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Transkript:

Kontextfreie Sprachen Bedeutung: Programmiersprachen (Compilerbau) Syntaxbäume Chomsky-Normalform effiziente Lösung des Wortproblems (CYK-Algorithmus) Grenzen kontextfreier Sprachen (Pumping Lemma) Charakterisierung durch Kellerautomaten Deterministisch kontextfreie Sprachen R Stiebe: Theoretische Informatik für ING-IF und Lehrer, 2006 180

Beispiel für eine kontextfreie Grammatik G = ({S, X, C}, {x, c, 0, +,, ;, :=,, LOOP, WHILE, DO, END}, P, S) mit folgenden Regeln in der Regelmenge P : S S; S S LOOP X DO S END S WHILE X 0 DO S END S X := X + C S X := X C X x C c R Stiebe: Theoretische Informatik für ING-IF und Lehrer, 2006 181

Weiteres Beispiel für eine kontextfreie Grammatik G = ({S}, {a 1, a 2, b 1, b 2 }, P, S) mit der Regelmenge P = {S SS, S a 1 Sb 1, S a 2 Sb 2, S ε} G erzeugt die Sprache D 2, die sogenannte Dyck-Sprache über zwei Klammerpaaren Induktive Definition von D 2 : 1 ε D 2 2 Aus w 1 D 2, w 2 D 2 folgt w 1 w 2 D 2 3 Aus w D 2 folgt a 1 wb 1 D 2 und a 2 wb 2 D 2 4 D 2 enthält keine weiteren Wörter R Stiebe: Theoretische Informatik für ING-IF und Lehrer, 2006 182

Syntaxbäume Jeder Ableitung eines Wortes w in einer kontextfreien Grammatik kann eindeutig ein Syntaxbaum zugeordnet werden Sei w L(G) und S = w 0 = w 1 = w 2 = = w n = w eine Ableitung für w Dann wird der Syntaxbaum folgendermaßen konstruiert: Die Wurzel hat die Beschriftung S Nach dem i-ten Schritt ergeben die Beschriftungen der Blätter von links nach rechts gelesen das Wort w i, 0 i n Wird bei der Ableitung eine Regel A α angewendet, so erhält das zugehörige Blatt (mit der Beschriftung A) α Söhne, deren Beschriftung von links nach rechts das Wort α ergibt R Stiebe: Theoretische Informatik für ING-IF und Lehrer, 2006 183

Linksableitungen Definition Eine Ableitung in einer kontextfreien Grammatik heißt Linksableitung, wenn in jedem Schritt das am weitesten links stehende Nichtterminalsymbol ersetzt wird Jedem Syntaxbaum zu einer Ableitung kann eindeutig eine Linksableitung zugeordnet werden, dh: Satz Die von einer kontextfreien Grammatik G erzeugte Sprache ist die Menge der durch Linksableitungen in G erzeugbaren Wörter R Stiebe: Theoretische Informatik für ING-IF und Lehrer, 2006 184

Chomsky Normalform Definition Eine kontextfreie Grammatik G = (V, Σ, P, S) ist in Chomsky Normalform, falls jede Regel in P in einer der Formen (i)-(iii) ist: (i) A BC mit A, B, C V, (ii) A a mit A V und a Σ, (iii) S ε, wobei S auf keiner rechten Seite einer Regel vorkommt Satz Zu jeder kontextfreien Grammatik G kann man eine kontextfreie Grammatik G in Chomsky Normalform konstruieren mit L(G) = L(G ) R Stiebe: Theoretische Informatik für ING-IF und Lehrer, 2006 185

Der Algorithmus von Cocke, Younger und Kasami Eingabe: Ausgabe: kontextfreie Grammatik G = (V, Σ, P, S) in Chomsky NF, Wort w Σ ja, falls w L(G); nein, sonst Grundidee des CYK-Algorithmus w[s, t] sei das Teilwort von w von der Stelle s bis zur Stelle t, wobei 1 s t n = w Bestimme für 1 j n und 1 i n j + 1 die Mengen T [i, j] = {A V A = w[i, i + j 1]} Es gilt w L(G) genau dann, wenn S T [1, n] R Stiebe: Theoretische Informatik für ING-IF und Lehrer, 2006 186

CYK-Algorithmus Fortsetzung Induktive Bestimmung der Mengen T [i, j]: Für j = 1: T [i, 1] = {A V A w[i, i] P } Für j > 1: T [i, j] = {A V es gibt B, C V und 1 k < j mit A BC P, B T [i, k], C T [i + k, j k]} CYK-Algorithmus ist Beispiel für Dynamische Programmierung R Stiebe: Theoretische Informatik für ING-IF und Lehrer, 2006 187

