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1 nichts über uns ohne uns Menschen mit Behinderung als Akteure in der Entwicklungszusammenarbeit

2 1. Vom passiven Wohlfahrtsempfänger zum selbstbestimmt andelnden Zivilgesellschaft und Entwicklung: Grundlagen deutscher Entwicklungspolitik Die Rolle von Organisationen von Menschen mit Behinderung in der Entwicklungszusammenarbeit Empowerment und Capacity Development Partner stärken, Potenziale entwickeln Projektbeispiele aus dem Süden: Organisationen von Menschen mit Behinderung in der Entwicklungszusammenarbeit Selbsthilfe und Selbstvertretung Zur Situation in Südindien Selbstvertretung von Menschen mit Behinderung im südlichen Afrika Ein britisches Beispiel für die Nord-Süd-Zusammenarbeit mit Menschen mit Behinderung Engagement von Behindertenverbänden in der Entwicklungszusammenarbeit Vorbild Finnland Wie können Frauen und Mädchen gleichberechtigt berücksichtigt werden? Lelisa Ifadin Frauen-Selbsthilfegruppen in Gende Kore, Äthiopien Stärkung von Frauen mit Behinderung im südlichen Afrika Empfehlungen für eine gute Zusammenarbeit mit Selbstvertretungsorganisationen erausforderungen Vorteile einer Kooperation Empfehlungen Weiterführende Informationen

3 Vorwort»Nichts über uns ohne uns«menschen mit Behinderung als Akteure in der Entwicklungszusammenarbeit D ies war der Titel einer internationalen Tagung, die vom 2. bis 3. Dezember 2008 im Kleisthaus in Berlin stattgefunden hat. Die vorliegende Broschüre greift diese Thematik noch einmal auf und möchte mit den folgenden Artikeln dazu beitragen, die Kooperation mit Organisationen von Menschen mit Behinderung in der Entwicklungszusammenarbeit zu fördern. Menschen mit Behinderung sind Experten und Expertinnen in eigener Sache und können mit ihrem Erfahrungsschatz dazu beitragen, die Lebensbedingungen von Menschen mit Behinderung in Entwicklungsländern zu verbessern. Voraussetzung dafür ist gleichwohl, dass sie als Partner von Entwicklungsprojekten und -programmen wahrgenommen und berücksichtigt werden. Ja, können die das denn überhaupt? mag manche/r spontan denken. Tatsächlich spielen Organisationen von Menschen mit Behinderung bei entwicklungspolitischen Vorhaben noch eine marginale Rolle. Dies hat jedoch sehr viel mit Vorurteilen zu tun und weniger mit den tatsächlichen Möglichkeiten. Wie andere Selbsthilfegruppen und Selbstvertretungsorganisationen auch benötigen Menschen mit Behinderung Unterstützung beim Aufbau ihrer Organisationen und Strukturierung ihrer Arbeit. Wenn sie diese bekommen, sind sie wertvolle Partner in der Entwicklungszusammenarbeit. Die vorliegende Broschüre möchte solche Möglichkeiten aufzeigen, erausforderungen benennen und gleichzeitig Empfehlungen geben, wie die Zusammenarbeit mit Organisationen von Menschen mit Behinderung verbessert und gestärkt werden kann. Die folgenden namentlich gekennzeichneten Kapitel sind Beiträge von ReferentInnen der Tagung und aus dem Englischen übersetzt worden.

4 bezev Die Tagung im Dezember 2008 Bei der Podiumsdiskussion, v.l.n.r.: Gabriele Weigt, Sprecherin der VENRO-AG Behinderung und Entwicklung; Dorothy Musankanya, SAFOD, Simbabwe; Martin Georgi, Direktor CBM; ans-günter eiden, Moderation; Sigrid Arnade, Deutscher Behindertenrat; ans-reiner Bönning, BZSL; Raghavan Ramachandran, ADD Indien, stellt im Plenum Ergebnisse einer Arbeitsgruppe vor.

5 1. Vom passiven Wohlfahrtsempfänger zum selbstbestimmt andelnden N O T I N G A B O U T U S W I T O U T U S Nichts über uns ohne uns... i st seit mehr als zwanzig Jahren der Slogan der Behindertenbewegung, der eine aktive Beteiligung von Menschen mit Behinderung einfordert. Bereits 1981, dem Internationalen Jahr der Behinderten, wehrten sich Menschen mit Behinderung dagegen, nicht an den Angelegenheiten, die sie betreffen, beteiligt zu werden. Mit dem darauf folgenden Weltaktionsprogramm und den Rahmenbestimmungen für die erstellung der Chancengleichheit für Behinderte (Standard Rules on the Equalization of Opportunities for Persons with Disabilities, 1993) der Vereinten Nationen war die offnung verbunden, die Chancengleichheit und -gerechtigkeit für Menschen mit Behinderung zu verbessern. Obwohl seitens der Vereinten Nationen ein Sonderberichterstatter ernannt wurde, der über die Lage von Menschen mit Behinderung in regelmäßigen Abständen berichtete, konnten die Standard Rules zu keinen entscheidenden Verbesserungen beitragen, da sie kein völkerrechtlich verbindliches Übereinkommen waren. Ein solches verbindliches Dokument liegt nun mit der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen vor, die seit dem 26. März 2009 auch in Deutschland in Kraft getreten ist. Diese beinhaltet einen Paradigmenwechsel von einer medizinischen, wohlfahrtsgetragenen Sichtweise von Behinderung hin zu einem menschenrechtlichen Ansatz. Das Recht auf Selbstbestimmung, Freiheit von Diskriminierung und gleichberechtigte gesellschaftliche Teilhabe von Menschen mit Behinderung sind darin verbindlich verankert. Nach der Schaffung der rechtlichen Grundlagen geht es nun darum, diese mit Leben zu füllen. Die UN-Konvention bezieht sich in ihrer Reichweite nicht nur auf die Lebenssituation von Menschen mit Behinderung in Deutschland, sondern beinhaltet auch internationale Aspekte, die zu einer gleichberechtigten Berücksichtigung von Menschen mit Behinderung in der humanitären ilfe (Art. 11) und der Entwicklungszusammenarbeit (Art. 32) verpflichten. Dabei bildet sie nicht nur die rechtliche Grundlage, sondern beschreibt auch den konzeptionellen Rahmen. Mit dem Recht auf die selbstbestimmte Gestaltung ihrer Lebensumstände erhalten Menschen mit Behinderung auch im Rahmen von humanitären und entwicklungspolitischen Fragen eine andere Rolle. Auch wenn ihre aktive Beteiligung bereits im Konzept der gemeindenahen Rehabilitation gefordert war, das Ende der 70er Jahre von der Weltgesundheitsorganisation (WO) eingeführt wurde, hat sich dies in der Praxis kaum durchgesetzt. Die UN- Konvention bietet nun auch dafür eine Rechtsgrundlage und ebnet gleichzeitig den Weg der Anerkennung von Menschen mit Behinderung und ihren Organisationen als Teile der Zivilgesellschaft.

