Raimund Geene, Claudia Höppner, Frank Lehmann (Hg.) Kinder stark machen: Ressourcen, Resilienz, Respekt Ein multidisziplinäres Arbeitsbuch zur

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1 Raimund Geene, Claudia Höppner, Frank Lehmann (Hg.) Kinder stark machen: Ressourcen, Resilienz, Respekt Ein multidisziplinäres Arbeitsbuch zur Kindergesundheit

2 Bibliographische Informationen der Deutschen Bibliothek Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte bibliographische Daten sind im Internet über abrufbar. 1. Auflage 2013 ISBN by Verlag Gesunde Entwicklung, Bad Gandersheim c/o Zentrum für Salutogenese Am Mühlteich Bad Gandersheim Tel.: +49 (0) Fax: +49 (0) Web: Lektorat und Gestaltung: Melanie Lubke Umschlaggestaltung: Stefanie Klemp Druck und buchbinderische Verarbeitung: Pressel Digitaler Produktionsdruck, Remshalden-Grunbach Printed in Germany Gefördert von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit

3 Raimund Geene, Claudia Höppner, Frank Lehmann (Hg.) Kinder stark machen: Ressourcen, Resilienz, Respekt Ein multidisziplinäres Arbeitsbuch zur Kindergesundheit Verlag Gesunde Entwicklung

4 Danksagungen Das hier vorgelegte Buch basiert auf einem insgesamt zweijährigen Arbeitsprozess, in dem die beteiligten Autor/innen und viele weitere Unterstützer/innen und Kolleg/innen intensiv analysiert und darüber diskutiert und gestritten haben, welche Rolle der Ressourcenorientierung zukommt in ihren Fachgebieten und in der gesamten Arbeit mit und für Kinder(n). Zunächst gilt unser Dank der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), die im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit unser initiales Projekt Gesundheitsförderung bei sozial benachteiligten Kindern, Jugendlichen und Familien Kindheitswissenschaftliche Ansätze von Oktober 2011 bis Februar 2012 gefördert hat, auf dessen Grundlage das hier vorliegende Arbeitsbuch entstanden ist. Die Projektrealisierung verdanken wir in besonderem Maße Melanie Lubke, die die Bucherstellung als Lektorin und Layouterin in hervorragender Weise gemanagt hat, und der Geschäftsführerin Susanne Borkowski und dem ganzen Team des KinderStärken e.v. Ohne Eure Hilfe säßen wir noch heute auf einem großen Stapel Papier, aber noch lange nicht vor diesem gebundenen Buch! Die (ehem.) Wissenschaftlichen Hilfskräfte Friederike Haehnel, Denise Mikoleit, Anika Noack, Benjamin Ollendorf, Thekla Pohler, Patricia Streissenberger und Steffi Wolf haben uns vielfältig unterstützt bei Recherche, Textmitarbeit, Korrekturlesen und Organisation der Tagungen und Diskussionsveranstaltungen, die wir im Rahmen der Kongresse zu Armut und Gesundheit in Berlin durchgeführt haben bzw. durchführen werden. Hier geht unser Dank an sie und an den Geschäftsführer Stefan Pospiech sowie Rita König, Marianne Pundt, Stefan Weigandt und das ganze Team von Gesundheit Berlin-Brandenburg. Wir gedenken insbesondere auch Stefans Vorgängerin, unser lieben Freundin Carola Gold, die in Konzeptentwicklung und der 1. Berliner Satellitentagung noch intensiv mit uns diskutiert hat, und deren Tod im April 2012 uns sehr schmerzt. Dieses Buch ist auch ihr gewidmet und setzt ihr Wirken fort. In den letzten beiden Jahren haben wir in Diskussionen, Beratungen und Kommentierungen zahlreiche Unterstützung erfahren durch: Doreen Beer, Berlin; Pia Block, Gesundheit Berlin-Brandenburg; Stefan Bräunling, Gesundheit Berlin-Brandenburg; Saskia Danke, Kassel; Prof. Dr. Christiane Dienel, HAWK Hildesheim; Danielle Dobberstein, Gesundheit Berlin-Brandenburg; Dr. Gabriele Ellsäßer, Landesgesundheitsamt Brandenburg; Mareike Fiedler, Hamburg; Corinna Fritsche, Berlin; Prof. Dr. Johannes Gostomzyk, Landeszentrale für Gesundheit Bayern; Elisabeth Helming, Deutsches Jugendinstitut, München; Ulrike von Haldenwang, Berliner Hebammenverband; Prof. Dr. Benjamin Hoff, Staatssekretär a. D., Alice Salomon Hochschule Berlin; Prof. Dr. Ilona Kickbusch, Universität St. Gallen, Schweiz; Holger Kilian, Gesundheit Berlin-Brandenburg; Maria Klein-Schmeink MdB, Münster; Dr. Thomas Kliche, UKE Hamburg/Hochschule Magdeburg-Stendal; Prof. Dr. Karl Lauterbach MdB, Köln; Prof. Dr. Colin MacDougall, Flinders University Melbourne/Adelaide, Australien; Prof. Dr. Wolfgang Maiers, Hochschule Magdeburg-Stendal; Prof. Dr. Gerd Meinlschmidt; Senatsverwaltung und Charité Berlin; Prof. Dr. Marion Musiol, Hochschule Neubrandenburg; Klaus-Dieter Plümer, Akademie für öffentliches Gesundheitswesen Düsseldorf; Mechthild Rawert MdB, Berlin; Hertha Schnurrer, Hochschule Magdeburg-Stendal; Eckhard Schroll, BZgA, Köln; Prof. Dr. Clarissa Schwarz, Hochschule für Gesundheit Bochum; Prof. Dr. Annette Seibt, HAW Hamburg; Anja Stiedenroth, Büro Diana Golze MdB, Berlin/Rathenow; Regina Stolzenburg, Charité Berlin; Miriam Walter, NAKOS Berlin; Dr. Karina Weichold, Friedrich Schiller- Universität Jena sowie Prof. Dr. Dr. Reinhard Wiesner, Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Berlin. Dieses Buch hätte insbesondere nicht realisiert werden können ohne die Autorinnen und Autoren, die unser Projekt so engagiert begleitet haben. Allen genannten Beteiligten und auch denen, die wir aus unbeabsichtigten Gründen nicht aufgeführt haben sollten, gilt unser ganz herzlicher Dank! Abschließend möchten wir uns bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Verlags Gesunde Entwicklung Dr. Theodor D. Petzold und Stefanie Klemp bedanken für ihre Flexibilität und die Umschlaggestaltung sowie bei der Druckerei Pressel für die Verarbeitung.

