Der fünfjährige Leon sitzt im

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1 Medizin Vorgeburtliches Trauma Spuren des Alkohols Auch Schwangere, die nur ab und zu»ein Glas zu viel«trinken, gefährden das Ungeborene. Die Folgen einer Hirnschädigung werden erst später sichtbar und oft nicht auf den Alkoholkonsum zurückgeführt. Wie erkennt man betroffene Kinder, und welche Unterstützung brauchen sie? Von Reinhold Feldmann Auf einen Blick Unterschätzte Gefahr 1In Deutschland kommen jährlich etwa 6500 Kinder zur Welt, die im Mutterleib durch Alkohol geschädigt wurden. 2Oft sehen sie unauffällig aus, ihr Gehirn wurde aber in Mitleidenschaft gezogen. Das kann später zu gravierenden geistigen, sozialen und emotionalen Problemen führen. 3 In diesem Fall brauchen die Betroffenen bis ins Erwachsenenalter hinein eine besondere Förderung, Betreuung und Unterstützung. Der fünfjährige Leon sitzt im Restaurant keine fünf Minuten still. Plötzlich greift er sich das Besteck und rennt damit wild herumfuchtelnd durch die Gegend. Seine Mutter will ihn zurückhalten, aber er reagiert nicht auf ihr Schimpfen. Die anderen Gäste sind irritiert: Was ist denn mit dem Kind los? Eine Frau sagt kopfschüttelnd:»der ist aber frech und offenbar sehr schlecht erzogen!«einmal mehr beschleichen Leons Eltern Schuldgefühle. Der Junge ist ihr Adoptivkind, und sie wissen: Er hatte keinen guten Start. Ein paar Tage nach der Geburt wurde er von seiner Mutter getrennt, kam in ein Heim, erst ein halbes Jahr später zu ihnen. Sind diese traumatischen Erlebnisse die Ursache für Leons Verhalten? Oder müssten sie mit ihm wirklich viel strenger sein? Viele Adoptiv- und Pflegeeltern, die Rat in unserer Ambulanz (Tagesklinik Walstedde) suchen, schildern ähnliche Erfahrungen und ahnen bereits: Die Probleme könnten noch tiefer wurzeln, nämlich schon in der Zeit vor der Geburt. Nicht selten bestätigt sich der Verdacht. Nach unseren Schätzungen leiden von den jährlich in Deutschland geborenen Kindern zirka 6500 unter den Folgen mütterlichen Alkoholkonsums in der Schwangerschaft. Die Symptome sind sehr unterschiedlich ausgeprägt. Rund 2000 davon, also etwa 3 von 1000 Kindern, zeigen das Vollbild das»fetale Alkoholsyndrom«, kurz: FAS (siehe»kurz erklärt«, S. 68). Zahlen aus den USA und Frankreich bewegen sich in ähnlicher Größenordnung. Bei der Diagnose FAS muss die Schädigung an körperlichen äußerlichen Merkmalen, etwa typischen Veränderungen im Gesicht (siehe»ins Gesicht geschrieben«, rechts) und Minderwuchs erkennbar sein. Diese eindeutigen Fälle stellen aber nur die Spitze des Eisbergs dar: Alkohol hemmt beim Ungeborenen das Wachstum sämtlicher Organe. Und das trifft besonders das komplexe Gehirn. Sehr viel häufiger als äußerlich sichtbare Folgen sind daher alkoholbedingte Hirnschädigungen, die später zu geistigen, sozialen und emotionalen Beeinträchtigungen führen können. Sind die körperlichen Anzeichen nur schwach ausgeprägt oder gar nicht erkennbar, muss für die Diagnose eines»partiellen FAS«oder von»entwicklungsneurologischen Schäden nach vor geburtlicher Alkoholexposition«zwingend die Vorgeschichte herangezogen werden. Das ist aber oft schwierig bis unmöglich: Welche Mutter gibt schon offen zu, dass sie während der Schwangerschaft getrunken hat? Rund 80 Prozent der in unserer Ambulanz vorgestellten Kinder sind Pflege- oder Adoptivkinder. Oft sind