Optimalitätstheorie (WS 2013)

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Verfasser: Eckehart Weiß

Transkript:

Optimalitätstheorie (WS 2013) Subtraktive Armin W. Buch 18. November 2013

Kursübersicht Datum Thema 21.10. Einführung 28.10. Grundlagen 4.11. Faktorielle Typologie 11.11. Epenthese und Löschung, Silbenstruktur 18.11. 25.11. Betonung 2.12. Betonung 2 9.12. Vokalharmonie 16.12. Reduplikation 13. 1. Syntax 20. 1. Berechnung 27. 1. Wahlthemen 3. 2. Wahlthemen Subtraktive

in OT Subtraktive Grundaufgabe Die Reihenfolge von n erklären Allomorphe richtig auswählen Interessante Fälle: Interaktion verschiedener Beschränkungen Phonetisch getriggerte Morphempositionen Aus phonetischen Gründen nicht realisierbare Morpheme Auf den ersten Blick absurde (z.b. subtraktive)

Reihenfolge von Morphemen Subtraktive sind entweder Präfixe oder Suffixe Regeln für ihre Positionierung sind sprach- und morphemspezifisch Damit sind sie nicht universell, aber sie folgen dem universellen Schema für Alignierungsconstraints Und sind sie auch verletzbar? Es gibt ja noch die

Alignierung Das Generalized-Alignment-Schema ALIGN(Kat 1,L/R,Kat 2,L/R) Jeder linke/rechte Rand einer jeden Kategorie 1 fällt mit einem linken/rechten Rand einer Kategorie 2 zusammen Alle grammatischen und prosodischen Kategorien Silben Wörter auch individuelle Morpheme z.b. wird am Anfang eines Stammes im Deutschen nie resyllabifiziert, d.h. ALIGN(Stem,L,σ,L) ist undominiert Subtraktive

Ausrichtung von Morphemen Subtraktive {richt Stem,aus VPart,en inf } ALIGN(VPart,R,Stamm,L) ALIGN(Infl,R,ω,R) a. ausrichten b. richtausen! c. richtenaus! d. ausenricht! Die Ausrichtung von Verbalpartikeln (abtrennbaren Vorsilben) wird von syntaktischen Constraints dominiert Alternative: Flexion am rechten Wortrand ausrichten

im Tagalog Input Output Glosse um+alis umalis leave um+sulat sumulat write um+gradwet grumadwet graduate ma+tulog matulog sleep Subtraktive Die Positionierung des s ist von seiner Form abhängig orientieren sich immer am Wortrand Reparatur eines s, und kein eigener Typ von Affix? Was wird repariert?

Tableau für im Tagalog Subtraktive {/um/,/sulat/} NOCODA ALIGN(um,L,ω,L) a. um.su.lat! b. su.mu.lat s c. su.lu.mat sum! Minimalität der Verletzung ergibt sich aus der Verletzungsschwere in der zählenden Variante von ALIGN Hier wird die Nicht-Alignierung in Segmenten gezählt

im Kashaya (Kalifornien) Subtraktive Stamm Erweiterung Glosse dahqotol dahqotol-ta- fail to do ditan ditan-ta- bruise by dropping bilaq h am bilaq h a-ta-m- feed sima:q sima:-ta-q- go to sleep (Buckley, 1997) Was wird repariert?

Tableau für im Kashaya Universelle Markiertheitshierarchie: Subtraktive *DOR] σ *LAB] σ *COR] σ {/ta/,/ditan/} *DOR] σ *LAB] σ ALIGN(ta,R,Stem,R) *COR] σ a. di.tan.ta- b. di.ta.ta.n- n! {/ta/,/sima:q/} a. si.ma:q.ta-! b. si.ma:.ta.q- q

Fazit zu Morphemalignierung sind auch nur Prä- oder Suffixe Ihre Positionierung ist phonetisch bedingt Die Verschiebung ist aber minimal, was durch ein zählendes Alignmentconstraint modelliert wird Das ist harmlos, wenn es nur ein Morphem etc. pro zählendem Constraint gibt (lineare Verletzungsschwere) (wie auch andere Constraints die Anzahl der Verletzungen markieren) Durch Rankierung mehrerer Constraints kann so die Reihenfolge von Morphemen z.b. in agglutinierenden Sprachen beschrieben werden Aber: Zählende Constraints, die für mehrere Elemente gleichzeitig eine Schwere festlegen, sind quadratisch, und erhöhen damit die Mächtigkeit von OT Subtraktive

