5. Sitzung: Phonetik



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Transkript:

Martin Hummel VO Einführung in die diachrone und synchrone Sprachwissenschaft 5. Sitzung: Phonetik 1. Die Artikulationsebenen der Sprache «On entend souvent dire que le langage humain est articulé (André Martinet, Eléments de linguistique générale, p. 13)». Erste Artikulation: Zweite Artikulation: Morpheme, Wörter. Laute 2. Die Beschreibung der Zweiten Artikulation Wozu eine Lautschrift? Sp. casa, kilómetro, queso It. casa, chilo, kayak Fr. cadavre, kilo, que sp. gota, gente it. gallo, gente fr. gant, gens C- K- QU- G- /k/ /gota/ /çente/ /gal lo/ /džente/ /gã/ /žã/ Bei queso ist allerdings zu differenzieren: Das Graphem ist nicht Q, sondern QU (Digraphem)

2 3. Stimmgebung Was ist die Stimme? - Ton mit bestimmtem Klang, der den Kehlkopf verlässt (fr. le larynx, it. laringe, sp./pg. laringe). - Grundlage der Lautbildung (fr. fonation) Was entsteht bei der Stimmgebung? - ein Ton (fr. le ton, it. tono, sp. tono, pg. tom) (= ein Ton ist auf eine bestimmte Tonhöhe festgelegt) Wie entsteht ein (Stimm-)Ton? - Schwingen (rasche Öffnungs- und Schließbewegungen) der eng aneinander liegenden (zusammengezogenen) Stimmlippen (fr. cordes vocales, it. corde vocali, sp. cuerdas vocales, pg. cordas vocais) Wie entsteht die Klangfarbe? - Gestalt der Resonanzräume (Mund- und Nasenhöhlen, Rachen) Was sind (Sprach-)Laute? - vom Sprecher geformte akustische Produkte des Sprechapparats (fr. son, it. suono, sp. sonido, pg. som) Welche Typen von Sprachlauten gibt es? - Vokale (fr. la voyelle, it. la vocale, sp. la vocal, pg. a vogal) - Konsonanten (fr. la consonne, it. la consonante, sp. la consonante, pg. a consoante) Wie entstehen Vokale? - Stimmbänder schwingen - Mundhöhle und öffnung werden mit Zunge und Lippen geformt, ohne dass ein Artikulationshindernis entsteht.(reine Tonlaute) Sind Vokale Selbstlaute? Ja, aber man kann sie so nicht definieren, da auch einige Konsonanten selbstlautend sind: [r], [l], [n], [s], [z], [f] Beispiel: [korreo] : [kozeo] (Bolivien): konsonantische Sonante (Sonorante) genügt funktionell. Wie definiert man Konsonanten? - Artikulationshindernis von Verengung bis Verschluss (fr. obstruction) Sprachlaute werden nach Artikulationsort (fr. lieu d'articulation) und Artikulationsart (fr. mode d'articulation) klassifiziert. Bei den Artikulationsarten unterscheidet man zwischen Sonoranten (Vokale, Liquide [r,l], Nasale [m,n], Gleitlaute) und Obstruenten (Plosiv, Frikativ, Affrikata). Ausserdem wird nach Stimmhaftigkeit / Stimmlosigkeit unterschieden.

4. Der menschliche Sprechapparat (fr. appareil phonatoire) 3

4 Deutsch Französisch Italienisch Portugiesisch Spanisch 1 Nasenhöhle Fosse nasale, cavité Cavità nasale Cavidade nasal Cavidad nasal nasale 2 Lippen Lèvres (inférieure et Labbra Lábios Labios supérieure) 3 Zähne Dents Denti Dentes Dientes 4 Zahnfächer, Alveolen Alvéoles Alveoli Alvéolos Alvéolos 5 Harter Gaumen, Le palais dur Palato Palato (duro) Paladar duro Palatum 6 Weicher Gaumen, Velum Le voile du palais Velo palatino Véu do palato Velo del paladar 7 Zäpfchen, Uvula La luette Ugola Úvula Úvula 8 Mundhöhle Cavité buccale Cavità orale Cavidade bucal Cavidad bucal 9 Zunge La langue Lingua Língua Lengua 10 Zungenspitze, Apex Pointe de la langue Apice della lingua Ápice punta de la lengua 11 Zungenrücken, Dorsum Le dos (de la langue) Dorso della lingua Dorso lingual Dorso de la lengua 12 Hinterer Zungenrücken, Postdorsum Pós-dorso Posdorso de la lengua 13 Kehlkopfdeckel, Épiglotte Epiglottide Epiglote Epiglotis Epiglottis 14 Rachen, Pharynx Le pharynx Faringe Faringe Faringe 15 Luftröhre La trachée Trachea Traquéia Tráquea 16 Kehlkopf, Larynx Le larynx Laringe Laringe Laringe 17 Speiseröhre L œsophage Esofago Esófago Esófago 18 Stimmlippen, Glottis, Stimmbänder La glotte (cordes vocales) Glottide, Corde vocali Glote, Cordas vocais Glotis, Cuerdas vocales