die leiblichen Mütter nicht erreichbar. Darüber, ob und wie viel Alkohol sie konsumiert haben, können wir dann nur spekulieren. Die Studienergebnisse zu den Folgen mäßigen Alkoholkonsums in der Schwangerschaft sind widersprüchlich. Deshalb bezweifeln manche, dass er eine ernsthafte Gefahr darstellt (siehe Beitrag ab S. 72). Fest steht aber: Nicht nur alkoholkranke Frauen gebären Kinder mit FAS. Selbst bei Kindern, deren schwangere Mütter glaubhaft versichern, lediglich ein Glas pro Woche getrunken haben, häufen sich laut verschiedenen Studien FAS-typische Verhaltensprob le me. Die Gefahr durch moderaten Alkoholkonsum be- 66 Gehirn und Geist

2 SPEZIAL Schwangerschaft Gehirn und Geist / Martin Burkhardt Ins Gesicht geschrieben A lkohol in der Schwangerschaft kann bei den Kindern zu Fehlbildungen sämtlicher Körperteile führen, etwa an Händen und Füßen. Besonders charak teris tisch für das»fetale Alkohol syndrom«sind allerdings Anomalien des Kopfes, von denen hier einige illustriert sind. Als markantes Zeichen gilt der größere abstand zwischen Nase und Mund, wobei die Rinne (das»philtrum«) undeutlich wirkt. Die Oberlippe ist schmäler, eingezogen und weniger geschwungen. Außerdem weisen die Nasenlöcher auffallend nach vorne. Die Augen sind kleiner, wodurch der Eindruck ent stehen kann, als würden sie extrem weit auseinanderstehen. Häufig setzen die Ohren tief an, gelegentlich sind sie nicht gut ausgeformt (in der Zeichnung nicht zu sehen). Solche Fehlbildungen zusammen mit anderen Kriterien machen es meist recht einfach, das voll ausgeprägte Krankheitsbild zu erkennen. Sehr oft schwächen sich die äußerlichen Merkmale aber mit der Zeit so stark ab, dass ältere Kinder die Diagnosekriterien nicht mehr erfüllen. 9_

3 beide Fotos: mit frdl. Gen. von Reinhold Feldmann Kurz erklärt Fetales Alkoholsyndrom (FAS) bezeichnet das voll ausgeprägte Krankheitsbild einer Schädigung des Embryos durch Alkohol im Mutterleib. Bei jüngeren Kindern ist es an typischen äußerlichen Merkmalen im Gesicht zu erkennen (siehe auch»ins Gesicht geschrieben«, S. 67). So sieht man im Profil bei diesem dreijährigen Mädchen (unten) gut den verkürzten Nasenrücken und das fliehende Kinn. Weitere Diagnosekriterien neben solchen Veränderungen sind eine Wachstumsverzögerung sowie Anomalien des Gehirns. Beim»partiellen FAS«fallen die Betroffenen lediglich in zwei dieser drei Bereiche auf. Sehr viele alkoholgeschädigte Kinder sehen aber auch ganz unauffällig aus und zeigen»nur«ein charakteristisches Muster an kognitiven, sozialen und emotionalen Störungen. stätigte 2014 auch eine unserer eigenen Untersuchungen. Wir werteten Befragungsdaten von mehr als 7000 Kindern im Alter zwischen drei und zehn Jahren und ihren Eltern aus. Dabei fanden wir Hinweise darauf, dass sich Auffälligkeiten bereits mehrten, wenn die Mütter während der Schwangerschaft mäßig getrunken, und noch verstärkt, wenn sie zusätzlich geraucht hatten. Weltweit sind sich FAS-Forscher darin einig, dass Schwangere Alkohol ganz meiden sollten. Denn bis heute ließ sich kein linearer Zusammenhang zwischen der Menge des getrunkenen Alkohols und dem Ausmaß der Symptome nachweisen. Deshalb existiert auch kein Grenzwert, der ein Risiko für das ungeborene Kind ausschließt. Der Einfluss der Gene Die Wirkung dieses Zellgifts (siehe»wie wirkt Alkohol auf das Ungeborene?