Doris Schröder-Köpf, MdL

Ähnliche Dokumente
Plenarsitzung Freitag, 27. Januar 2017, 10 Uhr: Es gilt das gesprochene Wort

Doris Schröder-Köpf, MdL

Ausführungen von Gert Hager, Oberbürgermeister der Stadt Pforzheim, anlässlich der Gedenkfeier am auf dem Hauptfriedhof

die Jugendlichen aus Belgien und Deutschland, die ihr diese Gedenkfeier heute mitgestaltet.

Entschließung des Bundesrates zur Erklärung des 8. Mai als Tag der Befreiung zum nationalen Gedenktag

Veranstaltung 70 Jahre Banater Schwaben in Bayern Gelungene Integration und gelebte Tradition

Worte des Gedenkens von Landtagspräsident André Kuper

Rede von Bürgermeister Reiner Breuer zur Gedenk- Veranstaltung zur Pogromnacht am 9. November 2016 an der Promenadenstraße in Neuss

Johanne Modder, MdL. Rede der Fraktionsvorsitzenden. Antrag der Fraktion der SPD Drs. 17/8578. zu TOP Nr. 2b

Werte Kolleginnen, Werte Kollegen, Werte Mitglieder der Regierung,

Eröffnungsrede anlässlich der Trägerübergreifenden Tagung der Jugendmigrationsdienste am in Berlin Steglitz

Thordies Hanisch, MdL

Tag der Deutschen Einheit am in Mödlareuth Rede von Frau Barbara Stamm, MdL Präsidentin des Bayerischen Landtags

Rede von Bundespräsident Dr. Heinz Fischer. zur Eröffnung der Salzburger Festspiele. am Freitag, dem 27. Juli 2007

Der Landtag ist das Haus der nordrhein-westfälischen Bürgerinnen und Bürger, und damit ein sehr geeigneter Ort, Ihnen allen Dank zu sagen.

Begrüßungs-/Eröffnungsrede. des Vorsitzenden des SPD Stadtverbands Sundern. Serhat Sarikaya

Volkstrauertag 13. November 2016

Es gilt das gesprochene Wort.

Grußwort von. zur Veranstaltung des. im Oberlandesgericht Düsseldorf

Gerd Hujahn, MdL. Rede von. zu TOP Nr. 44. Erste Beratung Testphase zur Einführung einer Elektroschockwaffe (Taser) bei der niedersächsischen Polizei

Gedenkveranstaltung im Rathaus für geladene Gäste Grußwort durch Herrn Polizeipräsidenten Andrä 13. März 2018, 19:00 Uhr, Großer Sitzungssaal

Vorlage zur Kenntnisnahme

Mahn- und Gedenkstätten. Mecklenburg-Vorpommern

Rede. des Herrn Staatsministers. anlässlich der. Verleihung des Max Friedlaender-Preises an Herrn Prof. Dr. Dr. h.c.

Es gilt das gesprochene Wort

Haushaltsberatungen sind immer die Hochzeit des Parlamentes, nicht nur des. Deutschen Bundestages, auch in allen anderen Parlamenten in unserem Land.

Grußwort. Junge Islam Konferenz Freitag, 23. September 2016, 13 Uhr Landtag Nordrhein-Westfalen, Plenarsaal. Es gilt das gesprochene Wort!

125 Jahre KV-Ortszirkel Sprudel

Es gilt das gesprochene Wort!

