Schlauer pumpen. Sind ihr Geld wert: die Schuldenmanagerin Nicole Hubrig aus Salzgitter. Text: Jens Tönnesmann Foto: Daniel Cramer

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1 Sind ihr Geld wert: die Schuldenmanagerin Nicole Hubrig aus Salzgitter Schlauer pumpen Schulden sind nicht gleich Schulden. Kommunen, die ihre Miesen clever managen, sparen Millionen. Allerdings gilt es dabei ein paar Regeln zu beachten. Text: Jens Tönnesmann Foto: Daniel Cramer 100 BRAND EINS 10/07

2 und ihr Chef, der Stadtkämmerer Ekkehard Grunwald. Beide vergrößern den finanziellen Spielraum der Stadt Salzgitter Dem Betonklotz in der Joachim-Campe-Straße in Salzgitter- Lebenstedt sieht man nicht an, dass in ihm Millionen gemacht werden. Das kastenartige Gebäude ist ein schmuckloser Bau mit langen Fluren, die Fassade ein langweiliges Grau in Grau. Aber in einem dieser Flure, in der Stadtkämmerei, wurden in den vergangenen vier Jahren rund 4,7 Millionen Euro gespart allein durch geschicktes Schuldenmanagement. Für eine finanziell gebeutelte Kommune wie Salzgitter ist das ein großer Erfolg: Zurzeit ist die Stadt, deren Einwohner sich auf 31 weit versprengte Stadtteile verteilen, mit rund 260 Millionen Euro in den Miesen. Geschicktes Umschichten hilft ihr dabei, diese Lasten zu reduzieren. Manche Großstadt hat das schon seit Längerem erkannt. So hat man etwa in München gestandene Finanzmarktprofis eingestellt und ein sogenanntes Schuldenmanagement eingerichtet. Die zuständige Abteilung in der Münchener Stadtverwaltung ist als Profit Center organisiert, das mehr erwirtschaftet, als es kostet. In Hannover ist das ähnlich: Auch dort sparen eine Kreditmanagerin und ihr Team Beträge in Millionenhöhe. Und das Beispiel Salzgitter zeigt, dass selbst kleinere Kommunen vom cleveren Umgang mit ihren Miesen profitieren können wenn sie die richtigen Leute finden und einige Regeln beachten. Regel 1: Kurz ist billiger als lang Hinter einer der Türen in dem langen Flur in Salzgitter sitzt Nicole Hubrig, die etwas schüchtern von sich sagt: Streng genommen bin ich in der Verwaltung eine Sachbearbeiterin aber Schuldenmanagerin trifft es besser. In ihrem Büro hängt ein Poster, auf dem viele Schlangenlinien zu sehen sind: Das Diagramm zeigt die Entwicklung der wichtigsten Börsenindizes, 3 BRAND EINS 10/07 101

3 SCHWERPUNKT: KLEINE SCHRITTE Zinssätze und Wechselkurse in den vergangenen Jahren. Die Finanzmärkte sind Hubrigs Arbeitsgebiet, Diagramme und Tabellen ihre wichtigsten Werkzeuge. Täglich klickt sich Hubrig in die Welt der Kredite und Derivate, scrollt sich durch Mitteilungen der Notenbanken, liest Börsenberichte und informiert sich über Konjunkturdaten. All das beeinflusst die Entwicklung der Zinssätze, sagt sie, also müssen wir all das beachten, wenn wir uns eine eigene Zinsmeinung bilden wollen. Öffentliche Verwaltung und eigene Meinung vielen erscheint das so unvereinbar wie ein grauer Anzug und pinkfarbene Turnschuhe. Über Jahrzehnte war es auch so. Die gängige Praxis war bis vor Kurzem, Kommunalkredite einfach prinzipiell mit einer Zehnjahresbindung aufzunehmen, sagt Ekkehard Grunwald, der Stadtkämmerer von Salzgitter. Die Politiker ermächtigten die Verwaltung zur Kreditaufnahme, etwa, wenn sie ein