«, rechts) ist sehr vielschichtig: Sie hängt nicht nur davon ab, wann in der Schwangerschaft und damit in welcher Phase der Entwicklung der verschiedenen Organe und Körperteile getrunken wurde. Schon in den 1990er Jahren legte eine Zwillingsstudie von Ann Streissguth und Philippe Dehaene in den USA zusätzlich eine genetische Komponente nahe: Während sich die Symptome bei eineiigen alkohol exponierten Geschwistern nach der Geburt sehr ähnelten, variierten sie bei den zweieiigen Zwillingen deutlich manchmal galt eines der Zwillingsgeschwister sogar als gesund. So kann es auch passieren, dass von zwei Frauen, die ähnlich viel Alkohol getrunken haben, nur eine ein FAS-Kind zur Welt bringt. Die Folgen des Alkoholkonsums in der Schwangerschaft fielen schon vor mehr als 150 Jahren auf. Bereits 1865 beschrieb Wilhelm Busch ( ) in seiner Bildergeschichte»Max und Moritz«erstmals ein vorgeburtlich alkoholgeschädigtes Kind. Buschs Werke entstanden in der künstlerischen Epoche des Realismus. Fern von idealisierenden Darstellungen des Menschen und seines Schicksals gab der Dichter und Zeichner präzise und oft zugespitzt wieder, was er in der Wirklichkeit seinerzeit vorfand. Im 19. Jahrhundert hatte in Deutschland mit der Aufhebung alter Schank- und Zunftgrenzen der Konsum von hochprozentigen Spirituosen erheblich zugenommen. Der beliebte und billige Kartoffelschnaps führte zu einer regelrechten»branntweinpest«. Mit Sicherheit begegnete Busch häufiger alkoholgeschädigten Kindern. Er zeichnete Moritz Gesichtszüge mit zahlreichen Kennzeichen eines Jungen mit FAS, etwa fehlt ihm im Gegensatz zu Max die Rinne zwischen Nase und Mund, die auffallend weit voneinander entfernt sind. Auch einige Verhaltensmerkmale illustrierte er treffend: Der clevere Max plant die Streiche, der arglose, nicht gerade schlaue Moritz macht mit, wobei er die Konsequenzen der Missetaten offenbar nicht abschätzen kann. Eine erste französische Studie von Jacqueline Rouquette zur Symptomatik im Jahr 1957 blieb zunächst unbeachtet. Erst ein Jahrzehnt später griff sie der französische Kinderarzt Paul Le moine auf und veröffentlichte eine eigene Untersuchung an 127 Kindern alkoholkranker Mütter. Er formulierte die Bestimmungskriterien des FAS so exakt, dass sie noch heute die Grundlage der verschiedenen Diagnoseschemata darstellen. Die Amerikaner Ken Jones und David Smith beschrieben 1973 gleich lautende Forschungsergebnisse zu nur acht Kindern mit Alkoholschädigung auf Englisch und gaben dem Phänomen seinen Namen. Erst diese Publikation weckte international Interesse und löste auch in Deutschland Forschung zum FAS aus. Häufig kann man nur in den ersten drei Lebensjahren den Schweregrad der Alkoholschädigung bestimmen. Viele körperliche Merkmale schwächen sich im Lauf des Lebens ab. Dennoch konzentrieren sich die Diagnosesysteme auf äußerliche Symptome, festgestellte Anomalien 68 Gehirn und Geist

