Mobile Lernhilfe für Roma-Kinder in Wien Bericht über das Schuljahr 2011/2012

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1 Verein für Roma, 1030 Wien, Hofmannsthalgasse 2/Lokal 2 Tel: ; Fax: ; Mobile Lernhilfe für Roma-Kinder in Wien Bericht über das Schuljahr 2011/2012

2 Einleitung Die mobile Lernhilfe für Roma-Kinder wird vom Verein Romano Centro bereits seit 1995 erfolgreich durchgeführt. Die LernhelferInnen besuchen die Kinder zu Hause und unterstützen sie vor Ort beim Lernen und bei ihren Hausübungen. Im Vergleich zu Lerngruppen hat die Lernhilfe zu Hause einige Vorteile: zum einen können die LernhelferInnen auch die Eltern unterstützen und das Lernumfeld des Kindes positiv beeinflussen. Zum anderen können dadurch Kinder erreicht werden, die aus unterschiedlichen Gründen ohne diese Hilfe nicht in den Genuss einer Unterstützung kommen würden, beispielsweise wenn es Eltern an Zeit mangelt, ihr/e Kind/er zu einer bestimmten Uhrzeit in eine Lerngruppe zu bringen bzw. von dort wieder abzuholen. Organisatorischer Ablauf Die Anmeldung zur mobilen Lernhilfe erfolgt meist durch die Eltern bei einem ersten persönlichen Gespräch im Romano Centro. Häufig finden die Eltern auch über das Jugendamt oder die Schule den Weg ins Romano Centro. Beim Erstgespräch werden der Förderbedarf des Kindes, sowie die Situation der Familie abgeklärt. Wird das Kind in das Programm aufgenommen, bekommt es eine/n seinen Bedürfnissen entsprechende/n LernhelferIn zugeteilt, die/der selbstständig die Termine mit der Familie vereinbart. In weiterer Folge wird ein Elternteil Mitglied des Vereins Romano Centro (Mitgliedsbeitrag 25 Euro/Jahr). Für jede geleistete Lernhilfe-Stunde entfällt für die Eltern ein Selbstbehalt von drei Euro. Einigen Familien ist es jedoch aufgrund ihrer prekären finanziellen Lage nicht möglich, diesen Beitrag zu leisten, weshalb dieser in einigen Fällen erlassen wird. Ebenso entfällt der Selbstbehalt ab dem dritten Kind einer Familie. Warum benötigen die Kinder zusätzliche Unterstützung? Jene Familien, die die Lernhilfe in Anspruch nehmen, können ihren Kindern aus unterschiedlichen Gründen nicht die Unterstützung bieten, die sie für eine erfolgreiche Schullaufbahn benötigen. Zu diesen Gründen gehört vor allem die geringe Bildung der Eltern, die in den Herkunftsländern oft keinen Zugang zu Bildung hatten und ihre Kinder daher nicht unterstützen können. Dazu kommen häufig schwierige finanzielle Situationen, überbelegte Wohnungen und Probleme aller Art, deren Lösung den Familien sehr viel Kraft kostet. Viele Eltern arbeiten auch in prekären Verhältnissen: lange Arbeitszeiten, früher Arbeitsbeginn, Spätund Nachtschichten oder auch Wochenenddienste erschweren die Unterstützung der Kinder zusätzlich. Niedrige Einkommen ermöglichen es den Eltern nicht, sich bezahlte Nachhilfe für ihre Kinder zu leisten, obwohl sehr viele dies gerne tun würden. Ohne Unterstützung erreichen viele Kinder nicht das Niveau ihrer MitschülerInnen, müssen Klassen wiederholen und sind dauernd überfordert. Dies hat zur Folge, dass die Schule als negative Erfahrung und Stress gesehen wird, weshalb auch die Motivation sinkt, einen guten Schulabschluss zu erreichen. Viele Roma-Kinder finden sich deshalb sehr schnell in Sonderschulen wieder und/oder brechen die Schule noch vor dem Hauptschulabschluss ab.