Rede des Vorsitzenden der CSU-Landtagsfraktion, Thomas Kreuzer, MdL anlässlich des Neujahrsempfangs des CSU-Kreisverbandes Kempten

Das Bundes-Teilhabe-Gesetz: Mogel-Packung statt Meilen-Stein

Dr. Christos Pantazis, MdL

Kundgebung für Freiheit, Toleranz und ein friedliches Miteinander am , um 17 Uhr (16:45 Uhr)

Wie Angela Merkel Wahl-Kampf macht

Grußwort. Parlamentarischer Abend der NRW-Stiftung Dienstag, 13. September 2016, 18 Uhr Landtag Nordrhein-Westfalen, Plenarsaal

Begrüßungsworte Eröffnung der Ausstellung Flüchtling Flucht - Zuflucht 2. Juni 2016, 14 Uhr, Wandelhalle des Landtags

Rede. von. Hartmut Koschyk MdB Beauftragter der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten

Tag der Franken am 07. Juli 3013 Grußwort von Barbara Stamm, MdL Präsidentin des Bayerischen Landtags

Empfang aus Anlass der Würdigung des Sammelergebnisses der Bundeswehr, Reservisten- und Traditionsverbände zugunsten

Unser Einsatz für Menschenrechte, Heimat und Verständigung

Rede des Fraktionssprechers für Rechts- und Verfassungsfragen

Rede von Bundespräsident Heinz Fischer anlässlich der Trauerfeier für Altbundespräsident Johannes Rau, 7. Februar 2006, Berlin

Rede von Ministerpräsidentin Malu Dreyer. anlässlich ihrer Wahl in der Konstituierenden Plenarsitzung der 17. Legislaturperiode

Antrag der Fraktion der SPD und der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen: Ja zur Einbürgerung Einbürgerungskampagne starten!

Rede zum Nationalfeiertag 2007,

Sehr geehrter Herr Schneider, Sehr geehrter Herr Dr. Schäffer, Sehr geehrte Frau Dr. Graf, liebe Gäste, liebe Kolleginnen und Kollegen,

Die Position der Naturschutzjugend: Wir sind für Demokratie und Vielfalt

Rede zur Begrüßung der Hauptversammlung des Deutschen Städtetages am

Sehr geehrte Vertreter/innen der Jüdischen Gemeinde. und der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit,

Europa stärken für seine Bürgerinnen und Bürger, für seine Städte

I. Begrüßung das humanistische Bildungsideal

Es gilt das gesprochene Wort.

Trauerakt zum Gedenken an die Opfer des Amoklaufs vom 22. Juli 2016 in München

Ansprache am Ehrenmal Schützenfestsamstag 2012

Plenum am Mittwoch, den 25.Oktober 2017 TOP 2

BEGRÜSSUNG Einweihung Otto Braun-Platz. Jann Jakobs, Oberbürgermeister Landeshauptstadt Potsdam

Liebe Kolleginnen und Kollegen aus dem Landtag, meine sehr verehrten Damen und Herren,

Rede von Oberbürgermeisterin Dr. Eva Lohse anlässlich des Empfangs zum 90. Geburtstag von Alt-OB und Ehrenbürger Dr. Werner Ludwig

Sehr geehrte Frau Präsidentin, hohes Haus, liebe Kolleginnen und Kollegen, sehr geehrter Herr Dr. Fahn,

hiermit übersenden wir Ihnen den Formulierungs-Vorschlag des SSW für eine Präambel der schleswig-holsteinischen Landesverfassung:

1 - Es gilt das gesprochene Wort! - - Sperrfrist: , Uhr -

Thüringer Identität und Heimatverbundenheit

Rede von Herrn Minister Uwe Schünemann anlässlich der Einbürgerungsfeier beim Landkreis Osnabrück am

Grußwort. der Oberbürgermeisterin der Stadt Rosenheim. Frau Gabriele Bauer. anlässlich des. 110jährigen Gründungsjubiläums des Trachtenverband

Sperrfrist: Uhr. Rede des Präsidenten des Nationalrates im Reichsratssitzungssaal am 14. Jänner 2005 Es gilt das gesprochene Wort

meldeten, deren Eltern als Kinder aus Schlesien, Ostpreußen, Pommern, dem Sudetenland, Donau-Schwaben oder Siebenbürgen fliehen mussten.

Denn Joseph Goebbels selbst organisierte das Geschehen vom Münchner Rathaus aus und setzte die schrecklichen Ereignisse von dort aus in Szene.