Beispiel für CYK-Algorithmus Die Sprache L = {a n b n c m m, n 1} ist kontextfrei und wird von der Grammatik G = (V, Σ, P, S) mit den Regeln S AB, A aab ab, B cb c erzeugt Eine äquivalente Grammatik in Chomsky Normalform für L hat folgende Menge von Regeln: S AB, B EB c, C a, A CD CF, F AD, D b, E c Sei x = aaabbbcc Dann erzeugt der Algorithmus folgende Tabelle R Stiebe: Theoretische Informatik für ING-IF und Lehrer, 2006 188

Beispiel für CYK-Algorithmus Tabelle j i a a a b b b c c C C C D D D E, B E, B A S S F A F A B = x R Stiebe: Theoretische Informatik für ING-IF und Lehrer, 2006 189

Beispiel für CYK-Algorithmus Erklärung In der Tabelle stellt jedes Feld eine Menge T [i, j] von Nichtterminalen dar Die Koordinatenachsen für i und j sind eingezeichnet Der Algorithmus besteht aus drei Teilen Im ersten Teil wird die oberste Zeile (T [i, 1]) berechnet Im zweiten Teil werden zeilenweise die weiteren Mengen T [i, j] berechnet, indem immer die zugehörige Spalte von oben und die nach rechts oben führende Diagonale betrachtet werden Im dritten Teil des Algorithmus schließlich wird die Menge T [1, n] betrachtet, hier T [1, 8] Ausgabe ja genau dann, wenn S T [1, n] R Stiebe: Theoretische Informatik für ING-IF und Lehrer, 2006 190

Fortsetzung CYK-Algorithmus Noch eine Bemerkung: aus der aufgestellten Tabelle kann man auch die Ableitung für das Wort x ablesen, indem wir rückwärts die Regeln anwenden, die auf S in T [1, n] geführt haben Hier sieht die Ableitung für aaabbbc dann folgendermaßen aus (die Nonterminale, die ersetzt werden, sind jeweils unterstrichen) S = AB = CF B = CADB = CCF DB = CCADDB = CCCDDDB = accdddb = aacdddb = aaadddb = aaabddb = aaabbdb = aaabbbb = aaabbbc R Stiebe: Theoretische Informatik für ING-IF und Lehrer, 2006 191

Pumping Lemma für kontextfreie Sprachen Sei L eine kontextfreie Sprache Dann gibt es eine Konstante k N, so dass für alle Wörter z L mit z k eine Zerlegung z = uvwxy existiert, so dass gilt: (i) vwx k und vx 1, (ii) für alle i N gilt uv i wx i y L R Stiebe: Theoretische Informatik für ING-IF und Lehrer, 2006 192

Pumping Lemma Anwendung Mit Hilfe des Pumping Lemmas kann man zeigen, dass folgende Sprachen nicht kontextfrei sind: {a n b n c n n 1}, {ww w {a, b} }, {a m b n a m b n m, n 1}, {a 2n n 0}, {a m b n 0 m, 1 n 2 m } R Stiebe: Theoretische Informatik für ING-IF und Lehrer, 2006 193

Abschlusseigenschaften Satz Die Menge der kontextfreien Sprachen ist unter den Operationen (i) Vereinigung, (ii) Produkt (Konkatenation) und (iii) Kleene-Stern abgeschlossen Sie ist unter den Operationen (iv) Durchschnitt und (v) Komplement nicht abgeschlossen R Stiebe: Theoretische Informatik für ING-IF und Lehrer, 2006 194

Weitere Entscheidungsprobleme Satz Das Leerheitsproblem und das Endlichkeitsproblem für kontextfreie Grammatiken sind entscheidbar Satz Das Schnittproblem und das Äquivalenzproblem für kontextfreie Grammatiken sind unentscheidbar R Stiebe: Theoretische Informatik für ING-IF und Lehrer, 2006 195

Kellerautomaten endliche Automaten besitzen nur begrenzten Speicherplatz (ihre Zustände) Turingmaschinen besitzen unbegrenzten Speicherplatz mit im Prinzip wahlfreiem Zugriff Kellerautomaten besitzen unbegrenzten Speicherplatz in Form eines Kellerspeichers (Stack) R Stiebe: Theoretische Informatik für ING-IF und Lehrer, 2006 196

Definition Kellerautomat Definition Ein (nichtdeterministischer) Kellerautomat (kurz PDA von pushdown automaton) M ist ein 6-Tupel M = (Z, Σ, Γ, δ, z 0, #) Dabei ist Z das Zustandsalphabet, Σ das Eingabealphabet, Γ das Kelleralphabet, z 0 Z der Anfangszustand, δ : Z (Σ {ε}) Γ 2 Z Γ E die Zustandsüberführungsfunktion bedeutet dabei die Menge der endlichen Teilmengen von X), (2 X E # Γ das Kelleranfangssymbol R Stiebe: Theoretische Informatik für ING-IF und Lehrer, 2006 197

