Inhalt Grußworte Geschichte des Orchesters Auslandsreisen Klangkörper Innenansichten Außenansichten Danksagungen

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1 50 Jahre Junge Süddeutsche Philharmonie Esslingen LEITENDE MITARBEIT Inhalt Mechthild Fischer Die ausgebildete Musikalienhändlerin/Handelsfachwirtin Mechthild Fischer betreut seit März 2006 die Geschäftsstelle der JSPE. In enger Zusammenarbeit mit Dirigent, Konzertmeister und Orchestervorstand ist sie zuständig für die Planung und Koordination aller Aktivitäten sowie den Aufbau und die Pflege der Kontakte innerhalb und außerhalb des Orchesters. Ines Stricker studierte an der Musikhochschule Karlsruhe im Studiengang Künstlerisches Lehramt an Gymnasien mit Schwerpunkt auf Klavier und Gesang sowie Germanistik. Das Aufbaustudium Diplom-Rundfunkmusikjournalismus schloss sich an. Ines Stricker arbeitet seit 1998 als freie Autorin für den Südwestrundfunk, den Norddeutschen Rundfunk und Deutschlandradio in den Bereichen Porträt, Feature und aktuelle Kulturberichterstattung. Außerdem betreute sie Sendereihen und -formate übernahm sie für den Tonkünstlerverband Baden- Württemberg die Redaktion des Verbandsteils in der Neuen Musikzeitung und des tonkünstler-forum Baden-Württemberg. Nicole Dantrimont studierte an den Musikhochschulen Mannheim und Frankfurt in den Studiengängen Diplom-Orchestermusik und Diplom- Musiklehrer. Engagements als Klarinettistin führten sie von 1995 bis 1998 u.a. ins Orchester des Nationaltheaters Mannheim, ins Gürzenichorchester Kölner Philharmoniker sowie ins Sinfonieorchester des Südwestrundfunks Baden-Baden und Freiburg. Nach einem Aufbaustudium an der Staatlichen Hochschule für Musik Karlsruhe im Studiengang Diplom-Rundfunk- Musikjournalismus, ist sie seit 2000 als freie Autorin tätig für den Südwestrundfunk, den Bayerischen Rundfunk, den Westdeutschen Rundfunk und Deutschlandradio erhielt sie das Stipendium Junge Journalisten der Freunde der Salzburger Festspiele in Zusammenarbeit mit den Salzburger Nachrichten. Schwerpunkte ihrer Arbeit liegen im Bereich Kindersendungen (SWR2 Spielraum) und aktuelle Kulturberichterstattung. IMPRESSUM Herausgeber Junge Süddeutsche Philharmonie Esslingen e.v. Franz-Schubert-Str Stuttgart Telefon 0711/ Internet Redaktion Nicole Dantrimont, Ines Stricker Layout Freiwild Freie Grafik und Konzeption (in Zusammenarbeit mit Monika Foerster Grafik-Design) Druck Druckerei August Häbich Franz-Schubert-Str Stuttgart Auflage 450

2 »Das Beste in der Musik steht nicht in den Noten«Gustav Mahler Komponist und Dirigent 01

3 zum 50 jährigen Bestehen der JSPE Günther H. Oettinger Ministerpräsident / Baden-Würrtemberg Dr. Jürgen Zieger Oberbürgermeister der Stadt Esslingen Das Beste in der Musik steht nicht in den Noten, soll der bekannte Komponist und Dirigent Gustav Mahler einst gesagt haben. Erst musikalisches Können und die Freude am gemeinsamen Musizieren erwecken die Schönheit der Musik zum Leben. Die Junge Süddeutsche Philharmonie Esslingen pflegt seit 50 Jahren eine Musiktradition, die sich höchsten Ansprüchen und kontinuierlicher Qualität verpflichtet weiß. Zum runden Jubiläum gratuliere ich sehr herzlich. Aus dem von Erich Reustlen gegründeten Süddeutschen Jugendorchester wurde die Junge Süddeutsche Philharmonie Esslingen ein semiprofessionelles Orchester, welches das Kulturleben in Baden-Württemberg aktiv mitgestaltet. Trotz großer Veränderungen innerhalb und außerhalb des Orchesters haben sich die Musikerinnen und Musiker durch herausragenden, persönlichen Einsatz, ein anspruchsvolles Programm und wunderbare Konzerte über die Region hinaus einen Namen gemacht. Bereichert wird die Junge Süddeutsche Philharmonie Esslingen seit 2005 durch die Patenschaft des Radio-Sinfonieorchesters des Südwestrundfunks. Gemeinsames Musizieren macht nicht nur Spaß, sondern trägt wesentlich zur Persönlichkeitsentwicklung bei. Von allen Künsten versteht es die Musik am besten, unser Innerstes zu berühren, Seele und Geist zu öffnen. Die Musik schult die Sinne, bietet schöpferischen Freiraum und weckt kreative Kräfte. Sie verbindet die Menschen, vermittelt Lebensfreude und leistet nicht zuletzt einen unverzichtbaren Beitrag zur Völkerverständigung. Denn die Sprache der Musik wird überall verstanden. Das beispielhafte Engagement der Jungen Süddeutschen Philharmonie Esslingen verdient Dank und hohe Anerkennung. Den Künstlerinnen und Künstlern wünsche ich weiterhin viel Energie, um sich auch zukünftigen Herausforderungen zu stellen und vielen Menschen mit ihrer Musik Freude zu bereiten. Günther H. Oettinger Ministerpräsident des Landes Baden- Württemberg Sehr geehrte Mitglieder, Förderer und Freunde der Jungen Süddeutschen Philharmonie Esslingen, ganz herzlich gratuliere ich Ihnen im Namen der Stadt Esslingen am Neckar und auch persönlich zum 50-jährigen Bestehen dieses bemerkenswerten Orchesters. Bemerkenswert ist die Arbeit der Jungen Süddeutschen Philharmonie Esslingen deshalb, weil ihr Ansatz Modellcharakter besitzt. Das semiprofessionelle Orchester bietet vielen jungen Instrumentalisten die Möglichkeit, mit renommierten Dozenten und Solisten bedeutende Werke der sinfonischen Musik aufzuführen. Das hohe Niveau des Orchesters zeigt sich darin, dass es in vielen Städten mit großem Erfolg gastiert und dass es im Musikleben des Südwestens eine wichtige Rolle innehat. Damit wird auch der Name der Stadt Esslingen hinausgetragen und die Junge Süddeutsche Philharmonie ist ein Botschafter des kulturellen Lebens der Stadt. Hierfür gebührt Ihnen unser herzlicher Dank, ebenso für die Tatsache, dass in vielen Kulturprojekten innerhalb der Stadt das Orchester ein wichtiger Kooperationspartner ist. In diesem Zusammenhang gilt ein besonderer Dank Ihrem Ehrenvorsitzenden Klaus Conrad, dessen Bemühen es war, den Sitzort des Orchesters in Esslingen zu etablieren. Künstler war die Junge Süddeutsche Philharmonie ein Sprungbrett in eine bedeutende musikalische Karriere. Das ist auch ein Verdienst der künstlerischen Leitungen seit Gründung des Orchesters herzlichen Dank und unsere Anerkennung an Erich Reustlen, Bernhard Kontarsky, Bernhard Güller und aktuell Andreas Kraft. Wie beliebt und anerkannt das Orchester ist, zeigt sich nicht nur in den Konzerten, sondern auch in Preisen sowie den zahlreichen Veröffentlichungen auf Schallplatten und CDs. Ein wichtiger Meilenstein und auch eine Auszeichnung für die Junge Süddeutsche Philharmonie war die Übernahme der Patenschaft durch das Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR im Jahre 2006, das die seit Jahren bestehende freundschaftliche Kooperation auch formell besiegelt hat. Ich wünsche der Jungen Süddeutschen Philharmonie auch weiterhin viel Erfolg und Freude bei der musikalischen Arbeit auf den symphonischen Akademien, bei der Kooperation mit dem RSO und anderen Kultureinrichtungen und vor allem im Konzertsaal. Mit freundlichen Grüßen Foto: Stadt Esslingen am Neckar Ein Blick in die Konzertchronik belegt den hohen Anspruch des Orchesters, seiner Dirigenten und Solisten. Für viele junge Künstlerinnen und Dr. Jürgen Zieger Oberbürgermeister der Stadt Esslingen

4 zum 50 jährigen Bestehen der JSPE Peter Boudgoust Südwestrundfunk Dr. Ulrich Wüster Generalsekretär Jeunesses Musicales Deutschland Foto: Südwestrundfunk Wenn das Patenkind Geburtstag hat - erst recht, wenn es sich um einen Runden handelt - sollten die Paten mit schönen Geschenken erscheinen. Das Geschenk des Südwestrundfunks an die Junge Süddeutsche Philharmonie Esslingen (JSPE) ist das Versprechen, das gemeinsame Engagement des Radio-Sinfonieorchesters (RSO) Stuttgart mit der JSPE für das Kulturleben in Baden- Württemberg und im ganzen SWR-Sendegebiet fortzuführen. Hochwertige Qualität in einer ausgewogenen Mischung von Informationen, Unterhaltung und Bildung für alle Gruppen der Bevölkerung möchten wir produzieren und verbreiten. Mit diesem Anspruch und mit dieser Aufgabe lässt sich das Zusammenspiel von musizierenden Laien und professionellen Musikern, das letztlich durch die Patenschaft gefestigt wurde, hervorragend vereinbaren. Seit vielen Jahren gibt es zahlreiche enge Kontakte zwischen dem RSO Stuttgart und der JSPE. Der frühere musikalische Leiter, Bernhard Güller, und der gegenwärtige, Andreas Kraft, waren bzw. sind im Hauptberuf Musiker des RSO Stuttgart, die sich mit großem Enthusiasmus und Idealismus dieser verdienstvollen Nebenbeschäftigung gewidmet haben. Darüber hinaus haben immer wieder RSO-Musiker als Dozenten bei Projekten der JSPE zur Verfügung gestanden oder sind als Solisten in deren Konzerten aufgetreten. Der SWR selbst hat schon mehrfach Konzerte der JSPE mitgeschnitten und gesendet. Diese langjährige Verbundenheit hat durch die Patenschaft beider Orchester, die seit März 2006 besteht, eine neue Qualität erfahren. Das Engagement der Orchesterträger, aber auch der Deutschen Orchestervereinigung und der Jeunesses Musicales Deutschland beide haben quasi als Taufpaten" fungiert macht das Anliegen deutlich, das beide Ensembles haben: die Vermittlung anspruchsvoller Orchestermusik für junge Menschen. Aber nicht nur dieses Anliegen verbindet das RSO Stuttgart mit der Patenschaft. Wir wollen gleichzeitig auch junge Musiker motivieren, begeistern und fördern. Lassen Sie uns den eingeschlagenen Weg weitergehen und durch gemeinsame Konzerte beider Ensembles für jeden Musikinteressierten sichtbar machen, dass dies kein Auftritt für die Bewohner des Elfenbeinturms ist, sondern vielmehr ein gewichtiger Bestandteil öffentlicher Daseinsvorsorge. Schließlich ist der Zusammenhang zwischen aktivem Musizieren, wacher Intelligenz, der Fähigkeit, anderen Menschen aktiv zuzuhören und der Bereitschaft, sich in ein Gemeinwesen einzufügen, mehrfach eindrücklich nachgewiesen worden. Was wir gemeinsam mit dieser Form öffentlicher Kulturvermittlung und -weitergabe tun, ist deshalb kein Luxus für gute Zeiten, keine schmükkende Dekoration, sondern ein wichtiger Beitrag für das öffentliche Leben und die Werteorientierung unserer Gesellschaft. Peter Boudgoust Im Namen der Jeunesses Musicales Deutschland (JMD) gratuliere ich der Jungen Süddeutschen Philharmonie Esslingen zu ihrem 50-jährigen Bestehen sehr herzlich und meine damit zugleich alle, die zu ihrem Wesen und Wirken beigetragen haben, ja die dieses Orchester mit ihrem Engagement, ihrer Begeisterung und ihrer Liebe recht eigentlich ausmachen, die sein guter Geist und seine Seele sind und waren. Denn der Mensch ist Mittel- und Ausgangspunkt aller Musik. So steht es in einem ehrwürdig alten Grundsatztext der JMD, und so wurde es nach über 50 Jahren auch in unsere aktuelle Corporate Identity übernommen. Der Mensch braucht Musik, sie ist eines seiner schönsten Ausdrucksmittel. Musik benötigt Menschen, um zum Klingen gebracht zu werden. Und das Orchester ist uns gleichsam ein Sinnbild für eine gelingende menschliche Gemeinschaft, die ihre Erfüllung findet in einem solchen höheren Zweck. Mit 50 Jahren immer noch jung geblieben, das verbindet die Junge Süddeutsche Philharmonie Esslingen sicher auch mit den JMD, weil sie auf eine konzentrierte, auf Ziele gerichtete, an einem qualitativen Ergebnis interessierte und dadurch junge Menschen fördernde Nachwuchsarbeit setzt. Die Orchesterpatenschaft mit dem Radio- Sinfonieorchesters Stuttgart des SWR, die wir mit unserem Markenzeichen tutti pro ausgezeichnet haben, ist eine der aktuellen Facetten dieses Engagements. Wir freuen uns, dass wir die Junge Süddeutsche Philharmonie Esslingen zu unseren aktiven Mitgliedern zählen. Mit den besten Wünschen für das nächste halbe Jahrhundert Dr. Ulrich Wüster Jeunesses Musicales Deutschland Generalsekretär

