Predigt am Ewigkeitssonntag, den 22. November 2009 in der Kreuzkirche in Reutlingen

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1 Predigt am Ewigkeitssonntag, den 22. November 2009 in der Kreuzkirche in Reutlingen im Spätherbst, wenn sich das Leben in der Natur draußen langsam zurückzieht, denken wir besonders an unsere Verstorbenen. Wir denken an Werden und Vergehen, an Leben und Tod, und an die Zeit, die uns bleibt, an die Träume, die wir noch haben oder die wir begraben mussten. Manch einen oder eine verfolgen solch dunkle Gedanken nicht nur tage-, sondern auch nächtelang. Wenn unser Glaube gefragt ist, dann zuallererst hier und von hier aus: Hat er eine Antwort auf den Tod, auf den Verlust eines lieben Menschen? Sicher gibt es auch andere wichtige Fragen: Fragen, wie ich mich in diesem Leben verhalten soll, nach welchen Prinzipien ich die mir gewährten Jahre lebe, Fragen nach Frieden und Krieg,, nach Hunger und Überfluss. Aber wenn der Glaube keine Antwort auf den Tod findet, wird er belanglos. Johannes, der Verfasser des letzten Buches der Bibel, öffnet uns da eine Tür. Durch einen Türspalt lässt er uns durch unseren begrenzten Horizont hindurch schauen - hinein in die Ewigkeit Gottes. Ich lese aus der Johannesoffenbarung im 21. Kapitel Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr. 2 Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann. 3 Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; 4 und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch 1

2 Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. 5 Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu! Und er spricht: Schreibe, denn diese Worte sind wahrhaftig und gewiss! 6 Und er sprach zu mir: Es ist geschehen. Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende. Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst. 7 Wer überwindet, der wird es alles ererben, und ich werde sein Gott sein und er wird mein Sohn sein. etwas ganz Unerwartetes malt uns Johannes da vor Augen: Bilder mit hellen Farben voller Hoffnung, wie Grüße aus einer für uns unbekannten und doch ersehnten Welt. Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde Es ist, als ob Gott selbst seine aus den Fugen geratene und geschundene Schöpfung wieder ins Lot bringt. Gott setzt einen neuen Anfang. Hier wird von unserer alten Welt nichts mehr repariert, hier entsteht Neues. Johannes kann das nur in Bildern beschreiben: Der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr. Es gibt kein Meer der Tränen mehr, in das wir versinken könnten. Tod, Leid und Geschrei, Krankheit und Schmerzen sind im neuen Himmel und auf der neuen Erde unbekannt. Gott selbst trocknet unsere Tränen, und Johannes zeigt uns die Konturen unsres neuen Zuhauses: Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann. Johannes verwendet Bilder aus Raum und Zeit, Bilder voller Hoffnung und Schönheit, um etwas über die Ewigkeit zu sagen. Es sind Bilder, nicht die Sache selbst. Mehr als Bilder aus Raum und Zeit hat auch der Verfasser der Offenbarung nicht, um die Ewigkeit zu beschreiben. 2

3 So muss uns Gott und seine Zukunft fremd bleiben, wie uns auch unser Predigttext trotz aller Erklärungen fremd bleiben wird. Wenn wir Begreifliches, Vertrautes von Gott hören wollen, sollten wir nicht ausgerechnet in der Johannesoffenbarung suchen. Suchen wir dann lieber in den Evangelien, was sie uns von Jesus erzählen. Die Evangelien sagen: In Jesus kommt Gott als Mensch zu uns. Er geht unseren Weg, teilt unser Schicksal, leidet, stirbt. Was könnte Gott uns mehr geben als sich selbst? Was wir in den Evangelien lesen, gibt Johannes den Mut, das Ungeheuerliche zu sagen und darauf zu bestehen: Das war ja noch gar nicht alles! Das bleibt nicht alles: das Leid, die Tränen, Krankheit, Sterben und Tod. Zum Schluss, liebe Gemeinde, bleiben nicht unsere schlaflosen Nächte, in denen wir uns den Kopf zerbrechen über unser Leben zum Schluss bleibt Gott. Der französische Schriftsteller Antoine de Saint-Exupéry, der Verfasser des Kleinen Prinzen, fasst unseren Predigttext in einem Gebet zusammen. Er schreibt: Ich bitte nicht um Wunder und Visionen, Herr, sondern um Kraft für den Alltag! Lehre mich die Kunst der kleinen Schritte Lass mich erkennen, dass Träume nicht weiterhelfen, weder über Vergangenes noch über die Zukunft. Hilf mir, das Nächste so gut wie möglich zu tun und die jetzige Stunde als die wichtigste zu erkennen. Bewahre mich vor dem naiven Glauben, es müsste im Leben alles glatt gehen. Schenke mir die nüchterne Erkenntnis, dass Schwierigkeiten, Niederlagen, Misserfolge, Rückschläge eine selbstverständliche Zugabe zum Leben sind, 3

4 durch die wir wachsen und reifen. Erinnere mich daran, dass das Herz oft gegen den Verstand streikt. Schick mir im rechten Augenblick jemand, der den Mut hat, mir die Wahrheit zu sagen Bewahre mich vor der Angst, ich könnte das Leben versäumen. Gib mir nicht, was ich mir wünsche, sondern was ich brauche. Gib mir nicht, was ich mir wünsche, sondern was ich brauche. Was brauchen wir? Ja, wir bräuchten noch unsere Verstorbenen, die uns nahe waren, unsere Mütter und Väter, Ehemänner und Ehefrauen, unsere Kinder. Wir bräuchten noch so viele und so vieles. Aber das reichte nur ein, zwei, vielleicht auch 10 Jahre. Dann würde sich die Frage mit neuer Macht stellen. Wenn überhaupt es eine Antwort auf unsere Fragen und unsere Verluste, eine Antwort auf den Tod gibt dann brauchen wir Gott. Nicht einen, der uns unsere Wünsche von den Augen abliest, sondern Gott, der uns hält und uns stützt und uns tröstet. Die Bibel sagt ihn uns zu. Sie sagt, er war da, er ist da, er kommt. Und um uns zu trösten und aufzurichten, spricht Johannes in seiner Vision von der neuen Welt Gottes in menschlichen Bildern. Ich will sie noch einmal vorlesen zum Trost für uns alle: 21 1 Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr. 2 Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann. 4

5 3 Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; 4 und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. 5 Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu! Und er spricht: Schreibe, denn diese Worte sind wahrhaftig und gewiss! 6 Und er sprach zu mir: Es ist geschehen. Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende. Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst. 7 Wer überwindet, der wird es alles ererben, und ich werde sein Gott sein und er wird mein Sohn sein. umsonst gibt Gott uns von der Quelle des lebendigen Wassers zu trinken. Wir bekommen es geschenkt. Da ist nichts, was diesen Trost wieder zunichte machen könnte. Gott ist da. Und Gott bleibt da Haus an Haus und Tür an Tür werden wir mit ihm wohnen. Amen. Pfarrerin Astrid Gilch-Messerer 5

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