Die Bedeutung der Kinder für ihre alkoholabhängigen Mütter

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1 anlässlich des 25. Kongresses des Fachverbandes Sucht e.v. Meilensteine der Suchtbehandlung Jana Fritz & Irmgard Vogt Institut für Suchtforschung FH FFM

2 Forschungsprojekte des Instituts für Suchtforschung Frankfurt, FH FFM: Elternrollen Alkoholabhängiger aus Sicht der Mütter (& der Väter) > Quantitative Fragebogenerhebungen ergänzend erhoben: > Qualitative Erhebungen mittels leitfadengestützter Interviews

3 Der heutige Beitrag konzentriert sich auf: Beziehung, Gefühle und Einstellungen zu den leiblichen, minderjährigen Kindern Angaben der Mütter über ihre Gefühle gegenüber ihren Kindern (positive Gefühle, Verlustängste, Schamgefühle, negative Gefühle); Angaben zur Bedeutung der Kinder für die Behandlungsaufnahme bzw. deren Unterstützung während der Behandlung; Hinweise auf die soziale Erwünschtheit von Antworten.

4 Subgruppe (n=65, aus Gesamtgruppe N=172): zum Befragungszeitpunkt mind. ein minderjähriges Kind, vollständiges oder wenigstens teilweises Aufwachsen mit der Mutter eines Kindes, in der Mitte oder am Ende der stationären Entwöhnungsbehandlung

5 Subgruppe alkoholabhängiger Mütter (n=65, quantitative Erhebung): Alter: ø 40 Jahre Erwerbstätigkeit, ja: 34% Feste Partnerschaft: 66% Kinder: ø 2 Alter des 1. Kindes: 80% bis 18 Jahre, 20% 19 Jahre und älter

6 Zusammenleben mit den Kindern: 47% der Mütter leben mit den Kindern und einem Partner/Ehemann zusammen 39% der Mütter leben 'nur' mit den Kindern zusammen (Anmerkung: 14% leben zum Befragungszeitpunkt allein oder mit dem Partner/Ehemann)

7 Behandlungsmotivation/Entscheidung für eine Behandlung: Druck durch die Kinder: Ja = 26%, Nein =74% Unterstützung durch die Kinder: Ja = 55%, Nein = 45% Betrachtet man die Gesamtgruppe, so wird deutlich, dass aus der Sicht der Mütter die Kinder nicht besonders viel Druck ausüben, eine Behandlung aufzunehmen. Jedoch wird mindestens jede zweite Frau von den Kindern unterstützt, wenn sie in einer stationären Behandlung ist.

8 Gefühle und Einstellungen gegenüber den Kindern: Positive Gefühle > stark ausgeprägt Verlustängste > stark ausgeprägt Schamgefühle > ausgeprägt Negative Gefühle > teils/teils Es ist davon auszugehen, dass im Besonderen die Angaben zu den positiven Gefühlen gegenüber den Kindern von sozialer Erwünschtheit gefärbt sind.

9 Auswirkungen von Alkohol: Beziehungsbeeinträchtigung > teils/teils

10 Interviewausschnitt, Auswirkungen von Alkohol: Also die Beziehung zu meinen Kindern, in der Zeit wo ich getrun-ken habe, war natürlich nicht gut. Ich hab sie ja aus dem Grund schon irgendwo vernachlässigt. Ich konnte nicht zuhören, ich hatte nur im Kopf, wie beschaffe ich mir Alkohol. Und wenn ich dann ge-nug drin hatte, habe ich meistens geschlafen. Also in der Hinsicht haben meine Kinder viel mitmachen müssen. Leider! (ISFF - Reinisch 2005)

