Dirk Holtbrügge/Martin K. Welge Internationales Management Theorien, Funktionen, Fallstudien 5. Auflage
Dirk Holtbrügge/Martin K. Welge Internationales Management Theorien, Funktionen, Fallstudien 5., überarbeitete Auflage 2010 Schäffer-Poeschel Verlag Stuttgart
Autoren: Prof. Dr. Dirk Holtbrügge, Lehrstuhl für internationales Management, Universität Erlangen-Nürnberg Prof. Dr. Martin K. Welge, Lehrstuhl für Unternehmensführung, Universität Dortmund Dozenten finden PDF-Dateien der Abbildungen für dieses Lehrbuch unter www.sp-dozenten.de/2883 (Registrierung erforderlich). Bibliografische Information Der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über <http://dnb.d-nb.de> abrufbar. E-Book ISBN 978-3-7992-6853-0 Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Ver wertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zu stimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. 2013 Schäffer-Poeschel Verlag für Wirtschaft Steuern Recht GmbH www.schaeffer-poeschel.de info@schaeffer-poeschel.de Einbandgestaltung: Melanie Frasch Layout: Ingrid Gnoth GD 90, 79256 Buchenbach Satz: Claudia Wild, Konstanz September 2013 Schäffer-Poeschel Verlag Stuttgart Ein Tochterunternehmen der Verlagsgruppe Handelsblatt
Vorwort zur 5. Auflage Von dem Phänomen der Internationalisierung sind Unternehmungen fast aller Länder, Branchen und Größenklassen betroffen. Beinahe täglich wird über Unternehmungen berichtet, die Teile ihrer Produktion in Länder mit niedrigeren Arbeitskosten auslagern, strategische Allianzen mit ausländischen Partnern eingehen oder den Vertrieb ihrer Produkte auf Länder mit höheren Wachstumspotenzialen ausdehnen. Die Probleme und Gestaltungsmöglichkeiten international operierender Unternehmungen sind jedoch sehr unterschiedlich. Während sich viele kleine und mittelständische Unternehmungen am Beginn ihres Internationalisierungsprozesses befinden, gehen Großunternehmungen zunehmend zu einer weltweiten Integration ihrer inund ausländischen Engagements über. In dem vorliegenden Buch werden diese unterschiedlichen Probleme und Anforderungen durch eine differenzierte Perspektive berücksichtigt. Im Mittelpunkt des ersten Teils der insgesamt acht Kapitel stehen jeweils Probleme, mit denen Unternehmungen konfrontiert sind, die sich zum ersten Mal auf einem ausländischen Markt betätigen bzw. erst einen geringen Internationalisierungsgrad aufweisen. Hierzu zählen z. B. die Wahl der Internationalisierungsform, die Gestaltung der Mutter-Tochter-Beziehungen oder die Erfolgsbewertung ausländischer Engagements (atomistische Perspektive). Der jeweils zweite Teil ist dagegen dem Management Multinationaler Unternehmungen vorbehalten. Im Vordergrund stehen dabei z. B. Konzepte des länderübergreifenden organisatorischen Lernens, der Personalentwicklung oder der Netzwerkorganisation weltweit integrierter Unternehmungseinheiten (holistische Perspektive). An die theoretisch-konzeptionellen Teile schließen sich neun Fallstudien der Unternehmungen ABB, BASF, Bayer, Bosch, Lufthansa/Star Alliance, Novartis, Sanofi- Aventis, Siemens und ThyssenKrupp an. Diese sind speziell auf die Konzeption des Buches abgestimmt und erlauben es, die Theorien, Methoden und Instrumente des Internationalen Management anhand authentischer Praxisbeispiele anzuwenden. Für die fünfte Auflage wurde die bewährte Konzeption beibehalten, alle Kapitel wurden jedoch aktualisiert und um neue Entwicklungen teilweise erheblich erweitert. Insbesondere wurden die Ursachen und Auswirkungen der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise berücksichtigt. Darüber hinaus wurden die Ergebnisse neuerer empirischer Untersuchungen aufgegriffen und mehr als 200 neue Literaturquellen eingearbeitet. Die diesem Buch zugrunde liegende Konzeption wurde von den Verfassern über mehrere Jahre in Lehrveranstaltungen an der Technischen Universität Dortmund und der Universität Erlangen-Nürnberg sowie in Seminaren mit Praktikern entwickelt, erprobt und kontinuierlich erweitert. Unseren Studierenden und Seminarteilnehmern gebührt daher Dank für vielfältige Anregungen, Verbesserungsvorschläge und Hinweise auf Unverständlichkeiten. Danken möchten wir auch unseren Kolleginnen und Kollegen in der Kommission»Internationales Management«im Verband der Hochschullehrer für Betriebswirtschaft e. V., der Academy of International Business und der European International Business Academy für ihre kritischen und ermuti-
VI Vorwort zur 5. Auflage genden Kommentare zu früheren Auflagen des Buches sowie zu verschiedenen Vorträgen und Aufsätzen, die in einzelne Kapitel eingeflossen sind. Unser Dank gilt weiterhin unseren derzeitigen und ehemaligen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Prof. Dr. Nicola Berg, Dr. Marc Eulerich, Dr. Markus Kittler, Dipl.-Kff. Christina Pawlitzki, Dr. David Rygl und Dr. Birgit Wessely, die uns bei der Erstellung und Aktualisierung der Fallstudien unterstützt haben. Prof. Dr. Nicola Berg hat uns während des gesamten Erstellungsprozesses als Diskussionspartnerin zur Verfügung gestanden und zudem eine erste Fassung des achten Kapitels verfasst. Schließlich danken wir unseren studentischen Hilfskräften sowie unseren Sekretärinnen Christina Vogel und Marion Wehner, die das Manuskript Korrektur gelesen, die Literaturangaben überprüft und das Stichwortverzeichnis erstellt haben. Anregungen und Kritik von Leserinnen und Lesern sind jederzeit willkommen. Univ.-Prof. Dr. Dirk Holtbrügge Univ.-Prof. Dr. Martin K. Welge
Inhaltsverzeichnis Vorwort zur 5. Auflage............................................ Abkürzungsverzeichnis........................................... V XVI 1 Internationalisierung der Wirtschaft als Aktionsrahmen und Problemfeld....................................... 1 1.1 Entwicklungstendenzen in der Weltwirtschaft................ 1 1.1.1 Historische Entwicklung länderübergreifender Wirtschaftsaktivitäten................................... 1 1.1.2 Regionale Integrationsprozesse............................ 10 1.1.2.1 Europäische Union...................................... 10 1.1.2.2 Mittel- und Osteuropa................................... 11 1.1.2.3 Nordamerika........................................... 13 1.1.2.4 Mittel- und Südamerika.................................. 14 1.1.2.5 Asiatisch-pazifischer Wirtschaftsraum...................... 15 1.1.2.6 Golfstaaten............................................ 18 1.1.2.7 Afrika................................................ 20 1.1.3 Stellung Deutschlands in der Weltwirtschaft.................. 21 1.2 Globalisierung der Wirtschaft............................. 26 1.2.1 Dimensionen der Globalisierung........................... 26 1.2.2 Implikationen der Globalisierung für die internationale Unternehmungstätigkeit................................. 30 1.3 Weiterführende Literatur................................. 34 2 Begriffliche und konzeptionelle Grundlagen des Internationalen Management........................ 35 2.1 Schwerpunkt der Erforschung internationaler Unternehmungstätigkeit................................. 35 2.1.1 Interkulturelle Managementforschung...................... 36 2.1.2 Internationale Managementforschung...................... 38 2.1.2.1 Atomistische Perspektive: Auslandsmanagement.............. 40 2.1.2.2 Holistische Perspektive: Management Multinationaler Unternehmungen....................................... 40 2.2 Bezugsrahmen des Internationalen Management.............. 48 2.3 Weiterführende Literatur................................. 49 3 Theorien der internationalen Unter nehmungstätigkeit...... 51 3.1 Internationalisierungstheorien............................ 51 3.1.1 Außenhandelstheorien.................................. 51 3.1.1.1 Theorie der absoluten Kostenvorteile von Smith............... 51 3.1.1.2 Theorem der komparativen Kostenvorteile von Ricardo......... 51 3.1.1.3 Faktorproportionen-Theorem von Heckscher und Ohlin......... 52 3.1.1.4 Neo-Faktorproportionen-Theorem von Leontief............... 52 3.1.1.5 Kritische Gesamtbeurteilung.............................. 53
