Knowledge-Management als Chance für die Zukunft

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1 Schwerpunkt Dean Roper Februar 2000 zeitungstechnik Redaktionen im digitalen Zeitalter Knowledge-Management als Chance für die Zukunft Die Bedeutung von Wissen und Informationen scheint in Unternehmen derzeit sprunghaft anzusteigen. Vorangetrieben wird diese bedeutsame Entwicklung von der Technologie und der Wandel betrifft alle Bereiche unserer Gesellschaft. Dass wir der Industriegesellschaft derzeit Ade sagen und die Informationsgesellschaft mit offenen Armen empfangen, ist gerade für Zeitungen besonders relevant, da Informationen ihre Geschäftsgrundlage bilden. Das Wissen, das die Journalisten sammeln, austauschen, speichern, verarbeiten und publizieren, ist der Lebenssaft der Zeitungen ihr wichtigstes Kapital. 22 Die große Frage ist, wie Redaktionen die jahrelang an traditionelle, produktionsorientierte, industrielle Workflows und Organisationsstrukturen gekettet wurden mit diesem Wissen umgehen, um anderen seriösen Informationsanbietern und der immer weiter steigenden Zahl an Möchtegern-Anbietern Paroli bieten zu können. Die meisten Branchenkenner beobachten zwar, dass in den Redaktionen ein Wandel stattfindet, dieser Wandel geht ihrer Ansicht nach jedoch noch nicht weit genug. Redakteure und Reporter sind hingegen der Meinung, in den Redaktionen wachse die Kompetenz für die mehrfache Nutzung von Inhalten in unterschiedlichen Medien zwar in großem Umfang, dennoch müsse man nach wie vor täglich gegen große Schwierigkeiten ankämpfen. Beide Feststellungen sind leider richtig. Wenn Zeitungen sich jedoch in Knowledge-Management-Unternehmen wandeln wollen, werden hierbei neben der Unternehmensführung vor alllem die Redakteure und Reporter die Hauptrolle spielen müssen. Der Technologie kommt bei diesem Wandel wieder einmal eine große Bedeutung zu und für das Knowledge-Management (Wissensmanagement) wird bereits eine verwirrende Palette von Anwendungen und Tools angeboten. Doch welche Knowledge-Management-Tools sind am besten dafür geeignet, Journalisten eine effizientere Arbeit zu ermöglichen? Welche Komponenten sollte das Redaktionssystem von morgen umfassen? Können die traditionellen Anbieter von Publishing-Syste- Auf der Home-Page von Karl-Erik Sveiby steht unter anderem ein Einführungskurs zum Thema Knowledge- Management zur Verfügung. Die Adresse: men geeignete Lösungen bereitstellen? Sollten Zeitungen eigene Lösungen entwickeln? Wie werden die Zeitungen mit dem neuesten Trend in der Publishing-Technologie Mobiltelefone umgehen? Viele dieser Fragen wurden kürzlich auf dem Ifra-Seminar Newsroom for a Digital Age und auf anderen Veranstaltungen aufgegriffen. Was ist eigentlich Knowledge-Management? Knowledge-Management ist die Kunst, einen Mehrwert durch die Nutzung von immateriellem Kapital zu erzielen, erläutert Karl-Erik Sveiby, Inhaber der Consulting-Gesellschaft Sveiby Knowledge Management in Sydney (Australien). Als Voraussetzung hierfür muss das Unternehmen so gesehen werden, als bestünde es aus nichts anderem als Wissen. Diese Betrachtungsweise unterscheidet sich jedoch grundlegend vom Paradigma des Industriezeitalters. Für Zeitungen bringt Knowledge-Management primär einen datenbankgestützten Prozess mit sich, der Mitarbeiter dazu bewegen soll, ihr Wissen mit anderen zu teilen, sodass jeder an Wissen gewinnt und die Zeitung ihr intellektuelles Kapital steigern kann. Das Konzept des Knowledge-Managements ist bereits seit Jahren bekannt und eigentlich hätte man erwarten dürfen, dass die Zeitungen sich dieses Konzept schnell zu Eigen machen. Derzeit beginnen zwar viele Zeitungen damit, sich mit dem Knowledge-Management vertraut zu machen, insgesamt hinkt die Branche jedoch anderen hinterher. Vince Guiliano, der in Massachusetts (USA) die Consulting- Agentur The Electronic Publishing Group leitet, bestätigt, dass in den Redaktionen ein Wandel dringend notwendig ist. Eine Zeitung verfügt mit ihrer Redaktion zwar über ein Wissenszentrum, zugleich ist die Zeitung jedoch auch ein Industrieunternehmen, das jeden Tag ein neues Produkt herstellt und vertreibt. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht und im Hinblick auf die Kosten ist eine durchschnittliche Zeitung zu 30 %

