Der breite Buckel der Neuen Welt

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1 SWR2 MANUSKRIPT ESSAYS FEATURES KOMMENTARE VORTRÄGE SWR2 Wissen Der breite Buckel der Neuen Welt 4. Folge der Reihe: Heißersehntes Amerika. Auf den Spuren deutscher Auswanderer Von Udo Zindel und Bert Heinrich Sendung: Dienstag, 7. Juli 2015, 8.30 Uhr Redaktion: Detlef Clas Regie: Alexander Schuhmacher Produktion SWR 1998 Bitte beachten Sie: Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt. Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR. Mitschnitte auf CD von allen Sendungen der Redaktion SWR2 Wissen/Aula (Montag bis Sonntag 8.30 bis 9.00 Uhr) sind beim SWR Mitschnittdienst in Baden-Baden für 12,50 erhältlich. Bestellmöglichkeiten: 07221/ SWR 2 Wissen können Sie ab sofort auch als Live-Stream hören im SWR 2 Webradio unter oder als Podcast nachhören: Manuskripte für E-Book-Reader E-Books, digitale Bücher, sind derzeit voll im Trend. Ab sofort gibt es auch die Manuskripte von SWR2 Wissen als E-Books für mobile Endgeräte im so genannten EPUB-Format. Sie benötigen ein geeignetes Endgerät und eine entsprechende "App" oder Software zum Lesen der Dokumente. Für das iphone oder das ipad gibt es z.b. die kostenlose App "ibooks", für die Android-Plattform den in der Basisversion kostenlosen Moon-Reader. Für Webbrowser wie z.b. Firefox gibt es auch so genannte Addons oder Plugins zum Betrachten von E-Books. Kennen Sie schon das Serviceangebot des Kulturradios SWR2? Mit der kostenlosen SWR2 Kulturkarte können Sie zu ermäßigten Eintrittspreisen Veranstaltungen des SWR2 und seiner vielen Kulturpartner im Sendegebiet besuchen. Mit dem Infoheft SWR2 Kulturservice sind Sie stets über SWR2 und die zahlreichen Veranstaltungen im SWR2-Kulturpartner-Netz informiert. Jetzt anmelden unter 07221/ oder swr2.de 1

2 MANUSKRIPT / Musik Ansage: Der breite Buckel der Neuen Welt, Folge vier der Reihe Heißersehntes Amerika auf den Spuren deutscher Auswanderer. Von Udo Zindel und Bert Heinrich. Ein weiter Talgrund in der kalifornischen Küstenkordillere, eine Autostunde von San Diego. Saftige Wiesen, Eichen- und Kiefernwäldchen, dahinter felsdurchsetzte Hügelzüge. Unsere Vater-und-Sohn-Expedition in Sachen Familienforschung hat den äußersten Westen der Vereinigten Staaten erreicht. Es ist nur noch ein Katzensprung bis zum Pazifik und jetzt Ende November noch sommerlich warm. Mein Urgroßonkel Charles Herzog und ein paar Dutzend Kameraden des Dritten U.S. Artillerie-Regimentes schlugen in diesem Tal ihre Zelte auf, Mitte März Sie waren als Eskorte einer Vermessungsexpedition abkommandiert ihr erster Einsatz seit der Ankunft im legendären Goldland. Der Auftrag: Eine transkontinentale Eisenbahnroute durch die Wüsten und Gebirge des Südwestens zu erkunden. In einer Baumgruppe am Talrand versteckt sich die spanische Missionskirche Santa Isabel. In ihrer Nähe lagen die Weidegründe, auf denen sich die Maultiere und Pferde noch einmal Fett an die Rippen fraßen, bevor die Expedition aufbrach: Ein Leutnant vom Topographischen Ingenieur-Corps an der Spitze, fünf Landvermesser und Assistenten, ein Arzt und Geologe, und die paar Dutzend Soldaten der Eskorte. Wir haben topographische Karten im Maßstab 1: gekauft, um ihre Marschroute im Gelände verfolgen zu können. Der Leihwagen ist randvoll getankt, hinter Fahrer- und Beifahrersitz stecken drei Plastikkanister mit je einer Gallone Wasser für alle Fälle. Die Straße, die noch immer den Namen Great Southern Overland Trail trägt, ist kaum befahren. Mal folgt sie direkt dem historischen Verlauf, mal sehen wir die Spuren des Trails in der Ferne liegen, ein schmales Band, das sich immer wieder im Gelände verliert. 2