3 Fallbeispiel: Jelena ist ein sehr kluges Mädchen, das sehr fleißig lernt. In der Volksschule hatte sie bereits Unterstützung und hat diese sehr gut gemeistert, der Weg in die AHS war somit frei. In der ersten Klasse angekommen, waren die Schwierigkeiten allerdings groß. Jelena hat nicht gleich alles verstanden, zu Hause konnte sie niemanden fragen, da ihre alleinerziehende Mutter sehr schlecht deutsch spricht und selbst kaum Schulbildung genossen hat. Außerdem ist die Mutter krank und kann nicht arbeiten, weshalb das Einkommen sehr gering ist. Ohne die Lernhilfe wäre es nicht möglich, dass Jelena Unterstützung für die Schule bekommt und im Gymnasium erfolgreich ist. Der Mehrbedarf an Unterstützung für Kinder aus derart benachteiligten Familien ist auch die Folge eines Mangels an zusätzlicher Unterstützung in österreichischen Schulen. In letzter Zeit arbeiten die LernhelferInnen vermehrt mit SchülerInnen, die gerade aus Osteuropa nach Wien gekommen sind und weder in Deutsch, noch in ihrer Muttersprache alphabetisiert sind. Für diese Kinder bieten die Schulen keine ausreichenden Fördermaßnahmen an, eine Unterstützung durch die mobile Lernhilfe ist hier ein sehr wertvoller Beitrag, um den Kindern die Chance zu geben, ihre Defizite aufzuholen und in der Schule erfolgreich zu sein. Fallbeispiel: Familie B. ist im Herbst 2011 aus Rumänien nach Wien gekommen. Die Familie ist aus Rumänien Richtung Westen migriert, um den Kindern Mariana (7) und Cristinel (9) einen Schulbesuch zu ermöglichen. In Rumänien ist es der Familie nicht gelungen, die Kinder einzuschulen. Beide Kinder konnten bei ihrer Ankunft weder Lesen noch Schreiben, wurden aber altersgemäß eingestuft. Besonders für Cristinel ist es schwer, dem Unterricht in der 3. Klasse zu folgen. Durch die Unterstützung der Lernhelferin Cristina, die sowohl Romanes als auch Rumänisch spricht, ist es gelungen, erste Erfolgserlebnisse in der Schule zu erzielen und eine Steigerung sowohl in der schulischen Leistung als auch in der Motivation zu erreichen. Informationen zu den Kindern Im Schuljahr 2011/2012 wurden insgesamt 132 Kinder betreut. Die Kinder stammen alle aus Roma-Familien und wohnen über beinahe alle Wiener Bezirke verteilt, wobei es in den Bezirken 15, 16 und 20 Häufungen gibt. Von den zuletzt betreuten Kindern besuchten die meisten die Volksschule (47) oder eine Form der Mittel- oder Hauptschule (Kooperative MS, Wiener MS, Hauptschule, insgesamt 51 Kinder). Nur 10 Kinder besuchten eine AHS Unterstufe. 12 Kinder hatten einen Sonderpädagogischen Förderbedarf, davon besuchten fast alle eine Allgemeine Sonderschule oder ein Sonderpädagogisches Zentrum. Außerdem wurden noch Kinder und Jugendliche aus Polytechnischen Lehrgängen, Höheren Technischen Lehranstalten, Oberstufenrealgymnasien oder aus Nachqualifizierungslehrgängen für den Hauptschulabschluss betreut. Das Verhältnis Mädchen/Burschen ist ausgeglichen.