2 zeitungstechnik Februar 2000 Dean Roper Schwerpunkt ein Unternehmen des Wissens- und Informationszeitalters und zu 70 % ein klassisches Industrieunternehmen, das Produkte herstellt und vertreibt. Deshalb ähnelt die Unternehmenskultur und -politik einer Zeitung eher einem Unternehmen des verarbeitenden Gewerbes als einer Organisation des Informationszeitalters. Die integrierte Multiple-Media-Redaktion ist dagegen ein fabelhaftes Konzept, das maßgeblich zur Zukunftssicherung für das gesamte Unternehmen Zeitung beitragen könnte. Letztendlich muss sich allerdings das Selbstverständnis der Zeitung als Unternehmen wandeln und hierfür müssen die Führungskräfte sämtlicher Abteilungen und die Unternehmensleitung gewonnen werden. Meiner Ansicht nach gibt es jedoch durchaus Grund zur Hoffnung. Die zentrale Frage ist, wie man bei Zeitungen auf hoher und höchster Führungsebene Diskussionen über die Transformation des Unternehmens anregen und kultivieren kann. Sind diese Diskussionen erst einmal im Gange, wird auch die Bereitschaft der Zeitungen steigen, sich zu wirklichen Multiple-Media- Unternehmen zu entwickeln. Die Kommandozentrale" der Times-Redaktion in London. In den letzten Monaten fanden dort einige Veränderungen statt: Unter anderem wurden die Redaktionen von Print- und Online-Produkt zusammengelegt und ein neues Redaktionssystem wurde installiert. Systemanbieter sind gefordert George Brock, Managing Editor der Times in London, steht dem Wandel und dem Einzug des Knowledge-Managements in die Redaktion positiv gegenüber. Das Batch Publishing von gestern, d. h. das einmal tägliche Publizieren großer Informationsmengen, müsse einem laufenden Publizieren weichen, meint Brock. Zeitungsjournalisten, die an einen fest strukturierten Tagesablauf gewöhnt sind, müsssen umdenken: Einige Artikel sind vorzuziehen, andere müssen zurückgehalten werden, für manche müssen Vorankündigungen geschrieben werden, einige werden nur online, andere nur offline publiziert. Brock zufolge ist es jedoch von entscheidender Bedeutung, dass die Journalisten nicht die traditionellen Werte des Zeitungsjournalismus aus den Augen verlieren, wenn sie sich in dieser neuen Umgebung bewegen. Ganz oben auf Brocks Wunschliste sind leistungsfähige Tools, die Journalisten beim Umgang mit den umfangreichen Wissensmengen unterstützen. Angesichts der gerade stattfindenden Umstrukturierung der Times-Redaktion Online- und Zeitungsredaktion wurden vor kurzem zusammengelegt, die Redaktionsleitung für das Online-Produkt wird schon bald in die redaktionelle Kommandozentrale integriert und zudem wurde kürzlich ein neues Redaktionssystem installiert erlebt Brock unmittelbar mit, vor welchen Herausforderungen Journalisten heute stehen. Die Reporter haben nun Zugriff auf riesige Datenmengen, sagt Brock, doch ich sehe täglich, wie kompetente Journalisten, einige davon anerkannte Fachleute auf ihrem Gebiet, Schwierigkeiten mit Aufgaben haben, welche die meisten Software-Entwickler kaum als problematisch einstufen würden. Zudem nutzen viele Journalisten das ihnen zur Verfügung stehende System nicht voll aus. Meines Wissens hat bisher noch kein Anbieter ein benutzerfreundliches, zuverlässiges Publishing-System entwickelt, das eine Kombination aus WYSIWYG-Seitenumbruch, Web-Publishing-Funktionen und Knowledge-Management für Journalisten bietet und mit dem große Mengen an elektronischen Daten aus verschiedenen Quellen bearbeitet werden können. Ich