Predigt über Jakobus 5, 7 und 8 am 2. Advent, den 6. Dezember 2009 in der Kreuzkirche Reutlingen Pfarrerin Astrid Gilch-Messerer

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1 Predigt über Jakobus 5, 7 und 8 am 2. Advent, den 6. Dezember 2009 in der Kreuzkirche Reutlingen Pfarrerin Astrid Gilch-Messerer Liebe Gemeinde, zum Leben, zum Zusammenleben der Menschen gehört Geduld. In der Erzählung Der kleine Prinz beschreibt der französische Schriftsteller Antoine de Saint-Exupéry, wie das aussehen kann: Geduld zu haben. Warten zu können. Dazu legt er dem Fuchs folgende Worte in den Mund: Wenn du einen Freund willst, so zähme mich!, sagte der Fuchs zum kleinen Prinzen. Was muss ich da tun? fragte der kleine Prinz. Du musst sehr geduldig sein, antwortete der Fuchs. Du setzt dich zuerst ein wenig abseits von mir ins Gras. Ich werde dich so verstohlen, so aus den Augenwinkeln anschauen, und du wirst nichts sagen. Aber jeden Tag wirst du dich ein bisschen näher setzen können Soweit die Erzählung. Ja, das ist es!, wird mancher/manche von Ihnen vielleicht denken. So kann Freundschaft entstehen: Langsam. Mit Geduld. Aber: Wer hat denn dafür schon die Zeit? Vielleicht ist - trotz der Vorbereitungen für Weihnachten gerade die Adventszeit eine solche Zeit: Eine Zeit zum Hören und Nachdenken. Eine Zeit, um gemeinsam mit anderen das Hoffen zu lernen. Dies alles geht nicht ohne das Eine: Du musst sehr geduldig sein! So ruft es uns auch der Predigttext für den heutigen zweiten Adventssonntag zu: Seid geduldig! Gleich drei Mal ist in dem kurzen Abschnitt davon die Rede. Doch hören Sie selbst. Ich lese Bibelworte aus Jakobus Kapitel 5: 1

2 So seid nun geduldig bis zum Kommen des Herrn. Siehe, der Bauer wartet auf die kostbare Frucht der Erde und ist dabei geduldig, bis sie empfange den Frühregen und Spätregen. Seid auch ihr geduldig und stärkt eure Herzen; denn das Kommen des Herrn ist nahe. Liebe Gemeinde, trotz der schönen Geschichte am Anfang ich habe da meine Zweifel: Wie steht es mit unserer Bereitschaft, Geduld zu haben? Oder genauer: Können wir es uns überhaupt noch leisten zu warten? Ist Geduld wirklich angebracht? Brauchen wir häufig nicht eher das Gegenteil? Weniger denn je können wir Menschen uns abfinden mit Hunger, Ungerechtigkeiten und Gewalt und Krieg in der Welt und ich meine: zu Recht. Der Schriftsteller Bert Brecht spricht hier für viele: Wieder läuft die Welt die alte Bahn unverändert. Als es möglich war, sie zu verändern, bin ich nicht gekommen; als es nötig war, dass ich kleiner Mensch half, bin ich ausgeblieben. Sehr oft, zu oft, muss festgestellt werden: Ich bin ausgeblieben. So blieb alles beim Alten. Kann ich da noch geduldig sein geduldig mit mir selbst, geduldig aber auch mit den anderen Menschen, die ebenfalls ausgeblieben sind, wo sie hätten helfen können? Gut, dass Einer nicht ausgeblieben ist. Er kam dahin, wo er dringend gebraucht wurde: mitten hinein in unsere Welt voller Ungerechtigkeit, Leid und Tod. Jesus Christus ist zu uns gekommen, damals, im Stall von Bethlehem, ein Kind, in Windeln gewickelt, in einem Futtertrog liegend. Und Er wird wieder kommen. als der Herr der Welt, dem wir alle gehören. 2

