Meister-Wolf, Martina Elternängste in Bezug auf Schuleintritt bzw. Schulübertritt

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1 Meister-Wolf, Martina Elternängste in Bezug auf Schuleintritt bzw. Schulübertritt Kurzzusammenfassung Schuleintritt und Schulübertritt stellen sowohl für Schüler, Lehrer und Eltern eine neue Herausforderung dar. Unsicherheiten, Probleme und Sorgen belasten sowohl das Schüler- Lehrer, Schüler-Eltern als auch das Eltern-Lehrer-Verhältnis. In der Literatur wurden bisher Schüler- und Lehrerängste aufgearbeitet im Rahmen einer empirischen Untersuchung mittels Fragebogen sollen hier die Ängste der Eltern erforscht werden. 1 Einleitung Kinder gehen in die Schule: Am ersten Schultag, adrett gekleidet, ein bißchen aufgeregt und neugierig, den neuen und noch ziemlich leeren Schulranzen auf dem Rücken so werden sie von den Müttern und einigen Vätern, die sich frei nehmen können, in die Schule begleitet. Die Eltern, oft viel aufgeregter als die Kinder, dürfen heute in der Regel zum ersten und zugleich zum letzten Mal mit in das Klassenzimmer und hören den Erläuterungen der Lehrerin (viel seltener: des Lehrers) zu:,(...) Für Eltern und Kinder hat die Schule begonnen. Ein neuer Lebensabschnitt? Der,Ernst des Lebens, für die Kinder, für die Eltern, für beide? (ULICH 1993, S. 13) In meiner Tätigkeit als Volksschullehrerin bin ich häufig mit Unsicherheiten, Ängsten, Sorgen und Problemen der Eltern konfrontiert. Besonders beim Schuleintritt in die 1. Klasse, als auch kurz vor dem Wechsel in die weiterführende Schule (AHS, Mittelschule oder Hauptschule), treten vermehrt Elternängste auf. Auf Grund der Tatsache, dass in der Literatur vorwiegend Schüler- und Lehrerängste aufgearbeitet und behandelt werden, auf Ängste der Eltern aber nur am Rande eingegangen wird, soll im Rahmen einer empirischen Untersuchung mittels Fragebogen erforscht werden, wodurch die Ängste der Eltern hervorgerufen werden, welche Elternängste in den einzelnen Lebensabschnitten der Kinder dominieren und wie sich diese Laufe der Schuljahre verändern. 2 Der Angstbegriff und Schulangst im Besonderen Der Begriff Angst stellt im alltäglichen Sprachgebrauch einen selbstverständlichen Begriff dar, jedoch innerhalb der Wissenschaften ist keine allgemein akzeptierte Definition zu finden. Die Definitionen von Angst reichen von dem eng gefassten Begriff der Verhaltenspsychologie