6 2. Zivilgesellschaft und Entwicklung: Grundlagen deutscher entwicklungspolitik Z ivilgesellschaftliche Organisationen des Südens spielen in der deutschen Entwicklungszusammenarbeit eine wichtige Rolle als Partner von nichtstaatlichen und staatlichen Organisationen. Bereits im Aktionsprogramm Armutsbekämpfung der Bundesregierung spielt die Beteiligung von armen Menschen eine wichtige Rolle. Aufgrund der großen Mehrzahl von Menschen mit Behinderung, die in Armut leben, ist ihre aktive Einbindung hier von großer Bedeutung. Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) hat 2008 den Entwicklungspolitischen Aktionsplan für Menschenrechte veröffentlicht. Darin wird die Beteiligung der Zivilgesellschaft ausdrücklich unterstrichen. Mit dem Bezug auf die Menschenrechte unterstreichen wir das emanzipatorische Potenzial einer Entwicklungszusammenarbeit, die die Menschen als Subjekte und Akteure ihrer eigenen Entwicklung sieht und fördert. Der Menschenrechtsansatz markiert insofern einen Paradigmenwechsel: Aus Zielgruppen werden Rechtsträger, aus unseren überwiegend staatlichen Partnern Pflichtenträger. Wir beziehen uns damit nicht mehr vorrangig auf Bedürfnisse und Anliegen betroffener Gruppen, sondern auf rechtlich verankerte Ansprüche auf ein menschenwürdiges Leben, denen entsprechende Verpflichtungen staatlicher, aber auch nicht-staatlicher Akteure gegenüberstehen 1 entwicklung In seinem Politikpapier Behinderung und Entwicklung 2 bezieht sich das BMZ ausdrücklich auf den Entwicklungspolitischen Aktionsplan für Menschenrechte und unterstreicht damit die Bedeutung des empowerments und der aktiven Einbindung von Menschen mit Behinderung und ihrer Organisationen. 1) Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) (2008): Entwicklungspolitischer Aktionsplan für Menschenrechte , BMZ Konzepte 115, S.3 2) Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) (2006): Behinderung und Entwicklung Ein Beitrag zur Stärkung der Belange von Menschen mit Behinderungen in der deutschen Entwicklungszusammenarbeit (Politikpapier)

7 3. Organisationen von Menschen mit Behinderung in der Entwicklungszusammenarbeit W eltweit werden Menschen mit Behinderung durch eigene Organisationen vertreten. Die Aufgaben, die von ihnen übernommen werden, erstrecken sich über die ganze Bandbreite zivilgesellschaftlichen Engagements. So vielfältig wie die Aufgaben sind, so unterschiedlich sind noch die Begriffe, mit denen sie bezeichnet werden. Manche nennen sie Selbsthilfegruppen, andere Selbstvertretungsorganisationen. Im englischen Sprachraum ist für letztere die Bezeichnung Disabled Peoples Organisation (DPO) üblich. Gemeinsames Element ist aber, dass sich Menschen mit Behinderung in den Führungspositionen befinden und über die Aktivitäten und Vorhaben der Organisation oder Gruppe entscheiden. In der Entwicklungszusammenarbeit sind Organisationen von Menschen mit Behinderung Schlüsselpartner, wenn Entwicklungsvorhaben die Belange von Menschen mit Behinderung betreffen. Von wenigen Ausnahmen abgesehen (wie z.b. Programme zur Aufforstung des Regenwaldes), trifft dies auf alle Entwicklungsvorhaben zu. Dies bedeutet, dass fast alle Vorhaben die Belange von Menschen mit Behinderung zu berücksichtigen haben. Es ist daher von Vorteil, Organisationen von Menschen mit Behinderung in diese mit einzubinden, da sie am besten wissen, wie ihre spezifischen Belange am wirkungsvollsten berücksichtigt werden können. Ihre Beteiligung ist in allen Phasen der Projekt- und Programmdurchführung möglich, idealerweise von Anfang an, bei der Projektvorbereitung und -planung, der Durchführung, bis hin zum Monitoring und zur Evaluation. Dies gilt für Projekte und Programme in allen politischen, wirtschaftlichen und sozialen Bereichen, mit dem Ziel, Menschen mit Behinderung gleichermaßen wie andere Menschen der jeweiligen (Ziel-)Gruppe zu berücksichtigen. Darüber hinausgehend übernehmen Organisationen von Menschen mit Behinderung auch andere wichtige Aufgaben, wenn es um die Einforderung ihrer Menschenrechte, gesellschaftliche Akzeptanz und Armutsbekämpfung geht. Anwaltschaft und Lobbyarbeit Im Bereich der Anwaltschaft und Lobbyarbeit kommt ihnen eine besondere Bedeutung zu. So konnten verschiedene afrikanische Regierungen in den letzten Jahren überzeugt werden, das Thema Behinderung in ihre politischen Leitlinien aufzunehmen. Dies hat dazu geführt, dass Menschen mit Behinderung in diesen Ländern besser am gesellschaftlichen Leben teilhaben können. Ein gutes Beispiel ist Südafrika, wo die Arbeit der Organisationen von Menschen mit Behinderung dazu geführt hat, dass Südafrika nun die umfangreichste Gesetzgebung und den politischen Rahmen für die volle Integration von Menschen mit Behinderung besitzt. Bewusstseinsbildung Eine andere Aufgabe ist die Durchführung von Kampagnen, um die Öffentlichkeit dahingehend zu sensibilisieren, dass Menschen mit Behinderung zwar verschieden, aber dennoch in der Lage sind, einen positiven Beitrag zur Entwicklung ihres Landes zu leisten. Sie können nicht weiter ignoriert werden, sondern sie haben wie jeder andere auch die Fähigkeit, Veränderungen herbeizuführen. Information Organisationen von Menschen mit Behinderung können auch eine wichtige Rolle darin einnehmen, der Öffentlichkeit Informationen über Behinderung zu vermitteln, zu dokumentieren und zu verbreiten (z.b. mit webbasierten Datenbanken, Ressource-Zentren, etc.). Armutsbekämpfung Gemäß Schätzungen der Vereinten Nationen gibt es weltweit ca. 650 Mio. Menschen mit Behinderung, ca. 80% davon leben in Entwicklungsländern. Es wird geschätzt, dass ein Fünftel der in absoluter Armut lebenden Menschen von einer Behinderung betroffen sind. Sie haben nur sehr beschränkt Zugang zu Bildung, Transport, kulturellen und sozialen Aktivitäten, Gesundheitsmaßnahmen und Beschäftigung. Wenn Menschen mit Behinderung nicht explizit bei den Strategien zur Bekämpfung der Armut berücksichtigt werden, wird es nicht möglich sein, die Armut bis zum Jahre 2015 zu halbieren. Menschenrechte Die Rechte von Menschen mit Behinderung sind Menschenrechte und ihre Realisierung ist notwendige Voraussetzung, um Gerechtigkeit, Gleichheit und Teilhabe herzustellen. DPOs spielen hier eine entscheidende Rolle, um sich für die Erreichung dieser Rechte einzusetzen, wie z.b. für die nationale Umsetzung der UN- Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung. Wenn die Regierungen die UN-Konvention ratifiziert haben, braucht es starke zivilgesellschaftliche Gruppen, die die Umsetzung der Konvention fordern und begleiten.

8 4. Empowerment und Capacity Development - Partner stärken, Potenziale entwickeln O rganisationen von Menschen mit Behinderung können mit den genannten Aufgaben entscheidend zur Verbesserung der Lebensbedingungen von Menschen mit Behinderung beitragen und ihre Beteiligung an Entwicklungsvorhaben stärken. Weltweit sind in den letzten Jahrzehnten Selbstvertretungsorganisationen und Selbsthilfegruppen entstanden. Das weltweite Netzwerk von Disabled Peoples International (DPI) umfasst Mitgliedsorganisationen in über 130 Ländern, mehr als die älfte davon in Entwicklungsländern. Wie für andere zivilgesellschaftliche Gruppen auch kommt den Aspekten des empowerments (Selbstbefähigung) und des capacity development (Entwicklung von Fähigkeiten und Kompetenzen) im Bereich Behinderung eine besondere Bedeutung zu. Ursprünglich aus den Bereichen der Psychologie und Sozialpädagogik stammend, hat der Begriff empowerment entwicklungspolitisch an Bedeutung gewonnen. Besonders für Menschen, die benachteiligt sind, sind Prozesse des empowerments wichtig und notwendig, um in die Lage versetzt zu werden, ihre Belange zu vertreten und zu gestalten. Sie benötigen Strategien und Maßnahmen, die ihnen helfen, ein selbstbestimmtes und unabhängiges Leben zu führen. Dies trifft auf Menschen mit Behinderung in besonderer Weise zu. Sie gehören nicht nur zu den am meisten benachteiligten Gruppen, sondern haben auch die ungünstigsten Voraussetzungen, um ihr Leben in die eigene and zu nehmen. Daher kommen dem Aufbau von Kapazitäten bzw. dem empowerment besondere Bedeutung zu, damit sie in die Lage versetzt werden, Entwicklung mitzugestalten. Nach Erfahrungen der Deutschen Lepra- und Tuberkulosehilfe (DAW) besteht ein Bedarf besonders in den folgenden Bereichen: Organisationsstruktur Organisationsführung Entscheidungsprozesse Rechte und Anwaltschaft Einkommensschaffende Maßnahmen Umgang mit Finanzen Dabei geht es darum, die Entwicklung der Potenziale der Menschen mit Behinderung und ihrer Organisationen zu fördern und diese dadurch zu stärken. So werden sie Partner, die eine aktive Rolle übernehmen können. Zur Entwicklung dieser Fähigkeiten sind aber oftmals Kooperationen mit internationalen Organisationen vonnöten, um die Ressourcen für Entwicklungsprozesse überhaupt bereit zu stellen. nichts über uns ohne uns

