Der bewegte Montagmorgen Jürgen Müller Gerade zum Wochenbeginn klagen Lehrerinnen und Lehrer häufig über Konzentrationsschwache, müde oder überdrehte Schüler. Bewegungsangebote am Montagmorgen sollen helfen, die Wochenendbelastungen aller Beteiligten abzubauen und den Start in die Woche zu erleichtern. Entstehung und Vorbereitung Am Montagmorgen ist an vielen Schulen die Welt nicht mehr in Ordnung. Das Wochenende hat bei den Schülern Spuren hinterlassen und wirkt in die ersten Unterrichtsstunden hinein. Gerade am Wochenanfang wird der Widerspruch zwischen den Bewegungsbedürfnissen der Grundschulkinder und ihren Bewegungsmöglichkeiten besonders deutlich. KollegInnen klagen über Schüler, die Kampfszenen aus dem letzten Film nachspielen und eine nur geringe Hemmschwelle für körperliche Auseinandersetzungen besitzen. Andere Schüler sitzen müde auf ihrem Stuhl, sind unkonzentriert, nur wenig belastbar oder überdreht und zappelig. (vgl. B. Schwaner- Heitmann 1995, S. 10 ). Probleme dieser Art können umso intensiver auftreten, je weniger die psychomotorischen Bedürfnisse der Schüler am Montagmorgen im Unterricht berücksichtigt werden. Von den KollegInnen einer Grundschule werden die Ausdrucksformen der Schüler so verstanden, dass die Kinder am Montagmorgen das Bedürfnis haben sich zu bewegen, sich auszutoben oder ganz relaxt und ruhig in die Woche zu starten. Hierbei wollen sie den Schülern entgegenkommen und ihnen in der Sporthalle Möglichkeiten anbieten, ihren Bedürfnissen gemäß zu handeln. Da diese jedoch sehr unterschiedlich sind, wird auf ein einheitliches und gelenktes Bewegungsangebot, das nur einen Teil der Schüler anspricht, verzichtet. Die Schüler erhalten somit die Möglichkeit, sich frei und selbstbestimmt in der Sporthalle zu bewegen und sich freizuspielen. Aus organisatorischen Gründen wird die Montags- Bewegungszeit mit einer zweiten Grundschulklasse, die am Montag besonders auffällig ist, begonnen. Es kommen noch zwei hyperaktive Schüler aus der dritten Klasse hinzu, die nach Absprache mit ihren Eltern an der Gruppe teilnehmen. Der zeitliche Umfang des Bewegungsangebotes erstreckt sich über die erste Schulstunde am Montagmorgen. Ansprechpartner für die Schüler sind eine Grundschullehrerin und ein Sonderschullehrer, die im Rahmen der Kooperation zwischen Grund- und Sonderschule zusammenarbeiten. Beide Kollegen leiten keine Bewegungshandlungen und Spiele an, stehen jedoch mit Rat und Tat den Schülern helfend zur Seite. Den Schülern steht ein vielfältiges Materialangebot zur Verfügung, das auch im Pausenbereich von ihnen genutzt werden kann.
Der bewegte Montagmorgen Sich selbst in Bewegung setzen Die Reaktion der Schüler auf die freie Bewegungszeit ist recht unterschiedlich. Eine Gruppe von drei Mädchen nutzte die Bewegungszeit um wochenlang mit den Rollbrettern zu experimentieren. Dabei probierten sie verschiedene Fortbewegungsmöglichkeiten aus und integrierten die Rollbretter zunehmend in komplexere Spielhandlungen. Viele Kleinmaterialien wurden benötigt, Tunnel wurden gebaut und weitere Schüler mit einbezogen, die beim Ziehen des Rollbrett- Zuges tüchtig mit anpackten. Ein Mädchen baute in jeder Bewegungsstunde am Montag mit kleinen Kästen, Matten und Kleinmaterialien ihre Burg. Man sah es dem Mädchen an, dass sie viel Freude daran hatte, einfach drauf los zu bauen. Dabei ging es ihr um das Bauen und Experimentieren mit den Gegenständen an sich und weniger um die Benutzung der fertigen Burg. So verließ sie die Burg nach Fertigstellung und suchte sich neue Bewegungsaufgaben. Andere Schüler übernahmen die leerstehende Burg für ihr Spiel oder bauten an ihr weiter. Jonas, der sich im Sportunterricht nur wenig zutraute, erschien am Anfang recht orientierungslos. Er probierte unterschiedliche Bewegungangebote aus, um sie nach kurzer Zeit wieder zu verlassen. Es war offensichtlich, dass sein Zutrauen, die Geräte und sich selbst in Bewegung zu bringen, wenig ausgeprägt war. Im Verlauf des Schulhalbjahres veränderte sich das Bewegungsverhalten des Jungen ganz allmählich. Er suchte zielgerichtet Bewegungsmaterialien aus und fragte seine Lehrerin, ob er die Geräte in der nächsten Stunde wieder benutzen dürfe. Er traute sich sichtbar mehr zu, was zu einer positiven Veränderung seines Selbstwertgefühles beitrug. Bewegungsbereiche selbst organisieren Zunehmend organisieren die Schüler vor Beginn der Bewegungszeit die Hallenaufteilung selbständig. Sie greifen dabei auf für sie bewährte Hallenaufteilungen zurück. Es finden unter den Schülern Gespräche z. B. darüber statt, warum es für die Ballspieler nicht sinnvoll ist, im Bereich der Pedalofahrer zu spielen. Andere versuchen durch Argumente ihre Mitschüler zu überzeugen, dass sie einen noch größeren Hallenbereich benötigen. Einige der Jungen nutzen einen Hallenbereich zum Fußballspielen. Hierbei sichern sie das Spielfeld so, dass andere Schüler nicht gestört werden. Das Regelwerk und die Torgröße entwickeln die Schüler selbständig. Als Fußball nutzen sie einen Softball der für Außenstehende ungefährlich ist. Auffällig ist, dass die Fußballgruppe aus immer den selben Schülern besteht.
