Rüben entblättern statt köpfen? Höhere Rüben- und Zuckererträge bei verbesserter Lagerfähigkeit sind diese Ziele mit dem neuen sverfahren erreichbar? Beim Entblättern der Rüben geht es vor allem um eins: Die Ernte der ganzen Rübe! Die Rübe hat durch die Reform der Zuckermarktordnung starke Preissenkungen hinnehmen müssen. Mehr denn je ist es daher wichtig, sie möglichst verlustfrei zu ernten. Allerdings entstehen beim Köpfen immer wieder Verluste durch zu tiefe oder schräge Köpfschnitte, vor allem wenn der Roder zu schnell fährt. Abhilfe soll die neue stechnik schaffen. Damit sollen sich Verluste vermeiden und Mehrerträge vom Acker holen lassen. Zudem erhoffen sich Rübenanbauer mit der neuen Technik die Atmungsverluste bei der immer längeren Feldrandlagerung senken zu können. Denn ein Köpfschnitt verletzt die Rüben und kann dadurch Zuckerverluste verursachen. Eine entblätterte, wenig verletzte Rübe hat dagegen Vorteile. Das ist wichtig, weil durch die Schließung der Zuckerfabriken die Kampagnen oft bis weit in den Januar reichen. Erste Vollernter mit stechnik In der letzten Kampagne kamen fünf Vollernter mit der neuen stechnik zum Einsatz. Lösungsansätze für die neue stechnik kamen ursprünglich aus den USA und Osteuropa. In diesen Regionen setzen die Rübenanbauer meist vom Schlepper gezogene Geräte ein. Mitt lerweile ist dort das 2-phasige System bestehend aus Entblättern plus Roden fest etabliert. Weil aber das 2-phasige Erntesystem für Deutschland keine Alternative ist, entwickelte die Firma Grimme eine stechnik für Vollernter. Dabei besteht die aktuelle Technik aus zwei gegenläufigen Wellen. Stahlschlegel arbeiten zwischen den Reihen und in der Reihe schlagen Gummischlegel die Blätter der Zuckerrüben schonend ab. Zur Erntesaison 2009 ent blätterten bereits fünf Vollernter-Prototypen mehrere Tausend Hektar Rüben. Umfangreiche Versuche auf Großparzellen Getestet wurde das System in der zurückliegenden Kampagne vor allem von nord- und ostdeutschen Rodegemeinschaften und Lohnunternehmen. Zusammen mit Landwirten und den Rübenanbauerverbänden wurde die Technik dabei ständig weiterentwickelt. Allerdings gab es noch viele offene Fragen, die wir in folgenden Versuchen klären wollten. Dabei ging es vor allem um verlässliche Daten zu Ertragseffekten, Veränderungen der Inhaltsstoffe und Auswirkungen des neuen Systems auf die Rodekosten. Auf Initiative der norddeutschen Rübenanbauerverbände wurde daraufhin ein umfangreiches Projekt durchgeführt. 86 top agrar 3/2010
Gemeinsam mit dem Dachverband Norddeutscher Zuckerrübenanbauer (DNZ), dem von Thünen-Institut in Braunschweig, der Firma Grimme und dem Fachbereich Agrarwirtschaft der FH Südwestfalen in Soest wurden Großparzellenversuche im Rahmen einer Bachelorarbeit angelegt und ausgewertet. Auf je zwei Standorten in Südniedersachsen bei Hildesheim und im Raum Uelzen traten Köpf- und stechnik gegeneinander an. Die Ernte der 4-fach wiederholten Großparzellen erfolgte durch paralleles Roden mit jeweils zwei fast identischen Rodern (Grimme Maxtron). Dabei war eine Maschine mit dem neuen saggregat, die andere mit einem klassischen Blatthäcksler und Parallelogramm-Nachköpfer ausgestattet. Bedenken gab es im Vorfeld, ob ein mit Schlegeln ausgerüsteter Roder die normale Geschwindigkeit fahren könne. Beim Praxiseinsatz zeigten sich diesbezüglich aber kaum Unterschiede zwischen dem sroder und dem Köpfroder. Wird zu schnell gefahren, verschlechtert sich die Erntequalität bei beiden Techniken. Innerhalb der Versuche fuhren wir daher konstant 6,5 km/h, was in etwa dem üblichen Standard entspricht. Ergebnisse j Saubere Ernte Zunächst erfolgte an mehreren Tausend Rüben eine Bonitur der Köpf- und squalität. Hier die Ergebnisse: Nur rund ein Drittel der Rüben waren gut geköpft, mehr als die Hälfte waren zu hoch bzw. ungeköpft. Bei den entblätterten Rüben dagegen ließen sich etwa zwei Drittel der Rüben optimal entblättern. Ein kleiner Teil war zwar gut entblättert, wies aber auch geringfügige Verletzungen am Rübenkopf durch das Einwirken der Schlegel auf. Rüben mit einzelnen Blattresten traten vereinzelt auf. Nur wenige Rüben waren überhaupt nicht entblättert. Die Ergebnisse zeigen zudem, dass sich in den norddeutschen Rübenanbaugebieten ein eher flacher Köpfschnitt etabliert hat. Auch beim bisher standardmäßig eingesetzten Köpfverfahren besteht ein Teil der Rübenlieferungen aus ganzen Rüben. Der Unterschied ist Eine entblätterte, wenig verletzte Rübe lässt sich bei geringeren Atmungsverlusten länger lagern. Der Köpfschnitt kann dagegen Zuckerverluste verursachen. top agrar 3/2010 87