5 Inhalt Raimund Geene, Claudia Höppner, Frank Lehmann Zur Einführung: Ressourcen, Resilienz, Respekt Wo stehen die kindheitsbezogenen Handlungsfelder?... 7 Raimund Geene, Frank Lehmann, Claudia Höppner, Rolf Rosenbrock Gesundheitsförderung Eine Strategie für Ressourcen Raimund Geene, Beatrice Hungerland, Manfred Liebel, Franziska Lutzmann, Susanne Borkowski Subjektorientierung und Partizipation Schlüsselbegriffe der Kindheitswissenschaften Susanne Borkowski, Raimund Geene, Detlef Pech, Friederike Haehnel Subjektorientierung und Ressourcenverständnis in der Allgemeinen Pädagogik Johanna Kloss, Beatrice Hungerland, Anne Wihstutz Kinder als Akteure Die Neue Soziologie der Kindheit Beate A. Schücking Kontrolle oder Unterstützung? Chancen und Grenzen der Schwangerenvorsorge in Deutschland und im internationalen Vergleich Raimund Geene, Claudia Höppner, Eva Luber Kinderärztliche Früherkennungsuntersuchungen zwischen Risikodetektion und Ressourcenstärkung Günter Mey Perspektiven einer ressourcenorientierten Entwicklungspsychologie

6 6 Dorthe Namuth, Eva Lischke, Raimund Geene Soziale Arbeit und Sozialarbeitswissenschaften Konzeptionelles Grundgerüst für Ressourcenorientierung? Nicola Wolf-Kühn, Nicolas Eden Ressourcenorientierung in der Kinder- und Jugendrehabilitation Tobias Wenzel, Claudia Wendel Ressourcenanalyse aus neurowissenschaftlicher Perspektive Susanne Borkowski, Annette Schmitt Ressourcenorientierung in der Elementarpädagogik Raimund Geene, Sigrid Graumann, Alexandra Jekal, Simone Wejda Inklusionspädagogik Die freiheitliche und gleichberechtigte Inklusion von Kindern mit Behinderung als menschenrechtlicher Anspruch Romy Schulze, Antje Richter-Kornweitz, Michael Klundt, Raimund Geene Kinderarmutsforschung im Wandel: Entwicklung, Ergebnisse, Schlussfolgerungen Alexandra Sann, Raimund Geene, Mechthild Paul Frühe Hilfen Ein neues Handlungsfeld zur Stärkung von Kindern und Familien Raimund Geene, Claudia Höppner, Frank Lehmann Ressourcen, Resilienz, Respekt Wo stehen die kindheitsbezogenen Handlungsfelder? Versuch eines Resumees Autorinnen und Autoren

