Band 1 SchulbuchNummer 160.460 Modest Mussorgsky Bilder einer Ausstelllung in der Orchesterassung von Maurice Ravel Postdidaktische Hörpartitur
Modest Mussorgsky (18391881) KlavierSuite Bilder einer Ausstellung in der Orchesterassung von Maurice Ravel. Entstehung der KlavierSuite: Vollendet am. Juli 1874. Orchesterassung von Maurice Ravel: rauührung, 19. Oktober 19 in Paris. Spieldauer: ca. 35 min Orchesterbesetzung Die Besetzung der Orchesterassung von Ravel: 3 Flöten (.+3. auch Piccolo), 3 Oboen (3. auch Englischhorn), Klarinetten (beide: B+A), 1 Bassklarinette (B+A), Fagotte, 1 Kontraagott, 1 Altsaxophon (Es), 4 Hörner (F), 3 Trompeten (C), 3 Posaunen, 1 Tuba, Pauken, Schlagwerk (Triangel, Tamburin, Peitsche, Ratsche, Becken, Große Trommel, Tamtam, Glockenspiel, Xylophon, Röhrenglocke oder Glocke (nur Es), Celesta, Haren und Streicher. 19 hatte der aus Russland emigrierte Dirigent des Pariser Concerts Symphoniques, Sergej Kussewitzky, die Bearbeitung der Bilder einer Ausstellung bei Maurice Ravel in Autrag gegeben und sich nach der sensationellen rauührung in der Oper von Paris am 19. Oktober 19 ür sechs Jahre die exklusiven Rechte an der Partitur gesichert. Dabei war Ravel nicht der erste und auch nicht der letzte gewesen, der eine Bearbeitung dieses Werkes vornahm; aber wirklich durchsetzen konnte sich nur die besonders einühlsame Fassung von Ravel. Seine Instrumentierung, die so treend den musikalischen Ausdruck des Werkes charakterisiert, wurde nicht eilig hingesetzt, sondern ist sehr genau durchdacht. Zwischen der Komposition der KlavierSuite (1874) und der Orchestrierung durch Ravel liegen ast ein halbes Jahrhundert. Dies ist umso bemerkenswerter, als nicht nur diese zeitliche Enternung, sondern auch stilistisch beide Komponisten nicht in einem Atemzug genannt werden können. Zwei Komponisten mit jeweils unterschiedlichen Modernitätsansprüchen machen die Bilder einer Ausstellung im doppelten Sinn zum Zeugnis ihrer jeweils eigenen Modernität, ohne dass das eine durch das andere Schaden nehmen würde.
A Modest Mussorgsky Bilder einer Ausstellung in der Orchesterassung von Maurice Ravel. Pr o m e n a d e Allegro giusto, nel modo russico; senza allegrezza, ma poco sostenuto. (Allegro in angemessenem Tempo, im russischen Stil; ohne Heiterkeit, aber ein wenig zurückhaltend.) & b b 4 5 Melodieteil b 4 6 /4 Melodieteil a 3/4 Im SekundeQuarteMotiv wird der Grundton b völlig verschleiert. Trompete Solo Pentatonische Melodik. Melodieteil b /4 Melodieteil a 4/4 (=mkehrung a ) gmoll FDur gmoll Ganztonrückung Die häuige Verwendung von QuarteSprüngen (die jeweils von einem SekundeSchritt vorbereitet werden) verleiht der Melodie A einen signalartigen, eierlichen Charakter. Hinzu kommt ein permanenter Wechsel verschiedener Metren, die Verschleierung der Tonalität und unregelmäßige Akzentsetzungen, Eigentümlichkeiten, die dieser Melodie ihren unverwechselbaren Charakter im russischen Volkston unterstreichen. Chor Die einstimmige Melodie A wird nunmehr im mehrstimmigen Blechbläsersatz wiederholt. Melodieteil a 3/4 Melodieteil b /4 Melodieteil b /4 & b b 4 5 4 6 (Pentatonische Melodik.) FDur dmoll FDur BDur Trompete eierlich, schreitend BDur gmoll Melodieteil a 4/4 (CDur) ZD FDur Ausweichung Die Promenade, die zwischen den nacholgenden Bildern in veränderter Form ritornellartig wiederkehrt, erönet das Werk und stellt Mussorgsky selbst dar, wie er in einer Ausstellung von Bild zu Bild wandert. Der Kunstkritiker und engagierte Förderer der russischen Komponistengruppe der Fün Novatoren, Wladimir Stassow (1841906), den mit Mussorgsky eine enge Freundschat verband, schrieb in seiner Mussorgsky Biographie (1881) hinsichtlich dieser Promenade, dass der Komponist sich selbst dargestellt hat, wie er hin und her geht, manchmal stehen bleibt, dann rasch weitergeht, um näher an ein Bild heranzutreten. Manchmal stockt sein Gang Mussorgsky denkt voll Trauer an den toten Freund. (Calvocoressi, Mussorgsky, 1919). Mussorgsky selbst schrieb 1874 in einem Brie an Stassow: Mein geistiges Abbild erscheint in den Zwischenspielen. Bis jetzt halte ich es ür gelungen. Bemerkenswert sind die detaillierten Satzbezeichnungen, die Mussorgsky den einzelnen Bildern voran stellt. Diese beziehen sich nicht nur au das Tempo, sondern auch au den Charakter bzw. au den Ausdruck eines Musikstückes und zeigen wie wichtig Mussorgsky die richtige Wahl des Tempos war. Damit steht Mussorgsky in enger Tradition mit Beethoven, der sich bereits 1817 in einem Brie an Ignaz von Mosel gegen den groben Schematismus der italienischen Bezeichnungen wandte und eine Vielzahl detaillierender Anweisungen (wie molto, poco, serioso, scherzoso usw.) einügte, die sich insbesondere au den Charakter eines Musikstückes beziehen.