4 Wie wirkt Alkohol auf das Ungeborene? A lkohol kann wegen seiner geringen molekularen Masse und guten Fett- und Wasserlöslichkeit problemlos die Plazentaschranke passieren. Dadurch stellt sich beim Embryo schnell die gleiche Blutalkoholkonzentration ein wie bei der Mutter. Bei ihr wird der Alkohol von der Leber relativ rasch abgebaut, die unreife Leber des Kindes ist dazu nicht in der Lage. Daher wandert das Zellgift nur sehr langsam zurück in den mütterlichen Blutkreislauf. Alkohol behindert den Transport von Eiweißbaustoffen (den Aminosäuren) über die Plazenta. Dadurch kommt es zu einem verminderten Aufbaustoffwechsel, so dass FAS-Kinder trotz angemessener Ernährung während der Schwangerschaft nicht gut wachsen. Bei Geburt sind sie daher meist zu leicht und zu klein. Alkohol und seine Abbauprodukte wirken zudem unmittelbar giftig auf alle Körperzellen und behindern die Zellteilung. Da sich die kritischen Schwangerschaftsphasen für einzelne Körperteile und Organe zeitlich unterscheiden, hängen mögliche Fehlbildungen vom Zeitpunkt der Alkoholeinwirkung ab: Alle Körperteile können betroffen sein neben dem Gesicht etwa auch das Skelett, das Herz, die Atemwege, die Leber und der Verdauungstrakt. Ganz besonders empfindlich auf die Wirkung des Alkohols reagiert aber das Gehirn, das sich während der gesamten Schwangerschaft stark entwickelt. Zahlreiche Schäden wurden beobachtet: Wasserkopf, Veränderungen im Hirnstamm, in den Basalganglien, eine dünnere Ummantelung der Nervenfortsätze und noch viel mehr. Insgesamt entstehen bei Alkoholexposition weniger Nervenzellen, dazu ist ihre Entwicklung in die verschiedenen Zelltypen gestört. In Tierversuchen gingen außerdem bis zu 30 Prozent der heranwachsenden Hirnzellen unter Alkoholeinfluss wieder zu Grunde. Das»Massensterben«könnte eine der Ursachen für ein geringeres Hirnvolumen bei den be troffenen Kindern sein. im Gehirn und bekannten mütterlichen Alkoholkonsum in der Schwangerschaft. Wie wir 2015 bei einer Unter suchung von 30 betroffenen zweijährigen Kindern feststellten, entwickelt sich aber die Hälfte von ihnen motorisch und auch geistig deutlich verzögert. Dies fällt bei den (eher selten) termingerecht geborenen FAS-Kindern sogar noch stärker auf als bei FAS-Frühchen. Letztere profitieren offenbar davon, nicht ganz so lange dem Alkohol ausgesetzt gewesen zu sein. Veränderte Wahrnehmung Unserer Ansicht nach sollten neuropsychologische Auffälligkeiten künftig schon bei der Diagnose stärker beachtet werden. So können Kinder mit FAS bereits im Kleinkindalter bei Tests Formen und Figuren schlechter erkennen und Höhen nicht so gut einschätzen wie Gleichaltrige. Auch übersehen sie häufig Hindernisse, stolpern oder stoßen sich beispielsweise immer wieder an der Tischkante. Dabei scheinen sie bemerkenswert wenig Schmerzen zu spüren. Ebenso ist das Wärme- und Kälteempfinden oft gestört, und noch im Jugendalter bemerken die Betroffenen meist nicht, wenn sie nicht witterungsgemäß angezogen sind. Da sie weniger aufnahmefähig sind, Informationen nicht gut filtern und unwichtige Reize schlecht ausblenden können, werden ihnen Lärm und Trubel etwa im Kindergarten schnell zu viel. Beim Sprechenlernen tun sich alkoholgeschädigte Kinder typischerweise schwerer als Gleichaltrige. Sie artikulieren sich schlechter, machen mehr Fehler beim Satzbau, und ihr Wortschatz wächst nicht so schnell an. Früher oder später sprechen die Kinder aber meist normal und oft auch sehr viel. Jedoch können sich FAS-Kinder oft nur auffällig kurz konzentrieren. Dann fehlt ihnen die Geduld, und sie brechen Tätigkeiten vorzeitig ab. Zusammen mit einem eingeschränkten Kurzzeitgedächtnis führt das meist zu Lernschwierigkeiten in der Schule: Sie vergessen schnell wieder, was sie zuvor gelernt haben, können daher schlecht Zusammenhänge von aufeinander aufbauenden Aufgaben erkennen oder zuvor gelernte Lösungswege auf Neues anwenden. Selbst alltägliche Pflichten müssen vielen Kindern immer wieder aufs Neue erklärt werden.»das haben wir dir doch schon 100-mal gesagt!«, entfährt es auch Leons Eltern hin und wieder. Vor allem aber bereiten logisches Denken und komplexe Probleme Schwierigkeiten. Am Universitätsklinikum Münster testeten wir 135 Kinder FAS-Frühchen profitieren offenbar davon, nicht ganz so lange dem Alkohol ausgesetzt gewesen zu sein 9_