5 »Und da kam mir dann die Idee, dass es in jeder Stadt ein paar gute Spieler geben müsse «Erich Reustlen 02 Geschichte des Orchesters

6 Geschichte des Orchesters Entwicklung Die Junge Süddeutsche Philharmonie Esslingen: Versuch einer Entwicklungsgeschichte Erich Reustlen Maulbronn war es, als Erich Reustlen, damals Dozent, später Professor an der Hochschule für Musik Trossingen, in Reutlingen ein Ensemble gründete: das Süddeutsche Jugendorchester, das sich schon bald darauf Süddeutsches Jugendsinfonieorchester nannte. Nach ersten Probenphasen trat dieses aus Schülern und Studierenden bestehende, in seiner Art damals einzigartige Ensemble 1957 zum ersten Mal mit einem sinfonischen Programm öffentlich auf. Zur Erinnerung: gerade vier Jahre vorher war der Deutsche Musikrat ins Leben gerufen worden, und das vom Verband der Musikschulen (VdM) getragene Landesjugendorchester Baden-Württemberg gab es erst sechzehn Jahre später. Doch Erich Reustlen wollte den Instrumentalisten seines Ensembles schon in den 1950er Jahren das Spielen sinfonischer Werke, die sonst Berufsorchestern vorbehalten geblieben wären, ermöglichen. Vor allem für dieses Engagement erhielt er später das Bundesverdienstkreuz am Bande wurde das junge Orchester Mitglied bei den Jeunesses Musicales Deutschland. Um auch Erwachsene als Mitglieder zu gewinnen und die Kontinuität im Ensemble zu gewährleisten, verzichtete Erich Reustlen auf eine Altersbegrenzung nach oben, was einen Namenswechsel notwendig machte: 1969 wurde aus dem Jugendsinfonieorchester die Junge Süddeutsche Philharmonie. Weitere vier Jahre später verwandelte Reustlen zum Zweck der Arbeitsteilung mit Hilfe einiger Mitglieder die Musiziertruppe in einen eingetragenen Verein. Mittlerweile hatte sich auch die Gesellschaft der Musikfreunde (GdM) Reutlingen mit dem Ziel zusammengefunden, das Orchester zu unterstützen. In diese Anfangszeit, die sich durch eine recht kontinuierliche Besetzung auszeichnete, fallen auch alle bisherigen des Orchesters, die vom Auswärtigen Amt gefördert wurden. Sie führten die Musiker zu Konzerten in die Türkei, nach Spanien, Frankreich und Italien. 1976, nach zwanzig Jahren erfolgreicher Tätigkeit, gab Erich Reustlen die Leitung an Bernhard Kontarsky ab. Kontarsky, später Professor an der Hochschule für Musik Frankfurt, leitete das Orchester von 1977 bis 1982 und wagte den ersten Schritt zu großen Werken der Spätromantik und Moderne. Gemeinsam mit seiner Frau Elfriede Früh-Kontarsky, der ersten professionellen Konzertmeisterin, verbesserte er die technische und spielerische Qualität des wenn auch engagierten Laienorchesters erheblich. Auch die das Orchester umgebende Musiklandschaft Baden-Württembergs entwickelte sich in dieser Zeit rasant: 1972 war das Landesjugendorchester Baden-Württemberg gegründet worden. Im selben Jahr hatte sich auch der Landesmusikrat gebildet, der Ende der 70er Jahre den Kammermusikkurs Baden-Württemberg und etwas später die Junge Kammerphilharmonie Baden-Württemberg ins Leben rief, um besonders Begabte, Preisträger von Jugend musiziert und Musikstudierende zu unterstützen. Nach Kontarskys Berufung an die Frankfurter Musikhochschule leitete Bernhard Güller, heute Chefdirigent der Nürnberger Sinfoniker, die Junge Süddeutsche Philharmonie von 1983 bis Er förderte das Orchester vor allem in klanglicher Hinsicht und führte französische, englische und amerikanische Musik sowie Werke des 20. Jahrhunderts ein. In die Ära Güller fällt auch der aus organisatorischen Gründen notwendige Umzug des Vereinssitzes nach Esslingen im Jahr 1987 und die daraus resultierende Umbenennung in Junge Süddeutsche Philharmonie Esslingen (JSPE). Im selben Jahr übernahm die Gemeinschaft der Freunde und Förderer (GdF) die Aufgaben der Gesellschaft der Musikfreunde. Seit 1990 veranstaltet die JSPE außerdem jedes Jahr die Symphonische Akademie Baden- Württemberg, auf der mit Gastdozenten ein Sinfonieprogramm erarbeitet und anschließend mehrfach aufgeführt wird. Ab 1998 übertrug Bernhard Güller die Leitung des Orchesters zunächst kommissarisch Andreas Kraft, den die Orchestermitglieder zuvor schon als Dozent und Solist kennen gelernt hatten. Kraft, heute Professor für Posaune an der Hochschule für Musik in Würzburg und bereits seit Jahrzehnten Soloposaunist im Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR, wurde 1999 vom Orchester zum künstlerischen Leiter gewählt. Dies ist ein Blindtext für die Bildunterschrift, die später durch den richtigen Text ersetzt wird.

7 Geschichte des Orchesters Entwicklung Zahlreiche Konzerte der Jungen Süddeutschen Philharmonie Esslingen wurden vom Südwestrundfunk aufgezeichnet und auf CDs bei Sony Music, Aurophon und in der orchestereigenen Edition veröffentlicht wurde dem Orchester der Esslinger Kulturpreis verliehen, 1998 erhielt es den Förderpreis der Tegernseer Golf- und Musiktage e.v.. In die Bundesvereinigung Deutscher Liebhaberorchester wurde die JSPE 1997 aufgenommen schließlich übernahm das Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR (RSO) die Patenschaft für die JSPE. Diese Patenschaft ist Teil des Projektes tutti pro der Deutschen Orchestervereinigung und der Jeunesses Musicales Deutschland. Die Patenschaft wurde im Rahmen zweier gemeinsamer Konzerte beider Orchester 2006 und 2007 öffentlich besiegelt. Man kann die Junge Süddeutsche Philharmonie Esslingen (JSPE) getrost als semiprofessionelles Orchester bezeichnen. Die Musiker spielen über Baden-Württemberg hinaus zwölf bis vierzehn Konzerte pro Jahr und werden mittlerweile von der Stadt Esslingen, dem Regierungspräsidium der Stadt Stuttgart und dem Regierungspräsidium der Stadt Tübingen gefördert. Auch das lässt hoffen, dass sich die Entwicklung dieses hoch motivierten Amateurorchesters weiterhin positiv gestaltet. Ines Stricker Plakat von 1993 Anzeige Dies ist ein Blindtext für die Bildunterschrift, die später durch den richtigen Text ersetzt wird. Er setzt mit seinen orchesterpädagogischen Fähigkeiten neue musikalische Schwerpunkte; in seinen Programmen finden sich zeitgenössische Werke neben gehobener Unterhaltungsmusik. Mittlerweile hat die gezielte Förderung von Musikschulen und Laienorchestern durch die öffentliche Hand, besonders in den 1970er und -80er Jahren, zu einer starken Entwicklung des Orchesterspiels in Baden-Württemberg geführt. Auch Gemeinden, Schulen und Musikschulen verfügen in den letzten Jahren und Jahrzehnten zunehmend über eigene ; das Musizieren im Orchester an Musikschulen setzt früher ein. Auch die JSPE wurde und wird mit diesen Entwicklungen konfrontiert. Junge ehrgeizige Musiker haben weit mehr Spielmöglichkeiten als ehedem. Außerdem trägt das ausufernde Freizeitangebot außerhalb des Musikbereichs nicht zu einer stärkeren Bindung an das Orchester bei. Hinzu kommt die natürliche Fluktuation durch junge Spieler, die nach dem Schulabschluss wegziehen, um ihr Studium oder eine Berufsausbildung zu beginnen. Daher gibt es in der JSPE zwar nach wie vor einen festen Stamm an Spielern, aber die Gesamtentwicklung geht in Richtung Projektorchester. Doch auch dieses hat sich durchaus profiliert: gute Marken, gute Beratung, guter Service die tonleiter Musik Noten Instrumente Die Tonleiter, Leoberg Renningen, Tel CD-Verkaufspartner des RSO Stuttgart und der SKS in der Liederhalle Web: dietonleiter.de