4 A1 Trompete Solo Die pentatonische Grundgestalt des Promenadenthemas erhält nunmehr einen modalen Charakter. /4 & b b 4 5 mkehrung a 4 6 3/4 Melodieteil c Trompete eierlich, schreitend mixolydisch au /4 Chor eines reinen Blechbläsersatzes. So wie der Betrachter sich noch keinem bestimmten Bild zuwenden möchte, schwankt auch die Tonalität der Promenade zwischen verschiedenen Tonarten (BDur, FDur, pentatonisch und mixolydisch). BDur gmoll Solo (Trompete ohne Orchester) mkehrung a 3/4 Modulation nach DesDur. /4 & b b 4 5 4 6 b /4 b Solistische und chorische Abschnitte wechseln sich in kürzeren Abständen ab. Dies erweckt den Eindruck einer Tempobeschleunigung. Chor eines reinen Blechbläsersatzes. b Melodieteil c b DesDur bmoll 7 as B eines reinen Streichersatzes. eines reinen & b b b b b Holz und Streichersatzes. Melodieteil a Melodieteil b e Melodieteil d b 1. und. Violine As7 m 7 esmoll As7 m eines reinen Streichersatzes. Abschnitt B Thema B ließend, sanglich DesDur DesDur Mediante von BDur T(G). Die bislang quasi responsoriale Vortragsweise wird nunmehr durch eine antiphonale ersetzt und erreicht im TuttiEinsatz einen ersten Höhepunkt. AsDur & b b 4 5 b 4 6 Melodieteil a Melodieteil d (verkürzt) Melodieteil a Melodieteil d bmoll As 7 m 7 esmoll C 7 gmoll am 7 gmoll C 7 Rückung nach FDur. AsDur eines Holz und Streichersatzes. Das Promenaden wird am Beginn von der SoloTrompete vorgetragen. Diese einstimmige Melodie wird sogleich vom Chor (der Blechblasinstrumente) im mehrstimmigen Satz wiederholt. Diese Gegenüberstellung von Vorsänger und Chor, ein Prinzip das sich in vielen Volks und Kirchenliedern bis in die Gegenwart hinein erhalten hat (etwa in Form von call and response ), ist ein wesentliches stilistisches Merkmal gerade der Promenade.