3 Einen Tag lang sind sie noch im wasserreichen Gras- und Waldland der Berge unterwegs. Am zweiten Tag bereits erreichen sie die untere Baumgrenze, stets an Höhe verlierend. Die Wälder bleiben zurück, sind bald Erinnerung. Das Gras dünnt aus, bis es nur noch in Büscheln steht. Ein paar Wegstunden weiter verschwinden auch die. Wir schließen die Fenster des Autos und schalten die Klimaanlage ein. Wenig später treten die Bergzüge der Kordillere zurück. Sie lösen sich in isolierte Hügel auf, wie Inselketten, die hinter dem Horizont verschwinden. Am Carrizo Creek, einem Bächlein, das sich aus den fernen Bergen speist, erreichen sie den Rand der Wüste. Ein Meer von Stein, in Grau-, Rot- und Ockertönen. / Musik Die Hitze ist unerträglich. Am 3. Juni 1855, gegen 11 Uhr morgens, beobachten die Expeditionsteilnehmer von ihrem Lagerplatz aus, wie der Carrizo Creek aus seinem Bett verschwindet. Es liegt still und trocken, bis sich um etwa vier Uhr nachmittags wieder ein dünnes Rinnsal zeigt. Sie geben auf, tagsüber zu reisen, vermerkt der Expeditionsbericht knapp. Ihre langen Märsche beginnen mit dem ersten Anflug kühlerer Luft in den späten Abendstunden und ziehen sich tief in die Nacht, bis sie den nächsten Brunnen, das nächste Wasserloch erreichen. "Während des Marschierens verliere ich mich oft in Träumen von der Heimat", schreibt ein deutschstämmiger Soldat dieser Zeit, der auf ähnlichen Expeditionen unterwegs ist, "Meine Beine bewegen sich mechanisch, meine Augen sind geöffnet, aber meine Gedanken schweifen weit fort." Charles erwähnt der Familie gegenüber nur, dass sie über einen halben Erdteil marschieren. Je mühsamer sein Leben, je größer die Entbehrungen, so scheint uns, desto wortkarger wird er. Sein Bruder Friedrich in New Orleans ist es, der über ihn nach Stuttgart berichtet: Fred Herzog: Hier hatte er vieles auszustehen von der Sonnenhitze und dem Mangel an Wasser, mußte mehrere Deserts passieren, tagelang durch glühenden Sand marschieren, und wenn er dann abends ins Camp kam oft noch Schildwache stehen, und die Pferde und Maulthiere hüten. Die Nächte sind kühl und die Sterne so zahlreich, dass das Licht aus dem hellsten Teil der Milchstraße zarte Schatten wirft. Schauer von Meteoriten gehen über den Reisenden nieder. Jeder Morgen ist wolkenlos, die Luft klar wie Kristall. Schon bei Sonnenaufgang zeigt das Thermometer 30 Grad. Ein paar Stunden später müssen sie Schatten unter ihren Zelten und Wagen suchen, doch Schlaf und Erholung sind dort kaum zu finden. Während der Nachmittage, mit ihrem gleißend weißen Licht, messen sie 45, 46, 47 Grad im Schatten. 3

