Phonetik & Phonologie

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Universität Bielefeld Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaft Phonetik & Phonologie Lexikalische und prosodische Phonologie / Optimalitätstheorie (Hall, Kapitel 10 & 11) ralf.vogel@uni-bielefeld.de

Aufgabe 10 Lösungen (1) Zeigen Sie, wie die kompensatorische Längung (siehe Folie Nr. 8ff) von [ka:nus] im Moren-modell zustande käme. Erstellen Sie dazu die Repräsentation von [kasnos] im Moren-modell, benutzen sie die Tilgungsregel auf S. 10 und erstellen Sie eine geeignete Assoziationsregel. μ μ μ μ > Tilgung μ μ μ μ > Assoziation μ μ μ μ [k a s n u s] [k a n u s] [k a n u s]

Aufgabe 10 Lösungen Assoziationsregel: μ μ [-kons] Erläuterungen: Im Prinzip funktioniert hier alles genauso wie im Silbenkonstituentenstrukturbeispiel, nur dass man statt X-Skelettpositionen eben mit Moren zu tun hat.

Aufgabe 10 Lösungen (2) Erstellen Sie eine Repräsentation der folgenden Worte im V- Modell. Gehen Sie dabei vom Template V aus: (a) Straßenbahndepot (b) Sklavenhalter (c) Streichs V V V V V V V V V [S t ³ a s n b a n d @ p o] V [S t ³ a I s] [s k l a v @ n h a l t @ ³] Erläuterungen: Da Sie vom V Template ausgehen sollten, müssen einige Konsonanten extrasilbisch sein. Der Diphthong [ai] in Streichs wird wie besprochen als V-Abfolge analysiert. Eine Affrikata (kommt hier nicht vor) würde nur mit einem -Knoten assoziieren.

Aufgabe 10 Lösungen (3) Erstellen Sie den metrischen Baum gemäß der Akzentregeln auf Folie Nr. 32 für das maranungkuische Wort ["we.le%.pe.ne%.man.ta]. ω F s F w F w s w s w s w [w e l e p e n e m a n t a] Erläuterungen: Auch hier läuft alles gemäss den Vorlesungsbeispielen ab. Man verteilt Trochäen von links nach rechts; dann wird der erste Fuß zum starken Fuß erklärt, alle anderen sind schwach und das war's.

Lexikalische Phonologie Bisher haben wir folgendes Modell der Interaktion dergrammatischen Komponenten angenommen: Morphologie Syntax Zugrundeliegende Repräsentation Phonologie Phonetische Repräsentation

Lexikalische Phonologie Es gibt viele Argumente, die gegen dieses Modell sprechen. Bestimmte phonologische Regeln müssen vor der Syntax operieren, andere nach der Syntax. Einige phonologische Regeln müssen vor morphologischer Affigierung angewendet werden, andere danach. Die Theorie der lexikaiischen Phonologie wurde in den 80er Jahren entwickelt, um den Zusammenhang von Phonologie und Morphologie/Syntax zu erfassen.

Lexikalische Phonologie Eine Regel, die nur innerhalb von Wörtern appliziert: Velar Softening Einige Regeln operieren nur innerhalb von Wörtern,ein Beispiel ist das sog. Velar Softening. Wir beobachten eine Alternation zwischen [k] und [s] bei manchen Wörtern des Englischen: electric electricity s Velar Softening: k s / +[-kons,-hint]... the book is... #Iz/ [bukiz]

Lexikalische Phonologie Eine Regel, die auch zwischen Wörtern appliziert: regressive Stimmhaftigkeitsassimilation im Niederländischen: op di Op##di Obdi... auf dem... bos bouw bos##bou bozbou... Wald baue... eetbaar /et+bar/ [edbar] essbar zakdoek /zak+duk/ [zagduk] Taschentuch Ein stimmhafter Plosiv wirkt auf den vorausgehenden Obstruenten, der im Merkmal Stimmhaftigkeit assimiliert wird. Ein anderes Beispiel ist das Flapping im amerikanischen Englisch: meet Ann [mi: /t/ [ ]/ _ [-kons] Vor Vokal wird /t/ zu [ ].

Lexikalische Phonologie Das Modell der lexikalischen Phonologie trägt dem Rechnung, indem es einen lexikalische und eine postlexikalische Regelkomponente annimmt: Zugrundeliegende Repräsentation Lexikalische Regeln Postlexikalische Regeln Phonetische Repräsentation Syntax

Lexikalische Phonologie Eigenschaften lexikalischer Regeln: Sie können nicht über Wortgrenzen hinweg operieren. Sie kommen vor allen postlexikalischen Regeln zur Anwendung. Sie können sich auf morphologische Informationen beziehen. Sie können Ausnahmen haben. Sie können strukturbewahrend sein. Eigenschaften postlexikalischer Regeln: Sie können über Wortgrenzen hinweg operieren. Sie kommen nach allen lexikalischen Regeln zur Anwendung. Sie beziehen sich nicht auf morphologische Informationen. Sie können keine Ausnahmen haben. Sie müssen nicht strukturbewahrend sein.