7 Raimund Geene, Claudia Höppner, Frank Lehmann Zur Einführung: Ressourcen, Resilienz, Respekt Wo stehen die kindheitsbezogenen Handlungsfelder? In den Gesundheitswissenschaften wird mit der Ottawa-Charta zur Gesundheitsförderung 1986 ein Paradigmenwechsel zur sog. New Public Health eingeleitet: weg von der Fixierung auf Krankheit (Pathogenese) hin zur Betrachtung von Gesundheit (Salutogenese). In den kindheitsbezogenen Wissenschaften ist dieser Wandel mit Händen zu greifen, denn auch in der Pädagogik, der Psychologie, der Soziologie und der Sozialpädagogik wandelt sich das Verständnis von der zuvor dominierenden Problemzentrierung hin zu einer Ressourcenorientierung statt auf Schwächen herumzureiten, sollen die Stärken gefördert werden, statt Feuerwehreinsätzen ist Gärtnermentalitität gefragt. Prävention und Gesundheitsförderung v. a. in Form der Lebensweltgestaltung und der vernetzten und bereichsübergreifenden Zusammenarbeit sind die neuen Herausforderungen der modernen Gesellschaft. Gerade sozial benachteiligte Kinder, Jugendliche und Familien benötigen dringend einen solchen positiven Ansatz mit einer weiteren Stigmatisierung ist ihnen nicht geholfen! Auch wenn die fachlichen Entwicklungen zur Ressourcenorientierung durchaus parallel verlaufen, stehen sie doch vor zwei grundlegenden Schwierigkeiten. Zum einen sind die fachlichen Diskurse grundverschiedenen, ähnliche Zielgrößen werden vielfach mit unterschiedlichen Worten beschrieben. Es herrscht zugespitzt ausgedrückt babylonische Sprachverwirrung in den gesundheits- wie kindheitswissenschaftlichen Disziplinen. Zum anderen und dieses Problem ist noch massiver sind die Anreizsysteme der sozialen Steuerung durchweg defizitorientiert: Für Leistungen des Gesundheitswesens bedarf es zunächst der Feststellung einer Erkrankung, für heilpädagogische Hilfen einer (zumindest drohenden) Behinderung, für sozialpädagogische Unterstützung einer akuten Notlage. Das mag sozialrechtlichen Logiken entsprechen es unterläuft aber den Bedarf an präventiver, ressourcenorientierter Lebensgestaltung.

8 8 Raimund Geene, Claudia Höppner, Frank Lehmann Der vorliegende Band bilanziert einen gut zweijährigen Arbeitsprozess, in dem sich die Autor/innen der hier versammelten Beiträge mit den spezifischen Ressourcendiskursen in ihren Fachdisziplinen und diesen Grundproblemen beschäftigt haben. Eröffnet wird das Buch durch den Beitrag von Raimund Geene, Frank Lehmann, Claudia Höppner und Rolf Rosenbrock, in dem sie die Entwicklung der Gesundheitswissenschaften/Public Health und ihrer zentralen Strategie der Gesundheitsförderung darstellen. Die hier als Leitbild fungierende Ottawa-Charta ist ein Kind weltweiter sozialer Bewegungen. Mit drei Kernstrategien für fünf Handlungsfelder zieht diese Erklärung einen breiten Bogen, der je nach Standpunkt als weitsichtige Vision gefeiert oder als beliebige Utopie kritisiert werden kann. Mit dem Erwachsenwerden der vormals jugendbewegten Akteur/innen kann die Gesundheitsförderung aber nunmehr auf einen erfolgreichen Marsch durch die Institutionen verweisen, hat sich der Ansatz doch als Querschnittsanforderung an alle sozialen und gesundheitlichen Sicherungssysteme etabliert. In seiner praktischen Umsetzung bleibt er zwar vielfach auf halber Strecke stehen, wenn Ressourcen auf Verhalten individualisiert werden. Wissenschaftliche Fundierungen der Ressourcenkonzepte und Strategien zur Gesundheitsförderung in schwierigen Lebenslagen (Setting-Ansatz) bewirken aber zusammen mit einem partizipativen Forschungs- und Qualitätsentwicklungsansatz hohe Durchschlagskraft. Der Kommunale Partnerprozess Gesund aufwachsen für alle zeigt, dass eine ressourcenfördernde Arbeit dort, wo die Menschen leben, lieben und arbeiten, in greifbare Nähe gerückt ist. In diesem Sinne wird auch innerhalb der Kindheitswissenschaften als eigener Fachdisziplin in Deutschland gelehrt und geforscht. Dieser noch junge Wissenschaftsansatz ist überfällig und knüpft international an die Childhood Studies an. Auch hier steht mit der UN- Kinderrechtskonvention und dem damit verbundenen Dreiklang von Protection, Provision und Participation eine internationale Deklaration Pate. Bislang fehlt eine übergreifende Fachdisziplin, die die verschiedenen Perspektiven der Pädagogik, Pädiatrie, Psychologie u. a. im Hinblick auf Kinderrechte bündelt und damit die Verbesserung der Lage der Kinder und ihrer Eltern in den Mittelpunkt stellt. Im zweiten Einführungsbeitrag dieses Buches von Raimund Geene,