5 mit frdl. Gen. von Reinhold Feldmann Schritt für Schritt Solche Kärtchen helfen alkoholgeschädigten Kindern dabei, alltägliche Aufgaben wie das An ziehen einzuüben. mit Alkoholschäden im Alter von 2 bis 18 Jahren. Nur ein Viertel erzielte annähernd normale Intelligenzwerte (IQ 80), durchschnittlich erreichten die Kinder lediglich einen IQ von 75. Dieses Minus von im Schnitt 25 IQ-Punkten fanden wir auch bei den äußerlich unauffälligeren Kindern mit der Diagnose»partielles FAS«. Insofern kann man dieses nicht als abgeschwächte Form des Syndroms verstehen. Langzeitstudien belegen vielmehr, dass sich die kognitiven und emotionalen Fähigkeiten ähnlich ungünstig entwickeln wie bei Kindern mit dem Vollbild. Zu wenig Angst Auf den ersten Blick vermuten Außenstehende vielleicht, FAS-Kinder litten»nur«an ADHS. Hyperaktivität, also motorisch unruhiges und unkontrolliertes Verhalten, ist bei ihnen ungemein häufig. Auch Leon ist immer in Bewegung, springt, rennt, tobt.»einfach mal still spielen, das schafft er einfach nicht«, erzählen seine Eltern. Den Kindern fehlt zudem oft die natürliche Angst vor Gefahren. So sind sie waghalsig, übermütig und bringen sich im Straßenverkehr oder beim Klettern in Gefahr, scheinen aber aus schlechten Erfahrungen wenig zu lernen. Stets versuchen die Kinder die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Im Kindergarten stören sie im Stuhlkreis, in der Schule den Unterricht, und geben den Klassenclown. Trotzdem schließen Gleichaltrige die impulsiven und ungeduldigen FAS-Kinder häufig vom Spiel aus. Ohnehin verlieren Letztere schnell die Lust, vor allem, wenn ihnen die Regeln zu kompliziert sind. Selbst wenn sie älter werden, spielen sie daher lieber mit deutlich Jüngeren, denen sie sich weniger unterlegen fühlen. Dennoch gehen die Kinder auf mögliche Spielkameraden oft sehr unbefangen zu und suchen Körperkontakt. Manchmal halten sie sich an anderen fest, um das Geschehen genauer mitverfolgen zu können, und bemerken nicht, wenn das nicht gut ankommt. Das geringe»distanzgefühl«fällt bei den meis ten betroffenen Kindern auf: Sie suchen spontan die Nähe sogar unbekannter Erwachsener und setzen sich beispielsweise bei ihnen auf den Schoß. Gerade bei ehemaligen Heimkindern liegt ein solches Verhalten nahe: Sie sind daran gewöhnt, sich an alle möglichen, gerade verfügbaren Personen zu wenden. Während aber bei diesen Kindern die Distanzlosigkeit und andere Folgen eines frühkindlichen Traumas in einer fürsorglichen Pflegefamilie zusehends schwinden, halten sich solche Symptome bei alkoholgeschädigten Kindern oft hartnäckig. In der Pubertät suchen sie vermehrt den Kontakt zu Altersgenossen, werden aber häufig abgelehnt oder verspottet. Trotz allem können die Kinder und Jugendlichen durchaus beliebt sein. Denn sie sind meist sehr fröhlich und außerordentlich hilfsbereit. So ist auch Leon zwar anstrengend und bringt die Kindergärtnerin