habe schon viel darüber gelesen, fährt Brock fort, wie die Effizienz von Redakteuren und Nachrichtenredaktionen dadurch gesteigert werden kann, dass der Entscheidungsprozess darüber, welche Nachrichten in die Ausgabe aufgenommen werden und wer die einzelnen Themen bearbeitet, automatisiert oder zumindest in schriftlicher Form abgewickelt wird ein Vorgang, für den heute noch Hunderte von Dialogen mit verschiedenen Kollegen erforderlich sind. Wir haben uns intensiv mit der Frage beschäftigt, ob wir eine Software für die Vergabe und Verfolgung von Reportageaufträgen einsetzen sollen, und kamen schließlich zu dem Ergebnis, dass der potenzielle Gewinn nicht den Aufwand rechtfertigt, der erforderlich ist, um alle mit der neuen Software vertraut zu machen. Journalisten müssen Verantwortung übernehmen Der Kritik von George Brock, dass es noch keine geeigneten Knowledge- Management-Lösungen für Journalisten gibt, dürfte George Landau von News- Engin, einem Unternehmen das Knowledge-Management-Tools für Redaktionen entwickelt, widersprechen. Bevor er NewsEngin gründete, hatte Landau vor etwa dreieinhalb Jahren eine Art Erleuchtung. Er war bereits mehrere Jahre als Journalist und IT-Spezialist in einer Redaktion tätig, als er erkannte, dass eine Redaktion nichts anderes als eine Wissensraffinerie ist: Journalisten verarbeiten Informationsrohstoffe wie Protokolle, Statistiken, Veranstaltungen und Bemerkungen zu einem Produkt, d. h. zu Wissen. Landau ist der Ansicht, dass die Wissensraffinerien, mit denen die Branche heute arbeitet, bereits gefährlich veraltet sind. Das bedeutet, dass wir sehr 23

3 Schwerpunkt Dean Roper Februar 2000 zeitungstechnik gedankenlos mit Informationen umgehen, meint Landau. Wir zahlen unseren besten Journalisten gute Gehälter, damit sie Nachrichten zusammentragen und dann werden 90 % dessen, was sie George Landau erarbeitet haben, weggeworfen. Wenn ein Journalist zum Beispiel an einem Thema arbeitet, speichert er zahlreiche Notizen, Anmerkungen und in elektronischer Form vorliegende Quellen auf seinem Computer. Später verarbeitet der Reporter darin enthaltene Informationen zu einem Artikel. Eine Kopie des fertig gestellten Artikels speichert er vielleicht auf seinem PC, oder er druckt ihn aus und legt ihn in einem Aktenordner ab. In jedem Fall ist die Chance sehr gering, dass der Reporter selbst oder gar einer seiner Kollegen oder Nachfolger die gesammelten Informationen in irgendeiner Form wiederverwendet. Wenn ein neuer Kollege ein Ressort von einem anderen Reporter übernimmt, muss dieser oft ganz von vorn anfangen: Ihm stehen weder Angaben zu Ansprechpartnern, noch Hintergrundinformationen oder Kontext zur Verfügung, sagt Landau. Das einzige Material, das Anhaltspunkte für seine Arbeit enthalten könnte, sind die Artikel des Vorgängers, die publiziert wurden und deshalb in das offizielle Archiv der Zeitung aufgenommen wurden. Landaus Rat an die Journalisten ist heute der gleiche wie 1996, als er noch Mitglied einer Redaktion war: Werdet vernünftig! Übernehmt die Kontrolle über die Zukunft eurer Informationen und damit über eure Zukunft! Weniger offensichtliche Versäumnisse von Redaktionen bei der Verwaltung ihrer Informationen sind Landau zufolge fehlende Systeme für die Artikelplanung, für die Verfolgung künftiger Ereignisse, die Anforderung von Fotos und Grafiken, die Vergabe von Rechercheaufträgen, die Personalplanung usw. Ohne solche Systeme verdammen wir uns selbst zu einer Arbeitsumgebung, in alle nur unzureichend oder gar nicht darüber informiert sind, woran die anderen gerade arbeiten. Landau zufolge sind Journalisten durchaus in der Lage, solche Systeme zu planen und zu organisieren. Er empfiehlt dies sogar: Statt von vornherein zu erwarten, dass ein Systemanbieter die optimale Lösung für die Redaktion in petto hat, sollten Zeitungen zunächst einen