3/Spezielle Distributionen Das vorhandene Raspbian-Betriebssystem ist sehr gut für allgemeine Computeraufgaben geeignet. Manchmal möchten Sie den Pi möglicherweise aber für einen bestimmten Zweck anpassen, zum Beispiel für den Einsatz als eigenständiges Mediacenter oder wenn Sie ein Pedal für Gitarreneffekte basteln. Das Linux-Ökosystem umfasst umfangreiche Software für jede erdenkliche Form von Anwendung. Einige Leute haben sich die Zeit genommen und die jeweils passende Software zusammengestellt, so dass Sie sich diese Arbeit sparen können. In diesem Kapitel werden nur einige der spezielleren Distributionen herausgehoben, als Ausgangspunkt für Ihre ersten Schritte. Wenn wir den Begriff Distribution verwenden, sprechen wir über drei Dinge gleichzeitig: den Linux-Kern und die entsprechenden Treiber vorinstallierte Software für eine bestimmte Anwendung spezielle Tools für die Konfiguration oder vorkonfigurierte Tools für eine bestimmte Aufgabe (z. B. zum Booten in ein bestimmtes Programm) Wie Sie in Kapitel 1, Fahrt aufnehmen, auf Seite 1 gesehen haben, gibt es drei gängige Distrubutionen für allgemeinere Zwecke (zumindest drei, die im NOOBS-Installer als Optionen zur Verfügung stehen): 39
Raspbian (http://raspbian.org) Hierbei handelt es sich um die für den Einstieg von der Foundation empfohlene Distribution; sie basiert auf Debian. Arch Linux (http://www.archlinux.org/) Arch Linux ist besonders für ARM-basierte Computer gedacht, so dass der Pi hier bereits sehr früh unterstützt wurde. Pidora (http://pidora.ca/) Pidora ist eine Version der Fedora-Distribution, die auf den Pi abgestimmt wurde. Im Verlauf dieses Kapitels finden Sie weitere Hinweise auf andere interessante, spezielle Distributionen. Warum nicht Ubuntu? Bei Ubuntu handelt es sich um eines der beliebtesten und (möglicherweise) cleversten Linux-Distributionen warum sollte man sie daher nicht auch auf dem Raspberry Pi einsetzen? Ursprünglich war dies genau der Plan der Entwickler. Es stellte sich aber heraus, dass von Ubuntu nur der ARMv7 oder leistungsfähigere Prozessoren unterstützt werden. Distributionen fürs Heimkino Das gängigste Programm in in diesem Bereich ist XBMC, das als Mediacenter-Projekt für die Ausführung auf der Xbox begann. Im Laufe der Jahre hat sich XBMC allerdings zu einer allgemeineren Entertainment-Center- Plattform entwickelt, die zufallig auch sehr gut auf dem Pi eingesetzt werden kann. Im Sommer 2014 benannte die XBMC Foundation die Software in Kodi um, um die Entwicklung des Projekts in den Fokus zu rücken, da sie auf den neueren Xbox-Versionen überhaupt nicht ausgeführt werden konnte. Es gibt eine Reihe Pi-Distributionen, die es auf einfache Art und Weise ermöglichen, XBMC in Ihr Wohnzimmer zu bringen: Raspbmc (http://www.raspbmc.com) Eine Option in NOOBS, die möglicherweise die erste ist, die Sie ausprobieren (Abbildung 3-1). OpenELEC (http://openelec.tv/) Das Open Embedded Linux Entertainment Center ist eine Kurzversion von XBMC und möglicherweise für Pi-Nutzer reizvoll, die es minimalistischer mögen. 40 Raspberry Pi für Einsteiger
Abbildung 3-1: XBMC/Kodi für ein eigenständiges Mediacenter Distributionen für Musik Da er preiswert ist und in eine Stomp Box für Gitarreneffekte eingepasst werden kann, gibt es seit seinem Erscheinen in der Welt der elektronischen Musik einen Hype in Bezug auf den Pi. Hier einige Beispiele: Satellite CCRMA (http://stanford.io/1ripjse) Diese Distribution vom Stanford s Center for Computer Research in Music and Acoustics (CCRMA) ist für integrierte Musikinstrumente und Kunstinstallationen sowie für Effektpedale gedacht. Mit ihr lässt sich auch andere Software ausführen, der