9 5. Projektbeispiele aus dem Süden: Organisationen von Menschen mit Behinderung in der Entwicklungszusammenarbeit 5.1 Selbsthilfe und Selbstvertretung zur Situation in Südindien Von R. Ramachandran, Geschäftsführender Direktor von Action on Disability and Development India (ADD India), Indien E s ist mittlerweile anerkannt, dass reine Rehabilitationsmaßnahmen für Menschen mit Behinderung nicht ausreichend für eine volle gesellschaftliche Inklusion sind. Idealerweise sollten Menschen mit Behinderung in der Lage sein, Unterstützung zu erhalten, aber auch andere zu unterstützen. Sie sollten beteiligt sein, um Rat gefragt und in die Lage versetzt werden, aktiv in Bereichen zu partizipieren, die ihre Belange betreffen. Sie sollten mit ihren Fähigkeiten anerkannt werden. Menschen mit Behinderung möchten sich, wie viele andere auch, mit anderen über ihre Sorgen und Nöte austauschen. Aus diesem Grund haben sie sich zu Selbsthilfegruppen, in Süd-Indien sangha genannt, zusammengeschlossen. Womit und wofür diese Gruppen jeweils arbeiten, hängt auch damit zusammen, in welcher Gegend sie gegründet wurden. In städtischen Regionen haben sich Eltern und BetreuerInnen von Menschen mit intellektuellen Beeinträchtigungen zu Vereinigungen zusammengeschlossen, um gemeinsam mehr über die Bedürfnisse ihrer Kinder in Erfahrung zu bringen. Außerdem sensibilisieren sie die Öffentlichkeit und unterstützen andere, die sich in der gleichen Situation befinden. Diese Gruppen sind meistens gut informiert und verfügen über ausreichende Mittel, um die Öffentlichkeit zu erreichen und ihre Sache erfolgreich zu vertreten. Anders sieht es in ländlichen Regionen aus. Die meisten Menschen sind nicht gut über ihre Behinderung informiert, außerdem fehlen Ihnen Mittel und Möglichkeiten und sie wissen nicht, woher sie die notwendige Unterstützung bekommen können. In solchen Situationen können Selbsthilfegruppen sehr hilfreich sein. UWas ist eine Selbsthilfegruppe? Selbsthilfegruppen sind Vereinigungen von ehrenamtlich Tätigen, die sich demokratisch und verantwortlich für das Erreichen gemeinsamer Ziel einsetzen. Wenn Menschen mit Behinderung sich in solchen Gruppen organisieren, treten sie auch gesellschaftlich stärker in Erscheinung. Die Mitglieder solcher Gruppen tauschen Information über die Verfügbarkeit von Dienstleistungen und Berufliches Training für Menschen mit Behinderung in Kerala, Südindien. Ressourcen aus, beraten sich bei Entscheidungen über familiäre oder persönliche Angelegenheiten und helfen sich gegenseitig. Die Mitglieder können sich als Gruppe besser für ihre Rechte einsetzen, um Unterstützungs- und Dienstleistungen von der Regierung zu bekommen. Auch gesellschaftliche Anerkennung und Teilhabe erlangen sie eher als Gruppe. UDie Funktionsweise von Selbsthilfegruppen Ziele und Zweck der Selbsthilfegruppe sollten klar sein. Sie sollte die Wünsche ihrer Mitglieder repräsentieren und transparent sein. Eine Selbsthilfegruppe wird länger bestehen, wenn alle Mitglieder in irgendeiner Weise zu ihrer Entwicklung beigetragen haben und auch weiterhin beteiligt bleiben. Ein externer Moderator kann die Entstehung der Gruppe unterstützen. Ihre Funktionsweise und die Entscheidungsprozesse sollten aber von den Mitgliedern bestimmt werden. Die Größe der Selbsthilfegruppe kann zwischen etwa fünf und zwanzig Mitgliedern variieren. Diese ist abhängig von der Zahl der Menschen mit Behinderung in der Region. In ländlichen Regionen haben Menschen mit Behinderung solche Selbsthilfegruppen gegründet. Kinder und Menschen mit intellektuellen oder schweren Behinderungen werden durch ein Elternteil oder eine/n BetreuerIn in der Gruppe vertreten. Die Führungspersonen der Gruppe, wie Vorsitzende, Schriftführer und Kassenwart werden von den Gruppenmitgliedern gewählt. Die Gruppen führen ganz unterschiedliche bewusstseinsbildende Aktionen durch, um auf ihre Rechte aufmerksam

10 5.1 Projektbeispiele aus dem Süden Selbsthilfe und Selbstvertretung zur Situation in Südindien zu machen und darin sollten sie auch geschult werden. Ein Beispiel wäre, ihre Beteiligung an Entscheidungsgremien der lokalen Behörden einzufordern. Die Inanspruchnahme von staatlichen Leistungen kann durch gemeinsame Anstrengungen erreicht werden. In den letzten Jahren sind in den vier südlichen Ländern Indiens tausende solcher Gruppen auf lokaler Ebene entstanden. Ihnen ist es gelungen, Zugang zu den staatlichen Leistungen der Regierung und zu den Programmen auf lokaler Ebene zu erlangen. UVon Selbsthilfegruppen zu Selbstvertretungsorganisationen Während Selbsthilfegruppen eher auf der lokalen Ebene agieren, braucht es auf regionaler Ebene größere Organisationen, die Menschen mit Behinderung repräsentieren und für ihre Rechte eintreten. Verbände bzw. Selbstvertretungsorganisationen von Menschen mit Behinderung werden von den VertreterInnen der Selbsthilfegruppen gebildet. Sie wählen die Führungspersönlichkeiten aus ihren eigenen Reihen und greifen ihre eigenen Themen auf. Auch wenn nicht alle von ihnen gute Bildungsabschlüsse haben, sind ihre Einsatzbereitschaft und ihr Verständnis von behinderungsrelevanten Fragen dennoch sehr hoch. Die DPOs spielen in ihren jeweiligen Regionen eine aktive Rolle bei der Integration von Menschen mit Behinderung in die Entwicklungsprogramme, die in ihren Regionen implementiert wurden. Beispiele: 3%-ige Zuweisung von Maßnahmen aus Armutsbekämpfungs- und Entwicklungsprogrammen Bildung für Kinder mit Behinderung Thematisierung der Gestaltung einer barrierefreien Umgebung Sicherstellen, dass die Belange von Frauen mit Behinderung berücksichtigt werden In Tamil Nadu nahmen 52 Menschen mit Behinderung an den Panchayat -Wahlen teil. Diese sind Entscheidungsgremien für eine Gruppe von Dörfern. 18 Personen wurden als VertreteterInnen ihrer Blocks gewählt. Karnataka Andhra Pradesh Vertretungen von Menschen mit Behinderung auf verschiedenen Ebenen: Kerala Tamil Nadu AAD India arbeitet in vier südlichen Bundesstaaten Indiens. Disabled Peoples Organizations(DPO s) Federations Self elp Groups Aktuell gibt es 26 Selbstvertretungsorganisationen oder DPOs in Süd-Indien. Sie bieten ihren Mitgliedern ein Sprachrohr, um ihre Meinungen und Anliegen zu äußern, setzen sich für deren Rechte ein und ermöglichen ihnen, Teil des allgemeinen Entwicklungsprozesses zu werden. ADD India hat in Kooperation mit Misereor die Bildung von solchen Selbstvertretungsorganisationen in ländlichen Regionen direkt und durch die Zusammenarbeit mit anderen gemeindenahen Organisationen in Südindien unterstützt. Was ist notwendig, um Selbsthilfegruppen und Selbstvertretungsorganisationen langfristig zu erhalten? Zu guten Rahmenbedingungen gehören: Treffen an gemeinsamen Plätzen, wie eine Gemeinschaftshalle, eine Schule oder nur unter einem Baum. Wichtig ist, dass diese für Menschen mit Behinderung zugänglich sind. Diskussion von Themen und Ansichten, die die Mitglieder direkt betreffen. Die Gruppe sollte ihre eigenen Führungspersonen wählen. Diese sind für die Arbeit der Gruppe von hoher Bedeutung. Daher ist es wichtig, dass fähige Personen gewählt werden. Anstehende Aufgaben so abstimmen, dass sie von Gruppenmitgliedern übernommen werden können. 10

