Universität Bielefeld Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaft Phonetik & Phonologie Generative Phonologie (Hall, Kapitel 5) ralf.vogel@uni-bielefeld.de
In der generativen Phonologie haben wir zwei Ebenen der Repräsentation die zugrundeliegende Form und die Oberflächen- oder phonetische Form. Die phonetische Form wird aus der zugrundeliegenden Form abgeleitet mittels phonologischer Regeln. Ein solcher Vorgang - die Ableitung der phonetischen Form mittels einer Sequenz aufeinander folgender phonologischer Regelanwendungen heisst auch Derivation. Da die folgende Regel immer auf das Resultat der vorherigen Regelanwendung appliziert, können Regeln also miteinander interagieren.
Eine Gegenhypothese gegen die Auffassung, dass Regeln nacheinander applizieren, wäre die Auffassung, dass sie simultan, gleichzeitig Anwendung finden. Hypothese der geordneten Regelanwendung Phonologische Regeln applizieren nacheinander. Hypothese der simultanen Regelanwendung Phonologische Regeln applizieren gleichzeitig. Welche der beiden Hypothesen ist die zutreffende?
Englische Pluralbildung mit geordneten Regeln: R1 Epenthese: Ø / [+sibil] [+sibil] # R2 Assimilation: [-sth] / [-sth,+kons] # Ordnung: R1, R2 R1 Epenthese ---------- R2 Assimilation ---------- h ts [feisiz] [h ts]
Englische Pluralbildung mit simultanen Regeln: R1 Epenthese: Ø / [+sibil] [+sibil] # R2 Assimilation: [-sth] / [-sth,-sibil] # Damit die Assimilationsregel nicht auch in solchen Fällen wie <faces> angewendet wird, muss ihr Anwendungskontext eingeschränkt werden auf solche Fälle, in denen das Pluralsuffix /z/ einem nicht-stimmhaften, nichtsibilantischen Konsonanten folgt, also /p t k f T/. Zum Vergleich noch einmal die Assimilationsregel für die Hypothese der geordneten Regeln: [-sth] / [-sth,+kons] #
Die Interaktionsformen von Regeln, die wir heute besprechen, bestehen im Wesentlichen darin, dass eine Regel den Anwendungskontext für eine andere Regel herstellt oder zerstört. Phonetik & Phonologie WS 2007/2008 Damit die simultane Regelanwendung funktionieren kann, muss in der Definition der Regeln dafür gesorgt werden, dass sie keine sich überschneidenden Anwendungskontexte haben. Das ist eine praktische Schwierigkeit, die nicht immer eingehalten werden kann. Empirische Belege für Regelordnung wären hingegen Fälle von identischen Anwendungskontexten, bei denen über die Geordnetheit der Regeln erklärt wird, warum welche Oberflächenform zustande kommt.
Man unterscheidet zwischen vier solcher Ordnungsbeziehungen zwischen Regeln: Feeding R1 erzeugt den Kontext für R2 Counterfeeding R2 erzeugt den Kontext für R1 (zu spät) Bleeding R1 zerstört den Kontext für R2 CounterbleedingR2 zerstört den Kontext für R1 (zu spät) In all diesen Fällen beobachten wir Regelinteraktion. Die Hypothese der simultanen Regelanwendung hat für deren Darstellung zunächst einmal keine Handhabe.