2 primären und erlernten Vermeidensreaktion bis zum philosophisch orientierten Begriff der Welt- bzw. Existenzangst (vgl. WALTER 1978, S. 18). Übereinstimmung scheint bei den Angsttheoretikern und -forschern lediglich darin zu bestehen, dass Angst von dem, den sie befällt, als unangenehmer Zustand der Spannung erlebt und subjektiv von anderen emotionalen Zuständen differenziert wird. Angst wird von physiologischer Veränderung begleitet und geht mit verschiedenen Verhaltensänderungen einher (vgl. GÄRTNER-HARNACH 1976, S. 11). Schulangst ist eine spezielle Erscheinungsform der Angst. Sie ist eine Reaktion auf Gefahren oder Bedrohungen in Bezug auf Schule und kann vielfältige Ursachen haben. In der Literatur werden verschiedene Formen der Angst von Schüler/innen genannt: Lern- und Leistungsangst (Angst, etwas nicht leisten zu können, Prüfungsangst) Schullaufbahnangst (Angst vor schlechten Noten oder Beurteilungen, Sitzen bleiben und Schulversagen) Stigmatisierungsangst (Angst vor den Lehrer/innen und Mitschüler/innen bloßgestellt zu werden) Trennungsangst Soziale Angst (Angst ausgeschlossen zu sein, nicht integriert zu sein) Personenangst (Angst vor bestimmten Personen: vor dem Direktor, vor Lehrkräften oder Mitschüler/innen), Konfliktangst (Angst vor der Austragung von Konflikten) Institutionsangst (Angst vor den hierarchischen Herrschaftsstrukturen, der Größe, Komplexität, Unüberschaubarkeit der Schule) neurotische Angst (Angst vor der Angst) (vgl. WINKEL 1979, S. 48f) Über die vielfältigen Belastungen, denen Schüler im Schulalltag ausgesetzt sind, gibt es bereits empirische Erkenntnisse. Im Gegensatz dazu sind die schulisch vermittelten Belastungen von Eltern bisher vernachlässigt worden. Es steht jedoch außer Frage, dass für Eltern, die Tatsache, schulpflichtige Kinder zu haben, mit all ihren Begleit- und Folgeerscheinungen in mehrfacher Hinsicht belastend ist. Selbst wenn keine akuten Probleme vorhanden sind, stellen Hausaufgaben, Gespräche mit Lehrern, Motivieren und Auffangen von Frust, usw. die Eltern vor beachtliche Anforderungen in zeitlicher, psychischer und oft auch materieller Hinsicht. Zusätzliche Stressmomente entstehen durch den Schuleintritt bzw. den Schulübertritt. (vgl. ULICH 1993, S. 40) Die oben genannten Angstformen nach WINKEL (1977), in Bezug auf Schule treten nach WINKEL (1979) auch bei Erwachsenen auf und sollen in einer empirischen Studie mit Hilfe eines anonymen Elternfragebogens erforscht werden.

3 3 Empirische Untersuchung von Elternängsten Hauptfragestellung dieser Studie ist herauszufinden, welche Unterschiede es in Bezug auf die Elternängste mit fortschreitender Schullaufbahn festzustellen gibt, bzw. welche Ängste auf verschiedenen Altersstufen und bei verschiedenen Personengruppen gehäuft auftreten. Folgende Altersstufen sollen untersucht werden: Übertritt vom Kindergarten in die Volksschule (bzw. Eintritt in die Volksschule) Übertritt von behinderten Kindern vom Kindergarten in ein Sonderpädagogisches Zentrum oder eine Integrationsklasse (bzw. Eintritt) Übertritt von der Volksschule in die Sekundarstufe 1 (Hauptschule, AHS, Mittelschule) Übertrittsproblematik am Ende der Sekundarstufe 1 Übertrittsproblematik/Zukunftsängste der Eltern von behinderten Kindern nach Ende der Schulpflicht Mit Hilfe von Interviews sollen auch die Ängste jener Eltern hinterfragt werden, die über keine, oder nur sehr geringe Deutschkenntnisse verfügen. Folgende Ängste der Eltern sollen erforscht werden: a) Soziale Angst b) Leistungsangst c) Kompetenzangst d) Organisationsangst e) Institutionsangst f) Zukunftsangst g) Trennungsangst h) Eigene Schulangst der Eltern Um einen Vergleich der einzelnen Altersstufen möglich zu machen, enthalten alle Fragebögen Kernfragen und entsprechend der zu befragenden Personengruppe einige Zusatzfragen, die speziell für diese Gruppe relevant sind. Mit Hilfe von vier Bewertungsmöglichkeiten (trifft sehr zu, trifft zu, trifft weniger zu, trifft nicht zu) sollen die Eltern bewerten, worüber sie sich Sorgen machen bzw. wie wichtig ihnen einzelne Faktoren sind.