8 Persönliche Erinnerungen Die Ära Erich Reustlen Ein Interview Erich Reustlen, emeritierter Professor für Musiktheorie an der Staatlichen Hochschule für Musik in Trossingen, stammt aus Stuttgart. Nach dem Krieg zog die Familie nach Pfullingen, da der Vater als Geistlicher an die dortige Martinskirche berufen wurde. Das Studium an der Stuttgarter Musikhochschule schloss Reustlen mit dem Kapellmeisterexamen ab. Schon davor, im Jahr 1949, hatte er im benachbarten Reutlingen ein Jugendorchester gegründet, aus dem später die Junge Sinfonie wurde. Ab 1951 leitete er die Pfullinger Martinskantorei schließlich rief Reustlen das Süddeutsche Jugendorchester ins Leben, das sich zur Jungen Süddeutschen Philharmonie entwickelte. Für seine Verdienste um die Laienmusik und besonders für die Gründung der Jungen Süddeutschen Philharmonie, deren Leitung er 1976 abgab, erhielt Erich Reustlen 1977 das Bundesverdienstkreuz am Bande. Herr Professor Reustlen, es war 1956, als Sie, damals noch Dozent an der Reutlinger Pädagogischen Hochschule, die Junge Süddeutsche Philharmonie ins Leben gerufen haben. Warum wollten Sie damals ein Orchester aus interessierten Laien gründen? Ich war gerade 30 Jahre alt und hatte einige Jahre vorher das Reutlinger Jugendorchester gegründet, das erste selbstverwaltete Jugendorchester der Bundesrepublik überhaupt. Ein paar Jahre drauf kam noch ein Nachwuchsorchester dazu, als Quell für das große Orchester. Und da kam mir dann die Idee, dass es in jeder Stadt ein paar gute Spieler geben müsse, und wenn man die zusammenführte, dann könnte man Musik machen auf einem Niveau, das sonst den Jugendlichen verschlossen ist. Es war natürlich keine einfache Vorarbeit, ich hab da an -zig Musiklehrer, vor allem Streicherlehrer, in Baden und Württemberg geschrieben und habe mehr oder weniger Echo gefunden. Aber schließlich war es dann doch so weit, dass eine erste Probe stattfinden konnte, und zwar im Herbst 56. Von da ab hat sich das Orchester ganz rasch durch die Mundpropaganda vergrößert, und nach ein paar Monaten konnten wir schon sinfonische Musik proben, weil das Orchester dann auch von der Bläserseite her komplett geworden war. Mit wie vielen Leuten haben Sie damals angefangen? Am Anfang waren es vielleicht 40. Aber da waren noch kaum Bläser dabei. Und erst nach einigen Monaten war die Besetzung so komplett, dass wir anfangen konnten, z. B. eine Haydn-Sinfonie zu spielen, später dann auch Beethovens zweite Sinfonie. Mit der Zeit kamen dann größere Werke; nach einem Jahr haben wir das erste Konzert gegeben (1957, Anm. d. Red.), unter anderem mit den Haydn-Variationen von Brahms. Das war unser erstes großes Ziel. Wie viele Laien- und Jugendorchester gab es damals außerdem? Orchester in unserer Art, die so selbständig waren, überhaupt keine. Die Junge Süddeutsche Philharmonie war wirklich das erste Sinfonieorchester aus jugendlichen Spielern in der Bundesrepublik. Die Landesjugendorchester kamen viel später. Der Anfang war natürlich vor allem finanziell sehr schwierig, denn wir mussten unseren Spielern ja die Fahrt bezahlen; damals kam so gut wie jeder noch mit der Bahn. Das eigene Auto kam dann erst mit dem Älterwerden. Wir fanden zunächst in Tübingen beim Regierungspräsidium wenig Interesse vor. Dann habe ich bei einer Gelegenheit, bei der Ministerpräsident Kurt Georg Kiesinger in Reutlingen war, die Möglichkeit genutzt, mit ihm zu sprechen. Kiesinger hat mich dann gebeten, ihm alles schriftlich zu fixieren, und von da ab hat es dann funktioniert. Wir haben regelmäßig unsere Ausgaben abgerechnet, die dann wieder ersetzt wurden. Was wollten Sie mit dem Orchester ausbauen und welche Vorstellung hatten Sie? Es sollte ein Sinfonieorchester werden, das größere Werke aus der Wiener Klassik und aus der Romantik aufführen konnte, die einem Schulorchester natürlich verschlossen waren. Erstens, weil es nicht so viele gute Spieler hatte, um eine befriedigende Besetzung zustande zu bringen, und zweitens weil es einfach technisch zu schwer war. Dann waren die ersten Mitglieder damals also alle Schüler? Schüler und Studenten. Sie mussten ein Probespiel bestehen und wurden dann aufgenommen oder auch nicht was natürlich auch vorkam. Das Orchester kam alle vier Wochen Samstag Nachmittag bis Sonntag Spätnachmittag zusammen. Es wurden im Ganzen zehn Stunden geprobt. Außerdem gab es von Anfang an jedes Jahr eine zehntägige Arbeitswoche, die das Orchester so richtig zusammengeschweißt hat. Das Erlebnis des Zusammenseins, des täglichen Musizierens, auch des Einzelübens in Stimmgruppen hat ungeheuer viel Zusammenhalt gebracht. Wo haben diese Arbeitswochen stattgefunden? An verschiedenen Orten. Unsere schönsten Arbeitswochen waren in Schöntal an der Jagst bei Jagsthausen, wo die Götzfestspiele stattfinden. Diese Klosteranlage war einfach ideal; sie hatte einen genius loci, der einen sofort in seinen Bann zog. Es war zu unserer Zeit noch evangelisches Seminar, und der Ephorus, der Leiter des Seminars, war unserer Arbeit gegenüber sehr aufgeschlossen. Wie viele Konzerte haben Sie in der Zeit pro Jahr gegeben? Was war angestrebt? Wir haben nicht Bestimmtes angestrebt. Unsere Konzerte waren am Anfang immer große Risiken. Sobald man Solisten verpflichtet hatte, musste man ihnen natürlich auch ein bestimmtes Honorar zahlen. Es ging dann mit der Zeit leichter, weil es sich herumgesprochen hatte, dass man das Orchester engagieren könne, so dass immer wieder Chorleiter kamen und fragten Könnt ihr die Schöpfung bei uns spielen? oder so. Zeitweise war das so oft, dass sich im Orchester schon eine gewisse Erschöpfung breit gemacht hat, so oft mussten wir die Schöpfung spielen. In Schöntal kam dann auch einmal das Fernsehen und hat uns fünf Tage geraubt, weil unser ganzer Probenplan natürlich immer auf die Aufnahmen abgestimmt werden musste. Aber es war auch eine interessante Erfahrung, nachdem man sich mit dem Aufnahmeteam zusammengerauft hatte.

9 Persönliche Erinnerungen Dies ist ein Blindtext für die Bildunterschrift, die später durch den richtigen Text ersetzt wird. Sie haben schon recht früh auch damit angefangen, Konzerte im Ausland zu geben. Aus welchem Grund geschah das, und wo ging es hin? Unsere erste Konzertreise ging nach Luxemburg auf Einladung der Montanunion (Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl, die gemeinsam mit den Gemeinschaften EWG und EURA- TOM zu den Europäischen Gemeinschaften fusionierte, Anm. d. Red.). Später kamen dann größere Reisen, z. B. zwei Mal nach Istanbul, wo es damals jedes Jahr Festspiele gab. Das war hochinteressant, weil dort Gruppen aus ganz Europa, vor allem aus östlichen Ländern, zu denen man ja vorher gar keinen Kontakt hatte, zusammenkamen. Von Istanbul aus sind wir auch zu Konzerten nach Ankara und Izmir gefahren. Andere Reisen gingen nach Italien, dort haben wir unter anderem in Rom und Mailand gespielt. In Spanien gaben wir ebenfalls mehrere Konzerte, eins davon in dem wundervollen gotischen Festsaal im Rathaus von Barcelona; schließlich sind wir noch mit dem Knabenchor des Klosters auf dem Montserrat aufgetreten. Und mit dem Tübinger Kantatenchor unter Leitung von Prof. Achenbach war das Orchester regelmäßig in Frankreich, wo Konzerte in Paris, Lyon, Aix-en- Provence etc. stattfanden. Die Einladungen zu den Reisen kamen von den Vertretungen der jeweiligen Jeunesses Musicales und wurden über den Deutschen Musikrat vom Auswärtigen Amt gefördert. Wie ist der Kontakt zu den Jeunesses musicales entstanden? Bei einem Jahrestreffen der Jeunesses Musicales in Tübingen, wo wir die Strawinsky-Sinfonie in C gespielt haben. Wir haben auch mehrmals junge Solisten über die Jeunesses engagiert. Mit dem Orchester gab es also Arbeitswochen, Proben und Konzertreisen. Welche Aufgaben haben sich da bei Ihnen angehäuft? Am Anfang habe ich wirklich alles gemacht, sicher fünfzehn Jahre lang. Da saß ich jedes Wochenende am Schreibtisch; ich habe Briefe an Solisten geschrieben und Rundbriefe fürs Orchester verfasst, damit alle genau Bescheid wussten über Termine, Reisen oder Kleidung. Ich habe im Ganzen mindestens 200 Rundbriefe verfasst in diesen zwanzig Jahren. Das hat sehr viel Zeit in Anspruch genommen, schon allein die Überlegungen, was alles in die Rundbriefe hineinmuss, damit ja nichts vergessen wird. Das ging bis zu Magenstärkungsmitteln in der Türkei. Und als ich das Orchester nicht mehr hatte, stand ich plötzlich an einem Wochenende da und habe mir überlegt, Was sollst du jetzt überhaupt machen?. Das war so selbstverständlich: entweder habe ich an dem Wochenende Post und Organisation erledigt oder es war Spielwochenende. Da hat sich doch im Lauf der Zeit sicher eine Verwaltung herausgebildet? Wir hatten ein paar Spieler, die in Verwaltungsdingen versiert waren und glaubten, das Orchester müsse unbedingt eine Satzung haben. Das wurde dann gemacht und der Name des Orchesters ins Vereinsregister eingetragen. Von da ab habe ich dann auch große Unterstützung durch einige Spieler erfahren, die z. B. auf die Achalm gestiegen sind und HAP Grieshaber um einen Holzschnitt als Symbol für das Orchester gebeten haben. Die Organisationsarbeiten wurden unter drei Spielern aufgeteilt. Sind zu Ihrer Zeit die Orchestermitglieder auch Schüler gewesen bis zum Schluss, also immer wieder neu nachgekommen, oder sind manche Leute geblieben bis in die Berufszeit? Das hielt sich die Waage. Der Geist im Orchester war so wundervoll; da wären einige Spieler nicht bereit gewesen, aus Altersgründen auszutreten. Wir hießen zuerst Süddeutsches Jugendorchester ; das war in Anbetracht einiger älterer Mitglieder nicht mehr zu halten, und deshalb haben wir uns als neuen Namen Junge Süddeutsche Philharmonie zugelegt. Sie haben mit 40 Mitgliedern angefangen. Wie viele waren es dann später? Bei größeren Reisen und bei größeren Besetzungen einmal haben wir bei einer Türkeireise z. B. die Sinfonie aus der Neuen Welt von Antonín Dvořák aufgeführt ungefähr 80 Mitglieder. Das waren dann schon sehr viele. Haben sich aus diesem großen Orchester auch kleinere kammermusikalische Verbände herausgebildet? Bei den Arbeitswochen sowieso. In der freien Zeit sind verschiedene Gruppen zusammengesessen, haben Quartett oder Bläserquintett gespielt. Das ging so weit, dass es heute noch ein Streichquartett gibt, das damals entstanden ist, also mit Leuten, die heute im Ruhestand sind. Hat sich im Lauf der Zeit auch das Repertoire erweitert? Ging es mal in Richtung Alte Musik, in Richtung Neue Musik? Die Musik der Romantik stand immer mehr oder weniger im Vordergrund. Natürlich hatten wir auch Zeitgenossen gespielt, aber das war ein kleinerer Prozentsatz. Gelegentlich Barockmusik, aber relativ selten. Wenn man ein ganzes Sinfonieorchester hat, dann will man auch sinfonische Musik spielen. Wo haben die Konzerte im Inland meistens stattgefunden? Im Inland am häufigsten waren die Engagements, bei denen das Orchester mit einem Chor zusammen z. B. Brahms Requiem, Mozarts Requiem, Haydns Schöpfung oder Die Jahreszeiten usw. aufführte. Eigene Konzerte haben wir z. B. in Reutlingen, Tübingen, Stuttgart und München gegeben, aber im Vergleich zu den Muggen waren das die selteneren Anlässe. Ab wann haben Sie die Pfullinger Martinskantorei geleitet, und wie hat sich das auf die Arbeit der Jungen Süddeutschen Philharmonie ausgewirkt? Die Kantorei hatte ich seit 1951, und das ging bis Mit der Jungen Süddeutschen Philharmonie haben wir zahlreiche Konzerte mit Werken von Bach, Händel, Haydn, Mozart, Brahms, Bruckner oder mit großer Begeisterung Strawinskys Psalmensinfonie aufgeführt. Jephta von Giacomo Carissimi haben wir in einem Konzert gleich zwei Mal gespielt, einmal in der Originalfassung für fünfstimmigen Chor und Continuo und dann in der Orchestrierung von Hans Werner Henze, die dem Werk einen faszinierenden mediterranen Klangraum gibt. Herr Prof. Reustlen, vielen Dank für das Gespräch.