mitunter zur Verzweiflung im Grunde jedoch, so findet sie, ist er ein»gutmütiges Kerlchen«. Wir haben 125 Biografien betroffener Kinder bis ins Erwachsenenalter hinein analysiert. Unser Fazit: Die Folgen einer Alkoholschädigung bleiben lebenslang spürbar. In der Schule tun sich die Kinder häufig sehr schwer, sie müssen eine Klasse wiederholen, wechseln die Schulform oder brechen die Schullaufbahn ganz ab. Mehr als zwei Drittel der von uns untersuchten FAS-Kinder besuchten eine Förderschule. Die Betroffenen sind außerdem leider oft sehr leichtgläubig. Noch als Jugendliche begegnen sie anderen Menschen arglos und lassen sich finanziell, sexuell oder als Mitläufer bei Straftaten ausnutzen. Jugendliche mit FAS geraten zwar aus eigenem Antrieb nicht häufiger mit dem Gesetz in Konflikt als ihre Altersgenossen. Sie lassen sich aber leichter von anderen für kriminelle Zwecke wie Diebstahl oder Sachbeschädigung einspannen. Bei einer Studie mit 60 jungen Erwachsenen beobachteten wir: Selbst als Volljährige sind ehemalige FAS-Kinder überwiegend nicht in der Lage, ein selbstständiges Leben zu führen. Sie laufen Gefahr, sich zu verschulden und zu verwahrlosen. Die jungen Frauen zeigten vermehrt depressive Symptome, und ein Viertel der Erwachsenen hatte keine Freunde. Beunruhigenderweise waren drei von vier der betroffenen Erwachsenen selbst Opfer von Straftaten geworden, darunter am häufigsten sexueller Missbrauch. Dies macht klar, dass die Kinder auch als junge Erwachsene Anleitung, alltagspraktische Hilfe und Schutz durch eine wachsame Bezugsperson brauchen. 70 Gehirn und Geist

6 Trotz dieses bedrohlichen Szenarios sollten Eltern nicht resignieren. Unsere Studie von 2012 bestätigt: Eine frühe Diagnose (die heute leider noch selten ist) beugt der Erfahrung von Missbrauch vor und führt insgesamt zu einer besseren sozialen und emotionalen Entwicklung. Zum einen werden dadurch unnötige Untersuchungen und unwirksame Therapien vermieden sowie schneller eine geeignete Betreuung und Förderung gefunden. Zum anderen reduziert der Wechsel in eine geeignetere Schulform Lernprobleme, und die Kinder fühlen sich weniger überfordert. Außerdem berichten die Eltern, dass sie ihre Kinder nun besser verstehen und nicht mehr so viel Angst haben, bei der Erziehung zu versagen. Wege in ein gutes Leben Obwohl die Alkoholschäden nicht»heilbar«im engeren Sinn sind, bestehen gute Möglichkeiten, die Kinder auf ihrem Lebensweg zu unterstützen. Eine auf FAS zugeschnittene Therapie gibt es zwar nicht. Durch therapeutische Maßnahmen lassen sich jedoch Begleiterscheinungen wie Aggressionen, Störungen von Impulskontrolle, Wahrnehmung, Spracherwerb und Motorik gezielt positiv be einflussen. Nutzbringend sind Frühförderung, Krankengymnastik, Logopädie, Ergotherapie sowie therapeutisches Reiten. Auch verhaltens therapeutische Maßnahmen sind ergänzend sinnvoll, wenn sich die Inhalte sehr eng am Alltag orientieren und die Kinder das gewünschte Verhalten dabei konsequent einüben. Medikamente können helfen, Probleme der Aufmerksamkeit und Hyperaktivität zu mildern. Viele Kinder mit FAS toben so wild und ohne jegliches Bewusstsein für Risiken, dass sie sich und andere Kinder gefährden. Das führt zu häufigen Ver letzungen, und die Sorge um das Kind kann die Familie erheblich belasten. Manche Eltern befürchten, ein Medikament wie Methylphenidat (»Ritalin«) würde die Persönlichkeit ihres Kindes verändern. Aus meinen Erfahrungen heraus sehe ich das anders: Es ermöglicht manchen von ihnen erst, zu den Persönlichkeiten zu reifen, die sie ohne diese Beeinträchtigungen eigentlich wären. Für Eltern mit FAS-Kindern haben wir in Müns ter einen»erste-hilfe-koffer«zusammengestellt. Er enthält kurze, leicht verständliche Erklärungen zum typischen Verhalten und zugleich praktische Tipps zum Umgang damit. Feste Strukturen und Rituale, etwa beim Aufstehen, Essen oder Zubettgehen, sind im Alltag sehr hilfreich. Positiv sind auch eine insgesamt ruhige Atmosphäre sowie eine eher reizarme Umgebung mit wenig Spielzeug und klar strukturierten Bereichen im Kinderzimmer. Belohnungssysteme (Punkte oder Smileys für gewünschtes Verhalten) funk tionieren im Gegensatz zu Kindern mit ADHS bei solchen mit Alkoholschä digungen nicht gut. Sie vergessen die angekün digte Belohnung oft wieder. Anweisungen an das Kind sollten schrittweise erfolgen: eine einfache und präzise Anforderung nach der anderen, die zweite erst, wenn die erste beendet ist. Statt viel zu erklären, ist es besser, das gewünschte Verhalten vorzumachen und es mit dem Kind praktisch einzuüben. Beim Start einer neuen oder auch bei einer schon bekannten Aufgabe darf und soll geholfen werden. Gut angenommen werden beispielsweise Kärtchen, die zu Lernendes abbilden (siehe»schritt für Schritt«, links). Auch Leon macht es Spaß, die aufgemalten Tätigkeiten zu imitieren und die einzelnen Handlungsschritte erfolgreich abzuarbeiten. Es ist wichtig, den Kindern auf die bestmögliche Weise zu helfen. Nach unseren Berechnungen belaufen sich die Kosten in Deutschland pro FAS-Patient bis zum Alter von 24 Jahren auf ungefähr eine Million Euro. Die Unterbringung im Heim oder in Pflegefamilien, der Besuch einer Förderschule, vielfältige Therapiemaßnahmen, betreutes Wohnen und Arbeiten im frühen Erwachsenenalter all das kostet viel Geld. Das ist nicht der wichtigste, aber auch ein Grund, warum der Genuss von Alkohol in der Schwangerschaft auf keinen Fall verharmlost werden sollte. Ÿ Reinhold Feldmann ist promovierter Psychologe und psychologischer Psychotherapeut. Er forscht am Universitätsklinikum Münster und leitet die FAS-Ambulanz der Tagesklinik Walstedde in Drensteinfurt. Webtipp Weitere Informationen zum Krankheitsbild FAS und zur Forschung am Universitätsklinikum Münster: Literaturtipp Feldmann, R. et al.: Fetales Alkoholsyndrom (FAS). In: Monatszeitschrift Kinderheilkunde 155, S , 2007 Der Beitrag gibt einen umfassenden Überblick. Quellen Alex, K., Feldmann, R.: Children and Adolescents with Fetal Alcohol Syndrome (FAS): Better Social and Emotional Integration after Early Diagnosis. In: Klinische Pädiatrie 224, S , 2012 Feldmann, R., Girke, N.: Mental and Motor Development of Children with Preterm Birth and Children with Fetal Alcohol Syndrome. In: Klinische Pädiatrie 2015, im Druck Freunscht, I., Feldmann R.: Young Adults with Fetal Alcohol Syndrome (FAS): Social, Emotional and Occupational Development. In: Klinische Pädiatrie 223, S , 2011 Pfinder, M. et al.: Impact of Moderate Prenatal Alcohol Exposure on Problem Behaviors in Preschool and School Children. In: Zeitschrift für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie 46, S , 2014 Weitere Quellen im Internet: _

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