3 Diese Zukunft kommt auf uns zu. Das ist keine Erkenntnis, die ich von mir aus haben könnte. Es sind die Augen des Glaubens, die uns diese Gewissheit geben. Wir tun uns schwer, an dieses Wiederkommen Jesu Christi zu glauben. Ist dies nicht geradezu ein wunder Punkt in unserem Glauben: Dass uns im Blick auf den wieder kommenden Herrn alles fragwürdig und ungewiss vorkommt? Für Jakobus ist klar: Der Herr kommt. Mag alles wanken, dies eine steht fest. Der Herr, der kommt, ist derselbe wie der, der schon gekommen ist. Beide Male haben wir es mit dem Gott zu tun, der uns Menschen liebt. Was das bedeutet, dass Gott uns liebt, wie das aussieht, welche Folgen es hat, das können wir am besten daran ablesen, was uns die Evangelien über Jesus Christus sagen: - Er ging hin zu Menschen, die schuldig geworden waren, und nahm ihnen ihre Lasten ab, so dass sie andere werden konnten. - In seiner Gegenwart wurden Menschen gesund, heil und ganz. - In seiner Nähe lernten Menschen zu teilen, so dass alle genug zum Leben hatten. - In Jesu Augen war kein Mensch ein hoffnungsloser Fall, wie wir sagen würden. Denken wir an die Geschichte vom verlorenen Sohn: Die Geduld und Liebe des Vaters verändern den Sohn so, dass er ins Leben zurück findet. Ich bin froh, liebe Gemeinde, dass Jesus uns in den Evangelien so viel über die Geduld und Güte seines himmlischen Vaters erzählt. Denn, seien wir ehrlich: Der Rat des Fuchses für den kleinen Prinzen geht quer zum Lebensstil und den Alltagsgewohnheiten heute: Du setzt dich zuerst ein wenig abseits von mir ins Gras. Aber jeden Tag wirst du dich ein bisschen näher setzen können 3

4 Sich Zeit zu nehmen, das kann den Abstand zwischen Menschen verringern. Wenn Menschen Zeit miteinander verbringen, kann Gemeinschaft entstehen und Freundschaft wachsen. Sich Zeit zu nehmen ist aber auch für unseren Glauben wichtig. Denn Hören, Gottes Stimme vernehmen, das kann ich nur in der Stille. Einen anderen Menschen verstehen, ihn annehmen und lieben, gelingt, wenn ich warte und geduldig bin. Gut, wenn wir uns gerade im Advent uns dafür Zeit nehmen ob zu Hause in der Familie, in der Schule oder am Arbeitsplatz oder in der Gemeinde! Jakobus nennt den Landwirt als Beispiel für einen Menschen, der Geduld hat. Der Landwirt kann nur darauf warten, dass die Saat wächst, dass die richtige Witterung kommt und das Wachstum unterstützt. Machen aber kann der Landwirt dies alles nicht! Abgesehen von fachmännischer Feldbestellung kann der Landwirt nichts dazu tun, dass Frucht entsteht. Wir dagegen rechnen allzu oft mit der Machbarkeit aller Dinge. Aktivität, Verantwortung, Leistung sind bei uns gefragte Verhaltensweisen. Dem setzt Jakobus seine Ermahnung entgegen: Seid geduldig! Auch und gerade dann, wenn es so viel zu tun gibt. Es gehört Mut dazu, geduldig zu werden. Sich Zeit zu nehmen für das, wozu wir so oft nicht die Ruhe finden: - Zeit für ein Gespräch -Zeit für einen Besuch - Zeit für einen ohne Arbeit verbrachten Sonntag -Zeit für Gott Was nötig ist, muss getan werden, gewiss: Aber den Gedanken, ich müsste alles gleichzeitig und alleine schaffen, den kann ich getrost aufgeben. 4

5 Und der Gedanke an bruchstückhafte Unternehmungen und an manche unerledigte Dinge muss mich nicht erschrecken. Das ist das gestärkte, feste Herz, von dem uns Jakobus schreibt: die innere Freiheit, die aus der Geduld kommt. Da finden sich Menschen gerade nicht mehr ab mit schlimmen Verhältnissen. Wer festen Herzens ist, dem /der bleiben Hunger, Elend und Not in der Welt nicht gleichgültig. Wer festen Herzens ist, wird die Not dessen, dem es schlecht geht, sehen, und er/sie wird versuchen, dessen Geschick zu wenden. Aber er/sie wird auch geduldig die Grenzen der eigenen Einwirkungsmöglichkeiten aushalten lernen. Die Geduld, zu der uns Jakobus aufruft, bewahrt uns davor, die Hände in den Schoß zu legen und faul zu sein. Sie bewahrt uns aber auch davor, uns als blinde Weltverbesserer aufzuspielen. Nach Kalender und Kirchenjahr leben wir in der Adventszeit und gehen dem Christfest entgegen. Es gilt, das heute Nötige zu tun. Hellsichtige Augen zu haben und gute Ohren, um Aufgaben wahrzunehmen. Zupackende Hände zu haben und Füße, die weite Wege gehen können. Ein festes Herz zu haben, das unterscheiden kann zwischen schönem äußerem Schein und dem inneren Sein. Wir sollen Geduld einüben aber vergessen wir nicht: Um vieles mehr hat Gott Geduld mit uns immer wieder, jeden Tag neu. Ist das nicht ein Grund, sich zu freuen? Amen 5

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