Erste Schritte: Um verletzte Rübenköpfe zu vermeiden, wurden verschiedene Schlegel ausprobiert und stetig verbessert. Heutiger Stand der Technik: Stahlschlegel arbeiten zwischen den Reihen, Gummischlegel schlagen die Blätter in der Reihe ab. nur, dass die entblätterten Rüben nahezu blattfrei sind. j Höherer Rübenertrag, mehr Zucker Unsere Versuchsauswertungen belegen, dass sich mit dem Einsatz der stechnik der vollständig gewachsene Ertrag ernten lässt! So reduziert die neue Technik die Ertragsverluste durch zu tief geköpfte Rüben auf nahezu Null. In unserem Versuch ließen sich 2,7 % mehr Rüben und 2,5 % mehr Zucker ernten und in der Zuckerfabrik abliefern. Wer bisher den idealisierten Köpfschnitt bis direkt unter die Ansatzstelle der untersten grünen Blätter anwendet, kann sogar mit Ertragszuwächsen von rund 7 % rechnen (siehe Übersicht 1). Allerdings ist der Praxis-Köpfschnitt wie unsere Beobachtungen belegen in der Regel flacher, um Ernteverluste zu minimieren. Zu bedenken ist aber, dass diese Mehrerträge bei der Rübenbewertung in der Zuckerfabrik wieder etwas reduziert werden. Denn der Kopfabzug stieg bei den entblätterten Rüben von 3,5 auf 5 %. Dennoch bleibt nach dem rund 1,5 % höheren Kopfabzug ein insgesamt höherer Zuckertrag übrig. Neben dem Ertrag haben wir auch die Rübenqualität geprüft. So wurden in den Zuckerfabriken Clauen und Uelzen die Rübenproben sowohl nachgeköpft als auch ohne Nachköpfung als Ganzrübe untersucht. Die Ergebnisse (siehe Übersicht 2): Wird die Rübe als Ganzrübe analysiert, so liegen die Zuckergehalte um etwa 0,15 %-Punkte niedriger. Das gilt für praxisüblich geköpfte und entblätterte Rüben gleichermaßen. 88 top agrar 3/2010 Übers. 1: Mehrerträge entblätterter Rüben Prozent 108 106 104 102 98 102,7 zu praxisüblich geköpft GD 5% = 0,28 106,9 zum idealen Köpfschnitt Entblätterte Rüben brachten 2,7 % mehr Ertrag als geköpfte. Im Vergleich zum idealen Köpfschnitt sind es sogar 7 %. Geringfügig höher sind die Gehalte beim Amino-N-Gehalt, dem wichtigsten qualitätsbestimmenden Nichtzuckerstoff. Auch Natrium und Kalium sind bei Analyse der ganzen Rüben etwas höher. j Gleicher Kraftstoffverbrauch Im Fokus unserer Versuche stand auch der Kraftstoffverbrauch der beiden Rodeverfahren. Diesen ermittelten wir mit geeichten Durchflussmessgeräten. Es zeigte sich, dass der Kraftstoffverbrauch der verschiedenen Ernteverfahren absolut vergleichbar war. Das belegen auch die Praxisdaten der Rodegenossenschaften, die ebenfalls keine nennenswerten Unterschiede feststellten. Weil die Rodegeschwindigkeit und der Spritverbrauch in beiden Verfahren nahezu gleich waren, dürften sich demnach keine veränderten Rodekosten ergeben. j Vorteile bei Etagenrüben Aus den begleitenden Untersuchungen lässt sich feststellen, dass die stechnik bei geringer Pflanzendichte, inhomogenen Beständen und unterschiedlichen Kopfhöhen eine bessere Erntequalität liefert. In extra ausgesuchten Rübenschlägen mit zum Teil weniger als 50 000 Pflanzen pro Hektar musste sich die neue Technik bewähren. Hier zeigte sich: Wo die Köpfqualität an ihre Grenzen stößt, ist die stechnik noch nicht am Ende. Das gilt auch für die in den letzten Jahren immer wieder auftretenden Etagenrüben, die wegen stellenweise verzögerter Keimung (Trockenheit) einen stark unterschiedlichen Entwicklungsstand aufweisen. Hier gab es gute Noten für die Schlegeltechnik wegen der problemlosen Ernte im Vergleich zur Köpftechnik. Zudem waren die Rübenlieferungen nahezu blattfrei, was für die Lagerfähigkeit und die anschließende Verarbeitung in der Zuckerfabrik wichtig ist. Außerdem fiel uns auf, dass auf sandigen Böden keine besonderen Probleme mit dem Sitz der Rüben im Boden oder mit umgestoßenen Rüben auftraten. Auch bezüglich Auswuchs bzw. Blattneubildung in der Miete waren in der zurückliegenden Kampagne keine nennenswerten Unterschiede zu geköpften Rüben feststellbar, weder bei den eher wärmeren Lagerbedingungen im November noch nach der Langzeitlagerung bis Mitte Januar.