10 Persönliche Erinnerungen»Kinder, das muss gehen«die Ära Kontarsky 1977 übernahm Bernhard Kontarsky die musikalische Leitung des Orchesters, ein Profi von der Pike auf, der sich auf ein zwar überdurchschnittliches, aber eben doch auf ein Laienorchester einließ - unter der Bedingung, dass seine Frau, die Geigerin und Max-Rostal-Schülerin Elfriede Früh-Kontarsky, die nach dem Weggang von Ulrich Epple freigewordene Konzertmeisterstelle einnahm. Vertraglich nicht festgelegt, aber sozusagen als Dreingabe wurden die beiden Mäuse Esther und Mira während so mancher Probenwochenenden mitbetreut. Die folgenden sechs Jahre waren geprägt von einem fruchtbaren, aber zuweilen auch schmerzhaften beiderseitigen Lernprozess. Die Geigen und Bratschen (die Celli waren dank der Stimmführung von Walter Klumpp immer irgendwie souverän, die Kontrabässe sind anscheinend sowieso autonom) wurden in subtilster Schwerstarbeit (für beide Teile) betreut von Frau Kontarsky. Ergebnis dieser Registerproben war ein enormer Zuwachs an technischem Niveau, aber immer wieder auch entmutigte und unwillige Mienen (z. B. wenn man vor einer Aufführung das a in einer langen Schlange von der Konzertmeisterin persönlich abholen musste). Reibungsverluste schien es vor allem bei der Bogenführung zu geben. Insgesamt musste die gestrenge Konzertmeisterin wohl ziemlich viele Abstriche machen. Dabei, das muss aber auch erwähnt werden, ging es Elfriede Früh-Kontarsky nie um persönlichen Ehrgeiz, sondern darum, dass man mit dieser Musik, wie sie sagte, vor Menschen treten wollte und deshalb sein Bestes zu geben hatte. Die Bläser wurden ebenfalls auf Vordermann gebracht, und zwar vom Dirigenten selbst. Auch in diesen Proben, bei denen stets ein sachlichfreundlicher Ton vorherrschte, gab es hohe Ansprüche an Proben- und Übmoral und peinliche Detailgenauigkeit, was Intonation und Dynamik betraf. Unvergesslich bleibt mir Kontarskys Kommentar beim etwas missglückten Beginn einer morgendlichen Bläserprobe (Arbeitswoche Stettenfels): Ich bin heute morgen vor den Fenstern der Bläser spazieren gegangen, habe aber keinen einzigen gehört, der sich eingespielt hätte. Kein Wunder, denn die Nacht davor war kurz gewesen, unter anderem wegen exzessiver Kammermusik, bei der sich Konty als hervorragender Pianist und Begleiter (Träger des Mendelssohnpreises für Kammermusik!) zur Verfügung gestellt hatte. Zweifellos litt Kontarsky zuweilen unter den Unzulänglichkeiten des Liebhaberorchesters. Aber er verstand es auch zu motivieren und auf seine sachliche Art zu begeistern. Kinder, das muss gehen, war seine typische leise, aber unerbittliche Aufforderung zu erneuter Anstrengung. Seinen wachsamen Augen hinter den dicken Brillengläsern entging keine Abweichung von der Partitur. Diese ganz allmähliche Annäherung an die Absicht des Komponisten war für mich ein faszinierendes Erlebnis. Auch der Dirigent schien insgesamt mit den Früchten seiner Arbeit zufrieden, wie ein Ausschnitt aus der Stuttgarter Zeitung vom belegt ( Der Dirigent Kontarsky ein Stuttgarter Portrait ): Wie stolz Kontarsky auf die Leistungen dieser Amateure blickt, merkt man ihm an, wenn er von seiner Zusammenarbeit erzählt. Die Musiker sind so anstellig, dass er es wagen kann, anspruchsvolle Werke wie die erste Sinfonie von Gustav Mahler oder Bruckners Siebente einzustudieren. Wagen ist hier ein interessantes Wort. Aus etymologischer Sicht ist es zum einen verwandt mit verwegen, was für den ersten Satz Mahler völlig zutreffend ist. Zum anderen beinhaltet es abwägen, vorsichtig bedenken. Der Erfolg dieses gewagten Konzerts im Herbst 1978 gab dem Dirigenten Recht. Der Gesamteindruck war ausgezeichnet. Es wurden im Bereich der Laienmusik neue Maßstäbe gesetzt (Reutlinger Nachrichten). Leidenschaftlich glühende, bildhafte Mahler- Erste... Kein Wunder, dass Bravojubel aufbrach, nachdem diese Mahler- Erste verklungen war, in einer Wiedergabe, die imponierte (Reutlinger Nachrichten). Die Übernahme einer Professur für Neue Musik an der Musikhochschule Frankfurt/Main. bedeutete das Ende der Ära Kontarsky. Das Abschiedskonzert war grandios und bewegend. Dirigent und Konzertmeisterin waren gleichzeitig die Solisten des Abends beim Violinkonzert von Frank Martin und beim Klavierkonzert G-Dur von Ravel. Das Orchester verdankt Bernhard Kontarsky und seiner Frau Elfriede Früh-Kontarsky eine hohe technische Qualitätssteigerung, stetigen Mitgliederzuwachs (O-Ton Kontarsky: Es ist schon toll, wenn man die Junge Süddeutsche Philharmonie hört und 100 Leute stehen auf! ) und eine Reihe unvergesslicher Konzerte. Irmgard Tutsch Dies ist ein Blindtext für die Bildunterschrift, die später durch den richtigen Text ersetzt wird.

11 Persönliche Erinnerungen Zum Neubeginn mit Kontarsky Ein Lebensweg Bernhard Kontarsky Dies ist ein Blindtext für die Bildunterschrift, die später durch den richtigen Text ersetzt wird. Erich Reustlens Abgang haben viele Orchestermitglieder zum Anlass genommen, aus dem Orchester auszutreten, darunter auch der damalige Konzertmeister Uli Epple. Und so litt das erste Konzert unter Konty unter einer rachitischen Besetzung (z.b. nur 1 Kontrabass!). Die Mozartserenade D-Dur KV 185 und Beethovens 3. Sinfonie Eroica (nur 3 Hörner!) kamen unseren Schwierigkeiten entgegen. Frau Kontarsky leistete subtile Schwerstarbeit mit den Streichern, vor allem natürlich mit Violinen und Bratschen, die Celli waren dank Walter Klumpp als Stimmführer und Solocellist gut versorgt. Die Bläser wurden von Bernhard Kontarsky nachdrücklich auf Vordermann gebracht. Mit der Ankündigung der 1. Sinfonie von Gustav Mahler als nächstem Programmschwerpunkt setzte ein erfreulicher Zustrom neuer Mitglieder und Mitspieler ein. Die Devise damals war: Kontarsky macht das Programm, wir sorgen für die Besetzung. Erstaunlicherweise ging das ganz gut, und so war das Orchester qualitativ und quantitativ wieder aufstrebend. Die 7. Sinfonie von Anton Bruckner war dann der erste veröffentlichte Tonträger, ein Konzertmitschnitt auf LP vom 14. Oktober 1979 in der Listhalle in Reutlingen. Das Cover zierte das uns von HAP Grieshaber zur Verfügung gestellte Motiv des Holzschnitts Muse. Die Zusammenarbeit von absoluten Profis und uns Laien (damals überwiegend) war neben den musikalischen Erfolgen geprägt von einem gegenseitigen Lernprozess. Die Forderung und Erwartungshaltung von Dirigent und Konzertmeisterin einerseits und die Bereitschaft und das Vermögen von uns andererseits sorgten immer wieder für Spannungen, die aber letztendlich ausgeglichen werden konnten. Es war wohl schon ein Wagnis, nach knapp fünfjähriger Entwicklungsarbeit das Konzert für Orchester von Bartók ins Programm zu nehmen. Aber man kann wohl davon ausgehen, dass der künstlerische Leiter dieses Werk nicht in Angriff genommen hätte, wenn er nicht vom Erfolg überzeugt gewesen wäre, dazu war er zu kritisch und auf sein Renommee bedacht. Die Übernahme einer Professur für Neue Musik an der Musikhochschule Frankfurt a.m. bedeutete zugleich das Ende der Ära Kontarsky ( O-Ton Frau Kontarsky: Mein Mann macht jetzt Karriere! ). Das Abschiedskonzert brachte als grandioses Programm das Violinkonzert von Frank Martin. Bernhard Kontarsky und Elfriede Früh-Kontarsky haben das Orchester immens weitergebracht, vor allem im technischen Bereich: Genauigkeit im Zusammenspiel, das Hören aufeinander, die dynamische Abstufung im Orchester. Der Abschied fiel nicht so schwer, weil es gelungen war Walter Klumpp und Klaus Conrad mit Bernhard Güller einen hervorragenden Nachfolger als künstlerischen Leiter zu gewinnen. Klaus Conrad 1937 Bernhard Kontarsky wurde 1937 in Iserlohn (Westfalen) geboren. Nach dem Studium der Musik und Musikwissenschaften an der Musikhochschule Köln folgten Engagements als Korrepetitor, Studioleiter und Kapellmeister an den Städtischen Bühnen Köln, der Oper Bonn und am Württembergischen Staatstheater Stuttgart. Von 1981 bis 2003 war Bernhard Kontarsky Professor für Neue Musik an der Hochschule für Musik in Frankfurt. Bernhard Kontarsky dirigiert in erster Linie Musik des zwanzigsten und einundzwanzigsten Jahrhunderts. Er leitete die Produktionen einiger Opern von Hans Werner Henze und war als Gastdirigent am Staatstheater Stuttgart, an der Deutschen Oper Berlin, an der Opera Nationale de Paris, an der Bayerischen Staatsoper München, an der Deutschen Oper am Rhein, an der Wiener Staatsoper, am Bolschoitheater Moskau und dem Kirow-Theater in St. Petersburg engagiert. Er arbeitete mit Orchestern aller westdeutschen Rundfunkanstalten, mit dem Orchester des Österreichischen Rundfunks sowie dem Orchester de Paris und anderen. Anzeige Fachbetrieb KLAVIER Neu und Gebraucht Miete Mietkauf Service Restauration Digitalpiano Noten Antiquari at ALBER DAS KLAVIERHAUS Unt. Metzgerbach Esslingen Tel. 0711/ Fax 0711/

