Das Wesen des Menschen bei der Aufnahme sichtbar zu machen, das ist die höchste Kunst der Fotografie

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1 Prof. Monika Grütters MdB Vorsitzende des Ausschusses für Kultur und Medien Grußwort Ausstellungseröffnung Barbara Klemm. Fotografien November 2013, 19 Uhr Martin Gropius Bau Anrede, Das Wesen des Menschen bei der Aufnahme sichtbar zu machen, das ist die höchste Kunst der Fotografie Fast möchte man meinen, Friedrich Dürrenmatt hätte dies als Antwort auf Ihre Kunst gesagt, liebe, sehr verehrte Barbara Klemm. Dieser Saal, Ihr Publikum, ist Ausdruck der großen Bewunderung Ihrer Fotokunst, liebe Frau Klemm und wie könnte es auch anders sein? Wer, wenn nicht Sie, kann als das fotografisch-historische Gedächtnis unserer Bundesrepublik gelten? Wer, wenn nicht Sie, haben unser aller Gedächtnis geprägt? Denn was bleibt in einem Gedächtnis, wenn nicht die Bilder? Und diese Bilder, die Fotografen uns hinterlassen, sind Dokumente von hoher historischer Signifikanz. Es sind doch diese Bilder, die uns unsere individuellen Erlebnisse und in der Summe all dessen unser aller Geschichte immer wieder buchstäblich - vor Augen führen. Die Bilder entwickeln dabei eine eigene Wirklichkeit, von der zu abstrahieren fast unmöglich ist. Sie tun das mit einer Prägekraft, die die der Literatur, der Musik, des Erzählens weit hinter sich lassen. 1

2 Und dann Barbara Klemm die Augenzeugin, das öffentliche Tagebuch dieser Nation, wie Durs Grünbein Sie einmal nannte. Was Sie geschaffen haben, das ist mehr als eine Fülle an Fotos, an Kunst. Was Sie geschaffen haben, ist so etwas wie die Bildergeschichte unserer Zeit. Deshalb freue ich mich sehr, liebe Frau Klemm, heute an der Eröffnung Ihrer Ausstellung hier teilnehmen zu können. Diese große Retrospektive umfaßt ja die ganze Welt Ihres Wirkens Ihr globales Agieren wird uns erneut in Erinnerung gerufen. Vielen sind Sie bekannt als die Fotografin der FAZ, für die Sie Jahrzehnte lang gearbeitet haben. So haben Sie vor allem das Bild unserer deutsch-deutschen Geschichte geprägt. Zum 20. Jahrestag des Mauerfalls haben wir in unserer Stiftung Brandenburger Tor im Liebermann Haus am Pariser Platz die Foto- Ausstellung Szenen und Spuren eines Falls gezeigt Sie haben Werke beigesteuert, die so charakteristisch für Sie sind: aus einer Perspektive, die keiner Ihrer Kollegen bei demselben Ereignis gewählt hat, und die deshalb Ihr Foto so einzigartig werden ließ. Zur Dokumentation des Mauerfalls haben Sie gesagt, daß dieser Teil der wichtigste ihrer Arbeit gewesen ist. Immer wieder wird erzählt, wie Sie für uns (Leser von Texten und Bildern) Mauern, Zäune und Absperrungen überwinden, sportlich, beweglich halt in jeder Hinsicht. Für das berühmte Startbahn West-Foto sollen Sie auf einen VW Bus geklettert sein. Um niemanden mit der Kamera zu bedrängen und so das Foto am Ende zu verpassen, haben Sie sich quasi verkleidet, sind möglichst unauffällig dahergekommen, haben Ihre Fotoausrüstung in einer Tragetasche versteckt Dabei waren Sie bei diesen politisch-gesellschaftlichen Großereignissen nie allein, rangen vielmehr mit oft Hunderten weitgehend männlicher Kollegen um den besten Standort, um die besondere, die andere, die eindrücklichste, eben: Ihre Perspektive. 2

3 Und Ihre Perspektive überzeugt. Aus der Tagesaktualität haben Sie gültige Bilder gemacht. Deshalb konnten Sie auch so lange in der FAZ bestehen. Schließlich ist - oder sollte man sagen: war - der Raum für visuelle Information in einer Zeitung begrenzt. Eine Zeitung kann nur wenige Fotos veröffentlichen. Deshalb muss das Bild, das es in die Printausgabe schaffen will, hohe Anforderungen erfüllen: Es muss aktuell sein, die Aufmerksamkeit und das Interesse des Zeitungslesers wecken und einen ganzen Artikel im Bild erzählerisch verdichten. Bilder sind für Sie etwas, das über das Dokumentarische hinausgeht so konnten wir es gerade gestern in der Zeitung lesen. Bilder sind etwas, das nicht nur sagt: Schaut her, so war es. Sondern etwas, das mehr als das erzählt und wofür Worte nur bedingt taugen. Ihnen ist das immer wieder gelungen, weil Sie Bilder schaffen, die im Gedächtnis hängen bleiben. Am Ende sind diese Ihre Bilder unsere Geschichte. Wenn wir sie sehen, aktivieren wir unser Gedächtnis. Und dann steht doch wieder Ihr Bild als unser Zeugnis Sie haben den Alltag der Menschen in den 1970er und 1980er Jahre mit eindrücklichen Bildern dokumentiert. Sie haben Wendepunkte der Geschichte für die nächsten Generationen konserviert: Willy Brandt und Breschnew bei den Verhandlungen in Bonn 1973, die Demonstrationen gegen die Startbahn West 1981, Joschka Fischer in weißen Turnschuhen bei seiner Vereidigung im Hessischen Landtag 1985, Erich Honecker 1987 bei seinem ersten Staatsbesuch in der Bundesrepublik, Gorbatschow bei seinem Besuch zum 40. Jahrestag der DDR, einen Monat vor dem Mauerfall, beim Bad in der Menge. Helmut Kohl vor dem Bild des Alten Fritz im Museum, oder in Dresden, vor der Frauenkirche. Und als die Menschen am 10. November 1989, dicht gedrängt auf dem breiten Rand der Berliner Mauer am Brandenburger Tor im Freudentaumel auf der Mauer stehen, da sind Sie auch dabei. Und dann Ihre so nennen Sie selbst sie Klassiker : Oder nehmen Sie das Bild von Papst Johannes Paul II in Polen besser geht es nicht! 3