Hausaufgabe In agglutinierenden Sprachen ist die Reihenfolge der Morpheme festgelegt ( Slots ) Sie gilt auch, wenn nicht alle Slots besetzt sind Nehmen wir trotzdem einen ungeordneten Input an Finden Sie ein geeignetes Beispiel, und erstellen Sie eine OT-Analyse mit einem Constraint je Affixklasse Gruppenlösungen erlaubt, Abgabe spätestens in der Sitzung nächste Woche Subtraktive

Subtraktive Beispiel: ge- im deutschen Partizip Perfekt gekauft, eingekauft, verkauft, *geverkauft, *vergekauft, studiert, *gestudiert aber vgl. Ndl. gestudeerd Wie lässt sich die Verteilung von ge- im Deutschen beschreiben?

Tableaux: Deutsch Subtraktive {g@, t, f@rkauf} MAX(Stem) MAX(-t) *LAPSE * @ MAX(ge-) a. g@.f@5."kauft! b. g@.f@5."kauft! c. g@."kauft! d. f@5."kauft Abfolge per Alignierung (hier nicht gezeigt) Alternative: Den Stamm f@rkauf im Input auch noch aufteilen *LAPSE: Verbot aufeinander folgender unbetonter Silben * @: Schwa wird nie betont

Subtraktive Grundsätzlich ist eine abgeleitete Form komplexer als ihre Grundform Aber Sprachen wären nicht Sprachen, wenn es dazu nicht Ausnahmen gäbe Ableitungen, die zu einer kürzeren Form führen, bezeichnet man als Subtraktive Und OT wäre nicht OT, wenn sie sich darüber nicht freuen würde (Verletzbarkeit) Aber: Zu welchem Zweck wird dieses Prinzip verletzt? Subtraktive

Plural im Hessischen Manche Pluralformen des Hessischen erscheinen kürzer als der Singular Diese entsprechen hochdeutschen -e-pluralen Das -e ist im Hessischen ausgefallen Dadurch würde der Singular mit dem Plural zusammenfallen, was auch nicht erwünscht ist Subtraktive Singular Plural Glosse hon Hund dog hond do: Tag ri:nk rin Ring (Golston & Wiese, 1995)

Generalisierung Subtraktive Plurale im Hessischen: ld, nd, Ng, Kg: Nach homorganischem Sonorant Vg: dorsaler (velarer) Konsonant nach Vokal SON]PL: Plurale im Hochdeutschen und Hessischen enden auf Sonoranten l, r, n, Vokal; verletzt von -s Sprachspezifischer constraint SON]PL wird durch Endungen erfüllt bei Null-Endungen auch durch Löschung, wenn das Ortsmerkmal erhalten bleibt Zur Vereinheitlichung der Analyse zählen Vokale dann als dorsal Subtraktive

Tableaux: Subtraktiver Plural hond, Pl MAX(feature) *DEP SON]PL MAX Subtraktive a. hon b.! hond c. hond@! d. ho! Kandidat a. erhält das Orts-Merkmal des /d/ im [n] Subtraktive entsteht, wo das morphologische Constraint (SON]PL) MAX (ein phonologisches) dominiert Die Wahl des Pluralmorphems wird hier nicht thematisiert

Fazit Irregularitäten in der, bis hin zur Nicht-Realisierung von Morphemen (ge-) oder zur Löschung von Segmenten des Stammes, können phonetisch bedingt sein Zumindest in diesen ausgewählten Beispielen Der Beitrag der OT: Der Auslöser wird direkt als Oberflächenbedingung formuliert Es gibt keine Ausnahmen, oder Sonderfälle wie, sondern nur reparierte Regelfälle Subtraktive

Referatsthemen 2.12. Betonung 9.12. Vokalharmonie C. Hüttel 16.12. Reduplikation OO-Korrespondenz 13. 1. Syntax T. Muntschick 20. 1. Berechnung; Erlernbarkeit 27. 1. Differenzielle Objektmarkierung H. Henning 3. 2. Wahlthemen Vorschläge: OT für ganze Sprachen Pragmatik; Bidirektionale OT Übersetzung Subtraktive