Modelle der Sprachrezeption serial bottleneck :

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Transkript:

Universität Bielefeld Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaft SoSe 2008 Seminar: Theorien der Sprachproduktion und -rezeption Dozent: Dr. Hans-Jürgen Eikmeyer Referent: Robert Hild 20.06.2008 Modelle der Sprachrezeption serial bottleneck : selektive Wahrnehmung und auditive Aufmerksamkeit

Gliederung Parallelismus in menschlicher Wahrnehmung Dichotisches Hören und Cocktailparty-Effekt Filtertheorie (Broadbent, 1958) Theorie der späten Auswahl (Deutsch & Deutsch, 1963) Dämpfungstheorie (Treisman, 1964) Späte Auswahl vs. Dämpfungstheorie Fazit und aktuelle Bezüge Literatur

Parallelismus in menschlicher Wahrnehmung typisches Merkmal menschl. Wahrnehmung parallele Verarbeitung der Informationen aller sensorischen Felder erstreckt sich NICHT über gesamtes System innerhalb eines sensorischen Systems kommt nur EINER Information Aufmerksamkeit zu auch im motorischen System beobachtbar Vorschlag aus Psychologie: Annahme eines seriellen Flaschenhalses Punkt, ab dem parallele Verarbeitung nicht mehr möglich

Parallelismus in menschlicher Wahrnehmung zentrale Fragen WANN / WO tritt Flaschenhals auf? WIE / nach welchen KRITERIEN wird zu verarbeitende Information ausgewählt? zwei unterschiedliche Theorieansätze Theorie der frühen Auswahl Theorie der späten Auswahl

Dichotisches Hören und Cocktailparty-Effekt Paradigma vieler Forschungsarbeiten: dichotisches Hören typischer Versuchsaufbau Proband hört gleichzeitig unterschiedliche Mitteilungen eine Mitteilung soll verfolgt / beschattet werden andere Mitteilung wird ausgeblendet Ergebnisse die meisten Probanden erfüllen Aufgabe kaum Informationen über unbeachtete Mitteilung verarbeitet

Dichotisches Hören und Cocktailparty-Effekt Vergleich mit Party: ein Gespräch verfolgt, andere Gespräche ausgeblendet Ergebnisse stützen Theorie der frühen Auswahl Information VOR potenziellen Verarbeitungsprozessen ausgewählt Cocktailparty-Effekt (Cherry, 1953) Problem: andere Gespräche können Aufmerksamkeit auf sich lenken z.b. wenn eigener Name genannt wird

Filtertheorie (Broadbent, 1958) grundlegendes Modell, gilt als veraltet zentrale Annahme: Auswahl der Information geschieht auf Grund physikalischer Merkmale Ort / Frequenz / Ohr gewisse Plausibilität durch Neurophysiologie Informationen beider Ohren über verschiedene Nervenstränge geleitet unterschiedliche Nervenbahnen zuständig für unterschiedliche Frequenzen verstärkte Reaktion im Cortex, bevor Stimme des Sprechers oder Bedeutung identifiziert

Filtertheorie (Broadbent, 1958) Problem: offensichtlich auch semantische Auswahlkriterien Versuch von Grey & Wedderburn, 1960 bedeutungshaltige Mitteilung verfolgen Wechsel des Ohrs während Mitteilung problemlose Wiedergabe der Mitteilung möglich

Theorie der späten Auswahl (Deutsch & Deutsch, 1963) Gegenentwurf zu Filtertheorie Annahme: nicht Wahrnehmungssystem, sondern Reaktionssystem ist beschränkt alle Informationen werden verarbeitet, aber zu jedem Zeitpunkt kann nur eine beschattet werden Verarbeitung aller Informationen als Regelfall Kriterien für die Auswahl semantischer Gehalt feste Zuordnung zu einem Ohr

Dämpfungstheorie (Treisman, 1964) Modifikation der Filtertheorie Annahme: Informationen werden abgeschwächt / gedämpft nicht auf Grund physikalischer Merkmale herausgefiltert Verarbeitung der abgeschwächten Information als Ausnahmefall semantische Auswahlkriterien auf beiden Ohren möglich, aber schwierig

Späte Auswahl vs. Dämpfungstheorie Versuch von Treisman & Geffen, 1967 Probanden sollten eine Mitteilung beschatten in beiden Mitteilungen auf Zielwort achten Vorhersagen der Theorien späte Auswahl: Entdeckung gleich gut Dämpfungstheorie: Entdeckung auf unbeachtetem Ohr schwierig Ergebnisse 87% in beschatteter, 8% in unbeachteter Mitteilung entdeckt Befund stärkt Dämpfungstheorie

Späte Auswahl vs. Dämpfungstheorie echoisches Gedächtnis Neisser, 1967 Versuch von Glucksberg & Cowan, 1970 Probanden sollten eine Mitteilung beschatten und Ziffer entdecken Ergebnis: unverarbeitete Informationen stehen für kurze Zeit (ca. 5 sec) noch zur Verfügung durch gezielte Nachfrage sind Informationen mit gewisser Treffsicherheit abrufbar

Fazit und aktuelle Bezüge Auswahl der zu verarbeitenden Information auf Grund physikalischer Merkmale neurophysiologisch plausibel nicht beachtete Mitteilungen können Aufmerksamkeit auf sich lenken Forschung zu auditiver Aufmerksamkeit als Grundlage der Forschung zu visueller Aufmerksamkeit, hauptsächlich ab 1980-er Jahren für kognitive Psychologie allgemein für konnektionistische Modelle

Fazit und aktuelle Bezüge Hiroshi et al., 1999 Cocktailparty-Effekt übertragbar auf automatische Spracherkennung? Giard et al., 2000 Modell der flexiblen Aufmerksamkeit Lachner et al., 2000 / 2002 Revision und Bestätigung der Filtertheorie Sabri et al., 2008 FMRT-Untersuchungen zu Aufmerksamkeit bei Sprachrezeption

Feierabend Vielen Dank für die Aufmerksamkeit!

Literatur Anderson, J.R. (2001). Kognitive Psychologie (3. Auflage). Heidelberg, Berlin: Spektrum. Driver, J. (2001). A selective review of selective attention research from the past century. British Journal of Psychology, 92, S. 53-78. http://de.wikipedia.org nicht einzeln angeführt: aktuelle Studien