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1 Manuskript Beitrag: Die Zocker sind zurück Gefahr durch Niedrigzinsen Sendung vom 5. August 2014 von Joachim Bartz, Reinhard Laska und André Pfannenschmidt Anmoderation: Angeblich geht es uns ja wieder besser. Die Aktienkurse sind zwar gerade eingeknickt, aber die deutsche Wirtschaft wächst, die Eurozone ist auf Erholungskurs und in Amerika läuft der Konjunkturmotor wie geschmiert. Das behaupten auch die Währungshüter von der EZB und führen Erfolge begeistert auf sich selbst und ihre Regulierungen zurück. Alles Seifenblasen von Schönrednern, warnen Kritiker. Solche Blasen ließen sich deshalb so leicht pusten, weil Niedrigzinsen erneut zum Leben auf Pump verlocken. Sparen lohnt sich nicht. Billiges Geld lässt sich schnell und verantwortungslos ausgeben. Spekulanten gehen wieder viel zu hohe Risiken ein. Und unsere Autoren Joachim Bartz und Reinhard Laska haben ein Déjà-vu. Text: Blasen an den Märkten platzen, immer wieder. Zuletzt bei der Finanzkrise Billiges Geld hatte damals die Spekulation angeheizt bis der Crash kam. Jetzt soll billiges Geld aus der Krise herausführen. Im Juni senkte EZB-Chef Mario Draghi den Leitzins auf 0,15 Prozent, so niedrig war der noch nie. Doch Draghis Wundermittel hat erhebliche Nebenwirkungen es führt zu Spekulationsblasen. So sieht es auch Michael Puschmann von der Baader-Bank. Er ist auf den Handel mit Anleihen spezialisiert und kann derzeit nur noch den Kopf schütteln. Selbst Schrottpapiere wie griechische Staatsanleihen werden gekauft. Dabei bewerten die Ratingagenturen sie mit B-minus oder Dreifach-C : Ramsch- Niveau. O-Ton Michael Puschmann, Chefhändler Baader-Bank Frankfurt am Main: Ich sehe im Moment eine extreme Übertreibungsreaktion, eine extreme Blasenbildung. Ich sehe von Monat zu Monat,

2 von Woche zu Woche, die Chance immer größer, dass diese Blase platzt. Das würde zu einer starken Verwerfung am Finanzmarkt und Kapitalmarkt führen. Und die Länder wären nicht mehr in der Lage, wie es in der Vergangenheit war, da entsprechend regulierend und auch helfend einzugreifen. Sogar Anleihen hochverschuldeter Unternehmen gehen weg wie warme Semmeln. Obwohl die Investoren Totalverlust riskieren. Harry Bean kann das bestätigen. Er berät wohlhabende Privatkunden ab einer Million Euro Vermögen, das soll er vermehren. Bisher war das kein Problem, jetzt ist es ein Problem. Denn eine Anlage, die sicher ist, bringt kaum noch Gewinn, erklärt der ehemalige Investmentbanker. O-Ton Harry D. Bean, Vermögensverwalter Pari Passu Vermögensmanagement: Sie konnten früher in eine Anleihe oder ein Geldmarktpapier investieren, ohne dabei großes Risiko einzugehen, und haben einen vernünftigen Coupon bekommen. Das ist heute unmöglich. Wenn Sie heute einen nennenswerten Ertrag erwirtschaften wollen, den sie am Ende des Jahres spüren, müssen Sie signifikant ins Risiko gehen. Und viele machen das. Was selbst clevere Vermögensverwalter heute nicht mehr schaffen, gelingt auch den großen Lebensversicherungen nicht: eine ordentliche Verzinsung des Kapitals ohne hohes Risiko. Deshalb musste der Gesetzgeber vor kurzem den Garantiezins wieder einmal senken, die Berechnungsgrundlage ändern. Resultat: Viele Kunden bekommen weniger Geld als erwartet. Auch Michael Suckel, der 1988 eine Lebensversicherung abgeschlossen hat. Der Schreiner wollte seine Rente aufbessern. Doch aus den ursprünglich zugesagten Euro sind geworden, Suckel hat 5000 Euro verloren. Er ist sauer. O-Ton Michael Suckel, Schreiner: Ich war erstaunt darüber, dass auch Altversicherungen, die jetzt schon über 25 Jahre laufen, in den Topf mit reingeworfen werden. Ich find s eigentlich absolut unfair. Ich sehe halt, dass mir von oben herab Geld geklaut wird, gestohlen wird. Es wird mir genommen, obwohl ich wirklich jahrelang regelmäßig, auch in schlechten Zeiten, versucht habe, meine Zahlungen jeden Monat in diese Versicherungen zu tätigen. Und im Endeffekt ist es, ja, es ist schade, es ist schade. Und noch eine Folge der niedrigen Zinsen: ein Bauboom und zugleich kräftig steigende Immobilienpreise. Neubauten wurden seit Mitte 2010 um rund 30 Prozent teurer.

