Gewalt gegen die Polizei

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1 Kriminologisches Institut Gewalt gegen die Polizei Patrik Manzoni Referat anlässlich des 11. Forums «Innere Sicherheit» des Verbands Schweizerischer Polizei-Beamter VSPB Freitag, 6. November 2009 im Kulturcasino Bern

2 Gliederung Definition und Erscheinungsformen der Gewalt Bisherige Forschung Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen Studie der Polizei-Führungsakademie Ergebnisse der Zürcher Polizeistudie Zeitliche Entwicklung Diskussion, Prävention und Ausblick / 2

3 Definition und Formen der Gewalt Gewaltmonopol der Polizei Kontinuum von Gewalt (verbale Drohung bis zu tödlicher Gewalt) Verbale Drohung Tätliche Angriffe (durch physische Gewalt) Angriffe mit Waffen Gewalt und Drohung gegen Beamte und Behörden (Art. 285 StGB) Erscheinungsformen im Rahmen der Verbrechensbekämpfung, z.b.: Festnahmen Personenkontrollen Verkehr Demonstrationen / 3

4 Formen der Gewalt (Forts.) Neuere Erscheinungsformen Gewalt von Sport-Hooligans Teilweise massive Ausschreitungen mit hohem Sachschaden Hoher Aufwand und Kosten für die Polizei Bundesamt für Polizei: Durchschnittlich 900 Polizisten nötig für Sicherheit pro Woche mit Fussball- oder Hockeyspiel Im Kontext der Vergnügungsindustrie (Nachtbars, Clubs, Parties, etc.) Anspucken, Beschimpfungen Behinderung der Polizeiarbeit durch Aussenstehende Zunehmende Respektlosigkeit und Gewalt in Vergnügungsmeilen während Nachtstunden Alkohol- oder Drogeneinfluss / 4

5 KFN-Studie Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN): Studie zu Angriffen auf Polizeibeamte, Jahre (Ohlemacher et al. 2002). Aktenanalyse und Befragung von 1000 angegriffenen Beamten: Angriffe weit überwiegend bei Dunkelheit, im öffentlichen Raum und eher bürgerlichen Vierteln [und nicht im Rotlichtmilieu oder in Hot Spots] Mehrzahl der Angriffs-Orte galt zuvor als ungefährlich Beamte waren zum Angriffszeitpunkt mehrheitlich als Funkstreife eingesetzt. / 5

6 KFN-Studie (Forts.) Täter: weit überwiegend deutscher Nationalität fast ausschliesslich männlich und allein zu grossen Teilen alkoholisiert und fast zur Hälfte bereits polizeibekannt (den Beamten aber persönlich unbekannt) Angriff erfolgte fast immer überraschend Angriffe mit Tötungsabsicht: - bei Personenkontrollen und Situationen ohne vorherigen Körperkontakt - Täter älter, weniger alkoholisiert, Hälfte mit Schusswaffen / 6

7 PFA-Studie Studie der Polizei-Führungsakademie (PFA) Untersuchung von 700 der PFA gemeldeten Angriffe auf Polizeibeamte mit mehr als siebentägiger Dienstunfähigkeit (Jäger 1988). Massnahmen im schutzpolizeilichen Einzeldienst mit grösstem Risiko: - (vorläufige) Festnahme (31%), - Personalienfeststellung (13%) - Ingewahrsamnahme (10%) - Weiter (7-9%): Blutprobe, Räumung/Platzverweis, Streitschlichtung Zeitlich konzentriert in Nachtstunden des Wochenendes, über das Jahr gleichmässig verteilt / 7

8 PFA-Studie (Forts.) Begegnungen am häufigsten (44 %) im öffentlichen Bereich (Strassen, Plätze) - 18 % im Privatbereich, 17 % in polizeilichen Diensträumen oder Fahrzeugen Ausgangsereignisse: v.a. Verkehrsdelikte und -unfälle, Schlägerei, Eigentumsdelikt, Familienstreit, Hausfriedensbruch, Sachbeschädigung Beteiligte (Polizei und Personen) überwiegend Männer überwiegender Teil der Angreifer unter Alkoholeinfluss Keine überproportionale Beteiligung der unteren sozialen Schichten / 8

9 Zürcher Polizeistudie Untersuchung bei der Stadtpolizei Zürich (Manzoni 2003): 1) Aktenanalyse von Gewalt und Drohung gg. Beamte und Strafuntersuchungen gg. Beamte wegen Gewaltausübung 2) Schriftliche Befragung von Polizeibeamten zu Opfererfahrungen und Gewaltausübung Auch Arbeitsbelastungen und Arbeitszufriedenheit erfragt Teilnahme von 470 Polizeibeamten mit Kontakt zur Bevölkerung (Rücklauf 48%) im Juni 1999 Ungefähr 2/3 Sicherheitspolizei, 1/3 Kriminalpolizei / 9

10 Typen und Häufigkeiten der Gewalt Vier Typen der Opfererfahrungen als Polizeibeamter/-in: Mit Worten (ohne Waffe) bedroht? Mit einer Waffe bedroht (Schusswaffe, Messer u.ä.)? Durch physische Gewalt (ohne Waffe) tatsächlich angegriffen? Mit einer Waffe tatsächlich angegriffen? Für jeden Typ folgende Häufigkeiten erfragt: Jemals während ganzer Dienstzeit? (ja/nein) Wie häufig in den letzten 12 Monaten (Jahres-Prävalenz) Anzahl Ereignisse in Situationen in letzten 12 Monaten (Jahres- Inzidenz) / 10