5 5. Konsonantismus: Klassifikation nach Artikulationsort (fr. lieu d'articulation) Ort Terminus Laute Unterlippe an Oberlippe Bilabial b, p, m, ß Unterlippe an den oberen Schneidezähnen Labiodental f, v Zungenspitze zwischen den Zähnen Interdental Ө Vorderer Zungenrücken an den Schneidezähnen Prädorsodental s, z Zungenspitze an den Schneidezähnen Apikodental t, d, n Zungenspitze an den Alveolen Apikoalveolar r, l, s Zungenspitze am vorderen harten Gaumen Präpalatal Š, ž Mittlerer Zungenrücken am harten Gaumen Palatal j, ç Hinterer Zungenrücken am weichen Gaumen Velar k, g, R, ŋ, Χ Beachten Sie aber die verschiedenen Varianten von [s] vor allem im Spanischen und Portugiesischen. Als apikoalveolar gilt das kastilische [s], als prädorsodental das deutsche, englische, französische, italienische [s]. 6. Vokalismus Artikulationsort: vordere / zentrale / hintere Vokale Artikulationsart: offen / geschlossen bzw. halboffen / halbgeschlossen: dt. Vieh [i] [u] dt. Mut dt. Kinder [І] [ū] dt. Hund queso [e] guerra [ε] [כ] hoja [α] pg. cama [a] fr. patte [á] fr. pas [o] gasto Hinweis: Unterscheidet man zwischen offenen und geschlossenen Varianten, dann ergibt sich ein Vokaltrapez Grundschema für das Spanische: quiso [i] [u] gusto queso [e] [o] gota [a] garra

6 Grundschema für das Französische: lit [i] [u] loup les [e] [o] l eau lait [ε] [כ] lors [a] lá Grundschema für das Italienische: primo [i] [u] subito seta [e] [o] sole gelo [ε] [כ] vola [a] sano Artikulationsart: gerundete bzw gespreizte Lippen Spanisch: alle velaren Vokale gerundet, alle palatalen gespreizt Französisch: auch gerundete Palatale: leur [œ] dur [y] perceuse [œ] (gerundetes [e]) (gerundetes [i])

7 Diphthonge: Typ I: it. uomo [wכmo] Halbkonsonant sp. hacia [aөja] Vokal Halbkonsonant Vokal Terminologisches Problem: Steigender Diphthong, wenn Kriterium der Betonung (Druckakzent): [w'כmo], [aөj'a] Typ II: it. sei [sej] Vokal Halbvokal sp. deuda [dewda] Vokal Halbvokal Fallender Diphthong, wenn Kriterium der Betonung. Triphthonge: sp. buey Halbkonsonant / Vokal / Halbvokal [bwej] Hiatus sp. hacía silbentrennende Funktion hací/a pg. fazia fazi/a

8 7. Silbe (fr. la syllabe, it. la sillaba, sp. la sílaba, pg. a sílaba) Es gibt keine allgemein akzeptierte Definition von Silbe. Sie ist die Folge des rhythmischen ("wellenförmigen") Auf und Ab der Schallfülle (Sonorität). Kopf Kern Koda Silbenanfang (Nucleus) Silbenende Die Zahl der Silben wird durch die Zahl der Silbenkerne bestimmt. Der Kern wird in der Regel durch Vokale gebildet (größte Schallfülle), aber auch andere Sonanten, z.b. /r/ in kroatisch Krk. Geläufige Transkription mit Konsonant-Vokal-Abfolge: charité KVKVKV bzw. CVCVCV Offene Silbe: endet auf Vokal Geschlossene Silbe: endet auf Konsonant Dt. [s] in Gasse ist silbenstrukturell anders zu interpretieren als lautlich-funktionell (phonologisch). Phonologisch bildet es eine Einheit, es gehört aber gleichzeitig zu zwei Silben: Gas-se (sog. Gelenkkonsonant). Cf. it. mamma. N.B.: In den romanischen Sprachen wird bei der Silbentrennung in der Regel streng phonetisch vorgegangen: dt. ver-äus-sern (morphologisch, etymologisch) engl. char-ity (morphologisch) fr. cha-ri-té Regel: Konsonant zählt immer als Kopf