument: Fragebogen am Ende jedes Semesters anonym über Lernplattform 41 Items (36 geschlossen, 5 offen) Datengrundlage: Klasse GB 2012/13-2016/17 Rücklauf der Fragebögen: 80% 89% 88% 100% 93%
Selbsteinschätzung (Lerner) Unterrichtsdesign Lehrende Programmkonzeption Atmosphäre Zufriedenheit Fragebogen 36 geschlossene & 5 offene Items Lehrmaterial
eigener Lernfortschritt 3,68 3,84 3,49 3,54 3,51 Ergebnisse der Evaluation (ausgewählte Items, Mittelwerte) 2012/2013 2016/2017 Antworten auf einer fünfstufigen Skala (von 1=negativ bis 5=positiv) Items 2012/13 2013/14 2014/15 2015/16 2016/17 n= 21 n= 24 n= 23 n= 28 n= 13 Bewertung insgesamt 4,57 4,52 4,70 4,86 4,66 Interessantheit 4,48 4,38 4,65 4,71 4,51 Kreativität/Denken 4,56 4,62 4,63 4,64 4,33 Kultur/Gesellschaft 4,34 4,19 4,56 4,65 4,62
Unterrichtsbewertung Korrelationen (GB), 2012/13 bis 2016/17 Korrelationskoeffizient nach Bravais-Pearson Ergänzung r =.465 Zufriedenheit r =.539 Mat. Interessant. r =.506 Unt. Struktur r =.516 Mat. Effektivität r =.620 Unterrichtsbewertung n = 56 Lehrer Kompetenz r =.491
Wahrnehmung der Materialien (2012/13 bis 2016/17; Klasse GB) (fünfstufige Likert-Skala von 1=negativ bis 5=positiv ) Interessantheit Effektivität Moodle Ergänzung (Lehrende) MW: 4,59 MW: 4,54 MW: 3.93 MW: 4,47 (n=108) (n=107) (n=108) (n= 110)
Kategorien und Beispiel für Häufigkeiten (Analyseinstrument: MaxQDA) カテゴリー 1: 教材や教師を通じて, 文化に触れることができた Kategorie 1: Unterrichtsmaterial und Dozenten wecken Interesse an Gesellschaft/ Kultur カテゴリー 2: 授業中の議論を通じて, 文化への興味関心や思考を深めることができた Kategorie 2: Diskussionen während des Unterrichts wecken das Interesse an der Gesellschaft/Kultur und das Nachdenken über diese Themen. カテゴリー 3: 発言しやすい雰囲気は作られていた Kategorie 3: Es wurde eine Atmosphäre geschaffen, in der es einfach war, sich äußern zu können. カテゴリー 4: 主体的な姿勢を持ち, クラスメイトとの協働ができた Kategorie 4: Durch eine selbstständige Lernhaltung habe ich es geschafft, mit den anderen in der Lerngruppe zu kooperieren. Kategorie 1 Kategorie 2 Kategorie 3 Kategorie 4 2015-2016 38 19 46 23
1. Bewertung der Unterrichtsmaterialien interessant, verständlich, hilfreich, gut, abwechslungsreich jedes Thema regt zum Nachdenken / zur Diskussion an situationsgebundene Anwendung der Sprache Gleichrangigkeit: Sprache / Kultur / Jura / Politik
2. Bewertung des Unterrichtsgeschehens Individuum Lerngruppe lernerzentrierter Unterricht Eigenverantwortung keine Aussagen sind trivial Kreativität fördernd offener /angstfreier Raum Atmosphäre, die zur Aktivität einlädt gegenseitige Hilfe gemeinsames Bewusstsein durch Interaktion
Beispiele für Meinungen der Studierenden (ins Deutsche übersetzt) 1) Im Gegensatz zum Sprachenlernen an der Oberschule zeichnet sich die Unterrichtsmethode hier nicht durch den einseitigen Erhalt von Informationen aus, sondern vor allem durch das Ausdru cken eigener Ideen. ( ) Indem wir die deutsche Sprache benutzen mu ssen, erhalten wir die nötige Praxis. Es ist ein Unterricht, bei dem aber nicht nur die Sprache gelehrt wird, sondern auch die Fähigkeit, u ber bestimmte Themen nachzudenken. 2) Ich habe Deutsch zwar an der Oberschule gelernt, aber es war ein reiner Grammatikunterricht und es gab keine Möglichkeiten, Deutsch zu sprechen (...). Wir haben die Grammatik in der Grundstufe nicht von Anfang an gelernt. Es war eher eine permeative Methode, bei der sich uns die Grammatik und der Wortschatz Stück für Stück aus den Redebeiträgen erschloss. (...) Es war ein unterschiedlicher Ansatz wie zur Oberschulzeit. 3) Beim Unterricht gegen die Diskussionsthemen aus Bildern und Texten hervor. Dadurch konnte ich meine Kenntnisse zu schwierigen Themen vertiefen.
LEHRMATERIALIEN IN AKTION Lernen als individueller Prozess Olga Czyzak
Forschungsperspektiven Lernen aus subjektiver Perspektive Lernen als individueller Prozess Lernen als sozialer Prozess Studentische Lehrevaluation (quantitative/ qualitative Daten) Sprachliche Analyseeinheiten Tendenzen bei der Wahrnehmung des Länge, Komplexität, Korrektheit,
Lernen als individueller Prozess Wie gut sprechen die Lernenden? Wie viel sprechen sie? Wie lang sind die Redebeiträge? Wie komplex sind die Äußerungen? Sprechen sie grammatisch richtig? Welche Konnektoren benutzen sie?