12 Persönliche Erinnerungen Ein Mann mit Charisma Die Ära Bernhard Güller Er ist mein bester Schüler - das sagte kein Geringerer als Sergiu Celibidache über Bernhard Güller. Die Dirigentenkarriere des Bernhard Güller begann 1979, als er den ersten Preis beim Dirigentenwettbewerb der Deutschen Rundfunkanstalten gewann. Zwei Jahre später übernahm er für den erkrankten Celibidache eine Deutschlandtournee mit dem Radiosinfonieorchester Stuttgart. Seitdem ist Bernhard Güller als Dirigent auf der ganzen Welt gefragt von China bis Uruguay, von Norwegen bis Südafrika. Er dirigierte unter anderem die Radiosinfonieorchester in Stuttgart und Stockholm sowie das Barcelona Symphony Orchestra. Seit der Spielzeit 2002/03 ist Bernhard Güller Chefdirigent des kanadischen Orchesters Symphony Nova Scotia und seit der Spielzeit 2005/06 auch Chefdirigent der Nürnberger Symphoniker. Von 1983 bis 1996 war er Dirigent der Jungen Süddeutschen Philharmonie Esslingen. Heute in der Rückschau scheint es mir zwangsläufig und irgendwie logisch, dass Bernhard Güller 1983 die künstlerische Leitung des Orchesters übernahm. Vereint er doch in seiner Art mit dem Orchester zu arbeiten und in seiner Auffassung, wie Musik gespielt werden sollte, die besonderen Eigenschaften und Vorzüge seiner beiden Vorgänger in einer einzigen Person. Musik zu machen ist für ihn eine hoch emotionale Sache, aber sie muss technisch beherrscht und irgendwie kontrollierbar sein. Um das gewünschte Niveau zu erreichen und durch viel Arbeit auch zu halten, gewann er für das Orchester hervorragende Konzertmeisterinnen und -meister und holte sich zur Unterstützung und Entlastung in der technischen Arbeit Kollegen aus dem Radio- Sinfonieorchester Stuttgart des SWR, welche die Streicher- und Bläsergruppen für die Gesamtprobe vorbereiteten. Präzision im Zusammenspiel, aufeinander hören, Verlässlichkeit der Intonation, Phrasierungen aufeinander abstimmen, ein Piano noch leiser, ein Forte noch kräftiger spielen zu können, das waren einige der Themen in seiner Probenarbeit, aber nie als virtuoser Selbstzweck, sondern um darauf aufbauend in Wirklichkeit aber simultan - Musik machen zu können. Musik mit Emotion, Musik, die unter die Haut gehen soll, Musik, die erschauern lässt, Musik, die einen zum Mitjubeln verführt, Musik der Spannung und Entspannung, Musik in Schwarz, Musik in schillernden Farben, Musik, die einmal brutal motorisch und dann wieder zart, höchst variabel und flexibel sein kann. Man kann nicht sagen, dass er ein ganz bestimmte Masche hatte, Musik zu machen außer alles zu geben und alles zu fordern -, nein, man hatte immer die Gewissheit, dass er zu jeder Art von Musik den richtigen Zugang hatte und sie uns vermitteln konnte. Dabei war die Ära Güller von einer zuvor kaum geahnten Vielfalt gekennzeichnet, haben wir doch außer den großen Sinfonikern (Mozart, Beethoven, Schubert, Brahms, Schumann, Dvorak, Bruckner, Mahler) musikalische Reisen durch die ganze Welt des Sinfonieorchesters unternommen. Französische Musik (Fauré, Debussy, Ravel, Saint-Saens, Franck), russische (Mussorgsky, Tschaikowsky, Liadow, Schostakowitsch), sogar englische (Britten, Vaughan Williams, Holst) und als ganz neue Erfahrungen amerikanische Musik (Ives, Copland, Barber, Gershwin, Bernstein), spanisch-südamerikanische Tänze (mit Nina Corti) und Livemusik zu einem Stummfilm. Auch das 20. Jahrhundert kam nicht zu kurz: außer bereits angeführten Komponisten spielten wir unter Bernhard Güller Werke von Strawinsky, Hindemith, Bartók, Ligeti, Imbescheid, Sibelius, Strauss, Respighi, Kosviner und Koetsier. Nur zu einer Oper sind wir nicht vorgedrungen, da blieb es bei konzertfähigen Beiträgen großer Opernkomponisten (Wagner, Verdi). Auch mit extremen Gegensätzen konnte er uns stets fesseln, so mit kleinsten Formen (Volkslieder von Liadow) und größten Musikarchitekturen (Bruckner 7., 8. und 9. Sinfonie), mit zartesten Stimmungen (Ravel: Pavane) und martialischer Gewalt (Respighi: Pinien der Via Appia). Die Hintergründe der gespielten Stücke hat er nie dozierend vermittelt, sondern er hat die Erklärung spannend in die Probenarbeit eingebaut. So haben wir die Dramen hinter Schostakowitschs 5. und 10. erfahren, aber auch die philosophische Absicht von Ives Unanswered Question und die Geschichte hinter Dvoraks sinfonischer Dichtung Die Waldtaube. Die Ernte der harten Proben wird in den Konzerten eingebracht. Die spannende Frage ist dabei, wie viel vom Erarbeiteten können wir im Konzert abrufen. Unter Bernhard Güller kam noch eine weitere Erwartung dazu, nämlich ob es da im Konzert noch Momente gibt, die über das Geprobte und über das Probbare hinausgehen, ob unerwartete Steigerungen noch möglich sind. Diese glücklichen Momente haben wir unter ihm immer wieder erlebt und in überwältigender Erinnerung ist allen, die dabei waren, die Aufführung von Schuberts Unvollendeter. In solchen Sternstunden es waren manchmal auch nur Sternminuten dabei - da brachte er uns mit seinem Charisma ganz weit, da wuchsen wir schier über uns hinaus. Die vierzehn Jahre mit Bernhard Güller waren eine Zeit hoher Anforderungen und dennoch erstaunlich gelassener Atmosphäre, mit großer Intensität ohne Verkrampfung, mit starken Emotionen und Verausgabung und mit bedingungslosem Ringen um große Musik, eine Zeit unvergesslicher Konzerte und unauslöschbarer Einblicke in die Musik. Jedes Werk, das wir unter ihm erarbeitet und aufgeführt haben, war dann, wenn es erklang, das schönste und spannendste. Mit Bernhard Güller haben wir Musik erlebt und zwar in allen ihren Extremen. Dies ist ein Blindtext für die Bildunterschrift, die später durch den richtigen Text ersetzt wird. Walter Klumpp

13 Persönliche Erinnerungen»Am wichtigsten ist die Zusammenarbeit«Die Ära Andreas Kraft Andreas Kraft kommt aus Berlin; dort studierte er an der Hochschule der Künste Posaune. Gleichzeitig nahm ihn die Karajan-Akademie des Berliner Philharmonischen Orchesters auf. Bereits ein Jahr später wurde er Soloposaunist beim SWR-Radiosinfonieorchester Stuttgart, in dem er bis heute mitspielt. Seit 1990 ist er Mitglied im Bayreuther Festspielorchester. Schon früh widmete sich Andreas Kraft der pädagogischen Arbeit mit jungen Musikern. Erfahrungen sammelte er als Dozent von Symphonic Brass Bayreuth, beim Bundesjugendorchester und bei der Jungen Deutschen Philharmonie. Mittlerweile kommt die Dozententätigkeit u. a. bei der Villa Musica in Mainz, dem Schleswig Holstein Musikfestival und der German Brass Academy Krefeld hinzu. In den Jahren 1999 bis 2004 leitete Andreas Kraft das Nürtinger Kammerorchester. Mit der Jungen Süddeutschen Philharmonie Esslingen arbeitet er schon seit vielen Jahren als Dozent und Solist zusammen. Im Herbst 1999 wurde er von den Mitgliedern des Orchesters zum neuen künstlerischen Leiter gewählt. Seit dem Wintersemester 2002/03 hat Andreas Kraft eine ordentliche Professur im Fach Posaune an der Musikhochschule Würzburg inne. Herr Professor Kraft, Sie sind seit 1999 Künstlerischer Leiter der Jungen Süddeutschen Philharmonie Esslingen. Wie ist es dazu gekommen, dass Sie als Professor an der Musikhochschule in Würzburg und freiberuflicher Soloposaunist beim Radiosinfonieorchester Stuttgart des SWR als Dirigent mit dem künstlerischen Nachwuchs arbeiten? Ich habe eigentlich von vorneherein, schon als ich mit zwanzig Jahren in meinen Beruf eingetreten bin, immer gerne mit anderen zusammen gearbeitet. Ich hatte von Natur aus eine gewisse Begabung, in Verbindung mit dem Hintergrundwissen, das ich mir in Berlin in der Studienzeit angeeignet habe, mit anderen Musikern Stücke zu erarbeiten und sie von bestimmten musikalischen Ideen und Intentionen zu überzeugen. Die Liebe zu dieser Arbeit hat mich eigentlich dazu gebracht, andere Leute zu unterrichten. Ich habe mich auch mit meinem eigenen Instrument relativ früh und sehr selbstkritisch auseinandergesetzt; ich habe versucht, bei mir viele Fehler zu verbessern, mich ständig weiterzubilden und das auch an den Nachwuchs weiterzugeben. Und so ging das in die nächsthöhere Ebene, das Orchesterspiel. Über die Schiene der Jugendorchester habe ich angefangen, Bläserproben zu leiten. Bei welchen Orchestern war das? Das war in den 80er Jahren beim Bundesjugendorchester, beim Bundesstudentenorchester, beim Christophorus-Sinfonieorchester hier in Stuttgart und dann später auch bei der Jungen Süddeutschen Philharmonie Esslingen. Mein Vorgänger, der damalige Leiter Bernhard Güller, der bei uns im Radio-Sinfonieorchester Cellist war, hat mich 1988 gefragt, ob ich diese Dozententätigkeit nicht übernehmen könnte. Ich habe mit Freuden zugesagt. Mir hat das Spaß gemacht, in diesem engen Kontakt mit den Jugendlichen zu stehen sehr viel älter war ich damals ja noch nicht. Ich habe einfach gemerkt, dass in dieser Arbeit ein reger Austausch von Informationen, auch von Ideen, und vor allen Dingen ein Austausch in der Liebe zur Musik entstanden ist. Daraus entwickelten sich Freundschaften, aber eben auch eine sehr intensive Zusammenarbeit. Ich habe selbst viel gelernt und bin in meiner persönlichen musikalischen Entwicklung weitergekommen. Sie sind 1999 dann zum Künstlerischen Leiter gewählt worden. Wie kam es dazu, und was hat Sie bewogen, die Wahl anzunehmen? Es geschah so ein bisschen aus dem Zufall heraus war Bernhard Güller noch Leiter der Jungen Süddeutschen Philharmonie Esslingen, und wir hatten eine Probenphase im Frühjahr, das war April/ Mai, mit dem Programm der 9. Sinfonie von Dvořák und Gershwins Ein Amerikaner in Paris. Bernhard Güller erlitt einen leichten Herzinfarkt, kam ins Krankenhaus und musste das Projekt ganz kurzfristig absagen. Man hat mich von Seiten des Orchesters gebeten, das Dirigat zu übernehmen, weil sonst die ganze Phase in Gefahr gewesen wäre. Das habe ich auch getan. Daraufhin entstand die Situation, dass Bernhard Güller, der im gleichen Jahr eine Chefdirigentenstelle bekommen hatte, sowieso aufhören wollte. Das Orchester begab sich auf die Suche nach einem Nachfolger und probierte dabei verschiedene Bewerber aus. Man hat auch mich gefragt, ob ich Interesse habe. Und nachdem ich das Projekt mit der 9. Dvořák-Sinfonie geleitet hatte, sagte ich zu. Nach Abschluss der Probedirigate der einzelnen Bewerber wählte mich das Orchester ein Jahr später, 1999, zum künstlerischen Leiter. Als Erich Reustlen 1956 das Süddeutsche Jugendorchester, wie es damals noch hieß, ins Leben gerufen hat, gab es kaum vergleichbare Amateurorchester. Es war eins der ersten. Wie sieht die Situation mittlerweile aus? Die Konkurrenz ist sehr groß und sehr stark geworden, und wir müssen zusehen, dass wir uns eigentlich permanent in diesem sogenannten Konkurrenzkampf behaupten. Es geht um Spielstätten, um Attraktivität der Programme, und es geht natürlich auch um Zeit. Die jungen Leute haben heute weniger Zeit als damals, sie haben ein größeres Angebot an Spielmöglichkeiten. Manchmal ist es auch die Schwierigkeit, dass viele Nachwuchsmusiker nur noch gegen einen finanziellen Ausgleich spielen wollen, was in meiner Jugend eher eine Ausnahme darstellte. Und mit der Situation müssen wir fertig werden. Wir versuchen eben, von Projekt zu Projekt über einen langen Zeitraum einen gewissen inneren Zusammenhalt des Orchesters aufzubauen und zu erhalten, so dass eine immer intensivere Zugehörigkeit zum Orchester entsteht, zu der Art, wie dort musiziert und gearbeitet wird.