VIII Inhaltsverzeichnis 3.1.2 Theorien der internationalen Direktinvestition................ 54 3.1.2.1 Produktlebenszyklustheorie von Vernon..................... 55 3.1.2.2 Ressourcentransferorientierter Bezugsrahmen des Internationalen Management von Fayerweather (binationale Dimension)................................. 59 3.1.2.3 Verhaltensorientierte Theorie der Internationalisierung von Aharoni........................................... 60 3.1.2.4 Lerntheorie der Internationalisierung von Johanson/Vahlne.... 62 3.1.2.5 Diamant-Ansatz der Internationalisierung von Porter.......... 66 3.1.2.6 Standorttheorie der Internationalisierung................... 68 3.1.2.7 Monopolistische Vorteilstheorie von Hymer und Kindleberger.... 69 3.1.2.8 Internalisierungstheorie von Buckley/Casson................ 71 3.1.2.9 Eklektische Theorie der internationalen Produktion von Dunning. 75 3.1.2.10 Kritische Gesamtbeurteilung.............................. 77 3.2 Theorien der Multinationalen Unternehmung................. 78 3.2.1 Ressourcentransferorientierter Bezugsrahmen des Inter nationalen Management von Fayerweather (multinationale Dimension)............................... 78 3.2.2 Theorie des globalen Wettbewerbs von Porter................. 80 3.2.3 Ressourcenorientierte Theorie der Multinationalen Unternehmung......................................... 84 3.2.4 Theorie der operationalen Flexibilität von Kogut.............. 87 3.2.5 Postmoderne Theorie des Internationalen Management......... 88 3.2.6 Kritische Gesamtbeurteilung.............................. 90 3.3 Weiterführende Literatur................................. 91 4 Strategisches Management in international tätigen Unternehmungen...................................... 93 4.1 Internationalisierungsstrategien........................... 93 4.1.1 Markt- bzw. Standortwahl................................ 93 4.1.1.1 Informationsquellen.................................... 93 4.1.1.2 Auswahlverfahren...................................... 96 4.1.1.2.1 Checklistenverfahren.................................... 96 4.1.1.2.2 Punktbewertungsverfahren............................... 96 4.1.1.2.3 Sequenzielle Bewertungsverfahren......................... 99 4.1.1.2.4 Portfolio-Analyse....................................... 100 4.1.1.2.5 Kritische Gesamtbeurteilung.............................. 102 4.1.2 Wahl der Markteintrittsform............................... 103 4.1.2.1 Wertschöpfungsform.................................... 104 4.1.2.1.1 Portfolio-Ressourcentransfer.............................. 104 4.1.2.1.2 Export................................................ 107 4.1.2.1.3 Auslandsniederlassung.................................. 109 4.1.2.1.4 Kritische Gesamtbeurteilung.............................. 110 4.1.2.2 Eigentumsform......................................... 111 4.1.2.2.1 Markttransaktion....................................... 112 4.1.2.2.2 Unternehmungskooperation.............................. 112
Inhaltsverzeichnis IX 4.1.2.2.3 100 %ige Tochtergesellschaft.............................. 122 4.1.2.2.4 Kritische Gesamtbeurteilung.............................. 123 4.1.2.3 Ansiedlungsform....................................... 126 4.1.2.3.1 Unternehmungsneugründung............................. 126 4.1.2.3.2 Unternehmungskauf bzw. Beteiligungserwerb................ 126 4.1.2.3.3 Kritische Gesamtbeurteilung.............................. 127 4.1.3 Wahl des Markteintrittszeitpunktes......................... 129 4.1.3.1 Pionierstrategie........................................ 129 4.1.3.2 Folgerstrategie......................................... 130 4.1.3.3 Kritische Gesamtbeurteilung.............................. 130 4.2 Strategisches Management in Multinationalen Unternehmungen 132 4.2.1 Idealtypische Strategiealternativen Multinationaler Unternehmungen....................................... 132 4.2.1.1 Internationale Strategie.................................. 132 4.2.1.2 Multinationale Strategie................................. 133 4.2.1.3 Globale Strategie....................................... 133 4.2.1.4 Transnationale Strategie................................. 134 4.2.2 Merkmale transnationaler Strategien........................ 134 4.2.2.1 Gleichzeitige Ausnutzung von nationalen Unterschieden, Skalen effekten und Verbundvorteilen....................... 134 4.2.2.2 Individuelle Prüfung von Integrations- und Differenzierungsvorteilen.............................................. 137 4.2.2.3 Grenzüberschreitende Konfiguration der Wertaktivitäten....... 140 4.2.2.3.1 Forschung & Entwicklung................................ 142 4.2.2.3.2 Beschaffung........................................... 144 4.2.2.3.3 Produktion............................................ 145 4.2.2.3.4 Vertrieb............................................... 146 4.2.2.3.5 Gesamtbetrachtung..................................... 147 4.2.2.4 Übernahme strategischer Mandate......................... 148 4.2.2.5 Sprinklerstrategie des Markteintritts........................ 151 4.2.3 Kritische Gesamtbeurteilung.............................. 153 4.3 Weiterführende Literatur................................. 154 4.4 Fallstudie: Management internationaler Unternehmungskooperationen am Beispiel der Star Alliance.................. 155 4.4.1 Unternehmungsporträt der Deutschen Lufthansa AG........... 155 4.4.2 Codesharing der erste Schritt zur Allianzbildung............. 158 4.4.3 Die Star Alliance Ziele, Mitglieder und Struktur.............. 159 4.4.4 Angestrebte und realisierte Vorteile der Zusammenarbeit........ 162 4.4.5 Wettbewerb der Netze.................................... 164 4.4.6 Fazit und Ausblick...................................... 166 4.5 Fallstudie: Akkulturation in länder übergreifenden Unternehmungskooperationen Das Beispiel Sanofi-Aventis.... 171 4.5.1 Aventis Kreierung einer»life Sciences«-Unternehmung....... 172 4.5.1.1 Unternehmungsprofile der beiden Kooperationspartner......... 172 4.5.1.1.1 Hoechst AG............................................ 172 4.5.1.1.2 Rhône-Poulenc S. A...................................... 175
X Inhaltsverzeichnis 4.5.1.2 Die Fusion von Hoechst und Rhône-Poulenc zu Aventis......... 177 4.5.1.3 Phasen der Post-Merger Integration........................ 179 4.5.1.3.1 Phase I............................................... 179 4.5.1.3.2 Phase II............................................... 181 4.5.1.4 Zwischenbilanz......................................... 182 4.5.2 Sanofi-Aventis Vom hostile zum friendly take-over........... 184 4.5.2.1 Unternehmungsprofil von Sanofi-Synthélabo................. 184 4.5.2.2 Phasen des Akquisitionsprozesses.......................... 185 4.5.2.3 Phasen der Post-Merger Integration........................ 187 4.5.2.4 Merkmale der Unternehmungskultur von Sanofi-Aventis........ 189 4.5.3 Fazit und Ausblick...................................... 191 4.6 Fallstudie: Länderübergreifende Konfiguration der Forschung & Entwicklung bei Novartis................... 197 4.6.1 Organisation von Kreativität.............................. 197 4.6.2 Das Branchenumfeld der pharmazeutischen Industrie.......... 197 4.6.2.1 Die Entwicklung des weltweiten Pharmamarkts................ 197 4.6.2.2 Die pharmazeutischen Produkte........................... 199 4.6.2.3 Die internationale Wettbewerbssituation..................... 200 4.6.3 Unternehmungsportrait der Novartis AG..................... 202 4.6.4 Forschung & Entwicklung in der pharmazeutischen Industrie.... 203 4.6.5 Forschung & Entwicklung bei Ciba-Geigy..................... 207 4.6.6 Forschung & Entwicklung bei Sandoz....................... 210 4.6.7 Forschung & Entwicklung bei Novartis...................... 213 4.6.7.1 1997 2002: Die Zeit der Integration........................ 213 4.6.7.2 2003?: Die Zeit der Konsolidierung........................ 214 4.6.7.2.1 Novartis Institute for BioMedical Research................... 214 4.6.7.2.2 Novartis Corporate Research Institutes...................... 216 4.6.8 Ausblick.............................................. 219 5 Organisation international tätiger Unternehmungen....... 227 5.1 Organisatorische Gestaltung der Mutter-Tochter-Beziehungen.... 227 5.1.1 Strukturelle Koordinations- und Steuerungsinstrumente........ 227 5.1.1.1 Unspezifische Strukturen................................. 229 5.1.1.2 Differenzierte Strukturen................................. 230 5.1.1.3 Integrierte Strukturen................................... 232 5.1.1.3.1 Integrierte Funktionalstruktur............................ 232 5.1.1.3.2 Integrierte Produktstruktur............................... 234 5.1.1.3.3 Integrierte Regionalstruktur.............................. 235 5.1.1.3.4 Mehrdimensionale Strukturen............................. 236 5.1.1.4 Kritische Gesamtbeurteilung.............................. 238 5.1.2 Prozessuale Koordinations- und Steuerungsinstrumente........ 241 5.1.2.1 Technokratische Instrumente............................. 242 5.1.2.1.1 Planung.............................................. 242 5.1.2.1.2 Formalisierung......................................... 243 5.1.2.2 Marktliche Instrumente.................................. 244 5.1.2.3 Personenorientierte Instrumente.......................... 245
