Modelle des Lesens II.

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Transkript:

Grundlagen der Sprachdidaktik * SS 2004 1 Modelle des Lesens II. Diagnosemöglichkeiten in der Schule Um die Probleme eines leseschwachen Kindes grob einordnen zu können, kann eine Wortliste mit den folgenden Merkmalen gelesen werden: 1. hochfrequente Wörter mit regulärer Aussprache 2. hochfrequente Wörter mit irregulärer Aussprache 3. niederfrequente Wörter mit regulärer Aussprache 4. niederfrequente Wörter mit irregulärer Aussprache 5. Pseudowörter (kurze und lange) Fürs Deutsche etwas schwieriger als für das Englische, da hier die GPK wesentlich genauer sind. Kinder mit isolierten Schwierigkeiten auf der lexikalischen Route aber guter GPK haben: die höchsten Fehlerraten bei Typ 4 (irreg., NF) evtl. etwas weniger bei Typ 2 (irreg., HF) wenig Schwierigkeiten bei Typ 3 (reg. NF) und keine Fehler bei Typ 1 (reg. HF). Pseudowörter sollten nicht allzu viele Schwierigkeiten bereiten. Kinder mit isolierten Schwierigkeiten auf der nicht-lexikalischen Route aber guter Verarbeitung auf der lexikalischen Route haben: die höchsten Fehlerraten bei Typ 4 (NF, irreg.) evtl. etwas weniger bei Typ 3 (NF, reg.) wenig Schwierigkeiten bei Typ 2 (HF, irreg.) und keine Fehler bei Typ 1 (HF, reg.). Pseudowörter (besonders längere) bereiten Schwierigkeiten. Augenbewegungen Das Auge wird durch sechs am Augapfel angreifende Muskeln bewegt. Grobe Unterteilung in Fixationen, Sakkaden und Blinks (und für das Lesen: Regression) Informationsaufnahme (fast) nur während der Fixationen Fixationen dauern länger (ca. 400 +/- 200 ms bei kompetenten Lesern) als Sakkaden (ca. 10-80 ms) Bei der Fixation wird nur ein kleiner Bereich scharf wahrgenommen Bei rechtsläufiger Schrift wird im Bereich rechts vom Fixationspunkt

Grundlagen der Sprachdidaktik * SS 2004 2 deutlich mehr wahrgenommen Bewegungstypen: Reaktion auf Bewegung des Körpers oder der visuellen Umwelt Vestibuläre Bewegung: Reaktion auf Bewegungen des Kopfes/Körpers Optokinese: Reaktion auf Bewegungen der Umwelt Folgebewegungen: smooth pursuit Ausrichtung auf ein Sehobjekt Sakkade Blickwechsel von einem zu einem anderen Objekt Verfolgung eines sich schnell bewegenden Objektes pursuit movements: Verfolgung eines sich langsam bewegenden Objektes Mikrobewegungen Drift: gegen Rezeptorermüdung Tremor: Ungenauigkeit der Muskelsteuerung Mikrosakkaden: Repositionierung nach Drift/Tremor Parameter der Augen- und Blickbewegungen Fixationsdauer relativer Stillstand = visuelle Informationsaufnahme (immediacy assumption) Zusammenhang zwischen Fixationsdauer und Aufgabenparametern perceptual span = Informationsaufnahmebereich Fixationshäufigkeit Anzahl der Fixationen auf ein Objekt, Klassen von Objekten oder Areas of Interest (AOI) Fixations(-abhängige)-Maße Anzahl der Fixationen (pro Zeiteinheit) mittlere Fixationsdauer (pro Zeiteinheit) Verteilung der Fixationsdauern Anzahl der Fixationen (pro Objekt(-typ)) mittlere Fixationsdauer (pro Objekt(-typ))

Grundlagen der Sprachdidaktik * SS 2004 3 gaze duration: Gesamtsumme der Zeiten, die ein Objekt fixiert wird Fixationssequenz Abfolge, in der die verschiedenen Blickobjekte fixiert werden Sakkaden(-abhängige)-Maße: Sakkadenlatenz: Zeit vom Erscheinen eines Reizes bis zum Start der Sakkade Sakkadenweite Sakkadengeschwindigkeit Messmethode z.b. EyeLink kopfbasiertes System Kopfbewegungsregistrierung Pupillenerfassung Augenbewegungen beim Lesen Überprüfen Sie die unten stehende Abbildung von Augenbewegungen beim Lesen im Hinblick auf die folgenden Fragen: Wie viele Fixationen liegen im Durchschnitt auf jeder Zeile? Wo liegen die Fixationen relativ zu den Wörtern? Wie weit (in Buchstaben) sind die Sakkaden im Durchschnitt? Können einzelne Wörter auch mehrmals fixiert werden? Was haben die Wörter, die nicht fixiert wurden gemeinsam? Was passiert bei einer Regression?

Grundlagen der Sprachdidaktik * SS 2004 4 Daten: Rayner & Pollatsek, 1989: 116 (siehe animierte Version in der Präsentation) Je weiter Zeichen von der Fixation entfernt sind, desto flacher ist die Verarbeitung. Zeilensprünge erfolgen i.d.r. fünf bis sieben Buchstaben vor dem Zeilenende. Sakkaden überbrücken im Schnitt 7-9 Buchstaben. 80% der Inhaltswörter und 40% der Funktionswörter werden fixiert. Wörter, die nicht fixiert werden, sind meist kurz und/oder häufig und/oder aus dem Zusammenhang vorhersagbar. Augenbewegungen bei kompetenten Lesern und bei Leseanfängern Welche Unterschiede zwischen kompetenten Lesern und Leseanfängern können aus den unten abgebildeten Augenbewegungsdaten identifiziert werden?

Grundlagen der Sprachdidaktik * SS 2004 5 Bei kompetenten Lesern machen die Regressionen nur etwa 10% der Fixationen aus. Bei kompetenten Lesern dienen die Regressionen eher dem Aufbau der Wissensrepräsentation.

Grundlagen der Sprachdidaktik * SS 2004 6 Bei Leseanfängern dienen die Regressionen eher der Überprüfung der Zeichen- und Worterkennung. Leseanfänger haben häufig sehr viel längere Fixationszeiten. Dies betrifft besonders unbekannte und lange Wörter. Literatur Just, M.A. & Carpenter, P.A. (1987) The Psychology of Reading and Language Comprehension. Boston: Allyn and Bacon. Rayner, K. & Pollatsek, A. (1989) The Psychology of Reading. Englewood Cliffs, NJ: Prentice Hall.