Von Spinnen und Landschaften

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2 Von Spinnen und Landschaften Holger Frick Balzers und seine Bewohner sind vielfältig! Das ist wohl bekannt. Doch dass dies nicht nur für seine zweibeinigen Bewohner zutrifft, sondern auch für die Tiere, dürfte weniger geläufig sein. Unsere südlichste Gemeinde zeichnet sich durch eine hohe Vielfalt an Lebensräumen und Arten aus. Vier dieser Lebensräume und jeweils eine dort lebende Spinnenart sind Inhalt dieses Beitrags. Er soll aufzeigen, was wir in Balzers noch an Naturwerten vorfinden, und gleichzeitig Anregung sein, diese längerfristig zu schützen. Zu diesen speziellen Lebensräumen gehören die ausgedehnten Wiesen «Wesa» und «Zepfel», die Magerwiesen am Rheindamm, die Waldränder der Balzner Allmein und die letzten Überbleibsel des ursprünglichen Auenwaldes an der Rheinau. Unsere achtbeinigen Untermieter mögen für manche nicht die sympathischsten Vertreter der lokalen Fauna sein. Durch ihre sehr spezifischen Bedürfnisse, ihre unglaubliche Artenvielfalt und die äusserst spannende Lebensweise sind sie aber ausgezeichnete Beispiele für die Mannigfaltigkeit des Lebens. In Balzers gibt es seltene Verwandte der Vogelspinnen, Einwanderer aus dem Mittelmeerraum, eine Art, die sich als Insekt tarnt, oder solche, die so klein sind, dass man sie mit blossem Auge kaum sehen kann. Die achtbeinigen Spinner Spinnen lassen sich sehr leicht von Insekten unterscheiden: Sie haben acht Beine (Insekten haben sechs) und produzieren mit ganz speziellen Drüsen an ihrem Hinterleib Seide. Mit dieser Seide können sie Netze spinnen, um Beute zu fangen, Behausungen bauen oder sie als Sicherungsseil einsetzen. Die Seide ist etwa zehnmal dünner als ein menschliches Haar und trotzdem elastischer, härter und stabiler als jedes Material, das Menschen bisher herstellen konnten. Einen schlechten Ruf haben Spinnen ohne eigentlichen Grund. Obwohl fast alle Arten giftig sind, schaffen es nur ein paar wenige, die menschliche Haut zu durchdringen. Falls doch, ist der Biss meist weniger schlimm als ein Wespenstich. Das trifft zumindest auf alle in Mitteleuropa lebenden Arten zu. Im Gegensatz dazu steht der Nutzen des Giftes. Forscher arbeiten aktuell daran, aus dem Gift Schmerzmittel und Antibiotika herzustellen. Einige Medikamente auf Spinnengiftbasis werden bereits gegen unterschiedliche Erkrankungen eingesetzt. Eine Welt ohne Spinnen Diese Vorstellung mag für jeden Phobiker paradiesisch klingen. Ohne sie sähe es bei uns allerdings ziemlich ungemütlich aus. Spinnen zählen zu jenen Tieren, die in der Nahrungskette ganz oben stehen, ebenso wie Wölfe oder Adler. Sie tragen dazu bei, dass sich andere Arten nicht unkontrolliert vermehren. So fressen zum Beispiel alleine die Spinnen in Liechtenstein Tausende Tonnen Insekten pro Jahr; umgerechnet ergäbe dies eine 10 bis 20 cm dicke Schicht. Keine schöne Vorstellung Weltweit gibt es mehr als 45'000 beschriebene Arten von Spinnen, wovon über 1'000 verschiedene in der Schweiz oder Österreich leben und rund 500 in Liechtenstein. Dies entspricht etwa der zehnfachen Artenvielfalt der Säugetiere oder der vierfachen der Vögel. Seite 54: Föhrenwald oberhalb der Balzner Allmein. 55