verlässlichen Journalisten mit guten IT-Kenntnissen als Projektmanager auswählen. Landau rät zudem davon ab, sich sofort auf eine Anwendungsplattform festzulegen, auf der die Knowledge-Management- und Produktivitäts-Tools der Redaktion später aufbauen sollen. Am häufigsten werden hierfür Lotus Notes und Domino, Microsoft-Exchange oder spezielle Intranet-Systeme in Kombination mit einer zuverlässigen, Back-End- Datenbank ausgewählt. Man muss sich zuerst fragen, welche Aufgaben mit dem System bewältigt werden sollen und welche Funktionen und Tools es bieten muss, und erst dann sollte man ermitteln, welche Plattform diesen Anforderungen entspricht, erläutert Landau. Auf keinen Fall darf sich die Redaktion die Entscheidung von der IT-Abteilung abnehmen lassen. Landau hält es durchaus für sinnvoll, die eigentlichen Anwendungen, über die der Wissensaustausch abgewickelt wird, selbst zu entwickeln. Wenn es intern kompetente Mitarbeiter gibt, von denen man nicht erwarten muss, dass sie in absehbarer Zeit eine besser bezahlte Stelle annehmen, kann eine selbst entwickelte Lösung der beste Weg sein, um ein System mit einem Funktionsumfang zu erhalten, der genau den Wünschen und Anforderungen der Zeitung entspricht. Eine andere Möglichkeit ist der Kauf einer branchenspezifischen Lösung wie NewsEngin, die später individuell angepasst werden kann. Landau zufolge kann seine Lösung als Einstiegspunkt für experimentierfreudige und selbstständige Redaktionen oder als Endprodukt für Zeitungen dienen, die nur mit der Software arbeiten und nicht daran herumbasteln wollen. Eine andere Möglichkeit ist, nach geeigneter Software zu suchen, die zwar nicht speziell für Redaktionen entwickelt wurde, dort aber gute Dienste leisten kann. Ein Beispiel hierfür sind Kontaktmanagement- Anwendungen wie Symantec ACT, Ecco Pro oder Microsoft-Outlook. Gibt es das ideale Knowledge- Management-System? Gabriella Franzini vom Mailänder Unternehmen EidosMedia ist der Ansicht, Eine Komponente der Knowledge-Management-Software von NewsEngin ist SourceTracker. Mit der auf Lotus Notes basierenden Anwendung können Journalisten alles erfassen, was sie für ihre Arbeit benötigen: Kontaktpersonen, Interviews, Dokumente, Web-Sites und Artikel. In sämtlichen gespeicherten Informationen kann über einen Volltextindex gesucht werden. Darüber hinaus können die Anwender Notizen und Quellen mit dem Artikel verknüpfen, an dem sie gerade arbeiten und dieses Material auch zusammen mit dem Artikel auf einem Bildschirm anzeigen. 24

4 zeitungstechnik Februar 2000 Dean Roper dass Zeitungen Publishing-Strategien entwickeln müssen, die auf ihrem wichtigsten Kapital basieren: Nachrichtenwissen. Knowledge-Management-Systeme seien deshalb die idealen Lösungen, um Redaktionen dabei zu unterstützen, den Nachrichtenfluss zu optimieren, Trends zu erkennen und Informationen in verschiedenen Formaten zu publizieren. Meist setzen die Verlagshäuser Knowledge-Management mit IT gleich und übersehen dadurch, welchen Nutzen das Knowledge-Management anderen Branchen bereits gebracht hat. Im Zentrum der Wissens-Wertschöpfungskette steht nicht die Informationstechnologie, sondern der Mensch; in einem Knowledge-Management-System agieren die Journalisten nicht als passive Informationsprozessoren, sondern sie erstellen und bewerten aktiv Informationen die Technologie ist hierbei lediglich Mittel zum Zweck. Nach Einschätzung von Gabriella Franzini sind u. a. die folgenden Knowledge-Management-Prozesse für die Nachrichtenbranche von Bedeutung: > Synthese von Erstellung, Kontexteinbindung und Analyse, > Kommunikation durch Informationsaustausch, Zusammenarbeit und Förderung von Teamwork, > Speichern von Wissen durch Indexieren, Verknüpfen und Filtern von Informationen, > Sammeln von Wissen durch leistungsfähigere Suchverfahren sowie bessere Möglichkeiten für das Abrufen und Eingeben