5 Erster melodischer Höhepunkt. Tutti. 1 Melodieteil e & b b FDur CDur FDur gmoll FDur C 7 dmoll CDur Durchührungsartiger Einschub. Eine motivischthematische Auseinandersetzung. mkehrung b & b b 3 n amoll BDur FDur n. e 7 FDur e 7 dm 7 gm 7 dmoll gm 7 dm 7 gm 7 m m p p & b b 4 6 n b n cmoll FDur gmoll cmoll FDur gm 7 CDur dm7 CDur FDur EsDur FBDur Bereits in der Promenade zeigen sich wesentliche stilistische Merkmale der Mussorgskyschen Tonsprache. So ist etwa der pentatonische Duktus der Melodie A eine bewusste Loslösung vom DurMollSystem und verweist au ältere, in der Volks und Kirchenmusik verwurzelte Melodietypen. Hinzu kommt noch die starke Einbindung von modalen Tonleitern und Ganztonrückungen. Anstelle von Quintbeziehungen treten die spannungsloseren Sekunde und Terzbeziehungen. Der Leitton wird häuig durch einen Ganztonschritt verdrängt. Dies alles bewirkt eine Archaisierung des musikalischen Satzes. m 1900 wurden solche Rückgrie au die modale Harmonik zu einem geschätzten Stilmittel in der Musik. Der ModaleSatz (etwa bei Hugo Distler, Paul Hindemith oder Johann N. David) hal schließlich zur Überwindung der DurMollTonalität. In dieser Hinsicht zeigt sich insbesondere die Modernität Mussorgskys. Die Kirchentonleitern (Modi) waren ür die Entwicklung der abendländischen Musik von undamentaler Bedeutung. Sie stellten zunächst die Gesamtheit der im Mittelalter verwendeten Skalen dar und waren vor allem au die einstimmige Musik ixiert. Bei der Entwicklung der Mehrstimmigkeit treten die Kirchentonarten gegenüber Dur und Moll, das sich aus den im 16. Jahrhundert hinzugeügten Modi Ionisch und Äolisch entwickelt hatte, zunehmend in den Hintergrund. Die nterteilung der kleinen Terzschritte der Pentatonik ührt zu diatonischen Durchgangsnoten: BDur & 1/1 1/1 1+1/ 1/1 1+1/ b w w w b w w w w b w 1.. 3. 4. 5. mixolydisch au : 1/ & w w w b w w w b w 1/1 1/1 1/ 1/1 1/1 1/1 1.. 3. 4. 5. 6. 7. 8. w
6 & b b FDur BDur FDur Modulation nach BDur. EsDur FDur () gmoll () FDur () EsDur FDur BDur A & b b gmoll FDur BDur FDur EsDur FDur FDur gmoll C 7 FDur () FDur () & b b Melodieteil a (3/4) EsDur ( IV ) FDur BDur ( V ) ( I ) Erstmals erscheint der Grundton (b) völlig geestigt. FDur (Reprise) Vordersatz Melodieteil b (/4) Melodieteil b (/4) BDur Melodieteil a (4/4) FDur Trompete, Posaune würdevolle nruhe BDur (Pentatonische Melodik.) gmoll (CDur) ZD (Zwischendominante) gmoll FDur () () FDur 1 Melodieteil a (3/4) & b b Nachsatz Tutti Melodieteil b (/4) Ganzschluss Melodieteil a (4/4) cmoll gmoll FDur gmoll FDur BDur gmoll FDur BDur So wie der Betrachter sich nunmehr dem ersten Bild ( Der Gnom ) zuwendet, indet das PromenadenThema (A) erstmals au der Tonika von BDur einen eindeutigen Abschluss (Ganzschluss). Das BDur ist aber nicht nur die lang ersehnte und immer wieder verschleierte Tonika des PromenadenThemas, sondern gleichzeitig auch die Dominante der kommenden Tonart esmoll. Mussorgsky hat der traditionellen motivischthematischen Arbeit (etwa im Sinne einer Sonatenorm oder einer Fuge) weitgehend den Rücken gekehrt. Dementsprechend wandte er sich gegen die, wie er es nannte, sinonischen Päpste und unverbesserlichen Konservatoren. Für ihn ist die Musik eine "vom Leben gespeiste Sprache", nicht abstrakte Form. Daraus erklärt sich auch seine einache Formensprache, etwa nach dem hier vorliegenden (Liedorm) Muster: Abschnitt B : A A1 Thema B: B Durchührungsartiger Einschub : A
A 3 3 A 3 5 4 4 3 n n b I. Der Gnom b n n b b n b b n n n j &. n n n j & n.. J...und wieder A, diesmal allerdings wie aus weiter Ferne. Meno vivo.....und in stocksteier Erstarrung. p ( Leitton ) Vivo.. esmoll (harmonisch) Vivo.. in verkürzter Form. Vivo.. esmoll (harmonisch).. dann skurrile Sprünge..... dann skurrile Sprünge......und in stocksteier Erstarrung. mp ges ges ges...und ein abrupter au der Dominante.. Œ Leere Oktavenparallelen..und in stocksteier Erstarrung....und ein abrupter au der Dominante. Für das Bild der Gnom hat sich kein Bild Hartmanns erhalten. Allerdings gibt es eine Bildbeschreibung von Stassow. Die Zeichnung stellte demnach einen kleinen Zwerg dar, der linkisch au missgestalteten Beinen einhergeht. Diese Zeichnung diente als Vorlage ür einen kleinen Spielzeugnussknacker, der 1869 nach einem Entwur Hartmanns angeertigt wurde. Mussorgsky greit in tonmalerischer Weise (durch au und ab, langsam und schnell, laut und leise usw.) charakteristische Bewegungsormen dieses Zwerges heraus. Die psychologische Seite des Gnoms wird durch die Darstellung bestimmter Geühle und Stimmungen vermittelt. J G. P. Leere Oktavenparallelen 7