Feeding Zwei Regeln R1 und R2 stehen in einer Feeding-Beziehung zueinander, wenn R1 eine Ausgabe erzeugt, die die Anwendung von R2 ermöglicht und R1 vor R2 angewendet wird. Englisch: R1 feeds R2 (feed = dt. füttern) Ein Beispiel für eine Feeding-Beziehung liefern die Assimilation und g-tilgung zur Ableitung von [N] aus zugrundeliegendem [ng] (siehe Aufgabe 6 (3)): Assimilation: [+nas] > [+hint] / [-son,-kont,+hint] g-tilgung: [-son,-kont,+sth] > Ø / [+nas,+hint] #
Feeding Die Assimilation leitet hintere Nasallaute ab, die als Kontext für die g-tilgung dienen. /bank/ /Eng/ ZR â [+hint] â [+hint] Assimilation bank ENg - â 'g'-tilgung [bank] [EN] OR
R1 füttert R2: handzaam /hand+za:m/ [hantsa:m] 'handlich' hebzucht /heb+zyxt/ [hepsyxt] 'Habsucht' Phonetik & Phonologie WS 2007/2008 Feeding Ein weiteres Beispiel, aus dem Holländischen. R1 Auslautverhärtung: hand /hand/ [hant] 'Hand' handen [hand@n] 'Hände' dief /di:v/ [di:f] 'Dieb' dieven [di:ven] 'Diebe' R2 progressive Stimmlosigkeitsassimilation: pechvogel /pex+vo:g@l/ [pexfo:g@l] 'Pechvogel' straatgoot /stra:t+go:t/ [stra:txo:t] 'Gosse'
Feeding R1 Auslautverhärtung: R2 Assimilation: R1 R2 [-son] [-sth] / # [-son,+kont] [-sth] / [-son,-sth] /hand+za:m/ hant+za:m hant+sa:m [hantsa:m]
Counterfeeding Zwei Regeln R1 und R2 stehen in einer Counterfeeding-Beziehung zueinander, wenn R1 eine Ausgabe erzeugt, die die Anwendung von R2 ermöglichen könnte, aber R2 vor R1 angewendet wird. Englisch: R1 counterfeeds R2 Ein Beispiel für eine Counterfeeding-Beziehung liefert die Sprache Isthmus Nahuatl (Veracruz, Mexiko) (s. Kenstowicz & Kisseberth, 1979, S.299). Kurze unbetonte Vokale können am Wortende nach stimmhaften Sonoranten wegfallen: [Sikakiæli] ~ [Sikakiæl] lege es hinein [kiætaja] ~ [kiætaj] er sieht es schon [kikoæwa] ~ [kikoæw] er kauft es [taæmi] ~ [taæm] es hört auf
Counterfeeding Die entsprechende Apokope ist wie folgt: V > Ø /[+son,+sth] # Eine weitere Regel besagt, dass silbenfinales [l] stimmlos wird und wortfinales [w] optional stimmlos wird (Devoicing): [taæjo:l ] [e:l watotþs] [tþsooæw] ~ [tþsooæw ] schaliges Getreide schlanke Person Junge! Die durch Apokope abgeleiteten Formen unterliegen dieser Regel allerdings nicht: *[Sikakiæl ] *[kikoæw ] Damit gilt: Apokope counterfeedet Devoicing
Standard-Deutsch: [du C] (Bairisch) *[du x] Phonetik & Phonologie WS 2007/2008 Counterfeeding Ein Beispiel aus dem Deutschen: Die Regel der R-Vokalisierung bei Wörtern wie <durch>, <Furcht> counterfeedet die der dorsalen Assimilation (Wechsel vom ichzum ach-laut). Obwohl ein hinterer Vokal dem velaren Frikativ vorangeht, bleibt der sonst übliche Wechsel vom ich- zum ach-laut aus (im Standard-Deutschen, nicht aber im Bairischen!): 2 R-Vokalisierung: /³/ > [-kons] / [-kons] K # 0 dorsale Assimilation: /C/ > [+hint] / [-kons,dors,+hint] /du³c/ /du³c/ dors. Ass.: ---- R-Vok.: du C R-Vok.: du C dors. Ass.: du x
Bleeding Zwei Regeln R1 und R2 stehen in einer Bleeding-Beziehung zueinander, wenn R1 eine Ausgabe erzeugt, die die Anwendung von R2 verhindert und R1 vor R2 angewendet wird. Englisch: R1 bleeds R2 (bleed s.o. = dt. jmd. schröpfen/ausnehmen) Bei der englischen Pluralbildung (6. Sitzung, S. 21ff, und hier: S.3) stehen Epenthese und Assimilation in einem Bleeding-Verhältnis zueinander: Epenthese bleedet Assimilation: Die Epenthese macht aus ZR wie /dis+z/ ORn wie disiz, bei der der Kontext für die Assimilation (/z/ > [s] / [-sth] ), der in der ZR vorhanden war, nicht mehr gegeben ist.
Counterbleeding Zwei Regeln R1 und R2 stehen in einer Counterbleeding-Beziehung zueinander, wenn R1 eine Ausgabe erzeugt, die die Anwendung von R2 verhindern würde, aber R2 vor R1 angewendet wird. Englisch: R1 counterbleeds R2 Diese Beziehung lässt sich am Beispiel der Auslautverhärtung (vgl. 7. Sitzung, S. 42) im Zusammenspiel mit Ortsassimilation und g-tilgung im Deutschen illustrieren: [-son] > [-sth] / #
Counterbleeding Verschiedene : /Eng/ /Eng/ â Ortsassimilation â Ortsassimilation ENg ENg â Auslautverhärtung â 'g'-tilgung ENk EN - 'g'-tilgung - Auslautverhärtung *[ENk] [EN] Auslautverhärtung counterbleedet g-tilgung
Intrinsisch vs. Extrinsisch Zwischen der Ortsassimilation und der g-tilgung besteht eine Feeding- Ordnung: Die Ortsassimilation erzeugt erst den Kontext, in dem die g-tilgung applizierbar ist. Nimmt man an, dass Regeln immer dann applizieren, wenn sie auf einen passenden Kontext treffen, muss diese Ordnung nicht gesondert festgelegt werden. Solche freien Ordnungen, die nicht stipuliert werden müssen, nennt man intrinsisch. Ein Beispiel für eine extrinsische Ordnung stellt die Bleeding-Ordnung der englischen Pluralbildung dar. Würde man nicht gesondert festlegen, dass diese spezielle Ordnung herrscht, bekäme man falsche Ergebnisse.