3 Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble warnte schon im Juni vor einer Immobilienblase, sah, Zitat: Anzeichen für eine Preisentwicklung, die gefährlich sind und die wir sehr ernst nehmen müssen." Quelle: ZEIT ONLINE, Immobilienmakler Olivier Peters aber freut sich über den Boom. Gern führt er uns eines seiner Luxusobjekte vor - in einem schicken Frankfurter Neubauviertel mit Blick auf den Fluss. O-Ton Olivier Peters, Sotheby s International Reality: Heute zeige ich Ihnen ein sehr exklusives Penthouse am Main, in Sachsenhausen. 316 Quadratmeter für 2,9 Millionen Euro. Was hier ganz besonders ist, ist: Das ganze Penthouse wurde von einem sehr renommierten Yacht-Innenausstatter geplant und auch eingerichtet. Und das sehen Sie dann auch hier an der sehr exklusiven Ausstattung. Selbst solche Luxuswohnungen finden problemlos ihre Kunden, für die hat Peters noch weitere Leckerbissen im Angebot. Deutschland gelte als sicherer Hafen, das helfe beim Verkauf. O-Ton Olivier Peters, Sotheby s International Reality: Das ist wirklich eine Investition in die Werthaltigkeit. Und wenn wir von Werthaltigkeit sprechen, haben wir einen sehr großen Anteil von ausländischen Kunden. Bei uns beträgt dieser Anteil circa 40 Prozent. Und diese Kunden kommen aus dem europäischen Ausland, aus Italien, Spanien, sogar aus Frankreich oder auch Griechenland. So flüchten die südeuropäischen Nachbarn in deutsches Betongold, statt in der Heimat zu investieren. Doch wehe, wenn eine Immobilienblase platzt. Was das bedeutet, haben die Spanier erlebt. Eine schwere Wirtschaftskrise. Wir sind in Barcelona, Katalonien, eines der wichtigsten spanischen Industrieregionen. Von Draghis billigem Geld kommt hier wenig an. Das musste auch Edu Sentis erfahren. Der Erfinder hatte mit seinem Start-up ein ausgefuchstes Elektrofahrrad entwickelt, dazu ein ganzes System für Bikesharing. Mit seiner Idee hatte er bereits die Stadt Kopenhagen überzeugt, einen Großauftrag in Aussicht. Damit ging er zu einer spanischen Bank. Und hörte nur Ausflüchte. O-Ton Edu Sentis, Entwickler Bicicletas Blancas