4 Fred Herzog: Als sie in einem grasreichen Thale einige Tage rasteten, weil die Pferde und Maulthiere nicht mehr weiter konnten, sondern zusammenstürzten, kam eines Morgens während des Frühstücks ein Haufe Apache-Indianer ins Lager gesprengt, und wollten die Maulthiere wegtreiben, wurden aber verhindert, indem sogleich Alarm gemacht wurde, und so schnell als sie kamen, wurden sie wieder vertrieben. Abends wurden zwölf Mann zu einem Streifzug ausgeschickt, konnten aber keinen Indianer finden. Weiter wurden sie nicht beunruhigt, mußten aber doch stets auf der Hut sein. Wir cremen uns die Gesichter ein, Sonnenschutzfaktor 20, setzen Schirmmützen und Sonnenbrillen auf und hängen Wasserflaschen an die Gürtel. Zwei Stunden lang halten wir in die Wüste hinein, auf der Suche nach einem der Lagerplätze entlang des Trails. Die Tuschelinien der alten Militärkarten, die wir im Nationalarchiv in Washington kopiert haben, passen nicht zur heutigen Landschaft. Der Gila-Fluss, der zu Charles Zeiten über Meilen hinweg an einem undurchdringlichen Gürtel von Auwald zu erkennen war, ist spurlos verschwunden. Anfang des Jahrhunderts schon wurde er am Oberlauf abgedämmt und auf Farmland umgeleitet. Sein Bett entdecken wir schließlich als flache, staubtrockene Rinne, die sich nur mit Mühe im Gelände verfolgen lässt. Wir haben die Augen ständig am Boden. Zwischen Staub und Granitgrus plötzlich Tonscherben: erdfarbene indianische Keramik. Ein paar Schritte weiter Eisenteile, bis zur Unkenntlichkeit verrostet. Und dann ist der Wüstenboden mit Fundstücken übersät: Ein Pfeifenkopf aus rötlichem Ton mit dem Stempel "Weil & Company", der von der Sonne verfärbte Hals einer mundgeblasenen Flasche, oxidierte Patronenhülsen, die grünspanbesetzte Niete einer derben Jeans: Wir haben Maricopa Wells gefunden, damals einer der wichtigsten Lagerplätze entlang des Trails. Die Expedition lagerte hier im Schatten von Mesquite-Bäumen, in der Nähe reichlich Gras und Schilf, an dem sich die Zug- und Packtiere endlich wieder satt fressen konnten. Zu beiden Seiten des Gila reihten sich bewässerte Felder, auf denen Pima-Indianer Mais und Baumwolle anbauten, Bohnen, Kürbisse und Melonen. Ende November, nach einem halben Jahr und Meilen zu Fuß, kehren die Expeditionsteilnehmer unversehrt zurück nach San Diego. Der Karriereoffizier vom Topographischen Ingenieur-Corps dankt in seinem Bericht ausführlich allen beteiligten Vermessern. Die Soldaten, die die Expedition begleitet und beschützt haben, erwähnt er mit keinem Wort. 4

5 Die Wüste scheint Charles Herzogs Schicksal. Nur sechs Wochen nach den Gewaltmärschen der Expedition ist er wieder hunderte von Meilen zu Fuß unterwegs. Seine Einheit wird nach Fort Yuma versetzt, das sie schon bei der Vermessungsaktion passiert hatten, man nennt es auch "hell's outpost" - dem Vorposten der Hölle. "Es ist unmöglich, sich einen weniger einladenden Wohnort auszudenken als diese kleine Erhebung aus zerbröckelndem Trachyt", schreibt ein Assistenzarzt des Regimentes über den Posten. Was aus der Ferne wie eine trutzige Festung aussieht, entpuppt sich, näher besehen, als verstreute Ansammlung einstöckiger Baracken. Hier müssen sie nicht mehr gegen die Indianer zu Felde ziehen, deren Widerstand seit Jahren gebrochen ist. Hier kämpfen sie gegen Langeweile und Heerscharen roter Ameisen und gegen die langen Sommer. Bäume gedeihen nicht, Rasenflächen sind eine schiere Unmöglichkeit. "Der Erdboden des Paradeplatzes ist von aschgrauer Farbe," erzählt der Assistenzarzt, "die die Augen so blendet, dass es eine Erleichterung ist, am Flaggenmast nahe der Abhangs zu stehen und auf das Grün hinabzuschauen, das die Auen bedeckt." Assistant Surgeon Lauderdale: Man sieht, trotz Temperaturen von 40 Grad und mehr, kaum Schweiß auf der Haut. Sie wird trocken und spröde und das Haar brüchig. Möbel, die