Dirk Müller: Die Big Boys wissen auch nicht wohin mit ihrem Geld. Die meisten warten aber darauf, dass es nochmal rappelt, um dann einzusteigen.

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1 16. August 2012» Drucken DIRK MÜLLER UND MAX OTTE IM INTERVIEW Das ist alles nicht mehr kalkulierbar von Jörg Hackhausen und Christian Panster , 11:26 Uhr Die Krise in Europa spitzt sich zu. An der Börse spielen die Kurse verrückt. Handelsblatt Online sprach mit Dirk Müller und Max Otte über die Aussichten für Anleger, die Perspektiven des Euro und Verschwörungstheorien. Max Otte und Dirk Müller auf dem Parkett der Frankfurter Börse. Quelle: Bernd Roselieb für Handelsblatt Herr Otte, Herr Müller, ist derzeit eine gute Zeit, Aktien zu kaufen? Max Otte: Die Kurse steigen, weil die Anleger erkennen, dass Aktien günstig bewertet sind. Europa steht eigentlich besser da als viele glauben. Die Börse honoriert das allmählich. Dirk Müller: Die Big Boys wissen auch nicht wohin mit ihrem Geld. Die meisten warten aber darauf, dass es nochmal rappelt, um dann einzusteigen. Otte: Nach vier Jahren Panik, nach vier Jahren Krise, glaube ich, dass der Boden erreicht ist an den Aktienmärkten. Müller: Im Moment ist es für niemanden einfach, eine Vorhersage zu treffen. Leider werden die Märkte derzeit nicht getrieben von den Fundamentaldaten; das macht es unberechenbar. Otte: Wenn Sie heute eine billige Aktie kaufen, dann ist das Risiko aus meiner Sicht überschaubar. Wie fällt Ihre Prognose aus, Herr Müller? Müller: Wenn ich Prognosen höre, wo der Dax in einem Jahr steht so ein Unsinn. Ich kann nicht mal sagen,

2 wo der Dax in einer Woche steht! Da kommt der Draghi um die Ecke, mit einem Mal stehen wir 500 Punkte höher. Dann kommt eine andere Nachricht und der Dax fällt um ein paar hundert Punkte. Das ist alles nicht mehr kalkulierbar. Otte: Anleger müssen heutzutage eine sehr hohe Schmerztoleranz haben. Die Lieblingsaktien von Max Otte Alles anzeigen Platz 10 Delta Lloyd Otte: sehr günstige holländische Versicherung mit wenig Exposure in Südeuropa. Platz 9 Alcatel-Lucent Otte: spottbillig; allerdings muss sich das Unternehmen fangen Prozent Potential. Platz 8 Fuchs Petrolub Otte: Fair bewertet mit Kurs-Gewinn-Verhältnis von 15; aber sehr gutes Unternehmen. Langfristige Renditeerwartung: + 10% Platz 7 Salzgitter Otte: Zykliker und damit sehr anfällig bei Konjunkturschwankungen. Dank der Cash-Reserven aber extrem günstig. Platz 6 Novartis Otte: Sichere Aktie, moderates Kurs-Gewinn-Verhältnis (11), großzügige Dividendenrendite (4%). Platz 5 Energias des Portugal Otte: Kurs bei knapp zwei Euro. Im Bieterverfahren Ende letzten Jahres hat das chinesische Unternehmen Three Gorges 3,45 Euro je Aktie bezahlt. Insgesamt haben die Chinesen sich 21 Prozent der Anteile gesichert. Platz 4 Berkshire Hathaway Otte: Dank eines Rückkaufangebots Buffetts lediglich knapp über Buchwertgehandelt. Potential 30 Prozent. Festgeldersatz Platz 3 Enel Otte: breit aufgestellter Versorger, spottbillig wie der Italienische Markt. Platz 2 OMV Otte: Unter Buchwert gehandelt, KGV bei sechs, Dividendenrendite 4,5 Prozent.