von Daten sowie > Verbreiten dieses Wissens nicht nur durch Publizieren, sondern auch mit Hilfe von Benachrichtigungen und Push-Technologie. Bisher haben Redaktionen ihr Wisssenskapital immer mit dem Inhalt ihrer digitalen Archive gleichgesetzt, sagt Gabriella Franzini. Diese digitalen Bibliotheken stellen jedoch nur einen Bruchteil des von einer Redaktion generierten Wissens dar. Wenn Journalisten an einem Artikel arbeiten, sammeln sie Informationen aus verschiedenen Quellen (Web-Sites, Agenturen, Datenbanken usw.), tauschen sich persönlich oder per mit Kollegen aus, haken zu bestimmten Aspekten nach und verarbeiten die gesammelten Informationen schließlich zu einem oder mehreren Artikeln. Oft gehen einem Artikel umfangreiche Recherchen voraus, deren Ergebnisse jedoch bald wieder verloren sind, da in den digitalen Archiven nur der publizierte Text gespeichert wird. G. Franzini zufolge müssen zwei Aspekte berücksichtigt werden, damit Wisssenskapital erfolgreich aufgebaut und genutzt werden kann: Zum einen müsse ein Knowledge-Management-System Journalisten ermöglichen, von jedem beliebigen Ort auf jede Art von Informationen zuzugreifen, neue Informationen verfügbar zu machen und mit anderen auszutauschen. Zum anderen müsse mit dem System auch die aufwendige Recherchearbeit und der Wissensaufbau abgewickelt werden können, sodass auch diese Ergebnisse wieder verwendbar sind und immer mehr neues Wissen hinzuaddiert wird. Um diese Ziele zu erreichen und das vorhandene Wissenskapital erfolgreich zu nutzen, sei der Einsatz von Intranet-Technologie sowie von Groupware und leistungsfähigen Suchmaschinen entscheidend. Gabriella Franzini rät dazu, den Blickwinkel zu verändern und nicht mehr das fertige Nachrichtenprodukt, sondern den Prozess der Nachrichtenerstellung zu betrachten. Auf redaktionellem Knowledge-Management basierende Redaktionssysteme müssten daher im Workflow vor oder hierarchisch über sämtlichen Produktionssystemen angeordnet sein, mit denen die Nachrichten publiziert werden. Ein Knowledge-Management-System müsse so ausgelegt sein, dass es eine hohe Skalierbarkeit, Leistungsfähigkeit, Flexibilität und Zuverlässigkeit bietet. Es solle möglichst auf einer objektorientierten Datenbank basieren, welche die problemlose Abwicklung der laufenden Vorgänge gewährleistet, und auch leistungsfähige Abfrage-Tools auf Basis von Pattern Matching, Fuzzy-Logik und neuronalen Netzen umfassen, durch welche die interne und externe Effizienz gesteigert wird. Als zu Grunde liegende Datenstruktur solle XML (extensible markup language) gewählt werden, da dieses Format die Trennung von Form und Inhalt und somit ein schnelles, einfaches und automatisiertes Multiple-Media-Publishing ermöglicht. XML-fähige Technologie gestattet vereinfachte Suchvorgänge im gesamten Internet, schafft die Voraussetzungen für E-Commerce und personalisierte Inhalte und bietet viele weitere Vorteile. XML ist für die Medienbranche, aber auch 25

5 Schwerpunkt Dean Roper Februar 2000 zeitungstechnik für unsere gesamte Wirtschaft von großer Bedeutung. sagt Gabriella Franzini XML wird die zweite große Internet-Welle ins Rollen bringen. Die dritte Welle: Mobiltelefone Während Zeitungen mit aller Macht versuchen, der nächsten Online-Welle ein Stück voraus zu sein, ist bereits eine neue Publishing-Technologie im Anmarsch: Mobiltelefone. Das Tempo, mit dem sich Handys in den letzten Jahren insbesondere in Europa durchgesetzt haben, ist atemberaubend. Das amerikanische Consulting- Unternehmen Forrester Research stellte kürzlich in einer Untersuchung fest, dass in Großbritannien etwa 40 %, in Italien etwa die Hälfte aller Einwohner ein Mobiltelefon besitzen. In Norwegen, Schweden und Finnland liegt der Anteil der Handy-Besitzer sogar noch höher. Insgesamt liegt die Quote in Westeuropa bei 36 %. Mobile Kommunikationsgeräte werden in unserem