im feuchten Norden zusammengesetzt und hierher transportiert wurden, fallen auseinander. Tusche trocknet so rasch an der Feder, daß man sie alle paar Minuten abwaschen muß. Zeitungen sollte man sehr vorsichtig aufblättern. Wenn man zu grob mit ihnen umgeht, bricht das Papier. Das Thermometer erreichte seinen Höchststand letzten Sommer am 2. Juli, als es zwei Stunden lang bei 113 Grad Fahrenheit stand. Uhren brannten wie frischgekochte Eier in den Taschen, die Schnüre der Hängematten glühten wie heißer Draht. An solchen Tagen scheint die Luft aus dem Feuerloch eines Ofens zu kommen. Charles ist jetzt 37 Jahre alt. Er spürt die Entbehrungen der letzten Jahre. Ein paar Wochen nach seiner Ankunft wird er ins Hospital des Forts eingewiesen. Diagnose: Emphysema nodosum eine durch Streptokokken verursachte Hautkrankheit mit schmerzhaften Schwellungen an den Beinen. Drei Wochen strenge Bettruhe werden verordnet, weil die Krankheit auch auf das Herz schlagen kann. 5

6 Einen Monat später liegt er wieder im Hospital, diesmal wegen Skorbut. Sie versuchen, ihn mit dem Saft von Limonen zu kurieren und buchstabieren seinen deutschen Namen falsch in den medizinischen Akten. Am 30. Juni 1857 berichtet er der Familie: Charles Herzog: In unserem Soldatenleben hier ist beinahe ein jeder Tag wie der andere und hier in der Wildniß, wo Indianer und Prärie-Wölfe unsere einzigen Nachbarn sind, gibt es nicht viel Stoff zum Schreiben. In großen Städten oder vor Palästen brauchen sie in Amerika keine Soldaten, aber an den Grenzen der Civilisation, um halbverhungerte Indianer zurückzuhalten. Die Indianer hier haben überhaupt ein erbärmliches Leben; ihre Nahrung besteht aus den Bohnen einer Art Akazien, wo sie Mehl daraus bereiten, aus Kürbissen und Melonen. Die Akazien wachsen wild in Masse, Melonen und Kürbisse können sie aber blos pflanzen, wenn der Colorado Fluß hoch wird und wenn dies nicht geschieht, so entsteht Mangel und Hunger. So lange sie noch etwas zu nagen haben sind sie ruhig, entsteht aber Hungersnoth unter ihnen, dann belagern sie unser Fort und verlangen Lebensmittel, welche ihnen auch in reichem Maße gegeben werden; überhaupt wird von der Regierung darauf gesehen, sie freundlich zu erhalten und sie so viel als möglich der Civilisation nahe zu bringen. Es ist eine harte Strafe darauf gesetzt, einen zu beleidigen oder in Streitigkeiten mit ihnen zu fallen. Die Briefe, die Charles an die Familie im heimatlichen Stuttgart schickt, sind weniger lang unterwegs als Post an seinen jüngeren Bruder Friedrich in New Orleans Meilen Wildnis trennen die beiden Auswanderer Wüsten, Hochgebirge, Prairien, Wälder, Sümpfe. Wenigstens zwei Monate ist ein Brief unterwegs, wenn die Postreiter nicht überfallen werden. Friedrich lebt als angestellter Gärtner in der großen Hafenstadt am Unterlauf des Mississippi. Er zieht Gemüse und Blumen, die, zu Sträußen gebunden, an die Reedereien der großen Flussdampfer verkauft werden. Einer unter Tausenden deutschen Landsleuten in New Orleans, die sich als Tagelöhner, Arbeiter oder Handwerker durchschlagen. Sie haben einen schweren Stand: Mitte der 1850er Jahre erreicht die Zahl der Einwanderer Rekordhöhe. Unter den Hunderttausenden, die mit Kisten und Koffern an den Schiffsländen ankommen, sind vor allem Iren und Deutsche, geflohen vor Hunger, Armut und Unterdrückung in ihrer Heimat. Sie werden verspottet wegen ihres rauen, schwer verständlichen Akzentes und ihrer Ahnungslosigkeit, was die Gebräuche der Neuen Welt betrifft. Sie werden verachtet, weil die meisten bitterarm sind, kaum lesen und schreiben können und katholischen Glaubens sind, hier, im Lande fanatischer Protestanten. 6