11 Interviewausschnitt, Belastungsmomente: Angefangen hat es eigentlich schwierig zu werden nach der Trennung von ihrem Vater, da hatte ich nen anderen Mann, der wohl auch ganz schön lebenslustig war und kräftig hingelangt hat. Ich denk, da bin ich ein stückweit reingerutscht. Und wie sie dann in die Schule kam, weil sie auch Legasthenikerin ist, hochgradig... von 100 Kindern hat nur ein Kind mehr Probleme wie sie. Ich hab gelitten, einfach nur für mein Kind, weil es ihr so schwer gefallen ist. Bis das mal offen auf dem Tisch lag, was überhaupt los ist, sie hat nur sich rumgequält, hin und her,... Versetzung war gefährdet. Ja.. Ich hab gedacht, es liegt wieder an mir, weil ich zu wenig Zeit hab, allein erziehend bin, geh arbeiten, trinke, also das war so eine Spirale, da hat es angefangen mich zu belasten,... Mutter zu sein. (ISFF - Hundert 2005)

12 In einigen Fragebatterien des quantitativen Erhebungsinstruments finden sich bemerkenswert wenig Hinweise auf allgemeine Belastungsgefühle durch die Kinder. Andere Aussagen zeigen jedoch ein etwas anderes Bild: Es ergeben sich Hinweise auf Stresserleben in Zusammenhang mit den Kindern und den Aufgaben einer Mutter, wie zum Beispiel Zweifel an der eigenen Erziehungskompetenz oder auch Schamgefühle bzgl. des Konsums.

13 Erfragt man allgemeine Lebenszufriedenheit mit den Kindern erhält man im quantitativen Bereich Angaben, die für eher zufrieden stehen. Hiermit ist gemeint: miteinander auskommen, Freude miteinander haben oder Einfluss auf die Kinder haben. Es ist zu vermuten, dass diese Angaben die tatsächliche Lebenszufriedenheit mit den Kindern überschätzen und diese Angaben von starker sozialer Erwünschtheit geprägt sind.

14 Die Angaben legen den Schluss nahe, dass die Kinder für ihre Mütter von großer Wichtigkeit sind. Das belegen u.a. die starken Verlustängste der Mütter. Sie zeigen jedoch auch, dass die Mutterrolle von sehr vielen Frauen mit Alkoholproblemen als besonders belastend beschrieben wird.

15 Das gilt vor allem für Frauen, deren Kinder psychische Störungen haben, von denen einige sehr wahrscheinlich in Zusammenhang mit dem Alkoholkonsum der Mütter stehen. Die Behandlung konfrontiert diese Mütter mit den Fakten, also mit dem Zusammenhang zwischen ihrem Alkoholkonsum und den psychischen Störungen ihrer Kinder. Das erzeugt (erneut?) Scham- und Schuldgefühle. Dazu passen die Ergebnisse aus qualitativen Interviews, die zeigen, dass gerade diese Frauen große Probleme haben mit der Mutterrolle und mit den (zusätzlichen) Anforderungen, mit denen sie wegen der Probleme ihrer Kinder konfrontiert sind.

16 Bei der Interpretation der Daten aus den quantitativen Erhebungen muss man daher die Ambivalenz der Befragten berücksichtigen, die einerseits gute Mütter sein sollen und sein wollen, die andererseits mit den psychischen Störungen ihrer Kinder konfrontiert sind (und den damit zusammenhängenden Scham- und Schuldgefühlen), und die schließlich wegen ihrer eigenen Probleme und Suchterkrankung in Behandlung sind. Die Familie (Kinder, Partner/Ehemann) sowie die Behandler erwarten wiederum Erfolg, was die Frauen erneut unter Druck setzt.

17 Auf der Grundlage dieser Studien über alkoholabhängige Mütter ergibt sich: Sie brauchen......hilfen hinsichtlich der Kindererziehung, insbesondere im Umgang mit psychischen Störungen ihrer Kinder,...Unterstützung bei der Stressbewältigung und im Konfliktmanagement,...therapeutische Hilfen zum Umgang mit Scham- und Schuldgefühlen,...Training im Aufbau von Freundschaften und sozialen Beziehungen (auch: in Kommunikation),...Training zum Aufbau von positiven Selbstwertgefühlen.

18 Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

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