Lexikalische Phonologie Morphologische Information in lexikalischen Regeln Im Italienischen werden wortfinale Vokale getilgt, allerdings nur bei Verben. So che vuole nuotare So che vuol nuotare Ich weiß, dass er schwimmen will. Ho le suole nuove *Ho le suol nuove Ich habe neue Sohlen. V Ø / K # Verb

Lexikalische Phonologie Ausnahmen in lexikalischen Regeln Das Trisyllabic Shortening im Englischen: ein langer Vokal wird kurz realisiert, wenn er in der drittletzten Silbe des Wortes vorkommt: serene /s i:n/ [s i:n] heiter serenity /s i:n+iti:/ [s EnIt i:] Heiterkeit obese /oubi:s/ [oubi:s] fettleibig obesity /oubi:s+iti:/ [oubi:sit i:] Fettleibigkeit Es gibt auch ausnahmslose lexikalische Regeln. Postlexikalische Regeln sind aber alle ausnahmslos.

Lexikalische Phonologie Strukturbewahrung Als strukturbewahrend gilt eine Regel, wenn ihr Output ein Phonem der Sprache ist. Englisches Velar Softening und Trisyllabic Shortening sind strukturbewahrend. Die regressive Stimmhaftigkeitsassimilation im Holländischen, eine postlexikalische Regel, ist nicht strukturbewahrend, da sie das Allophon [g] produziert, das kein Phonem des Niederländischen ist. Gleiches gilt für das Flapping im amerikanischen Englisch.

Lexikalische Phonologie Interaktion Phonologie/Morphologie Für die Interaktion von Phonologie und Morphologie gibt es zwei Möglichkeiten: (i) Alle morphologischen Regeln sind allen phonologischen Regeln vorgeordnet. (ii) Bestimmte phonologische Regeln können bestimmten morphologischen Regeln vorgeordnet sein. Nach (ii) finden wir für ein komplexes Wort Stamm+Suffix bestimmte phonologische Regeln, die auf den Stamm angewendet werden, bevor das Suffix angefügt wird.

Die Verben weisen ein iambisches Muster auf. -al wird nur an Verbstämme mit dem Akzentmuster w s angehängt. Phonetik & Phonologie WS 2007/2008 Lexikalische Phonologie Interaktion Phonologie/Morphologie Im Englischen werden bestimmte Suffixe nur an Stämme mit einem bestimmten Akzentmuster angefügt. Wenn der Wortakzent durch eine phonologische Regel eingefügt wird, dann muss dies also vor der Affigierung stattfinden. Ein Beispiel ist das Suffix -al : arrive ankommen arriv+al Ankunft refuse ablehnen refus+al Ablehnung commit anvertrauen committ+al Verpflichtung

Prosodische Phonologie Die Anwendung postlexikalischer Regeln ist meistens auch auf bestimmte Domänen beschränkt, die mehrere aber nicht beliebig viele Wörter umfassen. Die Theorie der prosodischen Phonologie beschäftigt sich mit prosodischen Konstituenten. Wir haben bereits gesehen, dass die Silbe als Domäne motivierbar ist, auf die sich phonologische Regeln beziehen. Ein zweites Beispiel ist der Fuß. Es gibt Evidenz für vier weitere prosodische Konstituenten. Insgesamt haben wir die folgenden prosodischen Domänen: Silbe (), Fuß (F), phonologisches Wort (ω), phonologische Phrase (φ), Intonationsphrase (IP), phonologische Äußerung (PÄ).

Prosodische Phonologie Der Fuß Für die australische Sprache Diyari gelten folgende Akzentregeln: Die erste Silbe im Wort trägt den Hauptakzent, und jede zweite Silbe danach einen Nebenakzent. [ F durchbohren [ w (w ) F ( ) F brechen Die Reduplikation ist hier ein Mittel zur Bildung verschiedener morphologischer Kategorien. Dabei wird nur der erste Fuß redupliziert: [ [w ri] [ + [waka+wakari]

Prosodische Phonologie Das phonologische Wort Das phonologische Wort ist nicht das Gleiche wie das grammatische Wort. Ein grammatisches Wort kann aus mehreren phonologischen Wörtern bestehen. Bspw. Komposita wie Wegrand : (weg) ω (rand) ω Morphologische Affixe bilden oft kein eigenes phonologisches Wort: (Stamm+Affix) ω Die Vokalharmonie im Ungarischen bezieht sich auf die Domäne des phonologischen Wortes: [te:rke:p~+r :l] [la:n+ro:l] Landkarte Mädchen