Wir feiern heute die Wiedererrichtung unserer demokratischen Republik Österreich vor genau 60. Jahren, am 27. April 1945.

Michael Simon DGB-Kreisvorsitzender Bad Kreuznach

Laudatio. von Oberbürgermeister Dr. Siegfried Balleis

Sehr geehrter Herr Staatssekretär Manke, Liebe Kolleginnen und Kollegen, Sehr geehrte Damen und Herren,

Rede von BrigGen Werner Albl anlässlich der Gedenkstunde zum Volkstrauertag am 13. November 2016 in Müllheim (Es gilt das gesprochene Wort)

BULLETIN DER BUNDESREGIERUNG

Hochverehrter Herr Bundespräsident! Sehr geehrte Damen und Herren! Hohes Haus!

Transkript:

Rede der Sprecherin für Spätaussiedler und Vetriebene Doris Schröder-Köpf, MdL zu TOP Nr. 2a Aktuelle Stunde Tag der Heimat 2018 - Aus der Vergangenheit für die Zukunft Antrag der Fraktion der CDU Drs. 18/1579 während der Plenarsitzung vom 12.09.2018 im Niedersächsischen Landtag Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Man muss Heimat haben, um sie nicht nötig zu haben. Der österreichische Schriftsteller und Widerstandskämpfer Jean Améry wusste genau, was er damit zum Ausdruck bringen wollte. Améry, selbst Flüchtling und Vertriebener, verteidigte nach Kriegsende den Wunsch von Millionen von Menschen nach Heimat, und er erkannte sogleich, dass dieses Wort ausgerechnet von jenen gering geschätzt wird, die die Erfahrung von Flucht und Vertreibung niemals machen mussten. in der Bundesrepublik, besonders hier in Niedersachsen, wissen viele Bürgerinnen und Bürger, wovon Améry einst sprach, entweder, weil sie selbst zu den Millionen von Vertriebenen aus dem Osten zählten oder die Erfahrungen ihrer Vorfahren aus Erzählungen kennen. Nichts mehr besitzen, nirgendwo hingehören, nichts gelten, nicht Bescheid wissen - so wurde das Schicksal der Vertriebenen einmal zusammengefasst. Der Bund der Vertriebenen trägt mit dem Tag der Heimat maßgeblich dazu bei, dass dieses kollektiv Leid nicht in Vergessenheit gerät. Das ist wohlgemerkt eine Verantwortung, der wir uns gerade in Niedersachsen, wo 1950 rund 1,8 Millionen Flüchtlinge und Vertriebene lebten, heute sehr bewusst sind und weiterhin sehr bewusst sein sollten. Zur Geschichte der Vertriebenen gehört aber nicht nur deren Heimatverlust, sondern auch ihr großer Anteil am wirtschaftlichen Aufbau und am demokratischen Erwachsenwerden unseres Landes. Sie haben das geistige Fundament von Freiheit, Demokratie und Völkerverständigung in Europa ganz wesentlich mitgestaltet. Dass der BdV für den diesjährigen Tag der Heimat die Überschrift Europa zusammenführen gewählt hat, zeigt erfreulicherweise, dass 2