Übersicht 2: Zuckergehalt und Amino-N-Gehalt der Varianten Zuckergehalt in %/Amino-N in mmol/kg Rübe 20 18,8 18,8 18,6 16 18,6 12 8 4 0 Feld Fabrik 8,7 nachgeköpft 9,2 nachgeköpft Ganzrübe Zuckergehalt Amino-N-Gehalt Ganzrübe Zuckergehalt: Grenzdifferenz (GD) 5% = 0,04; Amino-N-Gehalt: GD 5% = 0,21 9,0 10,0 Bei Analyse der Ganzrübe liegen die Zuckergehalte etwas niedriger, die Amino-N-Werte dagegen leicht höher. Grafiken: Orb j Schlegel müssen länger halten Probleme gab es während der Ernte allerdings mit der Haltbarkeit der Schlegel. Daher wurden sie in den ersten Wochen der Saison 2009 stetig weiterentwickelt. Ziel war es, den richtigen Schlegeltyp zu finden, um mit der notwendigen Agressivität das Rübenblatt zu entfernen, dabei aber nicht die Oberfläche des Rübenkopfes zu beschädigen. Diesem Anspruch werden die eingesetzten Schlegel zwar gerecht, allerdings reichen die Standzeiten für einen dauerhaften Praxiseinsatz noch nicht aus. Hier hat der Hersteller bis zur Kampagne 2010 umfangreiche weitere Tests und Materialprüfungen versprochen, mit dem Ziel, Standzeiten von mindestens 400 ha sicherstellen zu können. Blick über den Tellerrand Die Ernte ganzer Rüben ist derzeit bei allen Roderherstellern ein Thema: So hat die Firma Ropa in der letzten Erntesaison ein neues System vorgestellt, das einen sehr flachen Köpfschnitt garantieren soll. Jede Rübe soll sich dabei gleichmäßig flach köpfen las- Entblättern für Biogas Neben dem konventionellen Rübenanbau ist die Ernte ganzer, entblätterter Rüben auch interessant für die Nutzung von Rüben in Biogasanlagen. Viele Anlagenbetreiber nehmen derzeit die Rübe in ihren Energiemix mit auf und suchen nach weiteren Optimierungs-Möglichkeiten. Wichtig dabei ist vor allem eine verlustfreie und verletzungsarme Ernte, weil die Rüben als Biogassubstrat oft sehr lange lagern müssen. Beim Roden nur die Köpfmesser anzuheben reicht aber nicht aus, weil die verbleibenden Blattreste zu Schwierigkeiten bei der Aufbereitung der Rüben führen können. Das Entblättern von Biogasrüben hat daher folgende Vorteile: Weniger Rübenverletzungen bei niedrigeren Rodeverlusten. Höhere Zuckererträge und damit mehr Methan. Bessere Lagerfähigkeit. Verbesserte Wettbewerbsfähigkeit der Biogasrüben. top agrar 3/2010 89
sen. Als Vorteil nennt der Hersteller die individuelle Anpassung des Entblattungsschnittes an die Form des jeweiligen Rübenkörpers. Die Herausforderung ist dabei, Blattreste an den Zuckerrüben zu vermeiden. In diesem Jahr will das Unternehmen mit dem weiterentwickelten Micro-Topper 2 die bisherigen Schwachstellen ausschalten. Die Firma Holmer dagegen hatte bereits im Jahr 2007 einen Prototyp im Versuchsbetrieb, bei dem die Köpfaggregate durch eine Gummischlegelwelle ersetzt waren. Auch bei Kleine gibt es Ideen zur. Sie wollen einen dafür testweise eingesetzten Rotationsköpfer nun weiterentwickeln. Das Problem der verschiedenen Techniken ist und bleibt aber die Ernte wirklich blattfreier Rüben. Denn diese Anforderung stellen die Zuckerfabriken. Wichtig wäre daher in dieser Situation ein klares Signal der verarbeitenden Fabriken, dass sie die Marschrichtung zur Ganzrübenernte weiter unterstützen. Denn dann würden die Hersteller die technischen