Inhaltsverzeichnis XI 5.1.2.3.1 Persönliche Weisung.................................... 245 5.1.2.3.2 Selbstabstimmung...................................... 246 5.1.2.3.3 Sozialisation........................................... 246 5.1.2.4 Kritische Gesamtbeurteilung.............................. 247 5.2 Organisation in Multinationalen Unter nehmungen............. 248 5.2.1 Idealtypische Organisationsmodelle........................ 249 5.2.1.1 Koordinierte Föderation.................................. 249 5.2.1.2 Dezentralisierte Föderation............................... 250 5.2.1.3 Zentralisierte Knotenpunktstruktur........................ 251 5.2.1.4 Integriertes Netzwerk................................... 252 5.2.2 Merkmale............................................. 253 5.2.2.1 Ausgeprägte organisatorische Interdependenzen.............. 253 5.2.2.2 Dezentralisierung der strategischen Entscheidungskompetenzen 255 5.2.2.3 Länderübergreifendes Wissensmanagement.................. 257 5.2.2.4 Dominanz personeller Koordinationsinstrumente.............. 261 5.2.2.5 Individualisierung organisatorischer Rollen.................. 262 5.2.2.6 Synergetische Organisationskultur......................... 265 5.2.3 Kritische Gesamtbeurteilung.............................. 269 5.3 Weiterführende Literatur................................. 270 5.4 Fallstudie: Fit for the Future? Die strukturelle Entwicklung der BASF AG vor dem Hintergrund von Expansion und Internationalisierung.................... 271 5.4.1 BASF Ein Chemiekonzern macht sich»fit for the Future«...... 271 5.4.2 Kurzporträt der Unternehmung............................ 272 5.4.3 Historische Entwicklung der Unternehmung.................. 274 5.4.3.1 Expansion aus Tradition.................................. 274 5.4.3.2 Internationalisierung als Satzungsgegenstand................ 275 5.4.3.3»Die BASF«von der AG zur Gruppe........................ 275 5.4.4 Die Organisation der BASF im Wandel der Zeit................. 277 5.4.4.1 Erste Versuche einer Organisationsreform.................... 277 5.4.4.2 Die Einführung der Matrixstruktur......................... 279 5.4.4.3 Fit for the Future?...................................... 280 5.4.5 Ausblick.............................................. 287 5.5 Fallstudie: Internationale Organisationsentwicklung bei ABB Beständig ist nur der Wandel.............................. 291 5.5.1 Fusion von ASEA und BBC zu ABB.......................... 292 5.5.2 Entwicklung der Organisationsstruktur...................... 294 5.5.2.1 Einführung der Matrixstruktur (1988 1993).................. 294 5.5.2.2 Modifikation der Matrixstruktur (1993)..................... 296 5.5.2.3 Umwandlung der Matrixstruktur in eine Spartenorganisation (1998 2001)........................................... 298 5.5.2.4 Organisatorische Neuausrichtung auf die Kunden (2001 2002)... 299 5.5.2.5 Verschlankung der Geschäftsbereiche (2002 2005)............ 301 5.5.2.6 Rückkehr auf den Wachstums- und Akquisitionspfad (2005 2009) 303 5.5.3 Fazit und Ausblick...................................... 304
XII Inhaltsverzeichnis 6 Personalmanagement in international tätigen Unternehmungen...................................... 309 6.1 Personalmanagement in ausländischen Tochtergesellschaften.... 309 6.1.1 Motivation, Führung und Entwicklung von Gastland mitarbeitern 309 6.1.1.1 Personalmotivation..................................... 309 6.1.1.2 Personalführung........................................ 314 6.1.1.3 Personalentwicklung.................................... 317 6.1.2 Entsendung von Stammhausdelegierten..................... 321 6.1.2.1 Bedeutung und Ziele.................................... 321 6.1.2.2 Entsendungsprozess..................................... 323 6.1.2.2.1 Auswahl.............................................. 324 6.1.2.2.2 Vorbereitung........................................... 327 6.1.2.2.3 Einsatz............................................... 331 6.1.2.2.4 Reintegration.......................................... 342 6.1.2.3 Erfolgsfaktoren......................................... 346 6.2 Personalmanagement in Multinationalen Unternehmungen...... 347 6.2.1 Idealtypische Gestaltungsalternativen...................... 347 6.2.1.1 Internationales Personalmanagement....................... 347 6.2.1.2 Multinationales Personalmanagement....................... 349 6.2.1.3 Globales Personalmanagement............................. 349 6.2.1.4 Transnationales Personalmanagement....................... 350 6.2.2 Merkmale des transnationalen Personalmanagement........... 350 6.2.2.1 Länderübergreifende Personalentwicklung................... 350 6.2.2.2 Länderübergreifendes Führungskräftemanagement............ 353 6.2.2.3 Einrichtung internationaler Entscheidungsgremien............ 356 6.2.2.4 Gesamtunternehmungsorientierte Entgeltpolitik.............. 358 6.2.3 Kritische Gesamtbeurteilung.............................. 360 6.3 Weiterführende Literatur................................. 362 6.4 Fallstudie: Internationaler Personaleinsatz bei Bosch............................................. 363 6.4.1 Unternehmungsportrait der Robert Bosch GmbH.............. 363 6.4.2 Grundsätze der Personalentwicklung........................ 366 6.4.3 Entsendung von Mitarbeitern ins Ausland.................... 368 6.4.3.1 Ziele und Auswahl...................................... 368 6.4.3.2 Vorbereitung........................................... 369 6.4.3.3 Betreuung während des Auslandseinsatzes................... 372 6.4.3.4 Wiedereingliederung.................................... 372 6.5 Fallstudie: Länderübergreifende Personal entwicklung bei Siemens 374 6.5.1 Siemens AG Entwicklung und Struktur einer weltweit tätigen Unternehmung................................... 374 6.5.2 Die Bedeutung der Weiterbildung im Rahmen der Unternehmungsphilosophie........................... 375 6.5.3 Praxis der länderübergreifenden Personalentwicklung: Das Siemens Management Learning Program.................. 376 6.5.3.1 Überblick............................................. 376
Inhaltsverzeichnis XIII 6.5.3.2 Aufbau und Inhalt der einzelnen Programme................. 379 6.5.3.2.1 Siemens Introduction Program (S5)......................... 379 6.5.3.2.2 Siemens Management Development Program (S4).............. 379 6.5.3.2.3 Siemens Advanced Management Program (S3)................ 380 6.5.3.2.4 Siemens Leadership Program (S2).......................... 380 6.5.3.2.5 Siemens Executive Program (S1)........................... 381 6.5.4 Siemens Management Institute Peking...................... 381 6.5.5 Bewertung und Ausblick................................. 382 7 Internationalisierung der Wirtschaft als Aktionsrahmen und Problemfeld...................... 387 7.1 Controlling ausländischer Tochtergesellschaften.............. 387 7.1.1 Ziele und Aufgaben des Internationalen Controlling............ 387 7.1.2 Internationales Controlling und internationale Rechnungslegung 389 7.1.3 Kennzahlen und Kennzahlensysteme....................... 391 7.1.4 Währungsumrechnungsverfahren.......................... 395 7.1.4.1 Währungsumrechnungsverfahren im Rahmen von Zeitund Betriebsvergleichen................................. 395 7.1.4.1.1 Fristigkeitsverfahren.................................... 396 7.1.4.1.2 Nominal-Sachwert-Verfahren.............................. 397 7.1.4.1.3 Zeitbezugsverfahren.................................... 397 7.1.4.1.4 Stichtagskursverfahren.................................. 398 7.1.4.1.5 Funktionales Umrechnungsverfahren....................... 398 7.1.4.2 Währungsumrechnungsverfahren im Rahmen von Soll-Ist-Vergleichen.................................. 399 7.1.4.3 Verfahren zum Ausgleich von Umrechnungsdifferenzen......... 402 7.1.5 Verfahren zur Neutralisierung von Inflationswirkungen......... 403 7.1.6 Transferpreisgestaltung.................................. 405 7.2 Controlling in Multinationalen Unter nehmungen.............. 409 7.2.1 Idealtypische Gestaltungsalternativen...................... 410 7.2.1.1 Internationales Controlling............................... 410 7.2.1.2 Multinationales Controlling............................... 410 7.2.1.3 Globales Controlling..................................... 410 7.2.1.4 Transnationales Controlling............................... 411 7.2.2 Merkmale des transnationalen Controlling................... 412 7.2.2.1 Individualisierung von Erfolgsbeurteilungskriterien........... 412 7.2.2.2 Weltweites Risikomanagement............................. 415 7.2.2.3 Länderübergreifendes Informationssystem................... 419 7.2.3 Kritische Gesamtbeurteilung.............................. 426 7.3 Weiterführende Literatur................................. 427 7.4 Fallstudie: Controlling internationaler Aktivitäten bei ThyssenKrupp Elevator...................... 427 7.4.1 Historische Entwicklung der ThyssenKrupp AG................ 427 7.4.2 ThyssenKrupp Elevator Geschäftsfelder und Geschäftsentwicklung........................................... 429 7.4.3 Unternehmungsstrategie................................. 432
