Germanistik Daniela Becker Ingeborg Bachmanns 'An die Sonne': Loboder Klagelied? Studienarbeit
Eberhard-Karls-Universität Tübingen Deutsches Seminar Hauptseminar: Ingeborg Bachmann: Gedichte und frühe Erzählungen Sommersemester 2004 Ingeborg Bachmanns An die Sonne: Lob- oder Klagelied? Daniela Becker Studienfächer: Französisch (HF) Deutsch (HF) Spanisch (NF) 1
Inhaltsübersicht I. Einleitende Bemerkungen...1 II. Hauptteil...2 II.1. Formale Aspekte des Gedichts An die Sonne...2 II.2. Inhaltliche Analyse des Gedichts An die Sonne...3 II.2.1. 1. Strophe: Das Paradigma der Anbetung der Sonne...3 II.2.2. 2. Strophe: Die Ambivalenz des Sonnenkreislaufes...6 II.2.3 3. Strophe: Ohne die Sonne...7 II.2.4. 4. Strophe: Infragestellung des Lobpreises...8 II.2.5. 5. Strophe: Höhepunkt des Gedichtes...9 II.2.6. Strophen 6 und 7: Der Blick vom Nahen zum Fernen...10 II.2.7. Strophe 8: Blaue Poetik...11 II.2.8. Strophe 9: Die unersättlichen Augen...13 III. Abschließende Betrachtungen...21 IV. Literatur...23 2
I. Einleitende Bemerkungen Das Gedicht An die Sonne von Ingeborg Bachmann wird in der Literatur häufig als Preislied bezeichnet. 1 Andere Interpreten dagegen sehen in den Schlussversen von An die Sonne eine einzige Klage über den Tod, der uns von der schönen Sonne trennt. 2 Bei genauerer Lektüre des Gedichts zeigt sich jedoch, dass in An die Sonne Licht- und Schattenseiten eng verknüpft sind ebenso wie in Bachmanns Werk allgemein. 3 So durchzieht der Gegensatz Licht (Lob) Dunkel (Klage) alle Gedichte des zweiten, 1956 erschienenen Lyrikbandes Anrufung des Großen Bären, welcher sich in vier Teile gliedert: Während im zweiten, aus dreizehn Gedichten zusammengesetzten Teil der Weg der Landnahme vom Nebelland des Nordens in den Süden führt, stellen die zwölf sogenannten Italiengedichte des dritten Teils eine Südwelt mit dem Schlussgedicht An die Sonne vor. Doch der Süden ist im Werk Bachmanns nicht eindeutig positiv konnotiert wie beispielsweise das Gedicht Das erstgeborene Land 4 aus der Gedichtsammlung Anrufung des Großen Bären zeigt: In mein erstgeborenes Land, in den Süden / zog ich und fand, / nackt und verarmt / und bis zum Gürtel im 1 Z.B. Barbara Ratecka: Ich will versuchen, es [die Hymne An die Sonne] als einen Lobpreis auf die Schönheit der Natur zu interpretieren, [...]. Ratecka, Barbara: Ingeborg Bachmann An die Sonne - Versuch einer Interpretation. In: Wolfgang Braungart (Hrsg.): Über Grenzen. Polnisch-deutsche Beiträge zur deutschen Literatur nach 1945. (Giessener Arbeiten zur neueren deutschen Literatur und Literaturwissenschaft. Bd. 10). Frankfurt a. M., Bern, New York, Paris 1989, 166. 2 Aber erst die Schlußverse der Hymne werden diejenige Klage anstimmen, die Bachmann im weiteren Verlauf ihres Werkes an verschiedenen Stellen wieder aufnehmen wird. Huml, Ariane: Silben im Orleander, Wort im Akaziengrün. Zum literarischen Italienbild von Ingeborg Bachmann. Göttingen 1999, 298. Bachmanns Hymne An die Sonne basiert spätestens ab dem letzten Vers der achten Strophe auf einer besonderen Erfahrung des Weltschmerzes, der auf einer nicht wiedergutzumachenden Verlusterfahrung beruht: dem Verlust der Augen (9,5) [...]. Huml, 286. 3 So weist Ute Maria Oelmann darauf hin, dass Gegensätze wie Norden und Süden, Kälte-Wärme, Vereisung-Tauen, Tod-Leben, Schuld-Unschuld das Werk Bachmanns prägen. Vgl. Oelmann, Ute Maria: Deutsche poetologische Lyrik nach 1945: Ingeborg Bachmann, Günter Eich, Paul Celan. Stuttgart 1980, 7. Hans Höller weist im Zusammenhang mit dem Titelgedicht des Zyklus Anrufung des Großen Bären darauf hin: Vor dem Wissen um diese Nachtseite der Welt, um den finstergesprenkelten Weltgang (Ernst Bloch), ist die großartige und zugleich bescheidene Verherrlichung der Wahrnehmung bei Ingeborg Bachmann zu sehen, sowohl als Thema des Gedichts Du wachst und siehst im Dunkeln nach dem Rechten, / dem unbekannten Ausgang zugewandt - wie als sprachlich realisiertes Weltverhalten, am augenfälligsten in An die Sonne. Menschliche Wahrnehmung, das ist Sehen, Umsicht, Nach-dem-Rechten-Sehen, die Haltung dessen, der in der Dunkelhaft der Welt nicht aufgibt und nicht aufhört, nach dem Rechten zu sehen. Das Gedicht Anrufung des Großen Bären läßt sich, nicht anders als die Utopie einer menschlich wahrgenommenen Welt, vielleicht erst ganz aus der geheimen Spannung zu diesem anderen großen Anrufungsgedicht des zweiten Lyrikbandes verstehen, dem hymnischen An die Sonne. Die Schönheit einer Welt, die durchleuchtet ist von menschlichen Beziehungen [...] - diese Utopie muss auf dem Hintergrund der verantwortungslosen Gewalttätigkeit des Großen Bären gelesen werden, der wüsten Schreckenund Nachtseite der Welt, die sich über die Menschen fremd hinwegsetzt, um zu begreifen, welcher Erfahrung dieses Weltverhältnis abgerungen ist, dieser Preis eines menschlichen Lebens mit der abschließenden unaussprechlichen Trauer über den unabwendbaren Verlust der Augen. Höller, Hans (Hrsg.): Der dunkle Schatten, dem ich schon seit Anfang folge. Ingeborg Bachmann - Vorschläge zu einer neuen Lektüre des Werks. München, Wien 1982, 164. 4 Ingeborg Bachmann: Das erstgeborene Land. In: dies. Sämtliche Gedichte. München 2004, 129. 3