3 Platz 1 Nestlé Otte: sicherste Aktie der Welt, derzeit fair bewertet. Das ist leicht gesagt. Otte: Aber es stimmt. Erst die Schmerzen, dann das Geld. Das hat schon André Kostolany gesagt. Und er hatte Recht damit. Auch heute noch. Müller: Es kommt darauf an, von welchen Anlegern wir sprechen. Wenn es um jemanden geht, der ein großes Vermögen hat und nur einen Teil davon, etwas riskanter anlegt, dann kann derjenige sicherlich auch mal Verluste von 30 Prozent aussitzen, bevor es wieder aufwärts geht. Aber jemand, der sein Leben lang hart gearbeitet hat, der kurz vor der Rente steht und dessen Altersvorsorge auf dem Spiel steht, der wird das anders sehen. Da fällt es mir schwer, zu sagen: Mensch, es geht halt mal runter, da musst du durch. Herr Müller, würden Sie die Finger von Aktien lassen? Müller: Nein. Aktien muss man haben. Was bleibt denn sonst? Bundesanleihen? Die Rendite gleicht nicht mal die Inflation aus. Festgeld? Soll ich einer Bank mein Geld für drei Jahre leihen, wo sich die Banken nicht mal trauen, sich untereinander Geld über Nacht zu leihen. Es bleiben nur Sachwerte, ganz vorne weg Aktien, Edelmetalle als Beimischung. Wichtig ist, dass man sein Depot absichert. Dann kann man auch beruhigt in den Urlaub fahren. Und wie könnte so eine Absicherung aussehen? Müller: Die Absicherung sollte so einfach wie möglich sein. Haben Sie überwiegend Aktien aus dem Dax? Dann kaufen Sie zusätzlich einen Verkaufs-Optionsschein auf den Dax; sozusagen als Notnagel für den Fall, dass Sie morgens aufstehen und der Dax eröffnet 700 Punkte tiefer. Im Moment ist alles möglich. Commerzbank? Die würde ich mit der Kneifzange nicht anfassen Otte: Ich sehe das anders. Absicherungsstrategien sind nichts für Anfänger. Da bedarf es Erfahrung, das muss man trainieren. Selbst wenn Sie sagen, sie halten die Strategien einfach, etwa über einen Index-Put, dann ist das immer noch kompliziert genug. Müller: Das ist kein Hexenwerk. Verkaufs-Optionen sind keine neue Erfindung von irgendwelchen Investmentbankern, die gibt es seit Jahrzehnten. Natürlich bedarf es Übung. Damit muss man sich dann eben mal ein Wochenende auseinandersetzen. Die wichtigsten Aktienstrategien Alles anzeigen Verluste rigoros begrenzen

4 Dirk Müller: "Machen Sie sich bereits vor dem Aktienkauf klar, was Ihr maximaler Verlust sein soll.[...] Sie kaufen doch, weil Sie glauben, dass eine Aktie steigt. Wenn Sie stattdessen aber fällt, müssen Sie sich schnellstmöglich eingestehen, dass Sie sich geirrt haben. Der Kauf war ein Fehler! Also sofort korrigieren und verkaufen. Der erste Verlust ist der kleinste." Gewinne laufen lassen Dirk Müller: "Lassen Sie einen Trend laufen, solange er anhält. [...] Je weiter Sie im Gewinn liegen, umso mehr Luft können Sie dem Kurs auch für kleinere Korrekturen nach unten gönnen, ohne sich gleich von der Aktie zu trennen. Haben Sie einmal das Glück, einen großen Kursanstieg mitzumachen, und Ihre Aktie hat sich verdoppelt, verkaufen Sie doch einfach die Hälfte und lassen den Rest weiterlaufen. Sie können jetzt gar nichts mehr verlieren, aber jede Menge gewinnen." Kaufen Sie nur, was Sie verstehen Dirk Müller: "Kaufen Sie Aktien von Unternehmen, deren Produkte Sie vielleicht sogar selbst verwenden und für gut erachten. Kaufen Sie Aktien von Spezialthemen aus Bereichen, in denen Sie sich auskennen und von denen Sie wissen, dass dieses oder jenes Unternehmen in Ihrer Branche einen guten Ruf hat [...]