9 Zur Einführung: Ressourcen, Resilienz, Respekt 9 Beatrice Hungerland, Manfred Liebel, Franziska Lutzmann und Susanne Borkowski wird anhand der Diskurse über Subjektorientierung und Partizipation in den Kindheitswissenschaften der Mehrwert einer solchen Bündelung herausgearbeitet. Der sozialökologische Ansatz geht davon aus, dass sich Potenziale von Kindern durch aktive Auseinandersetzung mit der Umwelt entwickeln. Auch dabei kommt sozialen Beziehungen eine wichtige Rolle zu. Im subjektorientierten Ansatz wird davon ausgegangen, dass Kinder kompetente Personen ( Subjekte ) sind, die ein Recht darauf haben, an der Gestaltung ihrer Lebenswelt beteiligt zu werden. Dies gilt auch für die Durchführung von partizipativ ausgerichteter Forschung. Der Staat und die Gesellschaft müssen aber die Bedingungen bereitstellen, dass jedes Kind seine Rechte wahrnehmen und die von ihm gewünschte Lebensqualität erreichen kann. Nach diesen beiden Basistexten folgen die vier klassischen Wissenschaftsfelder, die sich mit Kindheit beschäftigen: Pädagogik, Soziologie, Medizin und Psychologie. Wie in Blei gegossen scheint dabei die Allgemeine Pädagogik, der durch die Schulpflicht quasi ein universelles Zugriffsrecht auf Kinder und Kindheit eingeräumt wird. Susanne Borkowski, Raimund Geene, Detlef Pech und Friederike Haehnel arbeiten das Bild vom Kind als wesentlichen Bestimmungsfaktor heraus. Die aufkommende Verweltlichung mit der Überwindung eines verkürzten Schwarz-Weiß-Denkens (Gut und Böse) im ausgehenden Mittelalter bildet die Grundlage für ein humanistisches Bildungsverständnis, das sich jeweils analog zu gesellschaftlichen Umbrüchen und sozialen Bewegungen weiterentwickelt. Aktuell stehen ethische Debatten zur Verzweckung von Bildung und zur sozialen Ungleichheit im Vordergrund des fachlichen Diskurses in Deutschland. Kompetenzentwicklung durch Partizipation, kollektive Lernformen und Vernetzung sind dabei Schlüsselbegriffe. Die Unterstützungen für und durch Eltern und Lehrkräfte, z. B. über kompetentes Diversity-Managment, bilden den Ausgangspunkt einer umfassenden Ich-Stärkung eines Kindes als Subjekt seiner eigenen Bildung und insgesamt seines eigenen Lebens. Eine besondere Erklärungsstärke besitzt die Soziologie. Hier hat der Historiker Ariès erst in den 1960er Jahren die Erkenntnis herausgearbeitet, dass Kindheit eine soziale Konstruktion ist, die grund-