11 Jahresprävalenz Jahresprävalenz: Anteil Beamter, die schon einmal einen bestimmten Typ von Opfererfahrung erlebt haben in den letzten 12 Monaten. Bsp.: Im Jahr vor der Befragung wurden 30% der Beamten schon einmal mit physischer Gewalt angegriffen. Viktimisierungen Verbale Bedrohung 61.3% Physischer Angriff 29.7% Bedrohung mit Waffe 13.2% Angriff mit Waffe 4.1% Insgesamt Vik. 64.6% 0% 20% 40% 60% 80% 100% / 11

12 Jahresprävalenz nach Situationen Opfererfahrungen nach Situationen, Prävalenzraten letzte 12 Monate Bsp.: Bei Festnahmen wurden 51% der Beamten schon einmal verbal bedroht und 24% schon einmal physisch angegriffen. 0% 10% 20% 30% 40% 50% 60% Verbale Bedrohung 5% 15% 26% 25% 38% 51% Bedrohung m. Waffe 5% 3% 0% 0% 1% 11% Physischer Angriff Angriff m. Waffe 4% 4% 2% 2% 1% 2% 0% 0% 0% 9% 14% 24% Arret., Verhaftung Personenkontrolle Demo Protokoll, Verhör Verkehrskontrolle Anderes / 12

13 Inzidenz Häufigkeiten der Opfererfahrungen, Inzidenzraten letzte 12 Monate Mittelwert Std. abw. Min. Max. N Opfererfahrungen Verbale Bedrohung Bedrohung mit Waffe Physischer Angriff Angriff mit Waffe Insgesamt Ungleiche Verteilung: Wenige Polizisten erlitten sehr viele Opferfahrungen: 5% der Beamten (n=25) berichteten 49% aller Opfererfahrungen. 10% der Beamten (n=48) waren von 61% aller berichteten Opfererfahrungen betroffen. Hochrisikogruppe / 13

14 Merkmale der Polizisten als Opfer Dienstabteilungen Überdurchschnittlich betroffen: Streifenwagenfahrer/innen, Turicum/SMER (ständig mobile Einsatz-Reserve) Dienstalter 1 4 J. 5 8 J J J. 16+ J. Total Sig. Opfererfahrungen Verbale Bedrohung 70% 66% 63% 68% 40% 61% ** Bedrohung mit Waffe 18% 13% 9% 14% 8% 13% n.s. Physischer Angriff 37% 35% 26% 24% 19% 29% * Angriff mit Waffe 5% 1% 3% 5% 4% 4% N= N= N=63-65 N=55-57 N= N= Geschlecht Keine statistisch bedeutsamen Unterschiede / 14

15 Angreifer Zürcher Aktenanalyse der Anzeigen wegen Gewalt gg. Polizeibeamte (182 Vorfälle, , nicht repräsentativ): Männlich (85%) 48 % zwischen 20 und 30 J. (30% J.) Tatorte: weit überwiegend auf öffentlichen Strassen, Platz (73%) 12% Private Wohnung/Haus, 6% Restaurant, Club, 4% Polizeidienstraum Anlass des polizeilichen Einschreitens: 30% Personenkontrolle (davon 18% Drogenkontrolle) 17% Verkehrsdelikt, -unfall 11% Ruhestörung 10% öffentliche Veranstaltung, Demonstration [Alkohol: keine verlässlichen Angaben in Anzeigen] / 15

16 Zusammenhang Opfererfahrung - Gewaltanwendung Rolle von Täter und Opfer nicht immer eindeutig Wechselseitige Aufschaukelung in Begegnung zwischen Polizist und Privatperson Starker Zusammenhang von polizeilicher Opferwerdung und Gewaltanwendung (Manzoni 2003) r = 0.75 Tätigkeitsprofil (Vornehmen von Festnahmen, Personenkontrollen, etc.) Opfererfahrungen Gewaltanwendung r = 0.65 r = 0.83 / 16

17 Zeitliche Entwicklung Anzeigen betr. Gewalt und Drohung gg. Behörden und Beamte, Anz. Delikte Stadt ZH Kanton ZH Schweiz 0 (Quellen: Polizeiliche Kriminalstatistik, Kriminalstatistik des Kantons Zürich, KRISTA) / 17

18 Zeitliche Entwicklung (2) 1. Reale Zunahme? In Art. 285 nicht nur Gewalt gegen Polizisten (auch Chauffeure, Betreibungsbeamte, etc.) eingeschlossen Anzahl Polizeibeamte zeitlich konstant? Dunkelfeld besteht. Möglicher Einfluss durch veränderte Anzeigebereitschaft 2. Mögliche Gründe für Zunahme? Keine Studien dazu bekannt Gestiegene Gewaltbereitschaft unter jungen Erwachsenen? / 18

19 Diskussion und Prävention Hochrisikogruppe von 10% der Beamten Deeskalationstechniken Sprachliche Kommunikation wesentliches Instrument der Polizeiarbeit Fokus: Festnahmen und Personenkontrollen Fan-Arbeit bei Hooliganismus (Fan-Projekte) Partygänger Taktik bei Einsätzen bzw. Kontrollen: Grössere Patrouillen Förderung von massvollem Alkohol- und Drogenkonsum (keine Exzesse) / 19

20 Diskussion und Prävention Forschung nötig, um Gründe für Zunahme der Gewalt gegen Polizei in der Schweiz einschätzen zu können. Härtere Sanktionen gegen Angreifer? Vorsicht: Empirische Studien der Strafwirkungsforschung sprechen gegen generalpräventive (allg. Abschreckung) Wirkung und auch spezialpräventive (beim Täter) Schnellere Reaktion auf Delikte / 20

21 Schluss Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit! / 21

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