er sich seiner Tradition der Völkerverständigung treu bleibt. Dafür können wir dankbar sein. Meine sehr geehrten Damen und Herren, in meiner Rede beim Deutschlandtreffen der Schlesier im vergangenen Jahr habe ich es beschrieben: Die Integration der Heimatvertriebenen in die bundesdeutsche Gesellschaft war mitnichten eine Angelegenheit, die nach wenigen Jahren vollendet war. Der verstorbene Bundespräsident Johannes Rau hat das in seiner Berliner Rede im Jahr 2000 trefflich formuliert: Diese letztlich erfolgreiche Integration war am Anfang alles andere als leicht, obwohl Deutsche nach Deutschland kamen. Das gilt übrigens gleichermaßen für die Zuwandergruppe der Aussiedler und Aussiedlerinnen sowie der Spätaussiedlerinnen und Spätaussiedler, auf die ich heute Nachmittag noch zu sprechen kommen werde. Jedenfalls verdienen es die Flucht- und Integrationserfahrungen der Heimatvertriebenen von damals, stets Gehör zu finden - heute vielleicht mehr als je zuvor. Wenn Menschen, die gegenwärtig bei uns in Deutschland Schutz suchen, von ihren Erfahrungen in Massenunterkünften, von ihren beschwerlichen ersten Schritten in der neuen fremden Gesellschaft erzählen oder gar von Anfeindungen und Rassismus, sind es oft die Vertriebenen und Flüchtlinge von einst, die diese Schilderungen am besten nachvollziehen können, und dabei verkenne ich keineswegs die großen Unterschiede. aus dieser Vergangenheit gilt es in der Tat, Lehren zu ziehen. Eine lautet: Integration braucht Zeit, viel Zeit, und sie ist selten ein konfliktfreier oder gar harmonischer Prozess. Zu ihm gehört auch die Angst vor Konkurrenz, wie sie uns gegenwärtig manchmal allerdings in unerträglicher, instrumentalisierter Gestalt rechter Hetze entgegentritt. 3

Eine weitere Lehre lautet: Die Zuwanderung motivierter und ehrgeiziger Menschen kann unser Land voranbringen. Und schließlich ist, das kulturelle Erbe aufrechtzuerhalten und sich zugleich in eine neue Gesellschaft zu integrieren, kein Widerspruch. Im Gegenteil: Ersteres kann gelegentlich eine wichtige Voraussetzung für Letzteres sein, wie uns die Integrationsforschung gezeigt hat. wenn wir uns über Heimat, Identifikation und Zugehörigkeit Gedanken machen, zählt dazu auch die offene und demokratische Auseinandersetzung mit dem kulturellen und historischen Erbe unseres Landes und seiner Geschichte - im Guten wie im Schlechten. Insofern ist es von großer Bedeutung, Orte des Gedenkens, der Erinnerung und des historischen Lernens zu bewahren und sie dort, wo sie notwendig sind, auch zu schaffen, wie etwa die geplante Dokumentations- und Lernstätte Bückeberg - eine Bildungseinrichtung von großer Tragweite, weil sie gerade jungen Menschen die perfiden Mechanismen des politischen Missbrauchs von Volkszugehörigkeit und Heimatgefühl, wie sie das NS-Regime mit dem Reichserntedankfest auf dem Bückeberg zur Schau stellte, vermitteln soll. Die Definition von Heimat ist heute so vielfältig, wie es die Menschen und unsere Gesellschaften sind. Ubi panis, ibi patria - wo Brot ist, da ist die Heimat -, meinten die alten Römer in einem recht existenziellen Heimatverständnis. Oder Ubi bene, ibi patria : Wo es uns gut geht, ist die Heimat. Heimat ist aber vor allem ein Halt gebendes Gefühl der Vertrautheit und der Zugehörigkeit, etwas sehr Privates und Subjektives und etwas, das sich stets ändern kann. Für umso verstörender und weltfremder halte ich im Übrigen die Idee eines Bundesheimatministeriums; das ist meine sehr persönliche Anmerkung. ich möchte an dieser Stelle einen weiteren Österreicher zitieren, den ich zugleich einen Freund nennen darf. Der Journalist und Schriftsteller Robert Misik schrieb 4

kürzlich in einem Essay in der Wochenzeitung Die Zeit: Der Heimatbegriff ist massiv politisiert und hat mit den konkreten, kleinteiligen Heimaten meist nicht sehr viel zu tun. Als politisches Konzept sei der Begriff schlichtweg toxisch. Wir tun gut daran, der Vielfalt an Lebensrealitäten und Heimatbegriffen der Menschen Rechnung zu tragen; denn dann lässt sich Heimat auch nicht zur Ausgrenzung anderer missbrauchen und politisch instrumentalisieren. Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit. 5