10 10 Raimund Geene, Claudia Höppner, Frank Lehmann verschieden betrachtet oder auch ignoriert werden kann. Johanna Kloss, Beatrice Hungerland und Anne Wihstutz geben in ihrem Beitrag einen Überblick über die junge Unterdisziplin Neue Soziologie der Kindheit, die Kinder als soziale Gruppe mit eigenen Regeln und Alltagspraktiken begreift. Zwar kommt dem Begriff Ressource keine zentrale Bedeutung in der bisherigen Theoriebildung zu. In der subjektorientierten Perspektive, die Kinder in ihrer Gegenwärtigkeit und Vollständigkeit als gestaltungsfähige Akteure ihres Lebens sieht, sind aber durchaus Analogien zu einer Ressourcenorientierung erkennbar. Dabei nimmt die Neue Kindheitssoziologie die gesellschaftlich gesetzten Grenzen, in denen sich Kinder bewegen, in den Blick und beschäftigt sich mit den unterschiedlichen Lebenslagen, in denen sie aufwachsen. Mit Bourdieus Habituskonzept und seiner Theorie verschiedener Kapitalien lassen sich diese Differenzierungen analysieren und mögliche Ressourcen, wie z. B. Beziehungen und Freundschaften (Soziales Kapital), aufzeigen. Obwohl die Neue Soziologie der Kindheit keine Anwendungswissenschaft ist, die Handlungsempfehlungen ausspricht, finden sich in den Forschungsfeldern große Schnittmengen mit den Begrifflichkeiten der Ottawa- Charta, so beim Advocacy- und Empowerment-Auftrag und im Bereich der Kompetenzentwicklung. In der medizinischen Betrachtung und Analyse von Kindheit sind Gynäkologie und Pädiatrie die Fachrichtungen, die explizit auf kindliche Entwicklung abzielen. Ihre Früherkennungskonzepte entstammen einer technikeuphorisierten Zeit, in der jede Art des Fortschritts über Checklisten erreichbar schien. Dabei wird in der Schwangerenvorsorge besonders Wert gelegt auf eine präventive Haltung, jedoch mit paradoxen Effekten, wie Beate A. Schücking eindrucksvoll darstellt. Gerade der scheinbar umfassende Ausschluss jedes Risikos führt dazu, dass genau diese negative Sichtweise dominiert. Angst und Verunsicherung sind häufig die Folge. Ein weiteres Kuriosum: Vor lauter Schwangerschaftsrisiken ¾ aller untersuchten Frauen bekommen Risiken attestiert werden die tatsächlich besonders Unterstützungsbedürftigen kaum erkannt und in Ansprache und Angebot weitgehend verfehlt. Ein Grund für diese Form der Über-, Unter- und Fehlversorgung liegt darin, dass nur wenige der zahlreichen Untersuchungen auf Grundlage eines nachgewiesenen Nutzens

11 Zur Einführung: Ressourcen, Resilienz, Respekt 11 durchgeführt werden. Schücking plädiert dementsprechend für eine Abwendung von der defizitorientierten Vorsorge entlang des Risikokonzepts. Die Stärkung der zum Zeitpunkt der Schwangerschaft reichlich vorhanden personalen (z. B. Hoffnung auf das Baby) wie auch sozialen Ressourcen (z. B. soziales Netz), sollten bei einer vermehrt gesundheitsorientierten Begleitung der Schwangerschaft im Vordergrund stehen. In diesem Zusammenhang ist anzustreben, dass auch in Deutschland die Schwangerschaftsbetreuung verstärkt in die Hände von Hebammen gelegt wird. Diese Problematik bildet sich auch nachgeburtlich bei den Früherkennungsuntersuchungen in der Pädiatrie ab, die anknüpfend von Raimund Geene, Claudia Höppner und Eva Luber dargestellt werden. Diese sind bislang im Sinne von Old Public Health auf Detektion von Erkrankungen orientiert. Das verschafft der Vorsorge zwar ebenso wie den Schwangerschaftsuntersuchungen eine hohe gesellschaftliche Akzeptanz, mobilisiert aber gerade deswegen enorme Beharrungskräfte, die eine Ressourcenorientierung erschweren. So gibt es auch hier kaum Qualitätsorientierung durch Nutzenbewertungen. Die inzwischen dominierenden psychosozialen Entwicklungsstörungen ( neue Morbidität ) werden eher als zukünftige Einnahmequelle für die Arztpraxis ( Präventionsberatung oder gar Präventionsrezept ) gesehen denn als Aufforderung für Unterstützungsbedarfe und zur Mobilisierung von Schutzfaktoren im Sinne der zentralen Ottawa-Faktoren: Anwaltschaftliche Fürsprache, Vernetzung der Anbieter und Kompetenzstärkung auch bei besonders belasteten Eltern wären die entsprechenden Anforderungen, von denen die Pädiatrie trotz deutlicher Praxisanforderung noch weit entfernt scheint. In einer sorgfältigen Analyse entfaltet Günter Mey anschließend das Potenzial einer ressourcenorientierten Entwicklungspsychologie. Er schlägt dabei einen Bogen von Platon und Aristoteles über die Tagebuchaufzeichnungen des Ehepaares Stern als Grundlagen der empirischen Fachdisziplin Entwicklungspsychologie bis hin zu heutigen Theorien mit unterschiedlichen und z. T. konträren Annahmen über Entwicklung. Neben der Sichtweise auf Entwicklung als lebenslanger Prozess ist die These, dass die Individuen aktive Produzenten ihrer eigenen Entwicklung (bereits als kompetenter Säug-