XIV Inhaltsverzeichnis 7.4.3.1 Technologieführerschaft................................. 432 7.4.3.2 Externe Wachstumsstrategie.............................. 434 7.4.4 Controlling der internationalen Unternehmungsaktivitäten...... 435 7.4.4.1 Kennzahlensystem...................................... 435 7.4.4.2 Planungsprozess........................................ 436 7.4.4.3 Berichtsystem......................................... 437 7.4.5 Controlling-Organisation................................. 437 7.4.6 Berücksichtigung der besonderen Einflüsse internationaler Geschäftstätigkeit...................................... 439 8 Public Affairs-Management in international tätigen Unternehmungen...................................... 443 8.1 Public Affairs-Management in ausländischen Tochtergesellschaften................................... 445 8.1.1 Charakteristika, Ziele und Einflussmöglichkeiten von Interessengruppen im Gastland........................ 445 8.1.1.1 Staatliche Interessengruppen............................. 446 8.1.1.1.1 Gastlandregierung...................................... 446 8.1.1.1.2 Regionale und lokale Administration....................... 450 8.1.1.2 Nicht-staatliche Interessengruppen........................ 451 8.1.1.2.1 Gewerkschaften........................................ 451 8.1.1.2.2 Verbände.............................................. 453 8.1.1.2.3 Medien............................................... 454 8.1.1.2.4 Nichtregierungsorganisationen............................ 454 8.1.1.2.5 Religionsgemeinschaften................................. 455 8.1.2 Instrumente des Public Affairs-Management in aus l än dischen Tochtergesellschaften..................... 456 8.1.2.1 Analyseinstrumente..................................... 456 8.1.2.1.1 Stakeholder-Analyse.................................... 456 8.1.2.1.2 Issue-Analyse.......................................... 459 8.1.2.2 Gestaltungsinstrumente.................................. 462 8.1.2.2.1 Verhaltensgrundsätze................................... 462 8.1.2.2.2 Freiwillige Selbstverpflichtung............................ 464 8.1.2.2.3 Öffentlichkeitsarbeit.................................... 465 8.1.2.2.4 Sponsoring............................................ 467 8.1.2.2.5 Lobbying.............................................. 467 8.1.2.2.6 Bestechung........................................... 468 8.1.2.2.7 Konsultation........................................... 471 8.1.2.2.8 Partizipation.......................................... 471 8.1.2.2.9 Rechtsmittel........................................... 471 8.1.3 Kritische Gesamtbeurteilung.............................. 472 8.2 Public Affairs-Management in Multinationalen Unternehmungen.. 473 8.2.1 Charakteristika, Ziele und Einflussmöglichkeiten von supranationalen und internationalen Interessengruppen.... 473 8.2.1.1 Supranationale Interessengruppen......................... 474 8.2.1.1.1 Vereinte Nationen....................................... 474
Inhaltsverzeichnis XV 8.2.1.1.2 Welthandelsorganisation................................. 478 8.2.1.1.3 Organisation for Economic Co-operation and Development....... 479 8.2.1.1.4 G8................................................... 479 8.2.1.1.5 Regionale Wirtschaftsorganisationen....................... 480 8.2.1.2 Internationale Interessengruppen.......................... 480 8.2.1.2.1 Internationale Gewerkschaftsverbände...................... 480 8.2.1.2.2 Internationale Nichtregierungsorganisationen................ 482 8.2.2 Instrumente des Public Affairs-Management in Multi nationalen Unternehmungen....................................... 484 8.2.2.1 Idealtypische Gestaltungsalternativen...................... 484 8.2.2.1.1 Internationales Public Affairs-Management.................. 484 8.2.2.1.2 Multinationales Public Affairs-Management.................. 484 8.2.2.1.3 Globales Public Affairs-Management........................ 485 8.2.2.1.4 Transnationales Public Affairs-Management.................. 485 8.2.2.2 Merkmale des transnationalen Public Affairs-Management....... 486 8.2.2.2.1 Dezentrale Koordination................................. 486 8.2.2.2.2 Differenzierte Unternehmungsethik........................ 488 8.2.3 Kritische Gesamtbeurteilung.............................. 491 8.3 Weiterführende Literatur................................. 492 8.4 Fallstudie: Umgang mit sozio-politischen Interessengruppen: Die weltweite Marktrücknahme des Medikaments Lipobay durch Bayer...................... 493 8.4.1 Unternehmungsporträt der Bayer AG........................ 493 8.4.2 Wirkungsweise des Medikaments Lipobay.................... 495 8.4.3 Zulassung von Lipobay in Europa........................... 496 8.4.4 Berichte über unerwünschte Nebenwirkungen des Präparats..... 498 8.4.5 Die Rücknahme des Medikaments vom Markt................. 501 8.4.6 Reaktionen der zuständigen Gesundheitsbehörden............ 501 8.4.7 Wirtschaftliche Auswirkungen für Bayer..................... 503 8.4.8 Fazit und Ausblick...................................... 505 Literaturverzeichnis............................................. 509 Firmenverzeichnis.............................................. 577 Stichwortverzeichnis............................................ 581
XVI Abkürzungsverzeichnis Abkürzungsverzeichnis ABM AJM AME AMJ AMLE AMR APJM ASQ BFuP BMF BMWi CCM CJWB CMR DBW DGfP DIHK EJIM EMJ HBR HM HRDI HRDR HRM HRP HWB HWFü HWInt HWM HWO HWP HWPlan IBR ICC IJA IJEM IJHRM IJIR ILO ILR IO IMF Asian Business & Management Australian Journal of Management Academy of Management Executive Academy of Management Journal Academy of Management Learning and Education Academy of Management Review Asia Pacific Journal of Management Administrative Science Quarterly Betriebswirtschaftliche Forschung und Praxis Bundesministerium für Finanzen Bundesministerium für Wirtschaft Cross Cultural Management Columbia Journal of World Business California Management Review Die Betriebswirtschaft Deutsche Gesellschaft für Personalführung Deutsche Industrie- und Handelskammer European Journal of In ter na tion al Management European Management Journal Harvard Business Review Harvard Manager Human Resource Development International Human Resource Development Review Human Resource Management Human Resource Planning Handwörterbuch der Betriebswirtschaft Handwörterbuch der Führung Hand wörterbuch Export und Internationale Un ter neh mung Handwörterbuch des Marketing Handwörterbuch Unternehmensführung und Organisation Handwörterbuch des Personalwesens Handwörterbuch der Planung International Business Review International Chamber of Commerce International Journal of Accounting International Journal of Emerging Markets Internatio nal Journal of Hu man Resource Management International Journal of In tercultural Relations International Labour Organization International Labour Review International Or ga ni zation International Monetary Fond
Abkürzungsverzeichnis XVII IMR International Marketing Review ISMO International Studies of Management & Organization JB Journal of Busi ness JBE Journal of Business Ethics JEEMS Journal for East Eu ro pean Man age ment Studies JfB Journal für Betriebswirtschaft JIBS Journal of International Business Studies JIM Journal of International Management JLOS Journal of Leadership and Organizational Studies JM Journal of Management JMS Journal of Management Studies JoIM Journal of International Marketing JWB Journal of World Business LRP Long Range Planning MBR Multinational Business Review MIR Management International Review OD Organizational Dynamics OECD Organisation for Economic Co-operation and Development PER Pacific Economic Review RP Research Policy SMJ Strategic Management Journal SMR Sloan Management Review TC Transnational Corporations TIBR Thunderbird International Business Review UNCTAD United Nations Conference on Trade and Development UNDP United Nations Development Programme WiSt Wirtschaftswissenschaftliches Studium wisu Das Wirtschaftsstudium WTO World Trade Organization ZfB Zeitschrift für Betriebswirtschaft ZfbF Zeitschrift für betriebswirtschaftliche Forschung ZfM Zeitschrift für Management ZfO Zeitschrift für Organisation ZfP Zeitschrift für Personalforschung
