Themenpapier Cross Work

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Transkript:

Themenpapier Cross Work Verband offene Kinder- und Jugendarbeit Kanton Bern

Inhalt Fragen von Kinder- und Jugendarbeitenden an die Fachgruppe 3 Definition 3 Kritisch hinterfragt 3 Ziele 3 Ebenen des Arbeitens 4 Herausforderungen 4 Sinnvolle Themen 4 Erfahrungen von Jugendarbeitenden 5 Weitere Projektideen (Cross Work Setting) 5 Zum Weiterlesen 6

Fragen von Kinder- und Jugendarbeitenden an die Fachgruppe > > Welche Erfahrungen wurden in der voja mit Cross Work bereits gemacht? > > Welches sind die Anforderungen und Herausforderungen bei einer Umsetzung? > > Bei welchen Themen und Anlassformen ist es sinnvoll, bewusst geschlechtergetrennt und überkreuzpädagogisch zu arbeiten und wo nicht? > > Was ist grundsätzlich zu beachten? Definition Unter Cross Work auch Überkreuzpädagogik oder Gender Crossing genannt versteht man die geschlechterreflektierte Arbeit von Frauen mit Jungen und von Männern mit Mädchen. Cross Work ist eines der Konzepte geschlechterreflektierter Kinder- und Jugendarbeit neben geschlechterhomogener Arbeit (Mädchenarbeit und Bubenarbeit) und gemischtgeschlechtlicher Arbeit (Koedukation). Kritisch hinterfragt Das Konzept Cross Work ist in den 90er Jahren entstanden und wird heute z.b. zunehmend an Weiterbildungen thematisiert. Es wird aber auch als «gehypter Ansatz» kritisiert. Denn Cross Work stellt das biologische Geschlecht von allen Konzepten geschlechterreflektierter Arbeit am meisten in den Vordergrund. Cross Work (wie übrigens die geschlechterhomogene Arbeit auch) macht das biologische Geschlecht zum Organisationsprinzip, welches darüber entscheidet, ob jemand zu einem Angebot Zugang hat oder nicht. Geschlecht wird also «dramatisiert» um es dann in der konkreten Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen in einer geschlechtshomogenen Gruppe wieder zu «entdramatisieren» (Wallner Claudia & Drogand-Strud Michael, 2012). Cross Work wird auch als «unzeitgemäss» kritisiert, weil es stark vom zweigeschlechtlichen Mann/Frau-Schema und von klaren Geschlechtsidentitäten ohne Ambivalenzen ausgeht. Diejenigen, die sich darin nicht einordnen wollen oder können, werden ausgeschlossen. Deshalb macht es Sinn, Cross Work «nur» als eines von vier Konzepten geschlechterreflektierter Arbeit zu sehen. Längerfristig geht es vor allem darum, Strategien weiter zu entwickeln, «die das Geschlecht eher entdramatisieren als es bereits im Setting zur Bedingung der Teilnahme zu machen und als Kriterium der Sortierung zu machen». Denn die Dramatisierung des Geschlechtsunterschiedes verhindert den Blick für Gemeinsamkeiten und die Analyse anderer Differenzen wie z.b. Alter, Bildung, Status, Milieu etc. (Busche Martin, 2012). Trotz dieser Kritik kann Cross Work sinnvoll sein und Kindern und Jugendlichen einen Nutzen bringen aber nur wenn die Arbeit gut durchdacht und kritisch hinterfragt wird. Ziele > > Tradierte Geschlechterbilder hinterfragen bzw. bewusst Irritationen herbeiführen > > Geschlechterbilder und Rollenvorstellungen erweitern > > Kontakt zu Erwachsenen des anderen Geschlechts herstellen > > Anerkennung durch Erwachsene des anderen Geschlechts vermitteln > > Neue Erfahrungen mit real anwesenden Frauen/ Männern machen > > Vielfalt innerhalb der Geschlechtergruppen wahrnehmen (Wallner Claudia, 2010) 3