neues Schwimmbad finanzieren wollten und damit war die Sache für die kommende Dekade erledigt. Dieses passive Schuldenmanagement sorgte zwar für eine hohe Planbarkeit der Zins- und Tilgungszahlungen aber unter dem Strich kam es die Städte teuer zu stehen. Wenn Stadtkämmerer Ekkehard Grunwald verdeutlichen will, warum die öffentlichen Haushalte mit langfristigen Kreditverträgen in der Vergangenheit viel Geld verschenkt haben, zieht er ein Diagramm hervor. Es zeigt zwei Kurven im Zeitverlauf: Die blaue macht den Zinssatz von Krediten anschaulich, die über zehn Jahre aufgenommen werden. Die rote steht für den 3-Monats-Libor, also den Zinssatz von Krediten, die nach drei Monaten zurückgezahlt werden müssen. Beide Kurven haben zahlreiche Zacken: Mal schnellen sie nach oben, wie etwa während der zweiten Ölkrise 1979/80, als beide Zinssätze bei mehr als zehn Prozent lagen. Die meiste Zeit aber schlagen sie im Gleichtakt nach un- ten und oben aus und nähern sich in einem munteren Auf und Ab der Gegenwart. Fast durchgängig läuft die blaue Kurve, die den Zinssatz für langfristige Kredite anzeigt, oberhalb der roten, sind also langfristige Kredite teurer als kurzfristige. Nur selten ist es für kurze Zeit umgekehrt: Sogenannte Inversionen, in denen die kurzfristigen Kredite teurer sind als die langfristigen, kommen vor allem in Krisensituationen vor, wenn das Geld plötzlich knapp wird. So geschehen etwa in der Finanzkrise, die in diesem Sommer begann. Abgesehen davon war es in der Vergangenheit meist billiger, kurzfristige Kredite aufzunehmen. Kurz ist billiger als lang lautet dafür die einfache Formel in Grunwalds Sprachgebrauch. Kurz ist aber auch flexibler als lang: Wenn die Zinsen fallen, können wir viel schneller reagieren als bei langfristigen Krediten, sagt die Schuldenmanagerin Hubrig. Außerdem könne man nach drei Monaten einfach die Bank wechseln und die Kredite umschulden, wenn es irgendwo billigere Darlehen gibt. Und für den Fall, dass die Zinsen auf einmal steigen, könne man sich mit Derivaten absichern Finanzmarktinstrumenten also, die beispielsweise einen Festzins garantieren. Regel 2: Lege nie alle Eier in ein Nest Allerdings kann so etwas auch nach hinten losgehen, denn die Welt der Derivate also der Finanzinstrumente, die von den klassischen Anlagen wie Aktien oder Anleihen abgeleitet sind wird immer komplexer. Das ist nicht ganz ungewollt: Je nebulöser die Angebote, desto leichter fällt es den Banken, die Derivate verkaufen, ihre Margen zu erhöhen. Erst kürzlich mussten Städte wie Hagen und Neuss das leidvoll erfahren: Sie hatten auf einen

4 GROSSE WIRKUNG: SCHULDENUMSCHICHTER Spread Ladder Swap der Deutschen Bank gesetzt, der einer Wette auf die Differenz zwischen Zinsen für Kredite mit zehn Jahren Laufzeit auf der einen und zwei Jahren Laufzeit auf der anderen Seite gleicht. Als die Differenz schrumpfte und sich schließlich sogar ins Negative verkehrte, der langfristige Zins also unter den kurzfristigen sank, gerieten die Städte mit Millionenbeträgen in die Verlustzone. Das hat für schlechte Presse und ordentlich Ärger gesorgt und das gerade erst entdeckte Schuldenmanagement in Verruf gebracht. Finanzexperten und Vertreter vom Bund der Steuerzahler warnen die