4 LernhelferInnen Die Kinder wurden im Schuljahr 2011/2012 von insgesamt 27 LernhelferInnen betreut, davon sind 21 weiblich und sechs männlich. Das Team der LernhelferInnen besteht aus Roma und Nicht-Roma. Viele LernhelferInnen sind Studierende an Universitäten und Pädagogischen Hochschulen, manche sind auch LehrerInnen. Für die LernhelferInnen wurden im Schuljahr 2011/2012 zwei Treffen organisiert, wovon das erste Treffen im Dezember 2011 sehr stark von organisatorischen Fragen geprägt war, bedingt durch den Wechsel in der Projektleitung. So ging es im ersten Treffen vor allem darum, sich gegenseitig kennen zu lernen und die Erfahrungen der LernhelferInnen sowie deren Wünsche und Anregungen aufzunehmen, um das Projekt erfolgreich weiterführen zu können. Das zweite Treffen im Mai 2012 stand inhaltlich im Zeichen spezifischerer Probleme von Roma-Kindern in der Schule und beim Lernen zu Hause. Die Roma- Schulassistentin Ivana Hrickova-Ferencova gab einen Einblick in ihre jahrelange Erfahrung und konnte den LernhelferInnen vor allem jenen, die neu im Programm sind sehr viele Fragen beantworten und wertvolle Tipps mit auf den Weg geben. Für ihre Arbeit mit den Kindern erhalten die mobilen LernhelferInnen eine Aufwandsentschädigung von 12 Euro pro Stunde. Dieser Betrag deckt sowohl die zusätzliche Anfahrtszeit, als auch allfällige Fahrtkosten. Bei Fahrten nach Niederösterreich (z.b. Gerasdorf) wird der zusätzliche Aufwand an Fahrtkosten rückerstattet. Elternnachmittage In jedem Semester finden im Romano Centro Elternnachmittage statt. Neben organisatorischen Einzelheiten und Fragen wird bei diesen Treffen auch ein inhaltlicher Input gegeben, beispielsweise über die Erwartungen, die Schulen in Österreich an die Eltern haben oder darüber, wie Eltern ihre Kinder beim Lernen unterstützen können. Evaluierung des Lernerfolges Die LernhelferInnen liefern am Ende des Schuljahres Berichte, in denen die Entwicklung der Kinder beschrieben wird. Im vergangenen Schuljahr wurden von Seiten der LernhelferInnen in den meisten Fällen Leistungssteigerungen bzw. Verbesserungen des Lernverhaltens und des Lernumfeldes zu Hause berichtet. Selbstverständlich gab es aber auch Probleme und Rückschläge. Zusätzlich zu diesen Berichten sind die Eltern dazu angehalten, die Zeugnisse der Kinder an das Romano Centro zu senden. Aus der Entwicklung der Noten wird ersichtlich, dass sich die meisten Kinder während des Schuljahres verbessert haben. Die Eltern haben des Weiteren die Möglichkeit, in persönlichen Gesprächen im Romano Centro (etwa bei der Anmeldung für das nächste Schuljahr) ein Feedback zu geben. Auch hier zeigt sich, dass die Eltern mit der Lernhilfe im Allgemeinen sehr zufrieden sind und Fortschritte bei ihren Kindern feststellen.

5 Ausblick auf das Schuljahr 2012/2013 Es ist geplant, die Lernhilfe im Schuljahr 2012/2013 weiter auszubauen und zu verbessern. Das bedeutet einerseits, mehr Kinder in das Programm aufzunehmen, andererseits, dass in besonderen Fällen mehr als eine Stunde pro Woche unterstützt wird. Dafür wurden von der Stadt Wien Euro an Projektförderung beantragt, eine Entscheidung steht noch aus. Um mehr Kinder betreuen zu können, bemüht sich Romano Centro auch vermehrt um Spenden. So ist es bereits gelungen, über die Projekt-Plattform drei weitere Lernhilfe-Plätze zu finanzieren (ca Euro). Außerdem wird verstärkt versucht, auch ehrenamtliche LernhelferInnen etwa pensionierte Lehrpersonen in das Projekt einzubinden. Selbstverständlich gelten auch für ehrenamtliche LernhelferInnen dieselben Kriterien betreffend Qualifikation, Verlässlichkeit und persönlicher Eignung für diese oft herausfordernde Tätigkeit.

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