4 3.1 Soziale Angst In den Bereich der sozialen Angst zählen die Sorgen der Eltern, dass... ihr Kind keine Freunde finden wird.... ihr Kind von anderen Kindern nicht angenommen wird.... ihr Kind von anderen Kindern ausgelacht wird.... die Lehrer ihr Kind nicht mögen werden.... die Lehrer ihren Erwartungen nicht entsprechen werden.... die Lehrer auf die Persönlichkeit ihres Kindes nicht eingehen werden.... die Lehrer ihr Kind ungerecht behandeln werden.... sie sich mit anderen Eltern nicht verstehen werden.... ihr Kind in der Schule über ihre Familie sprechen wird.... andere Kinder ihr Kind negativ beeinflussen werden.... sich ihr Kind in seiner Klasse nicht wohl fühlen wird.... ihr Kind ein Außenseiter wird. 3.2 Leistungsangst Die schlechte Arbeitsmarktsituation und das Streben nach einem guten Bildungsabschluss rufen bei den Eltern Ängste in Bezug der Leistungsangst hervor. Eltern benötigen zur Verwirklichung ihrer Bildungsansprüche positive Beurteilungen der Leistungen ihrer Kinder - Leistungsorientierung (das Beurteilungsmonopol der Lehrer ist eine wesentliche Quelle ihrer Macht gegenüber Schülern und Eltern) (vgl. ULICH 1993, S. 47). Es gilt zu hinterfragen, ob die Eltern Sorgen haben, dass... die Lehrer ihr Kind zu wenig fördern werden.... die Lehrer ihr Kind überfordern werden.... sie ihr Kind ständig zum Lernen auffordern müssen.... ihr Kind schlechte Noten haben wird.... sie Geld für Nachhilfe ausgeben müssen, wenn es notwendig ist.... sie ihrem Kind bei den Hausübungen immer helfen müssen.... Hausübungen Streit in der Familie verursachen werden.... ihr Kind wegen der schulischen Belastung krank wird. 3.3 Kompetenzangst Eltern erhalten durch die Schule und Lehrer neue, zusätzliche Aufgaben und Verpflichtungen zugewiesen schulische Forderungen an die Eltern (vgl. ULICH 1993, S. 44). Eltern stehen vor neuen, ihnen unbekannten Aufgaben und möglicherweise Sorgen, dass... sie Schulprobleme ihres Kindes belasten werden.... sie von den Lehrern nicht ernst genommen werden.

5 ... sie nicht in der Lage sein werden, mit ihrem Kind zu lernen.... ihr Kind den Lehrern mehr glauben wird als ihnen.... sie von den Lehrern nicht verstanden werden. 3.4 Organisationsangst Sobald Kinder die Schule besuchen, ändert sich der Tagesablauf der ganzen Familie. Sie macht sich jedenfalls in sehr nachhaltiger, oft auch belastender Weise bemerkbar (vgl. ULICH 1993, S. 123). Eltern machen sich Sorgen, dass... sie zu wenig Zeit für ihr Kind haben werden.... sie zu wenig Zeit für sich haben werden.... die Schule zu viel Zeit in Anspruch nehmen wird.... der Schulweg gefährlich sein wird.... die Schule den Tagesablauf bestimmen (verändern) wird. 3.5 Institutionsangst Der Schulbesuch des eigenen Kindes/der eigenen Kinder beeinflusst das Familienleben. Kinder die nicht gerne in die Schule gehen, hohe Schulkosten, die falsch gewählte Schule bzw. Schulform, die mangelnde Kommunikation mit dem Lehrer, usw. führen zu Konflikten innerhalb des Familienverbandes. 3.6 Zukunftsangst Ein gewünschter Schulplatz in einer weiterführenden Schule bzw. ein Bildungsabschluss mit guten Anstellungsaussichten ist meistens mit guten Noten und zusätzlichen Qualifikationen verbunden. Folgende Faktoren können dazu beitragen, die Zukunftsangst der Eltern zu verstärken. Sie machen sich Sorgen, dass... ihr Kind die Schule nicht positiv abschließen wird.... sich die Einsparungen im Bildungsbereich negativ auf die schulische Zukunft ihres Kindes auswirken werden.... ihr Kind trotz Schulausbildung keinen Job finden wird.... sie sich nicht ausreichend über verschiedene Schulen (Tag der offenen Tür) informiert haben.... die Schulzeit eine große Belastung wird.... ihr Kind unzureichend für die Schule vorbereitet wurde.