. Der Anteil Ihrer eher langweiligen Aktien mit langfristiger und nachhaltiger Ausrichtung und mit (hoffentlich) einer schönen Dividendenrendite sollte zehnmal so hoch sein wie der Anteil der kleinen Zockerbutzen." Wählen Sie die richtige Positionsgröße Dirk Müller: "Riskieren Sie an der Börse nur so viel Geld, wie Sie sich wirklich entspannt leisten können. Beobachten Sie die Position regelmäßig - bei engagierten Aktienfans kann das ruhig täglich sein, bei entspannten Langfristinvestoren sollte es aber ruhig einmal die Woche sein. [...] Doch Achtung: Auch eine zu kleine Position kann falsch sein, denn es besteht die Gefahr dass Sie die Position nicht ernst nehmen." Breit streuen Dirk Müller: "Niemals alle Eier in einen Korb legen - diese Börsenweisheit ist ebenso abgedroschen wie wahr. [...] Die ideal Depotgröße liegt irgendwo zwischen 7 und 15 Einzeltiteln - aber die sollten [...], sowohl branchenmäßig als auch regional gut gemischt sein." Der "Whipsaw"-Song Dirk Müller: "Sie können sich so schlecht Merksätze auch wirklich merken? Nun, da kann Ihnen geholfen werden. Denn [der US-Börsenhändler] Ed Seykota hat vor einigen Jahren ein wunderbares kleines Musikstück eingespielt, mit dem man sich diese Regeln auf ganz bezaubernde Weise eingeprägt" Sie finden es auf Youtube. Literatur Dirk Müller, Cashkurs: So machen Sie das Beste aus Ihrem Geld: Aktien, Versicherungen, Immobilien, erschienen am 12. September 2011 bei Droemer. Welchen Preis hat die Sicherheit? Otte: Absicherung kostet mächtig Rendite. Wenn sie sagen, ich sichere nur in wackeligen Märkten ab, wie wollen Sie denn wissen, wann die Märkte wackelig sind? Erst wenn es rumpelt, beginnen Sie doch in der Regel damit, sich abzusichern. Das ist meist zu spät. Müller: Die Absicherung kostet ein paar Prozent. Um maximale Renditen geht es mir im Moment aber gar nicht. Wichtig ist mir, dass die Leute kein Geld verlieren. Sie sollen ja auch nicht alles eins zu eins absichern. Eine hundertprozentige Absicherung gibt es sowieso nicht. Mit einem gewissen Restrisiko müssen wir leben. Wenn Du Auto fährst, dann weißt Du, dass das gefährlich sein kann. Deshalb verzichtest Du nicht auf das Autofahren, sondern legst einen Sicherheitsgurt an. Aber das heißt noch nicht, dass du keinen Unfall baust. Was ist denn Ihr Sicherheitsgurt, Herr Otte? Otte: Für mich ist der Preis einer Aktie die alles entscheidende Größe. Wenn ich günstig kaufe, dann habe ich mich abgesichert. Selbst wenn es dann nachher noch weiter nach unten geht mit dem Kurs. Dann sitze ich es eben aus oder kaufe nach. Wichtig ist für mich, anhand der fundamentalen Kennzahlen sagen zu können, eine Aktie günstiger gekauft zu haben als es ihrem wahren Wert entspricht. Dann fühle ich mich sicher. Die zweite Absicherung, die für mich ganz wichtig ist, sind die Dividenden.

5 Müller: Die Dividende wird von Anlegern völlig unterschätzt. Otte: Das interessiert die gar nicht. Müller: Das beste Beispiel ist die Telekom-Aktie. Die Leute jammern seit zehn Jahren über den Kurs. Dabei schüttet das Unternehmen jedes Jahr eine hohe Dividende aus. Wer die Dividende immer wieder in neue T-Aktien investiert hätte, hätte in den vergangenen zehn Jahren einen Ertrag von 73 Prozent erzielt. Welche Märkte in Europa sind besonders interessant? Otte: Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass die Börse in Griechenland den Boden gefunden hat. Wir haben Aktien von der griechischen Telekom OTE bei 1,60 Euro gekauft, dann fiel das Ding auf einen Euro. Ein dickes Minus. Wir haben daraufhin nachgekauft. Der Einstandskurs liegt nun bei 1,40 Euro, die Aktie steht jetzt bei 1,90 Euro, war sogar schon mal darüber. Müller: Griechenland ist natürlich völlig ausgebombt. Aber man weiß nie, wann die Kurse ganz unten sind an der Börse. Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass viele zu mir sagten, Mensch Müller, Commerzbank, was kann ich da bei vier Euro schon falsch machen. Ich sagte daraufhin, dass sich auch vier Euro halbieren können. Offenbar war die Annahme noch zu optimistisch. Otte: (lacht) Ich habe letzte Woche Commerzbank-Aktien gekauft. Müller: Ich würde die mit der Kneifzange nicht anfassen. Warum die Commerzbank? Otte: Es ist eine Option, die außerdem nicht mehr vier Euro kostet, sondern 1,30 Euro.