Lernen mit Kopf, Herz und Hand Für die beiden Lehrer besteht anfangs die Schwierigkeit darin, sich zurück zu nehmen, den Schülern keine Bewegungsangebote zu unterbreiten, sondern die Schüler einfach spielen zu lassen. Rhythmisierung der Bewegungszeit oder Wechsel von Spannung und Entspannung Die Bewegungszeit am Montag findet ihren Abschluss in einer Ruhe- und Entspannungsphase, die mit allen Schülern gemeinsam durchgeführt wird und am Anfang nicht länger als fünf Minuten dauert. Da die Schüler keine Vorerfahrungen mit Entspannungsübungen haben, wurde mit Bewegungsübungen, die langsame und fließende oder rhythmische Formen haben, begonnen.( vgl. Kolb, in Sportpäd. 19, H. 6 ) Dabei wurde die Wahrnehmung zunächst auf äußere Gegenstände, Geräusche und Personen gerichtet. Im weiteren Verlauf fand zunehmend eine Zentrierung auf den eigenen Körper statt. So wurden am Ende des Schuljahres Entspannungstechniken wie progressive Muskelrelaxation und Fantasiereisen eingesetzt. Die Entspannungsphasen werden von allen Schülern gut angenommen. Besteht am Anfang bei einigen Schülern noch das Bedürfnis in der Phase der Ruhe sich durch Geräusche Aufmerksamkeit zu verschaffen, sind bald alle Schüler bereit, sich in die Entspannung fallen zu lassen.
Der bewegte Montagmorgen Jürgen Müller Medernsand 13a 21762 Otterndorf Die Stunden danach Die Schüler verlassen entspannt und zufrieden die Sporthalle. Noch während des Umkleidens scheint es so, als befinden sich die Schüler gedanklich noch in der Entspannungsphase. Es tritt kaum der übliche Lärm auf, der sonst das Umkleiden der Schüler begleitet. So wird beobachtet, dass die Schüler ihre Spiele in der großen Pause oftmals weiter spielen und die hierfür benötigten Bewegungsmaterialien selbständig organisieren. Die Durchführung der Spiele auf dem Pausenhof ist, und das ist sicherlich auch auf die Bewegungszeit zurückzuführen, sehr partnerschaftlich und fantasiereich. (vgl. B. Schwaner-Heitmann,S.11). Als Veränderungen der Lerngruppe im Klassenraum stellt die Klassenlehrerin fest, dass sich die Schüler weniger streiten und schneller bereit sind, ihren Organisationsrahmen einzunehmen. Die sogenannten auffälligen Schüler scheinen besonders von der Montags- Bewegungszeit zu profitieren. Sie können das ausleben, was sie in der aktuellen Situation benötigen, nämlich aktive, großräumige Bewegungen, die von ihnen selbst bestimmt werden. (Schwaner- Heitmann 1995, S.12). Die Schule hat darauf flexibel reagiert und die starren Strukturen des Stundenplans zumindest teilweise aufgehoben und den Schülern die Wiederherstellung ihres leibseelischen Gleichgewichts ermöglicht. Literatur: Kolb, M.: Ruhe, Konzentration und Entspannung. In: Sportpädagogik, Heft 6/1995, S. 62 Müller, J. Die Montags-Bewegungszeit als Einstieg in die Woche. In: Grundschule, Heft 1 / 1998, S. 41 Schwaner-Heitmann, B.: Bewegung und Gesundheit als Leitmotiv der Schulentwicklung. In: Drescher, Brigitte (Hrsg.): Schulen in Bewegung. Bielefeld 1995
Lernen mit Kopf, Herz und Hand Kapitel 4 Schulraumgestaltung