Alltag künftig so selbstverständlich sein wie Armbanduhren, meint Magnus Lindhe, Marketing Manager beim schwedischen Softwarehaus Mactive, einer der ersten Anbieter von Publishing-Software für WAP (Wireless Application Protocol). Der WAP-Standard ermöglicht den Zugriff auf das Internet oder ein Intranet mit einem Mobiltelefon oder einer PDA/Modem- Kombination. Die Popularität dieser mobilen Kommunikationsmittel ist auch den Medienkonzernen nicht verborgen geblieben. Matthew Nordan von Forrester Research gibt an, dass sich drei große Anbieter von Inhalten für Mobilfunkgeräte auf dem Markt durchgesetzt haben: Reuters, CNN und die BBC. Die Zeitungen sind hingegen etwas im Rückstand, sagt Nordan. Die drei Großen sind sicherlich etablierte Nachrichtenanbieter mit Gabriella Franzini Profil und Substanz, die Zeitungen haben jedoch noch ein zusätzliches Ass im Ärmel: lokale Inhalte von hoher Qualität. Nun stellen diese sich vermutlich die große Frage: Was machen wir mit diesen Inhalten? Zwei Unternehmen aus der Zeitungsbranche haben bereits eine Antwort auf diese Frage gefunden: die schwedische Tageszeitung Svenska Dagbladet und Poligrafici Editoriale, Herausgeber von drei Regionalzeitungen in Italien. Die Zahl der Teilnehmer, die Poligrafici Editoriale mittlerweile mit seinem Mobiltelefon-Service erreicht, liegt sogar höher als die Abonnentenzahl der Zeitung. Bereits Teilnehmer nutzen den zusammen mit Telecom Italia Mobile angebotenen drahtlosen Service, und da 50 % der Einwohner Italiens über ein Mobiltelefon verfügen, ist das Verlagshaus davon überzeugt, dass es mit dem Service zahlreiche neue Leser gewinnen konnte. Seit Dezember letzten Jahres publiziert auch Svenska Dagbladet in Zusammenarbeit mit dem Software-Entwickler W-M Data aus Stockholm, der auch das Internet-Angebot der Zeitung betreut, eine der ersten Zeitungsausgaben im WAP-Format. Meiner Ansicht nach müssen sich Zeitungen möglichst schnell an neue Technologien anpassen, insbesondere wenn sie wie wir die Nummer zwei auf einem technologiefreundlichen Markt wie Schweden sind, sagt Lennart Holmgren, Chef vom Dienst der Zeitung. Das Schöne daran ist, dass der Aufwand für die Produktion der WAP-Ausgabe bis jetzt erfreulich gering ist. Die meisten Aufgaben werden von der Software übernommen. Der Inhalt der WAP-Ausgabe ist in vier Kategorien gegliedert: neueste Nachrichten, Wirtschaftsmeldungen und Börsenkurse, Sport und das Fernsehprogramm. Holmgren zufolge können die Benutzer den Service auch personalisieren, indem sie die Web-Site der Zeitung besuchen und dort angeben, zu welchen Themengebieten sie Informationen erhalten bzw. welche Channels sie anfordern möchten. Nach den derzeit verfügbaren Inhalten für WAP-Telefone befragt, nennt Magnus Lindhe von Mactive Nachrichtenschlagzeilen, , Aktienkurse, Sportnachrichten, Datenbanken, Spiele, lokale Dienstleistungen und vieles mehr. Die Besitzer von herkömmlichen Mobiltelefonen können ähnliche Inhalte anfordern, dies erfolgt jedoch über SMS (Short Message Service). Lindhe hält es jedoch durchaus für wahrscheinlich, dass mit WAP-Telefonen schon bald viel mehr möglich ist: Aktien ordern und verkaufen, Tickets reservieren, Rechnungen bezahlen, lokale Restaurant- Links: Die Kurve macht deutlich, warum sich Zeitungen auf die Mobiltelefon/WAP-Technologie vorbereiten müssen. Rechts: Der mobile Zugriff auf das Internet ist der Schlüssel für den drahtlosen Empfang von Nachrichten mit hoher Qualität. Technologien und Kommunikationsstandards wie WAP (Wireless Application Protocol), GPRS (General Packet Radio Service), UMTS (Universal Mobile Telecommunication System) und 3G (Mobilfunk der dritten Generation) werden die Zukunft des mobilen Internet- Zugriffs maßgeblich prägen. 26