6 So schön die D-Mark auch war, zurückbekommen werden wir sie nicht, meint Otte. Quelle: Bernd Roselieb für Handelsblatt Der Euro war ein großer Fehler Müller: Gut, wenn einer damit zocken will, ist das okay. Geht die Bank Pleite, ist das Geld weg; funktioniert es, ist die Aktie irgendwann drei oder viermal so viel wert. Wenn das mein Spiel ist, dann ist das völlig legitim. Otte: Mir ist diese Option jedenfalls lieber als Ihre Put-Optionen. Warum würden Sie die Finger davon lassen, Herr Müller? Müller: Ich kann die Bank nicht einschätzen. Als sicheres Investment sollte man das jedenfalls nicht ansehen. Otte: Das ist eine Blackbox, stimmt. Aber die Bank ist systemrelevant. Ich glaube nicht, dass sie untergeht. Gute Value-Investoren sind oft auch gute Pokerspieler. Die wichtigsten Bankprodukte Alles anzeigen Sparbuch Dirk Müller: "Das Sparbuch ist eines der miesesten Produkte, das Ihnen Ihre Bank anbieten kann, Der geringen Zinsen von oft weniger als 1 Prozent gleichen nicht einmal die Inflationsrate aus. [...] Finger weg vom Sparbuch, und wenn der Bankverkäufer Ihnen wirklich zu diesem Produkt rät, sollten Sie spätestens hier über einen Bankwechsel nachdenken." Tagesgeldkonto Dirk Müller: "Moderner, flexibler und meist auch mit besseren Zinsen ausgestattet ist das Tagesgeldkonto. [...] Einschränkungen bei der Verfügbarkeit gibt es nicht. Tagesgeldkonten werden ebenso wie Sparbücher kostenlos geführt, und kaum ein Anbieter verlangt eine Mindestanlagesumme. Die Zinsen werden quartalsweise oder jährlich gutgeschrieben. Damit ist das Tagesgeldkonto der ideale Parkplatz für Ihr Geld, sei es für die schnell verfügbare eiserne Reserve oder für Beträge, über deren Anlage Sie erst in ein paar Wochen oder Monaten entscheiden wollen." Festgeldkonten Dirk Müller: "Mit einem Festgeldkonto entscheiden Sie sich für eine bestmmte Anlagedauer, die meistens zwischen drei Monaten und mehreren Jahren liegt. Während dieser Frist können Sie nicht auf Ihr Geld zugreifen und am Ende müssen Sie aufpassen: Viele Banken haben in ihren Festgeldverträgen die Klausel, dass sich Festgeld automatisch um den gleichen Zeitraum verlängert, wenn Sie nicht vor der Fälligkeit kündigen. [...] Bei der jetzigen Situation der Finanzmärkte machen Festgelder fast gar keinen Sinn. Der Zinssatz für Geld, das auf ein Jahr festgelegt wird, ist nur unwesentlich höher, als die ohnehin schon mickrigen Zinsen auf dem Tagesgeldkonto." Sparkonten mit steigendem Zins Dirk Müller: "Zwischen jederzeit verfügbarem Tagesgeld und den harten Festgeldern und Sparbriefen gibt es bei manchen Banken einen recht eleganten Kompromiss. Dieser nennt sich häufig 'Wachstumssparen' oder 'Zuwachssparen' und bietet bessere Zugriffsmöglichkeiten als der Sparbrief und höhere Zinsen als das Tagesgeld. [...] Je nach Anbieter liegen die Laufzeiten solcher Verträge zwischen drei und sieben Jahren. Gemeinsam ist allen Angeboten, dass sie mit einem Festzins ausgestattet sind, der Jahr für Jahr ansteigt. Für den Anleger ist dies ein Anreiz, sein Geld möglichst lange liegenzulassen." Ratensparpläne Dirk Müller: "Ratensparpläne von Banken sind - wen wundert's - vor allem für das regelmäßige Sparen auf längerfristig geplante Anschaffungen geeignet. Hier sollten Sie die Angebote sehr genau vergleichen, denn unter Umständen können scheinbare Nebensächlichkeiten handfeste nachteile bringen. Zum Beispiel bei den Modalitäten zur Monatsrate: Gut, wenn sie je nach Bedarf erhöht, reduziert oder auch mal für eine gewisse Zeit ausgesetzt werden kann, ohne dass Ihnen nachteile entstehen. Nicht alle Banken sind so flexibel." Literatur Dirk Müller, Cashkurs: So machen Sie das Beste aus Ihrem Geld: Aktien, Versicherungen, Immobilien, erschienen am 12. September 2011 bei Droemer. Lassen Sie uns über den Euro reden. Wie denken Sie über unsere Währung?