11 5.1 Projektbeispiele aus dem Süden Selbsthilfe und Selbstvertretung zur Situation in Südindien Die erausforderungen sind: sicherzustellen, dass die Führungspersonen sich für den Zweck der Organisation einsetzen, Konflikte lösen können, die häufig zwischen Mitgliedern entstehen können, die Gruppen zu befähigen, finanzielle Abläufe zu bewältigen und bezüglich allen finanziellen Fragen transparent zu sein. Viele Gruppen neigen dazu, sich zu sehr auf wirtschaftliche Programme zu konzentrieren. Tatsächlich zeigen verschiedene Studien, dass ein zu starker Fokus auf wirtschaftliche Programme ohne Verbindung zur Entwicklung von Wertehaltungen und sozialer Verantwortlichkeit nicht zu Gerechtigkeit und Gleichheit beiträgt. Es ist daher wichtig, dass Selbstvertretungsorganisationen auch andere Problemfelder angehen, die Menschen mit Behinderung diskriminieren und Aktivitäten entfalten, die zur Würde von Menschen mit Behinderung beitragen. Treffen einer Selbsthilfegruppe Weiterbildungsmaßnahmen für die Gruppenmitglieder bezüglich ihrer Rechte, über die Ressourcen und Dienstleistungen der Regierung und anderer Institutionen und wie diese erlangt werden können. Die Treffen sollten protokolliert werden, ebenso die getroffenen Entscheidungen, um diese Vorgänge allen Mitgliedern zugänglich zu machen. Uerausforderungen in der Arbeit mit Selbstvertretungsorganisationen Die Einbeziehung und die Entwicklung von Fähigkeiten von Menschen mit Behinderung, um Verantwortlichkeiten zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen, sind wichtige Elemente im Prozess des empowerments. Dies ist nur durch Weiterbildung möglich. DPOs müssen geschult werden bezüglich des Managements von Selbsthilfegruppen und Selbstvertretungsorganisationen, darin wie Treffen durchgeführt werden können und wie Entscheidungen auf demokratischem Wege gefällt werden. Außerdem brauchen sie Trainings zur Entwicklung ihrer Kommunikationsfähigkeit und der Lösung von Konflikten. Sie müssen lernen, gut zu planen und sicher zu gehen, dass Aktivitäten der Gruppe und die Interessen der Mitglieder übereinstimmen. In Andhra Pradesh erreichte eine Organisation, dass Menschen mit Behinderung bei einem Wohnungsbauprojekt 380 äuser zugeteilt wurden. 11

12 5.2 Selbstvertretung von Menschen mit Behinderung im südlichen Afrika: Southern Africa Federation of the Disabled (SAFOD) Von Dorothy Musankanya, Southern Africa Federation of the Disabled (SAFOD), Simbabwe intergründe zur Entstehung A nfang der 60er Jahre gab es in einigen Ländern im südlichen Afrika bereits Einrichtungen oder Rehabilitationszentren, die darauf ausgerichtet waren, für Menschen mit Behinderung zu sorgen. Dorothy Musankanya Diese Einrichtungen wurden geleitet, ohne Menschen mit Behinderung selbst einzubeziehen. Da sie sich nicht repräsentiert fühlten, entschied sich eine Gruppe der damaligen Bewohner, die in einer der Einrichtungen in Bulawayo lebte, sich aus dieser als Unterdrückung empfundenen Situation zu befreien. Somit wurde der Rat für die Wohlfahrt der Behinderten (Council for the Welfare of the Disabled, CWD) Anfang 1970 gegründet, der zur Stimme für Menschen mit Behinderung in Simbabwe wurde. Der CWD wurde 1984 umbenannt in Nationaler Rat für Menschen mit Behinderung (National Council of Disabled Persons of Zimbabwe, NCDPZ) und wurde im April 1975 als Wohlfahrtsverband eingetragen. Die Unabhängigkeit Simbabwes 1980 brachte gewisse Freiräume mit sich, in denen die Idee der Selbstvertretung von Menschen mit Behinderung an Bedeutung gewann. Dies blieb nicht nur auf den neu entstehenden Staat begrenzt, sondern ereignete sich parallel im ganzen südafrikanischen Raum. Die Gründungen von Selbstvertretungsorganisationen und anderen Selbsthilfegruppen verbreiteten sich in der Region wie ein Lauffeuer wurde die Southern Africa Federation of the Disabled (SAFOD) von Menschen mit Behinderung für Menschen mit Behinderung gegründet, als Zusammenschluss von NROs der Länder der Southern Africa Development Coordinating Conference (SADC). Die Abschaffung der Apartheid in Südafrika 1994 und die Erlangung der Unabhängigkeit in Namibia 1990 gaben den Bemühungen von SAFOD, eine starke Bewegung für Menschen mit Behinderung in der Region des südlichen Afrika aufzubauen, neue Kraft. Gemeinsame Philosophie all dieser Organisationen ist die Überwindung der Diskriminierung von Menschen mit Behinderung. Zentrales Anliegen ist es, sie in die Lage zu versetzen, an Entscheidungsmacht zu gewinnen, Rechte, Würde und Kontrolle wiederzuerlangen. Außerdem geht es um Selbstorganisation und Selbstbestimmung sowie Selbstvertretung. Folgende nationale Dachorganisationen gehören zu SAFOD: Angola Federation of Organisations of Disabled People in Angola (FAPED) Botswana Botswana Society of People with Disabilities (BOSPED) Lesotho Lesotho National Federation of the Disabled (LNFOD) Malawi Federation of Disability Organizations of Malawi (FEDOMA) Mozambik Forum of Associations of Disabled People in Mozambique (FAMOD) Namibia National Federation of People with Disabilities in Namibia (NFPDN) Südafrika Disabled People South Africa (DPSA) Swaziland Federation of Organizations of Disabled People in Swaziland (FOSDWA) Sambia Zambia Federation of the Disabled (ZAFOD) Simbabwe Federation of Organisations of Disabled People in Zimbabwe (FODPZ) Angola Namibia Botswana Südafrika Programme Sambia Simbabwe Mozambik Swaziland Lesotho Malawi SAFOD Mitgliedsländer D iese nationalen Organisationen und deren Grassroot- Mitglieder haben in ihren Ländern die Bedarfe von Menschen mit Behinderung ermittelt. Auf dieser Grundlage entwickelte SAFOD eine Reihe von Entwicklungsprogrammen: U Menschenrechtsprojekte Aktive Maßnahmen (affirmative action), um gesetzmäßig gegen soziale Benachteiligung vorzugehen und Rechtsvorschriften zum Schutz von Menschen mit Behinderung durchzusetzen. Führungspersonen mit Behinderung erhalten Schulungen, in denen sie ihre juristischen Kenntnisse erweitern und einsetzen können. Die Gesetzgebung für die Gleichberechtigung von Menschen mit Behinderung wurde ebenso vorangetrieben. 12

