«Ambulante Pflege und Betreuung wird immer komplexer»

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1 «Ambulante Pflege und Betreuung wird immer komplexer» Der heutige internationale Tag der Pflege steht unter dem Motto «Professionalisierung». Ist diese Professionalisierung, gerade in der Schweiz, nicht ein enormer Kostentreiber? Sigrun Kuhn: Im Gesundheitswesen und speziell in der Spitex muss eine Professionalisierung nicht zwangsläufig zu höheren Kosten führen. Prozesse und Abläufe werden effizienter organisiert, dazu gehört zum Beispiel auch eine professionalisierte EDV. Mit solchen Verbesserungen kann teure Arbeitszeit eingespart werden. Und dennoch: Auch die Leistungen der Spitex kosten stets mehr... Wir erbringen zunehmend mehr Leistungen, was sich in höheren Lohnkosten niederschlägt. Immer wichtiger wird dabei die komplexe Pflege. Seit einiger Zeit findet ja eine Verlagerung von der stationären Spitalpflege hin zur ambulanten Pflege in der Spitex statt. Die Spitex ist somit angewiesen auf entsprechend gut ausgebildetes Pflegepersonal auf der Tertiärstufe, also auf Pflegefachleute mit einem Abschluss der Höheren Fachschule oder der Fachhochschule. Eine Pflegehelferin zum Beispiel, die einen weniger hohen Lohn erhält, wäre mit solch komplexen

2 Pflegesituationen überfordert. Hinzu kommt, dass wir aufgrund von verschiedenen Vorgaben der Krankenversicherer mehr Zeit und Geld in den Overhead und in die Infrastruktur investieren müssen. Und schliesslich: Jeder von uns beansprucht die beste Behandlung. Wo sehen Sie im Gesundheitswesen generell und auch in der Spitex Sparpotenzial? Es braucht eine bestimmte Anzahl von gut ausgebildetem Personal auf der Tertiärstufe, das die Verantwortung übernehmen kann. Viele pflegerische Leistungen können aber von Fachpersonen Gesundheit erbracht werden. In etlichen Spitex- Organisationen wird derzeit auch die einfachere Pflege immer noch von diplomierten Pflegefachpersonen übernommen. Um eine Spitex-Organisation effizient zu führen, benötigt man gute mathematische Kenntnisse. Gefördert werden kann ein solches betriebswirtschaftliches Denken dadurch, dass die öffentliche Hand auf eine Defizitgarantie verzichtet. Im Kanton Bern wird das zum Beispiel so gehandhabt. Dadurch sind die Spitex-Organisationen gezwungen, mit dem Geld, das ihnen zur Verfügung steht, auch tatsächlich auszukommen. Im Kanton Solothurn hingegen gewähren die meisten Gemeinden ihrer Spitex immer noch Defizitgarantien. Steht der Spitex im Kanton Bern aber nicht grundsätzlich mehr Geld zur Verfügung? Das wird immer wieder behauptet. Die Zahlen aus dem Jahr 2012 belegen aber, dass die öffentliche Hand im Kanton Bern weniger Geld für die Spitex ausgibt als in Solothurn. Dieses Jahr sind die Beiträge als Folge des aktuellen Spardrucks im Kanton Bern nochmals gesunken. Solothurn liegt mit seinen Beiträgen in etwa im schweizerischen Schnitt. Seit einiger Zeit knüpft der Kanton Solothurn die Erteilung einer Betriebsbewilligung an die Bedingung, dass die Betriebsleiterin oder der Betriebsleiter im betriebswirtschaftlichen Bereich über eine bestimmte Ausbildung verfügt. Das ist ein entscheidender Schritt in die richtige Richtung. Der Kanton Bern hat seine Spitex schon seit längerer Zeit kantonalisiert. Wirkt sich dies positiv auf die Kostenentwicklung aus? Eine Kantonalisierung bedeutet vor allem eine Angleichung der Leistungen und damit auch der Kosten. Einige Organisationen dürften so etwas teurer werden, andere dafür