Ebenen des Arbeitens > > Fachpersonen müssen sich selbst laufend überprüfen: Wie verhalte ich mich gegenüber dem anderen Geschlecht (gegenüber Kindern, Jugendlichen sowie Erwachsenen)? Wie interpretiere ich das Verhalten der/des Gegenübers und welche Rolle spielen dabei meine Vorstellungen von Weiblichkeit und Männlichkeit? > > Geschlechterverhältnisse stehen im Fokus des Handelns: Wo Kinder oder Jugendliche abwertend gegenüber dem anderen Geschlecht agieren und wo sie einseitige Zuschreibungen proklamieren, wird dies von der Fachperson gemeinsam mit ihnen thematisiert. > > Geschlechterhierarchien sollen abgebaut werden: Durch gezielte und kontinuierliche Interventionen sollen Hierarchievorstellungen von Kindern und Jugendlichen bezüglich der Geschlechterverhältnisse gemeinsam thematisiert werden, um sie zu einem gleichberechtigten Miteinander zu verändern. (Wallner Claudia, 2010) Herausforderungen Hierarchiedynamiken Wenn Fachleute Kindern und Jugendlichen begegnen, ergeben sich Rangordnungen, die durch soziale Faktoren geprägt sind: z. B durch Alter, Status, Rolle, Schicht, Bildung und Geschlecht. Wenn zum Beispiel erwachsene Frauen mit jugendlichen Buben arbeiten, kann sich ein überkreuzendes Hierarchiesystem ergeben: Rollenhierarchie (= Fachkräfte sind ranghöher) kontra Geschlechterhierarchie (=Männlichkeit als Norm erhält mehr Wert und Autorität). Dies kann zu Hierarchie-Verwirrungen führen und z.b. dazu, dass sich Frauen nicht respektiert fühlen (Wallner Claudia, 2010). Männer, die mit Mädchen arbeiten, stehen wiederum schneller unter dem «Generalverdacht der Täterschaft» und des Übergriffs auch wenn sie die gleiche Arbeit machen wie die Frauen. Beides muss thematisiert werden. Gefahr der Reproduktion von Stereotypen («Fallen») Wenn Fachpersonen ihre Geschlechtszugehörigkeit nicht reflektieren, reproduzieren sie die Geschlechterbilder, die die Teilnehmenden in sich tragen (z.b. Frauen bieten eher Sozialverhalten an und Männer übernehmen die Leitung) (Wallner Claudia, 2010). Sinnvolle Themen Es kann z.b. sinnvoll sein, dass männliche Fachpersonen mit einer Mädchengruppe bzw. weibliche Fachpersonen mit einer Bubengruppe Angebote zum Thema Partnerschaft, Körper & Sexualität gestalten. So können sie beispielsweise zu jenen Fragen Stellung nehmen, die aus Verunsicherung oder Scham den Peers des anderen Geschlechts nicht gestellt werden können (Janz Olaf, 2012). Eigentlich eignen sich aber alle Themen für Cross Work wenn sie der Erweiterung von Rollenbildern dienen und nicht stereotype Geschlechterbilder zementieren. Ausschlaggebend sind die Kompetenzen und Interessen der Fachperson und dass sie das Thema mit Lust anpackt. So kann es für Kinder und Jugendliche eine wichtige Erfahrung sein, wenn ein Mann begeistert einen Kochkurs veranstaltet oder wenn eine Frau selbstverständlich die Schweiss- oder Velowerkstatt leitet. 4