12 12 Raimund Geene, Claudia Höppner, Frank Lehmann ling ) und den Umwelteinflüssen nicht passiv ausgeliefert sind, grundlegend für die moderne Entwicklungspsychologie. Durch die Darstellung der zentralen Konzepte Bindung und Identität der Entwicklungspsychologie wird die Bedeutung der Ressourcenperspektive herausgearbeitet. In einer Ressourcengewinnspirale erwerben Kinder und Jugendliche elterngestützt Bindungssicherheit, positive Emotionalität, Selbstwirksamkeitserfahrungen und Identität, die wiederum Schlüsselressourcen für den Aufbau zukünftiger Ressourcen sind. Hiermit wird die zunächst defizitorientierte Betrachtung von Entwicklungsprozessen abgelöst oder zumindest ergänzt durch eine stärker ressourcenorientierte Sichtweise. So wird auch Jugend nicht als Zeit der Krise aufgefasst, sondern als Bewältungsaufgabe der Identitätsentwicklung. Zwar ist eine ressourcenorientierte Betrachtung wichtig, doch wird gleichermaßen kritisch angemerkt, subjektive Krisen und diagnostizierte Störungen darüber nicht zu banalisieren. Erst aus diesen Kerndisziplinen lassen sich die folgenden Anwendungswissenschaften begreifen. Gerade der Prototyp der Anwendungswissenschaften, die Soziale Arbeit/Sozialarbeitswissenschaften, bietet mit dem Lebensweltbezug umfassende Klienten- und Ressourcenorientierung, wie Dorthe Namuth, Eva Lischke und Raimund Geene darstellen. Zugleich werden die Schwierigkeiten in der Umsetzungspraxis deutlich: Partizipation verlängert mitunter Prozesse der Leistungserbringung und erschwert damit vermeintlich die Arbeit. Bei fehlenden Vernetzungsstrukturen insb. im kommunalen Raum kommen Sozialarbeitende unter den bestehenden Bedingungen des Kosten- und Leistungsdrucks an ihre eigenen Belastungsgrenzen. Auch daraus resultiert die staunende Begeisterung ob vermeintlicher Eindeutigkeiten aus Medizin und Psychologie ( Psycho-Boom ) und die Abwehrhaltung gegenüber Familien mit hohem Unterstützungsbedarf. Lösungsansätze für eine gelingende Soziale Arbeit werden in kommunalen Strukturänderungen gesehen hin zu einer präventiven und ressourcenbezogenen Ausrichtung. Ein Modell hierfür kann im Auf- und Ausbau von Präventionsketten liegen. Solche integrierten, kommunalen Strategien sind nicht an Ämterzuständigkeit, sondern an Synergien mit Blick auf die Wirksamkeit bei Kindern, Jugendlichen und ihren Familien, insb. in

13 Zur Einführung: Ressourcen, Resilienz, Respekt 13 schwierigen sozialen Lagen orientiert. Konkrete Schritte dazu sind auch hier neben Vernetzung im Sinne der Kinder, z. B. mittels der Transitionskonzepte zu gelingenden Übergängen, eine anwaltschaftliche Fürsprache, wie z. B. über Bündnisse gegen Sozialabbau, und die Kompetenzförderung über entsprechende Angebote der Kinder-, Jugend- und Familienhilfe. Nicola Wolf-Kühn und Nicolas Eden stellen heraus, dass sich auch in der Kinder- und Jugendrehabilitation neben Schnittstellenproblemen und Verkürzung auf Verhaltensprävention auch positive Entwicklungen abzeichnen. Nachdem in der Rehabilitation lange Zeit ein rein medizinisches Modell vorgeherrscht hat, bietet das von der WHO veröffentlichte theorie- und handlungsleitende Konzept der ICF (International Classification of Functioning, Disability and Health) mit seiner mehrdimensionalen biopsychosozialen Sichtweise gute Voraussetzungen. Die ICF fasst Behinderung nicht nur als Eigenschaft einer Person, sondern zeigt neben individueller Befähigung auch die Notwendigkeit einer Veränderung von Faktoren der Umgebung und Gesellschaft auf und benennt somit Partizipation und Teilhabe als relevante Einflußgrößen. In den verschiedenen praktischen Handlungsfeldern des zergliederten Systems der Kinderund Jugendrehabilitation finden salutogenetische Konzepte durchaus Aufmerksamkeit. Allerdings bleibt die praktische Entwicklung hinter der ICF als theoretischer Grundlage zurück. Ressourcenstärkung setzt in der Praxis weiterhin vorwiegend auf der individuellen Ebene an und nicht im Sinne der Ottawa-Charta auch bei der Veränderung von Lebensverhältnissen. Tobias Wenzel und Claudia Wendel gehen in ihrem Beitrag der Frage nach, ob auch in dem momentan besonders populären Feld der Neurowissenschaften und ihren Disziplinen eine Abwendung von der bislang vorrangig defizitorientierten Sichtweise erfolgt. Obwohl sich so ein Ergebnis in den Neurowissenschaften explizit keine ausgeprägte Entwicklung weg vonreinem pathogenetischen Betrachtung aufzeigen lässt, können mit einem verbreiterten Blick auch auf Nachbardisziplinen und deren Verknüpfung mit neurowissenschaftlichen Erkenntnissen erste Ansätze für eine Ressourcenperspektive ausgemacht werden. Eine wichtige Grundlage hierfür ist der Befund, dass Ausbildung und Abbau der Verbindungen zwischen den Ner-