3 Weibliche Tapezierspinne (Atypus affinis). Die Spinnen von Balzers Die Spinnen, die in Balzers vorkommen, unterscheiden sich natürlich nicht von jenen an anderen Orten. Sie weben dieselben Netze, sie sind weder grösser noch kleiner, noch schauen sie schöner aus als ihre Nachbarn. Doch dank intensiverer Sammeltätigkeit in den letzten Jahren wissen wir über die Spinnen von Balzers etwas mehr als über jene in den anderen Liechtensteiner Gemeinden. Einige seltene Arten sind einer näheren Betrachtung wert. Anhand ihrer Bedürfnisse und Lebensweisen wird aufgezeigt, welche wichtigen Landlebensräume in Balzers noch anzutreffen sind und längerfristigen Schutz benötigen. Waldränder Waldränder sind speziell artenreiche Lebensräume. Dort kommen Arten aus den angrenzenden Wäldern und dem Offenland gemeinsam vor. Solche Übergangszonen zeichnen sich durch eine hohe Dynamik aus. Im Verlauf von 24 Stunden ändern sich die Temperaturen und die Feuchtigkeitsverhältnisse stärker als im Wald, aber weniger als im Offenland. Waldränder und Übergangszonen mit einzelnen Bäumen sind deshalb sehr wichtig für den Erhalt einer grossen Artenvielfalt. Der Waldrand oberhalb der Balzner Allmein ist eines dieser artenreichen Gebiete. Hier gibt es eine ganz sonderbare Spinnenart, nämlich eine sehr seltene Verwandte der Vogelspinnen: die Tapezierspinne. Sie ist schon seit rund 150 Millionen Jahren auf der Erde. Von drei mitteleuropäischen Arten konnte in Balzers bisher Atypus affinis nachgewiesen werden. Diese 2 cm grosse Spinne gräbt etwa 30 cm tiefe, daumendicke Löcher in den Boden und kleidet diese mit ihrer Seide aus. An der Oberfläche ist nur ein etwa 10 cm langes Stück sichtbar, in welchem sie sich zur Jagd aufhält. Mit ihren langen Fangklauen greift sie sich Insekten, die über den Schlauch laufen und zieht sie anschliessend in die Röhre im Boden. Die Seide von Spinnen ist antibakteriell und kann von Mikroorganismen nicht zersetzt werden. Deshalb verfaulen Spinnennetze nicht und man findet sie noch Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte an dem Ort, wo sie gewoben wurden. Die antibakterielle Wirkung der Spinnenseide war schon unseren Vorfahren bekannt. Die Röhren von Tapezierspinnen wurden nachweislich ausgegraben, gesäubert und anschliessend auf offene Wunden gelegt, um diese vor Infektionen zu schützen und die Heilung anzuregen. Tapezierspinnen bevorzugen offene Wälder oder Waldränder. Am liebsten sind ihnen Kiefern mit trockenen Grasbeständen. Finden sie einmal einen geeigneten Ort, gründen sie grössere Kolonien. Weibliche Tapezierspinnen leben viel länger als andere Spinnen. Sie können bis zu sieben Lenze zählen, während die Männchen wie die meisten Spinnenarten in Europa nur ein bis zwei Jahre alt werden. Rheindamm Der Rheindamm ist die grösste zusammenhängende Magerwiese Liechtensteins; ein beachtlicher Teil liegt auf Balzner Gebiet. Die hohe Artenvielfalt ist hier kaum zu übersehen. Doch auch diese ist gefährdet, denn eine Verbuschung durch Feldgehölze wie Weiden würde Arten vertreiben, die nur hier vorkommen, weil sie offene, nährstoffarme Lebensräume bevorzugen. Ohne Pflegemassnahmen würden die Magerwiesen längerfristig zuwachsen. Diese Gefahr geht auch von zwei invasiven Pflanzen aus, die sich vor allem an offenen 56

4 57 Magerwiese am Rheindamm Richtung Ellhorn.

5 Nordöstlicher Teil der Rheinau. 58

6 Standorten sehr wohl fühlen. Sie wurden vor rund hundert Jahren als Gartenpflanzen und zur «Bereicherung der Flora» eingeführt: die Goldrute und der Sommerflieder. Beide ziehen während ihrer Blüte Insekten in Massen an. Die Kehrseite ist die beinahe ungehemmte Ausbreitung dieser zwei Arten. Wenn keine entsprechenden Eingriffe erfolgen, verdrängen sie an trockenen und nährstoffarmen Standorten wie beispielsweise am Rheindamm andere Pflanzenarten. Von ihnen profitieren nur ein paar wenige, aber in grosser Anzahl vorkommende Insektenarten. Im Gegensatz dazu sind die seltenen Arten oft sehr spezialisiert und deshalb von bestimmten Pflanzen abhängig. Eine mannigfaltige Flora zieht entsprechend viele unterschiedliche Insekten an. Der Rheindamm in Balzers oberhalb der Rheinbrücke ist botanisch eines der wertvollsten Gebiete unseres Landes. In einer intakten Magerwiese sieht man auf den ersten Blick eine Vielfalt an Blütenpflanzen und Schmetterlingen. Man hört das Zirpen der Grillen und Heuschrecken. Bei genauerem Hinschauen kann man mit etwas Glück zwischen den hohen Grashalmen einen sehr seltenen Jäger entdecken: die Dornfingerspinne. In Mitteleuropa gibt es rund zehn verschiedene Arten von Dornfingerspinnen, die mit blossem Auge nur schwer zu unterscheiden sind. Einen ihrer seltensten Vertreter, Cheiracanthium campestre, finden wir am Rheindamm in Balzers. Der Name Dornfinger klingt bedrohlich, hat aber nichts damit zu tun, dass sich ein Biss in den Finger wie ein Dorn anfühlt. Er bezieht sich auf Strukturen auf dem Kopulationsorgan der Männchen und ist eine direkte Übersetzung des Gattungsnamens Cheiracanthium. Nichtsdestotrotz ist ein Biss der Dornfingerspinnen sehr schmerzhaft und kann mehrere Stunden spürbar sein. In Mitteleuropa gibt es lediglich zwei Spinnenarten, welche die menschliche Haut durchdringen können: die Wasserspinne und der Ammen-Dornfinger. Langfristige Folgen der Bisse sind bisher nicht bekannt. Wegen ihrer eher unscheinbaren Lebensweise sind Bisse von Dornfingerspinnen äusserst selten und kommen fast nur vor, wenn Weibchen ihre Kokons verteidigen. Dornfingerspinnen benötigen trockene bis leicht feuchte Gebiete mit hohem Gras. Ihre Verbreitung beschränkt sich vor allem auf Mager- oder Trockenwiesen, die wenig genutzt werden. In Liechtenstein bietet ihnen insbesondere der Rheindamm geeignete Lebensräume. Auenwälder Liechtenstein war einst grossflächig mit Auenwäldern bewachsen. Mit der Absenkung des Grundwasserspiegels sind diese grösstenteils vertrocknet beziehungsweise infolge der Nutzung und Bebauung durch die Menschen verschwunden. Eines der letzten Überbleibsel finden wir in der Balzner Rheinau. Die aktuellen Feuchtigkeitsverhältnisse haben nicht mehr viel mit dem ursprünglichen Auencharakter zu tun. Der Waldabschnitt ist aber weiterhin ein sehr artenreicher Lebensraum und geniesst deshalb einen besonderen Schutz als Sonderwaldfläche. Die meisten feuchtigkeitsliebenden Arten sind bereits aus der Rheinau verschwunden. In der Laub- und Nadelstreu entdecken wir dafür andere Arten, die auch in weniger feuchten Gebieten leben können. Zu den sehr speziellen Bewohnern der Balzner Rheinau gehört eine kleine Zwergspinne namens Entelecara acuminata. Zwergspinnen sind die artenreichste Spinnengruppe in unseren Breitengraden. Über die Lebens- Weibliche Dornfingerspinne (Cheiracanthium punctorium). 59