13 5.2 Projektbeispiele aus dem Süden Selbstvertretung von Menschen mit Behinderung im südlichen Afrika USAFOD Forschungsprogramm (SAFOD Research Programme, SRP) Ausbau der Fähigkeiten von SAFOD und den Mitgliedsorganisationen, Forschung zu entwickeln, durchzuführen und sich zu eigen zu machen. Diese können die Organisationen dazu nutzen, eine argumentative Grundlage aufzubauen und die politischen Entscheidungsträger zu sensibilisieren. UProgramm für Bewusstseinsbildung und öffentliche Bildung (Conscientisation and Public Education Programme, COPE) Schärft das Bewusstsein von Anführern und Aktivisten der Behindertenbewegung über die erschwerten Entwicklungsbedingungen und die Ausgrenzung von Menschen mit Behinderung. Die Organisation sensibilisiert die allgemeine Öffentlichkeit über die Notlage von Menschen mit Behinderung. URessourcen-Zentrum für Menschen mit Behinderung im südlichen Afrika (Disability Resource Centre for Southern Africa, DCR-SA) Sammeln, Zusammenstellen und Verbreiten von Informationen über Behinderung. SAFOD gibt den Rundbrief Disability Front Line und andere Informationsmaterialien heraus. Schulungen anderer SAFOD-Programme werden unterstützt. UStrategien zum Kapazitäts- und institutionellen Aufbau (Capacity and Institutional Building Strategy, CIBIS) Beinhalten die Ausbildung von Führungspersonen und Aktivisten der Behindertenbewegung im Management von Organisationen, Fundraising und Einfordern der Rechte von Menschen mit Behinderung in ihren Ländern und Regionen. UStrategieprogramm zur Armutsverminderung (Poverty Alleviation Strategy Programme, PAST) Unterstützt Menschen mit Behinderung, sich in Selbsthilfeprogrammen zu engagieren, indem ihnen entsprechende Schulungen in Businessmanagement angeboten werden. URegionales Frauen-Entwicklungsprogramm (Women s Regional Development Programme, WDRP) SAFOD und die nationalen Mitgliedsorganisationen haben einen eigenen unabhängigen Frauen-Sektor mit einem regionalen Frauenkomitee und einem Koordinator für die Frauenprogramme. Die Ziele der regionalen Frauen- Entwicklungsprogramme sind die Verbesserung der Führungsqualitäten von Frauen mit Behinderung in der Region durch Seminare und Workshops zur Entwicklung von Führungseigenschaften. Das Programm arbeitet darauf hin, in jedem Land die Einsatzfähigkeit und die Mitgliederbasis von Frauenaktionsgruppen (WAGs) zu verbessern. Das Komitee bietet einen Rahmen zu Fragen der Führung und Aktivitäten bzgl. der Bedürfnisse behinderter Frauen (siehe auch 8.1). UKinder- und Jugend-Programm Thematisiert die Situation von Kindern und Jugendlichen mit Behinderung und die Einhaltung ihrer Rechte. Ermutigt und berät die Eltern von Kindern mit Behinderung dabei, Selbsthilfe-Gruppen und Organisationen zu gründen. Regt Jugendliche dazu an, sich in DPOs zu engagieren. UIV/AIDS-Informations- und Präventionsprogramm (IV/AIDS Information and Prevention Programme, IPP) Sensibilisiert für die IV/AIDS-Thematik und andere gesundheitsbezogene Fragen wie Sexualität, Schwangerschaft und Familienplanung, ygiene, Ernährung und gemeindenahe Unterstützung unter der Leitung von Menschen mit Behinderung und ihrer Organisationen. Alle haben das Recht in geeigneter Form Informationen zu erhalten. 13

14 6. Ein britisches Modell für die Nord-Süd Zusammenarbeit mit Menschen mit Behinderung Von Shikuku Obosi, Action on Disability and Development (ADD), Großbritannien A ction on Disability and Development (ADD) ist eine britische Organisation, die Entwicklungsarbeit mit Menschen mit Behinderung in Afrika und Asien unterstützt. ADD folgt einem entwicklungspolitischen Menschenrechtsansatz und setzt sich gegen die Ausgrenzung von Menschen mit Behinderung ein. Der Arbeit von ADD liegt das soziale Modell von Behinderung zu Grunde, also ein Verständnis von Behinderung, das die sozialen Folgen einer Beeinträchtigung in den Vordergrund stellt. Die Gesellschaft trägt demnach die Verantwortung für notwendige Veränderungen, um die gleichberechtigte Teilhabe von Menschen mit Behinderung sicherzustellen. Kinder und Erwachsene mit Behinderung haben das Recht, an Gesellschaft und Entwicklungszusammenarbeit teilzuhaben und damit zur Gestaltung einer inklusiveren Welt beizutragen. ADD ist in elf der ärmsten Länder in Afrika und Asien tätig. Die Vision der Organisation ist eine Welt, in der alle Menschen mit Behinderung ihre Rechte genießen können und die Möglichkeit haben, in allen Bereichen der Gesellschaft teilzuhaben. ADD ist die einzige britische Entwicklungsorganisation, die ausschließlich Gruppen von Menschen mit Behinderung in Afrika und Asien unterstützt. Sie wurde 1985 gegründet und unterstützte anfangs Selbstvertretungsorganisationen und Selbsthilfeprojekte. In den letzten zwanzig Jahren hat die Organisation einen Lernprozess durchlaufen, bezüglich der Frage, wie möglichst langfristige Verbesserungen für Menschen mit Behinderung erreicht werden können. eute ist es Schwerpunkt der Arbeit, darauf hinzuwirken, dass Menschen mit Behinderung die Gesetze nutzen können, die ihnen Zugang zur Chancengleichheit sichern und gesetzlich gegen Diskriminierung, die Menschen aufgrund ihrer Beeinträchtigung erleiden, vorzugehen. ADD ist davon überzeugt, dass anhaltender sozialer Wandel hin zu mehr Gleichberechtigung von Menschen mit Behinderung am ehesten dadurch erreicht werden kann, dass dynamische und repräsentative Selbstvertretungsorganisationen der Behindertenrechtsbewegung gefördert werden. Menschen mit Behinderung sind die kraftvollsten Aktivisten, die eine entscheidende Rolle im Kampf um Gleichheit in ihren Ländern spielen und sind sehr wirkungsvoll bei der Beseitigung von Barrieren in der Umgebung und gesetzlichen, institutionellen sowie einstellungsbedingten Barrieren. Das Vorkommen dieser Barrieren ist auf ein Phänomen zurückzuführen, das disablism, genannt wird, nämlich der Vorstellung, dass Menschen mit Behinderung minderwertig seien. Das Ziel von ADD ist es daher, Organisationen von Menschen mit Behinderung in Afrika und Asien dahingehend zu unterstützen, dass diese Einfluss auf Politik und Praxis nehmen und so die soziale Ausgrenzung und Armut beseitigen. Die Unterstützung dieser Organisationen umfasst Aufklärungsmaßnahmen über ihre Rechte, Schulungsmaßnahmen, finanzielle Unterstützung und Ermutigung. Dadurch gewinnen die DPOs die Fähigkeiten und das Selbstvertrauen, sich für positive Veränderungen auf allen Ebenen einzusetzen. Diese Verbesserungen reichen von barrierefrei erreichbaren Brunnen bis hin zu Gesetzesinitiativen. Um dies zu erreichen arbeitet ADD mit verschiedenen Gruppen zusammen: einerseits mit Organisationen von Menschen mit verschiedenen Behinderungen, andererseits mit Gruppen von Menschen, die dieselbe Behinderung haben oder Menschen, die die gleichen Erfahrungen teilen, wie z.b. gehörlose Menschen oder Frauen mit Behinderung. Die Bandbreite der Organisationen erstreckt sich von kleinen Gruppen in Dörfern oder auf lokaler Ebene - bis hin zu nationalen Verbänden oder Vereinigungen, die wiederum mit regionalen und internationalen Netzwerken verbunden sind. Wie ADD Capacity Building mit DPOs 1 angeht Für Menschen mit Behinderung bedeutet Capacity Building ein Prozess, der es Ihnen ermöglicht, sich ein Bein anzueignen, mit dem sie laufen können 2 A DD bildet Partnerschaften mit Organisationen von Menschen mit Behinderung, um ihre Fähigkeit zu stärken, sich für die Bedürfnisse ihrer Mitglieder einzusetzen und diese zu repräsentieren. 1) DPO: Disabled Peoples Organisation, Organisation von Menschen mit Behinderung 2) Disabled people conceive capacity building as a process that enables them to acquire legs with which to walk Ncube J.,