7 Eine Welle militanten Fremdenhasses brandet durch die Vereinigten Staaten, geschürt von allen, die vom endlosen, bitteren Streit um die Sklaverei ablenken wollen. New Orleans zerfällt in zwei bis aufs Messer verfeindete Lager: Wohlhabende Bürger, denen die Einwanderungsgesetze zu liberal sind, gründen den Geheimbund der Know-Nothings, dessen Mitglieder auf jede Frage nach den Zielen ihrer Organisation antworten: I know nothing about it! Ich weiß nichts darüber! Der Orden, der rasch zu einer politischen Partei wächst, steht nur Amerikanern offen, deren Eltern bereits in den Vereinigten Staaten geboren wurden. Jedes Mitglied muss schwören, alles in seiner Macht Stehende zu tun, um den politischen Einfluss Neuzugewanderter abzuwehren und den römischkatholischen Glauben zu bekämpfen. Alle verpflichten sich, nur Kandidaten in politische Ämter zu wählen, die als Sons of the Soil ausgewiesen sind als Söhne amerikanischer Erde. An Wahltagen ziehen Rowdies ungeniert durch die Straßen, die Hände mit Taschentüchern umwickelt, unter denen sie Schlagringe und Steinschleudern verbergen. Der Weg zu den Wahllokalen führt oft durch enge Gassen, in denen bewaffnete Anhänger der Know Nothings warten ein Spießrutenlauf für Einwanderer, die ihr Wahlrecht im Land der Freiheit wahrnehmen wollen. Immer wieder ist der Ruf zu hören Raus aus den Wahllokalen, Ihr verdammten deutschen und irischen Hurensöhne! Friedrich Herzog: New Orleans, December Theuerster Vater und Geschwister! Lange schon wollte ich Euern Brief beantworten, konnte aber leider nie dazu kommen. Unentschlossen, hier zu bleiben, oder nach Californien zu gehen, arbeitete ich zwei Monate bei einem Freunde, welcher sich einen Garten pachtete. Dieser wurde bei der letzten Präsidentenwahl (am 4. November) auf dem Heimwege vom Wahlplatze am hellen Tage in einer gangbaren Straße, nahe bei seiner Wohnung, von einigen Schurken erschoßen. Vergeblich warnte ich ihn noch eine Stunde vorher nicht an der Wahl Theil zu nehmen, da es allen Anschein hatte, daß es nicht ohne Streitigkeiten ablaufen werde. Ehe ich mich versah war er aus dem Hause, um nicht mehr zurück zu kommen. Die Thäter sind noch nicht ermittelt worden. Mein Freund hinterließ eine Frau mit drei kleinen Kindern. Vor einigen Tagen bekam ich einen Brief von Karl, er schreibt, daß er immer noch im Fort Yuma wäre und es ein höchst langweiliges Leben sei, fast unerträglich wenn sie nicht von Zeit zu Zeit von den Indianern aus ihrer Ruhe gestört würden. Letztere sollen gegenwärtig sehr kriegerisch gesinnt sein, und ihre Gesichter (wie Karl schreibt) fingerdick mit allen Regenbogenfarben bemalt haben. Doch meint er sei keine Gefahr, indem sie im Fort ungefähr 220 Mann stark wären und mit Kartätschen bald die Rothhäute verscheuchen würden. Besser ist es aber jedenfalls für ihn ein Friedens-Soldat zu sein. 7