14 Persönliche Erinnerungen Wie wirkt sich diese Entwicklung auf die Arbeitsweise aus? Am Anfang war es noch so, dass man sich regelmäßig alle vier Wochen getroffen hat, dann gab es diese zehntägige Arbeitsphase, und die Leute sind über Jahre hinweg im Orchester geblieben. Wie ist das heute? Die Fluktuation ist deutlich größer geworden. Ich spiele nicht mit einem feststehenden Orchester, das sich dann in größeren Abständen trifft, sondern der Austausch von Musikern erfolgt häufiger, der Kreis ist größer geworden. Es gibt natürlich immer einen harten Kern von Leuten, die auch regelmäßig mitspielen, aber ich muss mich so zu sagen immer auf einen neuen einstellen. Und die Hauptschwierigkeit liegt eigentlich in den beiden Faktoren, ein neues Ensemble vor sich zu haben und in kürzester Zeit daraus ein homogenes Ensemble entstehen zu lassen. Was ist denn dann der Reiz daran? Der Reiz ist eigentlich, den jungen Leuten meine Ideen zu vermitteln, wie ich selber musiziere und wie ich der Meinung bin, dass man ein Werk spezifisch erarbeitet und aufführt. Das geht los mit Tempofragen bis hin zu Klangfarben, zu stilistischen Fragen. Und alles geschieht eben unter der Prämisse, dass ich keine Zeit habe. Dass ich also permanent unter Druck stehe und in kürzester Zeit versuche, das Orchester auf das bestmögliche Niveau zu bringen. Hat dieser Zeitdruck auch Auswirkungen auf das Repertoire? Darauf nehme ich eigentlich keine Rücksicht. Es geht anders herum: Ich plane meine Programme, natürlich mit gewissen Vorlieben, die ich selber habe. Aber ich versuche auch, breitgefächert das, was heute im Bereich der Ernsten bis Unterhaltungsmusik vom Publikum erwartet wird, mit zu berücksichtigen. Das geht bis zu Filmmusik, das geht auch bis zu zeitgenössischer Musik. Wir haben Schnittke gespielt, wir werden Arvo Pärt spielen. Aber ich muss schauen, dass für das Zuhörerbedürfnis auch die Klassiker mit dabei sind. Es gibt seit zwei Jahren diese Patenschaft des Radiosinfonieorchesters für die Junge Süddeutsche Philharmonie Esslingen, in Zusammenarbeit mit den Jeunesses Musicales Deutschland und der Deutschen Orchestervereinigung DOV. Wie ist das entstanden? Vor einigen Jahren wurde von unserer Gewerkschaft DOV in Verbindung mit den Jeunesses Musicales Deutschland die Idee von Orchesterpatenschaften zur Nachwuchsförderung entwickelt: Profiorchester sollten Paten von Nachwuchsorchestern werden. Daraufhin sind Mitglieder des Radio-Sinfonieorchesters an mich herangetreten und haben gefragt, ob es nicht eine Möglichkeit gebe, auf dieser Basis in eine engere Verbindung mit der JSPE zu treten. Ich habe dann ganz offiziell einen Antrag gestellt. Mein Hintergrundgedanken dabei war, dass eine Kulturinstitution wie das RSO einerseits die jungen Leute fördert und dass andererseits das Bedürfnis der Institution nach musikalischem Nachwuchs unterstützt wird. Aber ich wollte außerdem auch die Betreuung des Nachwuchses, also eine engere Zusammenarbeit, die darin gipfelt, dass wir Konzerte gemeinsam machen. Das ist ja schon etwas sehr Außergewöhnliches, wenn unsere jungen Leute, auch ein paar ältere, mit Profis gemeinsam auf einer Bühne sitzen und musizieren. Wie oft finden diese Konzerte statt? Das geschieht immer in Verbindung mit dem Orchestermanagement des Radio-Sinfonieorchesters, und dort läuft die Planung, dass wir etwa einmal im Jahr ein derartiges Projekt durchführen können. Wie viele Konzert der Jungen Süddeutschen Philharmonie Esslingen gibt es sonst, und wo finden sie statt? Wir haben in unserer Konzertplanung etwa drei Projekte im Jahr, die ich betreue. Das ist einmal das Frühjahrsprojekt mit Konzerten außerhalb des Stuttgarter Bereichs, dieses Mal in Esslingen und in Besigheim. Dann machen wir unsere traditionelle Arbeitswoche, die in der Art ihrer Durchführung noch aus der Reustlen-Zeit stammt; sie findet immer in der letzten Schulferienwoche der Sommerferien statt. Und dann gibt es Anfang Januar die Neujahrskonzerte. Darüber hinaus wird die JSPE von anderen Institutionen eingekauft, beispielsweise von Chören. In diesem Fall wirkt das Orchester gegen ein gewisses Honorar als Begleitensemble. Das Geld wird benötigt, um unsere eigenen, vorher erwähnten Projekte zu finanzieren. Wer spielt heute in der Jungen Süddeutschen Philharmonie mit? Es ist eine bunte Mischung von Schülern, die in ihrer Freizeit begeistert Musik machen. Es gibt Profis wie Musiklehrer, die an der Musikschule arbeiten und eine professionelle Ausbildung haben, es sind Studenten von Musikhochschulen dabei und überdurchschnittlich begabte Freizeitmusiker. Im Kontrabass z. B. spielt ein Herr, der eine sehr bewegte Vergangenheit hinter sich hat: Er war Profischlagzeuger in Flensburg und Ulm, hat dann umgesattelt auf Pilot und ist mit mehreren Frachtmaschinen geflogen. Danach ist er Taxifahrer geworden und hat nebenher angefangen, Kontrabass zu lernen. Jetzt spielt er bei uns als Kontrabassist mit. Wenn ich diese Lebensgeschichte sehe, ist das einfach eine un- Dies ist ein Blindtext für die Bildunterschrift, die später durch den richtigen Text ersetzt wird.

15 Persönliche Erinnerungen brauchen wir noch mehr Musikerinnen und Musiker, die sich engagieren. Die Arbeiten, die in einer Orchesterführung entstehen, sollten auf noch mehrere Schultern verteilt werden. Ich in zuversichtlich, dass ich für diese wichtigen Aufgaben noch Mitspieler gewinnen kann. Wen wollen Sie denn ansprechen, um die Besetzung stabil zu halten und möglichst ohne Aushilfen arbeiten zu können? Ich möchte mich weder auf eine Gruppe wie Studenten noch auf gut ausgebildete Amateure, die schon im Berufsleben stehen und hauptberuflich etwas anderes machen, festlegen. Auch das ist ein Reiz unseres Orchesters: Wir haben eine Mischung aus Mitgliedern, die aus unterschiedlichsten Richtungen kommen. Das Wichtigste ist eigentlich, dass sie die Begeisterung und die Liebe zu dieser Art der Musik empfinden und dass sie ihr Instrument auf einem bestimmten Niveau beherrschen. Die Qualität muss einfach stimmen, dann kann ich mit ihnen arbeiten. Herr Prof. Kraft, vielen Dank für das Gespräch. Anzeige Dies ist ein Blindtext für die Bildunterschrift, die später durch den richtigen Text ersetzt wird. glaubliche Einstellung und eine unglaubliche Liebe zur Musik; er kommt regelmäßig und ist einer unserer treuesten Mitspieler. Aus dieser wirklich sehr bunten Mischung an Mitspielern etwas Verbindendes, Homogenes herzustellen bildet für mich den persönlichen Reiz. andere Orchester auch. Ich möchte gerne, dass sich diese Probleme nach und nach erledigen. Wir haben mit dieser Arbeitsphase schon einen sehr großen Schritt getan; und ich möchte, dass wir auf diese Weise das Kulturgut Orchestermusik weiterentwickeln und vorantreiben. Damit der Tag gut anfängt. Gibt es Vorspiele? Ja, wir machen kleine Vorspiele; sie sind allerdings nicht sehr eng definiert. Ich überlasse jedem Kandidaten, was er spielt und wie er sich präsentieren will. Ich bestehe nur darauf, dass wir eine Tonleiter spielen lassen, einmal langsam, einmal schnell (lacht). Das Vortragsstück kann sich jeder aussuchen. Es geht im Grunde nicht um ein klassisches Probespiel, sondern es geht nur darum, dass ich den Menschen kennen lernen möchte, wie er mit seinem Instrument umgeht und wie ich mit ihm als Person umgehen kann. Haben Sie eine Zukunftsvision oder Wünsche, was Sie erarbeiten wollen? Ich möchte eigentlich in dem Stil weitermachen. Aber wir hatten in den letzten Jahren in verschiedenen Gruppen Besetzungsprobleme wie Sie wollen die romantische Musik und die Filmmusik, die ja beide ein großes Orchester erfordern, weiter pflegen. Kann das die Junge Süddeutsche Philharmonie alleine schaffen? Wir waren in den vergangenen Jahren immer wieder auf bestimmte Aushilfen auf verschiedenen Positionen angewiesen. Das lässt sich natürlich auch vor dem Hintergrund erklären, dass in der heutigen Zeit die Pflege der klassischen Instrumentalausbildung eher schwieriger geworden ist. Hinzu kommt, wie bereits erwähnt, die Konkurrenz. Umso mehr freue ich mich, dass wir in dieser jetzigen Phase mit fast keiner Aushilfe arbeiten müssen. Wir wollen mit unserem Jubiläum und mit weiteren Planungen ganz gezielt darauf hinarbeiten, dass das so bleibt und dass die Verantwortung der Mitspieler gegenüber dem Orchester sich noch stärker entwickelt. Im Bereich der ehrenamtlichen Vorstandstätigkeit WER NÄHER DRAN IST, WEISS BESSER BESCHEID. Holen Sie sich die Region Esslingen, mit einem Probeabo der Eßlinger Zeitung, nach Hause. Ihr 14-Tage-Gratis-Probeabo erhalten Sie unter der gebührenfreien Leser- Service Nummer oder bei