14 14 Raimund Geene, Claudia Höppner, Frank Lehmann venzellen (Synapsen) zeitlich differenziert erfolgen (Synaptogenese). Zunehmend erhärten sich neurowissenschaftliche Annahmen, dass schon in der Schwangerschaft die Gehirnentwicklung von Umwelteinflüssen bedingt ist. Hiermit könnten perspektivisch auch die Ressourcen der Mutter/Eltern in den Blick geraten. Die Bindungsforschung spielt auch im Rahmen der Neurowissenschaften eine Rolle, denn traumatische Erfahrungen im Säuglingsalter können sich negativ auf die neuronale Entwicklung auswirken. Als Konsequenz wird auf Programme zur Verbesserung der Eltern-Kind-Bindung verwiesen. Auch die zunehmende Behandlung von AD(H)S im Rahmen multimodaler Konzepte, die Elterntraining und Interventionen in Kindertagesstätten und Schulen beinhalten können, lässt auf eine vermehrte Ressourcenorientierung hoffen. Insbesondere korrespondieren die Ergebnisse der modernen Hirnforschung mit Erkenntnissen aus der epidemiologischen Forschung: Gerade der Start ins Leben (Schwangerschaft und frühe Kindheit) ist besonders wirksam für ein gesundes Aufwachsen. Von der WHO ist dies bereits durch die Early Child Development -Strategie 1 von 2008 aufgenommen worden, in der als Maßnahmen präventive, ressourcenfördernde Konzepte abgeleitet und den Mitgliedsstaaten zur Umsetzung aufgetragen werden. Susanne Borkowski und Annette Schmitt widmen sich der Ressourcenorientierung in der Elementarpädagogik. Entstanden aus einer reinen Defizitorientierung nämlich Kinder vor Verwahrlosung zu bewahren setzt dieser Haltung schon im 19. Jh. die Fröbel- Pädagogik eine zunehmende Ausrichtung an den Ressourcen der Kinder entgegen. Periodisch zurückgeworfen durch Phasen einer verstärkten Ausrichtung an sozialfürsorgerischen Aspekten, setzt sich die Orientierung der pädagogischen Arbeit an den Ressourcen und Lebenswirklichkeiten der Kinder in den vergangenen Jahren zunehmend durch, wie sich in den neuen Bildungsprogrammen der Länder im 21. Jh. manifestiert. Hier wird das Kind als Akteur und 1 ECD-Strategie, erarbeitet von der sog. Marmot-Kommission (Vorsitz: Michael Marmot), ist nachzulesen in: WHO CSDH (2008): Closing the gap in a generation. Health equity through action on the social determinants of health. Final Report of the Commission on Social Determinants of Health. Genf: WHO.