8 Im heimatlichen Stuttgart erwarten Nachbarn und Bekannte seit Jahren Erfolgsmeldungen der beiden Auswanderer. Sie verstehen nicht, dass Karl, der Schriftsetzer gelernt hat ein anspruchsvolles Handwerk sich als einfacher Soldat in der Wildnis die Stiefelsohlen durchmarschiert, dass Friedrich in der Neuen Welt immer noch als angestellter Gärtner arbeitet, wie schon in der Heimat. Friedrich Herzog: Bekrittelt hat man uns, das glaube ich wohl, doch kümmert es uns nicht. Ein anderer möge versuchen, in einem fremden Lande, fremde Sprache, fremdes Klima, sich anzugewöhnen, zuerst von klimatischen Krankheiten geplagt, sich selbst durchzuhelfen, und auf ehrliche Art etwas zu erwerben. Unversucht schmeckt nicht! Im Wasser lernt man schwimmen! Dem Vorwurf, den man mir allenfalls machen könnte, daß ich nichts für mich selbst unternommen habe, antworte ich: Weil ich nicht wollte, und wenn ich allein mein Geschäft betreiben müßte, hätte ich mehr Beschwerden denn ich so habe. Der Markt ist hier der einzige Platz, um Pflanzen, Blumen oder Gemüse zu verkaufen. Fremden Leuten kann man nichts anvertrauen und im Garten und auf dem Markt kann man nicht zugleich sein, daher geht es für einen ledigen Mann nicht gut. / Musik Friedrich lebt noch immer alleine. Vor einer Heirat scheint er zurückzuschrecken, in seinen Briefen finden sich zumeist nur abschätzige Bemerkungen über Frauen. Er wohnt, wie die meisten Deutschen in Little Saxony, dem Kleinen Sachsen, flussab vom französischen Viertel von New Orleans. Hier speist man im Restaurant Zum Schwan oder im Gasthaus Die Fliege, das auf einer handgemalten Tafel Good German Sausage verheißt: Blut- und Leberwurst, Nürnberger Rostbratwürste, Braunschweiger, Frankfurter, Regensburger was der Gaumen eines Ausgewanderten begehrt. Zu einem Gespräch unter Freunden trifft man sich in Fabachers Kaffeehaus mit Bierausschank, im Hambacher Schloß in der Exchange Alley, oder in der Columbia Bierhalle von Charles Mattern. Wer es sich leisten kann, bestellt, statt billigem City Beer, Culmbacher Waldschlösschen oder Münchner Bock, importiert aus den Fürstentümern der alten Heimat. / Musik Was sich dort und in der Neuen Welt zuträgt, erfährt man aus der Louisiana Staats-Zeitung, dem New Orleanser Tagblatt, dem Deutschen Courier, dem Kathmannschen Arbeiterblatt oder dem Communist alle in der Muttersprache gedruckt. An Sonntagnachmittagen locken deutsche Biergärten und Tanzfeste im Freien, Konzerte in der Saengerhalle, Auftritte der 8

9 Liedertafel und des Turn-Vereines. Doch Friedrich scheint sich von deutschsprachigem und deutschseligem Rummel fernzuhalten. Friedrich Herzog: New Orleans, Mai 10th 1857 Theuerster Vater und Schwestern! Auf Euere Frage, ob ich wohl nicht Lust hätte die Heimath und die Meinigen wieder zu sehen, kann ich weiter nichts antworten, als daß ich natürlicher Weise bei Euch gerne sein möchte, aber in Stuttgart nicht mehr leben könnte. Ich glaube es für unmöglich, indem ich zu viel Amerikaner bin. Sind mir doch selbst hier der größere Theil der Deutschen zum Ekel. Nicht weit von mir ist ein Deutscher Biergarten, und während ich dieses schreibe, sitzen sie beisammen, trinken, spielen und prügeln sich, und prahlen dabei über ihre Unabhängigkeit. Ich bedauere es nicht wenn wenigere kommen. In der That, die Einwanderung hat nach einigen Angaben letztes Jahr um 70 Procent abgenommen. Übrigens je weniger kommen, desto leichter finden sie Arbeit. Die Mörder meines Freundes sind noch nicht entdeckt, und für seine Wittwe ist nichts zum Besten gethan worden, ausgenommen von mir. Ich ließ ihr ein Drittel von einer Schuld ab, fand aber keine