15 Dies kann durch Kampagnen oder andere Aktivitäten geschehen. Wenn Organisationen ihre Planungs- und Organisationsfähigkeit verbessern und ihre Kenntnisse in Anwaltschaft, Fundraising und Management erweitern, dann werden sie selbstständiger. DPOs werden darin unterstützt: die Fähigkeit zur Selbsterhaltung der Organisationen zu fördern durch die Stärkung ihrer organisatorischen Fähigkeiten und der Ausbildung von Führungsqualitäten, um Demokratie und Mitbestimmung zu fördern und ihre Mitglieder zu vertreten. Außerdem wird mit den DPOs ein vertieftes Verständnis von Menschenrechtsthemen erarbeitet, damit sie auch in diesem Bereich aktiv werden können. sich für gleiche Rechte, für Strategien zur Lobbyarbeit und das Entwickeln von Aktionsplänen einzusetzen. Teil der Armutsbekämpfungsstrategie-Prozesse zu werden durch ihre Inklusion in allgemeine Entwicklungsvorhaben. zur sozialen Gerechtigkeit beizutragen durch Einflussnahme auf Entscheidungsträger und durch Information der allgemeinen Öffentlichkeit über die Verletzung der Rechte von Menschen mit Behinderung. Die Organisationen werden dabei unterstützt, Berichte der Regierung und Nichtregierungsorganisationen zu bewerten und zu beurteilen. Zur Finanzierung von DPOs W o immer es möglich ist, arbeitet ADD mit bereits existierenden Organisationen für Menschen mit Behinderung zusammen und ist bemüht, sowohl Frauenorganisationen als auch gemischte Gruppen zu unterstützen. Bei der Partnerauswahl ist ein wichtiges Kriterium, ob die Organisation sich für eine langfristige Verbesserung der Situation von allen Menschen mit Behinderung einsetzt oder nur die Interessen der bestehenden Mitglieder vertritt. Die gesamten Unterstützungsmaßnahmen werden in einem vereinfachten Vertrag festgelegt, in dem sowohl die gegenseitigen Erwartungen als auch die Laufzeit der Förderung festgehalten sind. Das Wort vereinfacht bezieht sich hierbei nicht nur auf den Förderungsvertrag, sondern auf alle Verfahren der Mittelvergabe. Unnötig komplizierte Verträge sind der sicherste Weg, Menschen mit Behinderung, von denen viele keine gute Bildung genossen haben, zu verunsichern und sich unfähig fühlen zu lassen, Gelder zu verwalten. Darum sollten die Verträge so einfach wie möglich sein. Die Finanzierung sozialer Bewegungen ist eine langfristige Investition, die auch langfristiges Engagement, konkrete Analysen und Risikobereitschaft erfordert. ADD hält bei der Kooperation mit DPOs langfristiges Engagement für unabdingbar. Wenn DPOs durch capacity building effektiver werden sollen, so brauchen sie eine solche Perspektive und eine verbindliche Zusage von Ressourcen. Die Arbeit von ADD soll langfristige Veränderungen ermöglichen. Dabei müssen DPOs die führende Rolle einnehmen, selbst wenn dies mehr Zeit kostet. Wenn nicht, ist die Arbeit nicht nachhaltig. ADD finanziert die Führung, den Arbeitsprozess und Aktivitäten, was auch die Kernkosten der DPOs beinhaltet. Diese Finanzierung ist jeweils abgestimmt auf den Entwicklungsstand der Organisation und auf den Kontext. Um nachhaltig wirken zu können, konzentriert sich ADD ausschließlich auf Initiativen, die von Menschen mit Behinderung selbst geplant, ausgeführt, organisiert und bewertet werden und nach dem Rückzug von ADD fortgeführt werden können. Um in der Lage zu sein, sich selbst zu erhalten, müssen diese DPOs zur Verantwortung gezogen werden können und über die organisatorischen Fähigkeiten verfügen, um Fundraising zu betreiben, zu planen, managen und ihre eigene Arbeit zu überprüfen. Auf diese Weise geht die Finanzierung einher mit der Stärkung der Kapazitäten von DPOS, Gelder der Geberorganisation effektiv zu handhaben und zu verwalten. Die Überwachung der Finanzierung darf aber nicht zu Lasten der partnerschaftlichen Beziehungen gehen. Die Schaffung eines Gleichgewichts zwischen der Rechenschaftspflicht auf der einen Seite und dem Aufbau und der Pflege von guten Beziehungen ist hier eine Schlüsselfrage. Menschen mit Behinderung einstellen A DD wurde in der Vergangenheit überwiegend von nicht-behinderten Menschen geleitet. Erst vor kurzem wurde die strategische Entscheidung getroffen, auch Führungspositionen mit Menschen mit Behinderung zu besetzen. ADD hat neun Büros mit 200 Angestellten (178 in Übersee, 22 in Großbritannien), wovon 43% der Belegschaft eine Behinderung haben und 35% Frauen sind. Es wird eine Politik der positive action verfolgt, um das Ziel zu erreichen, diese Quote auf 50% Frauen und 50% Menschen mit Behinderung im Bereich der Arbeitskräfte und der Führungsebene zu erhöhen. Die meisten Menschen mit Behinderung sind in den Programmen in Übersee beschäftigt. Die Quote wird im Vorstand schon erfüllt: vier der neun Vorstandsmitglieder haben eine Behinderung. 15