1 Internationalisierung der Wirtschaft als Aktionsrahmen und Problemfeld 1.1 Entwicklungstendenzen in der Weltwirtschaft 1.1.1 Historische Entwicklung länderübergreifender Wirtschaftsaktivitäten Länderübergreifende Wirtschaftsaktivitäten gibt es bereits seit dem Altertum. Schon um 4.000 v. Chr. errichteten die sumerischen und babylonischen Stadtkulturen des Alten Orients an verschiedenen Orten Stützpunkte, mit denen sie einen regen Fernhandel betrieben. Um 500 v. Chr. reichte der Handel des hellenischen, phönizischen und etruskischen Reiches von Indus, Südarabien und Ostafrika bis zur Ukraine, dem Donautal und Rheingebiet sowie zur südwesteuropäischen und nordwestafrikanischen Atlantikküste (vgl. Moore/Lewis 1999, S. 27 ff.; 2000, S. 11 ff.). Auch über die Seidenstraße, eine durch Mittelasien führende Karawanenstraße zwischen Syrien und der chinesischen Provinz Kansu, wurden bereits seit vorchristlicher Zeit Seide, Porzellan und Gewürze aus China, Indien, Ceylon und Java nach Westen sowie Agrarprodukte, Glas, Edelmetalle und andere Luxusgüter nach Osten transportiert (vgl. Höllmann 2007). Die größte Bedeutung erlangte die Seidenstraße zur Zeit der beinahe zwanzigjährigen Asienreise des venezianischen Kaufmanns Marco Polo (1254 1324), dessen 1298 verfasstes Reisetagebuch für mehrere Jahrhunderte zum wichtigsten geographischen Handbuch des Fernen Ostens wurde (vgl. Polo 1983). Noch heute finden sich z. B. in den usbekischen Städten Samarkand und Buchara Überreste der in dieser Zeit errichteten Marktplätze und Unterkünfte (vgl. Uhlig 1993). Nach dem Niedergang des Römischen Reiches und der damit einhergehenden Rückbildung des Güteraustausches sind in Europa erst im späten Mittelalter und in der Renaissance wieder Ansätze internationalen Unternehmertums festzustellen. Begünstigt durch die Kolonisation der Ebenen Osteuropas und der Küstengebiete der Ostsee, die Kreuzzüge im Mittelmeerraum sowie ein anhaltendes Bevölkerungswachstum und Produktivitätssteigerungen entwickelte sich unter der Führung der Handels- und Familiengesellschaften oberitalienischer Stadtrepubliken (z. B. Florenz, Genua und Venedig), flämischer Städte (Brügge, Antwerpen und Amsterdam) und süddeutscher Städte (vor allem Augsburg und Nürnberg) ein engmaschiges Netz von Messen und Handelswegen. Markante Beispiele dafür sind die Wirtschaftsimperien der Medici aus Florenz sowie der Fugger und Welser aus Augsburg (vgl. Cleugh 2002; Häberlein/Burkhardt 2002; Häberlein 2006). Die Patrizierfamilie der Tucher aus Nürnberg hat bereits kurz nach der Gründung der Tucherschen Handelsgesellschaft im Jahre 1471 Kontore sowie Färbereien und Tuchwebereien in Lyon, Genf, Venedig und Antwerpen errichtet. Geleitet wurden diese häufig von den Söhnen der Familie nach Abschluss ihrer Lehre im Stammhaus (vgl. Grote 1961). Altertum Seidenstraße Spätmittelalter/ Renaissance
2 1.1 Internationalisierung der Wirtschaft als Aktionsrahmen und Problemfeld Entwicklungstendenzen in der Weltwirtschaft Beispiel Eine besondere Bedeutung erlangte die Deutsche Hanse (Hansa Teutonica), die vielfach als erste europäische Wirtschaftsgemeinschaft bezeichnet wird. Die Hanse ist ein seit Mitte des 12. Jahrhunderts bestehender Bund von nahezu 200 See- und Binnenstädten unter der Führung Lübecks, dem u. a. Hamburg, Bremen, Kiel, Rostock, Dortmund, Danzig, Königsberg, Riga und Reval (Tallin) angehörten. Obwohl die Hanse weder über eigene Finanzen, Beamte und Institutionen, noch über ein eigenes Heer oder eine eigene Kriegsflotte verfügte, gelang es ihr, für mehr als 300 Jahre das Handelsmonopol für den Austausch von westeuropäischen Fertigwaren und Rohstoffen mit land- und forstwirtschaftlichen Produkten aus dem Baltikum und dem Norden Russlands zu erlangen. Ermöglicht wurde dies vor allem durch ein stark ausgeprägtes Gemeinschaftsgefühl, das sich durch sprachliche Gemeinsamkeiten, familiäre Bindungen und gemeinsame ökonomische Interessen entwickelte. Die Hanse kann damit als erstes Beispiel für die Bedeutung der Unternehmungskultur zur Koordination wirtschaftlicher Aktivitäten angesehen werden. Durch die veränderte weltwirtschaftliche Situation nach der Entdeckung Amerikas und des Seewegs nach Indien sowie den Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges verlor die Hanse im späten 17. Jahrhundert weitgehend an Bedeutung. Seit dem Fall des Eisernen Vorhangs sind jedoch wieder verstärkte Bemühungen zu beobachten, die ökonomischen Beziehungen zwischen den früheren Hansestädten neu zu beleben (vgl. Ziegler 1996; Dollinger 1998; Hammel-Kiesow 2000). Kolonisation Multinationale Unternehmungen Im Zuge des aufkommenden Merkantilismus und der im 17. Jahrhundert einsetzenden Kolonisation weiter Teile Indiens und Afrikas durch die Seefahrtnationen England, Niederlande, Frankreich, Spanien und Portugal dehnte sich der grenzüberschreitende Handel weiter aus. Die überseeischen Kolonien dieser Länder wurden häufig nicht von den jeweiligen Regierungen, sondern von privatwirtschaftlich agierenden Handelskompanien wie der im Jahre 1600 gegründeten British East India Company oder der 1602 gegründeten niederländischen Vereenigde Oostindische Compagnie verwaltet. Diese ursprünglich auf kaufmännische Kooperationen zurückgehenden Handelsgesellschaften wurden mit besonderen Privilegien ausgestattet, die ihnen z. B. die Bewaffnung ihrer Handelsschiffe, die Anlage von Forts und befestigten Faktoreien, die Ausübung der Münz- und Gerichtshoheit und die Anwendung militärischer Gewalt gestatteten und damit letztlich die weitgehende Durchsetzung ihrer Interessen zu Lasten der Kolonien erlaubten. Die Handelskompanien verloren an Bedeutung, nachdem die neu entdeckten Gebiete in Besitz oder unter Kontrolle genommen und der größte Teil der außereuropäischen Welt am Ende des 19. Jahrhunderts unter den Großmächten aufgeteilt worden war (vgl. Braudel 1986, S. 544 ff.). So wurde die Vereenigde Oostindische Compagnie 1799 aufgelöst, nachdem Indonesien zu einer niederländischen Kolonie wurde (vgl. Gaastra 2003). Die British East India Company verlor im Jahre 1858 mit der Erklärung Indiens zur Kronkolonie ihre Verwaltungsfunktion an die britische Regierung (vgl. Keay 1991; Lawson 1993). Die ersten Multinationalen Unternehmungen entstanden gegen Ende des 19. Jahrhunderts (vgl. Jones 1993b, S. 2 ff.). Bis dahin waren im internationalen Warenaustausch hauptsächlich Händler und Kaufleute tätig, die die benötigten Güter direkt vom Hersteller oder anderen Zwischenhändlern bezogen. Der aufkommende Liberalismus, die technisch-industrielle Revolution, die Entwicklung des Aktienrechts sowie insbesondere die Erfindung neuer Transport- und Kommunikationsmittel wie der Eisenbahn, des Telefons und des Telegraphen begünstigten dann jedoch die Entwicklung moderner Großunternehmungen. Ein wichtiger Schritt dazu war die Verle-
Entwicklungstendenzen in der Weltwirtschaft 1.1 3 gung des ersten transatlantischen Seekabels im Jahre 1866, das Telefonverbindungen zwischen Europa und den USA ermöglichte (vgl. Wobring 2005). Die Internationalisierung begann zunächst in niederländischen, belgischen und englischen Unternehmungen der Erdölindustrie und im Bergbau, wobei das Motiv der Rohstoffsicherung im Vordergrund stand. Der zunehmende Einsatz von Dampfmaschinen und Fließbändern eröffnete zudem massive Kostensenkungspotenziale durch Massenproduktionsvorteile, die die Ausweitung der Absatz- und Beschaffungsmärkte über die relativ kleinen nationalen Märkte Europas hinaus notwendig machten (vgl. Jones 1996, S. 61 ff.; Foreman-Peck 1998). Durch die Entwicklung des Liberalismus und die frühe Einführung des Goldstandards im Jahre 1823 begünstigt gelang es vor allem englischen Unternehmungen, sich durch weltumspannende Handelsaktivitäten und die Gründung von Tochtergesellschaften in Europa, den USA, China und anderen Staaten eine Vormachtstellung in der Weltwirtschaft zu verschaffen (vgl. Jones 2002). In den achtziger und neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts begannen aber auch viele deutsche Unternehmungen wie z. B. Bayer, Hoechst, BASF, AGFA und Degussa (Chemie), Merck, von Heyden und Schering (Pharmazeutika), Siemens und AEG (Elektrogeräte), AFA (Akkumulatoren) und Metallgesellschaft (Kupfer) damit, ein weit verzweigtes Netz von Niederlassungen im Ausland aufzubauen, um ihre Produkte dort zu vertreiben sowie Kundenund Finanzdienstleistungen anzubieten (vgl. Chandler 1989, S. 493). Amerikanische Unternehmungen begannen überwiegend erst nach dem Ersten Weltkrieg damit, ausländische Tochtergesellschaften in Europa und anderen Regionen der Welt zu errichten (vgl. Wilkins 1976). Die Größe des amerikanischen Marktes erlaubte es ihnen, bereits in ihrem Heimatland beträchtliche Massenproduktionsvorteile zu realisieren. Während deshalb im Jahre 1914 43 % der ausländischen Direktinvestitionen in der Welt auf englische, 20 % auf französische und 13 % auf deutsche Unternehmungen entfielen, machte der Anteil amerikanischer Unternehmungen lediglich 7 % aus (vgl. Kenwood/Lougheed 1992, S. 27). Der Bestand ausländischer Direktinvestitionen lag insgesamt bei etwa 14 Mrd. Dollar (vgl. Dunning 1993a, S. 118), was 9 % des gesamten Weltsozialprodukts entsprach. Dieser historische Liberalismus/ Goldstandard Jahrhundertwende Beispiel Ein Beispiel für die frühe Errichtung ausländischer Tochtergesellschaften deutscher Unternehmungen sind die Aktivitäten von Siemens im zaristischen Russland. Bereits drei Jahre nach der Gründung der»telegrafen-bau-anstalt Siemens & Halske«im Jahre 1847 erhielt die Unternehmung die ersten Aufträge zur Errichtung von Telegrafenlinien von St. Petersburg nach Riga, Kronstadt, Oranienbaum und Sevastopol. Nachdem diese zunächst von Deutschland ausgeführt wurden, erfolgte im Jahre 1855 die Gründung einer Zweigniederlassung in St. Petersburg, die von Carl Siemens, dem jüngeren Bruder des Unternehmungsgründers Werner Siemens, geleitet wurde. Zwischen 1847 und 1872 erwirtschaftete Siemens mehr als 25 % seines Umsatzes in Russland. Im Ersten Weltkrieg wurden die inzwischen in zwei Aktiengesellschaften nach russischem Recht umgewandelten Tochtergesellschaften enteignet und verstaatlicht. Zu diesem Zeitpunkt beschäftigte Siemens in Russland etwa 4.100 Mitarbeiter (vgl. Feldenkirchen 1998).