Städte davor, an den Märkten die Gelder ihrer Bürger zu verzocken. In Salzgitter hat man dem allerdings von Anfang an einen Riegel vorgeschoben: Externe Berater haben seitenlange Dienstanweisungen erarbeitet, die Spekulationsgeschäfte praktisch unmöglich machen. Deswegen konnte der umstrittene Spread Ladder in Salzgitter keine klaffenden Löcher reißen, obwohl auch Nicole Hubrig und Ekkehard Grunwald einen Teil des Kreditportfolios damit abgesichert hatten. Gleichzeitig bauten die beiden aber Gegengewichte auf, um die Risiken auszugleichen. Wenn jetzt der Spread Ladder nicht gut läuft, dann laufen die anderen Derivate umso besser, erklärt Grunwald. Kürzlich konnte die Schuldenmanagerin Hubrig den kostspielig gewordenen Spread Ladder komplett abstoßen und den Verlust mit Überschüssen aus anderen Deals ausgleichen. Man muss diversifizieren und sein Risiko streuen, sagt Grunwald. Oder einfach gesagt: Lege nie alle Eier in ein Nest. Dann kann sich Schuldenmanagement auch langfristig lohnen und die ganze Abteilung refinanzieren. Denn die richtigen Experten zu finden fällt gerade kleineren Kommunen schwer. Und eigene auszubilden ist nicht billig. So hat etwa das zweiwöchige Seminar, bei dem die studierte Ökonomin Hubrig den Umgang mit Derivaten lernte, die Stadt rund Euro gekostet. Angesichts der kritischen Haushaltslage eine Summe, die nicht so einfach lockerzumachen ist. Zum Glück hätten aber auch die Politiker in Salzgitter erkannt, dass sich Investitionen in ein gutes Schuldenmanagement auszahlten, meint Grunwald. Abgesehen davon, dass solche Schulungen Pflicht sind, sind sie gemessen an dem, was wir hinterher sparen, preiswert. Regel 3: Tu nichts, was du nicht selbst verstehst Szenenwechsel. Auch das Verwaltungsgebäude an der Röselerstraße in der Innenstadt von Hannover ist ein grauer Klotz mit grauer Fassade und grauen Säulen vor dem Eingang nur ist er etwas größer als der Kasten im östlich gelegenen Salzgitter und seine Flure sind länger. Passend dazu sind die Kredite, die in der Landeshauptstadt Niedersachsens gemanagt werden, gewaltiger: Mit 1,3 Milliarden Euro, aufgeteilt auf etwa 350 Einzelkredite, umfassten sie Ende vergangenen Jahres etwa das Fünffache der Schulden von Salzgitter. Man gewöhnt sich eigentlich schnell daran, jeden Tag Millionenbeträge hin- und herzuschieben, sagt Kirsten Bitsch, die Schuldenmanagerin, die in Hannover fürs Drücken der Zinskosten zuständig ist. Man darf nur nicht auf die Idee kommen, die Dimensionen aufs Private zu übertragen. Auch Bitsch hat Erfolg: In den Jahren von 1995 bis 2006 sank der Durchschnittszins, den die Stadt für ihre Kredite zahlt, von rund 7 auf 4,3 Prozent. Ausschlaggebend dafür waren zum einen allgemein sinkende Zinsen aber auch das Schuldenmanagement, bei dem Bitsch von einem ehemaligen Bankangestellten unterstützt wird. 3