Die Elsewhere-Bedingung Durch ein allgemeines Prinzip lassen sich gewisse vorhersagen, die sonst extrinsisch wären. Die Elsewhere-Bedingung legt fest, wie zwei Regeln anzuwenden sind, wenn eine der beiden eine Art Spezialfall der anderen ist. In diesem Fall muss gelten: speziellere Regel vor genereller Regel. Elsewhere-Bedingung: Haben zwei Regeln R1 und R2 dieselbe Eingabe, inkompatible Ausgaben und ist der Kontext von R2 eine Verfeinerung des Kontexts von R1, dann appliziert R2 und die Anwendung von R1 wird blockiert.
Die Elsewhere-Bedingung Beispiel aus dem Finnischen: /menek/ > [mene] gehen /menek##pois/ > [meneppois] weggehen /menek##kotiin/ > [menekkotiin] nach Hause gehen /menek##alas/ > [menealas] heruntergehen Wortfinales /k/ unterliegt einer Ortsassimilation an den initialen Konsonanten des nächsten Wortes, wird aber sonst überall (engl. elsewhere) am Wortende getilgt: Ortsassimilation: /k/ > [αort] / # # [+kons,αort] k-tilgung: /k/ > Ø / #
Die Elsewhere-Bedingung Würde die k-tilgung vor der Ortsassimilation applizieren, käme man zu falschen Ergebnissen, wie z.b. /menek##pois/ â mene##pois k-tilgung - Ortsassimilation [menepois] Man müsste also die umgekehrte Reihenfolge explizit festlegen. Die Elsewhere-Bedingung sagt diese Reihenfolge aber automatisch voraus.
Die Elsewhere-Bedingung Ortsassimilation und k-tilgung haben dieselbe Eingabe /k/ inkompatible Ausgaben [αort] vs. Ø und der Kontext der Ortsassimilation ist eine Verfeinerung (d.h. ein Spezialfall des Kontexts der k-tilgung): # # [+kons,αort] vs. # Wortende mit nachfolgendem wortinitialen Konsonanten vs. Wortende Deshalb appliziert Ortsassimilation vor k-tilgung und blockiert deren Anwendung.
Die Elsewhere-Bedingung Durch die Elsewhere-Bedingung werden die korrekten ORn abgeleitet: /menek##pois/ /menek##alas/ /menek##kotiin/ ZR â - â Ortsassimilation menep##pois menek##alas menek##kotiin - â (blockiert) k-tilgung [meneppois] [menealas] [menekkotiin] OR
Zusammenfassung der Ordnungsbeziehungen Feeding Counter-F. Bleeding Counter-B R1 R2 R1 R2 R1 R2 R1 R2 Vorher ja nein nein ja ja ja ja nach R1 ja ja nein ja nach R2 ja nein Die Tabelle fasst die besprochenen Regelinteraktionen zusammen. R1 ist immer die zuerst anzuwendende Regel. In den Zellen ist angegeben, ob der jeweilige Zustand (Vorher, nach R1, nach R2) dem Anwendungskontext für R1 oder R2 entspricht.
Aufgabe 7 (1) Beschreiben Sie folgenden natürlichen Klassen des Deutschen mit so wenig wie möglich distinktiven Merkmalen: (a) /p b m/ (b) /m n N l/ (c) /k g/ (d) /C k g N ³/ (e) /a a:/ (f) /i: I y: Y/
Aufgabe 7 (2) Die g-tilgung zur Ableitung von [N] aus zugrundeliegendem /ng/ kann noch nicht alle Daten korrekt beschreiben, wie folgender Korpus zeigt: [Ng] [N] Ungar eng Ding Ingo Ringe fingieren laryngal Lunge länglich langsam Ingwer Transkribieren Sie obigen Korpus, ermitteln Sie die Kontexte, in denen [g] getilgt wird und stellen Sie die entsprechende Regel auf.