Arbeitsweise von Kellerautomaten Der PDA startet im Zustand z 0 und mit dem Kellerinhalt # Bei (z, B 1 B 2 B k ) δ(z, a, A) mit a Σ befindet sich der PDA im Zustand z, liest auf dem Eingabeband ein a und im Keller ein A (das oberste Symbol) Er entfernt dieses A aus dem Keller, geht in den Zustand z über, bewegt den Lesekopf auf dem Eingabeband einen Schritt nach rechts und schreibt auf den Keller das Wort B 1 B 2 B k derart, dass B 1 das neue oberste Symbol des Kellers ist Bei (z, B 1 B 2 B k ) δ(z, ε, A) liest er im Gegensatz zur obigen Aktion auf dem Eingabeband nichts ein und bewegt den Lesekopf auf dem Eingabeband nicht Der PDA akzeptiert die Eingabe, wenn er sie vollständig eingelesen hat und der Keller leer ist (auch # steht nicht mehr im Keller) R Stiebe: Theoretische Informatik für ING-IF und Lehrer, 2006 198

Kellerautomat: Arbeitsweise für (z, B 1 B 2 B k ) δ(z, a i, A 1 ) a 1 a 2 a i a i+1 a n a 1 a 2 a i a i+1 a n z A 1 A 2 A r # z B 1 B k A 2 A r # R Stiebe: Theoretische Informatik für ING-IF und Lehrer, 2006 199

Kellerautomat: Arbeitsweise für (z, B 1 B 2 B k ) δ(z, ε, A 1 ) a 1 a 2 a i a i+1 a n a 1 a 2 a i a i+1 a n z A 1 A 2 A r # z B 1 B k A 2 A r # R Stiebe: Theoretische Informatik für ING-IF und Lehrer, 2006 200

Konfiguration von Kellerautomaten Definition Sei M = (Z, Σ, Γ, δ, z 0, #) ein Kellerautomat Eine Konfiguration von M ist ein Tripel k Z Σ Γ Anschaulich beschreibt eine Konfiguration k = (z, v, γ) folgende augenblickliche Situation des PDA: er befindet sich im Zustand z, v ist die noch nicht verarbeitete Eingabe auf dem Eingabeband und im Keller steht das Wort γ, wobei das erste Symbol von γ das oberste Kellersymbol sein soll R Stiebe: Theoretische Informatik für ING-IF und Lehrer, 2006 201

PDA Konfigurationsübergänge und akzeptierte Sprache k 1 k 2 bedeutet, dass der Kellerautomat die Konfiguration k 1 in genau einem Schritt in die Konfiguration k 2 überführt k 1 k 2 bedeutet, dass der Kellerautomat k 1 in endlich vielen Schritten (auch null) in k 2 überführt Definition Für einen PDA M = (Z, Σ, Γ, δ, z 0, #) sei die von ihm akzeptierte Sprache T (M) definiert durch T (M) = {w Σ (z 0, w, #) (z, ε, ε) für ein z Z} R Stiebe: Theoretische Informatik für ING-IF und Lehrer, 2006 202

Beispiel eines PDA Es sei M = ({z 0, z 1 }, {a, b}, {A, B, #}, δ, z 0, #) ein Kellerautomat, mit δ(z 0, a, X) = {(z 0, AX)} für X {B, #}, δ(z 0, a, A) = {(z 0, AA), (z 1, ε)}, δ(z 0, b, X) = {(z 0, BX)} für X {A, #}, δ(z 0, b, B) = {(z 0, BB), (z 1, ε)}, δ(z 0, ε, #) = {(z 1, ε)}, δ(z 1, a, A) = {(z 1, ε)}, δ(z 1, b, B) = {(z 1, ε)}, δ(z 1, ε, #) = {(z 1, ε)} Dann gilt T (M) = {ww R w {a, b} } R Stiebe: Theoretische Informatik für ING-IF und Lehrer, 2006 203

Kellerautomaten und kontextfreie Sprachen Satz Eine Sprache L ist kontextfrei genau dann, wenn ein (nichtdeterministischer) Kellerautomat M mit T (M) = L existiert R Stiebe: Theoretische Informatik für ING-IF und Lehrer, 2006 204

