1. Berufsbegleitende Nachqualifizierung zum Berufsabschluß

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1 13 1. Berufsbegleitende Nachqualifizierung zum Berufsabschluß In diesem einleitenden Kapitel wird ein Überblick über die Ziele und Merkmale der berufsbegleitenden Nachqualifizierung gegeben. Unter der Bezeichnung berufsbegleitende Nachqualifizierung entwickelte sich seit einigen Jahren ein neuer Qualifizierungsansatz, bei dem Beschäftigung und Qualifizierung miteinander verbunden werden. Ziel ist, daß an- und ungelernte junge Erwachsene beruflich integriert werden und berufsbegleitend einen anerkannten Berufsabschluß nachholen. In die Qualifizierung wird der Arbeitsplatz als Lernort einbezogen. Der Ansatz wendet sich speziell an junge Erwachsene, die bereits Arbeitserfahrungen haben, aber aus unterschiedlichen Gründen ihren Berufsabschluß weder im Rahmen der beruflichen Erstausbildung noch in einer regulären beruflichen Weiterbildung erreichen können. Die berufsbegleitende Nachqualifizierung ist durch bildungspolitische Initiativen als Reaktion auf Forschungsergebnisse des Bundesinstituts für Berufsbildung entstanden (vgl. Kapitel 7). Auf der Grundlage der beiden im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Wissenschaft und des Bundesinstituts für Berufsbildung 1990 und 1998 auf repräsentativer Basis durchgeführten EMNID-Studien wird der Anteil der Jugendlichen, die dauerhaft ohne Berufsausbildung bleiben, auf 14% eines Jahrganges geschätzt.

2 14 Handbuch berufsbegleitende Nachqualifizierung An- und Ungelernte haben auf dem Arbeitsmarkt immer weniger Chancen. Nach Prognosen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesanstalt für Arbeit geht der Bedarf an Arbeitskräften ohne Ausbildungsabschluß bis zum Jahre 2010 auf etwa 10% zurück. Innerhalb von 20 Jahren wird dann etwa die Hälfte aller Arbeitsplätze für Personen ohne formalen Berufsabschluß weggefallen sein. Arbeitsmarkt 2000 Quelle: Stooß, F.: Arbeitsmarkt 2000/2010. In: Gewerkschaftliche Bildungspolitik (1989), 7/ 8, S Nach: BiBB: Seminarkonzepte zur Ausbilderförderung Aus diesem deutlichen Trend zur Höherqualifizierung der Erwerbsarbeit folgt die bildungspolitische Notwendigkeit zu verstärkten Anstrengungen, auch jungen Erwachsenen Möglichkeiten zum nachträglichen Erwerb eines anerkannten Berufsabschlusses zu bieten, die bisher keinen Berufsabschluß in der beruflichen Erstausbildung erworben haben und für die Umschulungen kein geeignetes Instrumentarium darstellen. Berufsbegleitende Nachqualifizierung ist eine von zwei Strategien in der beruflichen Bildung zur Verringerung des Anteils von Ungelernten. Der präventive Ansatz richtet sich auf eine qualitative und quantitative Verbesserung der Möglichkeiten der beruflichen Erstausbildung, um mehr Jugendliche für eine berufliche Erstausbildung zu motivieren und ihnen dort auch zu einem erfolgreichen Abschluß zu verhelfen.

3 Kapitel 1: Überblick 15 Für diejenigen, die trotz aller Anstrengungen hiervon nicht erfaßt werden konnten, bedarf es einer zweiten Chance durch das Nachholen von anerkannten Berufsabschlüssen im Verbund mit Beschäftigung. An- und Ungelernte, die bereits erwerbstätig und ohne Berufsabschluß am ehesten von Entlassung bedroht sind, sollten begleitend zur Berufstätigkeit zum Berufsabschluß qualifiziert werden können, um entweder im selben Betrieb oder in einem anderen Betrieb bessere Weiterbeschäftigungschancen zu haben. Für diejenigen, die arbeitslos sind, bietet die berufsbegleitende Nachqualifizierung sowohl die Chance auf einen Arbeitsplatz als auch begleitend eine auf den Berufsabschluß ausgerichtete Qualifizierung. Mit dem Begriff berufsbegleitende Nachqualifizierung wird hier zum Ausdruck gebracht, daß an- und ungelernte (junge) Erwachsene begleitend zur Berufstätigkeit nachträglich zu einem anerkannten Berufsabschluß qualifiziert werden. Damit unterscheidet sich der hier benutzte Begriff Nachqualifizierung von einer anderen, in der beruflichen Weiterbildung gebräuchlichen Verwendung für eine Anpassungsfortbildung von Teilnehmer(inne)n, die bereits einen Berufsabschluß haben. Sie Begriffsklärung Berufsbegleitende Nachqualifizierung