7 Müller: Der Euro war zu jenem Zeitpunkt ein großer Fehler. Otte: Da sind wir uns einig. Die Euro-Zone hat brutale Probleme. Sie war eine Fehlkonstruktion. Warum genau? Müller: Eine Währung muss zur Leistungsfähigkeit eines Landes passen. Wir haben die Währungsunion angefangen mit Staaten, die völlig unterschiedliche Voraussetzungen mitgebracht haben. Das passt einfach nicht mehr zusammen. Jeder weiß doch: Wenn die Griechen zur Drachme zurückkehren würden, würde die massiv abwerten. Das heißt aber im Umkehrschluss, dass der Euro viel zu stark ist für das Land. Otte: Griechenland muss raus. Mir wäre es recht, wenn sich auch Portugal oder Spanien herauslösen würden aus der Euro-Zone. Der Euro wird noch zwei bis drei Jahre halten" Herr Müller, sehen Sie das auch so? Müller: Diese Länder brauchen eine eigene Währung, die sie abwerten können, um wieder wettbewerbsfähig sein können. Wollen Sie zurück zur D-Mark? Otte: So schön die D-Mark auch war, zurückbekommen werden wir sie nicht. Den Euro wird es noch weiter geben, nur nicht in der heutigen Form. In den Medien wird immer wieder verbreitet wird, der Euro breche auseinander. Das ist falsch. Wir reden nicht über ein Auseinanderbrechen, sondern um Abbröckeln an den Rändern. Ein feiner Unterschied.

8 Müller ist sich sicher: Die Angriffe gegen den Euro kommen aus dem angelsächsischen Raum. Quelle: Bernd Roselieb für Handelsblatt Amerika hat kein Interesse an einem starken Euro Müller: Die Alternative wäre, dass Deutschland, Österreich, die Niederlande und Finnland aus der Euro-Zone austreten. Daraus könnte eine homogene Währungsunion werden, mit gemeinsamer Fiskal- und Steuerpolitik. Dann hätten wir einen Nord-Euro oder eine Guldenmark oder wie immer Sie das nennen wollen. Otte: Einen Nord-Euro wird es nicht ohne Frankreich geben, aus politischen Gründen, da würden die Franzosen, die uns schließlich den Euro eingebrockt haben, nicht mitspielen. Wir hätten dann ein echtes Problem der europäischen Integration. Da würden alte Vorbehalte und Antagonismen wieder hochkommen. Ich gehe davon aus, dass das Gezerre, wie wir es derzeit erleben, noch zwei bis drei Jahre so weitergehen wird. Wem können Sie trauen, wem nicht? Die Tipps von Dirk Müller. Alles anzeigen Die Politik Dirk Müller: Dass sich die Politiker gerne mal die Hucke voll lügen, dürfte hinlänglich bekannt sein. [...] Ich darf daran erinnern, dass der damalige Finanzminister Steinbrück noch im Sommer 2008 eine deutsche Rezession für vollkommen ausgeschlossen hielt und diesbezügliche Meinungen als 'typisch deutsche Schwarzmalerei' abtat? Wohl dem, der seine Investitionen nicht darauf gebaut hat... Die Wirtschaftsweisen Dirk Müller: Die Wirtschaftsweisen müssen es doch wissen, sollte man meinen. Immerhin beraten sie die Regierung. [...] Weit gefehlt. Unsere führenden Wirtschaftsforschungsinstitute haben noch im Herbst 2008 eine Rezession für Deutschland und die USA für unwahrscheinlich erklärt. Wir wissen heute, dass die Rezession in den USA offiziell vom Dezember 2007 bis Juni 2009 dauerte. Das bedeutet: Unsere führenden Wirtschaftsforschungsinstitute erkennen eine Rezession noch nicht einmal