Kern jedoch besteht aus Pure Data Extended, Faust, JackTrip und ChucK. Das eigentliche Grundprinzip wird in der Abhandlung Satellite CCRMA: A Musical Interaction and Sound Synthesis Platform (http://bit.ly/1qol7wo) von Edgar Berdahl und Wendy Ju beschrieben. Volumio (http://volumio.org/) Ein Music Player für Audiophile. Dieses Projekt entwickelte sich aus RaspyFi (http://www.hifiberry.com/hbdigi). An der Musikfront möchten Sie vielleicht Phil Atkin s PIANA Pi-Synthesizer (http://raspberrypisynthesizer.blogspot.com/) ausprobieren. Hardware-Hacken mit Occidentalis Adafruit Industries haben eine Unterversion der Raspbian/Wheezy-Linux- Distribution entwickelt und Treiber sowie Software hinzugefügt, mit deren Hilfe das Elektronik-Prototyping schon von Haus aus erleichtert wird. Kapitel 3: Spezielle Distributionen 41
Das Ergebnis ist die Adafruit Raspberry Pi Educational Linux Distro (http:// bit.ly/1bw4heo). Der Deckname lautet Occidentalis und stammt von der Artbezeichnung für die schwarze Himbeere. Bei Occidentalis handelt es sich um ein sehr interessantes Beispiel für das Open-Source-Modell in Aktion. Das Linux-Ökosystem weist eine lange Geschichte von Distributionszweigen auf, die speziell für einen bestimmten Verwendungszweck entwickelt wurden. Diese Zweige waren die Versuchsfelder für gezielte Verbesserungen, die dann wieder in andere Distributionen zurückfließen konnten. Viele der Verbesserungen und Ergänzungen hatten die Unterstützung gängiger Sensoren und einiger Adafruit-Produkte ohne die Notwendigkeit einer Installation zusätzlicher Software zum Ziel. Es gibt außerdem einige Verbesserungen auf niedrigerer Ebene, die die Pulsweitenmodulation und die Steuerung von Servo- Motoren direkt vom Raspberry Pi aus vereinfachen. Eine Liste der Features finden Sie auf der Übersichtsseite (http://bit.ly/ 1BW4Heo) und Beispiele, wie Sie Occidentalis nutzen, in den Adafruit-Tutorials (http://bit.ly/1sfnj83). Retrocomputing und Retrogaming Der Pi wurde von den preiswerten Personal Computern der 1980er Jahre inspiriert. Es scheint daher passend, dass etliche Distributionen nostalgisches Retrocomputing und gaming zum Ziel hatten. RISC OS (https://www.riscosopen.org/content/) Bootet direkt in BASIC! Plan 9 (http://plan9.bell-labs.com/wiki/plan9/download/) Der experimentelle Unix-Nachfolger von Bell Labs, mit einem der netteren Betriebsystem-Maskottchen, Glenda, das Plan 9 Bunny. Commodore 64 (http://www.commodorepi.co.nr/) Bootet in einen Emulator dieser klassischen Kiste. Retropie (http://blog.petrockblock.com/retropie/) Ein SD-Karten-Image und GPIO-Hardware-Board, mit denen das Entwickeln von Konsolen für das Retrogaming erleichtert wird. PiPlay (http://pimame.org/) Eine vorgefertige Distribution für Gaming und Emulation auf Basis von MAME (vormals PiMAME). 42 Raspberry Pi für Einsteiger
Andere nützliche Distributionen Hier einige weitere erwähnenswerte Distributionen: Qt on Pi (http://qt-project.org/wiki/qt-raspberrypi) Ein Betriebsystem-Bundle für Entwickler von eigenständigen Anwendungen, die nur einen bestimmten Zweck erfüllen, wobei das Qt-GUI- Framework verwendet wird. Web kiosk (http://www.binaryemotions.com/) Für das Betreiben von Internet-Kiosken und das Erstellen digitaler Beschilderung. Openwrt (http://wiki.openwrt.org/toh/raspberry_pi) Mit dieser Open-Source-Plattform für Router wandeln Sie Ihren Pi in einen leistungsstarken Router um. Weitere Informationen Eine Liste der Linux-Distributionen, die mit dem Raspberry Pi eingesetzt werden können (http://bit.ly/1bw4sgp) Es handelt sich hierbei um die vollständige Liste im Raspberry-Pi-Hub-Wiki. Kapitel 3: Spezielle Distributionen 43