16 »Reisen bildet«dieter Ehlermann Oboist 03

17 Auslandsreise Frankreich 1963 Frankreich zum Ersten 1964 zum Zweiten 1965 zum Dritten Vier Frankreichreisen mit dem Tübinger Kantatenchor in den Jahren Fakten und Erinnerungen von Ulrich Prinz Dass das Süddeutsche Jugend Sinfonie Orchester des öfteren zur Aufführung chorsinfonischer Werke unter fremden Dirigenten verliehen wurde, hatte bereits Tradition, manchmal gab es zusätzliche Verbindungen über die Vokalsolisten. So stellte Erich Reustlen sein Orchester dem Tübinger Kantatenchor der Eberhard-Karls-Universität unter der Leitung von Professor Hermann Achenbach für vier Konzertreisen nach Frankreich zum Ende des jeweiligen Wintersemesters zur Verfügung. Beide Ensembles waren von ihren Dirigenten getrennt vorbereitet worden, es gab einige Arien- oder Rezitativproben, eine Aufführung des betreffenden Werkes in Tübingen, und dann ging s mit dem Bus auf Reisen J. S. Bach, Matthäus-Passion im Festsaal der Universität Tübingen; G. F. Händel, Messias in der Église Saint-Bonaventure in Lyon; J. S. Bach, Matthäus-Passion im Théatre Municipal in Besançon; J. S. Bach, Matthäus-Passion im Dom zu Fribourg. Vokalsolisten: Ruth Haertel-von Heppe Sopran, Margarete Witte-Waldbauer Alt, Horst Schäfertöns Tenor, Traugott Schmohl und Wolfgang Küssner Baß. Unvergesslich wird allen Mitwirkenden und Zuhörern die Aufführung der Matthäus-Passion im Dom zu Fribourg bleiben. Nach dem Verhallen des Schlussakkordes in dem mächtigen gotischen Gotteshaus erhob sich die dichtgedrängte Zuhörerschaft schweigend und blieb minutenlang ergriffen stehen. Um die ungeheure, immer stärker werdende Spannung zu lösen, entschloss sich Hermann Achenbach, den Eingangschor zu wiederholen. Gleichzeitig wurde damit der Fribourger Kinderchor glänzend rehabilitiert, dessen Cantus firmus-einsätze zu Beginn der Aufführung etwas zögerlich erfolgten J. S. Bach, Matthäus-Passion im Festsaal der Universität Tübingen; J. S. Bach, Matthäus-Passion in der Église Saint-Bonaventure in Lyon; G. F. Händel, Messias in der Église St. Roch in Paris; G. F. Händel, Messias in der Cathédrale in Clermont-Ferrand. Vokalsolisten: Ruth Haertel-von Heppe Sopran, Margarete Witte-Waldbauer Alt, Horst Schäfertöns Tenor, Traugott Schmohl und August Meßthaler Baß. Während der gutbesuchten Aufführung des Messias in Paris verbargen sich immer wieder Orchesterspieler hinter ihrem Pult und versuchten, sich das Lachen zu verkneifen wegen des kursierenden Schüttelreims: Die Leute kamen scharenweise, die meisten Töne waren sch... Die Ursache lag in mangelnder Probenvorbereitung, gekonntes Blattspiel war gefragt. Auf den Plakaten fehlte zum Teil das Aufführungsdatum, wichtiger war offenbar die Aussage 130 exécutants W. A. Mozart Vesperae KV 339 und J. Brahms Ein deutsches Requiem in der Domkirche St. Martin in Rottenburg; W. A. Mozart und J. Brahms in der Cathédrale in Clermont-Ferrand; W. A. Mozart und J. Brahms in der Église Saint-Bonaventure in Lyon; W. A. Mozart und J. Brahms in der Église St. Roche in Paris. Vokalsolisten: Ruth Haertel-von Heppe Sopran, Hedwig Funck Alt, Rudolf Sindek Tenor, Traugott Schmohl Baß. In Paris war Herr Schmohl stark erkältet, so kam der Vorschlag auf, Professor Achenbach solle die jeweilige Bass-Solopartie singen und Erich Reustlen dirigieren. Nach einiger Überlegung wollten wir allerdings dem inzwischen bejahrten Hermann Achenbach nicht den Text zumuten Herr, lehre doch mich, dass ein Ende mit mir haben muss, und mein Leben ein Ziel hat, und ich davon muss. Es sprang dann nicht etwa ein Bassist aus dem Chor ein, sondern unser Hornist Wolfgang Martin Löhnert sang die Partie mit erstaunlicher Sicherheit.

18 Paris 640 km Lyon Fribourg 636 km 241 km Esslingen 704 km Saint-Etienne 1966 zum Vierten J. S. Bach, Messe h-moll im Maison de la Culture in Saint-Étienne; J. S. Bach, Johannes-Passion in der Église Saint Bonaventure in Lyon; J. S. Bach, Johannes-Passion in der Cathédrale Saint-Sauveur in Aixen-Provence; J. S. Bach, Messe h-moll in der Église Saint-Pierre in Avignon. Vokalsolisten: Ruth Hertel-von Heppe Sopran, Margarete Witte- Waldbauer Alt, Friedrich Melzer Tenor, Friedhelm Hessenbruch und Traugott Schmohl Baß. [...] Die Reihe der vier Konzerte in Frankreich eröffnete die h-moll-messe im Maison de la Culture" in Saint-Étienne am 28. Februar Die gelungene Interpretation ließ die temperamentvollen Südfranzosen nach jedem der einzelnen Messeteile zum Beifall hinreißen, was einige Orchestermitglieder nicht erstaunte, da sie bereits in der Türkei bei einer Beethoven Sinfonie für einen Septakkord mit Fermate Applaus erhielten. In Lyon fand die Aufführung der Johannes- Passion in der vertrauten Église Saint-Bonaventure in der Reihe der»concerts des Grands Interprètes«am 1. März statt. Über 3000 Zuhörer in der vollbesetzten Kirche dankten lange schweigend für das geniale Werk des großen Thomaskantors, dessen Name auch in Frankreich magische Anziehungskraft ausübt. Die Johannes-Passion in der Cathédrale Saint- Sauveur in Aix-en-Provence am 3. März wurde zu einem besonderen Erlebnis. Nach einführenden Worten des sehr musikalischen Pfarrers sprang der Funke des Iebendigen Musizierens bald auf das Publikum über, eine notwendige Wechselwirkung, die sich in der Gelöstheit der Ausführenden und der Zuhörer zeigte. Als sich die Gesangssolisten zum Schlusschoral Ach Herr, lass dein lieb Engelein erhoben, stand auch der Bürgermeister auf, worauf sich die dichtgedrängte Zuhörerschar die letzten Choralzeilen stehend anhörte, Händels Halleluja aus dem Messias schien Pate zu stehen. Die Messe h-moll in der ÉgIise Saint-Pierre in Avignon am 4. März bildete für das Orchester den würdigen Abschluss seiner diesjährigen Frankreichfahrt. Neben den notwendigen Stellproben, den Konzerten und den langen Busfahrten fand sich immer etwas Freizeit, um an den von Gastgebern organisierten Stadtführungen, an Rathausempfängen teilzunehmen, den monumentalen Papstpalast in Avignon anzusehen, die prächtigen Fontaines de Vaucluses zu besichtigen oder auf den Spuren Cézannes in seiner Geburtsstadt Aixen-Provence zu wandeln. Petrus hatte ein gütiges Einsehen und bescherte viel Sonnenschein und tauchte die Provence in flimmerndes Licht, das Cézanne als Durchdringung von Raum und Farbe zu zeigen versuchte. Der Tübinger Kantatenchor musizierte anschließend zwei Tage in Aix-en-Provence und Marsaille im Rahmen französisch-deutscher Jugendbegegnungen. Auf der Rückfahrt blies der Mistral kalt aus vollen Rohren, die vielen angepflanzten Windschutzhecken im Rhonetal trutzten mit ihren zerzausten Mähnen, alle nach Süden weisend. Es bleibt, dem deutsch-französischen Jugendwerk in Bonn, dem Regierungspräsidium von Südwürttemberg-Hohenzollern und den Organisatoren herzlich zu danken, ebenso den ernsthaften musikalischen Vorbereitungen des Tübinger Kantatenchores und des Süddeutschen Jugend Sinfonie Orchesters, deren Verdienst es ist, dass solch erfreuliches Konzertieren in Frankreich wieder möglich war. (Aus: Ulrich Prinz: J. S. BACHS MESSE H MOLL UND JOHANNES PASSION IN FRANKREICH, Bericht für die»musikalische Jugend Deutschlands«im März 1966) Anzeige