4 1.1 Internationalisierung der Wirtschaft als Aktionsrahmen und Problemfeld Entwicklungstendenzen in der Weltwirtschaft Weltwirtschaftskrise Zwischenkriegszeit Wirtschaftsbeziehungen zwischen den westlichen Industrieländern Höchststand wurde seitdem nie mehr erreicht. Auch Ende des 20. Jahrhunderts lag dieser Wert mit 7,2 % immer noch deutlich unter dem Niveau des Jahres 1914 (vgl. Kozul-Wright 1995, S. 158). Nach dem Ersten Weltkrieg änderten sich sowohl die Bedeutung als auch die Struktur der internationalen Wirtschaftsbeziehungen erheblich (vgl. Wrigley 2000). Bedingt durch den zunehmenden Nationalismus und Protektionismus sowie den Versuch zahlreicher Länder, die Exportfähigkeit der heimischen Industrie durch die wiederholte Abwertung ihrer Währungen zu Lasten anderer Länder zu verbessern (»beggar-my-neighbour-policy«), nahm die durchschnittliche Wachstumsrate des Außenhandels spürbar ab. Während diese zwischen 1870 und 1913 bei 3,5 % lag, sank sie zwischen 1913 und 1937 auf 1,3 % ab. Einen besonders tiefen Einschnitt bewirkte die Weltwirtschaftskrise des Jahres 1929, nach der das Außenhandelsvolumen bis 1937 sogar durchschnittlich um 0,4 % pro Jahr schrumpfte (vgl. Kitson/Michie 1995, S. 7). Gleichzeitig sank der Anteil Europas am Welthandel von 62 auf 51,4 %, während der Anteil Nordamerikas von 13,2 auf 15,5 % und derjenige Asiens von 11,1 auf 15,5 % anstiegen (vgl. Kenwood/Lougheed 1992, S. 209 ff.). Im Gegensatz zum Außenhandel verlangsamte sich das Wachstum ausländischer Direktinvestitionen durch den Ersten Weltkrieg und die Weltwirtschaftskrise kaum. Um Schutzzölle und nicht-tarifäre Handelshemmnisse zu umgehen, die im Zuge des aufkommenden Nationalismus errichtet worden waren, gründeten viele europäische und amerikanische Unternehmungen Tochtergesellschaften im Ausland, so dass sich der Bestand ausländischer Direktinvestitionen in der Zwischenkriegszeit beinahe verdoppelte. Obwohl deren Anteil zwischen 1914 und 1938 von 44,6 % auf 39,8 % abnahm, kam englischen Unternehmungen weiterhin die mit Abstand größte Bedeutung zu. Am stärksten nahmen ausländische Direktinvestitionen amerikanischer Unternehmungen zu, deren Anteil im gleichen Zeitraum von 18,6 % auf 27,7 % anstieg. Deutsche Unternehmungen schreckten aufgrund der Konfiszierung ihrer ausländischen Produktionsanlagen dagegen davor zurück, in demselben Maße im Ausland zu investieren wie vor dem Ersten Weltkrieg. Ihr Anteil ging deshalb von 10,3 % auf 1,3 % zurück (vgl. Dunning 1993a, S. 117). Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm die wirtschaftliche Entwicklung in den westlichen Industrieländern und den sozialistischen Staaten Mittel- und Osteuropas einen unterschiedlichen Verlauf. Nach dem durch den Marshallplan geförderten ökonomischen Wiederaufbau und der Einführung demokratischer Marktwirtschaften in Deutschland, Italien und Japan haben sich die Wirtschaftsbeziehungen zwischen den westlichen Industrieländern wieder intensiviert. Eine zentrale Bedeutung kam dabei dem 1947 abgeschlossenen General Agreement on Tariffs and Trade (GATT) zu, durch das der allgemeine Abbau von Zöllen und mengenmäßigen Handelsbeschränkungen sowie das Prinzip der Meistbegünstigung durchgesetzt wurden. Ergänzt wurde das GATT durch das 1944 abgeschlossene Abkommen von Bretton Woods, mit dem ein System fester Wechselkurse mit dem Dollar als Leitwährung eingeführt wurde. Als Folge dieser Abkommen wuchs das Welthandelsvolumen zwischen 1950 und dem Zusammenbruch des Systems von Bretton Woods im Jahre 1973 von 57,5 auf 566,7 Mrd. Dollar stärker an als in der Ära der liberalen Weltwirtschaft des 19. Jahrhunderts (vgl. Berg 1976, S. 93). Die jährliche Wachstumsrate des Welthandels lag zwischen 1950
Entwicklungstendenzen in der Weltwirtschaft 1.1 5 und 2008 mit durchschnittlich 5,9 % deutlich über der des Weltsozialprodukts mit 3,6 % (vgl. Abb. 1-1). Dieser überdurchschnittlich starke Anstieg des Welthandels ist weitgehend auf die Aktivitäten von Unternehmungen aus den Mitgliedstaaten der Europäischen Union (EU), aus den USA und seit den siebziger Jahren aus Asien zurückzuführen, während der Anteil der mittel- und osteuropäischen Staaten (MOS), Mittel- und Südamerikas sowie Afrikas nur gering ist (vgl. Tab. 1-1). Nach dem Vorbild der ehemaligen Sowjetunion führten die sozialistischen Planwirtschaften Mittel- und Osteuropas nach dem Zweiten Weltkrieg dagegen ein staatliches Außenhandels- und Devisenmonopol ein. Im Gegensatz zu den westlichen Industrieländern, in denen der Außenhandel einen zentralen Wachstumsfaktor darstellt, wurde dieser dadurch auf die»residualfunktion«(berg 1976, S. 209) der Behebung von Planungsfehlern und der Beschaffung von Gütern reduziert, die nicht oder nur in unzureichender Menge oder Qualität herstellbar waren. Um darüber hinaus die Realisierung von komparativen Kostenvorteilen und Massenproduktionsvorteilen zu ermöglichen, wurde in dem 1949 gegründeten Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW) die weitgehende Spezialisierung der einzelnen Mitgliedstaaten auf bestimmte Güter festgelegt. Zwar stieg daraufhin der überwiegend ex-ante geplante Außenhandel stark an, aufgrund der politischen und ökonomischen Dominanz der ehemaligen Sowjetunion hat der RGW die systemimmanenten Probleme der Mitgliedstaaten aber nie befriedigend lösen können (vgl. Damus 1979). Nach dem durch die Reformen des ehemaligen sowjetischen Staatspräsidenten Michail Gorbatschow eingeleiteten Zusammenbruch der sozialistischen Regime in den mittel- und osteuropäischen Staaten wurde der RGW deshalb im Jahre 1991 aufgelöst, die Transformation der Mit- Sozialistische Planwirtschaften Mittelund Osteuropas Abb. 1-1 Entwicklung des Welthandels und des Weltsozialprodukts zwischen 1950 und 2009 % 1700 1500 1300 1100 900 700 500 300 100 1950 1955 1960 1965 1970 1975 1980 1985 1990 1995 2000 2005 2010 Weltexport Weltsozialprodukt (Quelle: WTO 2009)
6 1.1 Internationalisierung der Wirtschaft als Aktionsrahmen und Problemfeld Entwicklungstendenzen in der Weltwirtschaft Tab. 1-1 Außenwirtschaftliche Position ausgewählter Länder und Regionen im Jahre 2008 Region/Land Anteil am Weltexport (in %) Anteil am Weltimport (in %) Anteil an den abgeflossenen ausländischen Direktinvestitionen (Bestand in %) Anteil an den zugeflossenen ausländischen Direktinvestitionen (Bestand in %) EU Deutschland Frankreich Großbritannien Italien Niederlande 38,2 9,5 3,9 3,1 3,5 3,9 38,6 7,5 4,3 4,3 3,5 3,4 58,4 7,9 9,0 10,9 3,3 5,5 45,2 4,1 6,7 8,9 2,4 4,4 MOS Russland 3,3 2,6 2,9 1,7 1,7 1,6 2,9 2,1 Nordamerika USA Kanada Mexiko 13,2 8,4 2,7 2,1 19,2 14,3 2,7 2,1 21,5 17,9 3,3 0,3 18,9 13,8 3,4 1,7 Südamerika Brasilien Argentinien 3,2 0,9 0,3 2,5 0,9 0,3 1,4 0,8 0,2 4,3 2,2 0,4 Asien Japan China Hongkong Südkorea Taiwan Singapur Indien 30,6 5,1 8,8 2,7 2,7 1,8 2,1 1,1 29,5 4,4 6,8 2,6 2,5 1,6 1,8 1,5 11,0 3,5 0,6 6,6 0,4 1,0 1,0 0,2 19,5 0,9 2,2 7,8 0,8 0,3 1,6 0,5 Golfstaaten Saudi-Arabien VAE 4,7 2,0 1,4 2,2 0,7 1,0 0,7 0,1 0,3 1,1 0,8 0,5 Afrika Südafrika Nigeria 2,8 0,5 0,5 2,4 0,6 0,3 0,5 0,4 0,0 2,6 0,6 0,6 (Quellen: UNCTAD 2009; WTO 2009) Multipolare Weltwirtschaft gliedstaaten in demokratische Marktwirtschaften eingeleitet und deren Integration in die internationale Arbeitsteilung forciert. Aus der seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs bestehenden bipolaren Weltwirtschaft mit den beiden Zentren USA und UdSSR wurde so eine multipolare Weltwirtschaft, die einerseits durch eine zunehmende Liberalisierung, Konvergenz und Integration gekennzeichnet ist (vgl. Abb. 1-2). Gleichzeitig sind aber auch wachsende Regionalisierungstendenzen zu beobachten (vgl. Rugman 2005). Merkmale dafür sind etwa zahlreiche regionale Wirtschaftsgemeinschaften (vgl. Altmann/Kulessa 1998; Haas/Neumair/Schlesinger 2009, S. 53 ff.), die von einer Freihandelszone