Entwicklungen schneller vorantreiben. Für die Anbauer dagegen dürfte der Weg klarer sein: Sie müssen konsequent alle Möglichkeiten nutzen, um die Zuckererträge weiter zu steigern. Allerdings müssen sie dabei die weiteren Vorteile in der ganzen Produktionskette mit einbeziehen. So hat die Zuckerindustrie zum Beispiel mehrtägige Verarbeitungsversu- Das Wichtigste auf einen Blick Beim neuen sverfahren geht es um die Ernte der ganzen Rübe. Erste Vollernter wurden 2009 mit der neuen Technik ausgerüstet und haben bereits mehrere Tausend Hektar entblättert statt geköpft. Aktuelle Versuchsergebnisse dazu zeigen Folgendes: s-qualität: Etwa zwei Drittel der Rüben ließen sich optimal entblättern. Ein kleiner Teil war gut entblättert, wies aber durch das Einwirken der Schlegel geringfügige Verletzungen am Rübenkopf auf. Nur wenige Rüben waren unzureichend entblättert. Rübenertrag: In den Versuchen ließen sich 2,7 % mehr Rüben und damit der vollständige gewachsene Ertrag ernten. Der Zuckerertrag konnte um 2,5 % zulegen, im Vergleich zum idealisierten Köpfschnitt sogar um 7 %. Auch nach dem rund 1,5 % höheren Kopfabzug in der Zuckerfabrik bleibt ein insgesamt höherer Zuckerertrag übrig. Rübenqualität: Wird die Rübe als Ganzrübe analysiert, liegen die Zuckergehalte um etwa 0,15 %-Punkte niedriger als bei nachgeköpften Rüben. Geringfügig höher sind die Amino-N-Gehalte als wichtigstem Nichtzuckerstoff. Natrium und Kalium sind bei der Analyse ganzer Rüben auch etwas höher. Roden schwieriger Bestände: Das sverfahren bietet deutliche Vorteile beim Roden inhomogener Bestände, bei geringen Pflanzendichten und bei unterschiedlichen Kopfhöhen der Rüben. Rodeleistung: Die Versuchsergebnisse und die Erkenntnisse im Praxisbetrieb belegen vergleichbare Fahrgeschwindigkeiten der Roder bei beiden Ernteverfahren. Auch der Kraftstoffverbrauch ist beim Entblättern absolut vergleichbar mit dem Standardverfahren. Somit ergeben sich keine veränderten Rodekosten. Schlegel: Verbesserungsbedarf besteht derzeit noch bei der Haltbarkeit der Schlegel. Hier hat die Firma Grimme bis zur Kampagne 2010 umfangreiche Tests und Materialprüfungen angekündigt, um Standzeiten von mindestens 400 ha sicherstellen zu können. Im Rahmen der Bachelorarbeit wird auch eine ökonomische Auswertung der oben beschriebenen Effekte erfolgen. Die Ergebnisse finden Sie nach Fertigstellung der Arbeit auf den Internetseiten der Fachhochschule Südwestfalen (www3.fh-swf.de) und des Dachverbandes Norddeutscher Zuckerrübenanbauer (www.dnz.de). che in Schladen (Nordzucker) und Könnern (Pfeifer & Langen) durchgeführt und weitere Untersuchungen beim Institut für Zuckerrübenforschung in Auftrag gegeben. Auch die Zuckerrübenzüchter sammeln Versuchsdaten zum sverfahren. Dabei geht es vor allem um Fragen zur Bestandesdichte und welche Sorten sich für die bzw. besser eignen. Die Zuckerfabriken müssen jetzt ein klares Signal geben, dass sie die Ganzrübenernte weiter unterstützen. Das würde die technischen Entwicklungen deutlich vorantreiben. Fotos: Wollenweber Unsere Autoren Dirk Wollenweber, Zuckerrübenanbauerverband Südniedersachsen, Daniel Töppe und Prof. Dr. Bernhard C. Schäfer, Fachbereich Agrarwirtschaft, FH Südwestfalen, Soest. 90 top agrar 3/2010