6 3.7 Trennungsangst Vom ersten Schultag an müssen Eltern die Erziehung ihrer Kinder mit der Schule teilen. Sie müssen Erziehungsrechte und -kompetenzen zu einem nicht unwesentlichen Teil an Lehrer abtreten (vgl. ULICH 1993, S. 44). Vor allem im ersten Schuljahr (Übertritt vom Kindergarten in die Volksschule) aber vor allem auch bei Eltern mit behinderten Kindern treten Trennungsängste bei den Eltern auf. Sie machen sich Sorgen, dass... sie von ihrem Kind getrennt sein werden.... eine fremde Person für ihr Kind verantwortlich sein wird.... ihr Kind an Schulveranstaltungen (Schikursen...) teilnehmen soll. 3.8 Eigene Schulangst Zu den wichtigsten Bestimmungsmomenten des schul- und leistungsorientierten Verhaltens von Eltern gegenüber ihren Kindern gehört die eigene Schulerfahrung. Jedoch bieten positive Schulerfahrungen und Leistungserfolge keine Garantie dafür, dass die Eltern-Schüler-Lehrer- Beziehung unbelastet und konfliktfrei bleibt (vgl. ULICH 1993, S. 164). Mit den folgenden Fragen sollen die Erfahrungen in der Schulzeit der Eltern erfragt werden. Ich bin gerne in die Schule gegangen. Meine eigene Schulzeit war schön. Ich hatte gute Noten. Ich hatte keine Schulfreunde. Ich hatte Probleme mit meinen Lehrern. Ich musste viel lernen. Meinen Eltern war die Schule wichtig. Die Durchführung dieser Untersuchung (mit weiteren Fragen,...) wird im Oktober und November des Schuljahres 2004/2005 starten. Die Fragebögen werden an Wiener Schulen an die Eltern verteilt und anonym bearbeitet werden. Die Ergebnisse der Untersuchung werden in meiner Dissertation nachzulesen sein (MEISTER-WOLF 2005). 4 Vorschläge zur Verringerung der Schulangst Die Schule bildet für Eltern und Schüler einen sehr bedeutenden Lebensbereich, der ihre gegenseitigen Beziehungen mehr oder weniger beeinflusst und prägt. Der Stellenwert von Schule im Familienalltag und besonders für die Schüler-Eltern-Beziehung sollte verringert werden, das betrifft vor allem den Leistungsbereich (vgl. ULICH 1993, S. 178).

7 Die Schüler-Eltern-Lehrer-Kooperation ist notwendig, um neue Wege in Richtung einer Verringerung der Elternangst in Bezug auf Schule zu erreichen. Eltern kennen in der Regel weder ihre Rechte noch ihre Pflichten im Schulleben sie fühlen sich unsicher, unwissend und allein gelassen. Wichtig wäre die Information der Eltern und die Kommunikation mit kompetenten Personen (Lehrern, Direktor,...) um Unklarheiten zu beseitigen. Informelle Gespräche und pädagogische Elternabende sollen dazu beitragen, die jeweiligen Interessen und Intentionen kennen zu lernen. Tage der offenen Tür können dazu beitragen, die Unsicherheiten zu minimieren. Unterrichtshospitationen und -mitwirkungen der Eltern können ihnen Einblicke in den Schulalltag bieten. (vgl. WINKEL 1979, S. 96f) Für meine Tätigkeit als Lehrerin erhoffe ich mir von den Untersuchungsergebnissen wichtige Hinweise zu erhalten, wie den Elternängsten entgegen gewirkt, beziehungsweise adäquater darauf reagiert werden kann. Literatur GÄRTNER-HARNACH, V.: Angst und Leistung. Weinheim, Beltz Verlag, REISCH, R.: Schulstress gekonnt meistern. Wien, ÖBV & hpt, ULICH, K: Schule als Familienproblem. Frankfurt am Main, Fischer Taschenbuch Verlag GmbH, WALTER, H.: Angst bei Schülern. München, Reinhardt, WINKEL, R.: Pädagogische Psychiatrie für Eltern, Lehrer und Erzieher. München, List, WINKEL, R.: Angst in der Schule. Essen, Neue Deutsche Schule Verlagsgesellschaft mbh, Zur Autorin: Mag. phil. Martina Meister-Wolf, geb in Wien, seit 1995 Volksschullehrerin und Freizeitleiterin an einer Ganztagsvolksschule; GTVS Hammerfestweg 1, 1220 Wien. Beruflicher Werdegang: Lehramt für VS, Studium der Pädagogik und Sonder- und Heilpädagogik an der Universität Wien Dissertantin bei Herrn Prof. Hanisch (Mitarbeit in der Projektgruppe Elternängste ) staatlich geprüfte Kinderschilehrerin Besuchsschullehrerin der Pädagogischen Akademie in Wien.

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