Entwicklungstendenzen in der Weltwirtschaft 1.1 7 Abb. 1-2 Von der bipolaren zur multipolaren Weltwirtschaft Japan, Westeuropäische Staaten, Lateinamerikanische Staaten und andere Osteuropäische kommunistische Staaten Jugoslawien USA UdSSR Westen Indien China Osten Bipolare Weltwirtschaft der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts USA Transformationsländer Japan West- Deutschland Mittelund Ost am wenigsten entwickelte Länder Nigeria Südafrika China Brasilien Emerging Markets Indien Russland Saudi- Arabien Multipolare Weltwirtschaft des 21. Jahrhunderts (Quelle: in Anlehnung an Papp 1997, S. 159 ff.) (NAFTA) über die geplante Errichtung einer Zollunion (ASEAN) und einen gemeinsamen Markt (MERCOSUR) bis hin zu einer Wirtschafts- und Währungsunion (EU) reichen (vgl. Tab. 1-2). Bedeutung und Integrationsgrad ausgewählter regionaler Wirtschaftsgemeinschaften sind in Tabelle 1-3 wiedergegeben. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts weist die Weltwirtschaft die größte Integrationsdichte in der Geschichte auf. Verantwortlich dafür ist insbesondere die Verbesserung Beginn des 21. Jahrhunderts
8 1.1 Internationalisierung der Wirtschaft als Aktionsrahmen und Problemfeld Entwicklungstendenzen in der Weltwirtschaft Tab. 1-2 Typologie regionaler Wirtschaftsgemeinschaften Integrationsform Kriterien Aufhebung von Handelshemmnissen koordiniertes Verhalten gegenüber Nichtmitgliedern Freie Faktorbewegungen Abstimmung der Wirtschaftspolitik Supranationale Legislative, Exekutive und Judikative Zoll union Freihandelszone Gemeinsamer Markt Wirtschaftsund Währungsunion Politische Union ja ja ja Ja ja nein ja ja Ja ja nein nein ja Ja ja nein nein nein Ja ja nein nein nein Nein ja Beispiele NAFTA ASEAN MERCOSUR EU (Quelle: modifiziert und erweitert nach Kutschker 1999, S. 11) Tab. 1-3 Bedeutung und Integrationsgrad ausgewählter regionaler Wirtschaftsgemeinschaften im Jahre 2008 Außenhandel insgesamt (in Mrd. US-$) Anteil am Welthandel (in %) Außenhandel innerhalb des Wirtschaftsraums (in %) Anteil am Welthandel (in %) EU 5.320 39,1 68,1 28,8 NAFTA 1.853 13,6 51,3 7,0 ASEAN 864 6,3 25,0 1,6 MERCOSUR 224 1,6 14,5 0,2 (Quelle: WTO 2009) WTO der rechtlichen und institutionellen Rahmenbedingungen für den weltweiten Austausch von Gütern und Dienstleistungen im Rahmen der Welthandelsorganisation (World Trade Organization, WTO). Die gegenwärtig 153 Mitglieder umfassende WTO
Entwicklungstendenzen in der Weltwirtschaft 1.1 9 trägt als Nachfolgeorganisation des GATT wesentlich zur Reduzierung von Zollsätzen, zum Abbau von Dumping sowie zum länderübergreifenden Schutz von intellektuellen Eigentumsrechten bei. Im Jahre 2008 wurden rund 95 % des Welthandels zwischen den WTO-Mitgliedern abgewickelt (vgl. WTO 2009). Darüber hinaus führen die hohen Wachstumsraten und die außenwirtschaftliche Öffnung der Emerging Markets dazu, dass immer mehr ehemals isolierte Länder in die Weltwirtschaft integriert werden. Dies gilt vor allem für die BRIC-Staaten Brasilien, Russland, Indien und China, deren Anteil am Welthandel und an den weltweiten ausländischen Direktinvestitionen gegenwärtig stark zunimmt. Die BRIC-Staaten machen zwar gegenwärtig lediglich 15 % des Bruttoinlandsprodukts (BIP) der G7-Staaten (USA, Japan, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien und Kanada) aus, dieser Anteil wird einer Studie der Investmentbank Goldman & Sachs zufolge in weniger als 25 Jahren jedoch bis auf 50 % steigen. In 40 Jahren wird die Wirtschaftskraft der BRIC-Staaten diejenige der G7-Staaten überholt haben. 2050 werden vier der sechs größten Volkswirtschaften der Welt BRIC-Staaten sein (vgl. Abb. 1-3). Durch die weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise wird sich dieser Aufholprozess der Emerging Markets in den nächsten Jahren noch beschleunigen. Während die Weltbank etwa für das Jahr 2009 einen Rückgang des Welt-BIP von 1,7 % erwartet, ist das BIP in China im dritten Quartal 2009 bereits wieder um 6,9 % gestiegen. Für Indien wird für das Finanzjahr 2008/09 ein Wachstum des BIP von mehr als 6 % erwartet (vgl. World Bank 2009). Auch die Schrumpfung des Außenhandels, die von der WTO für das Jahr 2009 auf etwa 10 % prognostiziert wird (vgl. Lamy 2009), fällt in den BRIC-Staaten deutlich geringer als in den westlichen Industrieländern aus. BRIC-Staaten Finanz- und Wirtschaftskrise Abb. 1-3 Zeitpunkte, zu denen das BIP der BRIC-Staaten größer sein wird als das BIP der G7-Staaten China Indien GB D JAP ITA FRA D JAP USA Russland ITA FRA D Brasilien ITA FRA D BRICs G7 2000 2005 2010 2015 2020 2025 2030 2035 2040 2045 2050 (Quelle: in Anlehnung an Wilson/Purushothaman 2006, S. 6)
10 1.1 Internationalisierung der Wirtschaft als Aktionsrahmen und Problemfeld Entwicklungstendenzen in der Weltwirtschaft Im Folgenden werden zunächst die aktuellen Entwicklungen in ausgewählten Regionen der Weltwirtschaft (Kap. 1.1.2) und die Stellung Deutschlands näher betrachtet (Kap. 1.1.3). Anschließend werden einige zentrale Aspekte der Globalisierung der Wirtschaft und die daraus resultierenden Implikationen für die internationale Unternehmungsführung skizziert (Kap. 1.2). Die Ausführungen bilden die Grundlage für die weitere Konzeption des Buches, die in Kapitel 2 ausführlich erläutert wird. 1.1.2 Regionale Integrationsprozesse EWG, EG, EU Osterweiterung der EU Einführung des Euro 1.1.2.1 Europäische Union Die 1951 von Deutschland, Frankreich, Italien, Belgien, Luxemburg und den Niederlanden durch die Römischen Verträge gegründete Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG), die 1978 in Europäische Gemeinschaft (EG) und 1992 in Europäische Union (EU) umbenannt wurde, hatte nach dem Zweiten Weltkrieg einen wesentlichen Anteil an der Liberalisierung und Dynamisierung des Welthandels. Ihren Ursprung hatte die EU in der 1950 gegründeten Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS), durch die eine gemeinschaftliche Nutzung der strategisch bedeutsamen Kohle- und Stahlressourcen ermöglicht und damit die Gefahr von Kriegen in Europa reduziert werden sollte. Das Ziel war es, so der damalige französische Außenminister Robert Schuman,»Krieg nicht nur undenkbar, sondern materiell unmöglich zu machen«(zit. nach Wagener/Eger/Fritz 2006, S. 67). Als diese Gefahr in den fünfziger Jahren nicht mehr bestand, rückten immer mehr wirtschaftliche Ziele in den Vordergrund. So wurde der Außenhandel zwischen den Mitgliedstaaten durch den 1959 begonnenen stufenweisen Abbau der Binnenzölle und der mengenmäßigen Handelsbeschränkungen (Freihandelszone) liberalisiert. 1968 erfolgte die Angleichung der nationalen Zollsätze an einen gemeinsamen Außenzolltarif (Zollunion). Nachdem sich der Integrations- und Harmonisierungsprozess in den siebziger Jahren aufgrund unterschiedlicher Zielsetzungen der 1973 um Großbritannien, Irland und Dänemark erweiterten Gemeinschaft zwischenzeitlich verlangsamte, erhielt dieser Prozess durch die Beitritte Griechenlands (1981), Spaniens und Portugals (1986) sowie vor allem durch die Vollendung des Binnenmarktes zum 31. Dezember 1992 eine neue Dynamik (vgl. Abb. 1-3). Zum 01. Mai 2004 erfolgte die Osterweiterung der EU um 10 und zum 01. Januar 2008 um zwei weitere neue Mitglieder. Im Jahre 2008 wurden rund 28,8 % des gesamten Welthandels innerhalb der dadurch auf 27 Mitgliedstaaten angewachsenen EU abgewickelt (vgl. Tab. 1-3). Deren Anteil am gesamten Weltexport betrug 38,2 % und am Weltimport 38,6 % (vgl. Tab. 1-1). Ein weiterer Integrationsschritt zur Verwirklichung einer Wirtschaftsunion war die Einführung des Euro als gemeinsamer europäischer Währung. Nachdem zum 01. Januar 1999 auf der Basis der im Vertrag von Maastricht festgelegten Konvergenzkriterien der Kreis der Beitrittsländer (alle damaligen Mitgliedstaaten der EU mit Ausnahme von Dänemark, Großbritannien und Schweden) sowie die Wechselkurse festgelegt wurden, ist der Euro seit dem 01. Januar 2002 das alleinige gesetzliche