3 vielleicht etwas günstiger. Mir geht es vor allem darum, dass die Kundinnen und Kunden bei einem Wohnortwechsel innerhalb des gleichen Kantons auf die gleichen Spitex-Leistungen zählen können. Zudem kann es sehr kompliziert werden, wenn eine Spitex-Organisation mit mehreren Trägergemeinden einen Leistungsauftrag abschliessen muss. Geht der Trend in der Schweiz in Richtung Kantonalisierung? In den meisten Kantonen ist die Spitex eine Gemeindeaufgabe, zum Beispiel auch im Aargau oder im Kanton Luzern. Eine kantonalisierte Spitex kennen neben Bern auch das Tessin, Zug, Uri und Appenzell Innerrhoden. In Zukunft dürften kantonal einheitlich definierte Spitex-Leistungen wichtiger werden. Gerade aufgrund der verstärkten Zusammenarbeit mit Spitälern und Heimen. Wir benötigen eine intakte Versorgungskette ohne Lücken. Es muss gewährleistet sein, dass die Spitex die benötigten Dienstleistungen anbietet. Seit Anfang Jahr können Spitex-Kunden den 24-Stunden-Notruf buchen überall im Kanton? In grossen Teilen des Kantons haben Spitex-Kunden mittlerweile Zugang zu einer 24- Stunden-Betreuung. Lücken bestehen aber noch im östlichen Kantonsteil. Um eine 24-Stunden-Betreuung sicherzustellen, müssen die Spitex-Organisationen zusammenarbeiten. Aufgrund der gesetzlichen Ruhezeiten kann eine kleine Organisation unmöglich einen Pikett-Dienst auf die Beine stellen. Im unteren Kantonsteil ist die Zusammenarbeit diesbezüglich noch nicht überall gewährleistet. Bis Ende Jahr sollten wir aber auch hier so weit sein. Der 24-Stunden-Dienst stellt auch eine Brücke dar zwischen der stationären und der ambulanten Pflege. Diese Zusammenarbeit der Spitex-Organisationen ist ein Zwischenschritt zur Fusionierung. Wie steht es damit im Kanton? Im interkantonalen Vergleich gibt es in Solothurn nicht übertrieben viele Spitex- Organisationen. Im vergleichbaren Kanton Thurgau liegt deren Zahl sogar leicht höher. In den letzten Jahren kam es, gerade auch im Kanton Solothurn, zu etlichen Zusammenschlüssen gab es noch 54 Spitex-Organisationen, derzeit sind wir bei 31. Trotz nötiger Zusammenschlüsse und demnach hin zu grossen Organisationen sollte man weiterhin lokale Stützpunkte unterhalten. Das wird von der Bevölkerung

4 sehr geschätzt. Grössere Einheiten ermöglichen eine Professionalisierung der Strukturen, im betrieblichen, aber auch im fachlichen Bereich. Es lohnt sich dann zum Beispiel für einzelne pflegerische Bereiche, Spezialisten anzustellen. Stand jetzt haben wir 31 Spitex-Organisationen im Kanton. Welches Ziel peilen Sie für den Kanton Solothurn an? Aufgrund meiner langjährigen Erfahrung in der ambulanten Pflege und Betreuung sowie unserer Erfahrungen mit der Organisation des24-stunden-notrufs braucht es nicht mehr als 5 regionale Spitex-Organisationen im Kanton. Immer unter der Voraussetzung allerdings, dass diese regionale Struktur mit lokal verankerten Stützpunkten ergänzt wird. Bis es so weit ist, wird das noch Jahre dauern. Ohne verstärkte Zusammenarbeit der Organisationen ist auch die Umsetzung der neuen Ausbildungsverpflichtung kaum möglich... Für die Ausbildung von Pflegefachleuten bestehen Vorgaben, die eine kleine Spitex- Organisation alleine nie erfüllen kann. Eine Möglichkeit wäre deshalb zum Beispiel, dass wir für die Ausbildung auf die regionalen Strukturen zurückgreifen, die wir für den 24-Stunden-Notruf bereits aufgebaut haben. Ideal wäre zudem, wenn der Verband eine Bildungsverantwortliche anstellen könnte, die dann die Berufsbildnerinnen auf regionaler Stufe unterstützt und die Ausbildungs- Koordination übernimmt. Für all das aber braucht es Geld und das fehlt vielen Spitex- Organisationen? Im Unterschied zu Heimen und Spitälern erhält die Spitex keine gesicherten Beiträge für die Ausbildung von Pflegefachleuten. Die Finanzen müssen zuerst geregelt werden, bevor wir für die Ausbildung Strukturen aufbauen können. Wir sind derzeit daran, die Gemeinden davon zu überzeugen, dass die Spitex zur langfristigen Sicherung einer professionalisierten Pflege ihren Teil zur Ausbildung beitragen muss. Zeichnet sich in der Spitex ein Personalmangel ab? Vor allem auf der Tertiärstufe zeichnet sich ein Mangel ab. Die Fachfrauen Gesundheit übernehmen zwar einen grossen Teil der Pflege. Für die immer

5 komplexer werdenden Pflegefälle sind wir aber zusätzlich auf höher qualifiziertes Personal angewiesen. Ein Grund für den sich abzeichnenden Mangel ist, dass weniger Fachfrauen Gesundheit nach ihrer dreijährigen Lehre eine Weiterbildung auf Tertiärstufe absolvieren. Zudem treten die geburtenstarken Jahrgänge aus dem Berufsleben aus. (az Solothurner Zeitung)

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