15 Zur Einführung: Ressourcen, Resilienz, Respekt 15 Gestalter eigener Bildungsprozesse gesehen, wobei Bildung als aktive Weltaneigung verstanden wird. Die Gestaltung (ko)-konstruktivistischer Lernprozesse steht dabei im Mittelpunkt pädagogischen Handelns. Bildung und Entwicklung werden als soziale Prozesse verstanden, auf die der soziokulturelle Kontext, in dem Kinder aufwachsen, einen wesentlichen Einfluss hat. Aus diesem Grund hat die aktive Einbindung von Eltern in sog. Erziehungspartnerschaften an Bedeutung gewonnen. Unterstützungsarbeit entsteht hier durch Handlungsansätze der Sozialen Inklusion, bei denen Eltern als Experten ihres Alltags anerkannt und unterstützt werden. Elterliches Selbstbewusstsein und elterliche Intuition erfahren dadurch Stärkung und Aufwertung. Kindertagesstätten bieten durch die Initiierung wohnbereichsnaher Angebote sowie die systematische Vermittlung von Unterstützungsangeboten und Informationen über Ansprechpartner/innen die Möglichkeit niedrigschwelliger Hilfen für Eltern, können sich so zu einem One Stop Shop, einer zentralen Anlaufstelle im Stadtteil, entwickeln. Prozesshafte Vernetzung und anwaltschaftliche Unterstützung und Vertretung der Interessen von Familien werden so auch in der Frühpadagogik zu zentralen Anforderungen an die praktische Arbeit. Im Beitrag von Raimund Geene, Sigrid Graumann, Simone Wejda und Alexandra Jekal wird gezeigt, dass die Anwendung des Konzeptes der Inklusion in pädagogischen Settings als Weiterentwicklung von Behindertenhilfe über Heil-, Sonder- und Integrationspädagogik die Chance bietet, ein gemeinsames Lernen aller Kinder zu ermöglichen. Auch hier bildet mit der UN-Behindertenrechtskonvention von 2006 eine völkerrechtliche Vereinbarung die Grundlage für einen Anspruch, der von Aktivist/innen schon lange eingefordert wird. Die aktuelle Praxis in Deutschland scheint tatsächlich aber noch weit davon entfernt. Weiterhin dominieren kompensatorische, therapeutische oder sozialrehabilitative Ansätze. So werden nach wie vor Sonderschulen als vermeintliche Schutzräume vorgehalten. Dass sie gleichzeitig ausgrenzen und diskriminieren, wird beschönigt. Inklusion wird gegen diese Banalisierung gestellt und als allgemeines Kinderrecht ausgewiesen. Als durch freiheiheitliche und gleichberechtigte Inklusion zu fördernde und gleichzeitig zu gewinnende Ressourcen für alle Kinder und Jugendlichen werden dabei ein posi-

16 16 Raimund Geene, Claudia Höppner, Frank Lehmann tives Selbstbild und umfassende private, berufliche und öffentliche Netzwerke herausgearbeitet. Allerdings bringt die Umsetzung auch viele Anforderungen an die Familien, Gemeinschaften und die Gesellschaft mit sich. Jahrhundertealte Vorurteile drücken sich noch heute aus in gesellschaftlichen Selektionskonzepten, einer diskriminierenden Sicht auf Menschen mit Behinderung und standardisierten Leistungsnormen (Stichwort: Schulnoten), die der Vielfalt des Lebens nicht Rechnung tragen. Dem entgegen zu setzen ist ein emanzipationsbezogener Community-Aufbau, flankiert von einer gesundheits- und inklusionsfördernden Gesamtpolitik. Der Bogen schließt sich mit zwei Beiträgen zu neuen Handlungsfeldern, die sich als konkrete Antwort auf zentrale Probleme von Kindern und Familien verstehen und gesamtgesellschaftliche politische Strategien zur Umsetzung von Ressourcenansätzen nahelegen bzw. bereits umsetzen. Romy Schulze, Antje Richter-Kornweitz, Michael Klundt und Raimund Geene zeichnen den Wandel in der Kinderarmutsforschung von der Defizit- zur Ressourcenorientierung nach. Deutlich wird hier eine zunehmende Subjektorientierung, die u. a. dazu führt, dass Kinder selbst zur Wahrnehmung und Bewältigung ihrer Lebenssituation befragt werden. Kitas und Schulen sind Orte der Gemeinschaft, die bei der Ausstattung mit entsprechenden Rahmenbedingungen den Ausbau von Ressourcen zur Stärkung der Resilienz von Kindern, Jugendlichen und ihren Familien, insb. auch in schwierigen sozialen Lebenssituationen, fördern können. Dies richtet sich einerseits nach innen mit der selbstkritischen Erkenntnis, dass allein schon die ständige Wiederholung des Gesundheitsrisikos Armut oder die Benennung von Betroffenengruppen, wie Alleinerziehenden, Mehrkindfamilien oder Familien mit Migrationshintergrund, diskriminierenden Charakter haben kann. Wichtige gesellschaftliche Forderungen im Sinne der anwaltschaftlichen Vertretung von Kindern und Familien in Armut sind Ganztagsbetreuung, Gemeinschaftsschule, Grundsicherung, vernetzte Freizeitangebote durch Quartiersmanagement und Förderung sozialer Netzwerke. Im Beitrag von Alexandra Sann, Raimund Geene und Mechthild Paul über Frühe Hilfen als neues Handlungsfeld zur Stärkung von Kindern und Familien wird deutlich, dass dieses

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