Nachahmung. Gerade von Deutschen wird sie gedrückt, und der bösen Nachreden von Anderen wegen mag ich mich mit ihr vorder Hand nicht weiter einlaßen. Sie weint, wo sie mich sieht. Eines ihrer Kinder starb kürzlich. Uebrigens ist sie eine Person von unbescholtenem Charakter, auch noch jung. Heute vor acht Tagen erhielt ich einen Brief von Karl. Er ist noch immer in Fort Yuma, California. Er schrieb, daß er nun noch gerade 16 Monate zu dienen hätte; nichts Besonderes ist vorgefallen bei ihm, seine Zeit rechne er nach Posttagen, zweimal des Monats kömmt die Post, wo er dann jedesmal sehr begierig wäre einen Brief zu erhalten. Er bittet mich ihm einige Deutsche Zeitungen zu schicken, sollten sie auch noch so alt sein. Vor den Indianern schlafen sie ruhig jetzt und stehen auf einem guten Fuß mit ihnen. Möge seine Zeit gut ablaufen! Nach einem langen Tag im Auto nur durch Wüste unterwegs erreichen wir Yuma, heute eine Stadt mit Einwohnern, drittgrößter Ballungsraum des Bundesstaates Arizona. Jenseits des Colorado-Flusses, auf dem Reservat der Quechan-Indianer, liegt das alte Fort. Mir ist, als hätten wir all die Wochen unserer Reise nur darauf gewartet, hier anzukommen. Zu Charles Herzogs Zeiten bestimmen Hornsignale den Tagesablauf im Fort, minutengenau - vom reveille, dem Weckruf zu Tagesanbruch, bis zum tattoo, dem Zapfenstreich um halb neun abends. "Fast unterträglich" sei die Monotonie, schreibt er an seinen Bruder nach New Orleans. Er sitzt den stupiden Dienst nur ab, müht sich nicht, es weiterzubringen, zum artificer, einem Artillerie-Mechaniker mit besserer Bezahlung, oder gar zum Sergeanten. 9

10 Die Frauen in dieser Männerwelt? Wäscherinnen, die mit einigen der Soldaten in echter oder wilder Ehe leben, von der Armee geduldet. Sarah Bowman, ein Riesenweib von einem Meter neunzig, die eine Kaschemme nahe der Fähre über den Colorado betreibt, vielleicht auch mehr als das. Indianerinnen und Mexikanerinnen, die sich für ein paar cent, für kleine Geschenke, vielleicht auch aus Liebe mit den Soldaten einlassen. Keuschheit sei eine unbekannte Tugend unter den einheimischen Frauen hier, urteilt ein Reisender aus dem puritanischen Osten. Die Grazie junger Mädchen weckt seine Lust, die Leichtigkeit ihrer Bewegungen, ihre leuchtend schwarzen Augen. Im Februar 1857 schwellen Karl die Lymphknoten in den Leisten. "Syphillis im ersten Stadium" hält man in den medizinischen Akten des Hospitals fest. Arsen-Injektionen in die Gesäßbacken bedeutete das damals und ansonsten ratlose Ärzte, die ihn wohl im Unklaren über den Ernst der Krankheit gelassen haben. Je nach Konstitution soll man mit der Syphillis im Leib damals noch 10 oder 20 Jahre gelebt haben können, vielleicht auch 30 Jahre. Einen langen Morgen und einen Abend verbringen wir hier. Man sieht erstaunlich weit von diesem Hügel aus, über den breiten Talgrund des Colorado hinweg bis zu wildzerklüfteten Bergen, die sich in respektvoll weitem Kreis um das alte Fort zu scharen scheinen. Ein schöner Platz. Nach Sonnenuntergang hocken wir noch immer da, kommen nicht los von hier. Der Polizeichef des Stammes schaut vorbei, auf Inspektionsfahrt im Streifenwagen unterwegs. Wir unterhalten uns lange und angeregt, wie alte Freunde. Ein Vetter von ihm ist mit einer Deutschen verheiratet. Sie stammt aus Stuttgart. / Musik *** 10

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