4 Fahrradsysteme: Ich persönlich würde Dir das Geld ja leihen, sagte der Banker. Wenn ich es hätte, würde ich es Dir geben. Aber ich darf es nicht. Es ist gegen die Regeln. Wir sind blockiert, wir haben Rückschläge erlebt, wir mussten strenger werden. Das Geld fließt nicht, auch nicht für gute Projekte. Und so ging ihm der Großauftrag durch die Lappen. Das Geschäft macht jetzt sein früherer dänischer Partner allein. Und hergestellt werden die Räder auch nicht in Spanien, sondern in Deutschland, in Leipzig. O-Ton Edu Sentis, Entwickler Bicicletas Blancas Fahrradsysteme: Man fühlt sich ohnmächtig, denn Du bist nicht nur den Weg gegangen, den Du gehen wolltest, sondern Du hast alles getan. Forschen, entwickeln, designen, der gesamte Prozess, ein ganz langer Weg. Und am Schluss bekommst Du für Deine Investitionen nichts zurück. Die Kreditklemme lähmt die spanische Wirtschaft. Die Finanzinstitute vergaben knapp zehn Prozent weniger Darlehen als im Vorjahr. Kein Wunder: Noch immer hocken sie auf einem Berg fauler Kredite. Das merken selbst gutgehende Unternehmen wie ISOTUBI, ein familiengeführter Mittelständler aus der Metallbranche. Mitten in der Krise 2008 hat die Chefin umstrukturiert, das Unternehmen in wenigen Jahren fit für den Weltmarkt gemacht. Dafür brauchte sie eine langfristige Finanzierung durch eine spanische Bank. Gern hätte die Geschäftsführerin von den niedrigen Zinsen der EZB profitiert. Fehlanzeige. O-Ton Meritxell Arnedo, Geschäftsführerin ISOTUBI: Alle sprechen von den niedrigen Zinsen, die wir in Europa angeblich haben. Aber in Spanien ist das nicht der effektive Zins, den wir hier zahlen müssen. Wenn man also hier zu einer Bank geht, verlangen die sechs, sieben Prozent. Für eine spanische Firma, die sich auf internationalen Märkten behaupten muss, sind solche Zinsen ein Wettbewerbsnachteil. Zwei Jahre musste sie Klinken putzen, bis sich endlich eine Bank bereitfand, ein langfristiges Darlehen zu gewähren. Zu sechs Prozent Zinsen, dem Vierzigfachen des EZB Zinssatzes. Und nicht nur das. O-Ton Meritxell Arnedo, Geschäftsführerin ISOTUBI: Die Banken wollen gar kein Risiko übernehmen. Wenn ich Geld leihen will, dann muss ich Garantien geben. In diesem Fall war es unser Haus, eigentlich der komplette Familienbesitz, unser gesamtes Vermögen als Sicherheit für

5 den Kredit. So läuft die Niedrigzinspolitik der EZB ausgerechnet in den Krisenländen, für die sie gedacht war, ins Leere. Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich warnt: es baut sich möglichweise ein schmerzhafter und sehr zerstörerischer Umschwung auf. Der an den Börsen beginnen könnte. Denn die stetig steigenden Aktienkurse verleiten Anleger an der Wall Street zu hochriskanten Wetten. Der sogenannte Margin Debt zeigt, dass an der New Yorker Börse noch vor kurzem für 430 Milliarden Dollar Aktien auf Pump gekauft wurden. Die niedrigen Zinsen machen s möglich. - Ein Spiel mit dem Feuer. Auch an der Frankfurter Börse sind die Kurse munter gestiegen. Experten warnen vor Übertreibungen. O-Ton Christian M. Kahler, Börsenhändler DZ Bank: Es ist nicht so, dass die Aktienkurse stark angestiegen sind, weil es den Unternehmen wirklich ausgezeichnet geht. Es ist vielmehr so, dass die Aktienmärkte angestiegen sind, weil letztendlich die Notenbanken auch hier mit billigem Geld für Treibstoff sorgen für die Aktienmärkte. Die Gewinnentwicklung der Unternehmen selbst tritt seit drei Jahren auf der Stelle. Doch wann erkennt man eine Blase? Wenn sie platzt - und es zu spät ist. Zur Beachtung: Dieses Manuskript ist urheberrechtlich geschützt. Der vorliegende Abdruck ist nur zum privaten Gebrauch des Empfängers hergestellt. Jede andere Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtgesetzes ist ohne Zustimmung des Urheberberechtigten unzulässig und strafbar. Insbesondere darf er weder vervielfältigt, verarbeitet oder zu öffentlichen Wiedergaben benutzt werden. Die in den Beiträgen dargestellten Sachverhalte entsprechen dem Stand des jeweiligen Sendetermins.

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