Datenerhebung Audioaufnahmen im normalen Unterricht (1. Jahr) Gruppe A 13 Studierende 5 UE Dez/Jan 2012/13 Thema: Wohlstand 300 min Plenum Gruppe B 14 Studierende 3 UE Nov 2015 Thema: Pfänden 150 min Plenum und 160 min Gruppenarbeit
Datenaufbereitung Einfache Transkription Ca. 10 Stunden Audiomaterial Erstellung sprachlicher Analyseeinheiten AS-Units (Foster et al 2000) Ermittlung von Teilsätzen Berechnung der Komplexität Kodierung von Satzverknüpfungen Vergleich mit GER Ermittlung der Korrektheit Anteil korrekter Verbkongruenzen
Sprachliche Analyseeinheiten Äußerung eines Sprechers Abhängige und unabhängige Sätze Selbstkorrekturen, Nachsprechen, Interjektionen, Wiederholungen, etc. Eliminiert Ko-Konstruktionen, Scaffolding ausgebügelt Japanische, englische oder unklare Wörter Übersetzt in Klammern
Sprachliche Analyseeinheiten Transkription S14U7: wenn es keine parlament gibt (3) ent- entscheiden entscheidet man kann kann man entscheiden was ah もう一回言う wenn es kein keine parlament gibt (2) kann man nicht entscheiden was man denkt (5) Sprachliche Analyseeinheit S14U7: wenn es keine parlament gibt kann man nicht entscheiden was man denkt
Sprache in Zahlen Menge Länge Komplexität Korrektheit Wortschatz 2452 SAE Wörter pro SAE Teilsätze pro SAE Verbkongruenz Konnektoren 27 pro S/UE 6,6 Wörter pro SAE 1,52 75% 6,5 pro S/UE
Sprache in Zahlen Menge Länge Komplexität Korrektheit Wortschatz 2452 SAE Wörter pro SAE Teilsätze pro SAE Verbkongruenz Konnektoren 27 pro S/UE 6,6 Wörter pro SAE 1,52 75% 6,5 pro S/UE Von 1 bis 123 Von 1 bis 71 Von 1 bis 3,5 Von 38% bis 100% Von 0 bis 33
Komplexität: individuell (Anzahl der SAE und Komplexitätsquotient) Komplexitätsquotient Sprachliche Analyseeinheiten
Korrektheit: individuell (Anzahl SAE und Korrektheitsgrad) Korrektheit Sprachliche Analyseeinheiten
Komplexität: intraindividuell (Anzahl SAE und Komplexität in einzelnen Unterrichtseinheiten) Komplexitätsquotient Sprachliche Analyseeinheiten
Komplexität: intraindividuell U6 U7 U8 Anzahl der Satzverknüpfungen
LEHRMATERIALIEN IN AKTION Lernen als sozialer Prozess Michael Schart
Forschungsperspektiven Lernen aus subjektiver Perspektive Lernen als individueller Prozess Lernen als sozialer Prozess Studentische Lehrevaluation (quantitative/ qualitative Daten) Sprachliche Analyseeinheiten Transkription Minimaltranskription (cgat, Schmidt u.a 2015) Tendenzen bei der Wahrnehmung des Länge, Komplexität, Korrektheit, Muster in der Interaktion
Forschungsfragen: Wo schafft/ verbaut das Material Räume für dialogische Lernprozesse? Wie wirken die Texte/ Aufgaben einer thematischen Einheit dabei zusammen? Verbindung von inhaltlichem und sprachlichem Lernen aktionsforschender Ansatz
(Alexander 2008; Haneda & Wells 2010; Llinares et al. 2012, Lyster 2007; Mehisto et al. 2008; Mercer & Howe 2012) Dialogisches Lernen als zentrales Ziel selbstbestimmt, zielgerichtet, planvoll wechselseitig, aufeinander aufbauend (kollaborativ) unmittelbar mit Situation (Inhalten) verbunden Verknüpfungen kognitiver Aktivitäten (Interaktion + Problemlösungen finden, Analyse, Synthese, Bewertungen etc.)
Austausch von zwei oder mehr Personen ( Lehrbuchdialog ) Unterricht als Ort gemeinsamen Lernens Transaktion und Produktion von Wissen interthinking (Littlejohn & Mercer 2013) interaction as thinking device (Wells 2009)
Forschungsstand: Modi dialogischen Lernens disputational kumulativ explorativ Zusammenspiel von kognitivem Engagement (sprachlich + inhaltlich) und sozialem Engagement (Philp/ Duchesne 2016; Lambert et al. 2017) Wegerif/ Mercer 1997
9:44 min Impulse Inhalt Schmierstoff Hürden Sprache
I II III
Erkenntisse unterschiedlicher Umgang mit den Aufgaben: Task as workplan vs. task as process (Breen 2009; Legukte 2006) vorbereitende Phasen beim dialogischen Lernen: Übergänge gestalten (Anforderung/ Unterstützung) kein eindeutiger Zusammenhang von Arbeitsformen und Interaktionsmustern aber: Plenum mit wichtiger Rolle für explorativen Modus des dialogischen Lernen
zahlreiche Impulse für Weiterentwicklung einzelner Aufgaben/ Texte/ Sequenzen Verbesserung des eigenen Interaktionsverhaltens gemeinsame Reflexionen mit den Studierenden 2017; Allwright 2009) (Hanks
LEHRMATERIALIEN IN AKTION Fazit
Potenzial dialogischen Lernens mit themen- und aufgabenbasierten Materialien auf A1/A2 große Bandbreite der sprachlichen Qualität (interund intraindividuell) Bewertung des Lehrmaterials wichtiger Aspekt der studentischen Evaluation Zusammenhang von Lehrmaterial Unterrichtsgeschehen - Lernhaltung aufwändiger, aber effektiver Ansatz zur Weiterentwicklung des Unterrichts