Parallaktische Entfernungsmessung

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Transkript:

Parallaktische Entfernungsmessung U. Backhaus 1 Die geometrische Parallaxe Wenn man an der ausgestreckten Hand einen Gegenstand, z.b. einen Apfel, vor sich hält und die Augen abwechselnd schließt, beobachtet man, dass der Apfel scheinbar vor den weit entfernten Gegenständen der Umgebung hin- und herspringt nach rechts, wenn das rechte Auge geschlossen wird, und umgekehrt. Diese scheinbare Positionsveränderung, die so genannte parallaktische Bewegung, beruht auf der sich ändernden Blickrichtung. Dieser Parallaxeneffekt ist jedem aus dem täglichen Leben bekannt: Wenn wir die Umgebung von verschiedenen Standpunkten aus betrachten, haben alle Objekte unterschiedliche Positionen relativ zueinander. Je näher die Gegenstände sind, desto stärker verändern sie ihre relative Position. Je weiter die Objekte entfernt sind, desto kleiner ist der Effekt. Er kann deshalb zur Entfernungsbestimmung herangezogen werden. Tatsächlich ist die Parallaxe ein wesentliches Hilfsmittel zum dreidimensionalen Sehen: Die beiden Augen nehmen verschiedene Bilder auf, in denen sich die relativen Positionen der Gegenstände zueinander etwas unterscheiden. Im Gehirn werden diese beiden Bilder zu einem dreidimensionalen Bild verarbeitet (Abb. 1). Sind die Entfernungen zu groß, die parallaktischen Unterschiede deshalb zu klein für die Erzeugung eines dreidimensionalen Bildes, dann helfen die parallaktischen Verschiebungen bei Bewegung, sich einen Eindruck von der Tiefenstaffelung zu verschaffen: Bilder/parallaxe/ruinel.eps Bilder/parallaxe/ruiner.eps Abbildung 1: Stereobild einer Landschaft mit Ruine. Der Stereoeffekt entsteht, wenn die Bilder mit dem Parallelblick so betrachtet, dass die beiden Punkte über den Bilden zu einem zusammenschmelzen. 1

6 π d Abbildung 2: Zum Zusammenhang zwischen Parallaxe π, Abstand der Beobachtungsorte und der Objektentfernung d Bei einer Bewegung nach rechts scheinen sich die näheren Gegenstände relativ zu den weiter entfernten in die entgegengesetzte Richtung zu bewegen. Die Parallaxe π eines Gegenstandes ist der Unterschied in den Blickrichtungen zweier Beobachter, die ihn ansehen. Oder anders ausgedrückt: π ist der Winkel, unter dem der Abstand der beiden Aufnahmeorte, z.b. der beiden Augen oder der beiden Observatorien, von dem Gegenstand aus erscheinen (Abb. 2). Steht die Verbindungslinie senkrecht auf der Richtung zum Gegenstand, dann gilt offensichtlich die folgende Beziehung: tan π 2 = 2 d = d = 2 tan π 2 (1) Ist die Entfernung sehr groß, die Parallaxe sehr klein, dann gilt näherungsweise: d π 1 π (2) Die Messung der so genannten trigonometrischen Parallaxe ist auch heute noch das genaueste Verfahren, die Entfernungen astronomischer Objekte zu bestimmen. Wenn man die relative Verschiebung β vor unendlich weit entferntem Hintergrund beobachtet, dann zeigt sie direkt die Parallaxe: β = π (s. Abb. 3 1 ) Beobachtet man dagegen die parallaktische Verschiebung relativ zu einem endlich weit entferntem Hintergrund, dann ist sie kleiner als die Parallaxe, weil der Hintergrund selbst auch Parallaxe zeigt: β = π π H (s. Abb. 4). 1 Die Abbildung 3 und 4 sind Stereobilder. Sie rufen einen stereoskopischen Eindruck hervor, wenn man sie mit dem so genannten Parallelblick betrachtet, so dass die mit den beiden Augen gesehenen unterschiedlichen Bilder zu einem Bild verschmolzen werden. Die Punkte über den Bildern können als Hilfe dienen: Der Blick, d.h. die Augenstellung, ist richtig, wenn man zwischen den beiden Punkten genau einen zusätzlichen Punkt sieht. Anfangs ist es günstig, die Augen zunächst sehr nahe an die Bilder heranzuführen und sie langsam zu entfernen, wenn man die richtige Augenstellung gefunden hat. 2

Bilder/Parallaxe/stereo1 Abbildung 3: Parallaktische Verschiebung der Venus gegenüber dem Fixsternhimmel. Diese Verschiebung ist gleich der Venusparallaxe π V. Bilder/Parallaxe/stereo2 Abbildung 4: Parallaktische Verschiebung von Venus und Sonne. Die Verschiebung der Venus relativ zur Sonnenscheibe ist kleiner als relativ zu den Sternen in Abb. 3. 3

Bilder/Parallaxe/reellesBild1 Abbildung 5: Reelles Bild und Stange sind gleich weit entfernt. 2 Die parallaktische Bestimmung der Lage von Linsenbildern Wenn man durch eine Linse zu einer Kerzenflamme sieht und in der Linse das Bild der Flamme erkennt, dann kann man die Lage des Bildes herausfinden, indem man ein Auge zuhält und den Kopf leicht links/rechts hin- und herbewegt: Bewegt sich bei der Kopfbewegung nach rechts das Bild relativ zur Linsenfassung nach links, dann ist das Bild näher als die Linse. Es handelt sich also um ein reellesbild (Abb. 5, 6, 7). Bewegt sich das Bild der Flamme bei Bewegung nach rechts relativ zur Linsenfassung in dieselbe Richtung, dann ist das Bild weiter entfernt als die Linse. Es handelt sich um ein virtuelles Bild (Abbildungen 8, 6, 7). Durch die relative Verschiebung zwischen einer Stange und dem Flammenbild kann man herausfinden, in welcher Entfernung sich das Bild genau befindet: Verändert sich bei der Kopfbewegung die Lage von Stange und Bild zueinander nicht, sind beide gleich weit entfernt (Abbildungen 8, 5). Bewegt sich das Bild relativ zur Stange in dieselbe Richtung wie der Kopf, dann ist es weiter entfernt als die Stange (Abbildungen 6 und 10). Bewegt sich das Bild relativ zur Stange in die entgegengesetzte Richtung wie der Kopf, dann ist es näher als die Stange (Abbildungen 7 und 9). 4

Bilder/Parallaxe/reellesBild2 Abbildung 6: Das reelle Bild ist weiter entfernt als die Stange.. Bilder/Parallaxe/reellesBild3 Abbildung 7: Die Stange ist weiter entfernt als das reelle Bild. 5

Bilder/Parallaxe/virtBild1 Abbildung 8: Virtuelles Bild und Stange sind gleich weit entfernt. Bilder/Parallaxe/virtBild2 Abbildung 9: Die Stange ist weiter entfernt als das virtuelle Bild. 6

Bilder/Parallaxe/virtBild3 Abbildung 10: Das virtuelle Bild ist weiter entfernt als die Stange. 7