Erfahrungen von Jugendarbeitenden In der offenen Kinder- und Jugendarbeit im Kanton Bern existieren wenig bis keine Konzepte zu Cross Work und dementsprechend wenig Erfahrungen damit. Oft entsteht Cross Work aus «Not», weil vor allem weibliche Jugendarbeitende und männliche Jugendliche vor Ort sind. Oder weil die Jugendarbeiterin krank ist und der Jugendarbeiter spontan den Mädchentreff übernimmt. Positive Erfahrungen: > > Ausstellung «Mein Körper gehört mir»: Zwei Jugendarbeiter begleiteten eine Mädchengruppe, eine Jugendarbeiterin begleitete eine Jungengruppe (jeweils im Alter von 8 9 Jahren). Beide Gruppen wurden als ruhiger und interessierter wahrgenommen. Genaue Gründe dafür konnten nicht eruiert werden. Cross Work als Arbeitsmethode kann jedoch in diesem Setting weiterempfohlen werden. Weitere Informationen: Kinder- und Jugendfachstelle Aaretal. > > Sexualpädagogik 6. Klasse (Jugendarbeiter informiert Schülerinnen über Kondome und Geschlechtskrankheiten): Die Rückmeldungen der SchülerInnen und Schüler waren sehr gut, obwohl die Mädchen schüchtern und zurückhaltend waren. Empfehlung: Humor sowie Akzeptanz von Schweigen und Zurückhaltung. In diesem Gebiet eignet sich Cross-Work eher ab Oberstufe. Weitere Informationen: Regionale Kinder- und Jugendarbeit Gürbetal-Längenberg. Weitere Erfahrungen aus der Praxis sind willkommen! Weitere Projektideen (Cross Work Setting) > > Fotoprojekt über Geschlechterinszenierungen: Mit weiblichen oder männlichen Jugendlichen Inszenierungen des anderen Geschlechts ausprobieren: mit Kleidung, Accessoires und Körperhaltungen etc. Fotografieren und z.b. eine Ausstellung gestalten. > > Sich in gegengeschlechtlicher Kleidung in der Öffentlichkeit zeigen. Weitere Projektideen sind willkommen! 5

Zum Weiterlesen > > Rauw, Regina & Drogand Strud, Michael (2013): Geschlechtsbezogene Pädagogik in der offenen Kinder- und Jugendarbeit. In: Deinet, Ulrich & Sturzenegger Benedikt: Handbuch offene Kinder und Jugendarbeit. Springer VS: Wiesbaden. S. 227 242. > > Wallner, Claudia & Drogand Strud, Michael (2012). Cross Work: Warum der Ansatz so gehypt wird und was er für eine geschlechtergerechte Kinder- und Jugendhilfe tatsächlich leisten kann. In: Das Kreuz mit Cross Work!? Genderreflektierte Pädagogik von Männern mit Mädchen und Frauen mit Jungen. In der Zeitschrift: Betrifft Mädchen (ISSN 1438-5295), Ausgabe 3. > > Busche, Martin (2012): Crossing all over. In: Das Kreuz mit Cross Work!? Genderreflektierte Pädagogik von Männern mit Mädchen und Frauen mit Jungen. In der Zeitschrift: Betrifft Mädchen (ISSN 1438-5295), Ausgabe 3. > > Jantz, Olaf (2012): Das andere Gegenüber: Cross Work / Geschlechtssensible Überkreuzpädagogik. In: Das Kreuz mit Cross Work!? Genderreflektierte Pädagogik von Männern mit Mädchen und Frauen mit Jungen. In der Zeitschrift: Betrifft Mädchen (ISSN 1438-5295), Ausgabe 3. > > Wallner, Claudia (2010): Crosswork: Frauen in der Arbeit mit Jungen. Gefunden am 5. Juni 2014 unter http://www.claudia-wallner.de/vortraege/ Cross%20Work.pdf > > Glücks, Elisabeth & Ottemeier-Glücks, Franz Gerd (2001): Was Frauen Jungen erlauben können. Was Männer Mädchen anzubieten haben. Chancen und Grenzen der pädagogischen Arbeit mit dem anderen Geschlecht. In: Rauw, Regina, Jantz, Olaf, Reinert, Ilka & Ottemeier-Glück, Franz Gerd (Hg.): Perspektive geschlechtsbezogener Pädagogik. Opladen: Leske und Budrich. S. 68 87. 6

Impressum voja-fachgruppe Geschlechterreflektierte Arbeit Robi Müller, Kinder- und Jugendfachstelle Ittigen Matthias Zbinden, Regionale offene Kinder- und Jugendarbeit Gürbetal-Längenberg Anouk Haehlen, Fachstelle Kinder & Jugend, Kath. Kirche Region Bern Nina Müller, Kinder- und Jugendfachstelle Aaretal Philipp Waller, Kindertreff Tscharni, DOK Bern Christine Hurni, TOJ Bern September 2014 7

Geschäftsstelle voja Sandstrasse 5 3302 Moosseedorf Tel. 031 850 10 92 info@voja.ch www.voja.ch