16 7. Engagement von Behindertenverbänden in der Entwicklungszusammenarbeit Vorbild Finnland Von Tuija almari, Finnish Disabled People s International Development Association (FIDIDA), Finnland I n Skandinavien sind Organisationen von Menschen mit Behinderung seit langem in der Unterstützung von Organisationen behinderter Menschen in Entwicklungsländern aktiv. Anders als in Deutschland pflegen viele Behindertenverbände eigene Partnerschaften mit DPOs im Süden und führen mit ihnen Projekte durch. Wie hat sich dieses Engagement in Finnland entwickelt und was kann man davon für die deutsche Situation lernen? ierzu haben in den letzten 30 Jahren vor allem folgende Umstände beigetragen: In den 80er Jahren wurde die UN-Dekade von Menschen mit Behinderung ausgerufen. Innerhalb der internationalen Behindertenbewegungen wurde man sich stärker der Solidarität untereinander bewusst, es entstanden Organisationen wie z.b. Disabled Peoples International (DPI) oder World Federation of the Deaf (WFD). Die aktive Rolle skandinavischer Behindertenaktivisten auf UN-Ebene bei den Vorbereitungsprozessen der Standard Rules und der UN-Konvention. Die skandinavischen Regierungen haben Mechanismen entwickelt, wie sie Gelder für Entwicklungskooperationen an NROs vergeben. Das auptkriterium und der Ansatzpunkt dieser Finanzierung ist das Zusammenwirken von Zivilgesellschaften im Norden und Süden. In allen nordeuropäischen Ländern haben DPOs sich zu Kooperationsorganisationen zusammengeschlossen, bei denen sie gemeinsame Ziele der DPO-orientierten Entwicklungsarbeit verfolgen. Finnland: FIDIDA Schweden: SIA Norwegen: Atlas Alliansen Dänemark: DDPO Sie haben sich auch gemeinsam bei ihren Ministerien für Themen wie z.b. Mainstreaming eingesetzt oder dafür, dass DPOs einen geringeren Eigenanteil bei der Finanzierungen ihrer Projekte leisten müssen. Diese Organisationen kooperieren in den skandinavischen Ländern und machen dort mit einigem Erfolg Lobbyarbeit dafür, dass Behinderung Querschnittsthema wird. Dieser Finanzierungsmechanismus steht allen in Finnland registrierten NROs offen. Eine NRO sollte sowohl über die notwendigen Kapazitäten als auch über Glaubwürdigkeit verfügen, und das eingereichte Projekt sollte gewisse Kriterien erfüllen. Eine Bedingung ist, dass die NRO 15% Eigenanteil einbringt. DPOs in Finnland und in anderen nordeuropäischen Ländern ist es gelungen, beim Ministerium einen geringeren Eigenanteil durchzusetzen. In Finnland beispielsweise beträgt der Prozentsatz, den eine DPO bei der Projektfinanzierung tragen muss, nur 7,5 %. Dies hat zur Folge, dass viele DPOs Projekte in Entwicklungsländern durchführen. Üblicherweise schließt eine finnische DPO eine Partnerschaft zu einer Schwester-Organisation im Süden. Auf diese Weise fördert der finnische Gehörlosenverband ähnliche Organisationen in mehr als 10 Ländern, arbeitet mit Gebärdensprache und dem Aufbau von Kapazitäten der Organisationen; die finnische Blindenvereinigung unterstützt ihre Schwesterorganisationen in Namibia und Ecuador und die Vereinigung der Menschen mit Mobilitätsbeeinträchtigung fördert die Rollstuhlproduktion in Sambia und arbeitet mit der Schwesterorganisation zusammen. Gerade in Sambia und Mosambik kooperieren zahlreiche finnische DPOs mit ihren Schwesterorganisationen und FIDIDA unterstützt die dortige Dachorganisation der DPOs. Dänische und norwegische DPOs haben ähnliche Strukturen in Uganda und zahlreiche schwedische DPOs in Tansania. Projekte im Bereich Behinderung, die von finnischen DPOs durchgeführt werden, gehören zu folgenden Kategorien: A. B. C. D. E. F. Organisatorische Entwicklung: Projekte, die sich auf den Kapazitätsaufbau einer DPO konzentrieren Bewusstseinsbildung und Anwaltschaft: Projekte, die zum Ziel haben, die Menschenechte von behinderten Menschen zu verbessern: Kampagnen, Lobbyarbeit, Zusammenarbeit mit Medien, empowerment von Menschen mit Behinderung Barrierefreiheit: Projekte, die das Ziel haben Barrieren zu überwinden, Entwicklung von Gebärdensprache, Veröffentlichungen in Brailleschrift, Produktion von Prothesen, Rollstühlen und anderen technischen- und Mobilitätshilfen Rehabilitation Schaffung von Einkommen: Projekte, die vor allem die Förderung von Fähigkeiten voranbringen, Berufsausbildung, Marketing, Kenntnisse die man braucht, um kleine Unternehmen zu führen, Mikrokredite Erziehung: Projekte, die auf Grundbildung ausgerichtet sind, in inklusiver Bildung und Sondererziehung 16

17 FIDIDA arbeitet seit 2004 auch mit dem finnischen Außenministerium an einem Pilotprojekt, bei dem die Projektplanung im Bereich Behinderung beurteilt wird und die jährlichen Berichte von Projekten im Bereich Behinderung überprüft werden. Das Ziel dieses Vorhabens ist es, die Qualität von Projekten im Bereich Behinderung durch Lernen und durch gegenseitigen Austausch zu verbessern. Afrika ist der Kontinent, auf dem die meisten Aktivitäten finnischer und nordeuropäischer DPOs ausgeführt werden. In Afrika gibt es eine Reihe von Netzwerken, die die Rechte von Menschen mit Behinderung und die Arbeit von DPOs stärken, namentlich die African Decade of Persons with Disabilites mit ihrer auptverwaltung in Kapstadt und SAFOD in Simbabwe, als regionale Vertretung von Disabled Peoples International im südlichen Afrika. Seit der UN-Dekade von Menschen mit Behinderung in den 80er Jahren finden am 3. Dezember weltweit Aktionstage zur globalen Bewusstseinsbildung statt. 17

18 8. Wie können Frauen und Mädchen gleichberechtigt berücksichtigt werden? N ach Schätzungen der Vereinten Nationen leben weltweit 300 Millionen Frauen und Mädchen mit Behinderung. Diese erleben oft eine doppelte Benachteiligung, da sie als Frau bzw. Mädchen und wegen der Behinderung mehrfachen Diskriminierungen ausgesetzt sind. Mädchen und Frauen mit Behinderung haben seltener Zugang zu Bildung, Gesundheitsdiensten, Beschäftigung und anderen Lebensbereichen. Ihr Selbstbewusstsein ist oft geringer und sie verfügen über einen niedrigen Bildungsgrad. äufiger als Mädchen und Frauen ohne Behinderung sind sie unterschiedlichen Formen von Gewalt ausgesetzt. Man traut ihnen auch nicht die Rolle einer Ehefrau und Mutter zu. Wie kann die Situation von Mädchen und Frauen mit Behinderung verbessert werden? Weltweit haben sich in den vergangenen Jahren Frauen mit Behinderung zu Gruppen und Organisationen zusammengeschlossen, um für ihre Rechte einzutreten und um für ihre wirtschaftliche und gesellschaftliche Teilhabe zu kämpfen. Neben der Gründung von spezifischen Organisationen fordern Frauen mit Behinderung von allgemeinen Frauenorganisationen, dass diese sich öffnen sollen, um auch ihre Anliegen mit zu vertreten. Im folgenden Beispiel wird anhand einer Frauenselbsthilfegruppe aus Äthiopien vorgestellt, wie Frauen mit Behinderung zur eigenen Existenzsicherung beitragen können. zu ändern, hat die Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe (DAW) den Aufbau von drei Selbsthilfegruppen mit insgesamt 100 Frauen unterstützt, viele von ihnen mit Behinderung. Lelisha bedeutet blühend und Ifadin ist ein umgangssprachlicher Ausdruck für die Gegend, in der die Frauen leben. Ziel war es, Kapital anzusparen und damit kollektive Einkommen schaffende Maßnahmen für die Beteiligten zu finanzieren. Erstes Projekt war die Anschaffung von ühnern, dazu zahlte jede Frau pro Woche den Gegenwert von 0,25 Euro ein. Der rasche Erfolg ermutigte die Frauen, die wöchentliche Sparleistung zu verdoppeln, um damit Ziegen zu kaufen; innerhalb von 36 Wochen war das Ziegen-Projekt abgeschlossen. Nächster Plan war die Anschaffung von Kühen zur Milchversorgung und von Ochsen zu Feldbearbeitung. Um die dafür eigentlich benötigte Ansparzeit von 5 Jahren zu verkürzen, stellte die DAW Mittel für zusätzliche Kredite zur Verfügung. Weitere Projekte wie 8.1 Lelisa Ifadin Frauen-Selbsthilfegruppen in Gende Kore, Äthiopien Von Ernst isch, Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe (DAW) L epra ist eine chronische Infektion der aut, der peripheren Nerven und selten auch anderer Organe durch das Mycobacterium Leprae, die unbehandelt zu Nervenschäden und Behinderung führt. Eine wirksame medizinische Therapie steht erst seit ca zur Verfügung, daraus lassen sich die frühere, große Angst vor Leprakranken, ihre Stigmatisierung und daraus resultierend Selbststigmatisierung erklären, die in vielen Ländern für die Betroffenen zu sozialer Ausgrenzung, Isolation und Armut führten. In Äthiopien bestehen ca. 40 Ansiedlungen von leprabetroffenen Menschen, eine davon ist Gende Kore in der Nähe des Leprareferenzhospitals Bisidimo. Dort leben mehr als Menschen unter sehr einfachen Bedingungen. In den Familien dominieren die Männer, Frauen haben auch im ökonomischen Bereich nur geringe Entscheidungsbefugnis. Um dies nachhaltig bewässerter Gemüse- und Obstanbau und der Bau eines Gemeindezentrums mit einer Kantine für Dorfbewohner und Durchreisende folgten und führten zu ökonomischer Existenzsicherung. Das Treffen mit Bundespräsident Köhler während seiner Äthiopienreise 2004 und sein Interesse für die Aktivitäten der Gruppe wirkten sehr motivierend auf die Frauen. Beobachtungen über 10 Jahre Die Frauen hatten klare Vorstellungen über die Einkommen schaffenden Maßnahmen. Frauen lernten, sich und ihre Bedürfnisse zu artikulieren. Frauen lernten Probleme zu analysieren und nach ilfe zur Selbsthilfe. Frauen erwirtschaften die Lebensgrundlage ihrer Familien. 18