6 zeitungstechnik Februar 2000 Dean Roper Reuters Wireless bietet unter anderem einen SMS (Short Message Service)-Service für Abonnenten an. Die Nutzer empfangen mit ihrem Mobiltelefon beispielsweise aktuelle Nachrichtenmeldungen, Börsenkurse, abonnierte Inhalte usw. führer abrufen und sogar auf Pferde wetten. Auch Katherine May von Reuters Wireless in London ist der Ansicht, dass solche personalisierten Inhalte der Schlüsssel für die Zukunft sind: Die Kunden wünschen eigene Schlagzeilen, eigene Sportnachrichten, eigene Unternehmensinformationen, eigene Finanzdaten, Informationen zu eigenen Interessengebieten und dies alles in der eigenen Sprache. Die Bereitstellung dieser Serviceleistungen ist für uns ein Muss. Reuters, größte Nachrichten- und Fernsehagentur der Welt, hat sich im Hinblick auf die Mobilfunkwelt ein klares Ziel gesetzt: Jeder soll überall und jederzeit auf personalisierte Informationen von Reuters zugreifen können., erläutert Katherine May. Reuters war schon früh mit einem SMS-Service für Mobiltelefone auf dem Markt und das Angebot für WAP- Geräte ist nun als weiterer Schwerpunkt hinzugekommen. Wie bei jeder verhältnismäßig neuen Technologie gibt es natürlich auch Einschränkungen. Die wesentlichen Nachteile von WAP-Handys sind dieselben wie bei anderen Geräten für die drahtlose Kommunikation: geringe Bandbreite (sehr viel niedrigere Übertragungsraten als mit einem gewöhnlichen Modem; wenn ab 2001 Mobilfunknetze der dritten Generation verfügbar sind, werden jedoch 60-mal so hohe Übertragungsraten möglich sein), kleine Displays (meist nur fünf Textzeilen), langsamer Verbindungsaufbau sowie wenig Speicher und beschränkte Standby-Zeit (insbesondere bei WAP-Telefonen). Ein weiteres großes Problem sind die Finanzen: Ehrlich gesagt wissen wir noch nicht, welches der beste Weg ist, um mit der Bereitstellung von Mobilfunk-Inhalten Geld zu verdienen. Wir sind noch in der Experimentierphase, räumt Katherine May ein. Ihr zufolge werden u. a. folgende Modelle in Erwägung gezogen: Die Nutzer zahlen, um selbst WAP-Inhalte anzubieten; kostenlose Bereitstellung von Inhalten; WAP- Dienste im Abonnement sowie Umsatzbeteiligung für Anzeigen bzw. Sponsoring. Lennart Holmgren vergleicht die Situation auf dem WAP-Markt mit dem Internet: Bis jetzt können wir den Teilnehmern nichts berechnen. Jeder, der unsere Web- Site besucht, kann den kostenlosen Service anfordern. Früher oder später werden wir wahrscheinlich unser Internet-Modell auf den Mobilfunkbereich übertragen und Anzeigen als Einnahmequelle nutzen. Doch bereits heute müssen wir unbedingt in diesem Bereich Präsenz zeigen, um als Anbieter von Informationen glaubwürdig zu bleiben. Alle sind übereinstimmend der Meinung, dass den WAP-Telefonen die Zukunft gehört. Mactive integriert Funktionen für das WAP-Publishing in seine Anzeigenund Redaktionssysteme und betreibt zusammen mit Agence France-Presse einen Nachrichten-Service für WAP-Geräte. Katherine May berichtet, dass derzeit gewaltige Summen in die WAP-Technologie investiert werden etwa 180 Telekommunikations- und Technologieunternehmen unterstützen bereits den WAP-Standard und Schätzungen zufolge werden bis Millionen WAP-Geräte in Gebrauch sein. Die abschließenden Empfehlungen von Katherine May lauten wie folgt: jetzt Partner suchen, jetzt Inhalte Multiple- Media-fähig machen, personalisierte Inhalte anbieten und neue Technologien beispielsweise GPRS (General Packet Radio Service) in das Angebot integrieren. Journalisten stehen heute vor der Herausforderung, bei ihrer täglichen Arbeit immer mehr Faktoren berücksichtigen zu müssen. Das Seminar hat deutlich gemacht, dass bereits in Kürze Abhilfe in Form von neuer und besserer Technologie zur Verfügung stehen wird. Ebenfalls wurde jedoch deutlich, dass sich die Zeitungen bereits heute um das Management ihrer Informationen kümmern müssen, um nicht in der herannahenden Informationsflut unterzugehen. < 27

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