Deterministisch kontextfreie Sprachen Definition Ein Kellerautomat M = (Z, Σ, Γ, δ, z 0, #) heißt deterministisch, wenn: δ(z, a, A) + δ(z, ε, A) 1 für alle z Z, a Σ, A Γ Definition Eine Sprache L Σ heißt deterministisch kontextfrei, wenn L$ von einem deterministischen Kellerautomaten akzeptiert wird, wobei $ / Σ ein Sondersymbol ist Satz Die Menge der deterministisch kontextfreien Sprachen ist eine echte Teilmenge der Menge der kontextfreien Sprachen R Stiebe: Theoretische Informatik für ING-IF und Lehrer, 2006 205

Beispiel eines deterministischen PDA M = ({z 0 }, {a 1, a 2, b 1, b 2, $}, {A 1, A 2, #}, δ, z 0, #) ein Kellerautomat mit δ(z 0, a 1, X) = {(z 0, A 1 X)} für X {A 1, A 2, #}, δ(z 0, a 2, X) = {(z 0, A 2 X)} für X {A 1, A 2, #}, δ(z 0, b 1, A 1 ) = {(z 0, ε)}, δ(z 0, b 2, A 2 ) = {(z 0, ε)}, δ(z 0, $, #) = {(z 0, ε)} T (M) = {w$ w D 2 }, dh die Dyck-Sprache D 2 ist deterministisch kontextfrei R Stiebe: Theoretische Informatik für ING-IF und Lehrer, 2006 206

Weiteres Beispiel eines deterministischen PDA Sei M = ({z 0, z 1 }, {a, b, c, $}, {A, B, #}, δ, z 0, #) ein Kellerautomat mit δ(z 0, a, X) = {(z 0, AX)} für X {A, B, #}, δ(z 0, b, X) = {(z 0, BX)} für X {A, B, #}, δ(z 0, c, X) = {(z 1, X)} für X {A, B, #}, δ(z 1, a, A) = {(z 1, ε)}, δ(z 1, b, B) = {(z 1, ε)}, δ(z 1, $, #) = {(z 1, ε)} Dann gilt T (M) = {wcw R $ w {a, b} } R Stiebe: Theoretische Informatik für ING-IF und Lehrer, 2006 207

Bedeutung der deterministisch kontextfreien Sprachen Wortproblem entscheidbar in linearer Zeit (gegenüber kubischer Laufzeit des CYK-Algorithmus) Ausdruckskraft hinreichend für syntaktische Analyse im Compilerbau Bei realen Programmiersprachen kommen LR(k)-Grammatiken und deren Varianten zum Einsatz R Stiebe: Theoretische Informatik für ING-IF und Lehrer, 2006 208

Formale Sprachen Übersichten Chomsky-Hierarchie: Typ 3 Typ 2 Typ 1 Typ 0 Beispiele für die Echtheit der Inklusionen {a n b n n 1} Typ 2 \ Typ 3, {a n b n c n n 1} Typ 1 \ Typ 2, K Typ 0 \ Typ 1, wobei K {0, 1} das spezielle Halteproblem ist R Stiebe: Theoretische Informatik für ING-IF und Lehrer, 2006 209

Charakterisierungen der Sprachfamilien der Chomsky Hierarchie Sprache Grammatik Automat Andere Regulär Typ 3 Endlicher Automat (EA) Regulärer Ausdruck Deterministisch LR(k) Deterministischer kontextfrei Kellerautomat (DPDA) Kontextfrei Typ 2 (Nichtdeterministischer) Kellerautomat (PDA) Kontextabhängig Typ 1 (Nichtdeterministischer) Linear beschränkter Automat (LBA) Rekursiv Typ 0 Turingmaschine (TM) aufzählbar R Stiebe: Theoretische Informatik für ING-IF und Lehrer, 2006 210

Determinismus vs Nichtdeterminismus Nichtdeterminismus Determinismus Äquivalenz NEA DEA ja PDA DPDA nein LBA DLBA? NTM DTM ja R Stiebe: Theoretische Informatik für ING-IF und Lehrer, 2006 211

Abschlusseigenschaften Typ 3 Det kf Typ 2 Typ 1 Typ 0 Vereinigung ja nein ja ja ja Durchschnitt ja nein nein ja ja Komplement ja ja nein ja nein Konkatenation ja nein ja ja ja Kleene-Stern ja nein ja ja ja R Stiebe: Theoretische Informatik für ING-IF und Lehrer, 2006 212

Entscheidbarkeitsprobleme Typ 3 Det kf Typ 2 Typ 1 Typ 0 Wortproblem ja ja ja ja nein Leerheitsproblem ja ja ja nein nein Schnittproblem ja nein nein nein nein Äquivalenzproblem ja ja nein nein nein R Stiebe: Theoretische Informatik für ING-IF und Lehrer, 2006 213