19 Betende Frauen von Lelisa Ifadin Lösungen zu suchen. Dabei verstärkte sich der soziale Zusammenhalt und Frauen halfen sich gegenseitig bei Krisen in den Familien. Entwicklung solider Organisationsstruktur und Gruppenleitung. Anerkennung durch regionale Behörden und positives Beispiel für andere Frauengruppen. Die Gruppe hat Potenzial für andere Aktivitäten in den Bereichen Frauen- und Menschenrechte. Notwendige externe Unterstützung Intensive Begleitung durch erfahrene Sozialarbeiter während der Anfangsphase. Begleitung und Monitoring. Zusätzliches Kapital für Kredite Intensives und wiederholtes Training in Organisationsführung und zum Aufbau einer Organisationsstruktur. Klare Definition des Endpunktes der Zusammenarbeit. Lelisa Ifadin hat derzeit 78 Mitglieder, ist nach äthiopischem Recht als Kooperative registriert und hat damit Zugang zu Beratung und Unterstützung durch lokale Behörden. Der legale Status vereinfacht die Expansion der Geschäfte und den Zugang zu Bankdarlehen. Ein öffentliches Förderprogramm für Kooperativen ermöglicht administrative Beratung und den Erfahrungsaustausch zwischen verschiedenen Kooperativen. 8.2 Stärkung von Frauen mit Behinderung im südlichen Afrika Von Dorothy Musankanya, Southern Africa Federation of the Disabled (SAFOD), Simbabwe Der Verband von Menschen mit Behinderung im südlichen Afrika (SAFOD) ist eine Dachorganisation nationaler Behindertenverbände verschiedener Länder im südlichen Afrika (siehe auch 5.2). Einer ihrer Schwerpunkte ist die Förderung von Frauen mit Behinderung. Die Ziele ihres Frauenprogramms Gender und Entwicklung sind: Eine Strategie für Entwicklungsaktivitäten zu entwerfen, die umsetzbar ist, zum Nutzen von behinderten Frauen im südlichen Afrika. Planung einer Initiative, die die Stimmen von Frauen mit Behinderung zu einer starken Stimme vereinen soll, die weltweit gehört werden kann. Vertretung von Frauen mit Behinderung in nationalen Regierungsstrukturen fördern, z.b. im Parlament oder in anderen Entscheidungsgremien. Erfahrungen austauschen und Fähigkeiten entwickeln, Lobbyarbeit für die Rechte von Frauen mit Behinderung zu betreiben. Wege und Möglichkeiten für Frauen mit Behinderung schaffen, sich besser untereinander zu vernetzen. Die Vernetzung von Organisationen von Frauen mit Behinderung auf örtlicher und regionaler Ebene voranbringen. Mehr über die Afrikanische Dekade zu lernen und mit Strategien aufzuwarten, die Frauen mit Behinderung in Afrika stärken. Eine klare Vorstellung zu haben und strategische Ziele festzulegen, wie die Arbeit von Frauen mit Behinderung momentan und in Zukunft begleitet werden kann. Das Gender- und Entwicklungsprogramm, geleitet von der Frauenkommission und dem/r regionalen Gender-KoordinatorIn, beabsichtigt, bei SAFOD Kapazitäten zu schaffen, um in der Behindertenbewegung Frauengruppen zu initiieren, zu organisieren und zu stärken. Weiterhin sollen Entwicklungsprozesse angestoßen und die Befreiung von Frauen aus der Armut, aus Unterdrückung und Abhängigkeit gefördert werden; sie sollen Unterstützung bekommen, um an der allgemeinen Entwicklung und der Durchführung von Projekten voll teilhaben zu können. 19

20 9. Empfehlungen für eine gute Zusammenarbeit mit Selbstvertretungsorganisationen W o liegen die erausforderungen in der Zusammenarbeit mit Organisationen von Menschen mit Behinderung? Folgende Schwierigkeiten, die aus praktischen Erfahrungen des DAW und von TeilnehmerInnen der Tagung zusammen getragen wurden, können auftreten: erausforderungen Es können starke Abhängigkeiten zwischen Behindertenorganisationen und Geldgebern entstehen. Die Zusammenarbeit zwischen DPOs kann dadurch erschwert werden, dass diese um Verluste bei ihren eigenen Spendeneinnahmen besorgt sind. Die Mitglieder von DPOs sind sich ihrer Rechte nicht immer bewusst. Bei manchen DPOs steht der Eigennutz der Gründer / Geschäftsführer zu stark im Vordergrund. Manche DPOs scheitern auf Grund von Misswirtschaft der Kapitalmittel. Alle DPOs benötigen capacity building und brauchen hierin dauerhafte Unterstützung. Es kann Konflikte zwischen Führungskräften geben, häufig wegen Mangel an Transparenz, Vorteilsnahme und der Vorherrschaft Einzelner etc. Solche Konflikte brauchen lange, um bereinigt zu werden und binden erhebliche Energien der DPOs und ihrer Partner. Interessenskonflikte können zum Problem werden. DPOs haben wegen des starken wirtschaftlichen Wettbewerbs oft ungünstige Voraussetzungen, um Geschäfte zu machen. DPOs, die sich für Gleichberechtigung, Chancengleichheit und empowerment einsetzen und dabei zu rigoros auf besonderen Zugeständnisse und Zuwendungen insistieren, gehen ein Risiko ein, gesellschaftlich ausgegrenzt zu werden. Organisationen von Menschen mit einer bestimmten Behinderung neigen dazu, Menschen mit derselben Behinderung zu bevorzugen und andere Behinderungen außer Acht zu lassen Selbsthilfegruppen tendieren dazu, sich zu sehr auf Ersparnisse, Kredite und Einkommen schaffende Maßnahmen zu konzentrieren. 1) Auf Grundlage der Präsentation von Ernst isch, DAW 9.2 Vorteile einer Kooperation mit DPOs Gut entwickelte DPOs bieten sehr gute Ansatzpunkte für Rehabilitationsmaßnahmen. DPOs können sehr wirkungsvoll Einfluss auf politische Entscheidungsträger nehmen. DPOs haben gute Netzwerke für Anwaltschaft und Lobbyarbeit und treten sehr wirkungsvoll für ihre eigenen Rechte ein. Sie sind authentisch. DPOs verstehen die Nöte und Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung unmittelbarer als Fachleute ohne Behinderung. Durch die Arbeit von DPOs verändert sich die Wahrnehmung von Menschen mit Behinderung in der Gesellschaft. DPOs sind stärker engagiert und effizienter bei der Rehabilitationsarbeit als Organisationen, die von Nicht- Behinderten geführt werden. 9.3 Empfehlungen DPOs have to make sure that the leader is competent. good leader = good DPO Für DPOs ist eine kontinuierliche und langfristige Unterstützung wichtig. Die Zusammenarbeit beginnt häufig bei Null DPOs entwickeln im Lauf der Zeit ihre institutionellen Qualitäten. Trainingsmaßnahmen mit inklusiven Gruppen sind effizienter als gesonderte Einheiten für Menschen mit Behinderung. Effizientes Monitoring und Beratung sind erforderlich, um die Qualität der Arbeit von DPOs langfristig zu verbessern. Im Sinne der Nachhaltigkeit ist es wichtiger, ein starkes Team zu bilden, als sich nur auf die Beschaffung von Mitteln zu konzentrieren. Dazu gehört auch die Ausbildung von administrativen Fähigkeiten und Konfliktmanagement. Es ist wichtig, erst die Kapazitäten einer Organisation aufzubauen, bevor man mit Einkommen schaffenden Maßnahmen beginnt. Bevor neue Programme eingeführt werden, ist es unerlässlich, die grundlegenden Daten (baseline data) zu beschaffen und auszuwerten. 20

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