dann, wenn sie bereits seit einem halben Jahr tobt. Finanzmedien Dirk Müller: Ja, es macht Sinn, sie zu lesen, aber bleiben Sie kritisch. Glauben Sie nichts, was nicht mit Ihrer Wahrnehmung der Dinge übereinstimmt, und hinterfragen Sie alles. Stellen Sie sich vor allem die Frage: Von wem kommt diese Information und wem nützt sie. Börsenbriefe Dirk Müller: Es gibt einige gute, fundierte und seriöse Börsenbriefe, aber die Mehrzahl ist reine Geldmacherei. Besonders vorsichtig sollten Sie sein, wenn Sie kostenlose Börsenbriefe im Briefkasten oder im Maileingang finden. Was glauben Sie, warum sich der Herausgeber diese Mühe macht? Er sucht Dumme. Bankberater Dirk Müller: Der Bankverkäufer ist keineswegs der neutrale Notar, oder gar ihr guter Freund, der nur Ihr Wohl vor Augen hat. [...] Warum das so ist, erkennen wir, wenn wir uns mit seinem Arbeitgeber, der Bank, beschäftigen. Welche Aufgabe hat diese Bank? Ihre einzige Aufgabe besteht darin, Gewinn zu erwirtschaften. Gewinn für ihre Eigentümer und Aktionäre. Sie hat weder die Aufgabe, Gutes für die Gesellschaft zu tun, noch ist sie eine neutrale und staatlich finanzierte Beratungsgesellschaft für Leute, die keinen Plan von Finanzen haben. [...] Begegnen Sie ihm [dem Bankverkäufer] genauso, wie sie einem Autoverkäufer begegnen würden. Freundlich, informiert und in dem Bewusstsein, dass der nette Kerle, der Ihnen einen Kaffee anbietet, Ihnen im nächsten Moment verkauft, was vom Hof muss. Der beste Ratgeber... sind Sie selbst und Ihr Bauchgefühl. Kaufen Sie nichts, was Sie nicht wirklich verstanden haben. Hinterfragen Sie stets alles, und vertrauen Sie auf Ihre Lebenserfahrung und Ihren gesunden Menschenverstand, dann sind Sie besser dran als mit allen Expertentipps. Literatur Dirk Müller, Cashkurs: So machen Sie das Beste aus Ihrem Geld: Aktien, Versicherungen, Immobilien, erschienen am 12. September 2011 bei Droemer. Die Zeit drängt. Andere Nationen, allen voran Amerikaner und Briten, werden nicht müde, die

9 Europäer zu ermahnen, sich bei der Rettung ihrer Währung zu beeilen. Otte: Wenn man es nüchtern betrachtet, kann Amerika doch gar kein Interesse haben an einem starken Euro. Sie brauchen den Status des Dollar als Leitwährung, um ihren defizitären Außenhandel zu finanzieren. Und der Euro hat zwischen 2002 und 2011 jedes Jahr ein Prozent an den weltweiten Devisenreserven hinzugewonnen. Amerika hat also jedes Interesse, den Euro kaputt zu reden. Alles andere ist Gerede. Müller: Ganz genau. Schauen Sie doch nur die Rolle der Ratingagenturen an. Die Ratingagenturen gehören zu den mächtigsten Organisationen dieser Erde. Sie entscheiden, wer auf dieser Welt Geld bekommt und zu welchem Preis. Wie naiv ist es, anzunehmen, dass Amerika dieses scharfe Schwert nicht für sich einsetzt? Schauen Sie sich an, wer bei S&P das Sagen hat. Sie werden eine sehr enge Verbindung zur Politik erkennen Otte: Die Ratingagenturen sind reine Machtkartelle! Müller: Die USA setzen sie schamlos als machtpolitisches Instrument ein, um der Euro-Zone zu schaden. Immer bevor große Anleiheauktionen anstehen, dreschen die Ratingagenturen auf den Euro ein. Otte: Pam, immer drauf