4 Oder die Ironie, als Sie Gysi, Bohley, Mühe und Müller am 4. November 1989 auf dem Alexanderplatz ausgerechnet vor einem Reisebüro -Schild erwischt haben. Oder die Lippenstift-Raketen, vor denen ein Soldat in Moskau steht Die Stimmungen und Befindlichkeiten der Protagonisten fangen Sie so sensibel und treffend ein, dass jedes Bild wie eine Erzählung wirkt und manche zu regelrechten Ikonen der Fotografie geworden sind. (Balkon mit Politikern am Tag der deutschen Vereinigung 3. Oktober 1990; Ayatollah Taleghani, Teheran, Iran 1979 z.b.) Wie gelingt es Ihnen nur, auf einem Feld, auf dem so viele sich drängen, die wenigen Bilder zu schaffen, die sich kollektiv einprägen? Es ist diese besondere Perspektive, aber Sie können auch auf Ihren Moment warten wie bei dem berühmten Klassiker - Bild vom Brandenburger Tor im Regen, nachdem es gerade eben geöffnet worden war Sie monumentalisieren nicht, Sie entlarven nicht (nur manchmal), Sie schmeicheln nicht, aber Sie karikieren auch nicht. Sie sind in jedem Genre zuhause in der Tagesaktualität, der Reportage, dem Portrait. Gerade hier gilt, was Dürrenmatt meinte: Das Wesen des Menschen bei der Aufnahme sichtbar zu machen, das ist die höchste Kunst der Fotografie. Ihre Künstlerportraits und die sich über die Zeit verändernden Politiker, liebe Frau Klemm, (diese Impressionen) sind unerreicht. Einen Beweis dafür liefert das Foto von Joseph Beuys 1982 im Gropiusbau es steht ganz vorne in dem hervorragenden Katalog, dem herrlichen Buch, das Bernhard Echte in seinem Nimbus-Verlag herausgegeben hat. Und nun steht also ein kleiner Ausschnitt des großen Werkes von Barbara Klemm im Gropiusbau 4

5 Aus einer Million von Aufnahmen haben Sie 320 Arbeiten für diese Ausstellung ausgewählt mit dem Anspruch, zumindest einen Eindruck Ihres ja weltweiten Wirkens zu vermitteln. Sie sind über Jahrzehnte überall herumgereist, in Japan, Indien, Lateinamerika, Afrika und in ganz Europa (wohin es Münsteranerinnen überall verschlagen kann, nicht wahr?). Die Zahl Ihrer Flugkilometer übertrifft bei weitem die aller deutschen Außenminister. Es ist faszinierend, wo überall Sie gewesen sind, wo überall Ihre Bilder entstanden. Diesen globalen Aspekt ihrer Arbeit zu zeigen, ist ein großes Verdienst dieser Ausstellung. Aus der Synopse ergibt sich so etwas wie Zeitgeschichte. Die Ausstellung erzählt diese Geschichte mit sparsam-narrativen Elementen und mit Ihrem untrüglichen Blick für Bildkomposition. Sie vermögen komplexe Bezüge zu jenen historischen Tiefenschichten herzustellen, die sich in unser kollektives Gedächtnis eingeschrieben haben. So wird für kommende Generationen aufbewahrt, was Sie beschrieben haben. Ihre fantastische Beobachtungsgabe erklärt jene Faszination, die von Ihren Arbeiten ausgeht. Und es bestätigt sich in Ihren Fotografien einmal mehr, dass es ein spezifisches Bild-Wissen gibt. Das Schöne an der Fotografie ist, daß plötzlich irgend etwas aufscheint, einfach so, direkt vor einem, und dieses Etwas muß man fassen. Das Foto ist die Konzentration des Blickes. Das Auge, das Ausschau hält, unablässig in Bewegung, auf der Lauer, stets bereit. so hat es der große Henri Cartier-Bresson zusammengefaßt. Sie, liebe Barbara Klemm, haben dieses Etwas oft und mit großem politischsozialen Scharfblick zu fassen gekriegt. Dafür danken wir Ihnen und freuen uns auf diese wunderbare und großartige Ausstellung. Ich danke Ihnen 5

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