4 16 Keine Anpassungsfortbildung Teile eines Berufsbildes Unterschiede zur beruflichen Erstausbildung Handbuch berufsbegleitende Nachqualifizierung werden in ihrem Beruf nachqualifiziert, um sich an weiterentwikkelte Technologien, an neue Produktionsorganisationen oder veränderte Anforderungen neuer Arbeitsplätze anpassen zu können. Die klare Ausrichtung auf den nachträglichen Erwerb eines aner- kannten Berufsabschlusses unterstreicht, daß es sich nicht lediglich um den Erwerb von betriebs- oder arbeitsprozeßbezogenen Teilqualifikationen unterhalb der Ebene eines anerkannten Berufsabschlusses handelt, wie sie in betrieblichen Anpassungsfortbildungen oder ergänzend zu Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen üblich sind. Vielmehr beziehen sich die einzelnen Teile der Gesamtqualifikation immer auf das Berufsbild eines anerkannten Ausbildungsberufes. Sie sind damit betriebsübergreifend verwertbar und bundesweit anerkannt. Gegenüber der beruflichen Erstausbildung gibt es vor allem zwei konzeptionelle Unterschiede: Die Qualifizierung baut auf bereits vorhandene berufliche Qualifikationen auf und bezieht die bisherigen Arbeitserfahrungen in den Qualifizierungsprozeß ein. Die Qualifizierung wird mit einem Arbeitsverhältnis verbunden und berücksichtigt damit auch das Interesse der jungen Erwachsenen an wirtschaftlicher Eigenständigkeit. Berufsbegleitende Nachqualifizierung stellt für diejenigen eine Alternative dar, die durch eine Kombination von Beschäftigung und Qualifizierung bessere Chancen haben, einen Berufsabschluß zu erreichen, als durch eine reguläre berufliche Weiterbildung. Auch diejenigen, die in einer beruflichen Erstausbildung gescheitert sind, können auf diesem Wege einen Berufsabschluß nachholen.

5 Kapitel 1: Überblick 17 Die Konzeption der berufsbegleitenden Nachqualifizierung zeichnet sich durch eine Reihe von Merkmalen aus, die an- und ungelernten jungen Erwachsenen im Vergleich zu anderen Weiterbildungsangeboten wirksamere Qualifizierungs- und Fördermöglichkeiten bieten (vgl. Kapitel 2). Konzepte zur Nachqualifizierung müssen auf die besonderen Voraussetzungen und Interessen der Teilnehmer/innen zugeschnitten sein. Bei der Planung und Projektentwicklung sind gleichermaßen auch die Wünsche der beteiligten Partner zu berücksichtigen, besonders der Betriebe und der Arbeitsverwaltung (vgl. Kapitel 6). Das Bundesministerium für Bildung und Forschung fördert fünf Modellversuche zur berufsbegleitenden Nachqualifizierung, die vom Bundesinstitut für Berufsbildung fachlich betreut werden. Sie entwickeln den Zielgruppen angepaßte, modular gegliederte Qualifizierungskonzepte, die in Zusammenarbeit mit Betrieben den Arbeitsplatz als Lernort einbeziehen (vgl. S. 167). Das Bundesministerium für Bildung und Forschung hat darüber hinaus ein neues Projekt zur Weiterentwicklung der innovativen Maßnahmen zur berufsbegleitenden Nachqualifizierung in Auftrag gegeben, mit dem die Weiterentwicklung und Zusammenarbeit in diesem Bereich gefördert werden sollen (vgl. S ).

6 19 Kapitel 2 Zielgruppen der berufsbegleitenden Nachqualifizierung

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