5 SCHWERPUNKT: KLEINE SCHRITTE GROSSE WIRKUNG Der Banker und seine Chefin: Leonidas Valtis und Kirsten Bitsch. Gemeinsam sparen sie für Hannover Der junge Mann, der in Hannover die Märkte beobachtet, heißt Leonidas Valtis. Er hat erst Finanzierung und Investmentbanking studiert und dann bis 2005 für eine Bank gearbeitet, bevor er in Hannover als sogenannter Liability Manager anheuerte. Auch in seinem Büro hängen Diagramme mit Kurven; auf dem Schreibtisch liegt das Handbuch derivativer Instrumente. Spezielle Computerprogramme erinnern ihn permanent an Kredite, die auslaufen, und an Zahlungen, die fällig werden. Am Bildschirm verfolgt er über einen Nachrichtenagenturzugang den Herzschlag der Finanzmärkte. Wie in Salzgitter verschmelzen an seinem Schreibtisch alle Marktbewegungen zu einer Zinsmeinung, aus der Valtis und Bitsch dann eine Strategie und eine Risikoanalyse entwickeln. Bevor wir ein Derivat einsetzen, sagt er, stellen wir drei Szenarien auf: eine Worst-Case-Betrachtung, ein wahrscheinliches Szenario und einen Best-Case-Fall. Alles wird schriftlich festgehalten und von Valtis Kollegen kontrolliert. Wir haben eine große Verantwortung gegenüber unseren Bürgern, versichert Kirsten Bitsch ernst. Wir reagieren nicht auf die Launen der Märkte. Und wir spekulieren nicht. Für die beiden Hannoveraner ist das Spekulationsverbot eine der Grundregeln, die auch anderen Schuldenmanagern helfen können, im Dschungel aus Derivaten, Krediten und Laufzeiten den Überblick zu behalten. Eine andere lautet: Tu nichts, was du nicht selbst verstehst, sagt Leonidas Valtis. Und gehe prinzipiell kein unbegrenztes Risiko ein. Wer externe Beratung in Anspruch nehme, sollte sich stets eine zweite Meinung einholen. Außerdem müssten Kredite prinzipiell ausgeschrieben werden. Und schließlich gelte es, immer auf dem Laufenden zu bleiben mit Schulungen, auf Tagungen und in Seminaren. Der Markt lebt und atmet, sagt Valtis. Da kann man nicht einfach die Luft anhalten. Klare Regeln, eine solide Strategie und Durchblick das sind die Grundlagen von gutem Schuldenmanagement. Erst wenn sich in Salzgitter Schuldenmanagerin Nicole Hubrig und Stadtkämmerer Ekkehard Grunwald ihrer Meinung sicher und der Risiken bewusst sind, schreibt Hubrig Kredite und Sicherungsgeschäfte aus, vergleicht die Angebote der Banken und erteilt dann dem günstigsten Institut den Zuschlag. Wenn man hinterher sieht, dass man mit seiner Zinsmeinung richtig lag, sagt Hubrig, dann ist das schon ein gutes Gefühl. Regel 4: Erst Schulden tilgen, dann Überschüsse anlegen In diesem Jahr können sich Hubrig und Grunwald besonders gut fühlen. Denn sie bekommen aus einer anderen Quelle unerwartete Hilfe beim Sparen: Die steigenden Gewerbesteuereinnahmen spülen Millionen in die ausgetrocknete Stadtkasse. Auch in einer solchen Situation zahlt sich das Schuldenmanagement aus. Wenn wir nur langfristige Kredite hätten, könnten wir die nicht einfach so zurückzahlen, sagt Hubrig, sondern müssten hohe Vorfälligkeitsentschädigungen leisten. Die kurzfristigen Kredite kann sie dagegen nach spätestens drei Monaten tilgen. Und wenn dann langsam der Kreditbestand sinkt, kann Hubrig auch nach und nach Derivate verkaufen, die nicht mehr gebraucht werden manchmal mit erheblichen Überschüssen. In Salzgitter fängt Stadtkämmerer Grunwald deswegen schon mal ganz leise an zu träumen: Wenn wir jetzt noch mal drei fette Jahre erleben wie dieses, sagt er, müssten wir aus unserer Schuldenmanagerin eine Treasury Managerin machen. Denn bisher sind wir im Anlagebereich zugegebenermaßen noch etwas schwach BRAND EINS 10/07

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