19 Auslandsreise Türkei Abenteuerliche Reisen in die Türkei, eine freie Gesamtschilderung, von Dietrich Gradmann vulgo Gandhi Reisen bildet. Auch unser Oboist Dieter Ehlermann wusste das, als er die Reisen des Orchesters 1964 und 1966 in die Türkei organisiert hat. Mit dem Orchester der Technischen Hochschule Stuttgart hatte er zuvor einschlägige Erfahrungen gesammelt, von denen er unser Orchester jetzt voll profitieren ließ. Welch enorme Leistung er da vollbracht hat, haben die meisten Mitfahrer kaum bemerkt. Allerdings war das Pensum der bürokratischen Vorarbeiten zu ahnen, als wir jeweils fünf Passbilder abliefern mussten, um durch den kaltkriegerischen Ostblock aus dem Wirtschaftswunder- ins Märchenland fahren zu können. Beeindruckend war auch der Eigenbeitrag von lediglich fünfzig D-Mark für zwei Wochen Türkei. Bis wir allerdings dort eintrafen, hatten wir die ersten Abenteuer schon längst hinter uns. Ich meine hier nicht die musikalische Vorbereitung, die eine eigene literarische Behandlung verdient, sondern die Besetzung der Zugabteile des Orient- Express in München. Ein ganzer Waggon war für uns reserviert. Doch die Bahndirektion hatte in diesen auch noch eine belgische Reisegruppe einquartiert. Damit musste unser etwa sechzigköpfiges Orchester samt Gepäck und Instrumenten mit acht Abteilen für die achtundvierzig Stunden dauernde Fahrt nach Istanbul vorlieb nehmen. Hinzu kam ein anhaltender Mitfahrerdruck vorwiegend durch jugoslawische Gastarbeiter. Uli Prinz, der erfahrene Praktiker, hatte sich mit Weisheit und einem inzwischen berühmten Acht- Millimeter-Innenvierkantschlüssel auf das Problem vorbereitet. So blieb unser Waggon an beiden Enden mechanisch stets dicht, auch wenn der Schaffner die unzulässig abgeschlossenen Türen immer mal wieder kopfschüttelnd geöffnet hatte. Zusätzlich psychische Abschreckung haben unsere Posaunisten übernommen, indem sie sich mit gorillagleichen Drohgebärden an den Durchgangstüren postierten. Das Platzproblem war damit stabil aber immer noch erheblich und wurde so gehandhabt: Um möglichst viele Schlafplätze mit rotierender Nutzung zu gewinnen, wurden die Gepäckablagen nicht als solche genutzt sondern zum Schlafen freigeräumt. Mit dem Gepäck wurde der Raum zwischen den Sitzen aufgefüllt - noch'n Schlafplatz. Die sperrigen Kontrabässe baumelten zwischen den Gepäckablagen. Auch die schmalen Gepäckablagen im Flur wurden von Schläfern genutzt. Einer blieb dort die ganzen achtundvierzig Stunden zwischen München und Istanbul liegen. Man hätte erwarten können, dass in solch einer Enge Aggressionen ausgebrochen wären. Das ist aber nicht geschehen. Die Laune war hervorragend. Selbst Streichquartett wurde noch gespielt. Wir hatten die Zeit und den Willen, uns langsam auf den Wandel von Okzident zu Orient einzustellen, was immer sich jeder darunter vorgestellt hat. Dabei halfen die großartigen Ausblicke aus dem gemächlich auf Ostblockschienen dahinruckelnden Orientexpress: endlose Sonnenblumenfelder, verwahrloste Bahnhofsgelände, tausende Störche während einer Zwischenlandung in Donausümpfen. Dank Uli Prinz und seinem Vierkantschlüssel waren die sanitären Verhältnisse im überfüllten Waggon immer noch um Klassen besser, als das, was uns in der Türkei gelegentlich erwartete. Bei jedem Halt füllte Uli das Wasserreservoir wieder auf wie ein routinierter Bahnarbeiter, von denen nie ein echter für solche Zwecke in Erscheinung oder gar Funktion getreten wäre. Bei einem Halt kurz vor Istanbul wurden von Türkenjungen frische Wassermelonen gekauft, soo süß und sooo billig. Der zuckerklebrige Saft breitete sich von triefenden Backen über Unterarme und Hände auf Kleider und Gepäck aus. Als die Sauerei ihren Höhepunkt erreicht hatte, fuhr der Zug endlich im Bahnhof von Istanbul ein. Was haben wir erwartet? Ich kann es nur vage und nur für mich selbst beschreiben: Orient für Anfänger. Damals wurde die Türkei als ein Musterland verstanden, das Kemal Atatürk erfolgreich aus dem Mittelalter in die westliche Neuzeit geführt hat. Dafür genoss er dort und westweltweit enormes Ansehen. Etwas naiv haben wir die Einladung, an einem internationalen Kulturfestival in Istanbul teilzunehmen, so verstanden, dass die Türkei uns als beispielhafte Repräsentanten der Weltkultur zu erleben wünschte. Dass wir dabei innerhalb von zwei Wochen nur zwei oder drei Konzerte zu geben hatten, empfanden wir in grandioser Selbstüberschätzung als eine angemessene Würdigung unsres kulturellen Gewichts. Die touristische Verbrämung des Unternehmens, die uns die Deutsche Botschaft dabei zukommen ließ, nahmen wir profitlich bis herablassend entgegen. Jedenfalls fühlten wir uns, als was viel Besseres als Normaltouristen und betrachteten das Orientalische in der Türkei ungefähr wie eine bedeutende Ansammlung von Saurierknochen. Unsre Unterkunft in einem während der Sommerferien verfügbaren Studentenwohnheim, dem Galata Saray, stimulierte unsere gebildeten Hirne schon allein wegen des Namens. Da war Paulus präsent, der hier scheint's eine Postadresse hatte, und Mozart natürlich, wegen seiner gelungenen Vertonung einer Kidnapping-Geschichte, sowie unser Dauerleiden, das sich aus der Übersetzung eines Palastes (türkisch saray) zum Genuss von Tee (türkisch çay, sprich 'tschai'-) ergibt: çay saray. Aber nicht nur unsere Wortfantasie sondern auch die Wirklichkeit war abenteuerlich: Schlafsäle mit jeweils etwa vierzig Eisenbetten, fehlende Bedienungsanleitung für die Steh/Hock-Toiletten mit einem Wasserhahn auf etwa zwanzig Zentimeter Höhe, ein alter, fetter aber bestechlicher Wächter unbekannten Geschlechts vor dem Damen-Trakt und täglich kaltes Hammelfett, zum Essen fertig im Teller aufgetischt im riesigen Speisesaal mit schmalen Tischen und Bänken. Man muss eingestehen, dass wir und andere Festivalteilnehmer sich nicht besonders um die Fünf Jahre Bauzeit für ein Weltwunder: die Hagia Sophia in Istanbul. Foto: Klaus Conrad

20 Esslingen 2138 km Istanbul Istanbul 1964 Foto: Klaus Conrad kulturellen Verbrüderungsvisionen gekümmert haben, mit denen man den geldgebenden Behörden gegenüber oder gar vor dem Steuerzahler unsere Reisezuschüsse hätte rechtfertigen können. Jede Gruppe schien für sich zu agieren. Man besuchte zwar die Auftritte der anderen im Theater oder unter freiem Himmel, bestaunte die aberwitzigen Rhythmen der Schalmei/Trommel- Ensembles, trat aber weiter nicht mit ihnen in Verbindung, und zwar nicht wegen Abneigung oder Vorurteilen, sondern einfach wegen der sprachlichen Schwierigkeiten, wir waren mit unseren eigenen Leuten gesellschaftlich schon ziemlich gut bedient. Ob und wie wir von anderen Festivalteilnehmern und Türken wahrgenommen wurden, kann ich kaum sagen. Aufgefallen ist lediglich, dass eine unserer Mitspielerinnen, die im heimischen Mitteleuropa wegen ihrer extremen Körperfülle an mangelnder sozialer Akzeptanz litt, im unverhofften Brennpunkt türkischer Männerblicke von Tag zu Tag aufblühte. Man sagt, ihrem Vater seien vierzig Kamele und zweihundert Schafe geboten worden. Natürlich haben wir Istanbul nicht nur aus der gehobenen Warte von Kulturlieferanten betrachtet, sondern auch als Normaltouristen. Was ist davon in meiner Erinnerung geblieben? Vorzeigemoscheen, insbesondere die ehrwürdige Hagya-Sofia, architektonische Ahnfrau von Kirchen, die sich mehr in die Länge, und Moscheen, die sich mehr in die Breite entwickelt haben. Blechern-tönende Muezzin-Gesangskonserven aus billigen, an Minarette montierte Lautsprechern; Verwahrloste Katzen; Ausgedehnte Großstadtbezirke ohne Gesicht, die man im weichen Fond alter amerikanischer Straßenkreuzer als ein eingeklemmter Fahrgast unter vielen anderen im Dolmusch durchqueren konnte. Der Geruch von gebratenem Fisch aus den winzigen Restaurants, die unter der alten Galatabrücke eingebaut waren. Der erste U-Bahn des europäischen Festlands zwischen Hafen und Höhe von Galata, einem Paar Holzwaggons, die sich gegenläufig mit einem Drahtseil verbunden bewegen, angetrieben von der Schwerkraft des Wassers im Tank des jeweils abwärtsfahrenden Wagens. Vom berühmten Topkapi-Saray nur zwei Bilder: eine lieblose Ansammlung der größten Diamanten der Welt und der Blick über die Stadt. Kann sein, letzteres Bild hat sich in meinem Kopf mehr durch Breitleinwandeindrücke gehalten. Besuch im Hamam, dem türkischen Dampfbad für Männer. Bei den Waschungen mit Wurzelbürste und Kernseife kam ich mir in den weißgekachelten Räumen eher wie ein passiver Hauptdarsteller im Schlachthaus vor. Am Eindrucksvollsten der hörbare Knacks in den Halswirbeln, den am Schluss der Masseur mit einer ruckartigen Verdrehung meines Kopfes erzeugte, der dabei wunderbarerweise nicht abgefallen ist, sondern sich danach überraschend klar angefühlt hat. Preiswerte Straßenrestaurants, in denen man in die Küche gebeten wurde, um körpersprachlich seine Menüwahl zwischen einigen halbflüssigen Speisen zu treffen, die tagelang vor sich hin zu köcheln schienen. Jugendliche, die zu ihrem eigenen Vergnügen auf staubiger Vorstadtstraße zu Trommel- und Schalmeienklängen so tanzten, wie wir es von den Folkloredarbietungen des Festivals kannten. Einen ganztägigen Ausflug per Schiff zu den Prinzeninseln habe ich hauptsächlich wegen der lustigen, kleinen Gesellschaft in angenehmer Erinnerung. Wegen meiner Wasserscheu war mir das Baden selbst nicht so wichtig, obwohl die felsig-sonnige Plätscherszenerie alle gängigen Fremdenverkehrserwartungen an eine Badeinsel erfüllte. Die offizielle Tat, weshalb wir die Reise machten, nämlich das ordentliche Vorspielen eines Sinfoniekonzertes in einem stickigen Theater, erledigten wir anständig, wie der Schwabe sagen würde. Tatsächlich wurde unser Auftritt enthusiastisch gelobt, vom Publikum durch Erjohlen von drei Zugaben und von der Presse durch die Mitteilung, wir seien das beste Orchester aller neun Festivals. Beifall für unsere Konzerte kannten wir ja schon. Weit aufregender war für uns aber das Rahmenprogramm, etwa der Deutsche Abend des Festivals, den unsere Blechbläser mit Marschmusik glänzend gerettet haben. Dieser Abend dauerte für Unentwegte bis in die Morgendämmerung, als die damals schwenkbare Galatabrücke auf Wasserverkehr gestellt war und man das Europäische Ufer von Galata aus nur per Fischerboot erreichen konnte. Das taten wir, um zu frühstücken. Und was gab's beim ersten geöffneten Bäcker Exotisches? Zwiebelkuchen! Auch unsere Gastauftritte im Deutschen Generalkonsulat, einer Prunkvilla aus Kaiser Wilhelms Zeiten am Goldenen Horn haben manchen von uns nachhaltig beeindruckt als erste Berührung mit der hohen Diplomatie. Das eine mal hatten die honorigen Gäste, die geladen waren um uns zuzuhören, das ganze kalte Büffet leergeputzt, solange wir Musiker nach dem Konzert noch unsere Instrumente einpackten. Allahs Wille! Istanbul 1964 Konzert im Generalkonsulat Foto: Klaus Conrad

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