Entwicklungstendenzen in der Weltwirtschaft 1.1 11 Abb. 1-4 Die»vier Freiheiten«des EG-Binnenmarktes Die»vier Freiheiten«des EG-Binnenmarktes Freier Personenverkehr Freier Dienstleistungsverkehr Wegfall von Grenzkontrollen, Liberalisierung der Finanzdienste, Harmonisierung der Niederlassungs- und Beschäftigungsfreiheit Banken- und Versicherungsaufsicht, Öffnung der Transport- für EU-Bürger und Telekommunikationsmärkte Freier Warenverkehr Freier Kapitalverkehr Wegfall von Grenzkontrollen, Größere Freizügigkeit für Geldund Kapitalbewegungen, Schritte Harmonisierung oder gegenseitige Anerkennung von für einen gemeinsamen Markt für Normen und Vorschriften, Finanzleistungen, Liberalisierung Steuerharmonisierung des Wertpapiermarktes Zahlungsmittel in diesen Ländern. In den nächsten Jahren planen auch weitere EU- Mitglieder wie Estland, Litauen und Slowenien den Euro einzuführen. Für Unternehmungen aus den beteiligten Ländern bedeutet dies den Wegfall von Umtauschgebühren und Wechselkursrisiken und damit Kosteneinsparungen beim Außenhandel bzw. bei Auslandsinvestitionen innerhalb des Euro-Währungsraums. Den letzten Schritt der EU auf dem Weg zu einer politischen Union bildet die Schaffung gemeinsamer supranationaler Institutionen. Zwar verfügt die EU mit dem Rat der Staats- und Regierungschefs, der Kommission und dem Europäischen Parlament bereits über entsprechende Organe, deren Rechte sind jedoch im Vergleich zu den entsprechenden Organen der Mitgliedstaaten noch stark eingeschränkt. Unter Leitung des ehemaligen französischen Präsidenten Valéry Giscard d Estaing wurde deshalb ein Konvent einberufen, der den Entwurf einer Europäischen Verfassung erarbeitet hat. Der darauf basierende Vertrag von Lissabon soll insbesondere dazu dienen, die EU nach der Erweiterung um zwölf neue Mitglieder in den Jahren 2004 und 2007 handlungsfähiger zu machen. Darüber hinaus sollen die Grundlagen für eine gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik und die dafür erforderlichen Institutionen und Positionen geschaffen werden. Nach der Ratifizierung durch alle 27 Mitgliedstaaten der EU, die durch Referenden in Frankreich, Irland und den Niederlanden sowie Vorbehalte Polens und Tschechiens mehrfach verzögert wurde, ist der Vertrag von Lissabon am 01. Dezember 2009 in Kraft getreten. 1.1.2.2 Mittel- und Osteuropa Nachdem die mittel- und osteuropäischen Staaten seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs von den Entwicklungen in der Weltwirtschaft weitgehend isoliert waren, haben diese Ende der achtziger Jahre die bis dahin bestehenden Außenhandels- und Devisenmonopole aufgehoben und inländischen Unternehmungen das Recht zur Vertrag von Lissabon Außenhandelsaktivitäten
12 1.1 Internationalisierung der Wirtschaft als Aktionsrahmen und Problemfeld Entwicklungstendenzen in der Weltwirtschaft Zulassung ausländischer Direktinvestitionen Russland eigenständigen Durchführung von Außenhandelsaktivitäten eingeräumt. Als Folge davon stieg der Außenhandelsumsatz in den meisten Ländern stark an, wobei der Außenhandel mit den Mitgliedstaaten der EU ein überproportional hohes Wachstum verzeichnete. Insgesamt entfielen im Jahre 2008 rund 3,3 % des gesamten Weltexports und etwa 2,9 % des Weltimports auf die mittel- und osteuropäischen Staaten (vgl. Tab. 1-1). Ein weiterer bedeutsamer Schritt zur Integration in die internationale Arbeitsteilung war die zwischen 1988 und 1990 erfolgte Zulassung ausländischer Direktinvestitionen. Bereits in den späten sechziger und frühen siebziger Jahren gab es erste Bemühungen, Joint Ventures unter Beteiligung ausländischer Unternehmungen zur Modernisierung der zunehmend unter Produktivitäts- und Qualitätsmängeln leidenden inländischen Wirtschaft anzuziehen. Im Zuge der Ende der achtziger Jahre einsetzenden grundlegenden politischen und wirtschaftlichen Veränderungen in diesen Staaten haben sich jedoch sowohl die Ziele der Gastländer als auch die Rahmenbedingungen für ausländische Direktinvestitionen erheblich gewandelt. Stellten diese zunächst nur»privatkapitalistische Inseln (Holtbrügge 1989) innerhalb eines weiterhin zentral geplanten Wirtschaftssystems dar, so wird ausländischen Direktinvestitionen nun wenn auch in regional unterschiedlichem Maße eine Schlüsselrolle innerhalb des Transformationsprozesses eingeräumt (vgl. Welge/Holtbrügge 1993, S. 219 ff.). Nachdem ausländische Unternehmungen zunächst nur sehr zögerlich auf diese außenwirtschaftliche Öffnung reagierten, hat die mit der Transformation dieser Länder in demokratische Marktwirtschaften einsetzende Liberalisierung der rechtlichen, ökonomischen und politischen Rahmenbedingungen einen starken Anstieg ausländischer Direktinvestitionen bewirkt. Zwar ist der Anteil der mittel- und osteuropäischen Staaten an den gesamten ausländischen Direktinvestitionen in der Welt noch sehr gering, im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) besitzen diese in Polen, Tschechien und Ungarn jedoch bereits eine relativ große Bedeutung. Diese dürfte noch weiter zunehmen, nachdem diese Länder zusammen mit der Slowakei, Slowenien und den drei baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen im Jahre 2004 als erste ehemalige RGW-Mitglieder in die EU aufgenommen wurden. Ähnliches gilt für Bulgarien und Rumänien, die 2007 der EU beigetreten sind. Russland und die GUS-Staaten haben dagegen bislang nur in einem geringen Ausmaß ausländische Direktinvestitionen anziehen können. Während auf die mittel- und osteuropäischen Staaten im Jahre 2008 insgesamt 3,3 % aller ausländischen Direktinvestitionen entfallen, macht der Anteil Russlands lediglich 2,1 % aus (vgl. Tab. 1-1). Viele Unternehmungen, die bereits in Russland investiert haben, verharren zudem in einer wait-and-see-position (vgl. Holtbrügge 1996b). Als Gründe für das im Vergleich zur Größe und ökonomischen Bedeutung des Landes nur sehr geringe ausländische Engagement werden vor allem die Unzulänglichkeit des ordnungspolitischen Rahmens, die politische und rechtliche Unsicherheit sowie administrative und bürokratische Hemmnisse genannt (vgl. Holtbrügge/Boutler 2003). Durch die Einrichtung von Sonderwirtschaftszonen sowie das vor allem durch den hohen Ölpreis bewirkte starke Wirtschaftswachstum wird für die nächsten Jahre jedoch eine deutliche Zunahme ausländischer Direktinvestitionen erwartet. Dazu beitragen könnte auch die geplante