auf Euro. Aber die Probleme Europas sind hausgemacht. Das sagen Sie doch selbst. Müller: Wir sind uns einig, dass die Probleme Europas hausgemacht sind: Währungsunion ohne politische Union, eine Währung für völlig unterschiedliche Systeme, etc. Aber die Angriffe, die seit zweieinhalb Jahren gegen Europa laufen, die kommen sehr konzertiert aus dem angelsächsischen Raum. Die haben natürlich kein Interesse, dass hier eine Weltwährung entsteht, die den Dollar gefährden könnte. Wir sind in einem Währungskrieg. Klingt nach Verschwörungstheorie. Müller: Wir denken immer nur in ökonomischen Kategorien und übersehen vollkommen die geostrategischen Interessen. Jede Supermacht tut alles in ihrer Macht stehende, um ihre Macht zu erhalten. Jede Sauerei ist recht, um den Status zu erhalten. Das gilt auch für die USA. Meinen Sie im Ernst, dass man zuschaut, wie die Macht abwandert nur weil andere jetzt mal dran sind? Natürlich nicht. Otte: Wir Deutschen haben verlernt, in diesen Machtkategorien zu denken, zum Teil ist das auch richtig. Der Verzicht auf Weltpolitik schützt aber nicht vor deren Konsequenzen. Mit Verschwörungstheorien hat das überhaupt nichts zu tun. Wie dreist kann man sein? Müller: Spätestens wenn man sieht, dass Großbritannien weiterhin mit Triple-A bewertet wird, dann muss sich an den Kopf fassen. Geht s noch? Großbritannien ist das am höchsten verschuldete Land der Welt! Wie dreist kann man die Nummer noch durchziehen?

10 Otte: Es geht sogar noch dreister. Standard & Poor's beispielsweise hat Anfang der 2000er unaufgefordert deutsche Rückversicherer geratet. Schlecht geratet. Und dann haben sie einen Brief geschrieben, mit dem Hinweis, man solle sich doch von S&P beraten lassen, das wäre auch gut für das Rating. Ein reines Erpressungskartell ist das Beutegemeinschaften! Schauen Sie im Internet nach. Da finden Sie genug Informationen. Vielen Dank für das Interview. Dirk Müller: Der Börsenhändler arbeitete fast zehn Jahre lang direkt unter der großen Anzeigetafel mit der Dax-Kurve in der Frankfurter Börse. Die Fotografen lichteten ihn gerne vor der Tafel ab, denn sein Gesichtsausdruck passte meist zur Stimmung an der Börse. Doch Müller kann nicht nur die richtige Miene zum Dax machen, sondern hat auch etwas zu den Märkten zu sagen. Inzwischen kennen ihn viele auch als Buchautor. Max Otte: Der Leiter des Instituts für Vermögensentwicklung GmbH (IFVE) in Köln ist neben seiner Tätigkeit als Wirtschaftsprofessor in Graz auch als Autor und Herausgeber zahlreicher Bücher aktiv. Otte gilt als passionierter Value-Investor und großer Anhänger des weltbekannten US-Investors Warren Buffett. Er ist ständig auf der Suche nach unterbewerteten Aktien für seinen 2008 aufgelegten PI Global Value Fund Handelsblatt GmbH - ein Unternehmen der Verlagsgruppe Handelsblatt GmbH & Co. KG Verlags-Services für Werbung: (Mediadaten) Verlags-Services für Content: Content Sales Center Sitemap Archiv Realisierung und Hosting der Finanzmarktinformationen: vwd Vereinigte Wirtschaftsdienste AG Verzögerung der Kursdaten: Deutsche Börse 15 Min., Nasdaq und NYSE 20 Min.

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