7 weise von Entelecara acuminata ist wenig bekannt, da sie sich vorwiegend in der Streu oder in Zwischenräumen unter Steinen aufhält, wo es konstant feucht ist. Sie wird lediglich 2 mm gross und unterscheidet sich mit blossem Auge kaum von ihren rund 400 mitteleuropäischen Verwandten. Schaut man allerdings etwas genauer hin, erkennt man den sogenannten Kopffortsatz der Männchen, der typisch für diese Art ist. An diesem halten sich die Weibchen bei der Paarung fest. Zwergspinnen leben vorwiegend am Boden im Gras oder zwischen Nadel- und Laubstreu und ernähren sich von allerlei kleinen Insekten, die sich ebenfalls dort aufhalten. Durch das Zusammenspiel von offenen Magerwiesen, einzelnen Bäumen und Windschutzstreifen entsteht ein insgesamt sehr abwechslungsreicher Lebensraum, was einen äusserst positiven Effekt auf die Artenvielfalt hat. Ein typischer Vertreter dieser reich strukturierten Magerwiesen ist, wenn auch erst in jüngster Zeit, die Wespen- oder Zebraspinne (Argiope bruennichi). Wespenspinnen kommen vor allem im Mittelmeerraum vor, wurden aber seit über hundert Jahren vereinzelt auch nördlich der Alpen festgestellt. In den letzten Jahrzehnten nahm ihre Zahl, begünstigt durch die Klimaerwärmung, immer stärker zu. Man erkennt die etwa 1,5 cm grossen Weibchen gut am weiss-gelb-schwarz gestreiften Hinterleib. Sie spannen während der Sommermonate in trockenen bis mässig feuchten Wiesen Netze zwischen den Grashalmen. Diese sind im Gras zwar sehr gut getarnt, jedoch dank der weissen Flecken bei genauerem Hinsehen durchaus auffindbar. Die Männchen sind dreimal kleiner als die Weibchen und werden nach der Paarung meistens von der Angebeteten verzehrt. Etwa einen Monat später, Ende August / Anfang September, stellt sie einen ballonförmigen Kokon her, in den sie bis zu 200 Eier legt. Die Jungen überwintern in diesem isolierten Kokon und schlüpfen erst im Frühjahr. Oben: Männliche Zwergspinne (Entelecara acuminata) mit Kopffortsatz. Rechts: Weibliche Wespenspinne (Argiope bruennichi). Die meisten Zwergspinnen können sich auch «fliegend» fortbewegen; sie beherrschen das sogenannte «ballooning». Dafür suchen sie sich eine etwas erhöhte Stelle in der Vegetation aus und strecken ihr Hinterteil, an welchem sich die Spinndrüsen befinden, in die Luft. Nun produzieren sie einen sogenannten Flugfaden, der durch den Wind immer länger wird, bis dieser sie schliesslich davonträgt. Magerwiesen Auf den «Lang Wesa» in Balzers erstrecken sich ausgedehnte Magerwiesen mit viel Sonneneinstrahlung. In Liechtenstein waren solche Lebensräume einst weit verbreitet, aufgrund der Ausdehnung der Siedlungsfläche sind sie aber immer kleiner geworden. 60

8 61 Magerwiesen Richtung «Wesa» und «Zepfel».

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