Prosodische Phonologie Das phonologische Wort Im Deutschen kann das phonologische Wort die Domäne der Silbifizierung sein. Gemäß dem Maximum Onset Principle wird das Wort Fabrik so silbifiziert: [fa.b Gemäß dieser Maxime müsste Wegrand entsprechend silbifiziert werden: *[we:.g ant Aber hier wird die Wortgrenze beachtet: [we:k. ant

Prosodische Phonologie Die phonologische Phrase Ein Phänomen, für das diese Domäne relevant ist, ist im Italienischen das Radoppiamento Sintattico. Hier wird ein wortinitialer Konsonant gedehnt, wenn (i) das vorhergehende Wort in einem betonten Vokal endet, und (ii) auf den Konsonanten ein Vokal oder Gleitlaut folgt. (ho visto) φ (tre [k:]olibri) φ (molto scuri) φ habe gesehen drei Kolibri sehr dunkle Radoppiamento Sintattico bleibt aus, wenn zwischen Vokal und Konsonant eine φ-grenze liegt.

Prosodische Phonologie Die Intonationsphrase Eine Intonationsphrase ist die Domäne von Intonationskonturen. In der Englischen Schrift bezeichnen Kommata häufig IP-Grenzen. Auch Parenthesen bilden eigene IPn: (By the sea shore) IP (they found an old cave) IP (Isabelle is an artist) IP (Isabelle) IP (as you know) IP (is an artist) IP Die phonologische Äußerung Dies ist die rößte prosodische Konstituente, die mehrere Sätze umfassen kann.

Prosodische Phonologie Die prosodische Hierarchie Die prosodischen Konstituenten stehen in einer hierarchischen Beziehung: phonologische Äußerung Intonationsphrase phonologische Phrase phonologisches Wort Fuß Silbe Strict Layer Hypothese (Selkirk 1984): Eine prosodische Konstituente n wird unmitelbar von einer prosodischen Konstituente n+1 dominiert.

Optimalitätstheorie Ein neuerer Ansatz, der seit 1993 zu einer sehr prägenden Theorierichtung in der Phonologie wurde, ist die Optimalitätstheorie. Sie verzichtet auf Regeln und Derivationen. Phonologische Generalisierungen werden nicht mit Hilfe von Regeln, sondern mit onstraints (Beschränkungen) ausgedrückt. Es gibt Markiertheits- und Treue-Beschränkungen. Markiertheitsbeschränkungen formulieren Wohlgeformtheitsbedingungen. Treuebeschränkungen wirken diesen oft entgegen, da sie die Beibehaltung zugrundeliegender Repräsentationen fordern.

Optimalitätstheorie Die Beschränkungen sind verletzbar und gemäß einer Beschränkungshierarchie geordnet. Eine OT-Grammatik beschreibt eine Input-Output-Abbildung. Für einen Input, eine zugrundeliegende Repräsentation, wird eine Kandidatenmenge möglicher Outputformen (Oberflächenformen) generiert. Diese Kandidaten werden nun miteinander mittels der Beschränkungshierarchie verglichen. Der Output, also grammatische Ausdruck, ist der optimale Kandidat, der in diesem Vergleich am besten abschneidet.

Optimalitätstheorie Ein solcher OT-Wettbewerb wird in einer Tabelle dargestellt: /input/ A B Kandidat 1 * Kandidat 2 * Beispiele für Markiertheitsconstraints: a. Vordere Vokale sind ungerundet b. Sonoranten sind stimmhaft c. Silben sind offen Beispiele für Treueconstraints: d. Der Input enthält alle Segmente, die im Output erscheinen. e. Der Output enthält alle Segmente, die im Input erscheinen. f. Die Outputsegmente haben dieselben Merkmale wie die Inputsegmente.

Optimalitätstheorie Eine Anwendung: Pluralallomorphe im Englischen 3 Beschränkungen: *SibilSibil: Eine Folge aus zwei Sibilanten am Wortende ist verboten. StimmStimm: In einer Folge aus zwei Obstruenten haben beide den gleichen Werten für Stimmhaftigkeit. KeineEpenthese: Epenthese ist verboten /feis+z/ *SibilSibil K-Epenth StimmStimm [feisz] *! * [feisiz] * [feiss] *! [feizz] *! Ein! markiert die Verletzung, die zur Niederlage des Kandidaten führt. Der Finger deutet auf den Gewinner.

Optimalitätstheorie Die Möglichkeiten und Mechanismen der Optimalitätstheorie können hier nur angedeutet werden. Sie hat sich inzwischen zur wichtigsten Strömung in der generativen Phonologie entwickelt. Mit der OT kann man auf Regelordnungen verzichten. Es werden einzig Oberflächenrepräsentationen für zugrundeliegende Formen verglichen. Damit erledigen sich einige Schwierigkeiten, mit denen die anderen Modelle zu kämpfen hatten, von selbst, zum Beispiel das Verhältnis von phonologischen und morphologischen Regeln.